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Berlin im Jahr 1910 – ein humorvoller Blick aus einer technikbegeisterten Vergangenheit in die Zukunft. »Das ist es ja, Müller. Haben Sie mal über den Zeitgeist nachgedacht? Eine ziemlich erschreckende Sache, wenn Sie mich fragen. Wir überlassen unsere Entscheidungen und das Denken dem Weltbetrieb, bald den Maschinen, im Glauben, alles würde dadurch schon in Ordnung kommen. Wir rasen in die Zukunft, ungehemmt im Rausch der modernen Zeiten, geblendet von Glanz und Versprechungen. Wir haben die Welt über unsere Kraft hinaus in Bewegung versetzt und verlieren darüber jedes Menschsein, vergessen, dass wir im Guten füreinander handeln müssen. Wir ahnen nicht einmal mehr, welche Kränkung wir uns mit dem Verlust unserer Würde antun, indem wir uns einer zwanghaften Maschinerie unterwerfen.«
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Seitenzahl: 228
Veröffentlichungsjahr: 2023
tredition Verlag
www.tredition.de
Sebastian Teruel
Moderne Zeiten
© 2023 Sebastian Teruel
Coverphoto: Sven Klaipedat
Verlag und Druck:
tredition GmbH, An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg
ISBN
Paperback: 978-3-347-88156-3
e-Book: 978-3-347-88162-4
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Der Autor dankt Sven Klaipedat und Andreas Eschle für ihre technische Unterstützung. Mein weiterer Dank gilt all jenen, die mich lieben.
Was bemerkt und erfasst der Zeitgeist der Moderne, wenn Delphine im Wasser spielen – ihr altes, herrliches Spiel?
Cover
Titelblatt
Urheberrechte
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
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Titelblatt
Urheberrechte
Kapitel 1
Kapitel 8
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Kapitel 1
Ein wenig mürrisch blickte Herr Gran durch die Bureaustube und kontrollierte, ob jeder seiner Arbeit nachging und keiner faulenzte. Herr Gran ist der Chef. Und der Chef ist, wenn wir mal ehrlich sind, nicht immer der beliebteste. Aber ihr werdet sehen, dass Herr Gran, der Chef, die Liebenswürdigkeit in Person sein kann.
Alle arbeiteten. Die Herren Passon und Albrecht. Selbst Herr Knabe, also Fritz. Sogar ich. Und selbstverständlich Frau Gleichgut, die »höchstpersönlich auf das Telephon aufpassen« solle, denn »ein solch teurer Apparat darf nicht von irgendeinem Dummkopf kaputtgemacht werden«.
So hatte es der Chef laut und deutlich vor versammelter Mannschaft durchs Bureau gebrüllt.
Ihr habt richtig gehört. Das Bureau der Firma Gran besitzt seit neuestem ein Telephon. Herr Gran, der Chef, benutzte das Telephon nicht. Es war ihm nicht geheuer, dass »jemand durch eine Schnur spricht«.
»Das ist ein Kabel, Herr Gran, und keine Schnur«, entgegnete Frau Gleichgut.
»Kabel, Schnur, ist doch egal«, erwiderte Herr Gran.
Wie auch immer, dieses Ding war dem Chef, Herrn Gran, nicht ganz koscher.
»Woher soll ich wissen, ob der andere beim Reden schwindelt, wenn ich ihm nicht in die Augen sehen kann?«, klagte Herr Gran, der Chef.
»Da kann jeder lügen und sogar rot dabei werden! Aber nicht, weil sich dieser Unmensch etwa schämt! Nein! Aus reiner Schadenfreude und Frechheit wird der rot. Womöglich sitzt diese Person im Morgenrock oder gleich ganz nackt in ihrem Bett und erlaubt sich, angesehene Geschäftsleute durch eine Schnur anzusprechen.«
Also wachte Frau Gleichgut über das Telephon.
Wenn das Telephon klingelt – und das passiert bestimmt drei bis vier Mal in der Woche –, hören alle sofort auf zu arbeiten und starren gebannt zu Frau Gleichgut. Sie wartet, bis Herr Gran, der Chef, drei Sekunden später die Tür seines Zimmers einen Spalt breit öffnet, um dann argwöhnisch und – er würde es nie zugeben – ängstlich zu Frau Gleichgut herüberzusehen.
Frau Gleichgut nahm den Hörer in die Hand. Ich muss dabei immer an den Griff einer Waggontür denken – natürlich meine ich den Hörer und nicht die Hand von Frau Gleichgut. Frau Gleichgut nahm also den Hörer von der sogenannten Gabel, einem gebogenen Stück Eisen, auf dem der Hörer sonst liegt. Ja, der Hörer wird abgenommen und nicht hochgenommen. Das kommt daher, dass die ersten Telephone – wie die öffentlichen – an der Wand verschraubt waren, und an diesen Apparaten wird eben ab- und nicht hochgenommen. Bei den Tischgeräten blieb es dann einfach beim Abnehmen. So spinne ich es mir zumindest zusammen. Das könnt ihr mir gern glauben.
Der Witz ist, dass in den Hörer auch hineingesprochen wird. Daher die waggongriffartige Form. Aus dem einen Ende hört man, was der Anrufer sagt, in das andere wird hineingesprochen. Beim Wandapparat ist der Hörer nur zum Hören da, gesprochen wird in jenen Kasten, der an der Wand festgeschraubt ist.
»Verstehe einer diese moderne Welt«, war der kopfschüttelnde Kommentar von Herrn Gran, dem Chef.
»Firma Gran, was wünschen Sie bitte?« Souverän und ohne Angst sprach Frau Gleichgut mit dem Geist aus der Schnur. Oder aus dem Kabel. Es ist wirklich egal, da muss ich Herrn Gran, dem Chef, recht geben.
Wie diese Apparate funktionierten, also wie das Gesprochene beim anderen an- und dessen Worte wieder zurückkamen, verstehe ich beim besten Willen auch nicht wirklich.
Die Geisterstimme sagte etwas.
»…«
Frau Gleichgut hörte geduldig der Geisterstimme zu. Wir anderen lauschten ebenfalls, hielten dabei den Atem an, hörten aber nichts.
Frau Gleichgut nickte. Nickte nochmals und sagte dann, dass Herr Gran »in einer wichtigen Besprechung« sei, er aber morgen einen Termin frei habe und dann gerne empfange.
Herr Gran, der Chef, noch immer ängstlich hinter der leicht geöffneten Tür, nickte ebenfalls eifrig.
»…«
»Nein, ans Telephon« – das Wort wurde stets sorgsam ausgesprochen, als könne ein falsches Aussprechen dem Apparat etwas anhaben –, »nein, ans Telephon könne Herr Gran leider nicht kommen.«
»…«
»Zurückrufen?« Frau Gleichmut nahm Haltung an. »Nein, Herr Gran bestehe darauf, »seinen Kunden persönlich zu Diensten zu sein«.
Erneutes Nicken vom Chef.
»…«
»Sehr gerne, die Firma Gran dankt.«
»…«
»Bis morgen.« Frau Gleichgut legte den Hörer auf die Gabel.
Ihr habt richtig gehört, es wird auf- und nicht angelegt. Vielleicht ist das ein Kompromiss zwischen Wand- und Tischapparaten? Auch hier könnt ihr mir gern glauben, dass ich es nicht weiß.
»Der Mensch gewöhnt sich schnell an alles und weiß nachher nicht mehr, warum die Dinge sind wie sie sind und warum sie heißen wie sie heißen«, sagte Herr Passon, der dienstälteste Mitarbeiter der Firma Gran, schlicht und einfach.
Alle schwiegen, nachdem Frau Gleichgut aufgelegt hatte. Erleichtert wollte Herr Gran, der Chef, seine Tür schließen, besann sich aber eines Besseren und erinnerte lautstark daran, »dass dies kein Kloster für betrunkene Mönche« sei, »die andächtig auf das Wunder hoffen, der liebe Gott würde für sie die Arbeit besorgen«. Dann fiel die Tür hörbar ins Schloss.
Wir überließen die Arbeit dennoch für ein paar Minuten sich selbst. Die Tinte trocknete auf den Documenten, die Akten verwahrten Abmachungen und die Uhr tickte – leider viel zu langsam – dem Feierabend entgegen. Sonst war es still. Zu stark schwebte noch der Geist aus der Schur im Raum. Einzig Frau Gleichgut trug in das Terminbuch die nächste Verabredung ein, erhob sich, ging durch das Bureau, klopfte an die Tür vom Chef und wurde von Herrn Gran mit einem lauten »Herein!« hineingebeten. Im Zimmer des Chefs schrieb sie denselben Termin ebenfalls in dessen Kalender. Durch die nicht ganz geschlossene Tür konnten wir das Gespräch zwischen den beiden mithören.
»Was, der? Den habe ich doch erst vor einer Woche gesehen. Warum kommt er nicht vorbei?«
»Ist es nicht sinnvoll, dass der Kunde vorher anruft, Herr Gran?«
»Anrufen. So eine Unsitte! Es gibt wohl kaum etwas Unhöflicheres als dieses Gebimmel. Da kann jeder Straßenlümmel anrufen! Womöglich, ohne dabei den Hut zu nehmen.«
»Herr Gran, wir leben in modernen Zeiten. 1910 nimmt am Telephon keiner den Hut …«
»Moderne Zeiten! Man stelle sich vor, jeder säße allein zu Hause und spräche über Apparate mit dem anderen!«
»Oh…, ich kenne da eine feine junge Dame, die sehr oft mit ihrer Freundin telephoniert.« Frau Gleichgut kannte all diese fortschrittlichen Wörter. »Und den jungen Damen scheint es zu gefallen.«
»Mädchengeschwätz! Spielereien! So ein Quatsch! Aber das geht mich alten Knacker nichts an. Wie soll das in der Geschäftswelt funktionieren? Wie sollen da Abmachungen getroffen werden? Ein Geschäft braucht zum Abschluss einen Händedruck, zwei oder mehr Unterschriften und mindestens genauso viele Schnäpse! Ein Geschäft machen mit einem Geist? Soweit kommt’s noch! Das muss man sich mal vorstellen, nachher machen die Geister ihre Geschäfte alleine und der ehrenhafte Geschäftsmann kann endgültig seinen Hut nehmen! Wo bleibt da die Freude am Geschäft?«
»Sie sollten mit der Zeit gehen, Herr Gran.«
»Die Zeit! Die Zeit ist ein Lump. Während der Arbeit rast sie dahin. Aber ist der Arbeitstag vorbei, schleicht sie träge und faul vor sich hin, und die Taugenichtse fangen zu saufen an, weil sie nicht wissen, was sie mit ihrer Freizeit machen sollen. Herrgott! Dürfte jeder erst sterben, nachdem er seine Arbeit getan hätte, würde so mancher ewig leben! Und gäbe es den Schnaps umsonst, die Leute würden nicht mehr aufhören zu saufen!«
»Na, was den Schnaps betrifft, sind Sie auch nicht ohne, Herr Gran.«
Frau Gleichgut kann sich solche Bemerkungen gegenüber dem Chef erlauben, da Herr Gran, wie ihr schon bemerkt habt, sehr altmodisch ist und sich, selbst wenn er sich aufregt, dem sogenannten schwachenGeschlecht gegenüber stets wie ein Gentleman verhält.
»Die Zeiten ändern sich, Herr Gran.«
»Nicht die Zeiten ändern sich. Nur die Dummheit wird schlimmer, denn die ist kostenlos und für jeden leicht zu haben. Manchmal denke ich, die Leute glauben tatsächlich daran, der Lebenssinn bestünde im Faulenzen und Nichtstun. Bloß keine Anstrengung zu viel!«
Herr Gran, der Chef, wurde ein wenig lauter.
»Die Tage mit sinnvoller Beschäftigung sind bei einigen wahrhaftig rar gesät. Es ist zum Verrücktwerden. Nähme man den Leuten den modernen Firlefanz weg, könnte für den einen oder anderen die Hoffnung bestehen, dass dieser sich wieder in einen normalen Menschen verwandelt – aber so? Was die Leute als modern und neu beschreien, ist meist nichts weiter als der Einfall eines Dummen, den zehn Wohlschaffende nicht brauchen können. Da wird Gutbewährtes als neue Zauberei vorgeführt und die Leichtgläubigen merken in ihrer Begeisterung nicht, dass ihnen ein alter Hut in neuer Farbe verkauft wird! Braucht der Mensch endlose Veränderungen, um glücklich zu sein? Es ist kaum zu glauben. Die Leute galoppieren jeder Dummheit nach und wachen erst auf, wenn sie vom Pferd stürzen und auf ihre Är… Na! Sie wissen schon, Frau Gleichgut!«
»Ja, ich weiß!«, hörten wir Frau Gleichgut, ein wenig strenger als sonst, antworten.
»Kann ich noch etwas für Sie tun, Herr Gran?«
»Nein, und verzeihen Sie mir bitte meine Ausschweifungen. Hier sind die Papiere für die Post. Ich danke Ihnen, Frau Gleichgut«.
Frau Gleichgut ging zurück in die Bureaustube und schloss leise die Tür hinter sich.
***
Nun …
Jede Geschichte, jedes Ereignis hat ihren, hat seinen Anfang. Aber genau genommen war das soeben Gehörte kein rechter Anfang und gewiss weit entfernt von einem besonderen Ereignis.
Und doch macht es der junge Erzähler richtig, seine Geschichte mit jenen Tagen zu beginnen, an denen er in den Weltenlauf eintritt, in jene Zeit, die wir als ›modern‹ bezeichnen.
Leichtfertig behaupten wir, unsere Zeit sei modern, obgleich wir wissen, dass das Heutige schnell in das Meer der Vergangenheit, in ein Aus und Vorbei fließt, nur weniges Dauer und Bestand hat und haben wird. Denn lang ist die Kette, in der ein Zeitalter das nächste ablöst, eine neue Moderne die alte zu übertrumpfen meint.
Bleiben wir also in unserer Zeit und schauen nur ein wenig zurück, einige Wochen oder Monate vielleicht, zum Anfang dieser Geschichte, die in jener Bureaustube beginnt, von der schon die Rede war. Denn es liegt an uns, mutig und beherzt in den Verlauf der Welt zu springen – natürlich mit der Hoffnung, dass dies unter günstigen Voraussetzungen im so wankelmütigen Glück der Welt geschehen darf. Und es liegt auch an uns, in unserer Zeit zu wirken, denn die Ereignisse sind nicht unumstößlich, unsere Erlebnisse liegen nicht selten auch in unseren Händen.
Hören wir also dem jungen Erzähler weiter zu.
***
Vor circa einem Jahr gelang es mir, eine Anstellung als Lehrling zum Copisten bei der ›Fa. Gran, Schreibbureau für Documente der Jura und Amtlicher Geschäfte‹, zu ergattern. Wenn ich meine Sache gut machte, würde ich mich in einem Jahr einen Commis nennen dürfen. Nicht schlecht für einen, der dann erst achtzehn Jahre alt sein wird, oder?
Das Bureau liegt parterre in einer unscheinbaren Nebenstraße, aber immerhin in der Nähe der Oranienburger, also im Herzen von Berlin, wo viele jüdische Geschäfte und Bureaus sesshaft sind. Der vordere Raum ist mit drei Schreibtischen und einem Stehpult sowie mit zwei Sesseln für die Kundschaft möbliert. Herr Gran, der Chef, hat wenige, dafür aber »sehr wichtige Kundschaft!«, wie er mir nie einzuschärfen vergisst.
Sind Kleinigkeiten in den Verträgen offen geblieben, wird der Laufbursche losgeschickt. Für wichtige und vertrauliche Documente gehen Herr Gran, der Chef, oder die Herren Albrecht und Passon persönlich zur Kundschaft.
Wenn wir es genau nehmen wollen, ist es der Laufbursche, der zwischen den Aufträgen auf einem der Sessel herumlümmelt. Fragt mich nicht, wie diese Laufburschen heißen, denn sie wechseln schneller, als sie laufen können.
Im zweiten Raum, dem Zimmer des Chefs, stehen ein großer Schreibtisch und ebenfalls Sitzgelegenheiten für seine Gäste. Natürlich gibt es in beiden Räumen mehrere Schränke mit hunderten von Akten, die keiner zählen will. Ich auch nicht.
Zu guter Letzt gibt es eine kleine Teeküche und selbstredend ein stilles Örtchen.
Da ich nicht auf den Kopf gefallen bin, war mir klar, dass es selbst in Zeiten großer Druckermaschinen immer einen Copisten braucht, der werttragende Documente copiert, damit nichts Wichtiges in Geschäft und Juristerei verloren geht. Wo kämen wir hin, wenn zwei, drei Copien eines Vertrages anzufertigen sind, gleich eine ganze Druckerei beschäftigt würde?
»Sie haben eine verantwortungsvolle und wichtige Aufgabe, junger Mann!«, mahnte mich Herr Gran, der Chef, gleich am ersten Tag.
»Jawohl, danke, Herr Gran!«
So besteht meine Aufgabe darin, genaue Abschriften von den Verträgen für die Parteien anzufertigen, nicht selten für Anwälte, gar für Behörden oder den Gerichtshof. Fehler sind nicht erlaubt – und mir wurden von Anfang an welche zugetraut. Das könnt ihr mir gern glauben. Deshalb liest Herr Passon meine Abschriften lieber ein zweites Mal durch. Dabei bemerkte er einmal, dass ich hin und wieder »ungeschickte Formulierungen« benutzen würde, wenn es hieß, selbst ein Schreiben zu verfassen. Ich muss zugeben, dass ich schon so manchen Irrtum verwechselt habe. Aber Herr Passon schimpft nie. Das ist mir natürlich lieb und recht.
***
Wir nahmen unsere Arbeit wieder auf, nachdem der Geist der Schnur verschwunden und Frau Gleichgut an ihren Platz zurückgekehrt war.
»Frau Gleichgut, war der Laufbursche bereits da? Ich habe ein wichtiges Document, das noch heute zum Kunden muss«, sagte der Chef, Herr Gran, als er kurze Zeit später die Bureaustube wieder betrat.
»Ach, Herr Gran! Ich hatte gehofft, dass er es sich noch anders überlegt«, sagte Frau Gleichgut etwas verlegen.
»Anders überlegt? Was ist passiert?!«
»Schlechte Nachrichten. Der Laufbursche hat zum Ende der Woche gekündigt und scheint nicht mehr auftauchen zu wollen.«
»Was? Wieso denn?«
»Seien Sie unbesorgt, Herr Gran, ich habe bei der Stellenvermittlung bereits einen neuen angefragt. Die werden uns bald einen Jungen herschicken.«
»Wieso hat er gekündigt?«
»Herr Gran, die jungen Leute haben Pläne, der junge Herr ist der Meinung, dass …«
»Pläne? Meinung? Der Lümmel hat noch vor einem Jahr an Elfen und Feen geglaubt und am Daumen gelutscht. Und jetzt gehen ihm Pläne und Meinungen durch den Kopf?«
»Ja, Herr Gran. Der junge Herr meint, dass ein Anruf genüge und es nicht mehr nötig sei, einen Laufburschen zu schicken. Er glaubt, dass sein Beruf keine Zukunft habe.«
»Himmelherrgottarschnochmal!«
»Herr Gran!«, mahnte Frau Gleichgut, halb erschrocken, halb empört. »Ich werde nochmal bei der Stellenvermittlung anrufen und nach einem neuen Laufburschen fragen.«
»Ja, bitte, machen Sie das«, bat Herr Gran Frau Gleichgut, sah dabei aber mich prüfend an, als er weitersprach.
»Nicht, dass der Neue hier ein Pfiffikus wäre, aber er kann bis drei zählen. Glauben Sie mir, Frau Gleichgut, das traue ich nicht jedem zu! Der Neue wird die Post bringen und holen, bis wir einen Ersatz haben.«
Der Neue war natürlich ich … ihr wisst schon, ich war gemeint.
»Mir fiele da jemand ein«, meldete sich Herr Albrecht. »Ein gescheiter und flinker Bursche, der auf abenteuerliche Weise beim Kolonialamt gestrandet ist. Er könnte schon bald, vielleicht sogar sofort anfangen.«
»Auch gut, Herr Albrecht, falls es mit der Stellenvermittlung nicht klappt.«
***
Herr Albrecht ist der Prokurist der Firma Gran, hatte im vergangenen Jahr seinen fünfzigsten Geburtstag gefeiert und ist zwei Jahre jünger als Herr Gran, der Chef. Herr Albrecht war in seinem Leben um die halbe Welt gereist, die längste Zeit sogar in Afrika gewesen – und das als Missionspfarrer! Irrtum ausgeschlossen! Ein Pfaffe in unserem Bureau. Dabei sieht Herr Albrecht überhaupt nicht aus wie ein Geistlicher.
Herr Albrecht ist ein großer, kräftiger Kerl mit einem dicken Schnauzer und dichtem schwarzen Haar. An heißen Tagen im Sommer wirft Herr Albrecht seine Krawatte über die Stuhllehne, öffnet die oberen Knöpfe seines Hemdes und krempelt die Ärmel hoch. Dann sieht Herr Albrecht wie ein Weltenbummler aus – keine Spur mehr von einem Pfarrer. Ich hatte Photographien aus Afrika gesehen, auf denen ein großer weißer Mann, Herr Albrecht als Pfarrer auf Mission, lachend in einer Schar ebenfalls lachender schwarzer Kinder zu sehen ist. Wie mir berichtet wurde, versteht und spricht Herr Albrecht mehrere fremde und seltsame Sprachen, von denen ich nicht mal wusste, dass es sie gibt.
Nach einem Unfall in der afrikanischen Wildnis war sein rechtes Bein nur schlecht verheilt. Seitdem hinkt Herr Albrecht ein wenig, und Reisen in die Ferne ließ er von nun an sein. Ein Kirchenamt hierzulande wollte Herr Albrecht nicht mehr antreten. Auch wenn die langen Reisen nicht mehr möglich waren, blieb Herr Albrecht ein »stets reger und rastloser Mann«. So Frau Gleichgut.
»Der eine humpelt mit dem Bein, der andere im Kopf«, sagte Herr Albrecht jedem, der ihn zum ersten Mal traf und unwillkürlich auf sein Bein starrte.
Wie ihr schon gehört habt, hatte Herr Albrecht gute Kontakte zum Kolonialamt und versuchte, zu helfen und zu vermitteln, wo er nur konnte. Herr Albrecht ist einer der hilfsbereitesten Menschen, die ich kenne.
***
»Herr Passon, können wir den Neuen ein paar Stunden oder sogar bis morgen entbehren, solange wir noch keinen Ersatz haben?«, fragte Herr Gran, der Chef, Herrn Passon.
»Die Rückstände sind nicht allzu groß«, sagte Herr Passon zustimmend und klopfte auf den Stapel, der zu erledigen und in Wirklichkeit gar nicht so klein war.
Wie ich schon sagte, für Copisten würde es immer Arbeit geben. Da macht kein X ein U aus mir, wie es so schön heißt.
»Wir werden den Lehrling ein paar Tage entbehren können, Herr Gran«, sagte Herr Passon und nickte mir freundlich zu.
***
Herr Passon, der Älteste im Bureau, stand wie eh und je ruhig an seinem Stehpult. Herr Passon hatte mir am Anfang meiner Lehrzeit erzählt, dass er an das Stehen von Jugend an gewohnt sei und er deshalb auf einen Schreibtisch mit Stuhl verzichte. Gelassen, ohne sich vom täglichen Trubel eines Bureaus stören zu lassen, notiert, korrigiert und schreibt Herr Passon, was ihm aufgetragen wird.
Herr Passon ist eher klein und mager, immer gut rasiert mit akkuratem Schnurrbart, hoher Stirn und kurzen grauen Haaren. Soviel ich weiß, lebt er allein und hat nie geheiratet. Ein ruhiger und sanftmütiger Mensch. Nur sein Blick durch die Gläser seiner Nickelbrille ist seltsam.
»Er hat die Augen eines gebildeten Lesers, der die Geistlosigkeit der Welt nicht mehr erträgt. Daher dieser Blick ins Leere, ungeduldig und übersättigt von der Dummheit dieser Welt«, erklärte Herr Albrecht.
»Der liebe Herr Passon ist eben ein Idealist des Geistes und Verstandes in einer Welt voller Ungereimtheiten.«
Morgens kommt Herr Passon mit einem Buch unterm Arm ins Bureau, das er während der Fahrt in der Straßenbahn und in der Mittagspause liest. Herr Passon legt Mantel und Hut immer ordentlich an der Garderobe ab. Krawatte oder Fliege löst Herr Passon selbstverständlich nie. Erst recht fiele es ihm nicht ein, irgendwelche Hemdsknöpfe zu öffnen oder die Ärmel hochzukrempeln. Herr Passon spricht leise, ist immer höflich und nett zu mir.
Herr Passon zieht sich in der Mittagspause in ein ruhiges kleines Kaffeehaus ganz in der Nähe zurück, sitzt dort gern an der frischen Luft unter einem Baum auf der Terrasse und vertieft sich in sein Buch. »Ein Baum lehrt uns Stille und verbietet geradezu jede Hektik.«
Nur einmal erlebte ich Herrn Passon nach seiner Mittagspause verstimmt.
»Sie können sich nicht vorstellen, wie oft ich beim Lesen oder Nachdenken zu einem sinnfreien Gespräch gezwungen werde. Mag es aus naiver Freundlichkeit geschehen oder weil wir in gelangweilten Zeiten leben – aber wie kommen die Leute zu der Meinung, ein lesender Mensch sei ohne Beschäftigung und wünsche daher eine Unterhaltung? Ein Mensch mit einem guten Buch ist nie allein. Glauben die Leute etwa, ich warte zu meiner Belustigung auf den Kasperle? Ich möchte meinen, es gibt Personen, die in ihrem Leben kein Buch gelesen haben. Was für ein entsetzlicher Gedanke!«
Da Herr Passon für meine Ausbildung verantwortlich ist, stehe ich oft neben ihm am Pult. Meistens sitze ich jedoch neben Fritz an seinem Schreibtisch, den wir uns teilen, wenn ich selbst Documente zu copieren habe. Einen eigenen Schreibtisch habe ich als Lehrling selbstredend nicht.
***
Fritz Knabe ist mit vierundzwanzig der Jüngste im Bureau – von mir natürlich abgesehen. Wir verstanden uns auf Anhieb. Ein frecher Wuschelkopf mit dunkelblondem Haar. Er hat strahlende, lebendige Augen und immer ein amüsiertes Lächeln auf den Lippen. Ein prima aussehender Kerl und die meisten Mädchen mögen ihn. Davon später mehr.
Fritz ist unternehmungslustig und voller verrückter Ideen. Und neugierig. Aber nicht diese Art Neugierde, anderen Leuten nachzuschnüffeln oder so. Fritz will »Dinge wissen«, wie er sagt. Manchmal schleicht er sich in die Hörsäle der Universität, um den Professoren zuzuhören. Wenn ihr das nicht verrückt findet, seid ihr selber verrückt!
Ihn interessiert wirklich alles, und ständig quasselt Fritz Zeugs, dass einem schwindlig wird. Herr Passon beschrieb ihn mal als »bissig-ironisch, aber nicht dumm«.
»Passen Sie jedoch auf«, empfahl Herr Passon, »wenn Herr Knabe Ihnen etwas weismachen will. Er ist mit seinen krausen Gedanken so beschäftigt, dass seine Ausführungen für andere keinen Sinn ergeben. Ein wahrer Don Quijote, der nicht ohne seinen Sancho Pansa kann. Ein Meister des pikaresken Unsinns, der unbekümmert seine Meinung wechselt und das eben von ihm Gesagte mit dem nächsten Satz auf den Kopf stellt. Er spielt gern den Narren, ist aber keiner.«
An dieser Stelle musste Herr Passon sogar schmunzeln.
»Seine Komik ist letztlich kein schlechter Kniff, seinen Standpunkt umzudrehen, sobald er es für sinnvoll hält. Und wie heißt es so schön? Wer nie ohne Widerspruch ist, hat trotzdem nicht immer recht.«
Nach meiner ersten Woche fragte Fritz mich, ob ich nicht Lust auf einen Wein hätte, er eine Kaschemme kenne, die nicht so teuer und voller Taugenichtse und Philosophen sei.
»Stürzen wir uns ins Leben, mein Lieber! Das Leben ist die große Sache. Es gibt zu viel, dass wir nicht verpassen und verschlafen dürfen. Also wenn du mich fragst. Und ich antworte dir, es ist ein riesiges Chaos voller Nutzlosigkeit da draußen, aber wir müssen einfach die Gelegenheiten erkennen, unsere geistige und körperliche Trägheit anschubsen und sie, die Gelegenheiten meine ich natürlich, zu gebrauchen wissen. Die Leute sagen, ich sei ein verrückter Kerl, dabei sind sie nur missgünstig. Ist dir mal aufgefallen, dass ausgerechnet diejenigen, die viel Zeit haben, kaum etwas unternehmen und nur schnarchend den Tag verplempern?«
Wenn man Fritz zuhört, kommt es einem so vor, als ob mehrere Personen gleichzeitig sprechen würden, und es kann einem schwindlig davon werden.
Als wir das erste Mal zusammen unterwegs waren, merkte ich schnell, dass andere Fußgänger ihn für völlig übergeschnappt hielten. Was nicht wirklich verwunderlich war.
»Die leibhaftige Erscheinung eines Bürgerschrecks«, nannte ihn Frau Gleichgut, was Frau Gleichgut aber nicht böse meint.
Fritz erzählte mir auch von einer Opiumbar. Das hörte sich verrucht an und war vermutlich nicht so rechtens, wie es die Polizei erlaubt.
»Irgendwann nehme ich dich dorthin mit, wenn die Zeit reif ist. Aber fürs Erste gehen wir in die Kaschemme.«
Da ich kaum jemanden in der Stadt kannte – ich komme aus einer ländlichen Gegend, einem Dörfchen mit kaum zwanzig Häusern kurz vor Berlin –, war es schnell abgemacht, dass ich mitkam.
Fritz spricht nicht nur schnell, sondern ist immer voller Tatendrang. Ein Hans-Dampf-in-allen-Gassen. Gleich am ersten Abend, in jener Kaschemme, machte er sich nach wenigen Minuten mit einem hübschen Mädchen zu einem Tanzsaal am anderen Ende der Stadt auf und davon und ließ mich allein.
Kann man sich so was erklären?
»Erkläre nicht, mache es«, sagte Fritz. »Ich sehe das ganz unproblematisch. So oder so, ein Anfang muss gemacht werden, nicht wahr? Mein Mädchen und ich gehen schon mal los. Du lachst dir eine andere an und ihr kommt dann einfach nach! Wir sind ja nicht aneinander gekettet und sollten uns darin üben, uns jeden Abend, unabhängig vom anderen, schön machen zu können.«
Fritz bezahlte meinen Wein und verschwand mit seinem Mädchen. Immerhin blieb mir dadurch genug Geld, den Abend auch ohne Fritz zu verbringen. Natürlich traute ich mich nicht, ein Mädchen anzusprechen. Was hätte ich denn sagen sollen? Wie viele mich ansprachen, könnt ihr an den Haaren eines Glatzkopfs abzählen.
***
Herr Gran, der Chef, trat aus seinem Zimmer.
»Herr Albrecht, das mit Ihrem Laufburschen habe ich mir nochmal überlegt und finde die Idee gut«, sagte Herr Gran, der Chef, zu Herrn Albrecht und nickte Frau Gleichgut zu.
»Wenn er denn kommt, soll er sich bei Frau Gleichgut mit den Konditionen bekannt machen.«
***
Ihr seid sicherlich erstaunt, dass eine Frau im Bureau arbeitet. Aber ihr habt Frau Gleichgut erlebt! Immer praktisch und unkompliziert. Meine liebe Mama hätte es mir auch nie erlaubt, eine Frau als unpraktisch und kompliziert zu betrachten, aber wenn ich mal ehrlich bin … da glaubt man, die Frauen zu kennen, und dann ist es wieder falsch gedacht. Wer das nicht kennt, hat keine Ahnung.
