Essstörung: Gesunde Ernährung wiederentdecken - Günter Reich - E-Book

Essstörung: Gesunde Ernährung wiederentdecken E-Book

Günter Reich

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19,99 €

  • Herausgeber: TRIAS
  • Kategorie: Ratgeber
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2007
Beschreibung

Menschen mit Essstörungen wissen, dass man am Ende der Therapie noch nicht von Heilung sprechen kann. Noch fehlt den Betroffenen das Gespür für die richtigen Mengen und sichere Einschätzung dessen, was wirklich gesund ist. Darum benötigen sie weitere Unterstützung. Dieses Buch hilft Bulimie- und Anorexie-Patienten sowie Menschen mit orthorektischen Tendenzen, wieder selbstverständlich und unverkrampft mit Lebensmitteln umzugehen. Ernährungspläne für die Zeit nach der Therapie helfen, Rückfälle in destruktive Verhaltensweisen zu vermeiden. Hierzu gibt es zahlreiche Rezepte, hilfreiche Informationen und fundierte Tipps für ein gesundes und normales Essverhalten.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 158

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Die Autoren

Günter Reich, Jg. 1952, Prof. Dr. phil. Diplom-Psychologe, Psychoanalytiker. Er leitet die Ambulanz für Familientherapie und für Essstörungen der Klinik und Poliklinik für Psychosomatik und Psychotherapie der Universität Göttingen. Er ist im Kuratorium des Bundesfachverbandes Essstörungen (BFE) tätig und hat zahlreiche Arbeiten zur Entwicklung und Behandlungen von Essstörungen veröffentlicht. Bei TRIAS erschien bereits: Reich/Götz-Kühne/Killius: Essstörungen: Magersucht, Bulimie, Binge Eating, Stuttgart 2004

Silke Kröger, Diplom-Oecotrophologin (Ernährungswissenschaftlerin), Ernährungsberaterin VDOE. Sie ist seit 1991 in der Ernährungsberatung tätig und betreibt eine eignene Praxis in Göttingen. Dort arbeitet sie eng mit der Ambulanz für Familientherapie und für Essstörungen zusammen. Sie berät viele Patientinnen mit Essstörungen.

Einführung

Auf dem Weg zu einem gesunden Essverhalten

Ein entspanntes Verhältnis zum eigenen Körper bekommen, regelmäßig essen und kochen und Hürden gekonnt umschiffen – der Praxis-Coach hilft Ihnen dabei.

Was bringt mir dieses Buch?

Da wir lange Erfahrungen im Umgang mit Essgestörten haben, möchten wir Betroffenen etwas in die Hand geben, womit sie sich nach einer Therapie bei der weiteren Bewältigung von Essproblemen selbst helfen oder eine laufende Behandlung unterstützen können.

Dieses Buch kann aber auch beim Vorbeugen helfen! Wenn Sie bislang hin und wieder an sich bemerkt haben, dass Sie sich zu dick fühlen, obwohl Sie normalgewichtig sind, oder wenn Sie manches Mal weiteressen, obwohl Sie satt sind, dann kann Ihnen dieses Buch helfen gegenzusteuern. Wir möchten damit klar machen, dass Sie selbst einiges tun können und auch tun müssen, um wieder zu einem normalen Essverhalten zu kommen.

Wir möchten Ihnen darüber hinaus etwas mehr Sicherheit im Umgang mit Ihrer Erkrankung oder dem, was davon geblieben ist, geben. Und wir wollen Ihnen zeigen, dass Sie nicht allein dastehen. Sicherlich wird Ihnen die eine oder andere Betroffene mit ihrem Bericht aus der Seele sprechen. Sie werden erkennen, dass Sie mit vielen anderen Essgestörten oder ehemals Essgestörten in einem Boot sitzen. Dieses Buch soll Sie zum aktiven Handeln auffordern. Lesen, verstehen und anwenden, eben ein PraxisCoach!

Warum auch Ernährungsberatung?

Psychotherapie und medizinische Betreuung sind zur Behandlung einer Essstörung absolut notwendig. Ein zentraler Baustein einer erfolgreichen Behandlung ist die konkrete Veränderung des Essverhaltens.

Viele Essgestörte haben sich im Laufe der Erkrankung zu Spezialistinnen oder Spezialisten in Sachen Ernährung und Kalorienzählen entwickelt. Es scheint auf den ersten Blick also gar nicht nötig zu sein, neben einer psychotherapeutischen Behandlung eine Ernährungsberatung in Anspruch zu nehmen. Dem müssen wir vehement widersprechen. Essgestörte suchen sich all zu oft leider nur selektiv die Daten und Informationen heraus, die der Aufrechterhaltung Ihrer Erkrankung dienen. Zum Beispiel orientieren sich viele Essgestörte an dem Fettgehalt von Nahrungsmitteln. Sie sind der Meinung, dass nur fettarme Lebensmittel gesund seien, und versuchen, alle fetthaltigen Speisen zu vermeiden. So verstärken sich krankhafte Verhaltensweisen, die im Laufe der Zeit zu massiver Mangelernährung führen.

Hinzu kommen die tausend Tipps von Angehörigen und Freunden. Selbst wenn Sie einsichtig sind und wieder ein normales Essverhalten erlernen wollen, haben Sie in der Regel viele falsche Vorstellungen über das richtige Essen im Kopf. Es kann auch durchaus sein, dass Sie nicht nur unter einer Körperschema-Wahrnehmungsstörung leiden, sondern die Portionsgrößen und Lebensmittelmengen völlig fehl einschätzen.

Ernährungsberatung kann Ihnen helfen, sich wieder ausgewogen und abwechslungsreich zu ernähren. Außerdem können dort alle Unsicherheiten und Fragen rund um die Ernährung geklärt werden. Sie werden individuell betreut und die Beraterin hilft Ihnen, neue Lebensmittel in Ihren Speiseplan einzuführen und zu experimentieren. Wenn Sie unter einer Mangelernährung leiden, können Sie mit Hilfe einer fachlichen Betreuung Ihre Mängel wieder ausgleichen. Dadurch vermeiden Sie ernsthafte körperliche Schäden. Essanfälle können schneller reduziert werden. Hinzu kommt noch, dass eine außen stehende Person auf Ihr Ernährungsprotokoll und auf Ihren Speiseplan achtet, so vermeiden Sie Konflikte und Kontrollfunktionen von Familie und Freunden.

MEHR WISSEN

Anfang

„Ich hatte mir angewöhnt, alles zu protokollieren, was ich aß. Das hatte mir mehr Sicherheit gegeben und ich hatte das Gefühl, alles im Griff zu haben, eben alles zu kontrollieren. Häufig saß ich dann abends vor meinem Protokoll und war frustriert: Ich hatte hier und da wieder tausend Dinge genascht! Furchtbar. Ich fühlte mich dick und gierig. Wieder konnte ich nicht widerstehen. Für den nächsten Tag nahm ich mir dann vor, nichts zu essen. Erst als ich die Ernährungsprotokolle mit meiner Ernährungsberaterin durchging, wurde deutlich, dass ich kaum etwas gegessen hatte. Naschen war für mich immer nur ein Teelöffel hiervon und davon. In der Summe ergab es nie eine richtige Mahlzeit. Nur ich dachte, dass ich viel zuviel gegessen hatte. Dabei war es fast nichts. Zuerst konnte ich das gar nicht glauben, aber die Ernährungsberaterin war stur und hat mir alles deutlich erklärt und ausgerechnet. Als sie mir dann die notwendigen Mengen darstellte und wir versuchten, damit einen Tagesplan aufzustellen, bekam ich es zunächst mit der Angst zu tun und musste weinen. Mein Gott, wie soll ich drei Scheiben Brot am Tag essen? Es erschien mir wie ein großer Berg. Erst nach zwei Monaten hatte ich dieses Teilziel wirklich erreicht. Es war schwer, aber es musste sein.“

Sonja, 24 Jahre, ehemals anorektisch

Wenn Sie nur unter der Kontrolle von Eltern oder Partner essen können, werden Sie kaum wirklich gesund werden. Es ist wichtig, schnell unabhängig von Ihren Bezugspersonen Ihren Speiseplan zu managen. Ernährungsberaterinnen arbeiten in der Regel eng mit Psychotherapeuten und Ärzten zusammen. Im Serviceteil finden Sie eine Kontaktadresse, unter der Sie kompetente Ernährungsberaterinnen (Diplom-Oecotrophologen) finden.

Was sollen Essgestörte mit einem Kochbuch anfangen?

Zunächst wird es für Sie vielleicht eine Hemmschwelle geben, als Essgestörte oder ehemals Essgestörte ein Kochbuch in die Hand zu nehmen. Gerade weil Essgestörte in der Auswahl Ihrer Lebensmittel und Speisen sehr unsicher sind, ist es sinnvoll, ihnen hierbei mit konkreten Anregungen zu helfen. Eine abwechslungsreiche und vollwertige Ernährung speziell für Essgestörte soll Sie anregen, wieder mit Kreativität an das Essen zu gehen und sich wirklich darum zu kümmern. Dieses Kochbuch soll Ihnen helfen, wieder mit Freude und Genuss zu essen. Sie können endlich den Kopf frei machen vom ständigen Kalorienzählen und dem Gedanken: „Esse ich jetzt etwas oder nicht oder doch oder was darf ich jetzt noch … “.

Unser Buch soll Ihnen den Einstieg in ein normales Essverhalten ebnen und es soll Sie in Krisenzeiten unterstützen, wieder neu zu beginnen. Mit dieser Hilfe werden Sie zukünftig Diäthefte und entsprechende Zeitschriften links liegen lassen können. Sie machen ab heute keine Diät mehr, sondern gehen Ihren eigenen Weg!

Wir wünschen Ihnen guten Appetit!

Silke Kröger und Günter Reich

Essen und Psyche

Ein langjähriger verbreiteter Irrtum ist, dass es ein Idealgewicht gibt. Der gesunde Gewichtsbereich ist in der Regel breit angelegt und variiert mit dem Alter. Zudem spielt das Geschlecht eine Rolle ( Seite 42).

Natürlich hängen Hunger und Sättigung sowie die Veränderungen des Appetits auch von emotionalen Faktoren ab. Manchen schlagen Ärger und Leistungsdruck „auf den Magen“. Manche Menschen essen besonders viel in Spannungssituationen. Hierbei werden oft bestimmte Nahrungsmittel bevorzugt, z. B. Fetthaltiges und/oder Süßes. Diese Veränderungen des Essverhaltens sind in der Regel situativ, manchmal werden sie zu Gewohnheiten. Hier liegt aber in aller Regel noch kein gestörtes Essverhalten vor.

Gestörtes Essverhalten können Sie an folgenden Merkmalen erkennen:

Sie haben Angst vor dem Essen. Sie sind unsicher, welche Menge und welche Art der Nahrung angemessen ist. Sie fürchten, „zu viel“ oder „falsch“ zu essen. Sie fürchten vielleicht auch, dass das Essen gänzlich aus der Kontrolle geraten könnte.

Sie orientieren sich in Ihrem Essverhalten an Äußerem. Ob Sie hungrig oder satt sind, spielt keine Rolle und wird in den Hintergrund gedrängt. Sie achten darauf, wie viel oder wie wenig die anderen essen, versuchen z. B., nicht mehr zu essen als diese oder bestimmte Nahrungsmittel, die diese essen, z. B. Pommes frites, zu vermeiden; dies, obwohl Sie eventuell auch Appetit darauf hätten. Oder Sie richten Ihr Essverhalten ganz strikt nach der Uhrzeit oder nach der Kalorienzahl und dulden keine Abweichungen.

Sie haben ein rigides Essverhalten: Dann ist Ihr Essen völlig durch feste Zeiten und Pläne sowie die strikte Einteilung in „erlaubte“ und „unerlaubte“ Nahrungsmittel gekennzeichnet. Eigentlich gelüstet es Sie manchmal nach den „verbotenen“ Nahrungsmitteln, oft nach Zucker- und/ oder Fetthaltigem. Aber Sie verkneifen es sich.

Sie haben ein chaotisches Essverhalten entwickelt. Ihr Essrhythmus ist nicht vorhersehbar. Sie lassen Mahlzeiten bewusst oder versehentlich aus, z. B. wenn Sie sich in Ihre Arbeit oder das Internet vertieft haben. Dann wiederum essen Sie so viel, dass Ihnen der Bauch wehtut. Oder aber Sie essen bestimmte Nahrungsmittel manchmal lange Zeit gar nicht und dann wieder „nur“, z. B. Kuchen, Obst, Milchprodukte.

Ihr Essverhalten ist abwechselnd rigide und chaotisch: Dann essen Sie zeitweilig streng kontrolliert, in anderen Phasen wiederum lassen Sie jegliche Kontrolle fallen und beachten Ihre Körpersignale nicht, z. B. ein Völlegefühl.

Ihre Gedanken werden von Essen und Essverhalten kontrolliert: Sie überlegen intensiv, was Sie essen sollen, essen dürfen und was nicht. Wägen dies über den Tag immer wieder detailliert ab.

Ihr Essverhalten ist sehr stark von Ihrem Gewicht abhängig: Zeigt die Waage nach oben, bekommen Sie Angst und beginnen, bestimmte Nahrungsmittel oder ganze Mahlzeiten wegzulassen, treiben mehr Sport oder nehmen sogar Abführmittel oder Appetitzügler ein. Es gibt auch noch eine andere Form der Gewichtsabhängigkeit des Essverhaltens. Manche Menschen essen völlig unkontrolliert, wenn ihr Gewicht eine bestimmte Marke überschritten hat, nach dem Motto: „Jetzt ist sowieso alles egal. Die nächste Diät wird es schon wieder herausreißen.“

Ihr Essen hängt in starkem Maße von Ihrer Stimmung ab.Sind Sie niedergeschlagen, essen Sie unter Umständen wenig. Langweilen Sie sich, essen Sie mehr als sonst. Dies kann völlig unabhängig vom normalen Essrhythmus sein Es kann diesen sogar dominieren.

Für Sie ist Essen das Mittel, um mit Anspannung fertig zu werden. Bei Anspannung reagieren Sie, indem Sie mehr oder manchmal auch weniger essen. Oder Sie verzehren bei Stress Nahrungsmittel, die Sie sonst meiden würden (z. B. Kuchen, Schokolade oder Fettes).

Welche Formen von Essstörungen gibt es?

Gegenwärtig werden drei Hauptformen von Essstörunge unterschieden:

Magersucht oder Anorexie (Anorexia nervosa)

Bulimie (Bulimia nervosa)

Essstörung mit Fressanfällen (Binge-Eating-Störung).

Die gängigen Diagnose-Schemata unterscheiden auch noch die sonstigen bzw. nicht näher bezeichneten Essstörungen. Dies sind Störungen, die nicht eindeutig einer der genannten Hauptformen zugeordnet werden können Adipositas ist für sich genommen noch keine Essstörung. Starkes Übergewicht kann mit gestörtem Essverhalten zu sammenhängen, ist es häufig auch, allerdings nicht immer.

Eine krankheitswertige Essstörung muss immer durch eine Fachfrau oder einen Fachmann diagnostiziert werden: Durch einen Arzt, einen Psychologischen Psychotherapeuten oder einen Kinder- und Jugendlichenpsycho therapeuten. Erst die fachgerechte Einschätzung einer Störung ermöglicht die Entscheidung über eine angemessene Behandlung.

Magersucht. Bei einer Magersucht (Anorexia nervosa) liegt das Gewicht mindestens 15 Prozent unter dem in der jeweiligen Altersgruppe erwarteten oder unter einem Body Mass Index ( → Seite 42) von 17,5. Die Betroffenen essen eingeschränkt und vermeiden Speisen mit viel Kalorien. Um Gewicht zu verlieren, erbrechen sie, nehmen Abführ- oder Entwässerungsmittel oder Appetitzügler. Hinzu kann übertriebene körperliche Betätigung kommen. Oft werden mehrere dieser Maßnahmen zusammen eingesetzt.

Magersüchtige entwickeln eine sogenannte Körperschema-Störung. Sie haben Angst, dick zu werden, obwohl Sie untergewichtig, oft sogar extrem untergewichtig sind. Häufig besteht die Angst, über ein bestimmtes, sehr niedrig angesetztes Gewicht hinaus zuzunehmen. Anorexie ist von Hormonstörungen begleitet: Bei Mädchen und Frauen setzt die Regelblutung aus. Und in den Fällen, in denen eine Magersucht bereits vor der Pubertät begann, finden die entsprechenden weiteren körperlichen Entwicklungsschritte gar nicht erst statt. Die Folgen der Erkrankung und der schlechte körperliche und seelische Zustand werden von den Betroffenen verleugnet – die Krankheitseinsicht fehlt in den meisten Fällen. Magersucht beginnt in der Regel zwischen 14 und 18 Jahren, manchmal auch später, aber selten früher.

Bulimie. Menschen mit Bulimie (Bulimia nervosa) beschäftigen sich andauernd mit dem Essen und haben eine Gier nach Nahrungsmitteln, die phasenweise als unwiderstehlich erlebt wird. Es kommt zu Essattacken mit Kontrollverlust. Große Mengen Nahrung werden in kurzer Zeit gegessen – zugleich haben Bulimikerinnen Angst vor Gewichtszunahme. Daher führen die Betroffenen Erbrechen herbei, manchmal tritt dies auch spontan auf. Auch Abführmittel, Hungerperioden oder Appetitzügler, Schilddrüsenpräparate oder Entwässerungsmittel kommen zum Einsatz. Sport wird ebenfalls zur Gewichtsabnahme betrieben, da die Angst, dick zu werden, oft sehr ausgeprägt ist.

Bulimikerinnen haben häufig eine scharf markierte Gewichtsgrenze (oftmals im Untergewichtsbereich) entwickelt, über die hinaus sie nicht zunehmen wollen. Bulimikerinnen sind aber auch normal-, bisweilen sogar übergewichtig. Ihr Gewicht liegt nicht unter der Magersuchtsgrenze von einem BMI 17,5, da es sich ansonsten um eine Magersucht mit bulimischen Zügen, also eine Mischerkrankung handeln würde.

In der Vorgeschichte von Bulimikerinnen finden sich häufig Diätversuche oder Fastenperioden, manchmal mit einem phasenweisen Gewicht unter der Magersuchtsgrenze, bevor dann das bulimische Essverhalten einsetzt. Zuweilen kommt es zu einem vorübergehenden Aussetzen der Regelblutung.

Binge-Eating-Störung. Die Binge-Eating-Störung ist durch Essanfälle gekennzeichnet, die immer wiederkehren und als nicht kontrollierbar erlebt werden. Während dieser Essanfälle werden deutlich größere Mengen verzehrt, als sie ein normaler Mensch unter ähnlichen Umständen zu sich nehmen würde: oft ohne Hunger, wesentlich schneller als normal und bis zu einem unangenehmen Völlegefühl. Die Betroffenen schämen sich wegen ihres Essverhaltens – vor allem wegen der Menge. Von daher finden die Essanfälle meist allein statt. Im Nachhinein treten dann regelhaft Gefühle von Selbstekel, Deprimiertheit oder ausgeprägter Schuld und Beschämung auf. Die Fressanfälle sind mit einem deutlichen Leidensgefühl verbunden. Binge-Eating-Störungen sind nicht selten mit Übergewicht gekoppelt, da die für die Bulimie typischen

gegenregulierenden Maßnahmen fehlen. Vereinfacht könnte man sagen, dass eine Essstörung mit Fressanfällen eine Bulimie ohne Erbrechen oder andere gegensteuernde Maßnahmen wie z. B. Abführmittelmissbrauch ist.

Magersucht und Bulimie betreffen in der Regel Mädchen und junge Frauen. Das Ersterkrankungsalter für eine Binge-Eating-Störung ist sehr breit gestreut. Häufig melden sich Frauen zwischen 40 und 50 Jahren wegen dieser Erkrankung in der Sprechstunde.

Sind Menschen, die abends oder nachts viel essen, auch essgestört? Dies kann sein, muss es aber nicht. Manche Menschen entwickeln z. B. erst abends, in entspannter Situation, wirklichen Appetit. In südeuropäischen Ländern findet die Hauptmahlzeit oft erst abends, bei kühleren Temperaturen, statt. Tagsüber wird häufig nur eine Kleinigkeit gegessen. Natürlich sind nicht alle Spanier oder Italiener, die dies praktizieren, essgestört. Von einer Essstörung sollte man dann sprechen, wenn abends oder nachts mit einem Gefühl des Kontrollverlustes, wahllos bzw. nur hochkalorisch gegessen wird. Dann würde man von einem sogenannten Nachtesser-Syndrom sprechen, das auch mit Übergewicht verbunden sein kann.

Übergewicht gibt es auch bei sogenannten Daueressern. Hier führen sich Menschen den ganzen Tag, quasi ohne Unterbrechung, Nahrung zu, ohne einen Hunger- und Sattheitsrhythmus zu entwickeln. So können z. B. Schülerinnen oder Schüler, die unter einem Daueresser-Syndrom leiden, das Essen während der Schulstunden nicht unterdrücken, sondern essen offen oder heimlich weiter, oft mit entsprechenden sozialen Konflikten.

Wo liegen die Grenzen der Selbsthilfe?

Bei einer Essstörung von Krankheitswert ist eine Fachpsychotherapie notwendig, oft auch eine ärztliche Behandlung, Selbsthilfe kann hier nur eine Unterstützung sein.

Diese Unterstützung ist wertvoll, weil die Betroffenen sich selbst bemühen, ihrer Essstörung aktiv zu begegnen. Zudem sind Grenzen der Selbsthilfe da gegeben, wo ein gestörtes Essverhalten (nicht eine krankheitswertige Essstörung!) mit emotionalen Störungen, z. B. Depressionen oder Ängsten, verbunden ist. Auch hier ist zunächst eine Fachpsychotherapie erforderlich. Untersuchungen haben allerdings gezeigt, dass therapeutisch angeleitete Selbsthilfe für einen Teil der von Essstörungen Betroffenen sehr hilfreich sein kann. Manche Kliniken und Therapieprogramme machen sich inzwischen auch die neuen Medien (SMS, Internet) zunutze. Nach der Klinikentlassung oder der Beendigung der Therapie stehen die Patientinnen weiterhin mit ihren Therapeuten in Verbindung. Sie versuchen, das in der Behandlung Gelernte umzusetzen, und treten in schwierigen Situationen oder drohenden Rückfällen in Kontakt mit ihren Behandlern, die sie per E-Mail oder SMS unterstützen. Allerdings gibt es bisher keine langfristigen Untersuchungen zu den Ergebnissen dieser Maßnahmen.

MEHR WISSEN

Zermürbender Alltag

Der Alltag kann durch eine Essstörung sehr eingeschränkt sein. Wenn dies der Fall ist, sollten die Betroffenen eine stationäre Aufnahme ernsthaft in Erwägung ziehen. Essstörungen sind weiterhin häufig mit Beziehungsstörungen im sozialen Umfeld verbunden, insbesondere in der Familie und in Partnerschaften. Die Beteiligten verstricken sich in langwierige, fruchtlose und zermürbende Auseinandersetzungen oder gehen ihnen aus dem Weg. Eine stationäre Behandlung kann Betroffene und Angehörige entlasten und den Weg zu neuen Beziehungsmöglichkeiten öffnen. Nach stationären Behandlungen muss die Therapie zumeist ambulant fortgesetzt werden.

Wann ist bei Magersucht eine stationäre Behandlung notwendig?

Essstörungen von Krankheitswert sind sehr ernst zu nehmen. Bei der Magersucht handelt es sich um die insgesamt schwerste Erkrankung, die jemand in der Jugend oder im jungen Erwachsenenalter entwickeln kann. Die Sterberate bei Magersucht ist im Vergleich zu anderen Erkrankungen sehr hoch.

Bei allen Formen von Essstörungen handelt es sich oft um hartnäckige Erkrankungen, die die Tendenz haben, chronisch zu werden. Daher ist häufig eine stationäre Behandlungsphase notwendig. Diese kann in eine ambulante Psychotherapie eingebettet sein oder sogar am Anfang der Behandlung stehen. Die Therapie von Essstörungen benötigt zudem sehr viel Geduld bei allen Beteiligten, den Betroffenen, den Angehörigen und auch den Behandlern. Oft sind auch mehrere Anläufe zur Therapie einer Essstörung notwendig, bevor ein Ansatz schließlich wirkt.

Magersucht mit einem BMI von 14,5 und darunter sollte gemeinhin nicht mehr ambulant behandelt werden. Hier ist eine stationäre Psychotherapie in einer Fachklinik notwendig. Bei einem BMI von 12 und darunter ist die Behandlung in einer medizinischen Klinik notwendig. Wegen der körperlichen Verfassung ist auch Psychotherapie nicht mehr möglich. Zudem macht Magersucht eine stationäre Einweisung erforderlich, wenn der Gewichtsverlust schnell erfolgt.

Stationäre Behandlung bei Bulimie und Binge Eating? Bei Bulimie sollte in der Regel stationär behandelt werden, wenn Essanfälle täglich oder mehrmals am Tag auftreten. Dies gilt auch für die Essstörung mit Fressanfällen. Stationäre Therapie ist auch bei häufig auftretenden körperlichen Beschwerden, z. B. Schwindel- oder Schwächegefühlen, notwendig. Zudem machen andere seelische Störungen, z. B. Depressionen und Angstzustände, eine stationäre Behandlung erforderlich.

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