Es war einmal ... ... davor und danach -  - E-Book

Es war einmal ... ... davor und danach E-Book

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Beschreibung

Es war einmal ... ... ein Happy End. Aber sind Märchen immer zu Ende erzählt? Was geschah mit Mathieu, als er den geheimnisvollen Meerjungfrauen aus "Meerschaum" folgte? Wie geht es mit Pegg und Marie und ihren Schneegeistern weiter fernab von "Hollerbrunn"? Und wie lebt es sich eigentlich "Im Bann der zertanzten Schuhe" als Prinz in dem geheimnisvollen Nachtclub? Erfahrt, was Tamara aus "Träume voller Schatten" nach Oz zieht, was Graf Levente von Sonnfried zu seinen FOrschungen in "Myalig - gestohlenes Leben" antreibt, wie man in der vermüllten Welt von "Der tote Prinz" überleben kann - und vieles mehr. In zwölf Kurzgeschichten schlagen die Märchenspinner*innen eine neue Seite ihrer Adaptionen auf und verweben die Fäden von Zukunft und Vergangenheit zu neuen Abenteuern. Die Märchenspinnerei-Anthologie 2022.

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Seitenzahl: 229

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Es war einmal …

… davor und danach

Die Märchenspinnerei

Weitere Information über die Märchenspinnerei:

www.maerchenspinnerei.de

1. Auflage, Juni 2022

© Machandel Verlag, Märchenspinnerei

Herausgeberinnen: Christina Löw, Janna Ruth

Lektorat: Janna Ruth, Christina Löw, Laura Kier

Korrektorat: Susanne Eisele

Umschlaggestaltung: Anna Holub

Illustrationen im Buch: Anne Danck, Janna Ruth, Laura Kier, Andrea Hagenauer

Buchsatz: Laura Kier

Autor*innen: Rabea Blue, Susanne Eisele, Anna Holub, Laura Kier, Mira Lindorm, Christina Löw, Eva-Maria Obermann, Janna Ruth, Barbara Schinko, Sabrina Schuh, Tina Skupin, Katherina Ushachov

ISBN: 978-3-95959-347-2

Machandel Verlag

Charlotte Erpenbeck

49740 Haselünne

Für unsere Leser*innen,die Märchenbegeisterten,ohne die es die Märchenspinnerei nicht gäbe.

Vorwort

Und sie lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Ende.

Über 30 Bücher haben bereits in der Märchenspinnerei ihr Happy End erhalten. Ihre Geschichten wurden erzählt, das letzte Wort gesprochen, die Lesenden haben den Buchdeckel zufrieden zugeklappt (oder ihren E-Book-Reader ausgeschaltet).

Aber ist eine Geschichte wirklich jemals zu Ende? Wie geht es weiter, wenn die letzte Seite gelesen ist? Leben sie wirklich glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende? Und was ist mit den Figuren, die kein Happy End erhalten haben? Deren Geschichten noch vor ihnen liegen? Oder bereits hinter ihnen, obwohl sie nie erzählt wurden?

In dieser Anthologie spinnen die Autor*innen der Märchenspinnerei ihre Werke weiter. Sie enthält Vorgeschichten, Weitererzählungen und Spin-offs sowie das eine oder andere neue Märchen in einer bekannten Welt. Wenn ihr von den bisherigen Geschichten nicht genug bekommen konntet oder mal reinschnuppern wollt, ob sie vielleicht etwas für euch sind, dann liegt eine vielfältige Auswahl vor euch.

Für uns war es eine große Freude, ein weiteres Mal in unsere Geschichten einzutauchen und neue Geheimnisse in ihnen zu entdecken. Wenn ein Buch veröffentlicht ist, kommt schnell eine neue Geschichte, das nächste Projekt, ein weiteres Abenteuer. Teilweise liegen einige Jahre zwischen diesen Kurzgeschichten und ihren Ursprungsromanen und -novellen. Umso schöner war es, noch einmal zurückzukehren und eine neue Seite aufzuschlagen.

Diese Anthologie zusammenzustellen, war auch eine Rückkehr zu unserer ersten erfolgreichen Anthologie »Es war einmal … ganz anders«. Damals haben wir ganz neue Geschichten erzählt, diesmal sind die Kurzgeschichten mal mehr, mal weniger eng mit unseren Büchern verwoben. Ihnen allen wohnt jedoch der Zauber der Märchen inne, der auch uns als Gemeinschaft zusammenhält. Wir möchten an dieser Stelle allen danken, die eine Geschichte spendiert und bei der Entstehung dieser neuen Anthologie geholfen haben.

Vor allem aber möchten wir uns bei euch Leser*innen bedanken, denn dank eurer Begeisterung und Märchenliebe gibt es die Märchenspinnerei nun schon seit über fünf Jahren! Diese Geschichten sind für euch. Lasst uns zusammen in diese neuen Seiten unserer Märchenwelten eintauchen.

Eure Herausgeberinnen

Janna und Christina

Susanne Eisele

Max ohne Furcht

Spin-off zu »Das erste Lied«

Max strich sich ein paar dunkle Strähnen aus dem Gesicht, die sich aus dem Zopf an seinem Hinterkopf gelöst hatten, und betrachtete die Maschine. Die letzten Wochen war er als Techniker und Mischer mit Flo Circus, der Band seiner Kumpels, fast jedes Wochenende unterwegs gewesen, sodass ihm kaum Zeit geblieben war, an seinem Projekt weiterzuarbeiten. Seinem Perpetuum Mobile, die letzte wirklich große Herausforderung für alle Erfinder. Zugegeben, die Maschinenteile bewegten sich nicht vollständig von selbst. Sie benötigten einen Anfangsimpuls, aber dann liefen sie zumindest ziemlich lang. Auf jeden Fall schon deutlich effizienter als die letzte Maschine, die er gebaut hatte. Vielleicht kam er ja doch irgendwann hinter das Geheimnis.

Am unteren Ende der Maschine blinkte etwas. Das war nicht vorgesehen. Rasch bückte er sich, um nach der Fehlerquelle zu sehen. »Autsch!« Max rieb sich die Stirn. Was war das gewesen? Weiter kam er mit dem Gedanken nicht, denn ihm wurde schwarz vor Augen.

Langsam lichtete sich der dunkle Schleier um Max. Er hob die Lider, dann senkte er sie schnell wieder. Das war doch nicht möglich! Er war gerade noch in seinem Bastelkeller gewesen, jetzt lag er auf einer Wiese. Er spürte deutlich das Gras unter seinem Körper. Erneut öffnete er die Augen. Direkt vor ihm erhob sich ein schmiedeeiserner Zaun. Mühsam richtete Max sich auf. Er zwickte sich in den Arm und rieb sich über das Gesicht. Allerdings wachte er dadurch nicht – wie er gehofft hatte – aus einem Traum auf. Er stand auf und besah sich den Zaun. Ein paar Meter rechts von ihm war ein Tor. Auf der anderen Seite des Tors stand ein Mann mit einer Hellebarde und in einem Kostüm, das an die Schweizer Garde des Papstes erinnerte. Max runzelte die Stirn, dann ging er zum Tor.

Dort versperrte ihm der Mann mit seiner Hellebarde den Weg. »Wenn es dich gruselt, lasse ich dich heraus. Wenn es dich nicht gruselt, dann dreh dich um und geh ins Schloss. Eine hohe Belohnung erwartet dich«, sprach der Mann in aller Ernsthaftigkeit.

Max drehte sich um. Tatsächlich erhoben sich etwa fünfzig Meter hinter ihm die trutzigen Mauern einer Burg. Wieso hatte er das vorher nicht bemerkt? Da war er wohl noch zu benommen gewesen. Er besah sich das Gemäuer genauer. Warum sollte er davor Angst haben? Die Burg war nicht einmal sonderlich groß oder beeindruckend. Er wandte sich wieder dem Hellebardenträger zu. »Warum sollte ich mich gruseln?«

»Wenn es dich nicht gruselt, geh zum Schloss«, war alles, was der Gardist hierauf antwortete.

Max zuckte mit den Schultern, wandte sich wieder um und ging auf die Burg zu. Dort klopfte er an, erhielt jedoch keine Antwort. Unentschlossen blieb er vor dem Tor stehen. Der Gardist hatte gesagt, er solle ins Schloss gehen. Vorsichtig drückte er die Türklinke herunter. Das Tor öffnete sich mit einem leichten, unangenehmen Knarzen. Unangenehm, aber sicher kein Grund sich zu fürchten. Max schob das Tor so weit auf, dass er hindurchgehen konnte. Er fand sich in einer sehr großen Eingangshalle wieder, die allerdings vollkommen unmöbliert war. Neugierig blickte er sich um. Durch einige verschmutzte Fensterscheiben fiel genügend Dämmerlicht in den Raum, um zu sehen, dass dieser aus grob behauenen Steinen bestand. Plötzlich ertönte ein Geräusch, das sich für ihn anhörte wie eine Mischung aus Wimmern, Sturmwind und einem hohen Pfeifton. Dieses Pfeifen erinnerte ihn so stark an eine akustische Rückkopplung, wie sie manchmal bei den Auftritten von Flo Circus vorkam, dass er reflexartig die Lautstärke herunterregeln wollte. Natürlich griff er ins Leere, weil kein Mischpult vorhanden war. Ärgerlich kramte er in einer seiner vielen Hosentaschen nach einem Papiertaschentuch, von dem er Streifen abtrennte, diese zusammenrollte und als improvisierte Ohrstöpsel verwendete. Das seltsame Geräusch konnte er dadurch zwar nicht vollständig ausblenden, aber doch so weit abmildern, dass es nicht mehr in den Ohren wehtat. Den Rest des Papiertaschentuchs steckte er wieder in seine Hosentasche. Erst jetzt wurde ihm klar, dass er zwar in einer völlig unbekannten Umgebung aufgewacht war, aber tatsächlich noch seinen Werkzeuggürtel um die Hüften trug. Taschenmesser, kleine Säge, verschiedene Schraubenzieher, Kabelstücke, Stift, Knetmasse, Taschenlampe, sonstiger Kleinkram – alles da, wo er es gewohnt war. Er war versucht, die Taschenlampe einzuschalten, aber so dunkel war es nicht und wer wusste schon, wie lange er in diesem Gemäuer herumirren mochte. Da erschien es Max sinnvoll, die Batterien zu schonen.

Am Rande seines Gesichtsfeldes huschte etwas Helles vorbei. Neugierig sah er in die Richtung. Nebelschwaden zogen durch den Saal, dabei war es ihm gar nicht so feucht vorgekommen. Er setzte sich in Bewegung, um zur Tür an der anderen Seite des Raums zu gelangen. Einer der Dunststreifen schnitt ihm den Weg ab. Max meinte, ein Augenpaar in dem Schleier zu entdecken.

»Huuuu«, ertönte es um ihn herum. Weitere Schwaden kamen auf ihn zu. Auch bei diesen meinte er, Augen erkennen zu können. Merkwürdig. Eine der Nebelwolken berührte sein Gesicht und Max begann zu frösteln. »Wir sind die Wächter der Burg«, heulte es um ihn herum. »Geh zurück, woher du gekommen bist.«

Die Stimmen faszinierten ihn. Hohl, geheimnisvoll, gleichzeitig hoch und tief. Gedankenverloren überlegte er, wie ein solcher Effekt wohl zu erzeugen war. Vielleicht könnte Flo oder ein anderes Mitglied der Band ja für die nächste Platte ein Lied über Geister schreiben. Da wäre ein solcher Effekt zu Beginn des Songs perfekt. Er lief weiter Richtung Tür und dabei durch eine dieser Nebelschwaden hindurch. Erneut fröstelte es ihn. Vorsichtig hob er die Hand und fuhr damit durch den Dunst, während er darüber nachdachte, wie zu dem Gespensterlied bei der Live-Show entsprechende Schwaden als Geister über die Bühne schweben könnten. Da musste er unbedingt mit Trockeneis experimentieren. Das wäre sicher sehr stimmungsvoll.

Max erreichte die Tür. Eine Klinke fand er nicht, weshalb er probeweise sacht dagegen drückte. Obwohl die Tür sehr massiv aussah, ließ sie sich leicht, jedoch begleitet durch ein Knarzen, öffnen. Neugierig ging er hindurch.

In dem Gang, den er jetzt betrat, stand erneut ein Gardist mit Hellebarde. Dieser sprach: »Wenn es dich gruselt, lasse ich dich heraus. Wenn es dich nicht gruselt, dann geh weiter zum nächsten Raum. Eine hohe Belohnung erwartet dich.«

Erstaunt zog Max eine Augenbraue nach oben. »Warum sollte es mich gruseln? Dafür sehe ich bis jetzt keinen Grund.«

Der Gardist wies mit seiner Waffe auf die gegenüberliegende Tür. »Wenn es dich nicht gruselt, dann durchschreite dieses Tor.«

Max tippte sich zum Gruß mit zwei Fingern an einen imaginären Hut, ging zur bezeichneten Tür und öffnete diese.

Ihm stieg der Geruch eines alten modrigen Kellers, gepaart mit einer unsauberen Kneipe, in die Nase. In der Mitte des gemauerten Raums standen ein klobiger Holztisch, ein paar Stühle und ein kleinerer Tisch mit einem Fass obendrauf. Über dem Sitzbereich hing ein Leuchter mit Kerzen, der gerade genug Licht verströmte, dass man nicht aus Versehen über den Unrat stolperte, der auf dem Boden verstreut war. Bei genauerem Hinsehen entdeckte Max, dass es sich hierbei um Lumpen, Knochen und Totenschädel handelte. Er befand, dass der Geruch für dieses Ambiente nicht mal so schlecht war. An dem großen Tisch saßen insgesamt fünf Männer, allesamt Klischee-Wikinger mit breiten Schultern, langen ungepflegten Haaren, gehüllt in eine Mischung aus Leder, Leinen und Pelz sowie mit einem gehörnten Helm auf dem Kopf.

Die würden sich gut auf einem Ammon-Amarth-Cover machen, dachte er und musste grinsen. Matze würde sich hier echt wohlfühlen, der hat auch die Wohnung mit Totenkopf-Zeugs vollgestellt. Bei dem Gedanken an die ganzen Tassen, Teller, Kerzenhalter und ähnliches mit Totenkopfmotiv in der Wohnung seines Bandkollegen wurde sein Grinsen noch breiter.

Bevor er weiter seinen Gedanken nachhängen konnte, sprach ihn einer der Bilderbuch-Wikinger an: »Ein Besucher. Ei, das ist selten. Tritt näher und trink mit uns!« Der Mann prostete ihm mit einem Becher zu, der aussah wie ein umgedrehter Totenkopf. Aus dessen Augenhöhlen lief eine rote Flüssigkeit heraus.

Max ließ sich nicht lange bitten. Er gesellte sich zu den Männern, die ihm sofort einen Schädel mit dem Getränk reichten. Viel war nicht in dem Gefäß, da die Flüssigkeit schon bei halber Füllung zu den Löchern bei den Augenhöhlen oder etwas höher zu den Nasenöffnungen herauslaufen würde. Kurz überkam ihn Ekel, da der Totenkopf doch sehr detailgetreu nachgebildet war. Er schluckte diesen jedoch herunter und versuchte, am Becher zu nippen, konnte sich aber lediglich die Lippen befeuchten. Der Schädel war so lebensecht, dass sich die Trinköffnung dort befand, wo der Hinterkopf normalerweise mit der Wirbelsäule verbunden war. Aus diesem Loch ließ sich wirklich nicht leicht trinken, ohne sich von oben bis unten zu bekleckern. Ein Seitenblick auf seine Gastgeber zeigte ihm, dass es diesen nicht besser erging, sie sich nur nicht darum kümmerten, dass ihre Kleidung an der Vorderseite mit Kirschmet vollgesogen war. Dass es sich bei der roten Flüssigkeit um Kirschmet handelte, hatte er immerhin schon schmecken können.

Frustriert setzte er sein Trinkgefäß auf einem dafür vorgesehen Kissen ab. Durch die runde Kopfform war es nicht möglich, den Becher direkt auf dem Tisch abzustellen. So ging das nicht. Er ließ die Hände in den Schoß sinken. Dabei spürte er seinen Werkzeuggürtel. Das war die Lösung! Er schüttete seinen Met in den Becher eines Tischnachbarn, der seinen gerade geleert hatte. Dann nahm er die kleine Säge von seinem Gürtel zur Hand und säbelte den Überstand beim Ansatz der Wirbelsäule so ab, dass man besser daraus trinken konnte. Flugs verschloss er die Löcher in den Augenhöhlen und der Nase mit etwas Knetmasse. Die war zwar nicht lebensmittelecht, aber an einem Abend daraus zu trinken, würde ihn schon nicht gleich vergiften. Stolz betrachtete er sein Werk, bevor er zum Fass ging und seinen Becher fast bis zum Rand füllte. Erstaunt hielten die anderen Männer inne. Er nahm einen tiefen Schluck, was jetzt verhältnismäßig einfach möglich war. Kurz war es still im Raum, dann hielten ihm alle fünf Wikinger ihre Totenköpfe hin.

Max’ Augen funkelten. Anderen mit seinen Erfindungen und Konstruktionen zu helfen, machte ihm einfach Spaß. Zügig modifizierte er auch die Schädelbecher der anderen.

Drei Stunden und vier Becher voll Met später, kannte er die meisten der Trinklieder und grölte diese lauthals mit. Plötzlich wurde einer der Wikinger ernst und fragte: »Und was kommt jetzt?«

»Blöde Frage, Saufgelage«, erwiderte Max lachend mit einem Liedtitel der Band Feuerschwanz.

Der Wikinger schüttelte den Kopf. »Für dich ist das Saufgelage vorbei, mein Freund. Es ist an der Zeit, dass du weiterziehst und deine Belohnung einforderst. Wir werden dich nicht vergessen. Prost!«

Die Worte ernüchterten Max etwas. Stimmt, die Gardisten hatten von einer Belohnung gesprochen. Er hob ein letztes Mal seinen Becher, prostete der Gesellschaft zu, dann ging er zur Tür.

»Nimm die andere«, brüllte ihm einer der Männer zu und deutete in die entgegengesetzte Richtung. Max sah von einer Tür zur anderen. Na, wenn der Wikinger das sagte …

Diese hatte einen Drehknauf. Flugs öffnete Max die Tür und trat in einen von Sonnenlicht beschienenen Garten.

Erneut stand da ein Gardist mit seiner Hellebarde. »Wenn es dich gruselt, lasse ich dich heraus. Wenn es dich nicht gruselt, dann geh weiter durch den Garten. Eine hohe Belohnung erwartet dich.«

»Was habt ihr hier nur alle mit dem Gruseln? Bis jetzt war da nichts, was mich das Gruseln gelehrt hätte. Das Grünzeug da sieht schon mal gar nicht gruselig aus.«

Sprach’s und ging weiter in das parkähnliche Grundstück hinein. Zu Beginn war der Garten sehr gepflegt. Links und rechts des Weges waren Rosenbeete, die sich mit immergrünen Pflanzen abwechselten. Doch schon nach rund fünfzig Schritten wucherten zu beiden Seiten des Pfades hohe Büsche, danach zog sich linker Hand ein Weiher am Weg entlang, rechts war eine Rasenfläche, gesäumt von etwas niedrigeren Sträuchern. Insekten summten in dem Blattwerk und im Gras. Alles war so friedlich, dass Max genießerisch seine Augen schloss. Das leicht neblige Gefühl im Kopf, das von dem Met stammte, die Stille, die nur durch das Summen und den schrillen Hilfeschrei unterbrochen wurde.

Ein Hilfeschrei? Mit einem Schlag fühlte sich Max nüchtern. Wer rief da um Hilfe und warum? Er lauschte, um die Schreie orten zu können, die langsam zu einem Wimmern wurden. Da war wohl Eile geboten, wenn er noch rechtzeitig jemanden retten wollte.

Er rannte quer über den Rasen auf die Büsche zu. Beim Näherkommen sah er, dass sie doch nicht ganz so dicht standen, wie es von weiter weg ausgesehen hatte. Problemlos konnte er zwischen zwei Haselnusssträuchern hindurchgehen. Er kam auf einer weiteren weitläufigen Rasenfläche heraus, dann blieb er stehen.

Links von ihm drückte sich ein Mädchen angstvoll an eine efeuüberzogene Mauer. Tränen liefen über ihr Gesicht und sie wimmerte. Das war es, was er gehört hatte. Was ihn jedoch wirklich erstaunte, war das Tier, das sich in ein paar Metern Entfernung rechts von ihm erhob: ein ausgewachsener Dinosaurier! Pferdeähnlicher Kopf, langer Hals mit Stachelband obendrauf, ein gedrungener tonnenförmiger Körper und ein langer Schwanz. Neugierig beäugte er das sichtbar aufgeregte Tier. Immer wieder warf es seinen Kopf von der einen Seite zur anderen und gab seltsam klagende Laute von sich. Für Max hörte es sich an, als ob auf einer Tonspur ein röhrender Hirsch mit Walgesang gemischt worden wäre, nur schwermütiger. Als Kind hatte sich Max viel mit Dinosauriern beschäftigt. Was war das nochmal für einer? Er grübelte eine Weile, dann erhellte sich sein Gesicht. Das musste ein Amargasaurus sein. Im Moment wichtigstes Merkmal: ein Pflanzenfresser.

Erleichtert ging er auf das Mädchen zu. Er vermied jegliche Hast, um den Dinosaurier nicht zu reizen. Auch wenn es ein Pflanzenfresser war, konnte das Tier ihn leicht zerquetschen, wenn es in Panik geriet. Beschwichtigend hob er eine Hand. »Hey du, keine Angst«, sagte er zu dem Mädchen. »Das ist ein pflanzenfressender Dinosaurier, der will dir nichts tun. Bleib einfach ruhig stehen. Ich komme zu dir, dann suchen wir nach einem Ausgang.« Sie sah ihn mit großen angsterfüllten Augen an, hörte jedoch auf zu wimmern.

Max machte einen weiteren Schritt auf das Mädchen zu, behielt aber im Augenwinkel den Dinosaurier im Blick. Zeitgleich setzte sich auch das Tier in Bewegung, in Max’ Richtung. Max drehte den Kopf zu dem Tier herum. Wenn es weiter so langsam und vorsichtig auf ihn zu kam, sollte er dem Dino im Notfall ausweichen können. Er blieb stehen und sah genauer hin. Das Tier humpelte. Ja, ganz offensichtlich bereitete es dem Dino Schmerzen, seinen rechten Vorderfuß zu belasten. Der Saurier kam mit einem kläglichen Laut näher, den Blick fest auf Max gerichtet. Dieser konnte keinerlei Angriffslust in den Augen sehen, nur Leid. Es schien fast, als wolle das Tier ihn um etwas bitten. So etwas hatte Max einmal in einem Video gesehen, da hatte sich ein Elefant etwas für ihn Schmerzhaftes in den Fuß getreten. Ob das auch diesem Dino passiert war? Er zögerte kurz, dann ging er festen Schrittes auf das Tier zu, besser gesagt, zu dessen Vorderfuß. Das Herz schlug ihm bis zum Hals. Als Kind hatte er davon geträumt, einem Dinosaurier zu begegnen, jetzt allerdings, wo das Tier neben ihm aufragte wie eine Wand, fingen seine Beine leicht zu zittern an. Dennoch ging er bis zum Vorderfuß weiter. Mit einem herzerweichenden, jammernden Laut hob das Tier diesen an. Max lief um den Fuß herum und schaute sich die Unterseite an. Dort! Er sah etwas blitzen. Der Gegenstand steckte fast gänzlich in der Sohle. Max tastete mit der rechten Hand an seinem Werkzeuggürtel herum, bis er seine kleine Zange gefunden hatte. Hoffentlich reichte diese aus, um das, was im Fuß steckte, zu greifen.

Er setzte die Zange an, rutschte aber erst einmal ab. Also nochmal. Ganz vorsichtig umschloss Max den Gegenstand mit der Zange. Er hoffte, dass er dem Dino nicht allzu sehr weh tat, da er hierfür leicht in die Wunde greifen musste. Mit etwas Anstrengung konnte er das Ding ein Stück weit herausziehen. So nah an dem großen Tier war ihm jetzt doch der Angstschweiß ausgebrochen. Er fasste erneut mit der Zange zu. Jetzt gelang es ihm, den Gegenstand weiter herauszubekommen. Verwundert stellte er fest, dass es sich um eine abgebrochene Messerklinge oder etwas Derartiges handeln musste. Wie und wo hatte sich das arme Tier das bloß eingefangen? Immerhin stand die Klinge nun genug heraus, dass Max die Zange ordentlich ansetzen und den Fremdkörper weiter heraushebeln konnte. Max steckte die Zange weg, nahm einen Lappen aus einer seiner Hosentaschen, umfasste das Messerstück und zog es vollends heraus. Die Klinge hatte wohl überwiegend in der Hornhaut am Fuß gesteckt. Anders konnte es sich Max nicht erklären, dass die offene Stelle kaum blutete. Dennoch beschloss er, ein Stück Gaffa-Tape, in Ermangelung eines Pflasters, auf die Wunde zu kleben. Als dies geschafft war, trat er erleichtert zur Seite.

Der Dino setzte seinen Fuß ab, machte einen Schritt zurück – und trötete laut. Bevor Max reagieren konnte, schleckte ihm der Saurier über das Gesicht. Dann drehte sich das Tier um und trottete davon. Verdattert blinzelte Max. »Das hieß wohl Danke«, sagte er zu sich selbst.

»Oh edler Recke, Ihr habt mich vor dem Drachen gerettet! Kein anderer Mann war bisher so mutig. Hat es Euch denn gar nicht gegruselt?« Das Mädchen stand mit einem strahlenden Lachen vor ihm. Er schätzte sie auf höchstens fünfzehn.

Max lachte. »Gegruselt, nein. Wovor auch? Warum fragt das nur jeder? Gut, direkt neben dem Dinosaurier ging mir der Arsch schon ein bisserl auf Grundeis, aber irgendwer musste ihm ja helfen. Das war übrigens ein Amargasaurus.«

Das Mädchen sah ihn mit großen Augen an. »Ihr redet seltsam, edler Ritter. Aber Ihr habt mich gerettet und sollt Eure Belohnung erhalten. Folgt mir. Ich bin Prinzessin Ellita.«

»Angenehm, Max«, erwiderte dieser. Schon wieder die Rede von der Belohnung. Langsam war er schon gespannt, was ihn erwartete.

Wenige Minuten später kamen Ellita und Max zu einem Tor. Der Wache stehende Gardist war sichtlich erfreut, die Prinzessin gesund und munter zu sehen. Er hielt ihnen den Schlag einer wartenden Kutsche auf.

Sie fuhren eine Allee entlang, die sich bald einen Hügel hinaufschlängelte und von dort den Blick auf ein prächtiges Schloss preisgab. Als sie ankamen, wurden beide herzlich empfangen. Der König und die Königin waren glücklich, ihre Tochter wieder in die Arme schließen zu können.

Am Abend fand ein Bankett zu Ehren von Max statt, der als großer Held gefeiert wurde, ohne selbst so richtig zu wissen, wofür. Das Essen roch gut, doch bevor alle zugreifen durften, erhob sich der König, um eine Rede zu halten. Er lobte den Helden, der die schwierigen Prüfungen gemeistert hatte, ohne sich zu gruseln. Der sich ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit dem gefährlichen Drachen in den Weg stellte, der die holde Prinzessin Ellita in seine Gewalt gebracht hatte. Fast hätte Max den Herrscher unterbrochen, um ihm mitzuteilen, dass der Amargasaurus weder ein Drache noch wirklich gefährlich war, besann sich aber rechtzeitig auf seine Manieren. Soweit er das wusste, unterbrach man keine königliche Hoheit bei einer Rede. Gespannt lauschte er weiter den salbungsvollen Worten. Ob er nun endlich erfuhr, woraus diese ominöse Belohnung bestand, von der jeder ständig geschwafelt hatte?

Der König kam zum Schluss seiner Rede: »Deshalb sind wir dem tapferen Max dankbar für seinen Mut und erheben ihn in den Ritterstand. Hoch lebe Ritter Max!«

Alle Anwesenden fielen mit ein und skandierten: »Hoch lebe Ritter Max«, bis der Herrscher die Hand hob. Sofort herrschte wieder Ruhe im Saal. Irgendwie erinnerte Max dies an Florian, den Sänger der Band, der dieses Spiel mit dem Publikum auch ganz gut beherrschte. Die Stille im Saal war nahezu vollkommen. Nicht einmal das Rascheln von Kleidung war zu vernehmen, nur das halblaute Schnaufen des einen oder anderen Gastes. Alle Blicke waren auf das Staatsoberhaupt gerichtet. »Ritter Max ohne Furcht«, hob dieser erneut an, »nachdem Ihr nun in den Ritterstand erhoben wurdet, wird es Zeit für Eure Belohnung, die Ihr Euch redlich verdient habt.« Der König legte eine Kunstpause ein, in der erneut nicht das kleinste Geräusch zu vernehmen war. Er räusperte sich kurz. »Hiermit gebe ich Euch die Hand meiner liebreizenden Tochter Ellita. Die Hochzeit findet jetzt auf der Stelle statt.«

Max schoss von seinem Stuhl hoch. Hatte er sich gerade verhört? Er sollte mit der Prinzessin vermählt werden, jetzt sofort? Er sollte ein halbes Kind ehelichen, das er gar nicht kannte? In seinem Schock flüsterte er: »Jetzt gruselt es mich.« Dann wurde ihm schwarz vor Augen.

Benommen setzte er sich auf. Warum war das Licht so hell? Max sah sich um. Er war wieder in seinem Bastelkeller. Kein Bankett, keine Prinzessin – nur sein Werkzeug, sein Perpetuum Mobile und er. Erleichtert lachte er, dann stand er auf und bastelte glücklich und zufrieden weiter.

Hat dir die Geschichte gefallen?

Mehr über Max und die ersten Erfolge seiner Band erfährst du in »Das erste Lied«.

Rumpelstilzchen einmal anders: Susanne Eisele erzählt das bekannte Märchen der Brüder Grimm neu und setzt sich dabei mit der Verlockung von schnellem Ruhm, den Fallstricken der Musikindustrie und dem Zusammenhalt unter Freunden auseinander.

ISBN: 978-3-752848250

Susanne Eisele

Susanne Eisele entdeckte schon früh ihre Liebe zur Musik und zu Büchern. Diese Liebe begleitet sie bis heute. Mit der Zeit erwachte in ihr auch der Wunsch, selbst Bücher zu schreiben. Mit »Nachbarschaftshilfe – ein Vampir- und Werwolfkrimi« setzte sie diesen Wunsch 2014 in die Tat um und veröffentlicht seitdem regelmäßig neue Geschichten zwischen Fantasy und Märchenadaption. Bei der Märchenspinnerei inspiriert sie vor allem ihre alte Liebe für die Märchen der Brüder Grimm für ihre eigenen Interpretationen.

www.autorin-susanne-eisele.de

Anna Holub

Der Preis der Undine

Spin-off zu »Meerschaum«

Sie ruft mich.

Ich schrecke aus Träumen auf von einer Stimme, die ich nie wirklich gehört habe und die ich doch erkenne, ohne Zweifel oder Zaudern. Auch wenn Raum und Zeit uns trennen, auch wenn sie in der wachen Welt stumm ist, kenne ich meine Liebste im Traum, den sie mir schickt.

Hilf mir. Finde meine Schwestern. Rette sie.

Ich verspreche es, antworte ich ihr, noch halb im Schlaf. Ich weiß zwar nicht wie, aber ich weiß, dass es mein Schicksal ist. Für sie werde ich einen Weg finden.

Doch als ich die Augen öffne, bin ich noch immer im Flugzeug. Das Singen meiner Liebsten verhallt in meiner Erinnerung, und alles, was ich höre, ist das Brummen der Flugzeugmotoren und das schreiende Kleinkind in der letzten Reihe. Unter uns das tiefblaue Meer und darüber ein ebensolcher Himmel. Mein Magen macht einen Satz, als wir in den Sinkflug gehen.

Bald bin ich in ihrem Land.

Wie schon hunderte Male zuvor ziehe ich mein Telefon aus der Tasche und rufe das Foto auf, das ich im Flüchtlingscamp gemacht habe, das einzige Foto, das ich von ihr habe.

Meine stumme Schöne mit den meerblauen Augen. Meine heimatlose Prinzessin, deren Volk auf der Flucht verschollen ist. Die Person, der ich ganz und gar, mit Herz und Körper, verfallen bin.

Ich weiß nicht, wie ich es schaffen kann, ihre Schwestern zu finden. Ich weiß nicht, was ihnen geschehen ist, und auch nicht, wie ich sie retten kann. Ich weiß nur, dass ich für sie alles tun würde. Denn ich bin ihre Hoffnung, ihr Ritter, ihr Prinz.

Und wenn du das nicht verstehst, hast du noch nie wirklich geliebt.

Die Wärme und Feuchtigkeit treffen mich wie ein Schlag, als ich aus der Kabine trete. Wüsste ich nicht, dass ich nicht mehr im winterlichen Europa bin, hätte ich es spätestens jetzt nicht mehr leugnen können. Wie ein Tor in eine andere Welt spuckt mich das Flugzeug in die tropische Hitze aus. Tausende Gerüche dringen auf mich ein und der Wind flüstert mir Geheimnisse des Dschungels ins Ohr.

Ich zaudere, verwirrt. Der Passagier hinter mir rempelt mich an, flucht in seiner Muttersprache und drängt sich rüde an dem dummen Touristen vorbei. Ich reiße mich zusammen und lächle die nächste Passagierin um Entschuldigung bittend an. Sie bemerkt meinen Blick und zieht ihre Mundwinkel kurz hoch.

Eine Einheimische, auf jeden Fall teilt sie deren Aussehen. Schlank, dunkles, glattes Haar, an den Schläfen bereits mit Silber verziert. Auch die leichten Fältchen an ihren Augen und Mundwinkeln zeugen von Charakter und Leben. Für einen Moment erinnert ihr Lächeln mich an meine Schöne. Ist es, weil sie beide aus demselben Land stammen? Doch dann bemerke ich ihre Augen – grün und dunkel wie die stürmische See – und sehe beschämt zu Boden. Nein, wie könnte ich sie mit meiner Liebsten vergleichen? Sie sind so unterschiedlich wie Tag und Nacht, und ich liebe nur meine Schöne mit den meerblauen Augen.

Die meisten Passagiere verteilen sich auf Reisebusse und bald liegt der Platz beinahe verlassen da, so fremdartig nach den überfüllten Flughäfen Europas. Ich zaudere, unsicher über das nächste Ziel meiner Reise. Wohin soll ich mich wenden? Liebe mag mit zwei Worten gläubig über Meer und Land wandern, aber ich habe kein einziges, das mir hier, in ihrem Land, hilft. Woher stammt ihr Volk, wie heißt es?

Plötzlich sehe ich die Frau aus meinem Flugzeug wieder. Flatternde schwarze Kleidung und Haare, ein unergründlicher Ausdruck auf ihrem Gesicht. Sie steigt in einen Bus ein, dreht sich kurz zu mir um, unsere Blicke treffen sich.

Ein Zeichen. Ich folge ihr.