Esplanada - Sebastian Teruel - E-Book

Esplanada E-Book

Sebastian Teruel

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Beschreibung

Die Geschichten auf der Terrasse einer Weinbar, mit humorvollen Dialogen zwischen einem kauzigen Bücherwurm (Ich-Erzähler) und der äußerst freundlichen Bedienung über die sinnigen und unsinnigen Nebensächlichkeiten des Lebens.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 96

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Sebastian Teruel

Esplanada

Geschichten eines Sommers

© 2021 Sebastian Teruel

Coverphoto: Sven Klaipedat

Verlag und Druck:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

 

Paperback:

978-3-347-26577-6

e-Book:

978-3-347-26579-0

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt.

Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Mein Dank gilt allen, die mir geholfen haben – in technischer oder inhaltlicher Weise. Natürlich all jenen, die mich lieben.

Alle Zitate werden kursiv kenntlich gemacht, die jeweiligen Urheber namentlich genannt. Sollte es zu Verletzungen bestehender Rechte gekommen sein, bittet der Autor um einen (freundlichen) Hinweis, wenn Änderungen vorzunehmen sind. Vielen Dank.

Kapitel 1

Losgegangen war ich bei bestem Sonnenschein, wollte auf der Esplanada sehen und gesehen werden, lesen und mich dabei betrinken.

Esplanada? Ja richtig… ›die Esplanada‹. Eine Bar mit einer großen Terrasse auf dem breiten Gehweg. Die Terrasse, umgrenzt von großen Steinkübeln mit Grüngewächsen, ist in der Sommerzeit gewissermaßen mein Wohnzimmer, Garten und Balkon, wenn ich es in meiner Ein-Zimmer-Wohnung nicht mehr aushalte, was sehr häufig vorkommt. An der Außenwand des Gebäudes sind Zweier- und Dreiersitzbänke angeschraubt, davor stehen Tische für zwei bis sechs Personen und weitere Tische und Stühle. Großartig ist der kleine Stadtpark gegenüber auf der anderen Straßenseite. Eine grüne Oase zwischen schönen fünfstöckigen Häusern, die im Gründerzeitstil um 1900 gebaut wurden und die sich beinahe alle im gut sanierten Zustand befinden. Großartig deshalb, da der Park Richtung Westen liegt und die Sonne an Sommerabenden noch lange durch die Bäume auf die Terrasse der Esplanada scheint.

Ein wunderbarer Ort, um sich ein wenig nutzlos-sinnend aller Getriebenheit des Tages zu entziehen. Ein Ort für gute und hoffnungsvolle Gedanken.

Aber des ›Schicksals Rad‹, der ›Lauf der Dinge‹, ließen mein Vorhaben entgleisen. Kaum hatte ich Platz genommen und ein schöner Abend sollte beginnen, als …

»Willst du nicht lieber rein? Regnet gleich«, empfahl mir die äußerst freundliche Bedienung, wie ich den Kerl nenne, der an den meisten Tagen des Sommers auf der Terrasse bedient. Ein hoch gewachsener, stets freundlicher Schlacks. Wir kennen uns seit vielen Jahren und machten uns oft einen Jux daraus, den anderen hin und wieder nicht zu ernst zu nehmen. Ich sah den blauen Himmel und die äußerst freundliche Bedienung an.

»Blödsinn, das Wetter bleibt so!«

»Ich glaube eher nicht, aber wenn du das sagst.«

»Was soll der Unsinn, hier den Wetterfrosch zu spielen? Das wird ein wunderbarer Abend!«

Dass meine Weisheit den Göttern gleich und der eines Wetterfroschs weit überlegen sein müsse, war die entschuldigende und folgerichtige Antwort der äußerst freundlichen Bedienung.

»Na also.«

***

Zwanzig Minuten später goss es in Strömen. Kein majestätisches Gewitter mit blitzenden Lichtgewalten, durchschlagendem Donner und tanzenden Baumkronen im Wind, welche die Mächte und Möglichkeiten dieser Welt bejubelten und am Himmel den Beweis für die Kraft des Lebens und des Seins belegten. Kein sommerlich-energievoller Ausbruch eines gewaltigen Wettergottes. Wahrlich nicht.

Dieser Regen war anderes. Er verdrängte den schönen Frühlingstag mit einer unangenehmen kalten Luft und prasselte aus einer schrecklichen grau-schwarzen Wolkendecke herunter, die so tief lag, dass von einem Himmel nicht mehr die Rede sein konnte. Erdrückend und ohne Erhabenheit eines Unendlich-Großen, eine entmutigende, schwer geduckte Niedrigkeit.

Einen Himmel gab es nicht mehr. Der beunruhigende Eintrag von Galileo Galilei in seinen Aufzeichnungen vom 10. Januar anno 1610 – als er zu wissen meinte, die Welt drehe sich um die Sonne – »Himmel abgeschafft«, wurde zur Wahrheit.

Ein abgeschaffter Himmel ist keine tröstliche Vorstellung, auch wenn sie dem einen oder anderen als Wahrheit gilt – schön ist sie nicht, diese Vorstellung. Wie oft ist das Leben der Menschen traurig und bedarf des Trostes? Was nützt die reine Wahrheit, wenn doch Trost gebraucht wird?

Nun, statt beim Lesen in einem Straßencafé an einem kleinen Tischchen zu sehen und gesehen zu werden, saß ich allein, geflüchtet vor Kälte und Regen, im Innenraum der Bar an einem für eine Person viel zu großen Tisch. Was auf der Terrasse der Esplanada bei Sonnenschein wohl Sinn machte, war jetzt ein wenig lächerlich geworden.

Den Stiel des Weinglases mit meiner linken Hand fest umklammernd, starrte ich angestrengt auf das vor mir aufgeklappte, schon ein wenig zerfledderte Buch. Eine einsame Kerze auf dem Tisch war natürlich kein geeignetes Licht zum Lesen.

In der Bar brannte die spärliche Beleuchtung und ein paar Kerzen, albern und mit einem deprimierenden Ergebnis, gegen das trübe graue Tageslicht an. Der Raum war kalt und ungemütlich. Rauchschwaden zogen wie müde, freudlose Geister umher, die zu einer viel zu frühen Stunde aufgewacht waren. Die fröhliche und viel zu laute karibische Musik wollte – oh Wunder! – an einem verregneten Nachmittag nicht wirklich passen.

An den anderen Tischen, kunterbunt mit ungleichen Stühlen, Sesseln und Sofas umstellt, saßen in kleinen Grüppchen wenige andere Gäste, die trotz der trübsinnigen Atmosphäre erstaunlich gut gelaunt waren und das Beste aus dem frühen Abend zu machen schienen. Vor dem Tresen saßen auf Barhockern zwei weitere Gäste, sich lautstark unterhaltend.

Warum ging ich nicht nach Hause, legte mich in ein heißes Schaumbad und las dort gemütlich weiter?

Weil ich zwanzig Minuten zuvor beim Wetterfrosch zur Unterstreichung meiner göttergleichen Weisheit nicht nur ein Glas, sondern eine ganze Flasche Wein bestellt hatte.

Ich zuckte die Schultern, goss aus der halb vollen Flasche nach und beobachtete ein wenig niedergeschlagen das Geschehen. Ganz anderes die äußerst freundliche Bedienung. Elegant und galant wie immer navigierte er zwischen Tresen und Tischen hin und her. Er unterhielt sich freundlich mit den Gästen und war bemüht, alle bei Laune zu halten.

In den nächsten Stunden las ich, beobachtete und leerte nach und nach den Wein. Die Bar leerte sich an diesem Abend schnell und als die äußerst freundliche Bedienung eine erste Pause machen konnte, setzte er sich wie so oft mit einem Whisky zu mir. Ich packte mein Buch in meine Umhängetasche und wir erzählten uns alte und neue Geschichten.

Als kein anderer Gast mehr da war, begann die äußerst freundliche Bedienung den Tresen sauber zu machen. Ich hatte mich auf einen der Hocker gesetzt. Im vertrauten Schweigen alter Freunde gaben wir uns der Stille eines frühen regnerischen Abends hin. Ich wurde müde.

Ich zahlte und wir drückten uns herzlich zum Abschied.

***

Das nasskalte Regenwetter war weiter gezogen, ein wenig Wärme trotz der aufgeklarten Nacht zurückgekehrt. Wie unsichtbare Fußspuren waren die Sonnenstrahlen des Tages auf den Straßen und Häuserwänden zurückgeblieben. Die vom Regen feuchten Gehwege und Wände dampften nebelartig in den Lichtkränzen der Straßenlaternen. Es war schön und unheimlich zugleich. Ja, die Welt schlief tief und fest.

Der Nachthimmel war eine tiefblaue Unendlichkeit, der kurze Weg nach Hause wie gemacht für tröstliche und hoffnungsvolle Gedanken.

Ich atmete tief ein und schlenderte den Gehweg entlang.

Kapitel 2

Ungeachtet der späten Stunde strahlte die Sonne noch im vollen Schein, nicht bereit abzudanken, ungestört von Wolken. Denn endlich war er da, der erste Sommertag des Jahres, mit dem Duft von Wärme und Trockenheit, Baumblüten und Gräsern. Die Zeit der langen Nächte würde bald beginnen.

Nach einem langen Arbeitstag – acht monotone Stunden im Büro, bei diesem Sonnenschein! – lehnte ich mich gut gelaunt auf eine Bank der Esplanada zurück. Frisch geduscht, mit wohlriechendem Haar, Reinheit ausatmend und auf meinen Wein wartend.

Und was für ein Warten. Wir können traurig oder, noch schlimmer, wenn wir alt und krank sind, hoffend auf den Tod warten. Unruhig, ja nervös auf wichtige Nachrichten, die schon bald wieder unwichtig sein werden. Auf den Bus, einen Zug, ein Flugzeug. Warten, dass der Arbeitstag zum Feierabend wird, das Weihnachten vorbei ist. Ja, das Warten – dieser bittere Begleiter der Zeit.

Aber nein, mein Warten war friedlich. Warum? Da es nicht auf einen Abschluss drängte, ein Ergebnis, eine Vollendung oder Sinnhaftigkeit. Selbst wenn die äußerst freundliche Bedienung meinen Wein vergessen sollte, werde ich diese Ruhe des Wartens als Bestandteil der natürlichen Dinge des Lebens in mich aufnehmen. Sicher wären jetzt ein paar feine Schlückchen wünschenswert, aber diese werden noch kommen, da bin ich mir sicher und sollte deswegen keine Sorgen aufkommen lassen. Denn der Weltgeist, der uns in solchen Momenten besuchen kommt, wird den richtigen Zeitpunkt schon zu bestimmen wissen.

Eine Mutter mit einem Kleinkind im Kinderwagen, das mich stumm, aber mit vergnügt-staunenden Augen ansah, lief telefonierend an unseren Tischen vorbei.

Die Bezeichnung ›unseren‹ Tischen war nicht richtig. Es gab zu dieser Stunde noch keine ›unseren‹. Ich saß allein auf der Terrasse. ›The PrimeGuest‹. Ich bin nicht nur Stamm-, sondern meist auch der erste Gast der Esplanada, wenn diese an Wochentagen um achtzehn Uhr öffnet. Die äußerst freundliche Bedienung hatte die Stühle und Tische erst wenige Minuten zuvor aufgestellt, noch schnell meine Bestellung aufgenommen und ward seitdem nicht mehr gesehen.

Die Mutter mit dem Kinderwagen war stehen geblieben, konzentriert auf ihr Gespräch, und drückte dem Kleinkind ohne jede Not einen Schnuller in den Mund. Es hatte weder geschrien noch gemosert. Nur ein Glucksen war zu hören gewesen, ein »Bäh!«, womit es mich wohl begrüßen wollte. Sofort spuckte es den Schnuller aus und fing zu weinen an.

Die Mutter, die das nicht mitbekam, war wieder lautstark in das Drama ihres Telefonats verwickelt, dessen Höhepunkte, »Gibts denn so was?«, »Stell dir mal vor!«, »Also, wenn du mich fragst …« die Welt bereicherten.

Das Kind starrte mich tränenüberströmt an, ich lächelte es mit großen Augen freundlich an. Tatsächlich hörte das Kind mit dem Weinen auf und lächelte ebenfalls, stopfte sich dann nach Kleinkindart seine Händchen in den Mund und sah mir neugierig hinterher – da ich in der Ferne verschwand, während die Mutter weiterzuckelte.

Dieses kurze Zurücklächeln. Es war noch zu erkennen, auch wenn das Kind sich die Händchen weiterhin halb in den Mund stopfte. In den Augen war es zu sehen. Das Lächeln durchleuchtete alle noch eben geweinten Tränen.

»Ich wünsche dir alles Liebe«, murmelte ich dem Kind hinterher, während ein anderer Passant, der in diesem Moment vorbeiging, mich ein wenig erschrocken ansah, um dann schneller weiterzulaufen.

***

Die äußerst freundliche Bedienung hatte mich und meinen Wein vergessen … Der Weltgeist, seine Weissagungen, der Frieden und alle Liebe schmolzen in den wunderbaren abendlichen Sonnenstrahlen dahin.

Ich erinnerte höflich, ob, »wenn die Masse anderer Gäste bedient worden sei, es möglich wäre, auch mir einen Wein heranzutragen?«, und zeigte auf die leeren Tische, worauf die äußerst freundliche Bedienung antwortete, dass ich mich in Geduld üben müsse, da die Bar offiziell erst in zwanzig Minuten öffnen würde und ich nur aufgrund seiner Duldung hier bereits sitzen dürfe.

Meine ›innere Uhr‹ widersprach und ich erklärte, dass es durchaus schon Zeit wäre, den Laden zu öffnen, und wies darauf hin, ein ehrbarer Gast zu sein, ein ›PrimeGuest‹ sozusagen, und seine Antwort daher tadelnswert sei.

Die äußerst freundliche Bedienung gab mir zu verstehen, was er von meiner inneren Uhr hielt und sich lieber auf die an seinem Handgelenk verlasse und diese ihm sage, dass ich erst in zwanzig Minuten sein Gast sei. Ob ehrbar oder nicht, müsse er noch überlegen.

»Na gut.«

Ich holte Jack Kerouacs ›Desolation Angels‹ – Jacks wunderbare Geschichten von seinen Reisen durch die USA, Mexiko, Nordafrika und Europa in seiner unnachahmlichen ›On-the-Road‹-Art – aus meiner etwas in die Jahre gekommenen Umhängetasche hervor. Eine schöne Übereinkunft. Jack allein auf Reisen und ich bei ihm. Ich allein auf meinem Platz und Jack bei mir.

Eine Minute später stand ein Wein auf dem Tisch und die äußerst freundliche Bedienung nickte mir zu. Als ich nach Speis begehrte, erhielt ich zur Antwort, »dass die Küche noch nicht offen sei«.