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Beschreibung

Bei der sexuellen Belästigung geht es nicht um Begehren, sondern um Macht. Anfang des Jahres 2013 ging ein Aufschrei durchs Land, ausgelöst von einem Stern-Artikel über den FDP-Politiker Rainer Brüderle. Die Empörung hat seither nicht nachgelassen. Empörung über die sexuelle Belästigung von Frauen im Beruf, die kein Einzelfall ist, sondern ein Massenphänomen: Zwei von drei Frauen sind schon mal belästigt worden, wie Studien belegen.In diesem Buch geht es um die Gegenwehr von Frauen, und auch um das, was sie schon erreicht haben. So erzählt die Aufschrei-Initiatorin Anne Wizorek, wie sie den Internet-Aufstand angezettelt hat, eine Gewerkschafterin redet Tacheles, und ein Blick über die Grenzen zeigt: Es geht auch anders, besser. Dieser von Alice Schwarzer herausgegebene EMMA/KiWi-Band vereint Texte von heute und aus den 70er und 80er Jahren, die beklemmend aktuell sind.

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Seitenzahl: 182

Veröffentlichungsjahr: 2013

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AUTORiNNEN u.a.: Susan Brownmiller | Susan Faludi | Petra Gehring | Christiane Heil | Ursula Kosser | Mikael Krogerus | Ursula von der Leyen | Chantan Louis | Anne Wizorek

Es reicht!

Gegen Sexismus im Beruf

Alice Schwarzer Hg.

Kurzübersicht

Buch lesen

Titelseite

Über Alice Schwarzer

Über dieses Buch

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Hinweise zur Darstellung dieses E-Books

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Über Alice Schwarzer

Alice Schwarzer, geboren 1942, Journalistin und Essayistin, ist seit 1971 eine der erfolgreichsten Buchautorinnen in Deutschland. Ihre Bücher sind in zahlreiche Sprachen übersetzt. Seit 1977 Verlegerin und Herausgeberin von EMMA. Mitglied des PEN-Clubs. Alice Schwarzer ist auch die Herausgeberin dieses vierten EMMA/KiWi-Bandes. (Der letzte war der Bestseller »Die große Verschleierung«.) Sie hat für »Es reicht!« exklusive sowie in EMMA erschienene Texte zusammengestellt. Schwarzer hat sich in die aktuelle Sexismus-Debatte viel beachtet eingemischt, u. a. in einer TV-Talkshow mit Günther Jauch.

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Über dieses Buch

Anfang des Jahres ging ein Aufschrei durchs Land, ausgelöst von einem Stern-Artikel über den FDP-Politiker Rainer Brüderle. Die Empörung hat seither nicht nachgelassen. Empörung über die sexuelle Belästigung von Frauen im Beruf, die kein Einzelfall ist, sondern ein Massenphänomen: Zwei von drei Frauen sind schon mal belästigt worden, wie Studien belegen. In diesem Buch geht es um die Gegenwehr von Frauen und auch um das, was sie schon erreicht haben. So erzählt die #aufschrei-Initiatorin Anne Wizorek, wie sie den Internet- Aufstand angezettelt hat, eine Gewerkschafterin redet Tacheles, Arbeitsministerin von der Leyen findet die amerikanische »political correctness« gut. Und ein Blick über die Grenzen zeigt: Es geht auch anders, besser. Dieser von Alice Schwarzer herausgegebene EMMA/KiWi-Band vereint Texte von heute und aus den 70er/80er Jahren, die beklemmend aktuell sind.

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Impressum

Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co. KGBahnhofsvorplatz 150667 Köln

© 2013, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln

© der einzelnen Texte EMMA Verlag

Covergestaltung: Barbara Thoben, Köln

 

ISBN978-3-462-30711-5

 

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt. Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen der Inhalte kommen. Jede unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt.

 

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Die Zweite Welle

Wie es angefangen hat

Die Ehre der Putzfrau

Die Motive der #Aufschrei-Initiatorin

Wir jungen Frauen in der Falle

Warum wir Sexy sein wollen

Die Wut der Zimmermädchen

Der Fall Strauss-Kahn

Der Zorn der Gewerkschafterin

Die Bonner Republik

Political Correctness in Amerika?

Der Blick eines Schweden auf Deutschland

Keine Frage der Moral

Political Correctness

Die Erste Welle

Der Beginn in Deutschland

Der Fall Hill/Thomas

Bei der Polizei

Bei der Bundeswehr

Kadettin Shannon Faulkner

Die Chronik 1972-2013

Der Protest und seine Folgen

Die Autorinnen

Foto: Bettina Flitner

Vorwort

von Alice Schwarzer

!Wir standen nach der Talkshow noch auf ein Glas Wein zusammen. Und ich machte die jüngeren Frauen in der Runde darauf aufmerksam, dass es so eine Protestwelle wie nach dem Brüderle-Eklat gegen sexuelle Belästigung im Beruf schon einmal gegeben habe: in den 1970er/1980er Jahren. Ob sie sich darüber nicht mal informieren wollten, um darauf aufbauen zu können? »Klar«, strahlte da die eine. »Das könnten wir bestimmt gut gebrauchen. Kannst du uns da nicht mal was zusammenstellen, Alice?«

Ich schluckte. Mal was zusammenstellen …? Aber dann konnte ich der Versuchung doch nicht widerstehen, die so aufschlussreiche wie hilfreiche Geschichte zusammenzutragen – und gleichzeitig die klarsichtigsten AutorInnen und mutigsten Protagonistinnen von heute in diesen Sammelband mit aufzunehmen. Hier also sind sie: von der Bloggerin über die Putzfrau und das Zimmermädchen bis hin zu den Polizistinnen und Soldatinnen bzw. der Gewerkschafterin und Ministerin; von Deutschland und Amerika bis Schweden; von 1972 bis zum Jahr 2013.

Bei der Lektüre wird rasch klar: Das Problem sind nicht individuelle Ausrutscher einzelner Unverbesserlicher, das Problem ist struktureller Natur. Denn es geht hier nicht um Sex, es geht um Macht. Um Machterhalt. In einer weiterhin männerdominierten Gesellschaft gibt es gerade in Zeiten des Umbruchs noch zu viele Männer, die sich mit der zunehmenden Präsenz von Frauen auch im Beruf und in der Öffentlichkeit nur schwer abfinden können. Sie bekämpfen diese Frauen – Kolleginnen, Untergebene, Chefinnen –, indem sie versuchen, sie durch sexuelle Belästigung als Objekt zu stigmatisieren und als Subjekt zu ignorieren. Auffallend ist, was bereits Studien vor zehn Jahren belegten: 60 Prozent aller Frauen waren in Deutschland schon Opfer sexueller Belästigung, wo auch immer. Und die Übergriffigkeit im Beruf und durch gleichrangige Kollegen scheint zuzunehmen. Was nicht verwunderlich wäre. Sind doch sie die ersten, die von der weiblichen Konkurrenz bedroht werden.

Wobei der deutsche Begriff »sexuelle Belästigung« verharmlosend ist, das amerikanische »sexual harassment« (sexuelle Bedrohung) trifft es präziser. So eine Belästigung könnte frau ja noch wegstecken, aber das Bedrängen, Beleidigen, Erniedrigen, Betatschen bis hin zum körperlichen Überfall, ja zur Vergewaltigung – das ist mehr als eine »Belästigung«. Sehr viel mehr.

In der deutschen Debatte wurden nach dem Fall Brüderle – dem im Stern veröffentlichten Porträt des Spitzenpolitikers, das alles ausgelöst hat – wieder Stimmen laut, die eine Moralisierung und Hysterie der Debatte beklagten. Da dürfe man ja als Mann wohl keine Frau mehr ansehen, geschweige denn ihr ein Kompliment machen, hieß es. Bundespräsident Gauck klagte gar über einen »Tugendfuror«. Und der FDP-Politiker Wolfgang Kubicki verstieg sich dazu zu verkünden, er werde von nun an keinem weiblichen Journalisten mehr ein Interview an heiklem Ort geben (wie im Auto oder an der Bar), denn sonst könnte man ja gleich wieder behaupten … Berufsverbot für politische Journalistinnen, damit die Brüderles dieser Welt nicht ausrasten?

Natürlich wissen in Wahrheit alle, worum es geht. Ein Flirt ist etwas eindeutig anderes als sexuelle Belästigung. Das weiß jede Frau. Und das könnte auch jeder Mann wissen, so er nur will. Ein Flirt ist gegenseitig und auf Augenhöhe. Die sexuelle Belästigung ist einseitig und herablassend. Doch sollte es tatsächlich immer noch diesen oder jenen Mann geben, dem es schwerfällt zu unterscheiden, habe ich einen ganz einfachen Tipp: Stellen Sie sich die Situation einfach mal umgekehrt vor. Dass zum Beispiel eine ältere Politikerin mit einem jungen Journalisten über Slipgrößen und Jeansmarken scherzt und darüber, was er wohl wie alles so ausfüllen könnte (so wie Brüderle mit Himmelreich über Körbchengrößen). Schockierend? Aber klar doch.

Kurzum: Sexuelle Belästigung hat rein gar nichts mit einem echten erotischen Interesse zu tun, sondern ist ausschließlich eine herablassende Machtdemonstration. Sie will dem Gegenüber zeigen, dass es eben keines ist, sondern ein Darunter.

Auch internationale Statistiken belegen, dass zwei von drei Frauen solcherlei Erfahrungen schon am eigenen Leibe machen mussten. Was nicht wirklich überrascht. Denn Sexualität und Gewalt waren über Jahrtausende untrennbar miteinander verbunden. Frauen waren Besitz von Männern und hatten zur Verfügung zu stehen, in jeder Beziehung. Das begann sich erst in den 1970er Jahren zu ändern. Dank der Frauenbewegung. Das Gesetz, das endlich auch in Deutschland sexuelle Gewalt gegen die eigene Ehefrau unter Strafe gestellt hat, ist erst 16 Jahre alt. Zur Verabschiedung war, nach jahrzehntelangen vergeblichen Debatten, ein Schulterschluss der Politikerinnen aller Parteien nötig, von rechts bis links.

Die sexuelle Belästigung im Beruf wird in Deutschland juristisch seit 1994 geahndet. Theoretisch zumindest. Übrigens dank einer Initiative der damaligen Frauenministerin – namens Angela Merkel. Sie hatte mit viel Engagement das »Beschäftigtenschutzgesetz« eingebracht und dafür so richtig Dresche gekriegt von den Medien. Ein Kübel von Hohn und Spott wurde über »Kohls Mädchen« ausgegossen (Bild: »Würden Sie diese Frau anstellen?« – mit einem sie lächerlich machenden Foto). Hat Merkel damals die Lektion begriffen und schweigt sich deshalb als Kanzlerin so aus zu Frauenfragen? (Auch das noch … Das hätte ihr gerade noch gefehlt!)

Eine weder von direkter Gewalt noch von gönnerhafter Galanterie geprägte nicht-hierarchische Sexualität, also das einvernehmliche Begehren, ist eine relativ neue Erfindung. Erotik auf Augenhöhe wird von SexualforscherInnen auf breiter Basis erst seit etwa einem Vierteljahrhundert registriert – also seit die Impulse der Gleichheit der Geschlechter in den Herzen und Betten angekommen sind.

Das ist neu. Und gewöhnungsbedürftig. Und noch lange kein gesichertes Terrain. Genauso wenig wie die Präsenz von Frauen im Beruf. Doch jetzt sind sie angekommen, die Frauen. In den Schulen schreiben sie bessere Noten und an den Universitäten machen sie bessere Abschlüsse; sie drängen in Aufsichtsräte und Kabinette, ja, sind in Deutschland sogar Kanzlerin. Das ist nicht immer nur schön für die Männer. Die müssen lieb gewordene Privilegien aufgeben und Posten räumen.

Eine zum Glück stetig wachsende Minderheit von Männern allerdings macht das Beste draus und erobert nun ihrerseits das Familienterrain. Auffallend ist in der aktuellen Sexismus-Debatte, wie viele Männer inzwischen aufseiten der empörten Frauen stehen.

Gleichzeitig aber wächst der Widerstand. Denn wo Fortschritt ist, ist immer auch Rückschritt. Und dieser Widerstand scheint innerhalb der westlichen Welt eine Zentrale in Deutschland zu haben. Ich behaupte mal: Außer in Italien hätte man – oder auch frau – in keinem anderen aufgeklärten Land ungestraft öffentlich so joviale Herrenwitze reißen können, wie wir sie in den vergangenen Monaten zu hören bekamen.

Deutschland ist im Jahr 2013 nicht nur die europäische Drehscheibe für Prostitution und Frauenhandel, sondern auch das Land des Herrenwitzes. Vielleicht hängt das ja auch irgendwie zusammen?

70 Prozent aller Frauen in Deutschland sind heute berufstätig (davon knapp jede zweite allerdings in Teilzeit). Diese Frauen arbeiten in drei Sparten: 1. in den sogenannten Lächelberufen (von der Verkäuferin über das Zimmermädchen bis zur Stewardess), 2. in den Malocherberufen (von der Kantinenmitarbeiterin bis zur Putzfrau), 3. in den Männerberufen (von der Polizistin bis zur Journalistin).

Die Frauen in den Malocherberufen riskieren vermutlich noch die relativ geringsten Belästigungen. Sie sind in der Regel nicht »nett« genug. Die Frauen in den Lächelberufen sind zur Anmache prädestiniert, ja, werden in den Augen mancher Männer doch dafür bezahlt. Und die Frauen in den Männerberufen? Die sind das wohl härteste Kapitel.

Nicht nur aus Studien im amerikanischen Militär wissen wir, dass sexuelle Demütigung und Gewalt in den Kasernen zum klassischen Macho-Repertoire gehören. Ziel: das Eindringen von Frauen in Männerdomänen bzw. das Aufweichen der homophilen Männerbünde und die weibliche Konkurrenz zu verhindern. Das kann weit gehen. Im Extremfall bis zur Vergewaltigung oder gar Mord.

Wie aber sieht es in den Medien aus? Das Besondere an diesem Beruf ist, dass wir Journalistinnen einerseits in ein männerdominiertes Terrain eingedrungen sind, andererseits aber gleichzeitig gerade unsere sozial so gut trainierten sogenannten weiblichen Fähigkeiten – wie Einfühlungsvermögen in Menschen, Diskretion bei der Recherche etc. – bestens gebrauchen können. Ebenfalls ist es keineswegs immer auszuschließen, dass eine Journalistin selbst auf die Karte »weibliche Attraktivität« setzt, wenn sie mehr rauskriegen will als der Kollege.

Und genau dieser Widerspruch ist heute auch die Krux der so gerne zitierten »jungen Frauen«. Man hat ihnen weisgemacht, es gäbe keine Probleme mehr. Hauptsache, sie seien so qualifiziert wie die Männer – aber, Achtung: blieben dabei dennoch ganz Frau. Was immer das heißen mag. Auf jeden Fall heißt es: nicht so eine frustrierte, männerhassende Emanze sein wie Muttern, sondern trotz IQ und Diplom einen kurzen Rock tragen, High Heels und immer ein Lächeln auf den Lippen. Wir neuen Frauen sind so frei.

Zu schön, wenn es wahr gewesen wäre. So aber wagten die neuen Frauen diese Gratwanderung – und fielen in den Augen gewisser Männer prompt wieder ins alte Raster: weiblich gleich gefügig.

Die 19-jährige amerikanische Bloggerin Julie Zeilinger, die noch aufs College geht, erklärte gegenüber dem Kölner Stadt-Anzeiger: »Meine Generation ist mit der Idee aufgewachsen, Sexismus gäbe es seit Jahrzehnten nicht mehr. In den Medien und in der Popkultur heißt es: Wir befinden uns im Post-Feminismus. Aber der Sexismus existiert doch! Als sexuelle Belästigung auf der Straße oder als erniedrigender Kommentar wie der des deutschen Politikers« (Anm.d.Autorin: Brüderle).

Stern-Autorin Himmelreich sah das genau so und hat etwas Ungeheuerliches getan: Sie hat die Anmache weder belächelt noch weggesteckt, sondern ernst genommen; hat nicht schon vor Jahresfrist einen spitzen Schrei ausgestoßen und sich beklagt, dieser Herr Brüderle habe sie obszön angebaggert. Im Gegenteil: Sie hat einfach weiterrecherchiert, beobachtet und im passenden Moment – als Brüderle aktuell wurde – die Erfahrung, dass dieser Mann anscheinend ein notorischer Frauenanbaggerer auf Stammtischniveau ist, als einen Faktor von mehreren in ihrem Porträt verarbeitet. Und genau das war der Skandal! Dass ein Mann eine herablassende, sexistische Umgangsweise mit Frauen hat, das zählt plötzlich als Negativkriterium in einem Politikerporträt. Seit Veröffentlichung des Stern-Artikels »Der Herrenwitz« ist klar: Dieser neue alte Spitzenkandidat der FDP ist ein Mann von gestern.

In Amerika hätte so ein Mann gar nicht mehr Spitzenkandidat werden können. »Sexual harassment« im Beruf ist dort seit den 1970er Jahren ein ernst genommenes Thema. In Deutschland ist es seit den 1980er Jahren im Gespräch (EMMA brachte die erste große Geschichte über sexuelle Belästigung im Dezember 1980). Doch die zu Recht empörten jungen Frauen fangen heute trotzdem wieder von vorne an. Die früheren Kämpfe und Siege scheinen vergessen. Was der systematisch erzeugten Geschichtslosigkeit der Frauen zu verdanken ist, also der Spaltung der Generationen.

Auch dazu will dieses Buch beitragen: zur Überwindung dieser immer wieder vor allem von gewissen Medien beschworenen Spaltung und zum Bewusstsein unserer eigenen Geschichte. Denn auf sie können wir stolz sein. Wir haben schon viel erreicht. Wir müssen es nur wissen – und weitergehen.

Köln, im März 2013

Die Zweite Welle

Wie es angefangen hat

von Chantal Louis

!Fast 40 Jahre nach dem ersten Aufschrei der Frauen gegen die sexuelle Belästigung im Beruf ertönt der zweite: diesmal auch im World Wide Web. Ein Überblick über den Kampf von Frauen.

Für die meisten von ihnen war es in dieser Nacht ihr erstes Mal. Es war nicht wirklich schön. Aber es war trotzdem befreiend. »Die Typen, die dir in den Ausschnitt glotzen, während du dich mit ihnen unterhältst.« – »Graue Masse an Typen, die dafür gesorgt haben, dass ich nachts nie ohne Pfefferspray in der Hand durch dunkle Straßen laufe.« – »All die dummen Sprüche und ekligen Blicke, an die frau sich gar nicht mehr erinnert, weil sie die einfach immer verdrängt hat.«

Die Frauen, die in der Nacht zum 25. Januar 2013 unter dem Hashtag #aufschrei ihre Erfahrungen mit sexistischen Übergriffen twitterten, haben einen Rekord aufgestellt. Noch nie in der Geschichte von Twitter haben sich in Deutschland unter einem Hashtag, also zu einem Stichwort, so viele Menschen zu Wort gemeldet. Als die Initiatorin von #aufschrei, Anne Wizorek, am nächsten Morgen aufwachte und ihren Computer anwarf, waren es schon Tausende von Tweets. Warum waren die getwitterten Aufschreie über Erlebnisse, die offensichtlich zum Alltag von Frauen gehören, derartig durch die Decke geknallt?

Sie sei geschockt gewesen von der Debatte um Brüderle. Darum habe sie »zum ersten Mal so offen über ihre Erfahrungen mit Sexismus gesprochen«, sagt Anne Wizorek. Das muss man sich mal vorstellen. Eine 29-jährige Netzaktivistin, die alltäglich über Feminismus bloggt und sich seit Jahren auf der Blogger-Konferenz re:publica für mehr weibliche Redner starkmacht, hat über ihre ganz persönlichen Alltagserlebnisse mit sexistischen Übergriffen bisher geschwiegen. Wie Tausende andere junge Frauen auch. Und wie auch die Journalistinnen, die in ihren Blättern apropos Brüderle erstmalig über Sexismus zu berichten wussten, mit dem auch sie selbst zu kämpfen haben.

So manche erfahrene Kollegin bestätigt auch Laura Himmelreich in ihrer Beschreibung des FDP-Spitzenkandidaten, der sich im »Zustand der Dauererotisierung« befinde. So die ehemalige ARD-Hauptstadtstudio-Korrespondentin Hanni Hüsch: »Rainer Brüderle hatte bei uns durchaus den Ruf, dass es nicht schicklich ist, mit ihm in einem Zimmer alleine zu sein – und dass er schon ganz gerne auch mal verbal übergriffig sein konnte.« Auch ihre Kollegin Gesine Enwaldt berichtet von einer Begegnung mit Brüderle, »wo es von seiner Seite aus nur noch um Anmache ging«.

Aber da war die Sache längst über den FDP-Macho hinausgewachsen. Bereits eine Woche vor Himmelreich hatte Spiegel-Autorin Annett Meiritz, die über die Piraten berichtet, offenbart, wie ihr die Jungs der Post-Gender-Partei eine Affäre mit einem Informanten andichteten – und sie sodann in ihren Netzwerken als »Prostituierte« diffamierten. Bei dieser Gelegenheit hatte Meiritz gleich noch ein paar andere typische Vorfälle aus dem Leben einer Politjournalistin zum Besten gegeben. Zu feste Taillengriffe, zu vertrauliche SMS, zu tiefe Blicke. Ihr Fazit: »Sexismus gehört immer noch zum politischen Betrieb, bei den Profiparteien schwingt er mit, bei den Piraten springt er einem ins Gesicht.« Da konnte die Journalistin noch nicht wissen, dass sich eine gute Woche später die ganze Republik die Köpfe über genau diesen Sexismus heißreden würde. ›Ist dir so was auch schon passiert?‹, lautete vermutlich eine der meistgestellten Fragen an Frauen in der vergangenen Woche«, schrieb Tina Hildebrandt in der Zeit und gab die Antwort: »Jeden Tag, jede Woche, seit ich denken kann, lautete häufig, allzu häufig die Antwort: Ja. Ein Blick auf den Busen, ein Spruch, eine Hand zwischen den Beinen, ein ein- bis mehrdeutiges Angebot – für einen Teil des Landes gehört Belästigung in den unterschiedlichsten Ausprägungen zum Alltag.«

Auch Männer meldeten sich zu Wort, und zwar auffallend viele solidarische wie Christoph Twickel, der auf Spiegel Online fragte: »Ist es nicht erschütternd, wie untot in dieser Republik Geschlechterkategorien sind, die man historisch den Fünfzigern oder Sechzigern zugeordnet hätte?« Der 46-Jährige konstatierte eine »Blitzrenaissance des Feminismus« und stellte fest: »Es sind die Frauen einer Generation, die den politischen Feminismus der Siebziger und Achtziger allenfalls im Kindesalter haben erleben können, die sich anlässlich der Causa Brüderle politisch artikulieren – in dem Gefühl, den Old-Boys-Netzwerken wie eh und je unterlegen zu sein und gerade im Beruf permanent als attraktive Wesen sexualisiert und heruntergestuft zu werden.«

Der Damm war gebrochen. Die Erkenntnis, nicht die Einzige zu sein, es mit einem Massenphänomen zu tun zu haben, ist so erleichternd wie ermutigend. Die Kombination aus dem Fall Brüderle, den man noch als Einzelerfahrung einer genervten Journalistin hätte abtun können, und dem Massenaufschrei löste zu Beginn des Jahres einen Medienhype ungewöhnlichen Ausmaßes aus. Allein dreimal Lanz in einer Woche zum selben Thema – das haben weder Christian Wulff noch der Papst geschafft. Plus Jauch. Plus Will. Und so weiter.

»Den #aufschrei provoziert nicht der Flirt auf der Party, es geht um den Missbrauch von Macht«, schreibt Juliane, die zusammen mit Anne Wizorek den Blog »kleinerdrei.org« betreibt. »Dem Typen auf der Party kann ich folgenlos eine kleben, wenn er mir an den Hintern fasst oder ins Dekolleté schielt. Dem Arbeitskollegen oder gar dem Chef nicht. Beim #aufschrei geht es nicht um Flirts, sondern um Machtmissbrauch.«

Zum Beispiel diesen: »›Es wär gut, wenn du beim Pitch dabei wärst, dann hat der Kunde auch was fürs Auge‹, sagt mein Chef. Ich bin studentische Aushilfe, Mitte zwanzig. Ich beiße die Zähne zusammen und lächle, dabei will ich schreien. Aber wenn ich das mache, verliere ich meinen Job. Und das Zeugnis, das mir einen anderen verschaffen könnte.«

Deutschland hat nun eine neue Sexismus-Debatte. Erfreulich, dass wir dabei nicht wieder bei null anfangen müssen. Es ist knapp vierzig Jahre her, dass eine Gruppe junger Studentinnen an der Cornell-Universität in Ithaca/New York das gleiche Erweckungserlebnis hatte wie die #aufschrei-Frauen anno 2013. Nicht im Netz, das gab es noch nicht, sondern im kleinen Gesprächskreis, einer der sogenannten Consciousness-Raising-Gruppen, die zu Urzellen der Frauenbewegung wurden. Die Feministinnen der »Women’s Lib« hatten zunächst für »die Frauen« Demos und Sit-ins organisiert, das Recht auf Abtreibung oder gleichen Lohn für gleiche Arbeit gefordert – und merkten dann sehr rasch, dass auch sie selbst Probleme hatten. Also setzten sie sich hinter geschlossene Türen und redeten über sich.

In Deutschland hießen diese Treffen »Selbsterfahrungsgruppe«, in Frankreich »Groupe de Conscience«, in den USA »Consciousness-raising group«. Es ging, wie der Name schon sagt, darum, im gemeinsamen Gespräch das eigene »Bewusstsein« zu wecken.

In einer dieser Gruppen ging es 1975 an der Universität von Ithaca um sexistische Übergriffe. Eine Frau nach der anderen berichtete von den demütigenden Sprüchen, den unerwünschten Berührungen, den sexuellen Erpressungen. Allmählich wurde klar: Fast jede hat es schon erlebt.

Auch damals hatte ein Fall als Katalysator gewirkt: Carmita Wood, die als Assistentin eines Mediziners an der Uni gearbeitet hatte, hatte nach Monaten der sexuellen Belästigung durch ihren Chef schließlich resigniert gekündigt. Das Fass zum Überlaufen brachte die Tatsache, dass man ihr nun das Arbeitslosengeld verweigerte. Sie habe ihren Job schließlich »aus persönlichen Gründen« aufgegeben.

Es reicht! Die Studentinnen gründen die Gruppe »Working Women United« (Vereinigte berufstätige Frauen) und fordern Frauen im ganzen Land auf, ihre Erfahrungen mit dem Problem auszusprechen, für das sie bis jetzt noch gar kein Wort gehabt hatten. Susan Brownmiller, die Autorin des Klassikers »Gegen unseren Willen«, lässt in ihrem Buch »In Our Time. Memoir of a Revolution« eine der Ithaca-Aktivistinnen erzählen: »Acht von uns saßen in einem Büro und brainstormten darüber, was wir auf die Plakate für unser Speak-out schreiben sollten. Wir dachten an ›sexuelle Einschüchterung‹, ›sexuelle Nötigung‹ oder ›sexuelle Ausbeutung im Job‹. Aber keiner dieser Begriffe schien der richtige zu sein. Wir wollten ein Wort, das die ganze Spanne andauernder Übergriffe – von subtil bis offen – ausdrückte. Da schlug eine vor: ›sexual harassment‹. Wir waren sofort einverstanden. Das traf es.«

Das englische »harassment« bedeutet viel mehr als die deutsche »Belästigung«. »To harass« heißt: jemanden attackieren, bedrohen, beunruhigen, drangsalieren, quälen, schikanieren. »Indem die Frauen von Ithaca dem Phänomen einen Namen gaben«, schreibt Brownmiller, »veränderten sie die Wahrnehmung einer schwerwiegenden Diskriminierung im Job, die bis dato belächelt, trivialisiert und ignoriert worden war.«

Die Frauen von Ithaca treten mit ihrem Aufruf eine Lawine los. Es startet der Aufschrei 1.0.

Massenhaft Frauen melden sich, die ihre Erlebnisse mit sexueller Belästigung schildern. Die US-Frauenzeitschrift Redbook befragt ihre Leserinnen. Resultat: Von 9.000 Befragten haben 90 Prozent sexuelle Übergriffe am Arbeitsplatz erlebt. Jetzt greifen die amerikanischen Medien das Thema auf: vom Wall Street Journal bis zur New York Times, die titelt: »Women begin to speak out against sexual harassment at work«.