Schatten in Le Havre - Chiara Prestianni - E-Book

Schatten in Le Havre E-Book

Chiara Prestianni

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Beschreibung

Jannet Cammel ist eine bodenständige, junge Frau, die mit beiden Beinen fest im Leben steht, bis ihr das Schicksal den Boden unter den Füßen wegreißt. Nachdem sich ihr geliebter Ehemann Joachim eines Tages aus heiterem Himmel das Leben nimmt, wird gut zwei Jahre später auch noch die gemeinsame Tochter Greta (5) nach Frankreich entführt. Die Polizei scheint machtlos und stellt die Ermittlungen ein, weshalb sich Jannet schließlich selber auf die Suche begibt. Auf welche mysteriösen Begegnungen sie dabei treffen wird und in welchem Zusammenhang die Entführung mit Joachims plötzlichem Selbstmord steht, ahnt sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Ein Roman, der Spannung und Mystik miteinander vereint und den Leser auf eine Reise in das Ungewisse begleitet.

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Seitenzahl: 423

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Chiara Prestianni

Schatten in LeHavre

© 2018 Chiara Prestianni

Verlag und Druck: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback:

978-3-7469-8124-6

Hardcover:

978-3-7469-8125-3

e-Book:

978-3-7469-8126-0

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Chiara Prestianni wurde am 29.10.1998 in Mettingen geboren und wuchs in einem kleinen Ort in Nordrhein-Westfalen auf, wo sie bis heute mit ihrer deutschen Mutter und ihrem italienischen Vater lebt. Nach dem Abitur begann sie die Ausbildung zur Pharmazeutisch Technischen Assistentin um sich auf das anschließende Pharmaziestudium vorzubereiten. Die Ferien verbringt Chiara meist in der Provinz Catania, an der Ostküste Siziliens, wo Teile ihrer Verwandtschaft beheimatet sind.

Danksagung

Die erste Idee zu dem Buch kam mir bereits vor zwei Jahren, als ich noch zur Schule ging und viel Zeit einfach nur mit Nichtstun verschwendete. Ich dachte mir, diese Zeit könne man sinnvoller nutzen und begann damit, kreativ zu werden. Die Personen, sowie die beschriebenen Handlungen sind daher lediglich Geschöpfe meiner Phantasie und beruhen nicht auf eine wahre Begebenheit. Man kann jedoch sagen, dass eine dieser fiktiven Persönlichkeiten aus Gustavilius, entstanden ist, dem Christian Steenberg, der Bruder meiner beiden längsten und engsten Freundinnen Annamaria und Caterina Steenberg, in seiner Kindheit häufig begegnete. Ihm danke ich daher für die Inspiration und das Erschaffen eines Parallelcharakters, den es so in dieser Form sonst wahrscheinlich nicht gegeben hätte. Wie ich bereits angesprochen habe, sind Annamaria und Caterina Menschen, die mich schon mein ganzes Leben lang begleiteten und mir viel bedeuten. Vor diesem Hintergrund möchte ich es nicht versäumen, auch den Rest unserer Alpaka-Gang, nämlich Tatjana Knappmann und Stephanie Hackenberg zu erwähnen, die ich zwar noch nicht ganz so lange kenne, aber die mir genauso sehr ans Herz gewachsen sind und ohne die mir mit Sicherheit ein wichtiger Teil in meinem Leben fehlen würde. Als ich mich schließlich ans Schreiben machte, blieben natürlich auch die Schönen Pausen zur neuen Inspirationsfindung nicht aus, die ich meist bei meiner Tante Angelika Meißner mit einer Tasse selbstgemachten Tee verbrachte. Dann sollte endlich die Veröffentlichung meines ersten Buches folgen. An dieser Stelle möchte ich Dominik und Jennifer Bücker, meiner Cousine danken, die mir in vieler Hinsicht dabei geholfen und mir wertvolle Tipps gegeben haben. Auch meine Mama Rafaela Prestianni investierte viel Zeit darin, mein Skript Korrektur zu lesen und erleichterte mir ebenfalls den Weg zum fertigen Exemplar.

Wie man sieht, war es also nicht allein mein Verdienst, dass mein Buch zu dem wurde, was es heute ist. Das größte Dankeschön gilt aber allen Menschen, die mir immer nahe standen und auf die ich mich immer bedingungslos verlassen kann. Darunter vor allem meine Familie, mein Onkel Peter Schmidt und meine Freunde. Ganz besonders meiner besten Freundin Melanie Ahaus, die vor einigen Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam und der ich hiermit einen Charakter in meiner Geschichte widmen möchte.

Kapitel 1

Was bewegt einen Menschen dazu, keinen Sinn mehr im Leben zu sehen? Was treibt ihn zu derartigen Suizidgedanken, dass er zu glauben vermag, es gebe keinen anderen Ausweg, als diesen? Und vor allem: Wie schafft es ein Mensch diese Gedanken über Jahre hinweg so sehr in seinem tiefsten Inneren zu bewahren, dass nichts davon nach außen dringt und selbst die Person, die ihm am nächsten steht nichts von seinen Depressionen bemerkt. Hat er das Vertrauen verloren? Oder gab es vielleicht zahlreiche versteckte Hilferufe, die nur nicht gesehen wurden? Genau diese Fragen stellte sich Jannet Cammel in den vergangenen Tagen. Auch sie hatte die Suizidgedanken ihres Mannes Joachim nicht bemerkt. Nun war es zu spät dafür. Dabei fing der Tag doch so gewöhnlich, wie immer an.

Es war ein sonniger Montag mitten im August. Das Wetter war so schön, wie lange nicht mehr. Die Nachrichten meldeten für heute über 30 Grad. Nach dem gemeinsamen Frühstück, machte sich Jannet wie jeden Morgen auf den Weg ins Büro, um pünktlich um 8 Uhr mit der Arbeit zu beginnen. Es ahnte zu diesem Zeitpunkt noch niemand, dass es das letzte gemeinsame Frühstück der dreiköpfigen Familie sein würde. Auch die dreijährige Tochter Greta musste heute zum Kindergarten. Oft wurde sie dann am Nachmittag von Jannets` Mutter Hilda abgeholt, wenn

Joachim und Jannet beide arbeiten mussten und keine Zeit dafür hatten. Diese freute sich immer, wenn sie ihre Enkelin erwartete, und auch Greta genoss die Zeit mit ihrer Oma, die sich immer viel Mühe gab, damit es ihr nicht langweilig wurde. Doch nicht nur sie war gerne bei Hilda zu Besuch. Auch Gretas fünfjähriger Cousin Samuel, der Sohn von Jannets` älteren Schwester Diana kam gerne nach dem Kindergarten zum Haus seiner Oma, das nicht weit von seinem eigenen zu Hause entfernt war. Obwohl Diana mit ihrem Mann Elias und dem gemeinsamen Sohn einige Siedlungen von ihr entfernt wohnten, war es möglich, durch den Garten direkt zum Haus von Hilda zu gelangen. Abgesehen von Greta und Samuel hatte sie keine weiteren Enkelkinder, was sie sehr schade fand. Gerne kümmerte sie sich um die beiden und opferte jede freie Minute für sie. Auch Jannet und Diana wussten, was sie an ihrer Mutter hatten. Nur durch Hilda war es ihnen möglich, den flexiblen Arbeitszeiten im Beruf gerecht zu werden. Wer sonst würde sich so liebevoll um die Kinder kümmern? Zum Dank wurde Hilda jeden Sonntag von ihren Töchtern zum Essen eingeladen. Immer abwechselnd fand das Familienessen dann einmal bei Jannet und Joachim und dann wieder bei Diana und Elias statt. Das hatte außerdem den Vorteil, dass die beiden jeweils nur jedes zweite Wochenende kochen mussten und die ganze Familie zusammenkam.

Nachdem Jannet sich also nach dem Frühstück von ihrer Familie verabschiedete, und das Haus verließ, blieb Joachim mit Greta alleine. „So, wir beide müssen jetzt die Zähne putzen, damit es gleich in den Kindergarten gehen kann.“ Gut gelaunt, wie immer, nahm Joachim seine Tochter auf den Arm. Da er eine Stunde später mit der Schicht begann, als seine Frau, brachte er Greta auf dem Weg ins Büro vorher zum Kindergarten. „Hast du denn auch deine Tasche?“ „Ja, die ist hier. Aber das Einhorn muss noch rein.“ Greta hielt eine rot karierte Umhängetasche in die Luft und drückte sie ihrem Papa in die Hand. Dann verschwand sie ins Wohnzimmer, wo einige ihrer Spielsachen lagen. Nach einigen Sekunden kehrte sie mit einem rosafarbenen Plüsch-Einhorn zurück. „Ich will das mitnehmen.“ „Aber das geht nicht, man darf keine eigenen Spielsachen in den Kindergarten mitnehmen.“ „Doch, das will ich aber.“ Greta wurde quengelig und bestand darauf, das Einhorn mitnehmen zu dürfen. Joachim verstand es jedoch seine Tochter zu überzeugen. Er kniete sich zu ihr herunter und sah ihr tief in die Augen. „Aber du willst doch nicht, dass es verloren geht, oder? Ich würde es lieber hierlassen, wo es sicher ist.“ „Na gut.“ Nicht ganz freiwillig ließ Greta ihr Einhorn schließlich doch zurück. Am Kindergarten begleitete Joachim sie noch hinein und gab ihr dann zum Abschied einen dicken Kuss auf die Wange. Es war das letzte Mal, dass Greta ihren Vater gesehen hatte. Obwohl Joachim eigentlich zur Arbeit musste, führte sein Weg an diesem Tag jedoch ganz woanders hin.

Auch Jannet konnte davon noch nichts wissen. Gut gelaunt verlief der erste Weg zur Kaffeemaschine, wo sie von ihrer Arbeitskollegin und besten Freundin Manuela in Empfang genommen wurde, um von ihr den neusten Klatsch und Tratsch zu erfahren. „Jannet, guten Morgen! Nimm dir ruhig den Kaffee aus der Kanne. Der ist noch warm.“ Die 1,50 Meter große Blondine saß gemütlich in ihrem Bürostuhl und hielt einen Kaffeebecher in der Hand. „Bist du nicht eigentlich hier, um zu arbeiten? Ich sehe dich immer nur Kaffee trinken.“ „Ja, ja. Ich bin schon mindestens seit einer halben Stunde hier. Da darf man sich auch mal eine Pause gönnen.“ Manuela schlürfte das warme Getränk aus ihrer Tasse. „Und ich dachte immer, die Pausen fangen hier um halb zehn an.“ „Nein, nicht, wenn der Chef nicht da ist.“ Jannet und Manuela mussten lachen. „Na schön. Aber die Pause ist jetzt vorbei. Wenn wir mit allem schnell fertig werden, haben wir vielleicht die Möglichkeit, eher zu gehen, ohne morgen ein Donnerwetter erwarten zu müssen. „Das erwarte ich sowieso nicht. Ich habe nämlich morgen frei.“ Manuela grinste ihre Kollegin überfreundlich an. „Was, schon wieder? Und wenn du dich dann mal zufällig hierher verirrt hast, trinkst du nur Kaffee. So, so.“ Jannet stellt die leere Kaffeetasse ab und begab sich an den Schreibtisch. Obwohl der Beruf für sie viel bedeutete und Jannet gerne zur Arbeit ging, stand das Familienleben an erster Stelle. Greta und Joachim waren alles für sie und um diese nicht zu vernachlässigen, arbeitete sie nur halbtags. Oft hatte sie daher einige Tage frei oder konnte schon Mittags Feierabend machen. Ganz anders, als Joachim, der Vollzeit arbeiten ging und daher nie vor 20 Uhr nach Hause kam. Sowohl er, als auch Jannet konnten mit ihrer Berufswahl zufrieden sein. Sie hatten beide einen gut bezahlten Job. Joachim galt als hoch angesehener Experte in der IT-Branche und auch Jannets` Arbeit als Sekretärin einer großen Transportfirma brachte ein gewisses Image mit sich. Doch nicht nur der gut bezahlte Beruf an sich, sondern auch das Arbeitsklima unter den Kollegen war alles andere, als schlecht. Oft gingen sie nach der Arbeit noch zusammen etwas trinken, oder verabredeten sich am Wochenende um gemeinsam etwas zu unternehmen. Etwa einmal im Monat kamen solche Treffen vor. Bei Joachim vermutlich sogar etwas häufiger, als bei Jannet. Eigentlich schien das Leben der beiden doch nahezu perfekt. Sie hatten alles, was sie brauchten: Eine glückliche Ehe, ein gesundes Kind und keine Geldnot. Wenn es gelegentlich mal zu kleineren Problemen kam, lösten die beiden diese immer gemeinsam und das hatte bis heute auch sehr gut funktioniert. Kaum zu glauben, welche Gedanken Joachim zu diesem Zeitpunkt beschäftigten.

Während dessen erwartete Hilda am Kindergarten bereits ihre Enkelin. Es war genau 12 Uhr. Pünktlich, wie immer wurden die Kinder aus dem Stuhlkreis entlassen. Greta hatte ihre Oma sofort erkannt und lief direkt auf sie zu. „Na, wie war es heute. Habt ihr etwas tolles gespielt?“ „Nein, gebastelt.“ Gab die kleine zurück. „Das ist für dich, Oma.“ Greta hielt eine bunt beklebte Toilettenpapierrolle in die Luft. „Die sieht aber toll aus. Hast du das ganz alleine gebastelt?“ Hilda betrachtete das Gebilde interessiert, als ihre Enkelin stolz lächelte. „Wirklich? Das ist aber schön geworden. Na dann nimm dir mal deine Tasche vom Harken und dann fahren wir nach Hause. Es gibt gleich etwas leckeres zum Mittagessen. Hast du schon Hunger?“ Wieder nickte Greta. „Und wenn du gut gegessen hast, musst du mir helfen, einen Kuchen zu backen und vielleicht gehen wir danach noch ins Planschbecken, was hälst du davon?“ „Ja, das machen wir.“ Greta war begeistert von diesem Vorschlag. Alles geschah genau so, wie es geplant war. Der Nachmittag verging wie im Flug und es dauerte nicht lange, bis auch Jannet Feierabend hatte und sich auf den Weg machte, um ihre Tochter von Hilda abzuholen. Eigentlich wollte Jannet gar nicht so lange bleiben, doch als ihre Mutter unbedingt noch einen Kaffee mit ihr trinken wollte, nahm sich Jannet gerne noch einen Augenblick Zeit. Was sollte sie denn auch so früh schon Daheim? Joachim sollte schließlich auch noch bei der Arbeit sein und den Haushalt hatte sie bereits in den vergangenen Tagen erledigt. „Bei der Gelegenheit kannst du auch noch ein Stück von dem Kuchen probieren, den ich mit Greta eben gebacken habe. Er ist uns wirklich gut gelungen.“, argumentierte Hilda, um ihre Tochter davon zu überzeugen, noch eine Weile zu bleiben. Das Wetter war immer noch wunderbar. Fast 33 Grad maß das Thermometer an der Hauswand. Auf der Terrasse war ein großer Sonnenschirm aufgespannt, der dem darunter stehenden Tisch Schatten spendete. Die große Rasenfläche war umgeben von Bäumen und Pflanzen. Viele der Bäume waren Obstbäume und trugen Früchte. Jannet und Diana liebten es schon, als sie noch Kinder waren, die Kirschen und Mirabellen direkt vom Baum zu pflücken und mit den Kernen einen Weitspuck-Wettbewerb zu veranstalten. Ein schmaler Kiesweg führte zu einem Gewächshaus, indem einige Tomaten- und Gurkenpflanzen wuchsen. Von den Pflanzen hingen die Früchte wie im Bilderbuch herunter. Die tiefe dunkelrote Farbe der Tomaten machten sie appetitlicher, als aus jedem Supermarkt. Und abgesehen davon waren sie auch noch viel gesünder. Auf der Rasenfläche, nahe an der Terrasse gelegen, befand sich ein mit Wasser befülltes Planschbecken und gleich daneben befand sich ein großer Sandkasten mit einigen Spielsachen. Greta und Samuel spielten hier im Sommer gerne und auch Hilda war zufrieden, wenn sie ihren beiden Enkeln eine Freude machte. Nach und nach brachten sie und Jannet Kuchenteller und Kaffeetassen nach draußen. Der liebevoll gebackene Kuchen wurde mit einem Fliegengitter abgedeckt, um ihn vor Insekten zu schützen. Einige Minuten später saß Jannet mit ihrer Mutter auf der Terrasse und genoss die freie Zeit. Greta spielte zufrieden im Sandkasten und schleckte das Vanilleeis, das sie zuvor in der Kühltruhe ihrer Oma fand. „Wie war denn dein erster Arbeitstag nach dem Wochenende so?“ wollte Hilda wissen. „Naja, eigentlich gehe ich ja gerne zur Arbeit, aber bei diesem Wetter kann ich mir auch was Besseres vorstellen, als den ganzen Tag im Büro zu verschwenden.“ „Das kann ich mir denken. Wie gut, dass ich nicht mehr zur Arbeit muss. Hast du denn morgen wenigstens frei?“ „Nein, leider nicht. Aber zum Glück muss ich dann nur bis 1 Uhr arbeiten. Eine Kollegin hat nämlich zur Zeit Urlaub. Obwohl die ja auch eigentlich gut ohne mich auskommen würden. Es ist im Moment nicht besonders viel los in der Firma. Außer Kaffee trinken und Zeitung lesen haben wir nicht besonders viel gemacht heute.“ „Das ist ja mal wieder typisch. Deine Kollegin ruht sich am Strand aus und du musst bei der Hitze ins Büro. Und dabei soll es doch morgen wieder über 30 Grad werden. Melde dich doch einfach krank und dann kommst du zum Mittagessen zu mir.“ Jannet lachte über den Vorschlag ihrer Mutter. Immer kam sie auf dumme Gedanken. Wenn das Wetter zu schön war zum arbeiten, dann meldete man sich eben krank. So einfach war die Welt für Hilda. Sie machte sich aus nichts ein Problem. Doch für die pflichtbewusste Jannet kam das überhaupt nicht in Frage. Der Job hatte nun mal Vorrang und abgesehen davon war es ja auch nur bis 1 Uhr. „Gemeinsames Mittagessen finde ich gut. Joachim kommt morgen eh erst um halb 9 nach Hause. Aber die Arbeit zu schwänzen ist keine gute Idee. Vielleicht werde ich ja gesehen, und dann bekomme ich nie eine Gehaltserhöhung.“ Die beiden lachten vergnügt. „Der Kuchen ist euch wirklich gut gelungen.“ Gerade, als Jannet die Bemühungen ihrer Mutter loben wollte, kamen zwei bekannte Gesichter um die Ecke. „Hallo Greta!“ rief ein kleiner blonder Junge in grüner Badeshorts und einem schwarzem T-Shirt. Auf der Nase trug er eine dunkle Sonnenbrille und in der Hand hielt er einen großen blauen Wasserball. „Spielst du mit?“ fragte er und hielt den Wasserball in die Luft. Es war Samuel gefolgt von seiner Mutter Diana. „Hallo, ihr beiden. Ihr seid genau richtig. Greta und ich haben eben einen Apfelkuchen gebacken. Den müsst ihr unbedingt probieren. Diana, willst du auch eine Tasse Kaffee mittrinken?“ „Ja natürlich, ich will die Sonne schließlich auch so genießen, wie ihr.“ Diana setzte sich zu ihrer Schwester an den Tisch und nahm sich ein Kuchenstück auf den von Hilda gebrachten Teller. Samuel und Greta spielten auf dem Rasen bereits mit dem mitgebrachten Wasserball von Samuel. „Wie sieht es denn bei euch mit der Urlaubsplanung so aus, Jannet?“ will Diana wissen. „Wenn meine Kollegin wieder da ist, habe ich zwei Wochen frei. Joachim und ich haben überlegt, ach Gran Canaria zu fliegen. Wir haben dort ein wirklich gutes Angebot für ein 4-Sterne-Hotel gefunden, gar nicht weit vom Strand entfernt. Das wäre ideal für uns. Habt ihr auch schon etwas geplant?“ „Elias würde ja gerne nach Sydney, aber ich finde, dass ist viel zu teuer. Und dann noch der lange Flug. Ich habe vorgeschlagen nach Griechenland zu fliegen. Elias´ Arbeitskollege hat dort eine Ferienwohnung und bot uns an, dass wir sie benutzen können. Ganz umsonst, er will dafür nichts haben, außer vielleicht mal eine Einladung zum Mittagessen.“ Dianas Mann war ein sehr guter Polizist. Man kann schon sagen, er war der Beste in der Umgebung, und dafür arbeitete er auch jeden Tag sehr hart. Wenn seine Kollegen schon lange zu Hause waren, saß er noch am Schreibtisch und überprüfte semtliche Akten. Die einzige Zeit im Jahr, die er sich frei nahm, wollte er dann auch in besonderer Weise verbringen. Nur in Europa Urlaub zu machen, reichte ihm da nicht aus. „Hier sieht man doch jeden Tag nur das selbe.“ sagte er dann immer, wenn ihn seine Frau mal wieder dazu überreden wollte, die freien Tage nicht allzu weit von der Heimat entfernt zu verbringen. „Hast du schon Fotos von der Wohnung in Griechenland? Damit könntest du Elias bestimmt begeistern. Männer sind leicht zu überzeugen.“ lachte Jannet. „Oh, ja. Die habe ich schon gesehen. So eine tolle Ferienwohnung und dieser Sturkopf will trotzdem unbedingt nach Sydney.“ Diana suchte ihr Handy aus der Handtasche, um Jannet die Bilder zu zeigen. „Ach Kinder.“ mischt sich jetzt auch Hilda in das Gespräch ein. Wir haben uns über so etwas früher nie Gedanken machen müssen. Sydney oder Griechenland, das war eh alles viel zu teuer für uns. Wir haben einfach ein Zelt eingepackt und sind losgefahren. Wo wir am Abend landen würden, haben wir am Morgen noch nicht gewusst. Das war viel aufregender, als euer Sommerurlaub am anderen Ende der Welt, bei dem sogar jeder Gang zur Toilette geplant ist. Ich erinnere mich immer gerne an die alte Zeit zurück, als ich euren Vater kennenlernte. Nur wir beide irgendwo im Nirgendwo. Manchmal wussten nicht einmal meine Eltern davon. Ich habe mich einfach aus dem Haus geschlichen und weg waren wir.“ „Einfach aus dem Haus geschlichen? Das hätten wir uns mal erlauben müssen, dann hätten wir für den Rest unseres Lebens Hausarrest bekommen.“ wendete Diana ein. „Haben Oma und Opa da denn gar nichts zu gesagt?“ „Oh doch. Es gab immer ein riesen Spektakel, wenn wir zurück kamen. Einmal hätten sie sogar fast die Polizei gerufen, weil sie mich nicht gefunden haben. Und dabei war ich schon volljährig. Aber das war es wert gewesen. Ich habe es nie bereut. Kaum zu glauben, dass euer Vater nun schon fast 10 Jahre tot ist.“ Hilda lächelte bei dem Gedanken an ihre Jugend und an ihren verstorbenen Mann. Er war damals an einem Herzinfarkt gestorben. Der plötzliche Tod hat die ganze Familie schwer getroffen. „Ich denke mal, Greta und ich müssen uns wohl jetzt so langsam verabschieden. Ich muss noch das Essen vorbereiten. In zwei Stunden kommt Joachim schon nach Hause.“ Jannet sah auf die Uhr. „Möchtest du nicht noch ein Stück Kuchen für ihn mitnehmen? Der freut sich bestimmt, wenn er noch einen leckeren Nachtisch bekommt.“ Da hast du wohl Recht. Der ist dir auch wirklich gut gelungen.“ „Ich hatte auch gute Unterstützung von meiner lieben Enkelin.“ Hilda nahm ein Kuchenstück vom Blech herunter und legte es auf einen Teller. Dann wickelte sie alles zusammen in Frischhaltefolie ein und übergab das fertige Paket an ihre Tochter. „Dankeschön, Mama.“ „Du kommst doch morgen zum Mittagessen, oder?“ „Natürlich das habe ich dir ja gesagt. Diana, kommst du auch?“ Jannet wendet sich auf dem Weg zum Auto noch einmal zu Diana um. „Ich habe morgen frei. Soll ich vielleicht noch einen Salat mitbringen? Dann komme ich nachdem ich Samuel aus dem Kindergarten geholt habe, auch dazu.“ „Ja ist doch super. Endlich kann ich euch auch mal zum Essen einladen. Wird ja sonst langweilig, wenn ich immer nur jedes Wochenende bei euch esse. Ich werde etwas ganz tolles vorbereiten. Lasst euch überraschen.“ Hilda war voller Vorfreude auf den folgenden Tag. „Na dann ist ja alles geklärt. Bis Morgen.“ Jannet verließ mit Greta und dem Stück Kuchen das Grundstück. „So Greta, dann zeigen wir gleich mal dem Papa, was du für einen tollen Kuchen mit Oma gebacken hast. Meinst du, der freut sich, wenn du ihm den heute Abend bringst?“ „Ja. Den habe ich ja schließlich gebacken.“

Nach etwa einer viertel Stunde erreichen die beiden die Heimat. Schon als sie in die Hofeinfahrt einbogen, bemerkte Jannet, dass irgendetwas nicht stimmte. Vor der Garage stand der schwarze Kombi ihres Mannes. Hatte er vielleicht früher Feierabend und war deshalb schon zu Hause? Das konnte sich Jannet jedoch nur schwer vorstellen. Gerade Montags kam es doch nie vor, dass sie Joachim schon um diese Uhrzeit zu Gesicht bekam. Oder hatte er sich heute krank gemeldet und ist garnicht erst bei der Arbeit erschienen? Aber beim Frühstück sah er doch relativ fit aus. Hatte Jannet nicht mitbekommen, dass es Joachim nicht gut ging? „Greta, war der Papa heute krank? Hat der gesagt, dass es ihm nicht gut geht?“ „Nein, der ist zur Arbeit gefahren.“ „Aber sein Auto steht hier. Ich glaube, der ist dann schon zu Hause.“ „Ja. Bestimmt will der mir eine Überraschung machen. Mit einem mulmigem Gefühl öffnet Jannet die Haustür. Sofort stürmte Greta hinein und suchte ihren Papa. „Hallo Papa. Ich bin schon da.“ Rief sie, als sie den Flur betrat. „Ich will Papa den Kuchen bringen.“ Greta bleibt stehen und dreht sich zu Jannet um. „Ich stelle ihn dir in die Küche, okay? Papa ist bestimmt oben, dann kannst du ihm sagen, dass in der Küche eine Überraschung für ihn ist.“ „Okay.“ Greta lief die Treppen hinauf. „Wo bist du, Papa?“ Hört man sie immer wieder rufen. Jannet stellte den mitgebrachten Kuchen auf den Küchentisch und legte Jacke und Handtasche ab. Da fiel ihr plötzlich ein Zettel ins Auge, der zusammengefaltet auf dem Küchentisch lag. Jannet nahm das Stück Papier in die Hand und begann zu lesen.

„Ich weiß noch nicht, was passieren wird, aber ihr müsst wissen, dass ich euch immer lieben werde.“

Es war zweifellos die Handschrift von Joachim. Jannet spürte, wie sich ihr Margen umdrehte. Irgendetwas musste passiert sein, das hatte sie im Gefühl. Aber was konnte er damit nur meinen? Plötzlich stand Greta in der Tür. Jannet war so mit diesem Brief beschäftigt, dass sie ihre Tochter nicht hat kommen hören. „Mama, ich finde Papa nicht. Du musst mir jetzt suchen helfen.“ Jannet erschrak aus ihren Gedanken. „Papa ist bestimmt grade bei den Nachbarn. Geh doch solange etwas im Wohnzimmer spielen, bis er wieder da ist.“ „Na gut, aber du sagst mir Bescheid, wenn er wiederkommt, ja?“ „Das mache ich, versprochen.“ Greta lief ins Wohnzimmer und spielte auf ihrem bunten Kinderteppich ungestört mit ihren Lieblingsspielsachen. Sie bemerkte nichts von der inneren Unruhe, die ihre Mutter plagte. Jannet lief währenddessen durch das ganze Haus und steckte ihren Kopf in jeden Raum hinein, in der Hoffnung ihren verschwundenen Mann irgendwo wohlbehalten aufzufinden. Doch jedes Mal ohne Erfolg. Vielleicht war er im Garten oder wirklich bei den Nachbarn. Jannet schaute im Garten nach. „Joachim?“, rief sie von der Terrasse, doch nichts rührte sich. Dann lief Jannet mehrmals um das ganze Haus herum. Dabei bemerkte sie, dass die Nachbarn zur Zeit gar nicht zu Hause waren. Dort konnte sich Joachim also nicht aufhalten. Als Jannet wieder ins Haus ging, nahm sie das Telefon von der Ablage. Immer wieder versuchte sie Joachim auf dem Handy zu erreichen, doch es meldete sich jedes Mal nur die Mailbox. „Joachim, wo steckst du? Ich mache mir Sorgen. Bitte melde dich sofort zurück, wenn du das abhörst.“ Verzweifelt beschloss Jannet schließlich in der Firma anzurufen, in der Joachim arbeitete. Während es durchklingelte, überkam Jannet das Gefühl von Angst und Panik. Dies war ihre letzte Hoffnung. Wenn sich Joachim nicht bei der Arbeit befand, musste etwas schlimmes mit ihm passiert sein. Was sollte sie dann tun? Wo sollte sie ihn dann noch suchen und wie konnte sie ihm helfen, wenn er vielleicht grade in Gefahr ist? Jannet stellte sich die schlimmsten Szenarios vor. Dann meldete sich plötzlich eine Stimme am anderen Ende der Leitung. „IT-Service-Center, Gerd Emrich am Apparat, was kann ich für sie tun?“ Jannet war enttäuscht, als sie bemerkte, dass es nicht die Stimme von Joachim war. Dennoch war sie froh, dass sie dort endlich einen Ansprechpartner gefunden hatte, dem sie ihr Problem mitteilen konnte und der ihr möglicherweise einen guten Rat gab, was sie in ihrer Situation jetzt tun sollte. „Hallo Gerd, hier ist Jannet Cammel.“ Gerd war ein guter Kumpel von Joachim. Sie studierten schon zusammen an der gleichen Universität und gelangten dann durch Zufall an die selbe IT-Firma, an der sie bis heute zusammen arbeiteten. Weil Joachim und Gerd viel zusammen unternommen hatten, kannte er auch Jannet sehr gut, die sich nun hilfesuchend an ihn wendete. „Sag mal, ist Joachim heute bei der Arbeit gewesen?“ „Nein, tut mir leid. Er hat sich heute Morgen abgemeldet. Den genauen Grund dafür wollte er mir allerdings nicht sagen. Er meinte bloß, es gehe ihm zur Zeit nicht gut. Keine Ahnung, was er genau damit meinte. Ich habe gedacht, er hätte vielleicht mit dir darüber geredet.“ „Nein, das hat er leider nicht. Er war heute Morgen so wie immer. Er hat ganz normal Greta in den Kindergarten gebracht und wollte dann in die Firma fahren. Aber sein Auto steht hier und er hat mir einen Zettel auf dem Tisch liegen gelassen, auf den er geschrieben hat, dass er uns liebt und so. Ich habe das Gefühl, dass mit ihm irgendetwas passiert ist.“ „Ich will dich ja jetzt nicht beunruhigen, aber das glaube ich langsam auch. Er war auch total nervös, als er heute Morgen angerufen hat. Das sieht ihm gar nicht ähnlich. Wenn er hier ist, ist er immer gut gelaunt und kann sich stundenlang mit jemanden unterhalten. Ich habe ihm geraten, sich erst mal hinzulegen und sich ein paar Tage frei zu nehmen. Hast du wirklich überall nach ihm gesucht?“ „Ja, im ganzen Haus. Er ist nirgendwo zu finden und an sein Handy geht er auch nicht. Hast du vielleicht irgendeine Idee, wo er noch sein könnte?“ Jannets` Stimme zitterte. Es viel ihr schwer, die Tränen zurück zu halten. Nachdem, was sie von Gerd erfahren hatte, schrumpfte jede Hoffnung, ihren Mann gesund und munter wiederzusehen immer mehr. So ein Verhalten kannte sie von Joachim doch nicht. Warum hat er ihr denn nicht gesagt, dass es ihm nicht gut ging? Was konnte er bloß gehabt haben? „Beruhige dich erst mal. Es wird bestimmt nichts passiert sein. Vielleicht ist er einfach nur zum Arzt gegangen.“ Gerd spürte Jannets` Angst und versuchte eine plausible Erklärung für Joachims plötzliches Verschwinden zu finden. „Der nächste Arzt ist aber 8 km entfernt und sein Auto steht hier. Da kann er unmöglich sein.“ „Das stimmt auch wieder. Aber dann kann er ja nicht allzu weit gekommen sein. Hast du mal in der Nachbarschaft herumgefragt, ob ihn vielleicht jemand gesehen hat, oder weiß, wo er sein könnte?“ „Nein, das habe ich noch nicht. Aber ist wohl die einzige Möglichkeit, die ich noch habe, abgesehen von der Polizei. Aber die wird wohl kaum etwas unternehmen, wenn ein erwachsener Mann eine Stunde lang nicht auffindbar ist.“ Jannet lief nervös im Schlafzimmer auf und ab. Um sicher zu gehen, dass Greta von dem Gespräch nichts mitbekam, ließ sie die Tür geschlossen. Als Jannet zufällig aus dem Fenster schaute, bemerkte sie ein winziges Detail, was sie möglicherweise zu der Antwort auf die Frage, wo sich Joachim aufhielt führen könnte. Es war zwar nur eine Kleinigkeit, die anders war als sonst, aber diese könnte für die Lösung des Rätsels dennoch bedeutend sein. Warum war ihr das noch nicht aufgefallen, als sie eben mehrmals um das Haus herumlief? Dabei war sie sich doch sicher, auf alles genau geachtet zu haben. In Gedanken vertieft, vergaß Jannet das Gespräch mit Gerd völlig. „Hallo, bist du noch da? Hallo?“ Die immer lauter werdende Stimme im Telefonhörer brachte ihre Aufmerksamkeit schließlich wieder zurück. „Was? Ja, ich bin noch da. Ich muss jetzt Schluss machen, okay? Aber wenn es etwas Neues gibt, werde ich mich auf jeden Fall wieder bei dir melden. Bis dann.“ „Ja, ist in Ordnung. Viel Glück noch bei der Suche. Bis später, Jannet.“ Gerd verstand zwar nicht die plötzliche Aufregung von Jannet, aber er wollte jetzt auch nicht nachfragen. Gleich, nachdem sie aufgelegt hatte, stürmte Jannet wieder hinunter in den Garten. Sie überquerte den Rasen bis ans andere Ende, wo sich ein großer Schuppen befand, indem das Holz für den Winter lagerte. Sie hatte sich tatsächlich nicht getäuscht. Beim genaueren Betrachten der Tür, wird ihr alles bewusst. Die Tür war nicht von außen verriegelt. Dennoch war sie zu und fest verschlossen, was bedeutete, dass sie von innen verriegelt sein musste. Die einzige Möglichkeit war also, dass sich jemand in diesem Holzschuppen befand und wer konnte es schon sein, außer Joachim? Weil Jannet die Tür von außen nicht öffnen konnte, klopfte sie zunächst daran an. „Joachim? Bist du da drin?“ Einen kurzen Moment lang hielt sie inne, doch es rührte sich nichts. Nicht das leiseste Geräusch konnte Jannet vernehmen. Als auch nach mehrmaligem Anklopfen nichts geschah, wusste sie nicht, was sie als nächstes tun sollte. Einer Seits wollte sie endlich wissen, was mit ihrem Mann geschehen war, doch anderer Seits hatte sie ebenso viel Angst davor die Wahrheit zu erfahren. Es nützte alles nichts. Vielleicht konnte sie etwas schlimmeres verhindern, je schneller sie eingreifen würde. Entschlossen ging sie in die Garage und nahm die Axt zur Hand. Bevor sie zurück zum Holzschuppen lief, vergewisserte sich Jannet noch einmal, dass Greta noch immer so mit dem Spielen beschäftigt war, dass sie von der Aktion nichts bemerkte. Dann ging es los. Mit der Axt zielte sie genau auf die Verriegelung. So fest Jannet konnte, schlug sie zu. Nach einem lauten Knall betrachtete sie die Tür. Noch immer verschlossen. Also noch einmal. Jannet startete den zweiten Versuch. Wieder zielte sie genau auf die Verriegelung. Dieses Mal hatte sie tatsächlich Erfolg. Die Tür gab nach und öffnete sich mit einem gewaltigem Ruck. Jannet stolperte ins Innere des Holzschuppens und stürzte Boden. Langsam versuchte sie sich aufzurichten, doch was sie dann sah, ließ sie erneut zurückfallen. Jannet erstarrte bei diesem Anblick. Über ihr hing die Leiche ihres Mannes. Joachim hatte sich an diesem Morgen tatsächlich erhängt. Der Tod veränderte sein Aussehen so sehr, dass Jannet ihn kaum noch wiedererkannte. Der Kopf hing schräg nach vorne abgeknickt und sein Mund war halb geöffnet. Die Augen haben sich nach innen gedreht, was seinen Blick leer machte. Das Schlimmste, was Jannet befürchtet hatte war nun eingetreten. Von einer Sekunde auf die andere veränderte sich alles. All die Hoffnung, die sie noch zuvor hatte, war zerstört. Jannet stand vor den Trümmern ihres Lebens und ihrer gemeinsamen Zukunft. Alles, was Joachim ihr hinterlassen hatte, war ein riesiger Scherbenhaufen aus all dem, was sie einst zusammen aufgebaut hatten. Jannet war verzweifelt, denn sie wusste nicht, was sie nun tun sollte. Völlig aufgelöst saß sie in der Ecke des Schuppens, den Blick auf die hängende Leiche gerichtet. Sie kam sich hilflos und alleine vor. Niemand, außer ihr wusste, was geschehen war. Wer konnte ihr in dieser Situation ein vertrauenswürdiger Ansprechpartner sein?

Jannet bemühte sich wieder, so normal, wie möglich zu wirken, damit Greta keinen Verdacht schöpfte und ging zurück ins Haus. Dann nahm sie erneut den Telefonhörer zur Hand. Die einzigen Personen, die ihr jetzt helfen konnten, waren Hilda und Diana. Der Suizid von Joachim, den Jannet schon heimlich befürchtet hatte, war jetzt sicher. Diana hatte durch den Beruf ihres Mannes damit sicher Erfahrung und konnte sagen, wie sich Jannet nun am besten verhalten sollte. Ihre Hände zitterten vor Nervosität so stark, dass sie kaum in der Lage war, die Telefontasten zu drücken. Es fühlte sich an, als würden Stunden vergehen, bis endlich jemand abnimmt und die erlösende Stimme am anderen Ende der Leitung zu hören war. „Hallo.“ Es war die Stimme von Hilda, die sich dort meldete. „Hallo, Mama. Du musst mir helfen, ich bin verzweifelt und weiß nicht, was ich jetzt tun soll. Joachim ist tot.“ Hilda war geschockt, als sie diese Worte von ihrer Tochter hörte. „Was ist passiert?“ Jannet erklärte ihr so kurz und knapp wie möglich, was geschehen war. „Ist Greta noch bei dir? Du kannst jetzt nicht auch noch die Verantwortung für ein dreijähriges Kind übernehmen. Pass auf, ich mache mich mit Diana so schnell es geht auf den Weg zu dir.“ „Ja, ist in Ordnung, aber beeilt euch.“

Während Jannet wartete, beobachtete sie von der Küche aus ihre Tochter beim Spielen. Sie konnte nicht glauben, was gerade alles geschehen war. Es war, wie in einem schlechter Traum und sie hoffte, dass sie bald daraus aufwachen würde. Doch alles blieb, wie es war.

Da klingelte es schon an der Tür. Das mussten Hilda und Diana sein. Jannet wurde mit einem Mal aus ihren Gedanken herausgerissen. Als sie die Tür öffnete, blieb sie jedoch stehen. Sie fand nicht die Personen vor, die sie erwartet hatte. Stattdessen standen dort ihre Nachbarin Camilla mit ihrer Tochter Melanie, die eine gute Freundin von Greta war. „Jannet, wie geht es dir? Man hört ja in letzter Zeit gar nichts mehr von euch, da haben wir gedacht, wir kommen euch mal besuchen. Habt ihr nicht Lust, ein Eis mit uns zu essen?“ Jannet wusste zunächst nicht, was sie antworten sollte. Die Sache überforderte sie. Konnte sie sich Camilla jetzt schon anvertrauen? Es blieb ihr keine andere Wahl. Außerdem war sie eine gute Freundin der Familie und Jannet war sich sicher, dass sie nichts vertrauliches herumerzählen würde. „Es tut mir wirklich leid, aber wir haben einen Todesfall in der Familie. Ich habe gerade Joachim tot aufgefunden. Du würdest mir aber einen riesigen Gefallen tun, wenn du Greta mitnehmen würdest.“ „Um Himmels Willen, Joachim ist gestorben? Was hatte er denn?“ Jannet sah in den Augen von Camilla, wie geschockt sie von dem war, was ihr gerade erzählt wurde. „Er hat sich heute Morgen erhängt.“ Mit Mühe hielt Jannet ihre Tränen zurück. „Das ist ja schrecklich. Wenn du willst nehme ich Greta mit. Sie kann heute Abend auch gerne bei uns übernachten, wenn dir das irgendwie hilft.“ „Nein, danke, das ist nicht nötig. Ich würde sie heute Abend wieder abholen, wenn ich hier alles wichtige soweit erledigt habe. Meine Mutter und meine Schwester sind auch schon auf dem Weg zu uns. Ich denke mal, dass wir dann heute Abend dort schlafen werden.“ Jannet ging zu Greta ins Wohnzimmer, um ihr von dem Plan, mit Melanie und Camilla Eis essen zu gehen zu erzählen. Greta war begeistert von dem Vorschlag und stimmte zu. Sie freute sich immer, wenn sie mit ihrer besten Freundin etwas unternehmen konnte. Auch im Kindergarten waren sie kaum voneinander getrennt, sondern liefen immer gemeinsam irgendwo herum.

Gerade, als Camilla mit Melanie und Greta den Hof verlassen hatte, kamen auch Hilda und Diana in die Einfahrt eingebogen. „Es hat einige Minuten gedauert, aber wir mussten erst noch Samuel zu Elias bringen. Er hat extra etwas eher frei gemacht.“ „Wo ist er denn? Du musst die Polizei rufen.“ Diana wollte ihre Schwester mit guten Ratschlägen unterstützen. Bald kam es zu einem großen Auflauf von zahlreichen Polizisten, die den Toten genauer unter die Lupe nahmen.

Jannet konnte nichts weiter tun. Sie saß mit Diana und Hilda am Küchentisch und wartete darauf, irgendwelche Informationen zu erhalten. Einige Stunden vergingen, bis endlich einer der Beamten zu ihr kam und ihr mitteilte, dass die Leiche nun in die Obduktion gebracht und sie Bescheid kriege, wann sie zur Bestattung freigegeben werde.

Jannet konnte das alles noch immer nicht fassen. Fünf Jahre hatten sie und Joachim eine glückliche Ehe geführt. Greta war der ganze Stolz der Familie. Wollte Joachim sie denn nicht mehr aufwachsen sehen? Wollte er nicht gemeinsam mit Jannet alt werden, so wie sie es sich früher immer geschworen hatten? Gretas` ersten Schultag, ihre Kommunion und vielleicht sogar irgendwann ihre Hochzeit, wollte er das alles nicht mehr miterleben? Es gibt so viele Menschen, die täglich an den verschiedensten Krankheiten viel zu früh sterben und sich nichts mehr wünschen, als noch einige Tage länger auf dieser Erde verbringen zu können und Joachim warf sein Leben einfach so weg, als hätte es keinen Wert gehabt. Nie hatte Jannet das Gefühl, er sei unzufrieden gewesen. Doch konnte Joachim seine Familie wirklich lieben, wenn er sie nun mit allem grundlos alleine ließ? Jannet begann an allem zu zweifeln, mit dem sie sich noch vor einigen Stunden so sicher war.

Kapitel 2

Die Glocken läuteten so laut, dass kaum das eigene Wort zu verstehen war. Nach einer Woche wurde Joachim beerdigt, nachdem die Leiche von der Polizei freigegeben wurde. Viele schwarz gekleidete Menschen, die Joachim auf seinem letzten Weg begleiten wollten, sammelten sich vor der Kirche. Die meisten von ihnen kannte Jannet, doch einige von ihnen waren ihr fremd. Zusammen mit Hilda, Diana und ihrer Freundin Manuela stand Jannet einige Meter Abseits von der Masse. Sie leisteten Jannet an diesem schweren Tag, der wahrscheinlich zum schwersten in Jannets` Leben werden würde, den nötigen Beistand. Gleich würde es losgehen. Vor allen anderen nahmen Jannet und ihre Familie nun schon in der Kirche Platz. Da sie Joachims nächsten Angehörigen waren, blieb die Bank in der ersten Reihe für sie reserviert. Direkt vor Jannet, auf den Stufen des Altares lag der Sarg, indem sich Joachim befand. Im Hintergrund spielte die Orgel, bis alle in der Kirche versammelt waren. Es waren sehr viele Menschen, sodass die Kirche bis in die letzte Bank gefüllt war.

Obwohl sie von Manuela und Diana rechts und links gestützt wurde und die beiden ihr immer wieder Mut zusprachen, hat sich Jannet in ihrem ganzen Leben noch nie so alleine gefühlt, wie jetzt. Ständig glaubte sie, bemitleidend von der Masse hinter ihr angestarrt zu werden, oder aus dem Augenwinkel zu sehen, wie über sie geredet wurde. Keiner von denen konnte mit Jannet mitfühlen oder sich in ihre Lage versetzen. Niemand stand Joachim so nahe, wie sie und hatte mit ihm so viele schöne, aber auch schwere Tage durchgestanden. Sie konnten nicht wissen, wie sehr Jannet ihren Mann geliebt hatte und was dieser Verlust nun für sie bedeutete.

Die Orgel klang langsam aus, als der Pastor an das Mikrophon trat: „Liebe Trauergemeinde. Wir sind hier heute zusammen gekommen, um Abschied von dem verstorbenen Joachim Cammel zu nehmen. Joachim ist am 14. August im Alter von 34 Jahren von uns gegangen. Der plötzliche Tod hat eine große Lücke in unserem Leben hinterlassen.“ Jannet versuchte sich nicht so sehr auf die Worte des Pastors zu konzentrieren. Dies viel ihr jedoch nicht leicht. Immer wieder wurde sie an die vergangenen schönen Momente mit Joachim erinnert. Der Gedanke, dass jetzt alles vorbei sein sollte, löste in Jannets` Seele einen tiefen Schmerz aus. Die Zeit wollte einfach nicht vergehen. Jannet hoffte, dass bald alles vorbei sein würde, und sie sich von allem zurückziehen könnte. Wenig später hatte sie zumindest die Messe überstanden. Der eigentliche schwere Gang folgte nun. Bis zum vorgesehenen Grab folgten alle den Sargträgern und dem Pastor über den Friedhof. Als sie ankamen, wurde nun der Sarg langsam hinunter in die Erde gelassen. Nachdem der Pfarrer alles gesegnet hatte, hatte jeder noch einmal die Möglichkeit, an dem geöffneten Grab stehen zu bleiben, um dort eine Rose hineinzuwerfen, oder einfach nur ein kurzes, stilles Gebet zu beten. Nachdem die Trauergäste alle vorbeigegangen waren und Jannet der Reihe nach umarmten oder ihr die Hand schüttelten, um ihr ein Beileid auszusprechen, stand sie nun alleine vor dem offenen Grab. Eigentlich sollte sie zum Leichenschmaus in die nahegelegene Gaststätte fahren, wo sie sicherlich erwartet werden würde, doch sie wollte für sich sein. Daher beschloss Jannet noch einmal in die Kirche zurückzugehen, um eine Kerze für Joachim anzuzünden. Dort war sie ungestört und konnte ihrem verstorbenen Mann alles erzählen, was ihr auf dem Herzen lag. Er war der einzige Mensch, nach dem sie sich in diesem Augenblick sehnte. Die Kirche war völlig leer. Jannet kramte aus ihrer Handtasche ein wenig Kleingeld und nahm eine Kerze aus dem Pappkarton, der sich neben dem Kerzenständer befand. Nachdem sie diese angezündet und in der Halterung platziert hatte, kniete sie sich in eine Bank hinein: „Ach Joachim, wie konntest du es nur so weit kommen lassen? Jetzt bin ich hier und weiß nicht, wie es weitergehen soll. Wir hatten doch noch so viel vor. Du hast uns immer geschworen, dass du uns nie im Stich lassen würdest, dass du uns liebst und immer für uns da bist. Du sagtest, die Familie sei dir das Wichtigste im Leben. Warum lässt du uns jetzt alleine?“ Jannet bemerkte, wie jemand die Bank betrat, in der sie gerade kniete. Einen Moment war es ganz still. Dann legte die Person seine Hand auf Jannets Schulter. „Ist alles in Ordnung?“ Jannet drehte sich um. Neben ihr saß Gerd, der ihr jetzt tief in die Augen sah. „Ja, ich denke, ich werde mich wohl jetzt daran gewöhnen müssen, dass Joachim nicht mehr da ist.“ „Ich weiß, wie schwer das ist. Meine Frau ist nun schon drei Jahre tot und ich vermisse sie immer noch jeden Tag. Aber man kann sagen, dass es auch eine Erlösung für sie war. Weißt du, sie hatte Krebs und hat lange darunter gelitten. Es war schrecklich, so machtlos zusehen zu müssen, wie sie immer schwächer wurde.“ „Du hattest wenigstens noch die Chance, dich von ihr zu verabschieden. Ich wünschte, die hätte ich auch gehabt. Ich weiß nicht einmal, warum Joachim das getan hat. Es gab überhaupt keinen triftigen Grund dafür. Vielleicht lag es auch an mir, ich habe keine Ahnung.“ Jannet starrte auf die vielen Kerzen vor ihr. „Nein, das darfst du nicht denken. Joachim hat so oft auf der Arbeit von euch erzählt und immer gesagt, wie stolz er auf euch ist. Ich glaube, er hatte mehr ein Problem mit sich selber. Vermutlich war er unzufrieden mit sich. Den genauen Grund dafür werden wir nie ganz sicher erfahren, aber du musst nach vorne schauen. Das ist auch für Greta sehr wichtig.“ „Ich denke, da hast du Recht. Sie braucht mich jetzt besonders. Ich gebe mir alle Mühe, dass sie so wenig, wie möglich davon mitbekommt. Sie stellt immer so viele Fragen. Es ist sicher nicht einfach für sie, dass alles zu verstehen.“ „Gib ihr irgendeine Antwort, mit der sie leben kann. Kinder wollen immer alles wissen und verstehen. Sie fragen solange nach, bis sie eine Erklärung auf ihre Fragen gefunden haben.“ „Ja, das geht schon alles. Ich habe ihr gesagt, dass Joachim jetzt ein Engel ist und von dort oben viel besser auf sie aufpassen könnte. Und dass er es hört, wenn sie mit ihm redet, so wie sonst auch. Nur, dass er jetzt keine Antworten mehr geben kann. Wenn ich mir nur nicht immer so viele Schuldgefühle machen müsste. Wenn ich genau wüsste, dass er sich nicht wegen mir umgebracht hat.“ „Das ist ganz normal, dass du diese Schuldgefühle hast. Die hat jeder. Sogar ich hatte welche, als meine Frau gestorben ist.“ „Wirklich?“ Jannet schaute Gerd ungläubig an. „Warum denn? Sie ist an einem gewöhnlichen Tod gestorben und da konntest du doch wirklich nichts dran verhindern“ „Das mag wohl stimmen, aber das war mir zu dem Zeitpunkt nicht bewusst. Ich habe immer gedacht, dass ich sie davor hätte bewahren können, wenn ich nur mehr für sie getan hätte. Wenn ich vielleicht ein besseres Krankenhaus ausgewählt hätte, oder mit ihr eine Pilgerfahrt nach Lurdes gemacht hätte. Da wollte sie schon immer mal hin, aber wir sind nie dazu gekommen. Und dann wurde sie krank und wir haben es immer aufgeschoben, wenn sie irgendwann wieder gesund werden würde. Dazu kam es nur leider nie. Aber das war mir eine Lehre. Wenn ich mir etwas vorgenommen habe, dann habe ich das von diesem Tag an sofort gemacht. Man weiß eben nie, wann es zu Ende ist und wie lange man bis dahin noch Zeit hat die Dinge zu tun.“ „Ich muss erst mal mein Leben wieder in den Griff bekommen, bevor ich darüber nachdenken kann. Zur Zeit geht alles drunter und drüber. Ich habe die ganze Woche bei meiner Mutter geschlafen und Greta war seit dem Tod von Joachim auch nicht mehr im Kindergarten gewesen. Ich habe ihr versprochen, dass sie noch bis morgen zu Hause bleiben darf und dann wieder hingeht. Ab heute übernachten wir auch wieder zu Hause. Ich bin nur froh, dass die Beerdigung endlich vorbei ist. Das lag mir schon so lange auf dem Herzen.“ „Willst du nicht noch zum Kaffee trinken kommen? Du wirst bestimmt schon vermisst dort.“ „Ja, lass uns gehen. Du hast Recht.“ Auf dem Weg zum Parkplatz sahen Gerd und Jannet von weitem, wie Joachims Grab mit einem Bagger geschlossen wurde. Alles war wie leer gefegt. Auf dem großen Parkplatz, der eben noch so überfüllt war, standen nun noch zwei Autos einsam und verlassen. „Dann sehen wir uns im Gasthaus.” Gerd lächelte und stieg in seinen Wagen.

Jannet betrachtete das Gebäude, in dem sich die Trauergäste befanden. Die vielen Menschen, die vorher in der Kirche waren, haben sich hier wiedergetroffen. Einen Moment lang war Jannet unsicher, ob sie wirklich hineingehen sollte. Sie wusste zwar, dass es von ihr erwartet wurde, als nächste Angehörige des Verstorbenen, doch die Ruhe tat ihr gut. Sie genoss es, weit abseits von all dem Treiben zu stehen und es aus der Ferne betrachten zu können. Plötzlich klingelte Jannets` Handy. Sie kramte es aus ihrer Handtasche heraus und schaute auf das Display: „Diana“. Bestimmt hatte sie schon mehrfach versucht, sie zu erreichen. Jannet schaute auf die Uhr Jannet war so vertieft in das Gespräch mit Gerd und hatte ihr Handy währenddessen die ganze Zeit im Auto liegen gelassen, damit es nicht mitten in der Messe klingeln konnte.

„Hallo.“ „Na endlich. Wo steckst du denn? Wir haben uns schon Sorgen um dich gemacht.“ „Es tut mir leid. Kannst du mich bitte heute vertreten? Mir geht es wirklich nicht besonders gut und ich würde jetzt lieber nach Hause fahren und mich ausruhen. Außerdem muss ich gleich noch Greta von ihrer Freundin abholen. Wäre das in Ordnung für dich, wenn ich nicht mehr komme?“ „Ja, klar. Kann ich dir sonst irgendwie helfen? Soll ich vorbeikommen?“ „Danke, aber das ist wirklich nicht nötig. Du hilfst mir schon sehr, wenn du einfach dort die Stellung für mich hälst.“ „Natürlich. Das mache ich auf jeden Fall. Die ersten werden bestimmt eh gleich gehen. Aber wenn irgendetwas ist, rufst du mich an, okay?“ „Klar, wen sollte ich denn sonst anrufen? Ich bin froh, dass ich dich habe.“ Es zeigte sich ein vorsichtiges Lächeln auf dem Gesicht von Jannet. Jetzt konnte sie sich endlich auf den Heimweg machen.

Nach dem Tod von Joachim hatte sie das Haus nur einmal kurz betreten, um die nötigsten Sachen zu holen, die sie für die nächsten Tage, die sie bei Hilda verbrachte, brauchte. Dabei wurde sie von ihrer besten Freundin Manuela begleitet, da sie noch nicht den Mut gefasst hatte, alleine in das Haus zu gehen. Alles erinnerte sie hier an Joachim. Die vielen Bilder an der Wand, auf denen die glückliche dreiköpfige Familie zu sehen war, die ganzen Möbel, die sie einst zusammen ausgesucht hatten, und das schlimmste war wohl das verlassene Ehebett, in dem Joachim noch vor kurzem gelegen hatte. Es war alles genauso, wie am letzten Tag. Nichts hatte sich verändert und wenn Jannet es nicht besser wüsste, würde sie glauben, dass ihr Mann gleich wieder quicklebendig um die Ecke käme. Doch es nützte alles nichts. Joachim war nun tot und sie lebte. Jannet war sich sicher, dass sie in den Alltag zurückfinden musste. Sie konnte nicht mehr der Vergangenheit nachtrauern. Jetzt musste sie für ihre Tochter nach vorne sehen, die für ihr Alter schon viel zu viel von der Sache mitbekommen hatte.

Zu Hause öffnete Jannet zögerlich die Tür. War sie wirklich schon bereit dafür? Oder überschätzte sie sich vielleicht? Jetzt gab es so oder so kein Zurück mehr. Im Flur schaute sie sich um. Alles wirkte so befremdlich. Sie war diese Stille nicht gewohnt. Was sonst in diesem Haus so lebendig wirkte, war zu Eis erstarrt. Jannet ging ins Wohnzimmer. Auf dem Boden lagen noch immer Gretas Spielsachen verteilt. Hier musste dringend mal wieder aufgeräumt werden, dachte Jannet schmunzelnd. Was wohl Joachim gesagt hätte, wenn er gesehen hätte, wie staubig es hier inzwischen geworden war. Jannet wanderte weiter in die Küche. Auf dem Tisch erblickte sie das Kuchenstück, das sie am Unglückstag dort abstellte. Es war bereits dem Schimmel zum Opfer gefallen. Sofort durchlebte Jannet wieder die gleichen Gefühle, die sie zu dem Zeitpunkt beschäftigten, als sie den Kuchenteller zuletzt in der Hand hielt. Ein Gefühl von Angst und Panik kam wieder in ihr auf. Schließlich entsorgte sie den Kuchen im Mülleimer, bevor der Geruch, der davon ausging noch das ganze Haus durchdrang.

Nun sollte sie sich aber dringend bei Camilla melden. Bevor es mit der Beerdigung losging, hatte Jannet Greta dort hingebracht, damit sie mit Melanie spielen konnte und nicht mitkommen musste. Sie hatte Camilla versprochen, sich gleich zu melden, wenn sie wieder zu Hause war, um ihr alles zu erzählen.

Camilla war erstaunt, schon so früh einen Anruf von ihrer Nachbarin zu erhalten. „Du bist ja früh zurück. Ist die Beerdigung schon zu Ende?“ „Ja, die Beerdigung schon. Die anderen sind alle noch zum Kaffee trinken in die Gaststätte gefahren, aber dafür hatte ich keine Nerven mehr.“ „Na dann erzähl. Wie war es?“ Camilla war neugierig, alle Details genau zu erfahren. „Es war unglaublich voll. Einige der Gäste kannte ich nicht einmal. Ich bin auf jeden Fall froh, dass es endlich vorbei ist. Jetzt geht es mir wieder etwas besser.“ „Das wird schon wieder. Mit der Zeit wächst Gras über die Sache und dann ist es nicht mehr so schmerzhaft, wenn du an Joachim denkst.“ „Ja, ich hoffe mal, dass du da Recht hast. Ich werde jetzt nach und nach den Alltag wieder einläuten. Wir werden heute die erste Nacht wieder zu Hause übernachten.“ „Bist du wirklich sicher, dass du die erste Nacht dort ganz alleine verbringen willst? Das kann ganz schön ungewohnt sein.“ „Ach, das schaffe ich schon. Früher oder später werde ich mich eh daran gewöhnen müssen. Und im Notfall wohnst du ja direkt nebenan. Was macht Greta denn? War sie lieb?“ „Greta ist doch immer lieb. Darüber musst du dir keine Gedanken machen. Sie und Melanie spielen schon den ganzen Nachmittag im Garten.“ „Das ist schön zu hören. Ich könnte sie aber auch schon gleich abholen, da ich ja jetzt früher zurück bin, als erwartet.“ „Aber warum denn? Die sind doch wunderbar beschäftigt. Du hast doch sicherlich noch etwas zu erledigen, oder? Dann bringe ich Greta heute Abend zu dir und vorher machen wir noch einen Spaziergang zum Bäcker und holen Brötchen. Dann können wir gemeinsam essen.“ „Die Idee ist gut. Damit bin ich einverstanden. Bis ihr da seid, habe ich dann den Tisch auf der Terrasse fertig gedeckt und wir können das schöne Wetter draußen noch einmal genießen.“ „Na perfekt. Dann bis später.“