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Estelle Tiggeler ist in ihrem Traumberuf angekommen, in dem sie voll und ganz aufgeht. So denkt sie zumindest, als sie im Zuge ihrer Ausbildung in der Vonderborg-Apotheke zum ersten Mal einen Kunden berät. Doch als Chef Manfred eines Tages den neuen Filialleiter Sebastian Reinlink vorstellt, merkt Estelle schnell, dass es nun vorbei ist, mit der Freude am Beruf. Keine Gelegenheit lässt er aus, der jungen Berufsanfängerin das Leben schwer zu machen, sodass diese schon selbst an ihren Fähigkeiten zu zweifeln beginnt. Sie beschließt die Reißleine zu ziehen. Eine neue Apotheke muss her, vielleicht sogar eine komplett neue Ausbildung. Doch ehe es dazu kommen kann, bemerkt Estelle plötzlich, mit welchen gezinkten Karten ihr Vorgesetzter wirklich spielt. Sebastian muss ein dunkles Geheimnis haben, da ist sie sich sicher. Bevor sie allerdings herausfindet, worum es sich genau handelt, ist sie bereits selber Hals über Kopf in seine Machenschaften verstrickt. Wie lange sich die erbaute Fassade noch aufrechterhalten kann, oder ob nun beiden der gemeinsame Untergang droht, liegt einzig und allein in Estelles Händen.
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Seitenzahl: 490
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Chiara Prestianni wurde am 29. Oktober 1998 in Mettingen geboren und wuchs in dem kleinen Dorf Halverde in Nordrhein-Westfalen auf. Dort lebt sie bis heute mit ihrer deutschen Mutter und ihrem italienischen Vater, wenn sie nicht zwischenzeitlich für das Pharmaziestudium nach Braunschweig muss.
Die Semesterferien verbringt Chiara am liebsten in Catania, an der Ostküste Siziliens, wo Teile ihrer Verwandwandtschaft beheimatet sind.
Wenn nicht so viel Zeit für einen Tripp nach Italien ist, macht sie aber auch gerne Karaokeabende oder Inlinertouren mit ihrer Sport-Freundin Shannon.
Chiaras erster Roman "Schatten in Le Havre" erschien am 23. Oktober 2018.
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Epilog
Danksagung
„Los Estelle, die nächste Runde wartet schon! Trink dein Glas aus!“
Im bunten Discolicht des Larocs bahnte sich Ariana einen Weg durch die tanzende Menschenmenge, während sie ein gefährlich befülltes Tablett voller Spirituosen vor sich herbalancierte. Bei uns angekommen, drückte sie jedem eines ihrer Gläser in die Hand und prostete der Gruppe und sehr wahrscheinlich auch allen anderen feiernden Menschen im Club, lautstark zu.
„Auf unseren Abschluss und all die Prüfungen, die wir in den letzten Wochen bestanden haben!“
Dass die Stimmung an diesem Abend so ausgelassen war, hatte durchaus seine Berechtigung, denn nur wenige Monate zuvor saßen wir alle noch tagtäglich über den Büchern, um uns auf das bevorstehende Examen vorzubereiten. Es war für alle eine harte Zeit, doch die Mühe machte sich bezahlt: Jeder hatte den ersten Prüfungsabschnitt bestanden und wurde heute Abend bei der Zeugnisvergabe offiziell ins halbjährliche Praktikum entlassen. Bevor wir uns jedoch Pharmazeutisch technische Assistenten nennen durften, wartete im nächsten Jahr noch die letzte Abschlussprüfung auf uns. Daran verschwendete heute aber niemand einen Gedanken. Viel zu groß war die Freude über die bevorstehende Zeit in der Apotheke: Endlich richtige Kunden beraten und das Gelernte aus zwei Jahren anwenden, darauf hatten wir lange hingearbeitet.
Doch nun zu mir: Mein Name lautet Estelle Tiggeler, ich war gerade zwanzig Jahre jung und lebte mit meiner Familie in Sendling, einem ziemlich kleinen und unbekannten Dorf. Das war es bereits auch schon Wissenswertes über mich, denn leider konnte man nicht behaupten, dass mein Leben sonderlich spannend oder außergewöhnlich war. Wie rund 450.000 andere Menschen in unserem Land habe ich vor zwei Jahren mein Abitur abgeschlossen und gleich darauf meine Ausbildung zur PTA begonnen. Schon als Kind wollte ich immer in einer Apotheke arbeiten, was damals allerdings noch daran lag, dass mich dort immer ein größerer Traubenzuckervorrat erwartete, als ich in meinem ganzen Leben jemals hätte essen können. Später verfolgte ich meine Pläne eher aus dem Grund, dass ich mit meinem Leben nichts Besseres anzufangen wusste und eine Lücke im Lebenslauf machte sich nun mal nicht gerade gut. Alles ganz normal also. Doch wäre es dabei geblieben, wäre das Buch an dieser Stelle bereits zu Ende.
In einigen seltenen Fällen spielte das Schicksal eben ein unberechenbares Spiel, wenn man kaum noch damit rechnete, dass eines Tages nochmal etwas Aufregendes passieren würde.
„Leute, ich habe gehört, die haben hier eine Fotobox!“, warf Lizzy irgendwann ein, die wie alle anderen ebenfalls reichlich angetrunken war.
„Die steht im angrenzenden Wintergarten. Joy und ich haben sie schon eingeweiht!“
„Na dann sollten wir unbedingt ein Erinnerungssouvenier mitnehmen, bevor wir uns die nächsten sechs Monate nicht sehen.“
Leandra, Lizzys Zwillingsschwester, ergriff mit der freien Hand so viele Arme, wie sie konnte, und durchquerte zielstrebig den Party-Dschungel bis hin zur besagten Fotobox. Die Luft war um kurz nach zwei Uhr zwar so verbraucht, dass ich glaubte, jeden Augenblick dem Erstickungstod zu erliegen, doch das konnte dem heutigen Abend nun auch nichts mehr abverlangen.
„Sind alle soweit? Drei, zwei, eins…“
Das grelle Licht der Kamera blitzte auf und fror den schönen Moment ein, den ich am liebsten für den Rest meines Lebens festgehalten hätte.
Manchmal, wenn ich Fotos zu lange betrachtete, wünschte ich mir nichts sehnlicher, als diesen einen Augenblick noch einmal erleben zu können. Ich glaubte alle Emotionen wieder zu spüren, die ich im Moment der Aufnahme empfand und jenen Geruch der Umgebung wieder in der Nase zu haben. Doch wieder einmal musste ich schweren Herzens feststellen, dass sich die Zeit, so sehr ich es auch wollte, nicht mehr zurückdrehen ließ. Wehmütig bestrich ich mit den Fingern das gerahmte Bild des Schulabschlusses, welches seit fast vier Monaten auf meinem Nachttisch prangerte und das letzte Zusammentreffen mit den Menschen zeigte, die mir über zwei Jahre so sehr ans Herz gewachsen waren.
Normalerweise sollte ich längst schlafen, denn morgen stand mir mein erster Arbeitstag in der Vonderborg-Apotheke bevor, doch meine Gedanken kreisten noch immer unaufhaltsam durch die Gegend. Ich fragte mich, ob dies wirklich der richtige Beruf für mich sei und ob ich diese Arbeit tatsächlich für den Rest meines Lebens machen wollte. Ich fragte mich generell, ob ich dazu bereit war, für den Rest meines Lebens ein und dieselbe Tätigkeit auszuführen. Die letzten Monate, die ich in einer großen Stadtapotheke nahe des Wiener Platzes verbracht hatte, machten mir zwar sehr viel Spaß, aber dennoch wurde es mir schnell zu langweilig, als ich das Gefühl bekam, schon alle Seiten des Berufes zu kennen und nichts Neues mehr zu lernen. Daher habe ich mir für die restlichen drei Monate meines Praktikums eine neue Apotheke ausgesucht. Das bot sich nicht nur an, weil diese nun deutlich näher an meinem Wohnort lag. Der Hauptgrund, warum ich mir für mein Praktikum zwei Apotheken aussuchte, war eigentlich der, dass unsere Klassenlehrerin Frau Ihmels uns immer nahelegte, die Zeit so gut es ging zu nutzen, um Erfahrungen zu sammeln, damit uns die Entscheidung leichter fiel, wo wir eines Tages dauerhaft arbeiten wollten. Frau Ihmels war eine wirklich großartige Lehrerin und ich musste zugeben, dass ich sie nach der Zeit sehr vermisste, weshalb ich mir ihren Rat umso lieber annahm. Zwar glaubte ich nicht, wesentlich spannendere Aufgaben zu bekommen, als die, denen ich schon die ganze Zeit nachging. Schließlich handelte es sich um eine deutlich kleinere Dorfapotheke, in die ich wechselte, aber allein die Tatsache, mit neuen Menschen in Kontakt zu kommen, war es mir wert.
Was auch immer Morgen auf mich zukäme, ich war mir sicher, dass ich meinen Job gut meistern würde und selbst wenn es sich doch als schwieriger erwies als ich dachte, hatte ich momentan ja noch das Privileg nur Praktikantin zu sein, bei der vermutlich schon jeder damit rechnete, dass sie in ihrem jungen unerfahrenen Leben so einige Fehler begehen würde.
08:10 Uhr zeigte die Uhr auf meinem Handy. Vielleicht war ich doch ein wenig zu früh, denn der Parkplatz vor der Apotheke war noch immer wie leergefegt und das halbe Dorf schien noch zu schlafen. Von der Stadtapotheke kannte ich diese Situation nicht. Dort standen die Kunden schon um sieben Uhr Schlange und beschwerten sich regelrecht, wenn die Türen zwei Minuten später öffneten, als es die Öffnungszeiten vorgaben. Jetzt hatte ich noch knapp zwanzig Minuten bis zum eigentlichen Arbeitsbeginn und es zeigte sich noch keine Spur von irgendwelchen ungeduldigen Nervensägen. Das endlose Warten ließ meine Nervosität Minute für Minute steigen. Schon jetzt waren meine Handinnenflächen komplett verschwitzt und das Wummern meines Herzschlages dröhnte mir in den Ohren. Naja, aber immerhin blieb da noch genug Zeit, um zum 23. Mal an diesem Morgen mein Outfit zu kontrollieren. Ich entschied mich für eine helle Jeans mit einer blau-weißen Bluse, die sich perfekt mit meinen neuen weißen Turnschuhen kombinieren ließ. Die dunkelbraunen Locken hatte ich mir lässig zur Seite gekämmt, sodass sie um ein Vielfaches voluminöser wirkten. Zwar merkte ich schnell, dass mein Outfit für das kalte Novemberwetter etwas zu sommerlich gewählt war, doch am ersten Tag wollte ich natürlich einen besonders guten Eindruck machen. Heute würde ich schließlich erstmals meine neuen Kollegen zu Gesicht bekommen.
Während ich noch in Gedanken vertieft aufs Armaturenbrett starrte, bog endlich der silbermetallic glänzende Mercedes meines Chefs auf den großen Parkplatz. Ich musste ein wenig ertappt ausgesehen haben, als er und seine Frau mich durch das Seitenfenster musterten, wobei sich ein schiefes Grinsen auf ihren Gesichtern ausbreitete. Auch ich musste unwillkürlich lächeln, bevor ich schließlich den Wagen verließ und auf die Beiden zusteuerte.
„Guten Morgen, Herr Vonderborg. Ich hoffe, ich bin nicht zu früh.“
„Estelle! Wie schön dich zu sehen.“
Sogleich hielt er mir seine ausgestreckte Hand entgegen.
„Keineswegs bist du zu früh, so habe ich noch ein gutes Zeitpuffer, um dir alles zu zeigen. Das kam beim Bewerbungsgespräch ja etwas zu kurz, während des ganzen Trubels. Aber nenn mich doch bitte einfach nur Manfred, das machen wir bei uns so.“ Ich nickte zufrieden unter dem wohligen Gefühl, welches sich in meiner Brust ausbreitete.
Am Tag des Bewerbungsgespräches war tatsächlich viel los, sodass mich keiner der Angestellten wirklich wahrnehmen konnte. Wie ein Geheimagent huschte ich unbemerkt in Manfreds Büro und etwa eine viertel Stunde später genauso unbemerkt wieder heraus. Dabei war ich so angespannt, dass mir erst jetzt auffiel, wie herzlich mein Chef seinen Angestellten gegenüber eigentlich war. Wenn er seine Kunden genauso behandeln würde, konnte ich mir beim besten Willen nicht erdenken, dass es noch andere Apotheken im Ort gab, dessen Kundenstamm mit Eröffnung der Vonderborg-Apotheke nicht erheblich geschrumpft war.
„Das ist meine Frau Suzanna.“, fuhr Manfred weiter fort, während er den richtigen Schlüssel an seinem Bund suchte. „Ich habe dir ja schon erzählt, dass sie auch Apothekerin ist. Wenn ich mal nicht da sein kann, wird sie mich vertreten. Natürlich ist sie nicht so gut, wie ich, das Original, aber manchmal müssen wir es eben so hinnehmen, wenn es nicht anders geht.“, fügte er mit einem schelmischen Grinsen hinzu, worauf er gleich einen Seitenhieb einer Frau kassierte.
„Man muss Manfred nicht immer ernst nehmen. Er kann nicht gut zugeben, dass er ohne mich aufgeschmissen wäre. Männer haben da leider manchmal ihren eigensinnigen Stolz, der ihnen im Weg steht.“
Wie Manfred war auch Suzanna sehr groß gewachsen. Ihr blondes langes Haar hatte sie zu leichten Wellen geföhnt, die trotz des windigen Wetters so perfekt saßen, dass man meinen mochte, jede Strähne wäre in seiner Position durch irgendwas befestigt worden. Auch ihr Makeup ließ darauf schließen, dass sie morgens deutlich mehr Zeit im Bad verbrachte, als ich oder sonst irgendwer den ich kannte. Alles in allem gab sie jedenfalls ein sehr luxuriöses Erscheinungsbild ab, was unter anderem auch durch ihren Pelzmantel und den hohen Leopardenstiefeln, sowie durch die dazu passende Handtasche, noch verstärkt wurde. Manfred war zwar nicht ganz so extravagant gekleidet, machte aber ebenfalls kein allzu großes Geheimnis daraus, dass die Apotheke finanziell wohl einiges abwarf. Seine kurzen schwarzen Haare hatte er nach oben gegelt und trug dazu ein lässiges weißes Hemd. Beide passten sowohl charakteristisch als auch äußerlich sehr gut zueinander, das musste ich mir schnell eingestehen.
„So, da wären wir also. Das ist dein neuer Arbeitsplatz für die nächsten vier Monate.“
Stolz präsentierte Manfred das Backoffice der Apotheke, die sich durch viele hohe Regale auszeichnete, in denen ich auf den ersten Blick so einige Medikamente und Rezepte erkennen konnte. In anderen Regalen wiederum war eine Vielzahl von alten Büchern und Laborgeräten zu sehen, die zwar keiner mehr benutzte, wie mir die zwei Zentimeter dicke Staubschicht darauf verriet, die aber dennoch von hohem historischen Wert zu sein schienen. Der hintere Arbeitsbereich war des weiteren eher klein gehalten, während sich der Hauptteil des Gebäudes auf den vorderen Bereich bezog, in dem sich die hereinströmenden Kunden möglichst wohl fühlen sollten. Auch ich fühlte mich gleich wohl, als ich mich im Inneren der Apotheke umsah. Der Teppichboden im hinteren Arbeitsbereich gab etwas wärmendes ab, was mir bei den kühlen Außentemperaturen sehr gelegen kam. Vorne im Eingangsbereich war genügend Platz für eine diskrete Beratungsecke und einem Spielbereich für Kinder. In diesem Augenblick konnte ich mir sehr gut vorstellen, wie ich hier schon bald viele kranke Menschen versorgen und ihnen meinen guten Rat im Hinblick auf ihre Ernährung mitgeben würde.
„Du wirst das sicher alles aus der anderen Apotheke kennen, in der du vorher warst, deswegen will ich mich gar nicht groß daran aufhalten, dir irgendwas zu erklären, was du sowieso schon weißt. Das Kassensystem wird am Anfang vielleicht noch ein wenig kompliziert sein, aber da werden wir und deine Kolleginnen dir natürlich bei helfen. Das kommt eben alles mit der Übung. Viel wichtiger ist jetzt aber, dass du noch gar nicht aussiehst, wie eine von uns. Das müssen wir unbedingt ändern. Komm mit!“
Manfred steuerte auf eine Seitentür zu, die auf einen kalten Flur hinausführte, wohin Suzanna und ich ihm wortlos folgten.
„Hier geht es in unser Lager. Das liegt leider im Keller, deswegen ist es hier nicht besonders warm. Oben findest du das Büro von Frau Witte, unserer Sekretärin. Sie kommt ab und an mal runter, dann wirst du sie kennenlernen.“
An der Wand des Treppenhauses prangerte ein großes Schild mit der Aufschrift Gisela Witte und einem Pfeil, der in die Richtung ihres Büros zeigte. Beim Gang in den Keller zog ich mir die Bluse enger um den Hals und bereute sogleich, mich nicht wärmer angezogen zu haben. Im Lager angekommen standen wir vor einem Regal voller roter Pullover, auf denen das Apothekenlogo prangerte. „Was könnte dir denn wohl passen?“
Nachdenklich musterte Manfred mich von oben bis unten, bis er schließlich einen der Pullover herauszog und mir entgegenhielt.
„Hier, probiere den mal.“
Zwar wurde mir unter dem dicken Baumwollstoff sofort um einiges wärmer, aber fühlte ich mich nun nicht mehr stylischer gekleidet als ein Kartoffelsack.
„Der ist doch viel zu groß, sie braucht mindestens eine ganze Nummer kleiner.“, warf Suzanna ein und gab mir einen neuen Pullover zum Anprobieren.
„Na, wer sagt´s denn? Wie angegossen!“
Als wir mit der neuen Errungenschaft nun wieder die Apotheke erreichten, waren wir bereits nicht mehr alleine. Schon von weitem hörte man muntere Stimmen, die sich über das vergangene Wochenende unterhielten.
Erst als wir ins Blickfeld der drei Damen gerieten, verstummten ihre Gespräche abrupt, als wären sie soeben beim Lästern erwischt worden. Stattdessen blieben nun drei neugierige Augenpaare an mir hängen. „Ah, die neue Praktikantin! Wie schön, dass endlich frischer Wind in unsere kleine Dorfapotheke weht! Ich bin Tanja.“
Die Frau, die sich mir als Tanja vorstellte, während sie einen Arm um meine Schulter legte, um mich näher in die Runde zu schieben, hatte ich am Tag meines Bewerbungsgespräches schon völlig gestresst durch den Laden rennen sehen. Ich schätzte sie auf etwa Mitte dreißig, oder vielleicht auch etwas jünger. Das ließ sich aufgrund ihrer geringen Körpergröße schwer beurteilen. Die anderen Beiden sah ich zum ersten Mal. Sie waren sicherlich schon um die fünfzig und längst nicht mehr so sportlich und dynamisch wie Tanja, machten aber dennoch einen ebenso netten und aufgeschlossenen Eindruck.
„Ich bin Britta und das ist Hanna.“
„Estelle.“
Das war das Einzige, was ich herausbrachte. Dabei war ich normalerweise überhaupt nicht so schüchtern, wie es jetzt wohl den Anschein machte. Als hätte Hanna meine Gedanken gelesen, begutachtete sie mich mitfühlend mit ihren warmen, braunen Augen, bevor sie sagte:
„Neuankömmlinge brauchen meistens immer eine gewisse Zeit, bis sie warm werden. Ich erinnere mich noch ganz genau an den Tag, als Tanja zum ersten Mal, genau wie du heute, vor uns stand.“
„Oh ja, das war vor über zehn Jahren. Ach, die guten alten Zeiten.“, schwärmte Tanja.
„Lauf heute einfach ein bisschen bei uns mit. Wir zeigen dir alles und wenn du Fragen hast, immer raus damit.“
„Sie kommt erst einmal unter meine Fittiche, dann werden wir sehen, ob sich die Praktikantin bei uns bewähren kann.“ Der kühle Ton, den Britta mir entgegen brachte, hatte nichts mit der Warmherzigkeit von Tanja und Hanna gemein. Einige Sekunden musste ich völlig erschrocken dagestanden haben, bis Tanja mich aus meiner Schockstarre erlöste und mir zuflüsterte, dass Britta immer an allem etwas zu meckern hätte, selbst wenn es den Chef höchstpersönlich betreffe. Ich solle es einfach als eine Art Aufnahmeprüfung sehen und es mir auf keinen Fall zu Herzen nehmen, wenn ihr mal wieder irgendetwas nicht passte. Das versuchte ich an diesem ersten Arbeitstag genauso umzusetzen, was mir mehr oder weniger gut gelang.
Nachdem Britta mir also den Wareneingang erklärte, wovon ich mir jedoch nichts merken konnte, nahm Tanja mich mit in die Rezeptur, wo ich für einen äußerst wichtigen Stammkunden eine Salbe anrührte. Der erste Kundenkontakt, würde allerdings frühestens nach drei Tagen erfolgen, in denen ich mich zunächst weiter mit dem Kassenprogramm vertraut machen sollte.
„Und? Wie war dein erster Tag?“
Noch bevor ich die Küche betrat wusste ich, dass ich der Berichterstattung gegenüber meinen Eltern nicht entfliehen können würde, weshalb ich es auch gar nicht erst versuchte. Um den Esstisch versammelte sich, wie jeden Abend bereits meine ganze Familie zum gemeinsamen Abendessen. Dazu gehörten meine Eltern Wilhelm und Sara Tiggeler, sowie mein jüngerer Bruder Marian und natürlich unser Labrador Don, der seinen Platz allerdings unterm Tisch hatte. Man könnte schon sagen, dass Don mir das liebste Familienmitglied war, denn im Gegensatz zu den anderen stellte er keine Ansprüche, gab keine Widerworte und stand mir zum Knuddeln zur Verfügung, wann immer ich Lust hatte. Aber auch wenn der Rest der Familie nicht über derartige Vorzüge verfügte, hatte ich sie natürlich trotzdem alle super gern. Meistens jedenfalls...
„Anstrengend“, gab ich zu verstehen, während ich meine Tasche in der Ecke fallen ließ und die mitgebrachte Post von draußen auf dem Tisch verteilte. Zwei Schreiben waren an meinen Vater gerichtet, einer an Marian und anbei lagen noch zwei Werbeflyer von einer Pizzeria und einem Tonstudio. Ich hatte die Hoffnung, dass es meiner Mutter genügte und sie nicht weiter nachhaken würde, denn anstrengend war es tatsächlich. Obwohl ich vom großen Stress des Apothekenalltags weitestgehend abgeschottet wurde, hatte mir die Flut an neuen Informationen doch ganz schön die Energie geraubt.
„Jetzt erzähl doch mal. Kommst du gut mit den Kollegen klar? Hattest du nette Kunden? Man muss dir auch wirklich jedes Wort aus der Nase ziehen.“
„Kundenkontakt bekomme ich erst nach drei Tagen und alle Kollegen kenne ich auch noch nicht, aber bis jetzt sind sie sehr nett. Was ist das? Gulaschsuppe?“
Verzweifelt versuchte ich das Gespräch auf ein anderes Thema zu lenken, während mein Vater den Teller vor meiner Nase befüllte. Nicht, weil, der erste Arbeitstag so schrecklich war, dass ich nicht darüber reden wollte, sondern einfach, weil ich die Freizeit meines wohlverdienten Feierabend nun einmal lieber mit etwas anderem verbrachte, als über die Arbeit zu sprechen. Doch bei meiner Mutter hatte ich da weit gefehlt. Während meinem Vater eine knappe Antwort voll und ganz genügte, gab sie nicht eher Ruhe, bis sie über jegliche Vorgänge des heutigen Tages Bescheid wusste.
„Warum bekommst du erst nach drei Tagen Kundenkontakt?“
„Weil sie sonst alle vergiften würde.“, schmunzelte Marian leise in sich hinein, ohne von seinem Teller aufzublicken, allerdings war er dabei noch laut genug, dass sein unnötiger Kommentar niemandem am Tisch entgangen war. Er liebte derartigen Sarkasmus, besonders wenn er mich betraf. Einer der Vorteile nun vierzig Stunden in der Woche beschäftigt zu sein, war definitiv der, dass ich Marian nicht mehr so oft sehen musste, und von seinem nervigen Gelaber verschont blieb.
„Halt einfach deine Klappe.“
„Warum sonst? Sie wollten dir wahrscheinlich nur nicht gleich am ersten Tag an den Kopf werfen, dass du für den Beruf untauglich bist.“
„Ich zeig dir gleich, wozu ich tauglich bin!“
Ich hatte mir wirklich fest vorgenommen, mich nicht mehr so leicht provozieren zu lassen, was meinem Herz-Kreislauf-System wahrscheinlich sehr gut täte, doch bislang schaffte ich es noch nicht so ganz mein Vorhaben umzusetzen. Wütend ließ ich den Löffel in die Suppe sinken, während ich meinem Bruder aus finsteren Augen böse Blicke zuwarf.
„Würdet ihr Beiden euch vielleicht ein einziges Mal zusammenreißen? In eurem Alter muss es doch möglich sein, einen friedvollen Abend miteinander zu verbringen. Ihr benehmt euch, wie kleine Kinder!“ „Ich muss sowieso los, bin noch verabredet.“ Mit diesen Worten erhob sich Marian vom hölzernen Esstisch und wollte uns gerade alleine zurücklassen, als mein Vater ihm zuvor kam.
„Um diese Zeit?“
Er deutete auf die große Wanduhr neben dem Kühlschrank.
„Es ist mitten in der Woche, wo willst du denn hin?“
„Zu Fiona, aus meiner Klasse. Es ist… naja, wie soll ich sagen… Ich denke, wir haben so etwas, wie ein Date.“
„Ihr habt ein was?!“, platzte es aus mir heraus.
„Weißt du überhaupt, was das ist? Ein Date? Geht das schon länger? Seid ihr zusammen? Habt ihr euch schon einmal geküsst?“
„Was geht dich das an? Seit wann interessiert dich das überhaupt?“
Für gewöhnlich interessierte es mich tatsächlich nicht, was Marian tat, oder wo er sich herumtrieb, aber die Tatsache, dass er ein Date hatte, war in etwa gleichzusetzen mit einer Besuchsankündigung der Queen. Mein Bruder hatte in den vergangenen achtzehn Jahren seines Lebens noch nie ein Date, geschweige denn überhaupt das Interesse an Frauen. Das er diese Neuigkeit nun so schüchtern verkündete, löste irgendwelche Gefühle in mir aus, die ich nicht kannte. Ich konnte mir nicht erklären, warum, aber der Gedanke, dass mein kleiner Bruder nun wohl erwachsen werden würde, führte dazu, dass sich etwas in meiner Brust schmerzhaft zusammenzog. Auch meine Eltern starrten ihn noch einige lange Minuten an, bis sich Marian schließlich abwandte und durch die Tür verschwand.
„Bin um zehn zurück!“, rief er uns noch über die Schulter nach, bevor er das Haus verließ, um zu seiner Fabrina, oder wie sie noch gleich hieß, zu verschwinden.
„Wer ist dieses Mädel? Kennt ihr die überhaupt?“
„Also ich habe heute zum ersten Mal etwas von ihr gehört.“, gab mein Vater zu und schob sich beiläufig den nächsten Löffel in den Mund.
„Ihr könnt euren Sohn doch nicht um diese Zeit zu irgendwelchen wildfremden Menschen gehen lassen. Wer weiß, wer sich dahinter verbirgt. Das ist vollkommen unverantwortlich.“
Noch bevor ich den Satz ausgesprochen hatte, wusste ich dass er meinen Eltern den optimalen Anlass bot, mir all meine (längst vergangenen) Eskapaden unter die Nase zu reiben.
„Von Danny haben wir erst erfahren, nachdem ihr schon zwei Wochen zusammen wart.“, erinnerte mich meine Mutter.
„Und was war mit diesem Friedhelm?“
„Ich glaube, er hieß Ferdinand, Schatz.“, korrigierte meine Mutter die kleine Gedächnislücke meines Vaters. Die Erinnerung an all die Männer, die sich später als totale Vollidioten outeten, war mir noch so präsent, als läge sie erst wenige Tage zurück, doch davon wollte ich in diesem Augenblick nichts wissen.
„Ja ja, ich bin die grausame Welt da draußen längst gewöhnt, aber Marian doch nicht. Der ist für so etwas viel zu naiv und gutgläubig. Stellt euch vor, seine Ische würde ihn verlassen… oder noch schlimmer, sie geht ihm fremd. Der Junge wirft sich doch vor den nächsten Zug, damit kann der gar nicht umgehen.“
Ich redete mich so sehr in Rage, dass mir das leichte Schmunzeln im Gesicht meiner Eltern beinahe entgangen wäre.
„Du machst dir wohl Sorgen, was?“, fragte mein Vater schließlich, ohne dass sein Lächeln auch nur einen Millimeter verrutschte. Nur selten zuvor hatte ich mich so ertappt gefühlt.
„Nein, ich… So ein Quatsch…“
„Hab‘ ein bisschen Vertrauen in deinen Bruder. Er muss seine Erfahrungen machen, genau wie du sie gemacht hast. Und da du sie alle überlebt hast, bin ich guter Dinge. Schlimmer kann es sowieso nicht werden.“, lachte meine Mutter und strich mir liebevoll durch das Haar, während sie die leeren Teller abräumte, aber irgendwie wollte ich die Sachen nicht so einfach auf mich beruhen lassen. Es ging mich schließlich sehr wohl etwas an, wenn jemand einfach so in unser Familienleben eindrang, der dort nicht reingehörte.
Auch, wenn ein neuer Abschnitt im Leben eines Menschen begann, der die bisherigen Gewohnheiten aufwirbelte, nur um gleich darauf Neue aufzustellen, blieb es leider nicht aus, dass der Alltag einen schneller einholte, als man es vielleicht wollte.
So fühlte ich mich bereits am Ende der ersten Woche, als wäre ich schon viele Jahre in diesem Betrieb angestellt und das aufregende Kribbeln, das die neue Situation am Anfang noch mitbrachte, hatte seine Wirkung bereits gänzlich verloren. Inzwischen wusste ich, wer zu unseren Stammkunden zählte und welche dieser Stammkunden man besser von seinen Kollegen bedienen ließ.
Ich wusste außerdem, dass zu unserem Team neben Tanja, Britta und Hanna auch noch Lora und Rita gehörten. Lora würde jedoch nur bis zum Ende des Monats bei uns sein, bevor sie mit ihrem Freund in die USA auswanderte. Ich hasste es, wenn mir gerade so viel Zeit blieb, mich an Menschen zu gewöhnen, die gleich darauf wieder aus meinem Leben verschwanden. Die Tatsache, dass Lora genau die gleichen Interessen hatte, wie ich, nämlich Pizza, Konzerte und lange Karaokeabende, bei denen ausschließlich Schlager gesungen wurden, würden mir den Abschied sicherlich nicht erleichtern, aber damit musste ich wohl lernen umzugehen.
Auch Frau Witte hatte ich in meiner ersten Woche schon kennengelernt. Sie tauchte mindestens einmal am Tag bei uns auf und mischte sich sofort in die laufenden Gespräche ein, von denen sie zwar absolut keine Ahnung hatte, aber dennoch fähig war, diese Gespräche ins unendliche weiterzuführen. Nachdem ich die gute Frau am Dienstag über eine halbe Stunde lang nicht losgeworden bin, verstand ich es spätestens am Mittwoch, jegliche Unterhaltungen sofort abzubrechen, sobald sich ihre lauten Stöckelschuhe im Treppenhaus ankündigten.
Das alles war nun mein neues Leben, das ich noch mindestens die nächsten vier Monate vor mir hatte. Wie es danach weitergehen würde, war mir noch nicht klar, aber ich hielt es auch noch nicht für nötig, daran einen Gedanken zu verschwenden. In der Vonderborg-Apotheke war heute jedenfalls so einiges los. Überwiegend ältere Herrschaften, die noch schnell ihre Rezepte vor dem Wochenende einlösen wollten, standen Schlange und bestimmten meinen Arbeitstag.
„Ihre Blutdrucktabletten sind momentan leider nicht lieferbar, Herr Kennig. Darf es alternativ auch das gleiche Medikament von einer anderen Firma sein?“, fragte ich den Herren vor mir nun so langsam und deutlich, wie es nur möglich war, in der Hoffnung, dass er dieses Mal verstand, was ich von ihm wollte.
„Eine neue Firma? Schon wieder? Aber ich komme doch ganz durcheinander mit so viel Hin- und Hergewechsel.“
„Ja, das verstehe ich. Die Lieferengpässe ziehen sich sehr wahrscheinlich noch eine Weile hin.“ Der Gesichtsausdruck von Herrn Kennig nahm mir jegliche Hoffnung, ihn von einem Firmen-Wechsel überzeugen zu können.
„Ich werde mal schauen, was sich da machen lässt.“ Mit diesen Worten wandte ich mich wieder dem Kassenprogramm zu und durchforstete noch einmal die unterschiedlichen Medikamente mit dem besagten Inhaltsstoff.
„Ich könnte für Sie auch eine kleinere Packung bestellen, wenn das in Ordnung wäre. Dann kommen Sie zwar nicht ganz so lange damit aus, aber vielleicht reicht es schon, bis die Große wieder lieferfähig ist.“ Ganz zufrieden schien er mit meinem Vorschlag nicht zu sein, doch nachdem er einige Minuten nachdenklich Löcher in die Luft starrte, willigte er mit einem tiefen Seufzer schließlich ein.
„Gut, machen Sie das.“
„Wunderbar, Herr Kennig! Dann bekommen Sie noch eine Quittung von mir mit und können das Medikament dann schon heute Abend abholen.“ Ich gab mir alle Mühe, mein strahlenstes Lächeln aufzusetzen, um Herrn Kennig davon zu überzeugen, die richtige Entscheidung getroffen zu haben, doch es wollte mir beim besten Willen nicht gelingen, die Sorgenfalten auf seiner Stirn verschwinden zu lassen.
„Bis heute Abend dann. Ich hoffe, Sie haben beim nächsten Mal wieder meine richtigen Tabletten da.“
„Das haben wir bestimmt! Machen Sie sich keine Gedanken.“
Es war zwar nicht meine Art, Menschen derartig anzulügen, wie ich es gerade getan hatte, aber manchmal wusste ich mir einfach nicht anders zu helfen. Bis Herr Kennig das nächste Mal auf der Matte stand, würde ich mir wohl wieder etwas Neues einfallen lassen.
„Also, hier haben wir eine Lieferung für Frau Reski und hier ist eine für Frau Menzel. Die Medikamente kommen erst am Montag an. Estelle, würde es dir etwas ausmachen, sie nächste Woche auszuliefern?“
Etwas gestresst vom großen Ansturm wedelte Tanja mit zwei Kassenzetteln in der Luft herum.
„Kein Problem.“, gab ich zurück, während ich einige Packungen wieder zurück in die Regale sortierte. Im Gegensatz zu allen anderen freute ich mich regelrecht darauf, die Apotheke für einen Augenblick verlassen zu können, um irgendwelchen Kunden ihre Sachen nach Hause zu bringen. Ich bekam mal wieder frische Luft um die Nase, ließ mir von netten älteren Menschen ihre Familienfotos zeigen und in den meisten Fällen sprang dabei sogar ein gutes Trinkgeld für mich ab, weshalb mir diese Praktikanten-Arbeit immer sehr gelegen kam.
„Wunderschönen guten Nachmittag, allen zusammen!“, hallte es durch die Apotheke, als Manfred zur Tür hereinstieß und mit einer ausgelassenen Armbewegung den gesamten Verkaufsbereich einschloss. Als er den hinteren Arbeitsbereich erreichte, in dem er Tanja, Britta und mich vorfand, blieb er schließlich stehen und schaute glücklich von Einem zum Andern.
„Ihr seid wieder fleißig! Ist das schön!“
Seine Lippen waren zu einem Lächeln verzogen, was von einem Ohr zum anderen reichte und seine strahlend weißen Zähne sichtbar machte. Ich hatte ihn noch nie schlecht gelaunt erlebt und fragte mich unwillkürlich, ob er überhaupt fähig war, diese Emotion zu empfinden, bis sein Blick schließlich an mir hängen blieb.
„Wie macht sich denn unser Neuzugang?“, fragte er in die Runde.
„Oh, sehr gut.“, gab Britta zurück, ohne auch nur eine einzige Sekunde darüber nachzudenken, was mir die Röte ins Gesicht trieb.
„Ich habe schon von einigen Kunden gehört, dass sie sich von Estelle gut beraten fühlten. Ich glaube, das ist genau der richtige Beruf für sie.“
„Na wunderbar, dann muss ich es ja nicht bereuen, dich eingestellt zu haben, Estelle. Wenn du dich weiterhin so gut beweist, hoffe ich, dass du uns noch eine Weile erhalten bleibst.“
Manfred klopfte mir lobend auf die Schulter, was das schöne prickelnde Gefühl in meiner Brust nur noch verstärkte und mich automatisch lächeln ließ. Dann klatschte er in die Hände und sah wieder zwischen seinen Angestellten hin und her.
„Also ihr Lieben, nehmt euch bitte nächsten Montag nichts vor. Ich veranlasse eine Teamsitzung nach Ladenschluss.“
„Die letzte Teamsitzung ist doch nicht einmal einen Monat her. Was gibt es denn schon wieder Neues zu besprechen?“ Britta war gerade dabei die neue Ware zu verbuchen und strich sich lässig eine Strähne aus dem Gesicht, die sich aus ihrem hochgesteckten Haar gelöst hatte. Trotz ihres hohen Alters war sie modisch gesehen wirklich total im Trend. Ich überlegte sogar, das ein oder andere Outfit zu kopieren, welches sie unter ihrem Apotheken-Pullover trug und was täglich zur Mittagspause zum Vorschein kam. „Oh, da gibt es so einiges. Das Wichtigste ist aber die Tatsache, dass wir nun eine neue Praktikantin in unserem Betrieb haben und das wollen wir doch auch offiziell machen. Und dabei hat sich eben die Gelegenheit geboten, auch gleich alles andere zu besprechen, was in den nächsten Wochen auf uns zukommen wird.“
Immernoch zufrieden lächelnd ließ Manfred sich auf einen der freien Bürostühle sinken und wartete geduldig die Reaktionen seiner Angestellten ab.
„Wird es lange dauern? Ich gehe normalerweise montags nach der Arbeit immer ins Fitnessstudio. Zumindest habe ich mir das vorgenommen.“, erwiderte Tanja etwas weniger euphorisch, was Manfreds guter Laune allerdings nichts abverlangen konnte.
„Wie lange es dauern wird, kann ich jetzt noch nicht sagen. Ihr wisst ja, dass es immer von eurem Diskussionspotenzial abhängt. Aber die Apotheke ist groß genug, du kannst deinen Sport einfach während der Besprechung machen.“
„Danke, ich denke, ich verzichte.“
Das leichte Augenverdrehen in Tanjas Ausdruck war so minimal, dass es wohl niemandem außer mir aufgefallen war. Genau wie sie, wussten wir alle, dass Manfred in dieser Hinsicht nicht mit sich verhandeln ließ, denn Teambesprechungen waren ihm enorm wichtig. Sobald es irgendeine kleine Neuigkeit gab, bot diese ihm direkten Anlass, uns alle zusammenzutrommeln, um sie zu besprechen. Selbst, wenn es sich um ein Ereignis handelte, das niemandem entgehen konnte, wenn man nicht blind und taub gleichzeitig war, musste es dennoch offiziell gemacht werden, wie Manfred immer so schön zu sagen pflegte.
„Wunderbar, dann sehen wir uns alle spätestens am Montag! Gebt die Information bitte an eure Kollegen weiter, wenn ihr sie seht. Ich werde aber zur Sicherheit trotzdem nochmal eine Rundmail an alle verschicken.“
„Wie wäre es, wenn du einfach alles, was es zu besprechen gibt in einer Rundmail verfasst. Dann hätten wir Montagabend Freizeit und könnten beispielsweise ins Fitnessstudio gehen.“
„Klar, wir können auch einfach schließen und stattdessen eine Onlineapotheke eröffnen. Das wäre genauso persönlich.“
Was Manfred von Onlineapotheken hielt, hatte er mir inzwischen deutlich vermittelt. Selbst am Tag des Bewerbungsgespräches ließ er es sich nicht nehmen, mir in jedem dritten Satz zu prophezeien, dass sich schon bald ein Monopol der großen Internethändler bilden würde, was den Zerfall aller kleinen und mittelständischen Dorfapotheken zur Folge hätte, wenn wir nicht bald etwas dagegen unternähmen.
„Also, haltet euch fit, wir sehen uns am Montag. Jetzt habe ich noch einen Termin mit Frau Witte und dann wartet meine Frau darauf, dass ich sie zum Griechen ausführe.“ Während er sich wieder erhob, warf Manfred noch schnell einen Blick auf das Ziffernblatt seiner Armbanduhr, um sicherzustellen, dass seine Termine alle noch im Zeitplan lagen. Dann kehrte er uns den Rücken zu und wollte gerade in Richtung des Haupteingangs verschwinden, bevor er sich nochmal umdrehte.
„Da schlendern gerade zwei Jugendliche über den Parkplatz. Estelle, stell dich schon einmal nach vorne, das macht einen guten Eindruck, wenn die Beiden gleich hereinkommen.“
Ohne weitere Nachfragen kam ich Manfreds Bitte nach und präsentierte mich kerzengrade und lächelnd hinter dem Handverkaufstisch, von wo aus ich eine wunderbare Sicht auf den Parkplatz genießen konnte. Mein Lächeln gefror allerdings im selben Moment, in dem ich erkannte, um wen es sich bei den Jugendlichen handelte. Ich reckte den Hals und kniff die Augen zusammen, um eine noch deutlichere Sicht zu erlangen, doch ich hatte mich nicht getäuscht: Einer der Beiden war tatsächlich Marian! Da es sich bei der anderen Jugendlichen um ein Mädchen handelte, welches auch noch seine Hand fest umschlungen hielt, schloss ich darauf, dass es sich dabei wohl um seine neue Flamme handeln musste. In der Realität erschien mir dieses Bild von Marian mit einem Mädchen an der Hand noch viel schrecklicher, als ich es mir in meiner Fantasie ausgemalt hatte. Es war beinahe gleichzusetzen mit einem Drogenabhängigem im Rauschzustand. Zu Hause hatte er nie dieses überglückliche Dauergrinsen auf den Lippen, was immer beängstigender wirkte, je näher sie auf die Apotheke zusteuerten. Nur wenige Meter vor dem Eingang blieben sie schließlich stehen. Es musste absolut albern ausgesehen haben, wie ich die Beiden regelrecht anstarrte, aber ich konnte meinen Blick einfach nicht kontrollieren. Ich betete einfach, dass Marian nicht so eine gute Sicht in die Apotheke hätte, wie ich auf den Parkplatz und möglichst bald mit seiner Freundin wieder verschwinden würde, ohne den Laden zu betreten. Ich spürte, wie mein Hals immer trockener wurde, bis er sich schließlich anfühlte wie die Sahara.
Die Sekunden in denen sie einfach nur vor dem Gebäude standen und sich über irgendwas unterhielten, dehnten sich endlos aus, bis Marian sich abwandte und den Weg zum nebenliegenden Supermarkt einschlug. Zu gerne hätte ich in diesem Augenblick gewusst, ob ihm überhaupt klar war, dass ich in der Apotheke arbeitete, in die nun seine Freundin hereinspazierte.
„Hallo, ich hätte hier einmal ein Rezept.“
Drei lange Schritte später, stand das Mädel bereits unmittelbar vor meiner Nase und hatte das rosafarbene Stück Papier vor mir auf dem Handverkaufstisch abgelegt. Zu meiner Enttäuschung musste ich mir eingestehen, dass sie wirklich sehr hübsch war. Die braunen langen Haare trug sie offen über die Schultern und auch ihr Gesicht war von makelloser Schönheit gekennzeichnet. Lediglich ihre Nase war leicht errötet und ihre Haut ungewöhnlich blass, was sehr wahrscheinlich einer dicken Erkältung geschuldet war.
Was wollte so ein hübsches Mädchen mit einem Stinkstiefel, wie meinem Bruder? Während ich mich fragte, welche Absichten sie hatte, wenn sie händchenhaltend mit Marian durch die Öffentlichkeit wanderte, zeichneten sich tiefe Furchen auf die Stirn des Mädchens.
„Ich kann mir die Sachen auch in einer anderen Apotheke besorgen, wenn Sie mir hier nicht weiterhelfen können.“, sagte sie vorsichtig und versuchte dabei offensichtlich meine Gedanken zu erkunden.
„Nein, nein. Schon gut, ich werfe gleich mal einen Blick auf Ihr Rezept.“
Fiona Danielle Herrison. Das war also ihr Name. Ich wanderte weiter bis hin zu ihrem Geburtsdatum, wo ich mit Erschrecken feststellte, dass sie sogar ein ganzes Jahr älter war, als mein Bruder. Dann tippte ich schließlich alles ins Kassensystem ein und suchte die Medikamente zusammen, die auf der Verordnung zu lesen waren: Ein Antibiotikum und ein Hustenstiller.
„So, da bin ich wieder.“
Ich gab mir alle Mühe, Fiona keinen Anlass zu geben, über diese merkwürdige Begegnung weiterhin nachzudenken und möglicherweise noch mit Marian darüber ins Gespräch zu kommen. Denn dann wäre ihm längst klar, dass ich nun einiges mehr über seine neue Freundin wusste, als er wollte.
„Kennen Sie sich denn mit den Medikamenten aus? Hat der Arzt da schon eine Dosierung mit Ihnen besprochen?“, fragte ich schließlich, ohne mein Lächeln verrutschen zu lassen.
„Ähm ja, er hatte mir dazu etwas gesagt, aber ich bin mir nicht mehr ganz sicher. Könnten Sie mir noch einmal die Dosierung erklären? Das wäre super nett.“
„Aber natürlich. Das Antibiotikum sollen Sie zweimal täglich einnehmen. Es ist sehr wichtig, dass Sie einen gleichmäßigen Zeitabstand von zwölf Stunden einhalten und es bis zum Schluss einnehmen, auch wenn die Symptome vorher schon nachlassen. Der Hustenstiller wird nur zur Nacht genommen. Davon nehmen Sie einfach dreißig Tropfen etwa eine halbe Stunde vor dem Zubettgehen.“
„Okay, das bekomme ich hin. Und wie sieht es mit der gleichzeitigen Einnahme von Alkohol aus? Wissen Sie, mein Freund und ich wollen morgen Abend darauf trinken, dass wir nun endlich zueinandergefunden haben.“ Das nun das Gespräch ganz ohne meine Initiative auf Marian gelenkt wurde, ließ meinen Puls in die Höhe schnellen. Diese Chance wollte ich mir auf keinen Fall entgehen lassen.
„Alkohol sollten Sie auf jeden Fall vermeiden! Das ist aber schön zu hören. Ich erinnere mich auch noch ganz genau an meine erste Liebe. Er war so ein Romantiker.“ Ich spielte meine Rolle des schwärmenden Teenagers so gut, dass ich mich damit selbst hätte täuschen können und merkte schnell, dass mein Vorhaben zum Erfolg führen würde.
„Das kann ich gut verstehen. Mein Marian ist auch so humorvoll und liebenswert. Naja, dann werden wir uns wahrscheinlich einen gemütlichen Abend bei ihm zu Hause machen.“
„Das ist eine bessere Alternative. In Ihrem Zustand sollten Sie nicht unter Leute gehen. Das ist weder für Sie gut, noch für all die Menschen, die sich möglicherweise anstecken könnten.“
Auf einmal wurde Fionas Ausdruck nachdenklich.
„Da haben Sie natürlich Recht. Am besten sage ich Marian dieses Wochenende ab, sonst stecke ich ihn auch noch an.“
Vielleicht klang es ein bisschen euphorischer, als ich beabsichtigte, als ich sagte:
„Oh ja! Das ist definitiv die beste Entscheidung!“
„In der damaligen Gesellschaft, war es nicht so einfach, wie heute, mein Kind. Ein guter Schulabschluss war damals längst nicht in jedem Haus Standard, genauso wenig, wie eine gute Ausbildung. Kinder von Ärzten oder Rechtsanwälten hatten Chancen, gefördert zu werden, aber dazu zählte ich leider nicht. Ich bin mit sechs Geschwistern in einer Arbeiterfamilie aufgewachsen, da fehlte schlichtweg das Geld, jedem einen guten Start ins Berufsleben zu ermöglichen. Aber meine Eltern haben sich immer um uns bemüht, da kann ich ihnen keinen Vorwurf machen.“
Ich liebte es regelrecht, wenn ältere Menschen von ihren Lebenserfahrungen berichteten und Frau Menzel hatte mit ihren dreiundsiebzig Jahren davon bereits mehr als genug. Das war auch der Grund, weshalb ich nun seit gut einer halben Stunde mit einer Tasse Tee am Eichenholzesstisch ihres Wohnzimmers saß. Und natürlich die Tatsache, dass es ein paar Medikamente gab, die ich ihr während meiner Botendienste vorbeibringen sollte, weil wir sie am Freitag zuvor nicht auf Lager hatten. Genau wie der Esstisch, waren auch alle anderen Möbel im gleichen dunklen Eichenfarbstil gehalten, was zwar nicht mehr ganz modern sein mochte, aber dennoch Gemütlichkeit und Wärme in den Raum brachte. An den Wänden hingen überall Fotos, die Frau Menzels Familienangehörigen zeigten. Eines der gerahmten Fotos befand sich auf der Kommode zusammen mit einem Teelicht, das Frau Menzel zuvor angezündet hatte. Es zeigte ihren verstorbenen Ehemann Ewald. Aus Erzählungen von Manfred wusste ich, dass auch er bis zu seinem Tod ein treuer Stammkunde gewesen war, den jeder im Apothekenteam gleich ins Herz schließen mochte. Seit er allerdings verstorben war, konnte man beinahe zusehen, wie seine Frau vereinsamte und an ihrer sonst so allseits präsenten Lebensfreude nach und nach verlor.
Auch das war ein Grund, warum ich mir bei meinem
Besuch gerne ein bisschen Zeit ließ.
„So, aber nun genug geplaudert.“, sagte Frau Menzel irgendwann und kippte den letzten Schluck ihres Ingwertees runter.
„Jetzt bekommst du das Geld für die Medikamente.
Zehn Euro waren das, richtig?“
„Ja, genau.“
„Dann wollen wir doch mal schauen, was wir hier drin noch so finden…“
Aus der obersten Schublade ihres Esszimmerschrankes kramte sie ein uraltes Lederportemonnai, was sich nur noch an einigen wenigen Stofffetzen zusammenhielt.
„Ich habe nur leider kein Wechselgeld dabei, deswegen wäre es super, wenn Sie…“
Ehe ich mich versah, lagen schon zwölf Euro vor mir auf dem Tisch. Fragend sah ich zu Frau Menzel auf.
„Kauf dir noch ein Eis, von dem übrigen Geld.“
Der liebevolle Ausdruck ihrer warmen dunklen Augen lag schwer auf mir und ich spürte wie mein Herz von Wehmut erfüllt wurde. Irgendwie tat mir ihre Einsamkeit leid und ich wünschte mir unwillkürlich, etwas an ihrer Situation ändern zu können.
„Vielen Dank, das mache ich, Frau Menzel.“
Ich bemühte mich, genauso viel Warmherzigkeit in meine Stimme zu legen, wie Frau Menzel mir immer entgegenbrachte.
„Jetzt muss ich aber los. Die Kollegen warten sicher schon bei der Teamsitzung auf mich.“
Ich verließ den großen Hof der alten Dame, der ebenfalls seit dem Tod ihres Mannes mehr und mehr in sich zerfiel.
Ein Blick auf meine Armbanduhr verriet mir, dass ich schon seit zehn Minuten Feierabend hatte. Draußen wanderte die rote Abendsonne immer weiter dem Horizont entgegen und ein Schwall kühler Novemberluft umspielte meine Nase, was mich tief einatmen ließ. Überdas weite Feld am Rande des Grundstücks bot sich mir eine wunderbare Sicht auf die erleuchtete Hauptstraße, die zurück ins Dorf führte. In guten fünf Minuten sollte ich die Apotheke wieder erreicht haben.
„Die Praktikantin ist wieder aufgetaucht! Ihr könnt die Vermisstenmeldung zurücknehmen!“, witzelte Manfred, als ich zur Tür hereinkam. In der Apotheke saß bereits das ganze Team versammelt, während eine gefüllte Keksdose durch die Runde gereicht wurde.
„Manche Kunden haben eben ein sehr ausgeprägtes Kommunikationstalent.“
Das war alles, was ich dazu sagte, bevor ich mich auf den letzten freien Bürostuhl zwischen Hanna und Suzanna fallen ließ. Dass meine Bemerkung etwas spitz rüberkam lag nicht etwa daran, dass mich die lange Unterhaltung mit Frau Menzel so genervt hatte. Im Gegenteil. Botendienste waren nahezu meine liebste Beschäftigung, selbst wenn das bedeutete, dass ich ab und an mal zehn Minuten später nach Hause käme. Was mich in diesem Augenblick nervte war lediglich die Tatsache, dass ich totmüde war und jetzt wahrscheinlich überall lieber wäre, als da, wo ich sowieso viel zu viel Zeit meines Lebens verbrachte.
„Also, was gibt es Wichtiges zu besprechen? Steht uns eine Epidemie bevor?“, fragte Tanja in die Runde und schob sich einen der Schokokekse in den Mund.
„Das werdet ihr gleich schon alles erfahren, aber nun lasst uns erst einmal anfangen.“
Manfred erhob sich von seinem Platz und klatschte in die Hände, um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen.
„Es freut mich wirklich sehr, dass ihr euch ein weiteres Mal für unsere Besprechung Zeit genommen habt. Ich sehe an Abenden, wie diesen immer wieder, was ich für ein wunderbares Team um mich herumhabe und ihr sollt wissen, dass ich wirklich stolz auf euch bin. Umso glücklicher bin ich, dass dieses Team immer weiter wächst, daher möchte ich nochmal besonders an Estelle gerichtet sagen, dass ich es wirklich toll finde, wie du uns ergänzt.“
Manfred legte eine kurze Pause ein, in der er mir kurz zunickte. Dann fuhr er weiter fort:
„Weil ich weiß, dass ich mich immer auf euch verlassen kann, habe ich nächsten Monat einer Geschäftsreise nach China zugesagt. Dort finden ein paar internationale Messen statt, auf denen die neuste Technik für Pharmazeuten vorgestellt wird. Ich denke, das wird sehr interessant werden, und vielleicht folgt darauf ja schon die ein oder andere technische Veränderung in unserer Apotheke, die euch alle ein bisschen entlastet. Jedenfalls bedeutet das, dass ich mindestens drei Wochen nicht im Betrieb sein werde. Wie immer wird mich Suzanna für diese Zeit vertreten.“ Sogleich schossen drei Arme in die Höhe und es dauerte einige Sekunden, bis Manfred sich dazu entschied, wen er als erstes zu Wort kommen ließ.
„Ja, Hanna?“
„Meinen Urlaub darf ich dann doch trotzdem nehmen, oder? Ich habe schon gebucht.“
„Natürlich, das habe ich ja bereits genehmigt. Ich denke, dass wir hier gut genug besetzt sind.“
Dann deutete er auf Rita, die ebenfalls den Arm in die Luft hielt.
„Ich kann gerne etwas mehr arbeiten, wenn es nötig ist. Hab‘ sowieso schon überlegt, demnächst meine Stunden zu erhöhen.“
„Das wäre super, Rita! Wir machen gleich einen Plan für die drei Wochen, dann tragen wir dich direkt ein. Aber vorher darf Tanja natürlich auch noch loswerden, was ihr auf dem Herzen liegt.“
Jetzt deutete er mit einer knappen Handbewegung auf Tanja.
„Ich will ja nicht vom Thema abweichen, aber ich hoffe du hast auch den Notdienst noch auf dem Schirm. Da hätte ich noch so einiges auf der Liste, was wir bis dahin bestellen sollten.“
Ungeduldig tippte Tanja mit dem Kugelschreiber auf dem Tischkalender herum, den sie im Schoß hielt.
„Natürlich! Wie könnte ich das vergessen. Das ist alles super wichtig, deswegen gehen wir die einzelnen Punkte jetzt nach und nach durch. Sei doch bitte so lieb und schreib´ alles Wichtige gleich mit.“
Zufrieden lächelnd ließ sich Manfred wieder zurück auf seinen Stuhl sinken.
„Also mit wem kann ich in den drei Wochen rechnen?
Bis auf Hanna müssten alle da sein, sehe ich das richtig?“
Fragend durchschaute Manfred die Runde, als Lora zögerlich den Arm hob.
„Ich bin ab nächsten Monat leider nicht mehr dabei, sorry.“
„Ach ja, die USA wartet auf dich. Das ist wirklich schade, es geht mir nicht gerade leicht übers Herz, wenn ich eine meiner Mitarbeiterinnen ziehen lassen muss. Aber okay, dann bleiben uns also noch Britta, Tanja und Rita. Estelle ist zwar noch nicht so erfahren, aber ich denke, sie wird uns trotzdem gut unterstützen können. Wer kann an welchen Tagen? Ich frage mich einfach mal durch. Fangen wir mit Rita an.“
„Ich stehe euch gerne montags, dienstags, donnertstags und samstags zur Verfügung. Mittwochs könnte ich auch einen halben Tag übernehmen, aber freitags ist Yoga.“
„Sehr gut. Tanja, trag Rita für diese Tage in den Kalender ein. Damit hätten wir schon den größten Teil abgedeckt. Wie sieht es mit Britta aus?“
„Ich bleibe bei meinen drei Tagen in der Woche. Mehr ist da leider wirklich nicht drin, ich habe schließlich noch einen anderen Job.“
„Das hilft uns auch schon weiter.“
Britta war neben ihrer Arbeit in der Apotheke noch Kosmetikerin und hatte sich damit selbstständig gemacht. Sie kam drei Tage in der Woche zu uns und führte in der verbleibenden Zeit ihre eigene Praxis, in der sie kosmetische Behandlungen durchführte. Das war auf jeden Fall von Vorteil, wenn Kunden in der Apotheke eine ausführliche Beratung zu irgendwelchen Cremes haben wollten, von denen ich absolut keine Ahnung hatte. Dann konnte ich das Gespräch ganz professionell an meine Kollegin weitergeben.
„Dann hätten wir noch Tanja.“
„Ich würde sagen, wenn der Freitag noch nicht abgedeckt ist, bleibt der wohl an mir hängen. Dann nehme ich einfach die restlichen Tage, die Hanna noch übrig lässt.“
„Perfekt! Dann haben wir doch einen wunderbaren Plan! An allen Tagen, an denen jetzt weniger, als zwei erfahrene Kräfte aufgestellt sind, wird Suzanna euch dann unterstützen und Estelle macht einfach ihre regulären Stunden.“
„Genau. Und sollte ich mal nicht da sein, dürft ihr mich jeder Zeit anrufen, wenn irgendwas ist.“, stimmte Suzanna ihrem Mann zu.
„Widmen wir uns nun dem Notdienst! Was hast du alles auf deiner Liste, Tanja?“
„Oh, da steht so einiges.“
Tanja reichte einen Zettel an Manfred, den sie vorher auseinanderfaltete. Zwar konnte ich nicht erkennen, was darauf zu lesen war, aber der kurze Blick, den ich erhaschen konnte, verriet mir, dass die Liste sehr lang sein musste.
„Okay, Antibiotika, Fiebersaft, Zäpfchen, … Hast du auch schon unsere Bestände dazu kontrolliert?“ Nachdem Manfred den Zettel kurz überflog, sah er bereits wieder fragend zu seiner Angestelltin auf.
„Jap sieht mager aus. Alles, was ich rot markiert habe, ist momentan nicht lieferbar.“
Wieder senkte Manfred den Blick auf das etwas zerknitterte Blatt Papier in seiner Hand.
„Das ist ja nicht gerade wenig.“
Er schüttelte den Kopf.
„Na gut, wir werden an dieser Korruption sowieso nichts ändern. Schau morgen nochmal nach anderen Firmen oder Packungsgrößen, auf die wir ausweichen können. Irgendwie müssen wir unsere Patienten ja versorgen.“
„Wird gemacht, Chef!“, erwiderte Tanja gespielt diszipliniert.
„Wunderbar! Kommen wir dann also zum letzten Punkt, den ich mit euch besprechen möchte!“
Einige wirkten ein wenig überrascht darüber, dass noch ein Thema folgte und auch ich versuchte mir meine Enttäuschung darüber, dass die Sitzung wohl noch nicht beendet war, nicht anmerken zu lassen.
„Wie ihr alle wisst, wird Lora uns demnächst verlassen. Als kleines Dankeschön für ihre, und für eurer aller Arbeit, möchte ich das ganze Team zum Abschied von Lora gerne ins Fuoco del sud einladen. Ich hätte dafür den nächsten Samstag vorgesehen, was haltet ihr von dem Vorschlag?“
Auf einmal schlug die eben noch so deprimierte Stimmung um und ein fröhliches Oh, ja raunte durch den Raum.
Ich hatte noch nie etwas Privates mit meinen Kollegen unternommen, aber ich glaubte, dass es wirklich cool werden würde, ausnahmsweise mal etwas zu machen, wobei es nicht ausschließlich um Kapseln oder Zäpfchen ging. Für das nächste Wochenende hatte ich sowieso noch nichts geplant, sodass mir das Essengehen als gute Alternative erschien, anstatt den ganzen Samstag im Bademantel auf dem Sofa herumzugammeln.
„Sehr schön, dann werde ich für uns einen Tisch reservieren. Wie wäre es mit 19:00 Uhr?“
Ein zustimmendes Nicken ging unter den Kollegen umher, woraufhin sich Manfred zu seinem Schreibtisch umwandte, um dort etwas zu notieren.
„Ich werde mich gleich morgen darum kümmern! Dann wünsche ich euch allen jetzt noch einen ruhigen Abend. Erholt euch gut, von dem langen Tag, das habt ihr euch wirklich verdient!“
Eine innerliche Freude durchsprudelte meinen ganzen Körper, als ich mich auf den Heimweg machte. Meine Gedanken hingen, ohne es zu wollen, noch den ganzen Abend an dem bevorstehenden Betriebsessen. Ich malte mir aus, was ich anziehen würde und wie spät ich losfahren müsste, um pünktlich am Fuoco del sud anzukommen. Erst die Müdigkeit, die mich irgendwann spät in der Nacht überkam, als ich schon gar nicht mehr damit rechnete, schaffte es mein Gedankenkarussell zu beenden.
Notdienste sind eine super Sache, wie ich fand. Also zumindest für mich, denn das bedeutete, dass ich pünktlich in meinen Feierabend verschwinden konnte.
Alle Kassen blieben geöffnet und es mussten keine Rechner heruntergefahren werden, was mich an normalen Tagen immer einen Haufen unbezahlter Arbeitszeit kostete. Anders sah dies allerdings bei Manfred aus. Erfahrungsgemäß schäumte er nicht gerade vor Freude über, wenn er sich die Nacht mit nervigen Kunden um die Ohren schlagen musste und
das spiegelte sich auch in seiner Stimmung wider. Wenn man ihn nicht allzu oft wegen irgendwelcher Lapalien ansprach, bekam man davon allerdings recht wenig mit, wie ich heute lernte.
„Ich freue mich schon so sehr auf das Betriebsessen! Warst du schon einmal im Fuoco del sud?“
Seit der Teamsitzung gab es kaum ein anderes Thema, was hauptsächlich der Tatsache geschuldet war, dass ich es einfach nicht schaffte, meine Vorfreude unter Kontrolle zu bringen und jeden damit belaberte, der sich länger, als zwei Minuten in meiner Nähe aufhielt. „Ja, ich glaube, meine Nachbarn haben da ihre Hochzeit gefeiert. Ist aber schon Jahre her, ich erinnere mich kaum noch. Hilf mir mal bitte mit dem Müll.“
Tanja deutete auf einen gelben Sack, der in der Ecke des Pausenraums an der Wand lehnte. Vor ihren Füßen türmten sich verschiedene Pappkartons voller Altpapier und Datenmüll, die auf ihre Entsorgung warteten.
„Ich habe mir schon Bilder im Internet angesehen. Also das Ambiente ist auf jeden Fall super und es hat nur positive Bewertungen!“, schwärmte ich, während ich Tanja den Sack reichte. Vielleicht mochte meine Begeisterung ein wenig kindisch klingen, doch vor meinen Arbeitskolleginnen hatte ich bereits alle Hemmungen verloren. Es war ein nahezu familiäres Verhältnis, was sich im Laufe der Zeit, in der ich schon hier war, zwischen uns allen aufgebaut hatte. Dies konnte man zwar keinesfalls als verwunderlich bezeichnen, wenn man von morgens bis abends aufeinander hockte, aber es freute mich doch sehr, hier einen so guten Anschluss gefunden zu haben.
„Warte, ich hole den Schlüssel für die Müllcontainer, dann nehme ich dir einen Stapel ab!“
Beinahe hätte ich kaum gemerkt, wie Tanja sich hilflos abmühte, während ich tatenlos danebenstand. Man konnte wirklich von Glück reden, dass sie mir derartige Aktionen bis jetzt noch nicht übel nahm. Mit dem Schlüssel in der Jackentasche, einem gigantischen Papierstapel auf dem Arm und Tanja im Schlepptau, machte ich mich durch die Hintertür auf den Weg zu den Müllräumen. Sogleich schoss mir der vertraute Geruch von verfaultem Restmüll und aufgeweichtem Papier in die Nase, der mich immer erwartete, wenn ich hierherkam.
„Also, wir grübeln schon seit langem über ein Abschiedsgeschenk für Lora.“, begann Tanja, nachdem sie den ersten Stapel in der blauen Tonne versenkt hatte. „Hättest du eventuell noch einen guten Vorschlag?
Vielleicht irgendetwas, was sie gebrauchen könnte in Kalifornien?“
„Hm, schwierige Frage. Lass mich nachdenken.“
„Naja, so viel Zeit bleibt uns aber nicht mehr zum Nachdenken.“, lachte Tanja und legte mir freundschaftlich eine Hand auf die Schulter. Da wurde mir mit einem Schlag bewusst, dass es ja tatsächlich nur noch drei Tage waren, woraufhin sich das aufregende Prickeln in meiner Brust wieder zurückmeldete und mir ein breites Grinsen auf die Lippen zauberte.
„Dann müssen wir eben schnell überlegen! Wie wäre es mit einem Rückflugticket, damit sie uns besuchen kann?“, gab ich als konstruktiven Vorschlag zurück.
„Ein Rückflugticket?“
Tanja verzog eine Augenbraue.
„Ich glaube kaum, dass man Lora damit begeistern kann.“
„Oder ein schönes Bild von uns? Dann vergisst sie uns nicht so schnell!“
„Naja, ich weiß nicht…“
„Jetzt habe ich eine gute Idee! Wir nehmen einen Song für sie im Tonstudio auf!“
„Das ist es!“
Der überzeugende Ausdruck in Tanjas Blick vergewisserte mir, dass ich dieses Mal voll ins Schwarze getroffen hatte.
„Und was werden wir singen?“
„Schlager natürlich!“
Zufrieden schlenderten wir zurück zur Apotheke. Es brannte mir auf der Zunge, den anderen von unseren Plänen zu berichten, aber die Tatsache, dass sich Manfreds Laune heute im Keller befand, hielt mich zurück. Außerdem war Lora selbst gerade ebenfalls in der Apotheke, weshalb das Risiko sowieso viel zu groß wäre, sie vorzeitig über alles zu informieren.
„Ich schreibe es heute Abend in die Gruppe.“, flüsterte Tanja mir noch zu, als wir das Backoffice der Apotheke wieder betraten.
„So, ihr Lieben, ich würde sagen, wir haben es geschafft für heute!“
Lora warf sich erleichtert ihren Mantel über die Schultern.
„Dem schließe ich mich gerne an! Wir sehen uns dann morgen.“
Auch Tanja griff nach ihrer Jacke und ich tat es ihr gleich.
„Hm, schönen Feierabend.“, brummte Manfred von seinem Schreibtisch aus, ohne den Blick von der Tastatur seines Rechners zu heben.
„Tschau, Suzanna!“, rief Lora auch der Frau unseres Chefs zu, die in der Sichtwahl einige Regale entstaubte.
„Schönen Feierabend euch dreien! Kommt gut nach Hause!“
Obwohl sich Suzanna alle Mühe gab, war der erschöpfte Unterton in ihrer Stimme deutlich herauszuhören.
„Zwei Minuten nach halb! So pünktlich waren wir noch nie!“, freute sich Lora beim Blick auf ihr Handydisplay.
„Das bedeutet mindestens zehn Minuten mehr Freizeit, als sonst!“
„Von Freizeit kann bei mir heute nicht die Rede sein, die Freundin meines Bruders kommt zum Abendessen. Es ist so ekelig mitansehen zu müssen, wie sie Händchen halten und sich Komplimente machen und herumknutschen.“
Angewidert ließ ich meine Zunge heraushängen, was mittlerweile schon eine unfreiwillige Begleiterscheinung darstellte, wenn ich von Marian und seiner Fiona sprach. Ich konnte es mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ich selbst mal so ein schwerverliebter Teenager gewesen sein sollte. Allein der Gedanke daran ließ mich würgen.
„Warum magst du sie nicht?“, wollte Tanja wissen, aber irgendwie kam mir keine Antwort in den Sinn, die meine Gefühle passend ausgedrückt hätte.
„Ich weiß nicht. Vielleicht bin ich einfach keine Romantikerin.“
Schulterzuckend wandte ich mich von den Beiden ab und steuerte auf mein Auto zu, was schon einsam und verlassen auf mich wartete. Auf diese Weise konnte ich allen Nachfragen geschickt entgehen, ohne weitere Auskünfte über meine Gefühlslage geben zu müssen.
Als ich gerade hinter dem Steuer Platz genommen hatte, wo ich hörbar die Luft ausstieß, wurde mir bewusst, dass irgendetwas fehlte. Ich tastet meine Taschen ab und hätte beinahe einen Anfall bekommen, als mir bewusst wurde, dass ich wohl doch noch einmal zur Apotheke zurückkehren müsste, um mein Handy aus dem Pausenraum zu holen. Für einen kurzen Moment überlegte ich, ob ich es heute Abend wirklich brauchen würde, oder ob es nicht ausreichte es einfach morgen mitzunehmen. Da erinnerte ich mich, dass Tanja heute Abend die Idee für Loras Abschiedsgeschenk in der Gruppe verkünden wollte, und das durfte ich auf keinen Fall verpassen. Viel zu groß war die Neugierde darüber, wie meine Idee beim Team ankäme und natürlich wollte ich an der Planung auch unbedingt teilhaben. Also überwand ich mich doch das Auto wieder zu verlassen und schnellte mit langen Schritten auf die Apotheke zu. Ich wollte gerade die Klingel betätigen, als ich sah, dass die Tür wegen des Notdienstes noch gar nicht verriegelt war.
„Hey, ich bin es nochmal!“, rief ich in die Apotheke und erwartete schon irgendeinen blöden Kommentar von Manfred oder Suzanna, doch dieser blieb zu meiner Verwunderung dieses Mal aus. Stattdessen hörte ich laute Stimmen aus dem Pausenraum miteinander diskutieren. Noch verstand ich nicht, was gesagt wurde, doch der aggressive Ton gab mir ein ungutes Gefühl.
Langsam steuerte ich immer weiter auf die Tür zum Aufenthaltsraum zu. Diese war nur angelehnt und ließ mich einen kurzen Blick ins Innere erhaschen, wo ich Suzanna aufgeregt hin und herlaufen sah. Keiner der beiden bemerkte mich und ich überlegte, ob ich doch wieder umkehren sollte. Vor der Tür fühlte ich mich wie ein Eindringling, der sich in einem Gebiet befand, in dem er definitiv nichts zu suchen hatte.
„Du hattest von drei Wochen gesprochen!“, schrie Suzanna ihren Mann an.
„Jetzt redest du von zwei Monaten und lässt mich mit der ganzen Verantwortung alleine stehen. Der Plan war nicht, dass ich deine Apotheke weiterführe, während du dich amüsierst!“
