Es war ein Spiel und wurde bitterer Ernst - Karin Bucha - E-Book

Es war ein Spiel und wurde bitterer Ernst E-Book

Karin Bucha

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Beschreibung

Karin Bucha ist eine der erfolgreichsten Volksschriftstellerinnen und hat sich mit ihren ergreifenden Schicksalsromanen in die Herzen von Millionen LeserInnen geschrieben. Dabei stand für diese großartige Schriftstellerin die Sehnsucht nach einer heilen Welt, nach Fürsorge, Kinderglück und Mutterliebe stets im Mittelpunkt. Karin Bucha Classic ist eine spannende, einfühlsame geschilderte Liebesromanserie, die in dieser Art ihresgleichen sucht. Professor Weinreich steht am Fenster und starrt mit ernster Miene über den blühenden Klinikgarten, ohne etwas von dessen Schönheit zu sehen. Er hört nur die heisere Stimme seines Freundes Theo Berthold. »Sag mir die Wahrheit, Rudolf, die volle Wahrheit! Wie lange hat meine Tochter Gesina noch zu leben?« In Weinreichs Gesicht zuckt es. Er zwingt sich gewaltsam zur Ruhe. Langsam dreht er sich um und geht auf den Freund zu. »Du willst also unbedingt die Wahrheit wissen?« »Ja, Rudolf, das will ich! Ich muß sie wissen! Die Ungewißheit macht mich krank.« Der Professor marschiert durch sein Zimmer. Immer hin und her. Abrupt bleibt er vor dem Freund stehen, vor dem erfolgreichen Mann, dem Großindustriellen. »Gut! Du sollst es erfahren: Ich gebe Gesina höchstens noch ein Jahr. Derselben Meinung sind noch andere Kapazitäten. Du weißt, daß wir alles getan haben.« »Ich weiß, ich weiß«, bestätigt Berthold verzweifelt.

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Seitenzahl: 173

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Karin Bucha Classic – 60 –Es war ein Spiel und wurde bitterer Ernst

Karin Bucha

Professor Weinreich steht am Fenster und starrt mit ernster Miene über den blühenden Klinikgarten, ohne etwas von dessen Schönheit zu sehen. Er hört nur die heisere Stimme seines Freundes Theo Berthold.

»Sag mir die Wahrheit, Rudolf, die volle Wahrheit! Wie lange hat meine Tochter Gesina noch zu leben?«

In Weinreichs Gesicht zuckt es. Er zwingt sich gewaltsam zur Ruhe. Langsam dreht er sich um und geht auf den Freund zu.

»Du willst also unbedingt die Wahrheit wissen?«

»Ja, Rudolf, das will ich! Ich muß sie wissen! Die Ungewißheit macht mich krank.«

Der Professor marschiert durch sein Zimmer. Immer hin und her. Abrupt bleibt er vor dem Freund stehen, vor dem erfolgreichen Mann, dem Großindustriellen.

»Gut! Du sollst es erfahren: Ich gebe Gesina höchstens noch ein Jahr. Derselben Meinung sind noch andere Kapazitäten. Du weißt, daß wir alles getan haben.«

»Ich weiß, ich weiß«, bestätigt Berthold verzweifelt.

»Einen guten Rat gebe ich dir, Theo«, spricht der Professor begütigend weiter. »Mach deiner Tochter dieses Jahr so schön wie möglich. Erfülle ihr jeden Wunsch – und mag er noch so ausgefallen sein. Mach dich frei von deinen Geschäften und zeige deiner Gesina etwas von der Welt. Bisher war sie nur Repräsentantin deines Hauses, außer der Zeit, die sie im Internat verbracht hat. Sie ist ein so liebenswertes, bescheidenes und lebensfrohes Menschenkind. Sie wird dir von Herzen dankbar sein, wenn du plötzlich Zeit für sie hast.«

»Meinst du?« kommt es zögernd zurück.

»Ja, das ist meine aufrichtige Meinung. Es gibt kaum einen Menschen, der deine Tochter nicht liebt. Sie hat nicht die Allüren eines Millionärs­töchterchens, sie ist bescheiden, natürlich und ohne Dünkel. Es ist ein Jammer um Gesina. Mir tut es unendlich leid, wie sehr, vermag ich gar nicht zu sagen.«

Im selben Augenblick klopft es und Gesina Berthold steckt den Kopf zur Tür herein.

»Haben die Herren mich ganz vergessen? Langsam schlage ich hier Wurzeln.«

Lachend kommt sie näher.

Sie ist ein ausgesprochen schönes Mädchen. Wunderbar gewachsen, nur nicht sehr vorteilhaft gekleidet. Alle Garderobe sucht ihr die langjährige Hausdame und mütterliche Freundin Berthe aus. Und Gesina ist zufrieden dabei. Sie hat blau­schwarzes Haar, das ihr bis auf die Schultern fällt, und graugrüne Augen, die einen seltsamen Kontrast zu dem Schwarz ihres Haares bilden.

Als Theo Berthold seine Gesina so strahlend vor sich sieht, geht ein tiefer Schmerz durch sein Herz. So viel blühende Jugend soll den Todeskeim in sich tragen. In diesem Augenblick ist er entschlossen, alles für Gesina zu tun, damit sie noch ein glückliches Jahr verbringen kann.

»Was hattet ihr denn so Wichtiges zu besprechen?«

Professor Weinreich findet sofort eine Ausrede.

»Weißt du, Kind, ich habe deinem Vater geraten, einmal ein Jahr auszuspannen. Seine Direktoren sind so tüchtig, sie werden auch ohne deinen Vater fertig. Er soll reisen, und du sollst ihn begleiten.«

Gesinas Augen werden vor Erstaunen kugelrund. Mit einem Jubelschrei fällt sie ihrem Vater um den Hals.

»Ist das dein Ernst, Papa? Willst du wirklich einmal ausspannen? Ach, ich freue mich wie verrückt! Und mich willst du mitnehmen? Paps, das kann ich doch gar nicht glauben. Ist das wirklich und wahrhaftig wahr?«

»Es ist mein fester Entschluß, Liebling!«

Da kann er sich kaum retten vor ihren Küssen. Aber auch Weinreich kommt nicht zu kurz. Er wird von ihr umarmt und auf die Wangen geküßt.

Gesina ist förmlich außer Rand und Band. Berthold und Weinreich wechseln hinter ihrem Rücken einen vielsagenden Blick. Sie verstehen sich auch ohne Worte. Und Berthold weiß, daß er sich richtig entschieden hat.

*

Berthe, die alte treue Seele, kann es kaum fassen, daß der Hausherr mit Gesina für ein Jahr auf Reisen geht. Sie ist von früh bis spät abends auf den Beinen, um alles vorzubereiten. Sie packt und packt, Sommersachen, warme Kleidung, und räumt aus den Schränken, was sie an Wäsche finden kann.

Gesina läßt sie gewähren. Sie weiß, Berthe meint es herzensgut mit ihr. Daß die Sachen nicht der letzte Modeschrei sind, weiß Gesina nicht einmal. Sie ist es nicht anders gewohnt, daß Berthe über sie bestimmt, und immer war sie zufrieden damit.

Einen Tag vor der Abreise läßt Berthold seine Tochter zu sich bitten.

»Bitte, nimm Platz, Kind«, sagt er zärtlich und rückt ihr einen bequemen Sessel zurecht. »Was willst du trinken?«

»Einen Fruchtsaft, Papa.«

Er geht zur Hausbar, füllt ein Glas und bringt es ihr. Dann läßt er sich neben ihr nieder.

»Hast du einen Wunsch, Papa?« fragt sie, da er sie zu so ungewohnter Zeit zu sich gebeten hat.

»Einen Wunsch nicht, Gesina. Ich wollte dir nur mitteilen, daß wir die Reise mit unserer Jacht machen. Wo es uns gefällt, da ankern wir. Du sollst unter jungen Menschen sein, sollst dich amüsieren und fröhlich sein. Ist dir das recht?«

»Aber ja, Papa! Alles, was du willst, ist mir angenehm«, sagt sie erfreut. Sie liebt die Luxusjacht, die alle Bequemlichkeiten bietet, und sie versteht sich auch ausgezeichnet mit der Mannschaft der Jacht, angefangen vom Kapitän bis zum Schiffsjungen.

Die beiden Hausmädchen dürfen Urlaub nehmen, wie es ihnen paßt. Auch Johann, der Diener, der gleichzeitig Chauffeur und Wagenpfleger ist, darf in Urlaub gehen.

Kapitän Steffens ist hoch erfreut, als er Gesina und Berthold begrüßt. Die Reiseroute ist ganz nach seinem Herzen. Viel zu lange hat er pausieren müssen.

Gesina sieht mit großen Augen um sich. Sie ist noch sehr wenig mit der Jacht gefahren. Es ist ihre erste große Fahrt, und sie freut sich unbändig darauf. Vor allem ist sie dankbar, täglich mit dem geliebten Vater zusammensein zu dürfen.

Sie strahlt so viel Liebe und Herzlichkeit aus, daß jeder von ihr begeistert ist und ihr die Wünsche von den Augen abliest.

Gesina hat eine Wohn- und eine Schlafkabine bezogen. Die Einrichtung ist aus Mahagoni. Die Schlafkabine ist in Seegrün gehalten. Theo Berthold hat ein Arbeitszimmer, denn er läßt sich regelmäßig die Berichte seiner Direktoren nachsenden, und eine Schlafkabine, alles zweckmäßig und ohne jeden Prunk, so wie seine ganze Art ist: schlicht und einfach. Für seine Gesina ist ihm allerdings nichts gut genug.

Neben Gesinas Schlafkabine ist ihr Bad und anschließend die Kabine ihrer Zofe Elke, die die Reise mitmacht und darüber natürlich fast aus dem Häuschen geraten ist. Sie ist ein liebes Ding mit braunen Locken und blauen, lachenden Augen.

Als sie gesehen hatte, was Berthe zum Einpacken zurechtlegte, hatte sie die Nase gerümpft. Wenn sie doch einmal ein offenes Wort mit dem gnädigen Fräulein hätte sprechen können; die Koffer wären mit anderer Garderobe gefüllt! Aber wegen Berthe wagte sie es nicht. Berthe war auch für sie Respektsperson.

Kurz vor dem Auslaufen der Jacht ist Professor Weinreich an Bord erschienen. In seiner Begleitung befindet sich eine Krankenschwester mittleren Alters, die einen reifen, mütterlichen Eindruck macht.

Berthold empfängt den Professor in seinem Arbeitszimmer.

»Hast du etwa die Absicht, die Reise mitzumachen?« fragte er lachend und begrüßt den Freund herzlich.

»Schön wäre es«, erwidert der Professor und stellt die Schwester vor: »Schwester Ellen.«

Sie nahmen Platz, und sofort wendet sich der Professor an den Freund: »Etwas sehr Wichtiges habe ich vergessen, Theo. Ich halte es für dringend notwendig, daß du eine Schwester für Gesina mit auf die Fahrt nimmst. Es muß unbedingt eine geschulte Person um sie sein. Ich wäre bereit, dir Schwester Ellen mitzugeben, obgleich ich sie ungern entbehre. Aber sie kennt die Krankheit deiner Tochter genau und sie weiß auch, daß sie über die wirkliche Situation zu schweigen hat. Gesina soll möglichst unbefangen bleiben.«

Berthold nickt und läßt seinen klaren Blick zwischen dem Freund und Schwester Ellen hin und her gleiten. Er findet sie sympathisch. Er schätzt auch ihre Zurückhaltung. Geschwätzige Menschen sind ihm ein Greuel.

»Selbstverständlich bin ich sehr gern damit einverstanden. Nur…« Er zögert, und der Professor beugt sich vor.

»Nur?«

»Müßte nicht Gesina die Entscheidung treffen? Sie soll nur Menschen um sich haben, die sie leiden mag, verstehst du, Rudolf?«

»Sehr gut sogar«, meint der Professor schmunzelnd. »Wollen wir Gesina herbitten?«

»Sofort!« Berthold drückt auf einen Knopf der Apparatur, die auf seinem Schreibtisch steht. »Bitten Sie meine Tochter zu mir!« sagt er bestimmt.

Schon nach wenigen Minuten erscheint Gesina.

»Tag, Onkel Rudolf. Willst du uns auf Wiedersehen sagen?«

Weinreich drückt ihr herzlich die Hand und weist dann auf Schwester Ellen.

»Hör mal, Kind«, erklärt er mit seiner sanften, wohltuenden Stimme, mit der er so beruhigend auf seine Patienten wirkt, »ich möchte dir Schwester Ellen vorstellen. Sie ist bereit, die Reise mit euch zu machen. Es geht dabei um dich, mein Kind. Du sollst nicht ohne ärztliche Betreuung bleiben. Du wirst viel mehr Freude an der Fahrt haben, wenn du jemanden neben dir weißt, der auf dich Obacht gibt. Sieh dir Schwester Ellen an. Gefällt sie dir, bin ich gern bereit, sie mit euch auf die Reise zu schicken.«

»Ja, aber ist das denn nötig, Onkel Rudolf?«

»Wenn du dich meinem ärztlichen Rat beugen willst – es ist richtig.«

Gesina blickte die Schwester mit Mißtrauen an, dann erhebt sie sich spontan.

»Darf ich Sie bitten, mir zu folgen, Schwester Ellen. Ich hätte mich gern etwas mit Ihnen unterhalten.«

Sofort erhebt sich die Schwester und folgt dem jungen Mädchen.

Theo Berthold blickt den Professor lächelnd an. »Merkst du was?«

»Ich ahne etwas«, sagt er und lächelt zurück. »Gesina wird Schwester Ellen genau unter die Lupe nehmen.«

Die beiden Freunde nehmen in der Zwischenzeit einen Drink.

»Du meinst also, wir sollten Schwester Ellen mitnehmen?« kommt Berthold auf den Grund des Besuches zurück.

»Eigentlich wäre es viel besser, einen Arzt dabeizuhaben. Einen tüchtigen Herzspezialisten.«

Berthold beugt sich vor. »Wüßtest du denn einen?«

Weinreich schüttelt den Kopf. Eine Weile bleibt er nachdenklich.

»Doch, einen wüßte ich. Ein Genie, einen Arzt, der zusammen mit Professor Hoffmann am hiesigen Krankenhaus die schwierigsten Herz­operationen vorgenommen hat. Leider darf er nicht mehr praktizieren. Da war eine ganz dumme Geschichte vorgefallen. Er besaß eine eigene Praxis, eine sehr gut gehende sogar, und arbeitete nebenbei noch zusammen mit Professor Hoffmann im Krankenhaus. Eines Tages kommt er von einer Party heim. Wenig später erhält er einen dringenden Anruf aus dem Krankenhaus. Eine besonders schwierige Operation steht bevor. Es geht um Leben und Tod. Professor Hoffmann ist zu einem Ärztekongreß und nicht zu erreichen. Der Arzt lehnt sofort ab. Aber es hilft ihm nichts. Er wird so lange bestürmt, bis er sich dann doch zu dieser Operation entschließt.

Er tut, was in seiner Macht liegt, doch die Frau stirbt. Nun war es die Gattin eines sehr einflußreichen Mannes. Ein großer Skandal entwickelt sich. Der Arzt kommt vor die Ärztekammer und wird ausgeschlossen. Dazu bekommt er natürlich Verbot, weiterhin zu praktizieren. Er verschwand über Nacht aus der Stadt, und keiner weiß, wo er sich aufhält. Von Haus aus wohlhabend, dazu mit einem enormen Einkommen, ging er auf Reisen…«

»Und wer ist dieser Arzt?« fällt Berthold ihm ins Wort.

»Das tut nichts zur Sache, da wir ihn sowieso nicht finden würden, weil keiner weiß, wo er steckt. Man hat nur allgemein sein Schicksal bedauert. Er war eine ungewöhnliche Begabung. Man spricht auch davon, es hätten verleumderische Aussagen eine Rolle gespielt.«

»Und wenn man eine Wiederaufnahme des Prozesses beantragen würde?«

»Dazu müßte man den Mann erst mal finden.«

»Schade, sehr schade!« bedauert Berthold. »Das Schicksal dieses Arztes ist ja erschütternd. Vielleicht hätte er Gesina sogar helfen können.«

»Du meinst, durch eine Opera­tion?« Der Professor schüttelt den Kopf. »Das glaube ich nicht. Er hätte aber deiner Tochter jedwede Erleichterung verschaffen können.«

»Kann man den Mann wirklich nirgends auftreiben? Er kann doch nicht einfach vom Erdboden verschwunden sein.«

»Man müßte sich ernstlich darum bemühen. Bisher hat das noch keiner getan. Man hat ihn inzwischen vergessen.«

»Kannst du nichts unternehmen?«

»Versuchen will ich es. Versprechen kann ich allerdings nichts, da ich keinerlei Anhaltspunkte habe.«

Mit diesen Worten erhebt sich der Professor, und gleichzeitig kehren auch Gesina und Schwester Ellen zurück. Gesina sieht glücklich aus. Sie wendet sich sofort an ihren Vater.

»Wenn du es erlaubst, Papa, möchte ich Schwester Ellen gern mit auf die Reise nehmen. Ich glaube, wir werden uns gut verstehen.«

»Mir ist es recht, Kind«, meint Berthold. Er lächelt der Schwester zu und reicht ihr die Hand. »Seien Sie uns herzlich willkommen.«

»Und wo ist Ihr Gepäck, Schwester Ellen?« erkundigt Gesina sich.

»Das habe ich bereits an Bord.«

Berthold lacht leise auf. »Sie haben wohl ganz bestimmt damit gerechnet, daß Sie bei uns bleiben?«

Schwester Ellen errötet. »Herr Professor war so zuversichtlich.«

»Kann ich mir denken!« sagt Berthold trocken.

Der Professor verabschiedet sich herzlich, wünscht gute Fahrt und verläßt die Jacht.

Wenig später legen sie ab.

Es ist ein grauer Novembertag. Doch mehr und mehr erkämpft sich die Sonne einen Weg durch die Wolken, als sie elbabwärts fahren. An der Mündung endlich hat sie es geschafft. Wie flüssiges Silber glänzt das Wasser in den wärmenden Strahlen.

Gesina steht an Deck, als sie das offene Meer erreichen. Der frische Wind spielt mit ihrem Haar.

*

Die Fahrt der Luxusjacht »Gesina« ist weiterhin vom günstigen Wetter begleitet. Strahlendblauer Himmel und das Meer von einer goldenen Sonne wie mit einem Teppich überzogen.

Die meiste Zeit verbringt Gesina mit Schwester Ellen auf dem Sonnendeck, windgeschützt, bequem gebettet und immer in eine interessante Unterhaltung mit der Schwester vertieft. Selten noch hat sie sich so prächtig mit jemandem verstanden wie mit dieser neuen Gefährtin. Es war Sympathie auf den ersten Blick.

Sehr oft gesellt sich auch Theo Berthold zu ihnen, und Gesina meint, noch nie so glücklich gewesen zu sein: das wunderbare Leben an Bord und dazu den Vater immer zu sehen, der doch sonst die wenigste Zeit ihr hatte widmen können. Wie oft hatte sie sich in den Schlaf geweint, manchmal sich sogar gefürchtet vor der Ruhe und Einsamkeit des großen prächtigen Hauses.

Das alles nun kommt Gesina vor, als läge es unendlich weit zurück. Sie erlebt jeden Tag mit vollem Bewußtsein und nimmt alles Schöne, das sich ihren Augen bietet, mit tiefer Dankbarkeit auf.

Manchmal lehnt sie neben ihrem Vater an der Reling, und mit Staunen stellt sie fest, daß er ihr aufmerksam zuhört und auf jeden ihrer Gedanken eingeht.

Theo Berthold ist es seltsam zumute. Wäre nicht das furchtbare Wissen um Gesinas Schicksal, er hätte in Gesellschaft seiner Tochter restlos glücklich sein können.

Manchmal hängt sein Blick mit einem verlorenen Ausdruck an ihrem reizenden, so überaus ausdrucksfähigen Antlitz. Fällt dann zufällig Gesinas Blick auf ihn, dann schaut sie erstaunt, mitunter auch erschrocken. Was hat er? fragt sie sich.

Berthold zwingt in diesen Situationen sofort ein harmloses Lächeln auf die Lippen.

Ich muß mich mehr in der Gewalt haben! weist er sich selbst zurecht. Niemals darf sie erfahren, wie es in Wirklichkeit um sie steht!

*

Als Thomas Stolzing den Weg zum Hafen einschlägt, steht er immer noch unter dem Eindruck der Szene, die Carla ihm, wie in letzter Zeit sehr häufig, gemacht hat. Ihre schrille Stimme klingt ihm noch in den Ohren.

Einmal hat es eine Zeit gegeben, da haben sie sich gut verstanden, ja, er glaubte sogar, sie zu lieben. Lächelnd hatte er zugesehen, wie ihr das Geld zwischen den Fingern wie Sand zerrann. Nach und nach mußte er dann erkennen, daß Carla nur sich selbst und sein Geld liebte.

Was für ein Leben! denkt er erbittert. Was für ein jämmerliches Leben! Ekel steigt in ihm auf. Wenn er ihr nun den Rest seines Geldes überläßt, sich von ihr trennt und irgendwo neu beginnt?

Er lacht rauh vor sich hin. Ein neues Leben beginnen – ist es dazu nicht viel zu spät für ihn? Kann er sich herausreißen aus dem Abenteuerleben? Hat das Gift des süßen Nichttuns sich nicht schon zu tief in ihn hineingefressen?

Dort, wo die Luxusjachten geankert haben, läßt er sich auf eine Kiste nieder und blickt hinaus auf das Meer. Über ihm der tiefblaue Himmel mit einer strahlenden Sonne, vor ihm die Schiffe der Millionäre.

Immer wieder nimmt ihn das lebhafte, bunte Bild gefangen.

Kaum ein Tag vergeht, da er nicht am Hafen sitzt, Fernweh im Herzen und eine Sehnsucht, der er keinen Namen zu geben vermag.

Diese Sehnsucht ist immer da, wenn er allein ist, wenn Carla nicht um ihn ist und er nicht am Spieltisch sitzt. Er sucht das Glück. Aber langsam ist ihm klargeworden, daß es auf dem Weg, den er eingeschlagen hat, niemals zu finden ist.

Warum kommt ihm die Erkenntnis erst jetzt, da er nicht mehr die Kraft hat, umzukehren?

Er legt die Hand über die Augen und blickt aufs Meer, das sich im glitzernden, flimmernden Sonnenlicht vor ihm ausdehnt. Er bemerkt die weiße, schnittige Jacht, die den Hafen anläuft. Aufmerksam beobachtet er das Landemanöver. Immer wieder fesselt es ihn aufs neue. Es ist eine der schönsten Jachten, die er je gesehen hat.

Wer mag der Besitzer sein? Auf jeden Fall ein erfolgreicher Mann, sinnt er.

Wenig später sieht er die Passagiere über die Gangway kommen. Drei Personen sind es. Eine ganz in Weiß gehüllte zierliche Frauengestalt in Begleitung einer Schwester und ein Mann im hellen Anzug.

Ein Straßenkreuzer nimmt die drei Menschen auf, und das Gepäck, das man an Land geschleppt hat, wird in ein Taxi verfrachtet.

Ohne Eile erhebt sich Thomas Stolzing wieder und schlägt den Weg zu seinem Hotel ein. Während er langsam den Berg hinansteigt, macht er sich Gedanken über die Ankömmlinge.

Am meisten gefesselt hat ihn die grazile junge Frau, die am Arm des älteren Mannes ging. Ob sie verheiratet sind? Oder war er der Vater?

In der Hotelhalle erwartet ihn Carla. Sie lehnt in einem der tiefen Sessel und blättert gelangweilt in einer Zeitschrift. Bei seinem Eintritt erhebt er sich und kommt auf ihn zu.

»Wo warst du?« fragt sie mit erregter Stimme.

Er zuckt mit den Schultern und geht an ihr vorüber der Freitreppe zu. Hartnäckig geht sie neben ihm her, wählt aber den Fahrstuhl, wäh­rend er die Treppe emporsteigt. Sie ist wütend. Er hat es auf den ersten Blick erkannt. Dabei hat er geglaubt, sie würde sich endlich beruhigt haben.

Sie bewohnen in dem Hotel, das zu den vornehmsten und teuersten der Stadt gehört, ein Appartement.

An der Tür erwartet sie ihn. Sie sieht ihm aus bösen Augen entgegen. Er schaut starr an ihr vorbei und folgt ihr ins Zimmer.

»Darf ich nicht mehr wissen, wo du deine Zeit verbringst?« fragt sie lauernd.

»Laß mich doch endlich mit dieser blöden Fragerei zufrieden!« stößt er hervor, legt sein Jackett ab und geht ins Badezimmer, um sich zu erfrischen.

Carlas Augen verengen sich. Sie nimmt aus einem Ebenholzkästchen eine Zigarette und wandert über den dicken Teppich.

Als er zurückkommt, stellt sie sich ihm in den Weg.

»Vergiß doch den Streit, Thomas!« sagt sie beherrscht. »Schön, wir sind pleite, das wissen wir. Nun müssen wir eben versuchen…«

»Den Rest meines Geldes noch zu verspielen«, vollendet er bitter.

»Warum sollen wir nicht einmal Glück haben?« wirft sie leicht hin. »Man kann es doch versuchen.«

»Weißt du, was wir sind?« Er sieht sie mit grimmigem Gesichtsausdruck an. »Hasardeure, Glücksritter, die von einem Tag zum anderen leben. Ach, mich ekelt das alles an!«

Sie nimmt einen tiefen Zug aus der Zigarette. Ihre Stimme klingt kalt.

»Du möchtest mich los sein, nicht wahr?«

Er dreht sich ihr zu und mißt sie mit einem langen Blick. Einmal war er verliebt in sie, geliebt hat er sie nie. Er war damals sehr allein und sie war anhänglich gewesen. Ob sie ihm auch treu war, interessierte ihn weniger. Daß ihr das Geld zwischen den Fingern zerrann, störte ihn kaum. Er hatte ja genug davon. Sie hatte das unstete Leben mit ihm geteilt, und niemals war ihm der Gedanke an eine Trennung gekommen. Auch jetzt nicht.

»Wie kommst du auf diesen Gedanken?« Seine hellen Augen mit dem durchdringenden Blick betrachten sie aufmerksam. »Habe ich dir einen Grund gegeben, daß du so denkst? Eher möchte ich sagen: Die Ratten verlassen das sinkende Schiff.«

»Darüber wollen wir nicht sprechen«, entfährt es ihr. »Du bist in letzter Zeit anders geworden. Was ist los mit dir?«

»Nichts«, sagt er kurz und geht an ihr vorbei auf den Balkon, von wo aus er einen wunderschönen Rundblick über den Hafen hat. Er sieht die weiße Jacht im Sonnenlicht blitzen, und er glaubt, die schlanke Frauengestalt im weißen Kostüm direkt vor sich zu sehen.

Er fährt leicht zusammen, als sich eine Hand auf seine Schulter legt.

»Wollen wir uns nicht wieder vertragen?« Carla ist lautlos neben ihn getreten. »Warum streiten wir uns eigentlich? Wir wissen doch beide, wie es um uns steht, Thomas. Laß uns nach dem Abendessen ins Casino fahren. Es könnte doch sein, daß wir heute Glück haben.«

»Meinetwegen«, sagt er lustlos und gibt wie immer nach.

*

»Oh, Papa, wie ist das schön hier!« Gesina hat die Arme um den Hals ihres Vaters gelegt und sieht ihn liebevoll an. »Hast du den Blumenschmuck bestellt?«