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Dieses Buch enthält den Versuch, in einer Welt voller Brandherde und in einem Umfeld ständig wachsender Aggressivität, Feindseligkeiten, Egoismus und Gewalt doch auch überraschend Komisches und Heiteres zu entdecken – vielleicht sogar auch ein paar zarte kleine Wunder. Das Buch ist geschrieben in einer Zeit, in der man trotz aller Besorgnisse um die Zukunft der Welt doch auch Optimist sein kann oder sogar sein sollte. Es enthält kurze Romane, autobiografische Geschichten, Wahres wie Erfundenes, Schlüsselerlebnisse und Skizzen, Momentaufnahmen von Begegnungen. Und auf jeden Fall die Hoffnung: ES WIRD SCHON HELLER!
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Seitenzahl: 209
Veröffentlichungsjahr: 2018
Copyright der deutschsprachigen Ausgabe:
© PIDAX 2018
Pidax film media Ltd.
Platanenweg 3, 66292 Riegelsberg/Deutschland
www.pidax-film.de
Umschlag (Hintergrund): David Methven Schrader / 123rf.com
Erste Auflage 2018
ISBN 978-3-95988-128-9
Dieses Buch enthält den Versuch, in einer Welt voller Brandherde und in einem Umfeld ständig wachsender Aggressivität, Feindseligkeiten, Egoismus und Gewalt doch auch überraschend Komisches und Heiteres zu entdecken – vielleicht sogar auch ein paar zarte kleine Wunder. Das Buch ist geschrieben in einer Zeit, in der man trotz aller Besorgnisse um die Zukunft der Welt doch auch Optimist sein kann oder sogar sein sollte. Es enthält kurze Romane, autobiografische Geschichten, Wahres wie Erfundenes, Schlüsselerlebnisse und Skizzen, Momentaufnahmen von Begegnungen. Und auf jeden Fall die Hoffnung: ES WIRD SCHON HELLER!
Horst Pillau, Jahrgang 1932, ist seit 1948 freier Autor in Berlin und ist seit Jahrzehnten einer der erfolgreichsten Theater-, Fernseh-, Hörfunk- und Buchautoren Deutschlands. Zu seinen erfolgreichen Theaterstücken zählen »Der Kaiser vom Alexanderplatz«, »Zille«, »Leute von Welt«, »Frauen sind stark«, »Hansen gegen Hansen«, »Jessica kommt zurück«, »Auf der anderen Seite der Straße«, »Kohlenpaul«, »Jennys Rezept«, »Ein praktischer Arzt«, »Was strahlt denn da« und viele andere. Horst Pillau schrieb zahlreiche Fernseh-Drehbücher, darunter »Salto Mortale«, »Die Wilsheimer«, »Es muß nicht immer Kaviar sein« und »Wanderungen durch die Mark Brandenburg« sowie kurze Theaterstücke mit eingebauten Fehlern für »Dalli Dalli«, die Quizshow seines langjährigen Freundes Hans Rosenthal. Bekannt wurde Horst Pillau auch durch seine Romane wie zum Beispiel »Die Geisterbehörde«, »Der Märchenpilot«, »Auf immer und ewig«, »Guten Tag, Herr Liebhaber« oder »Familienbande«. Ehrungen: Bundesfilmprämie, Filmförderungsprämie, Goldener Aeskulapstab (Film- und Fernsehpreis des Hartmannbundes), Goldene Nadel der Dramatikerunion, Goldener Ifflandtaler des Berliner Theaterclubs, Bundesverdienstkreuz am Bande. Verheiratet ist er seit 1960 mit Susanne Pillau, geb. Ryll.
Horst Pillau
Es wird schon heller
Ein Roman, sagt meine alte Freundin Wikipedia, von der ich noch nicht einmal den Vornamen weiß, ist eine literarische Gattung und zwar die Langform der schriftlichen Erzählung. Manchmal mutet er seinen Lesern endlose Geduld zu, er ist weitschweifig oder hölzern, der Klappentext ist verlogen, man scheitert an ihm, oder man bricht die Lektüre ab, um keinen Schaden davonzutragen. Davon nicht betroffen sind Thomas Mann, Heinrich Mann, Orhan Pamuk oder Amoz Os, Richard Ford, Benedict Wells, Henry James und natürlich noch viele andere Autoren. Die Lektüre ihrer Bücher macht süchtig, die in anderen Lebensbereichen so verpönte Gier ist hier statthaft, und man kann nicht mit dem Lesen aufhören.
Hundert oder mehr Romane schreiben zu wollen ist kühn und vermessen. Simenon immerhin hat über vierhundert, na ja, eher kurze, verfasst. Wenn man aber zu alt ist, um noch hundert Romane schreiben zu können, oder auch nur fünf, bietet sich eine Alternative an. Die nachfolgenden winzigen Romane sind Geschichten, die ich erlebt habe oder die ich so nicht erlebt habe oder die ich ganz anders erlebt habe. Ich bin auf der Zielgeraden und habe keine Zeit mehr, viele von ihnen auszuweiten. Nun steckt in jeder Romanfigur eines Autors etwas von ihm, ob gut oder böse. Dabei sollte man mit dem gefährlichen Wort ich sehr restriktiv umgehen. Auf der Leipziger Buchmesse 2018 hat der Autor Andreas Meier seinen Roman Die Universität vorgestellt und ihm den Satz beigegeben: ICH, das ist der Mittelteil der Wortes NICHTS. Das klingt Ich-negierend, aber das Schreiben bekommt damit mitunter etwas existentiell Notwendiges.
Hier sind nun Ansätze von Ausgedachtem, Erfundenem, Gemerktem, Geträumtem und Wahrem, mit Einfällen, Skizzen, Feuilletons, Traurigem, Tragischem, Komischem, mit Schlüsselerlebnissen, geschriebenen Selfies, Blitzlichtern, Momentaufnahmen, Eindrücken, Begegnungen und Notizen. Sie stammen nicht aus einem Zettelkasten, eher aus Erinnerungen, Träumen, Tagebüchern, Briefen und fast täglichen Notizen aus dem mobilen Zusatzhirn, dem kleinen Diktiergerät, meiner unentbehrlichen externen Festplatte.
Denn der Berliner Feuilletonist Victor Auburtin aus den Zwanzigerjahren – bald haben wir übrigens schon wieder Zwanzigerjahre – erzählte folgende Geschichte: Ein Mann hatte eine Idee. Es war die schönste Idee der Welt. Er fiel auf die Knie, um Gott dafür zu danken. Aber als er wieder aufstand, hatte er die schöne Idee vergessen.
Hier also meine ganz kleinen Romane – damit ich sie nicht vergesse. Sie sollen mehr U als E sein. Vorwiegend optimistisch. In einer Zeit von Brexit und May, Syrien, Jemen, Trump und Putin, Kim Jong Un, Assad, dem Sultan, Benjamin »Bibi« Netanyahu, Orbán, Kaczynski, der Dame, die einem mit einem Schlag in die Fresse droht, und anderen sollte man vielleicht mit etwas Erfreulichem, Positivem und Hoffnung Vermittelndem beginnen, am besten einem kleinen Wunder, denn Wunder werden immer rarer. Das hier folgende ist nicht erfunden, es kommt aus erster Quelle: einfach von nebenan.
Schmetterlinge haben es in sich. Verliebte haben sie angeblich im Bauch, obwohl sie sich dort kaum wohlfühlen wüden. Schmetterlinge bereichern die Welt – speziell diese furchtbare Welt. Sie sind schön. Ich liebe sie – lebendig und nicht aufgespießt in Schaukästen und Sammlungen. Man kann sie, entspannt und gerade nicht gestresst, bei ihrem hilfreichen Taumeln von Blüte zu Blüte beobachten. Sie sind so zart. Sie sind so unschuldig. Sie leiten den Frühling ein und lassen mutig den Sommer ausklingen. Über Blumendolden schwebt da und dort mit müdem Flügelschlag ein Schmetterling und funkelt sammet golden: Das ist Hermann Hesse, und der hat ihn einst im Tessin beobachtet.
Aber Schmetterlinge sind gar nicht so machtlos, wie man denken könnte. Am Anschaulichsten beschrieb das der Meteorologe Edward Lorenz: Der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien kann einen Hurrikan in Texas auslösen.
Wer Schmetterlinge lachen hört, weiß, wie Wolken schmecken, schrieb Novalis (1772–1801). Novalis wie Hesse zitieren sollte man übrigens nur, wenn man vom Zitierten auch anderes gelesen hat als kurze Bonmots in Zitatenlexika oder die ersten Ergebnisse einer Googlesuche. Und wenn man über Schmetterlinge schreibt, kommen sie auch noch angeflattert! Beginn der Lektüre von Uwe Timms neuem Roman Ikarien. Gleich auf Seite vier: Die Alten sagten, nie habe es so viele Schmetterlinge gegeben wie im Sommer 1945. Aber nun ist, seit 1990, die Zahl der Schmetterlinge weltweit um fünfundzwanzig Prozent zurückgegangen.
Auch Schmetterlinge fliegen, sie sind sozusagen Fliegerkameraden, aber nicht mit so gewaltigen Ungeheuern wie dem AIRBUS 380 oder der BOEING 747 zu vergleichen, sie trennt Welten. Schmetterlinge sind verletzliche Wesen. Plattgefahrene Kohlweißlinge liegen im Sommer zu Tausenden in Kroatien und anderswo auf den Landstraßen, und wenn noch lebende Exemplare dort sitzen, muss man sie überfahren, sonst hupen die nachfolgenden Autofahrer. Wenn sich Katzen langweilen, schnappen sie nach Schmetterlingen. Amseln schlucken sie im Vorüberflug, das erlebt man immer wieder. Die Zahl der Schmetterlinge, sagt die SZ, ist seit 1990 um ein Viertel zurückgegangen, vierzig Prozent der Tagfalter seien vom Aussterben bedroht.
Diese Beobachtung erinnert mich an Theodor Fontanes glückerfüllte Geschichte Meine Kinderjahre und den Bericht über den Umzug von der Löwenapotheke in Neuruppin zur Adlerapotheke in Swinemünde. Da erkundet er mit seinem geliebten Vater die endlosen Böden des neuen Wohnhauses und die endlosen Dachböden – und findet, an diesem Morgen wenigstens, Schwalben und Schmetterlinge, die durch die vielen Fenster und Gucklöcher beständig ein und aus flogen. Da hat man beim Lesen Angst um die Schmetterlinge!
Aber Schmetterlinge können, auch in Zeiten der Technik und des Laptops, ein poetisches Ereignis mit sich bringen. Und damit zu unserer Geschichte. Sie erscheint mir als Wunder, als eins der wenigen nicht nur glaubwürdigen, sondern sogar wahren, die man erlebt. Man darf, denkt man, nicht auf Wunder warten, dann passieren sie nie, man muss sich von ihnen anspringen lassen.
Also.
Unser Nachbar Stephan M. ist Besitzer der PC-Garage in einer märkischen Kleinstadt, der Laptops verkauft und instand setzt. Stephan M. ist ein eher sachlicher Techniker. Er und seine Frau Manuela lieben ihre kleinen Töchter. Und einmal kommt er nach Hause und erzählt:
Kürzlich haben wir einen Computer repariert. Ich schraubte ihn also auf. Und als ich die Abdeckung öffnete, flog ein Schmetterling heraus, der sich dort als Larve eingenistet hatte.
Ja, denke ich, ein Wunder. Stephen Hawking, der geniale Physiker im Rollstuhl, unfähig, sich auch nur zu bewegen und 2018 mit sechsundsiebzig gestorben, hat vermerkt: Es ist sehr wichtig, dass junge Leute ihren Sinn für Wunder behalten und dabei bleiben, immer nach dem Warum zu fragen.
Da hat ein meist missbrauchtes Wort endlich seinen Sinn: wunderbar – und die Bestätigung meines Wahlspruchs fürs Leben: Es wird schon heller! Es wird schon heller!
Aber es gibt noch ein weiteres Argument für die Titelwahl.
Zurzeit wird auf ARD ONE eine liebenswerte, realistische, aber auch poetische alte Fernsehserie wiederholt, sie heißt Ein Haus in der Toscana und handelt von einem Paar mit Kindern, das im deutschen Sehnsuchtsziel ein verkommenes altes Haus ausbauen will. Eins der Kinder, die damals bezaubernde Muriel Baumeister, die später ein schweres Schicksal zu meistern hatte, und ein junger Italiener, treffen sich allabendlich bei Sonnenuntergang auf einem Hügel und genießen verliebt die Stunde des Dunkelwerdens. Die Eltern aber, Stefan Wigger und Renate Schröter, erwachen morgens im Bett und sind glücklich bei Sonnenaufgang: wenn es heller wird! Auch wenn sie besorgt um die Kinder sein müssen. Um seine Kinder kann man viel Angst haben.
Hunger quälte, Durst tat weh und ein einzig Lot Kaffee kam auf sechzehn Pfennige. Kinder, sprach er, ihr seid Kinder, unschuldsvoll und keine Sünder. Ich zieh‘ vorn Prokop euch hin, der wird nicht so grausam sin, euch zu massakrieren. Das war, als die Hussiten vor Naumburg zogen, über Jena her und Camburg, auf der ganzen Vogelwies sah man nichts als Schwert und Spieß, an die hunderttausend. Das sagte ein zitternder Schullehrer, als er die Kinder von Naumburg vor den Anhängern des tschechischen Reformers Johannes Hus retten wollte, in den Hussitenkriegen von 1419 bis 1436. Dieses Lied kann ich auswendig, wirklich, seit dem Herbst 1944, als wir es in der Schule von Spremberg/Niederlausitz lernten, kurz vor der nächtlichen Flucht vor den Russen, mit Handgepäck in einem offenen Lastwagen.
Und ein weiteres Lied hieß: Horch, Kind, horch, wie der Sturmwind weht und rüttelt am Erker. Wenn der Braunschweiger draußen steht, dann rüttelts noch stärker. Lerne beten Kind und falten fromm die Händ’, damit Gott den tollen Christian von uns wend … Der Musiklehrer war unser Lieblingslehrer. Und ich weiß noch, dass eines Tages zwei Männer im Ledermantel in die Klasse kamen und ob wir sagen könnten, zugeben, dass der Lehrer Witze über den Führer mache. Aber wir wussten nichts, kein einziger Schüler denunzierte seinen Lehrer, und die Ledermäntel von der Gestapo mit ihren Trägern zogen frustriert wieder ab. Landknechtslieder lehrten uns, wie gefährdet Kinder von jeher waren. Kinder erinnern einen immer an die eigene Kriegsjugend mit Luftschutzkeller, Ausbombung und brennendem Haus, an die mehrfache Flucht zwischen 1943 und 1945, und ab 1946, die Zeit, in der man Angst hatte, selbst entführt zu werden.
Kinder sind wichtig für uns: durch drei eigene und durch bisher fünf Enkelsöhne. Für den Autor auch deshalb, weil Kinder so sprachschöpferisch sind! Weil sie um für sie neue Worte ringen. Weil sie sich ihre eigenen Ausdrücke zurechtbasteln. Weil sie Worte so plastisch verändern. Der Älteste, aus Angst vor Hubschraubern über den Köpfen: Rauber! Rauber! Blauwarm statt lauwarm. Geleidigt statt beleidigt. Ich bin nicht mude. Karlfreitag statt Karfreitag. Und unzählige andere. Kinder, weil sie geschützt werden müssen, statt zu Kindersoldaten erzogen zu werden und zu töten und getötet zu werden.
Berühmte Fotos des Jahres mit dem nackten kleinen Mädchen, das weinend auf der Flucht eine Straße entlang rennt. Oder die angetriebene Kinderleiche am türkischen Meeresstrand. Hungernde, verhungernde oder verhungerte Kinder in Elendsländern und Kriegsgebieten. Und, immer wieder, das Foto des vierjährigen Mohamed, Flüchtlingskind in Berlin, an der Hand seines Mörders, der ihn aus der Menge herausgelöst hat. Ein kleines Kind, bange, aber widerstandslos: Wie sollte es sich denn auch wehren können.
Eine überall zu verstehende Angst um die Kinder. Angst vor Krankheit, Unfall oder Entführung. Fernsehproduzenten und Redakteure sind begeistert von diesem Motiv, sie bringen es in allerlei Variationen mehrfach im Monat, wahrscheinlich, weil es kaum noch neue Motive gibt und die alten immer wieder herhalten müssen. Bei fünfzig Krimis monatlich allein bei den Öffentlich-Rechtlichen muss das wohl so sein. Hoffentlich regt es nie zur Nachahmung an, denn die jeweiligen Mörder bei den diversen SOKOS werden kurz vor der Heute-Sendung im ZDF um 19 Uhr immer gestellt und in das Polizeifahrzeug gestoßen. Macht sich da kein Redakteur Gedanken? Höchstens um die Einschaltquote.
Die Vergangenheit gibt niemals Ruhe. Drängt sich immer wieder unaufgefordert in die Gegenwart hinein. Meldet sich nachts oder auch tagsüber, wenn bestimmte Anblicke oder auch Assoziationen dazu auffordern. Also. Das war 1946. Meinen Vater hatten, fünf Monate nach Kriegsende, die Russen mitgenommen und nie wiedergebracht. Ich war, mit vierzehn, sozusagen, Familienoberhaupt für meine Mutter und meinen jüngeren Bruder.
Ich bin als Dreizehnjähriger, also fast noch als Kind, allein hamstern gefahren, habe Streichhölzer und Scheuertücher mitgebracht und bei mürrischen Bauern im Umland gegen Lebensmittel eingetauscht. Kam nach langer Bahnfahrt in Nauen an – eingleisig, denn die Sowjets hatten das zweite Gleis demontiert, um es in russischen Weiten verrosten zu lassen – und hatte unterwegs den Telegraf gelesen, eine sozialdemokratische Berliner Tageszeitung neben Tagesspiegel und der Neuen Zeitung, die von den Amerikanern herausgegeben wurde. Die Schlagzeile lautete: 400 Berliner Kinder in die Sowjetunion entführt.
Ob wahr oder erfunden, ich glaubte es und hatte Angst, an diesem Tag auch entführt zu werden, um nie wiederzukommen. Hatte Angst, meiner Mutter auch den zweiten Verlust zu bescheren: mich. Dann hätte mein Bruder die Verantwortung für meine Mutter: Er war neun. Ich ging mit den anderen Reisenden zum Ausgang hinunter. Wir hatten ja, noch jahrelang, kein Telefon, und es gab noch Jahrzehnte keine Handys. Unten stand die Reihe der kontrollierenden Polizei, deutsche Polizisten mit Holzknüppeln und bewaffnete Russen, und sie verlangten die Ausweise. Aber ich war erst dreizehn, und man ließ mich unbeachtet passieren. Manchmal träume ich heute noch davon.
Nun sind wir, einfach verrückt ist das, schon zwei Generationen weiter. Die Jungen: wenig Geschichte, kaum Kenntnis der Vergangenheit. iPad-Generation. Sie sitzen mit Eltern und Großeltern zusammen beim Essen, haben aber fast nur Kontakt mit ihren Tablets, Computern und Smartphones. Doch manche haben Sprachgefühl, man spürt, dass ihnen auch vorgelesen wird.
Enkelsohn Jim, zehn Jahre alt, hat einen Hausaufsatz mit einem Wunschthema zu schreiben.
Er schreibt über Bienen.
Ich bin auf Bienen gekommen, weil sie wichtig für die Natur und für die Menschen sind und ich mehr über Bienen wissen wollte.
Jim macht sich tagelang kundig über Bienen und schreibt am Ende seines dreiseitigen Aufsatzes: Jetzt weiß ich viel mehr über die Bienen. Honig mag ich aber immer noch nicht.
Seine Lehrerin schreibt darunter: Lieber Jim, großes Lob für diesen tollen Aufsatz! Du hast gut formuliert, obwohl du viel Mühe/Schwierigkeiten hattest, eine Auswahl aus der Fülle zu treffen … und so weiter. Es ist also ein toller Aufsatz, aber herzlich.
Bravo für beide: den Bienenspezialisten und für die verständnisvolle Lehrerin! Was für ein Fortschritt in der Pädagogik! Allein der kühne Schlusssatz hätte reaktionäre und autoritäre Lehrer veranlasst, den Aufsatz mit der Anmerkung Thema verfehlt schlecht zu benoten. Nein, auch und gerade heute gibt es immer noch wenig verständnisvolle Lehrer, da müssen Quereinsteiger und pensionierte Hilfskräfte ohne Lehrbefugnis ran – aber vielleicht gibt es viele unter ihnen, die Persönlichkeit genug haben, um den Kindern Gesprächspartner oder Vorbild zu sein.
Die Musikgruppe der Schule übt zum ersten Mal Die Zauberflöte, Oper in zwei Aufzügen von Wolfgang Amadeus Mozart, uraufgeführt 1791 in Wien. Libretto: Emanuel Schikaneder. Wochenlange Proben. Das Bühnenbild entsteht. Die Opernaufführung wächst langsam zusammen. Viel Enthusiasmus. Ungewöhnliches Engagement. Nächste Woche ist Premiere.
Enkelsohn Jim (10) ist mit seiner Blockflöte dabei.
Ich: Und? Wie findest du sie?
Jim: Wen?
Ich: Die Zauberflöte.
Jim: Die Zauberflöte ist blöd. Es geht ja nur darum, Frauen anzubaggern!
Enkelsohn Len, acht Jahre alt, cool zur Schulärztin, die ihn impfen will:
Nimm die Flossen weg!
Oder: Über mich bestimme ich selbst!
Übrigens nennt er seine Lehrerin Täubchen!
Chefs in Kliniken sind vielfach hochmusikalisch. Sie spielen fast immer Streichinstrumente. Als unser Ältester geboren wurde, spielte der Chefarzt natürlich gerade wieder im Ärzteorchester, ich glaube, Händel.
Ein junger Assistenzarzt war nun für die Entbindung zuständig, aber er wurde ohnmächtig und sank neben der Hebamme zu Boden, die das Kommando übernahm. Und die junge Mutter, meine Frau, erschöpft, aber nebenbei glücklich über ihr erstes Kind, wandte sich dem jungen Mediziner zu und tröstete ihn.
Oder:
Angst um die Jüngste, die als Kleinkind mit Pseudokrupp im Krankenhaus lag und bei schwerer Atemnot zu ersticken drohte. Da standen wir vor der Tür ihres Zimmers und konnten nicht hinein, damals durften Eltern noch nicht bei ihren Kindern übernachten und Wache halten. Wir sprachen mit dem Stationsarzt und hörten, dass unsere Tochter uns hörte. Sie krächzte fast unhörbar: Mama … Papa.
Dezember 2016, Terror-Attentat auf dem Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche. Gerade hat der polnische Sattelschlepper mit dem toten Fahrer und dem Attentäter am Steuer Verkaufsstände niedergewalzt, zwölf Menschen umgebracht, viele andere verletzt, teilweise lebensgefährlich schwer. Schreie, Tränen, Chaos, Polizei, Sanitäter, Feuerwehr, Ärzte und fliehende Weihnachtsmarktbesucher. Im Vordergrund der Reporter, der sich stockend bemüht, den entsetzten Fernsehzuschauern Informationen zu vermitteln, die er noch nicht haben kann.
Es sind zehn Sekunden, die haften bleiben: im Hintergrund, nur für Fernsehzuschauer, die nicht fassungslos auf den Reporter starren, ein Polizist in seiner schwarzen Uniform. Er schiebt und zieht einen Kinderwagen schaukelnd vor und zurück, vor und zurück, immer wieder, er versucht offenbar, das Kind darin, nicht sein Kind, zu beruhigen und in den Schlaf zu wiegen, vielleicht die toten oder verletzten Eltern zu ersetzen: eine kleine Ewigkeit lang. Das unbeobachtete Ereignis dieses Abends voller Schrecken: Wer hat es gesehen?
Im zweiten Weltkrieg mussten wir Kinder schweigen, oder wir wurden aus dem Zimmer geschickt, wenn die Eltern mit ihren Bekannten, Freunden oder gar Vorgesetzten zusammen Kaffee tranken und leise sprachen. Ein falsches, ein aufgeschnapptes Wort in der Schule und die Gestapo erschien zu Hause. Wir mussten immer gehorchen und wir gehorchten auch. Wir wussten nicht, was es bedeutete widerzuworten, mit Erwachsenen zu streiten, eine eigene Meinung zu haben.
Ich beneide meine Enkelsöhne Jim und Len. Ich habe, als Kriegskind, nie gewusst, dass man Selbstbewusstsein haben und sich wehren kann, dass es möglich ist, trotzig und frech zu sein. Ich war lange Zeit viel zu schüchtern. Hatte schon Angst vor Spott, als ich in der Volksschule, wie alle anderen Schüler auch, meine Vornamen nennen musste: Horst Max Ferdinand. Vorname zwei und drei waren in Deutschland unbekannt. Habe davon geträumt, mit einem Löwen befreundet zu sein, der mit mir in die Schule kommt und mich beschützt.
Unsere Enkelkinder sind sehr herzlich bis zärtlich, wenn sie zu uns kommen.
Die Enkelsöhne Jim und Len umarmen mich neuerdings bei jedem Treffen herzlich. Und Len bittet mich gestern beim Essen im nahen Café, mir ein Haar zwischen den Augenbrauen ausreißen zu dürfen.
Opa, darf ich –
Klar, kannst du. Warum?
Damit ich etwas von dir habe, wenn du stirbst.
Das ist völlig in Ordnung. Wie hübsch, ja, rührend. Das ist eine Folge der vernünftigen Vorbereitung durch seine Eltern, meine Tochter und den Schwiegersohn. Es ist ja nicht tragisch, höchstens traurig. Ich bin, vergleichsweise, schon weit über die Zeit. Ich bin sechsundachtzig, auf der Zielgeraden, ich verdränge es auch nicht. Frauen werden zurzeit durchschnittlich zweiundachtzig, Männer achtundsiebzig. Ich lebe schon weit über meine Verhältnisse. Ich staune höchstens darüber.
Wer sehr alt wird, bestraft sich selbst. Man verliert fast alle Freunde. Aber da ist ein Trost: Man begegnet ihnen ständig wieder. Irgendwo. Irgendwann. Fast täglich. In Gedanken, in Schrift und Bild und Ton, im Gespräch mit den Lebenden.
Der zweite Sohn, Bernhard, hat nach dem Zeitalter der Anpassung früh mit dem Ungehorsam und dem Aufmucken begonnen. Hat einmal einen Schaukelstuhl mit in die Klasse gebracht und sich draufgesetzt: Das verbiete die Schulordnung nicht. Es setzte einen Verweis. Und seinem Lehrer, Herrn Deutelmoser, hat er auf eine Rüge hin entgegengehalten: Hier wird nicht gedeutelt und gemosert. Setzte das einen Rektoratsverweis? Er hat in unserm CSU-Dorf am Münchener Stadtrand eine Demo gegen das nächste Atomkraftwerk organisiert und der CSU-Bürgermeister kam zu uns nach Hause, um uns zu veranlassen, ihn davon abzuhalten.
Qualvoll ist es, zu hören oder im Fernsehen mitzubekommen, was mit Kindern geschieht, wie Kinder leiden müssen, in Familien, Diktaturen, durch Gewalt. Und eingesperrt in Elendsländern, hungernd, halb verhungert, dem Tode nah. Aber auch in angeblich zivilisierten demokratischen Ländern, schweigend, erduldend, missbraucht.
In den Siebzigerjahren gab es sechshundert Fälle von Misshandlung und Missbrauch der Regensburger Domspatzen durch ihre geistlichen Betreuer. Wie konnten diese gedemütigten und verängstigten Kinder nur so wunderbar singen, überirdisch schön? Wie kamen da klare, strahlende Töne aus ihren Kehlen? Wie konnten sie geschändet sein? Sie vermochten sich nicht zu wehren. Verantworten sollen, müssen sich nun die Schänder und die, die zugesehen und geschwiegen haben.
Von der Kirche missbraucht heißt die Autobiografie eines der vielen Opfer, das für späte Genugtuung kämpft, nicht für Rache. Der zerbrochene Engel ist der Titel des Buches, das ein weiterer Missbrauchter geschrieben hat, erbittert und hart. Auch die vielen anderen Gewalttätigkeiten wie Prügel waren für die Spatzen selbstverständlich. Spatzen! Auch Ex-Papst-Bruder Ratzinger hat wohl furchtbar geprügelt. Wenn er einen Achtziger verabreicht hat, erzählte mir ein ehemaliger Domspatz in München, dann hat man geschwankt. Aber bei einem Hunderter ist man zu Boden gegangen. Das kommt alles nun wieder hoch. Und sein Gehalt bezieht der Geistliche wohl immer noch und ebenso wie der furchtbare Bischof Mixa, der Missbrauch schamlos und ohne Reue damit rechtfertigte, dass die Sexualität ja durch die Medien gefördert werde – solche Menschen beziehen ihre Pensionen wohl laut Vertrag vom Freistaat Bayern.
Haben katholische Priester die geringste Legitimation, ihren Pfarrkindern Sünden vorzuwerfen oder ihre Lebensweise zu beurteilen, sie bei Zweitehen zu entlassen, sie beichten zu lassen und sie zu Bußen zu verurteilen oder in den Sonntagspredigten der Rundfunksender nichts davon zu erwähnen? Beliebt ist stattdessen die tausendste Deutung eines Bibelspruches.
Zu Synoden oder anderen Treffen fahren die religiösen Eliten in PS-starken, sündteuren Wagen der Luxusklasse vor, obwohl da etwa ein VW-Passat genügen würde. Oder ein Golf. Papst Franziskus, immerhin, bevorzugt sogar einen FIAT 500. Aber die Anfahrt für die Kameras ist für die anderen noch wichtiger als die Fahrt zum Ziel. Und vor dem Treffen kommt ein Gruppenfoto mit den versammelten Kirchengrößen, und da stehen sie dann nebeneinander, die Verdränger, die Verheimlicher, die Vertuscher, die Mitschuldigen, die Unschuldigen und die Schuldigen, arglos, wichtig, gewichtig und die Hände fromm vor dem Geschlecht gefaltet. Aber: Erbitterung ist einfach. Trotz aller Erbitterung wäre es unchristlich, Ferdinand von Schirach nicht zu zitieren, der mit Alexander Kluge zusammen das Buch Die Herzlichkeit der Vernunft geschrieben hat:
Tatsächlich ist (…) in dem Strafverfahren der Begriff das Böse fremd. Dort werden Tat und Täter untersucht, nicht Gut und Böse. Seine Begriffe sind Freiheitsstrafe, Sicherungsverwahrung und Führungsaufsicht – nie aber Hölle und Verdammnis.
In diesem Falle kostet das Akzeptieren viel Überwindung.
Die abenteuerliche Sprache der Justiz wie die aller Bürokraten macht auch vor Kindern nicht halt.
Zwei Kinder ermordet, der Täter in der Schweiz gefasst. Der Staatsanwalt stellt fest: ein Tötungsdelikt zum Nachteil der Kinder. Wirklich: zum Nachteil der Kinder. Eine grauenhafte Tat, aber auch: was für ein schauerliches, unmenschliches Juristendeutsch. Oder Totschlag: Totschlag bedeutet wohl gar nicht, dass man unbedingt jemanden totschlagen muss. Totschlag ist eher ein Sammelbegriff für sehr unterschiedliche Delikte.
Ich hatte viel Angst als Kind. Vielleicht wegen des Bombenkrieges, wegen der schweigsamen Erwachsenen und ihrer Welt, und wegen der vielen Fluchten bei Kriegsende.
Manchmal erschien mir der Mond nahe dem Horizont, bei Vollmond und bei klarem Wetter als riesengroß. Und ich dachte: Nun kommt er auf die Erde zu und stößt mit ihr zusammen, und die Welt geht unter, ich also auch.
Ich dachte: Für mich wird es keine Frau geben, nie, ich bin zu schüchtern und habe zu wenig Selbstbewusstsein, um eine zu erobern, und es sind ja schon alle vergeben. Ich wusste nicht, dass alle zu vergeben sind.
Ich dachte, erst halb aufgeklärt: Wenn diese Eltern da vier Kinder haben, müssen sie schon viermal mit einander geschlafen haben! So oft!
Ich dachte: Wie kann man nach einer Liebesnacht überhaupt arbeiten? Die Nacht ist doch zum Schlafen da. Und dann hörte ich den Filmschlager: Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da.
