Ethan - Kai C. Moore - E-Book

Ethan E-Book

Kai C. Moore

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Beschreibung

Beinahe zwölf Jahre lang war Dwellton sein Zuhause. Jetzt steht er vor der größten Herausforderung seines Lebens: ein neues zu finden. Der dringend nötige Neustart führt Nathaniel und Ethan nach London. Sie beziehen ein Apartment in Brixton, wo sie sich als Mitbewohner ausgeben – denn die Ereignisse aus Dwellton haben vor allem Ethan aufgewühlt und angeschlagen zurückgelassen. Während Nathaniel sich schnell einlebt, kämpft Ethan mit Angstattacken, die ihn an die Wohnung fesseln. Je tiefer ihre Liebe geht, desto härter greift die Vergangenheit nach Ethans Herz und reißt alte Wunden auf. Seine Welt droht zu zerbrechen, bis er schließlich begreift, dass er sich seinen Ängsten stellen muss, um zu heilen. Doch wird ihre Liebe stark genug sein, um die Herausforderungen zu überwinden? "ETHAN", die Fortsetzung von "NATHANIEL", das im Sturm die Herzen der Leser erobert hat. Eine Geschichte über Vertrauen, Heilung und den Mut loszulassen.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Part 1
Kapitel 1 – 1988
Kapitel 2 – 1986
Kapitel 3 – 1986
Kapitel 4 – 1986
Kapitel 5 - 1965
Kapitel 6 – 1986
Kapitel 7 – 1986
Kapitel 8 – 1966
Kapitel 9 – 1988
Kapitel 10 – 1986
Kapitel 11 – 1987
Kapitel 12 – 1974
Kapitel 13 – 1974
Kapitel 14 – 1987
Kapitel 15 – 1987
Kapitel 16 – 1974
Kapitel 17 – 1987
Kapitel 18 – 1974
Kapitel 19 – 1978
Kapitel 20 – 1988
Kapitel 21 – 1987
Kapitel 22 – 1987
Kapitel 23 – 1971
Kapitel 24 – 1987
Kapitel 25 – 1987
Kapitel 26 – 1988
Part 2
Kapitel 27 – 1990
Kapitel 28 – 1990
Kapitel 29 – 1990
Kapitel 30 – 1991
Kapitel 31 – 1991
Kapitel 32 – 1987
Kapitel 33 – 1991
Kapitel 34 – 1991
Kapitel 35 – 1991
Kapitel 36 – 1991
Part 3
Kapitel 37 – 1995
Kapitel 38 –1992
Kapitel 39 – 1993
Kapitel 40 – 1994
Kapitel 41 – 1995
Kapitel 42 – 1996
Content Notes Liste
Der Autor
Danksagung

 

 

WELTENBAUM VERLAG

Vollständige Taschenbuchausgabe

10/2024 1. Auflage

 

Ethan

 

© by Kai C. Moore

© by Weltenbaum Verlag

Egerten Straße 42

79400 Kandern

Umschlaggestaltung: © 2023 by Magicalcover

Bildquelle: Depositphoto

Lektorat: Hanna Seiler

Korrektorat: Giuseppa Lo Coco

Buchsatz: Giusy Amé

Autorenfoto: Privat

 

 

ISBN 978-3-949640-87-2

 

www.weltenbaumverlag.com

 

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar.

 

 

 

 

 

KAI C. MOORE

 

 

 

 

ETHAN

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gay Romance-Drama

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Für die Loraines und Pixels dieser Welt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Liebe Lesende,

dieser Roman thematisiert Inhalte, die für manche potenziell triggernd oder verstörend sein können. Eine komplette Liste findet ihr am Ende des Buches. Bitte achtet auf euch.

Solltet ihr selbst mit eurer mentalen Gesundheit kämpfen: Ihr seid nicht allein! Es ist keine Schande, um Hilfe zu bitten. Ihr seid es wert.

TelefonSeelsorge Deutschland: 0800 111000111

Part 1

 

 

Kapitel 1 – 1988

 

Brixton, London

 

Aus dem Radio drang Johnny Cashs ›A Boy Named Sue‹.

Er ertrug das Lied als leise Hintergrundbeschallung, wenn seine eigentliche Aufgabe den Großteil seiner Konzentration forderte, oder er angetrunken war, oder wenn er es selbst spielte, auf seiner Gitarre, auf seine eigene Weise, dann, wenn der Druck zwischen seinen Rippen unerträglich wurde.

Doch heute war keiner dieser Tage.

Ethan rieb seine Augen mit dem Handballen – sie brannten vom Staub –, und blinzelte.

Das Radio hatte Nathaniel mit ins Schlafzimmer genommen. Er konnte also keinen neuen Sender suchen oder die Lautstärke herunterdrehen, er musste es ertragen. Drei Minuten.

Auf dem Küchentisch stapelten sich Berge von Geschirr. Ethan seufzte und begann, Teller in Zeitungspapier einzuschlagen. Mit dem Daumen fuhr er die Schlagzeilen entlang, überflog sie, größere und kleinere. Die Aufräumarbeiten nach dem Brand in King’s Cross. Ein weiterer Hinweis auf das Rauchverbot in den U-Bahn-Stationen. Der achte Mars London-Marathon, ein voller Erfolg. Ein Leserbrief über den Zustand der Parks. Danach presste er das Papier in die Kuhle eines Suppentellers. Der Wetterbericht. Milder Frühling dieses Jahr, warm anziehen, und Regen, wie immer Regen. Schlug man die Löffel auch in Papier ein?

Endlich verklang Johnny Cash und machte Jimmy Ruffin Platz.

Nathaniel fluchte im Schlafzimmer, trat gegen irgendetwas – dem metallenen Scheppern nach zu urteilen, das Kopfteil des Bettes – und fluchte noch lauter. Zwei Schritte trennten Ethan vom Türrahmen, dann zögerte er. »Alles in Ordnung?«

Ein Schniefen ertönte. »Ja, natürlich.«

Die Tür stand offen. Aus der Dachschräge ergoss sich dämmriges Licht über den Teppichboden und entblößte den Staub, den Nathaniel aufgewirbelt hatte. Kartons stapelten sich in der Ecke, in der vor einigen Tagen noch ein Kleiderschrank gestanden hatte.

»Darf ich zu dir kommen?«, fragte Ethan.

»Klar«, sagte er, tonloser dieses Mal.

Ethan betrat das Schlafzimmer, das ausgeräumt so viel größer wirkte. So viel lebloser, so viel kälter.

Nathaniel kniete vor den Resten des Bettes. Sein Haar hatte er in einem chaotischen Knoten auf seinem Hinterkopf gesammelt. Auf seinem Rücken zeichnete sich ein Schweißfleck ab, der bis an den Hosenbund reichte. Er trug eines dieser amerikanisch geschnittenen Shirts und eine Jogginghose.

Ethan kniete sich langsam neben ihn und hielt den Bettrahmen fest. Sie tauschten einen kurzen Blick, dann presste Nathaniel seine Lippen zusammen und beugte sich weiter vor.

»Hast du dich verletzt?«, fragte Ethan.

»Halb so wild.«

»Wo?«

Nathaniel legte den Schraubenzieher zur Seite und präsentierte ihm seinen geröteten Daumen. »Halb so wild«, sagte er wieder. Eine seiner kleinen Lügen, die eigentlich meinte: »Es tut ziemlich weh, aber ich bin selbst schuld, also hab ich’s verdient.«

Was er selbstverständlich nicht hatte. Nicht einmal, als er ihn vor anderthalb Stunden noch angeschrien und die Zeitung nach ihm geworfen hatte. Ethan harrte aus, bis Nathaniel die letzte Schraube löste, und lehnte das halbe Gestell gegen die Wand. Nathaniel bot ihm seine Hand an. Er ließ sich auf die Beine ziehen und behielt Nathaniels Hand, um sie vorsichtig zu drehen. Eine leicht bläuliche Färbung kroch über den Daumen. Wenn er sie berührte, zischte er.

Ethan führte ihn an den Küchentisch, schlug Eiswürfel in ein Tuch und band es ihm um die Hand. Wasser tropfte auf das Zeitungspapier und ließ die Buchstaben aufquellen. Nathaniel verwischte die Druckerschwärze mit der Fingerspitze, bis aus ›Palace‹ ein einziger, grauschwarzer Block wurde und das Papier riss. Seufzend wischte er seine Hand an der Hose ab. »Sorry.«

»Schon gut.« Ethan zog die Zeitung zur Seite und öffnete einen Küchenschrank. Wasserkocher einschalten, Tassen einpacken. Das zerstörte Titelblatt stopfte er in eine Lücke zwischen den Tellern und schlang ein anderes Stück Papier um die erste Tasse. Anschließend goss er heißes Wasser ein und stellte Tee vor Nathaniel ab. Weiterpacken. Die schlichten, weißen Teetassen aus dem Sainsbury’s an der Tulse Hills, die sie zusammen dort gekauft hatten, die grauen mit den geschwungenen Henkeln, und die mit den Weihnachtsmustern, aus denen sie immer nur Kakao getrunken hatten. »Besser?«

»Lass es gut sein, Ethan.«

Schweigend verräumte er die Untertassen und die Kuchenteller, bevor er sich um das Schlafzimmer kümmerte. Seine Augen tränten, nicht nur vom Staub, und er hustete. Mit dem Arm fuhr er sich über die Nase und machte sich daran, die Bettwäsche abzuziehen und die Decke, die sie sich die letzten beiden Jahre geteilt hatten.

»Meint ihr, ihr bekommt das wieder hin?«, hatte Loraine gefragt.

Wieder drückte er die Handballen gegen seine Augenhöhlen, bis sie aufhörten, zu brennen, und rang sich ein Lächeln ab, als Nathaniel den Raum betrat. Er lehnte am Türrahmen und betrachtete ihn über den Rand seiner Tasse hinweg.

In Ethans Mund lagen Worte. »Es tut mir leid«, und: »Bitte. Bitte geh nicht«, »Verzeih mir« und »Ich liebe dich«, von all diesen Sätzen der schwerste. Der, der auf seine Brust drückte und ihm den Atem raubte, den er bräuchte, um überhaupt ein Wort zu sagen. Also blieb er auf seiner Zunge liegen, bis er ihn hinunterschluckte.

»Bist du in der Küche fertig?«, fragte Nathaniel.

Ethan schüttelte den Kopf. Seine Finger spielten an seinem Shirtkragen. So eng lag er gar nicht an – er hatte dennoch das Gefühl, als drückte er ihm direkt auf die Luftröhre. Nach einem tiefen Atemzug ging er. Schließlich hatte er ja gehört, was Nathaniel gesagt hatte. Oder vielmehr, was nicht.

 

Für die letzte Nacht in dieser Brixtoner Wohnung lagen sie unter Wolldecken auf einer blanken Matratze; ihr Sofa hatte Mr. Dixon bereits vorgestern abgeholt.

Auf dem Boden türmten sich Nathaniels Klamotten, das weite Shirt, seine Socken, sogar die Silberkette lag obenauf. Ihre Glieder wanden sich um das Hosenbein wie ein Seil. Der Anhänger, eine schlichte, silberne Platte mit abgesägten Ecken, spiegelte verschwommen das Mondlicht, das durch das Dachfenster fiel. Seit einem Jahr hatte er diese Kette durchgehend getragen, selbst zum Schlafen, versteckt unter seinem Shirt. Oft genug hatte Ethan sie zur Seite geschoben, um die Haut darunter zu küssen. Er biss sich auf die Lippen. Es musste ein gutes Zeichen sein, wenn er sie abnahm.

Ethan drehte sich um. Nathaniels nackter Rücken hob und senkte sich unter dessen Atemzügen. Die Nacht zeichnete ihm lange Schattenflügel. Durfte er ihn berühren? Sollte er? Seit Tagen hatten sie nur das Nötigste gesprochen und sich dabei meistens gestritten. Eine Umarmung gehörte nicht zu einem Streit, ein Kuss nicht zu einem Lebewohl.

Zaghaft streckte er die Hand nach ihm aus.

Vielleicht würde er wieder wütend werden.

Er zuckte, als Nathaniel unter seiner Berührung zusammenschrak.

»Kannst du nicht schlafen?«, fragte Nathaniel.

»Nein.«

Ein Seufzen hob Nathaniels Schultern. »Okay. Ich auch nicht.«

Ethan ließ seine Finger durch die blonden Locken gleiten. Sie fühlten sich rau an, wie Nathaniels aufgesprungene Lippen im Winter. Um nicht wieder Worte schlucken zu müssen, versuchte er, sie zu zählen, doch sie entglitten ihm. »Bleib«, drängte sich ihm auf. »Bleib. Bleib. BLEIB.« Als hätte er es sein Leben lang falsch betont, als bedeutete es eigentlich etwas gänzlich anderes. Bleib, hieß es. B-l-e-i-b. Blei lag darin, schwer und unmissverständlich, giftig in zu hohen Dosen, manchmal tödlich.

»Ich vermisse dich«, sagte er schließlich.

»Oh, Ethan.«

»Ist es nicht richtig?«

Nathaniel drehte sich um. »Was weiß ich schon davon.«

Ihre Blicke verweilten aufeinander. Vielleicht lagen sie das letzte Mal zusammen auf derselben Matratze; vielleicht sahen sie einander das letzte Mal im Dunkel einer Londoner Nacht. Nathaniel schob die Hand unter seine Wange. Die undefinierbare Farbe seiner Iris glänzte hinter den dichten Wimpern. Sie waren so dunkel im Gegensatz zu allem anderen – seiner Haut, seinen Haaren, seinen Lippen. Seine Augenbrauen wölbten sich leicht zur Mitte hin, ein Bitten, vielleicht ein Zeichen von Sorge, kein schöner Blick, aber ein ehrlicher. Unter den Haarsträhnen verbarg er die Narbe auf seiner Stirn, unter seinem Drei-Tage-Bart sein hervorstehendes Kinn. Wenn er schluckte, hüpfte sein Adamsapfel, eine kleine Delle an seinem Hals, als hätte er eine Murmel verschluckt.

Ethan strich ihm das Haar aus dem Gesicht. Nathaniel ließ es zu. Er nahm seine Hand und legte sie zwischen sie, schob seine Fingerspitzen auf die seinen, fast so, als wäre es verboten, sich zu berühren.

Nathaniel hob die Mundwinkel, doch für ein Lächeln reichte es nicht. Die Decken raschelten, als er sich drehte. Seine Finger verschwanden aus Ethans Hand, tasteten an seinem Hals nach der Kette, die er nicht trug. »Ethan?«

»Hm?«

»Hast du mich jemals angelogen?«

Er blinzelte. »Das kommt darauf an, was du darunter verstehst.«

Nathaniel bedeutete ihm, fortzufahren.

»Habe ich dir manches verschwiegen? Ja.« Mit der Daumenkuppe strich Ethan über seine Fingernägel. »Habe ich von der Wahrheit abgelenkt? Ja. Dich angelogen? Mit genau dieser Absicht? Nein, nie.«

»Nicht einmal?«

»Nein.«

Im fahlen Licht verzogen sich Nathaniels Lippen. Er schloss die Augen. Sein Körper zuckte, einmal, zweimal, dann schluchzte er. Mit einem Fluch bedeckte er sein Gesicht.

»So wird das nichts«, sagte Ethan. Nathaniel verschluckte sich an einem heiseren Lachen. Für einen Moment vergaß Ethan und grinste, als Nathaniel spaßeshalber nach ihm schlug. Dann beobachtete er ihn dabei, wie er sich über den Mund fuhr, und sein Lächeln verging.

»Okay. Du bist dran.«

Es gab eine Frage, die ihm sofort durch den Kopf schoss, doch er zögerte. Die Antwort würde das fragile Gleichgewicht, das sie aufrecht erhielten, zugunsten der ein oder anderen Seite verschieben. Andererseits – spielten sie nicht genau deswegen? Um den Ballast von der Waage zu nehmen und zu sehen, wo sie stehen blieb? »Hast du es je bereut, mich mitgenommen zu haben?«

»Um Gottes willen. Nein.«

Er nickte nur.

Nathaniel seufzte. Seine Beine zog er an, bis sie einen Berg unter der Decke bildeten, und zupfte Flusen vom Wollstoff. »Hast du wirklich darüber nachgedacht?«

»Worüber?«

»Dass ich dich lieber in Dwellton gelassen hätte.«

»... manchmal.«

»Du hast es mir nie gesagt.«

»Natürlich nicht.«

»Natürlich nicht«, wiederholte Nathaniel gedämpft. Seine Stimme klang fest, als er sprach, und seltsam abweisend. »Kein Wunder, dass es immer schlimmer statt besser wurde.«

Ethans Blick wanderte den Türrahmen entlang, über Nathaniels Hemd, das dort an einem Kleiderbügel hing, bereit, morgen früh übergestreift zu werden. Danach über die Lampe – eine dieser Milchglaskugeln, die wie eine verwaiste Brust von der Decke hing –, die sie nie ausgetauscht hatten. Sie würde hierbleiben, genauso wie die Jalousie, die Nathaniel speziell für das Dachfenster gekauft hatte, weil die Lichter der Straßenlaternen ihm das Einschlafen erschwerten.

Nathaniel seufzte. »Komm schon. Sag etwas.«

Etwas.

Da waren Tage, die er im Hotel verbrachte, und sie bestanden aus Angstschweiß und schlecht verheilenden Wunden. Stunden, die Nathaniel anderweitig verbrachte, auf der Suche nach einem Ort, an dem sie bleiben konnten. Dann, vor zwei Jahren: Nathaniel verkaufte den Wagen seines Vaters, um die Anzahlung für die Wohnung zusammenzukratzen, während Sonnenstrahlen aus den Wolken hervorbrachen und den Boden mit Honig aus Licht übergossen. Cremefarbener Hotelteppich. Das Zimmer hatte er verlassen, nicht wissend, ob und wie lange Nathaniel ihn ertrug, »hör auf, so einen Blödsinn zu denken«, hatte Nathaniel gesagt und gleichzeitig das Wohnzimmer wie ein zweites Schlafzimmer dekoriert, sobald Besuch anstand. Sein Atem wollte ihm davonlaufen, also hielt er ihn an, hielt ihn an, während Loraine durch die Räume spazierte, als sei sie hier zu Hause und Digg ihm die Hand reichte und ihn schneller durchschaute, als ihm lieb war.

»Bitte.« Nathaniel schob seine Hand über Ethans Handballen und löste die Finger, deren Nägel er in seine eigene Handfläche trieb. Mit der Kuppe seines Zeigefingers massierte Nathaniel die wunden Stellen, als wüsste er ganz genau, wo es schmerzte. »Sag mir endlich, was in deinem Kopf vorgeht.«

 

Kapitel 2 – 1986

 

 

Die Wände trugen ihren Duft wie die Menschen ihr Parfüm.

Im Grunde rochen sie alle gleich – nach Mörtel, Raufasertapeten und Kleister, nach Backsteinen und pappiger Farbe. Manchmal kam der Geruch eines Teppichs dazu, manchmal der von Parkett. Mit der Zeit entwickelten Wände, die sich zusammenfanden – zu einer Wohnung, einem Bungalow, einem Haus – einen eigenen Duft, der geprägt war von denen, die sie beherbergten. Vermutlich war es mit Menschen recht ähnlich. Zumindest war ihm noch nie ein Säugling begegnet, der den sauren Geschmack des Alters verströmte.

Diese Wohnung roch nach Staub, nach alten Pfannkuchen und zu lange eingeweichtem Abwasch, nach warmem Plastik, als wäre vor langer Zeit ein Kabel durchgeschmort. An den Tapeten haftete frische Farbe, ein weiterer Geruch, nämlich der nach Chemie oder Lack oder beidem, und irgendwo weit entfernt lag der Nachhall eines Menschen.

»Ich hoffe, sie gefällt dir«, sagte Nathaniel. Er lehnte im Türrahmen, die Reisetasche vor sich abgestellt, während ein Lächeln die Ansätze seiner Zähne enthüllte. »Sie ist klein, aber für uns beide sollte das passen.«

»Wie viel?«

»Das musst du nicht wissen.« Mit einem unterdrückten Ächzen schob er das Gepäck über die Schwelle und lächelte noch breiter. Zwischen seinen Schneidezähnen tat sich eine Lücke auf, ein unscheinbarer, schwarzer Balken: vermutlich der Grund, weshalb seine S-Laute entfernt an ein dumpfes Pfeifen erinnerten.

Ethan bettete Nathaniels Kinn in seine Handfläche und strich mit dem Daumen über diese lächelnden Lippen, ehe er sie küsste.

»Das nehme ich als Ja«, flüsterte Nathaniel und küsste ihn wieder.

Im rechten Zimmer lag eine Matratze auf dem Boden. Aus der Reisetasche holte Ethan provisorisches Bettzeug, unter dem die alten Flecken verschwanden, und ein neuer Geruch erfüllte den Raum: das Waschmittel aus dem Waschsalon. Ein paar Münzen für saubere Wäsche. Während Nathaniel wieder in seine Schuhe schlüpfte, um sich um das Abendessen zu kümmern, streifte Ethan durch die leeren Räume. In der Küche gab es eine gebogene Arbeitsplatte und ein paar ockergrüne Schränke, ein Loch, wo einst ein Herd, und eine Pfütze, wo zuvor ein Kühlschrank gestanden hatte. Die Anschlüsse für das Waschbecken höhnten in der Wand. Im Lampenschirm fingen sich tote Fliegen.

Er entdeckte eine Toilette, beige und ungeputzt, und hoffte, Nathaniel würde an Badreiniger denken. Ein längliches Bad, in das gerade so ein Wäschekorb zu passen schien, ohne den Durchgang vollends zu versperren, eine Badewanne mit Duschvorhang, ein leicht schräges Waschbecken, unter dem noch ein karmesinrot angestrichenes Schränkchen stand; die Scharniere der einen Seite hielten die Tür nur noch unter Schmerzen.

Dann fand er das Zimmer mit der Dachschräge. Langsam, denn sein Brustkorb pochte noch immer, ließ er sich in den Schneidersitz sinken. Vom Fensterrahmen rieselte Staub. Im Licht einer schwindenden Sonne glänzten die Partikel wie Gold. Sie segelten zu Boden, leise und leicht wie Herbstlaub, während er stillsaß und versuchte, sie zu zählen.

Die Wochen nach ihrer Flucht verliefen ineinander zu einem Strudel. Wenn er versuchte, die Erinnerung zu fassen, zerrte sie ihn mit sich, bis er in ihr ertrank. In seinen Träumen sah er ein Lächeln, blutige Schlieren auf weißen Zähnen; Flammen aus Glas leckten über sein Gesicht. Unter seinen Achseln bildeten sich feuchte Höhlen. Die Male an seinem Hals verschwanden mit den Wochen. Seine Alpträume blieben. Dazwischen: Nathaniels gedankenverlorenes Lächeln, eine warme Hand auf seinem Rücken, heimliche Konzerte in Hotelzimmern, zusammengerückte Einzelbetten, Mittagessen im Pub.

Doch woran er sich erinnerte, war dieser erste Abend in der Wohnung: als er vor dem Dachfenster saß und dem Himmel zusah, wie er sich verfärbte, von Rosa zu Gold, von Orange zu Schwarz, verwischt von einem allzu gleichgültigen Finger, und wie der Staub von der Decke fiel. Schneeflocken im Winter.

Nathaniels Schlüssel kündigte seine Ankunft an. Begleitet von Tütenrascheln zog er seine Schuhe aus. Neben ihm sank er zu Boden und starrte aus dem Fenster. Ein neuer Geruch breitete sich in der Wohnung aus: der fettige Duft von asiatischen Gerichten.

»Können wir hier schlafen?«, fragte Ethan.

Warme Finger glitten über seine. »Wo immer du willst.«

 

Die Nudeln glänzten im Abendlicht und hinterließen ihre Spuren auf Nathaniels Lippen. »Morgen schlafen wir erst mal aus«, sagte er. »Später können wir zu Sainsbury’s gehen. Das ist kaum zehn Minuten von hier.«

Ethan widersprach nicht.

Nach dem Essen schoben sie die Matratze über den Flur und legten sie unter das Dachfenster. Nathaniel bewarf ihn mit Kissen, als er das Bettlaken gerade wieder festzog. Betont lässig – weil er wusste, dass Nathaniel diese Art des Spiels gefiel – schleuderte er die Kissen über die Schulter zurück. Ein dumpfer Laut und ein Lachen belohnten ihn.

Sie schliefen nicht nur am ersten, sondern auch am dritten und fünften Tag aus. So spät gingen sie ins Bett, dass die Nacht schon fast vorüber war, und wachten auf, wenn es im Hausflur nach Speck und Zwiebeln roch. Es war eine lähmende Ruhe, die sie einholte. Lange Zeit lagen sie nebeneinander auf der Matratze, betrachteten die Blautöne des Himmels und zählten die Wolken, die hinter der Scheibe vorbeizogen. Zumindest er zählte sie. Nathaniel dagegen fand Geister und Löwen und Heckenscheren in den Wolken, und er schob die Unterlippe vor, wenn Ethan behauptete, nichts davon zu sehen. Sein Daumen strich Nathaniels Arm entlang, bis die feinen Härchen dort standen und die Küsse, die sie teilten, nachdrücklicher wurden. Manchmal schlang Nathaniel sein Bein unter seines, rückte näher an ihn heran, bis die Hitze unter der Decke unerträglich wurde, und einmal – es war der Samstag nach ihrem Einzug –, schob er sich auf ihn. Ihre Körper rieben aneinander, vollständig bedeckt, in einem schüchternen, unsicheren Rhythmus. Auf Nathaniels Wangen lag eine Spur Rosa. Sein Blick flackerte zur Seite, zur Decke, an Ethans halb geöffnetem Hemd entlang. »Ich ...«, sagte er, und dann sagte er nichts mehr. Als er von seinem Schoß rutschen wollte, hielt Ethan ihn zurück. »Schon gut. Bleib hier.« Ineinander verschlungen verschliefen sie einen weiteren Nachmittag.

Als Ethan aufwachte, fand er Nathaniel in der Küche. Er lehnte an der Arbeitsplatte, direkt neben dem quadratischen Loch, in das ein Ceranfeld passen sollte, und trank Filterkaffee aus einem Pappbecher. Sein Shirt war noch immer hochgerutscht, als hätten Ethans Finger es eine Handbreit über seinem Gürtel befestigt. Sonnenlicht kletterte über seine nackten Unterarme, weiter über den Linoleumboden, eine Mülltüte, für die es noch keinen Eimer gab, und schließlich bis zur Türschwelle.

»Es gibt da etwas, das du nicht weißt«, sagte Nathaniel, ohne sich umzudrehen.

Ethan legte von hinten die Arme um Nathaniels Hüften. »Wirst du es mir sagen?«

Ein Kopfschütteln, dann ein Seufzen. Viele kleine Schlucke, als wollte er verhindern, dass Worte seinen Mund verließen. Schließlich sagte er: »Erinnerst du dich an die Party?«

 

Am Montag ging Nathaniel allein zum Supermarkt. Zurück kam er nicht nur mit einer Tüte Brot, Dosenbohnen und Butter, sondern auch mit einem Job. »Wir können nicht ewig hier drin rumsitzen«, sagte er, während er ein Marmeladenglas in den Schrank räumte. Er fuhr sich durch das Haar, beugte sich wieder hinab zu der Tüte zwischen seinen Füßen und holte ein Paket Salz heraus. »Sie hatten eine Stelle ausgeschrieben, also habe ich direkt vorgesprochen.«

»Danke«, sagte Ethan.

Nathaniel hielt inne, um zu lächeln. »Es wird alles gut, du wirst schon sehen.«

Den Montag darauf ging er zum ersten Mal zu seiner neuen Arbeit.

 

Über Ivy hatten sie gesprochen, über Tony und über Drogen. Über das Gefühl, das ihn befiel, sobald er nur daran dachte, nackt mit ihm zu sein. Sie waren an ihren Platz unter den Wolken zurückgekehrt, doch das letzte Abendlicht verbarg die Figuren, und das offene Fenster raubte die Illusion der Abgeschiedenheit. Ständiges Motorensummen verschluckte das ein oder andere Wort. Der Wind zupfte an der Decke, die über ihren Beinen lag. Mit ihm kam der Geruch nach Abgasen, aber auch der von Leben an einem warmen Frühlingstag. Nathaniel lag in Ethans Arm, das Gesicht an seiner Brust vergraben.

»Ich habe Tony einmal angerufen.« Er spielte mit den Hemdknöpfen neben seiner Nase. »Im Pawn’s. Weißt du, was er gesagt hat?«

Ethan deutete ein Kopfschütteln an.

»›Du hättest dich anders nie entspannt‹, sagte er. ›Ich wollte doch nur, dass du einmal im Leben Spaß hast, Mann.‹ Ich habe ihn gefragt, wieso Ivy dann Bescheid wusste, und er hat gelacht. ›Das hast du dir eingebildet.‹ Aber ... ich weiß, dass das nicht stimmt. Sie wusste es. Ganz sicher.«

Er fragte nicht nach, sondern küsste Nathaniels Haar.

»Sie ist schwanger von ihm«, sagte er. »Glaubst du, sie haben es damals schon miteinander gemacht?«

»Ist das wichtig?«

Ein Schulterzucken. »Vielleicht brauche ich einen Grund, um ihm nicht zu verzeihen.«

»Dafür hast du Grund genug.«

Nathaniel schnaubte, dann drehte er den Kopf zur Seite, bis sein Gesicht im Hemdstoff verschwand. Seine Finger lösten sich von den Knöpfen. Ein Schaudern durchfuhr seinen Körper und hielt sich zwischen seinen Schultern, ließ sie zittern, bis Ethan sicher war, dass er weinte. Sanft streichelte er ihn – eine Hand an seinem Arm, die andere an seiner Wange, während er mit dem Daumen die Kuhle seines Kiefers nachzeichnete.

Die Wolken über ihnen nahmen die Farbe von Pfirsichen an.

Irgendwann entschuldigte Nathaniel sich dafür, sein Hemd beschmutzt zu haben, und erhob sich, um Kaffee zu kochen. Ethan strich über die nassen Stellen an seiner Brust. Ein Hemdwechsel würde Nathaniel nur verlegener machen. Statt ihm zu folgen, schloss er das Fenster und sperrte die Welt aus, die sich so aufdringlich zwischen sie geschoben hatte, und zählte die Nägel, mit denen die Fußleiste an der Wand befestigt war.

»Mum mochte ihn«, sagte Nathaniel, als er mit zwei Pappbechern Kaffee zurückkehrte. »Sie erinnerte sich nicht immer an seinen Namen, aber sie erkannte ihn, jedes Mal, wenn er vor ihr stand.«

»Es ist in Ordnung, ihn zu vermissen und ihm dennoch nicht zu vergeben.«

»Wie machst du das?« Nathaniel drückte ihm einen Becher in die Hand. »Klebt ein Zettel an meiner Stirn?«

Ethan spürte sich lächeln. »Du denkst sehr viel.«

»Ach, wirklich?«

Nathaniel weinte noch viele Male in dieser Nacht. Es war, als hätten die ersten Tränen einen Damm eingerissen, den er nun nicht mehr schnell genug aufbauen, nicht halten konnte. Jedes Mal verbarg er sein Gesicht, hinter Händen, Knien oder an Ethans Brust, und nur selten sprach er währenddessen. Erst, als es bereits stockfinster war, flüsterte er: »Wäre ich an Weihnachten nur nach Hause gefahren. Hätte ich gewusst, dass wir das letzte Mal sprechen ...«

Ethan umarmte ihn fest.

»Ich habe ihr nicht mal mehr gesagt, dass ich sie liebe.«

»Das wusste sie.«

»Wusste sie das?«

»Natürlich wusste sie das.« Er küsste sein Haar, seine Stirn und seine Wangen, und schließlich küssten sie sich wieder wie am Morgen, viel zu energisch, um sanft zu sein, als blieben ihnen nur ihre Lippen, um aneinander festzuhalten.

 

Am Anfang ließ er seine Gitarre tagelang stehen. Wenn Nathaniel ihn darum bat, spielte er; doch es war eine einstudierte Art des Musizierens, die er sich damals in Manchester angeeignet hatte, eine nett anzusehende, die ihm Fünfzig-Pence-Münzen einbrachte. Auch das Singen fiel ihm schwer. Wenn er es tat, fühlte er sich stets wie jemand anderes, jemand, der seitlich hinter ihm stand und seine Stimme überwachte, damit sie nicht quietschte oder abrutschte.

Sobald Nathaniel jeden Tag – außer an Samstagnachmittagen und Sonntagen – in den Sainsbury’s zur Arbeit ging, hielt Ethan sich im Schlafzimmer auf und spielte. In der Stille machte es weder einen Unterschied, auf welches Lied seine Wahl fiel, noch in welchem Takt er es spielte oder wie er seine Stimmfarbe veränderte. Diese Stunden gehörten ihm allein.

Der Gurtknopf seiner Gitarre fehlte seit Jahren. In einem seiner Anfälle hatte ›Er‹ ihn abgeschlagen. Zum Glück hatte es nur ein kleines Loch gegeben, das mit etwas Hingabe und Zedernholz leicht zu reparieren war. Nun erinnerte nur noch eine Schramme daran.

Zwei weitere Kratzer prangten auf dem Klangkörper wie Narben auf menschlicher Haut. Abgeplatzte Ecken zeugten von unwürdiger Behandlung, verschiedenfarbige Saiten von Austausch und Wiederverwertung. Sie war nicht schön, nicht mehr. Und doch hätte er sie gegen keine andere Gitarre getauscht.

Diese andere Art des Spielens löste den Knoten in seiner Brust. Manchmal dauerte es zwanzig Minuten, andere Male vierzig. Nur selten ließ ihn die Musik wehmütiger zurück, und wenn, fühlte er sich selbst dann besser; und wenn nicht besser, dann zumindest tauber – tief genug verbrannt, um die Wunde nicht mehr zu spüren.

 

Vierundsechzig Nägel hielten das Holz der Fußleiste an der Wand fixiert. Im Flur hatte die Wand drei Löcher, in denen noch Dübel steckten. Zwei Fingerbreit daneben bog sich ein langer, dicker Nagel, von unzähligen Versuchen der Entfernung gezeichnet. Nathaniel benutzte ihn als Garderobe sowohl für seinen Wintermantel, als auch seine Jeansjacke. Die Pfütze in der Küche ließ sich bis auf einen Schatten entfernen. Kaum hatte Nathaniel irgendwo einen gebrauchten Kühlschrank aufgetrieben, der zu breit und zu niedrig war, um zu den Schränken zu passen, fiel der nicht mehr auf. Das Erste, was Nathaniel abgesehen davon für die Küche kaufte, waren zwei graue Tassen, eine Bratpfanne, zwei unterschiedlich große Suppentöpfe und ein Pfannenwender – aber kein einziges Messer.

 

Nach zwei Wochen im Supermarkt brachte Nathaniel ein Radio mit. Es benötigte eine ganz bestimmte Antennenposition – zwei Segmente nach hinten links ausgezogen –, um zu funktionieren, und rauschte manchmal, selbst wenn es nicht eingeschaltet war. Am ersten Abend saßen sie zusammen in der Küche auf dem Boden, tranken Kaffee aus ihren neuen Tassen und lauschten den Radiomoderatoren von BBC 4.

Nathaniel griff nach seiner Hand und drückte sie. »Möchtest du einen Spaziergang mit mir machen?«

»Einen Spaziergang?«

»Nur eine Runde um den Block. Vielleicht zehn Minuten. Es wird dir guttun, mal rauszukommen.«

»Ich mag die Wohnung.«

»Du bist seit fast einem Monat hier drin.«

»Dass ich das Haus nicht verlassen habe, hat dich auch nie gestört.«

»Das Haus ist Geschichte.« Nathaniel drückte seine Hand erneut. »Jetzt wird alles besser.«

Er hielt dem Blick nicht stand. »Vielleicht morgen?«

»Morgen soll es regnen.«

»Dann übermorgen.«

»Übermorgen schneit es.«

Ethan wagte es, aufzusehen. »Das ist gelogen.«

Grinsend erhob sich Nathaniel und streckte ihm die Hand entgegen. »Komm schon. Du schaffst das.«

Der Kaffee schmeckte noch bitterer und die Zigarette, die er sich anzündete, reizte seinen Rachen. Er stellte die Tasse zur Seite. Nathaniel verließ die Küche und kam mit zwei Paar Schuhen zurück. Langsam streifte er die seinen über, öffnete die Schnürsenkel und band sie erneut, bevor er ihm die Kippe aus der Hand nahm und daran zog. »Du kannst sie wiederhaben, wenn du dich angezogen hast.«

Im Schlafzimmer durchsuchte Ethan den Rucksack nach seiner Lederjacke. Sie besaß fünf Taschen, zwei außen, drei innen. In der Brusttasche lag ein schweres Feuerzeug. Kurz überlegte er, seine Finger in die Flamme zu halten, als er Nathaniels Schritte hörte und es zurück in die Tasche gleiten ließ.

»Es ist ziemlich warm draußen«, sagte Nathaniel lächelnd. Er versuchte, ihm die Jacke von den Schultern zu schieben, doch Ethan trat einen Schritt zurück.

»Hey«, sagte Nathaniel. »Hey, alles gut. Lass sie an, wenn es dir damit besser geht.«

»Weißt du, wo die Sonnenbrille liegt?«

»Im Bad.«

Natürlich. Er selbst hatte sie dort abgelegt, als er die Wohnung das erste Mal betreten hatte.

Nathaniel folgte ihm. »Ethan, schon gut. Das war eine dumme Idee.«

Er brauchte zwei Versuche, um die Bügelrundungen hinter seine Ohren zu befördern. Sein Haar fasste er in einem strengen Knoten zusammen, er hatte seit drei Tagen nicht geduscht, was hatte er sich dabei gedacht, Nathaniel musste ihn doch abstoßend finden, mit dem fettigen Film, der über den braunen Strähnen lag, »Ethan, ehrlich …«, wo hatte er seine Schuhe gelassen? Nicht einmal seine Socken passten zueinander, wie hatte es ihm derart egal sein können, war er überhaupt rasiert? Finger wanden sich um sein Handgelenk, er zuckte zurück, stolperte über eine Tasse. Ein schwarzes Meer ergoss sich über den Boden, warme Flüssigkeit durchdrang seine Socken, es roch nach Kaffee und Asche. Hastig streifte er die Sonnenbrille wieder ab und suchte nach etwas, um das Missgeschick verschwinden zu lassen, bitte, er wollte das doch nicht, war die Tasse denn heil geblieben, hatten sie keine Tücher?

»Hey.« Der Druck auf seinem Unterarm hielt ihn zurück. »Ethan, schon gut. Komm. Es ist alles okay.«

Als sie dieses Mal unter den Wolken lagen, verzählte er sich.

 

Nathaniel verabschiedete sich am nächsten Morgen zur Arbeit, als sei nie etwas geschehen. Sobald er allein war, duschte Ethan beinahe eine Stunde, schrubbte seine Haut – vor allem die seiner Hände –, bis sie rosa glänzte, und mied den Blick in den Spiegel. Den Bart stutzte er, seine Fingernägel ebenso. Halbnackt streifte er durch das Schlafzimmer und sortierte die noch immer nicht ganz ausgepackte Wäsche, zwei Stapel für Nathaniel, einen für ihn. Danach widmete er sich Küche und Badezimmer, schrubbte und wusch ab – in der Badewanne –, räumte ihr weniges Geschirr in die Schränke, und erst, als es nichts mehr zu tun gab, hockte er sich unter das geöffnete Schlafzimmerfenster und ließ den Wind seinen Schweiß trocknen.

Als Nathaniels Schlüssel im Schloss klickte, schlüpfte er eilig in eine lange, schwarze Hose. Er knöpfte sein Hemd zu, während Nathaniel durch die herausgeputzte Wohnung schlenderte. Leise folgte er ihm in die Küche, wo er gerade hinter eine Schranktür blickte. »Ach, Ethan«, sagte Nathaniel. Er blinzelte, presste die Lippen zusammen und zwang sich dann zu einem Lächeln. »Was mache ich nur mit dir?«

Damals war er nicht wütend. Noch nicht.

Er war traurig, und vielleicht war das viel schlimmer.

Kapitel 3 – 1986

 

 

Ihre ersten Spaziergänge unternahmen sie nachts.

Nachts war selbst London weniger laut. Die Verkehrsdichte erstarb nicht, aber sie nahm ab, sodass man es dann und wann ohne Unterbrechung auf die andere Straßenseite schaffte. Busse fuhren in zwanzigminütigen Abständen, Taxis standen mit brummenden Motoren an den Straßenrändern. Um die Straßenlaternen bildeten sich Teppiche aus Licht, in denen Mückenschwärme träge surrten. Wenn sie die Brixton Water Lane entlanggingen, brauchten sie keine Viertelstunde zum Brockwell Park, zumindest nicht, nachdem Ethan sich an die Strecke gewöhnt hatte. Die ersten Male kostete ihn jeder Schritt Überwindung. Eine Fahrradklingel oder das Bellen eines Hundes scheuchten ihn in den nächstbesten Hauseingang, wo er mit feuchten Augen Nathaniels Blicken auswich. Mit der Zeit – oder vielmehr mit jedem Mal, wenn er die Wohnung verließ und dennoch nichts geschah –, schaffte er es in einem Durchgang bis zum Park.

Nathaniel wollte geduldig mit ihm sein, er wollte es wirklich. Oft genug beobachtete Ethan ihn dabei, wie er seine Wange nach innen sog, ehe er den Mund öffnete, um ihm wieder gut zuzureden. Seine Berührungen blieben verstohlen, aber nachdrücklich. Doch gerade, wenn Nathaniel ihm versicherte, dass diese Anfangsphase endlich überwunden sei und Ethan kurz darauf wieder Rückschritte machte, zischte er ihn manchmal an, schimpfte oder schloss die Augen, während er an seinem Haar zog, bevor er sich ein Lächeln abrang und ihm anbot, wieder nach Hause zu gehen.

Während ihre Route länger wurde, füllte sich das Apartment. Nathaniel durchstöberte Zeitungsannoncen, um Küchengeräte oder Möbel ausfindig zu machen, und handelte eine Erstausstattung zusammen. Er bezahlte mehr, wenn die Verkäufer ihnen das Bett bis vor die Haustür fuhren, und manch einer von ihnen half sogar, die Möbelstücke bis in den vierten Stock zu wuchten. Dann holte Nathaniel eine Flasche Fuller’s aus dem Kühlschrank, die er dem verschwitzten Helfer anbot, und unterhielt sich mit ihm, während Ethan sich ins Schlafzimmer zurückzog, um den Schrank aufzubauen.

Beinahe nebenbei arbeitete Nathaniel weiterhin Schichten im Supermarkt, manchmal nur acht Stunden, an anderen Tagen durchaus zwölf. Sobald sie ein Telefon besaßen, ein beiges, das aus unerfindlichen Gründen aussah wie aus dem Deckel ihrer Toilette geschnitzt, fing Nathaniel an, in seinen Pausen anzurufen. »Wie geht es dir heute? Was hast du gemacht? Hier ist alles wie immer.« Das Klicken, wenn er sich eine Zigarette anzündete. »Ich kümmere mich um den Abwasch, wenn ich nach Hause komme, lass ihn stehen. Kannst du mir einen Gefallen tun? Wir brauchen noch Davidoffs, schaffst du es bis zu Watson’s?«

Seine Antwort darauf blieb ein leises: »Ich werde es versuchen, versprochen.«

Nach nur drei Wochen hatte Nathaniel sich angewöhnt, auf dem Heimweg selbst bei dem kleinen Laden an der Straßenecke vorbeizuschauen, damit er nicht zweimal loslaufen musste.

Sobald ihre Küche gut bestückt war – ein Herd, ein Waschbecken, ein Kochfeld, nach einem Vierteljahr sogar eine Mikrowelle –, nahm Ethan seine Haushältertätigkeiten wieder auf. Es war besser, als stundenlang aus dem Fenster zu starren und darauf zu hoffen, dass Nathaniel zurückkehrte. Natürlich kam er, jeden Abend. Jeden Abend. Von den Abendessen, die Ethan kochte, aß Nathaniel höchstens einen Pflichtanteil. Nach einer Dusche fiel er auf die Matratze. Manchmal schaffte er noch eine halb genuschelte Unterhaltung, bevor der Schlaf gewann.

Als der Sommer kam, rief Nathaniel nur noch sporadisch an, und ihre Spaziergänge verlegten sich auf die Abende am Wochenende.

Im Dunkeln lagen sie nebeneinander, oft mit verflochtenen Beinen, nie ganz mit-, aber auch nie ohneeinander. Der Schlaf war ihm nie wirklich gnädig gewesen, und so war er oft stundenlang wach, während Nathaniel neben ihm schlief. »Es tut mir leid, es tut mir so leid.« Ethan flüsterte, denn er wollte ihn nicht wecken. »Es tut mir so leid.«

Manchmal sagte er es zweiundsechzig Mal, bevor er einschlief.

 

»Du kannst doch nicht in London leben und dann nichts davon gesehen haben«, sagte Nathaniel, zuerst mit einem ehrlichen Lächeln, später mit einem, das wie eine Grimasse wirkte. Er weigerte sich, die Stadt allein zu erkunden. Es würde sich lohnen, zu warten, behauptete er: »Irgendwann wirst du mitkommen und dann werd’ ich bereuen, mir alles ohne dich angesehen zu haben.«

 

Zuerst schlich sie sich in Nathaniels Worte, noch ohne Namen. »Da ist diese Frau, die alle zwei Tage einkauft … Ich bin gegen sie gelaufen, habe mich entschuldigt, und nachdem sie aufgehört hat, zu lachen, haben wir angefangen zu reden.« Später dann: »Die Frau war heute wieder da. Sie hat mich nach den besten Angeboten gefragt.« Oder: »Heute meinte sie, ich sähe aus wie vom Bus überfahren. Sind die Augenringe wirklich so schlimm?«

Irgendwann nannte er sie »Meine Freundin«, und dann – es war drückend heiß, so schwül, dass selbst die Hauswände zu schwitzen schienen – stand Loraine eines Donnerstags vor ihrer Wohnungstür und fragte, ob Nate hier wohnte.

»Ja«, sagte Ethan schlicht.

Loraine neigte den Kopf. Aus ihrem hohen Pferdeschwanz lösten sich einzelne Locken – schwarz wie sein Hemd – und fielen ihr in die Augen. Ein Lächeln entlockte ihren Wangen Grübchen, fast unsichtbar. »Okay«, sagte sie. »Wie sieht’s aus, lässt du mich rein?«

»Er hat nicht von Besuch gesprochen.«

»Ich war zufällig in der Gegend.« Mit einem Grinsen hielt sie ihm eine Tesco-Tüte entgegen. »Bin ihm sogar fremdgegangen.«

Ethan blinzelte.

»Ich war im falschen Supermarkt, meine ich.«

»Ah.«

»Soll ich vor der Tür warten, bis das Bier warm ist?«

In ihren Ohrläppchen steckten silberweiße Kreolen, die ihre zarte Halslinie betonten. Ihre Schultern dagegen wirkten überraschend breit, ihr Kreuz war hohl, ihre Hüften stämmig. Um ihre Waden flatterte ein leichter Rockstoff, bunt bemalt mit Spiralmustern, unter dem ganz schwach die Umrisse ihrer Unterwäsche zu sehen waren, und ihre Brüste versteckte sie – vermutlich der Hitze geschuldet, eher schlecht – unter einem olivfarbenen Top.

»Was ist?« Loraine hob eine Augenbraue. »Noch nie ein Schwarzes Mädchen gesehen?«

»Verzeihung.« Ethan trat einen Schritt zur Seite und öffnete die Tür. »Er duscht gerade. Sie können in der Küche sitzen, wenn es Ihnen recht ist.«

»Sag’ Du zu mir. Ehrlich. Wo geht’s in die Küche?«

»Dort.«

Loraine sank im Schneidersitz auf den Stuhl, den normalerweise er benutzte. Sie ließ ihre Sandalen zu Boden fallen, zupfte den Rock glatt und warf ihm einen Blick zu. »Und, wie heißt du?«

»Caddler.«

»Nett. Ich bin Loraine. Oder Lo, wenn dir das lieber ist.« Aus der Tüte holte sie ein Red Stripes. »Ach, Mist. Magst du den Rest in den Kühlschrank packen? Ich will nicht wieder aufstehen.«

»Selbstverständlich.«

»Hast du ein Feuerzeug? Ah, danke.« Sie trank einen langen Schluck. »Nate hat nie was von ’nem Mitbewohner erzählt.«

»Ich bezweifle, dass es über jemanden wie mich viel zu erzählen gibt.«

»Wie ist denn jemand wie du?«

Ethan warf ihr einen langen Blick zu. Das Lächeln auf ihren Lippen schmolz dahin, und gerade, als sie ansetzen wollte, noch etwas zu sagen, erlosch das Hintergrundrauschen und die Klinke der Badtür klickte. »Ethan«, sagte Nathaniel, während einzelne Tropfen zu Boden fielen, »weißt du, wo ich ...«

»Du hast Besuch.«

»Besuch?«

Nach einem angedeuteten Lächeln ließ er Loraine in der Küche zurück und trat an die Badtür. »Deine Freundin.«

»Oh.« Nathaniel versuchte es mit einem schrägen Grinsen. Sein Haar hing ihm nass in die Stirn, während er sich hinter der Tür versteckte und mit gesenkter Stimme fragte: »Kannst du mir ein Handtuch bringen?«

Wenig später bot Ethan Loraine einen Tee an und ein paar Cracker, was sie beides ablehnte, als Nathaniel mit grob trocken gerubbeltem Haar und barfuß im Türrahmen erschien. »Na, mit dir habe ich ja nicht gerechnet.«

»Darf ich dich nicht besuchen?«

»Doch, klar.«

»Ich hab’ Bier mitgebracht. Steht im Kühlschrank.«

Ethan nickte ihm leicht zu, ehe er den Raum verließ. Im Flur schob er mit den Zehenspitzen Nathaniels Schuhe zur Seite, damit niemand darüber stolperte, und verschwand gerade im Schlafzimmer, als er Loraine sagen hörte: »Was ist denn mit seinem Gesicht passiert?«

 

In manchen Nächten fuhr er aus seinen Alpträumen hoch, wusste nicht, wo er war, fühlte Tränen auf seinen Wangen oder einen heiseren Schrei in seiner Kehle. Kalte Finger umklammerten seine Oberarme, pressten ihre Nägel in das Fleisch, es waren seine eigenen und doch waren sie es nicht. Er sah sich selbst auf der Matratze sitzen, später auf dem Bett, mit wirrem Haar und aufgerissenen Augen, verschwitzt, mit pochenden Adern an seinem Hals. Nathaniel sagte, er könnte sie unter der Haut springen fühlen, wenn er ihn dort berührte. »Schhh«, machte Nathaniel in die Dunkelheit. »Du bist hier, Ethan, bei mir. Hörst du mich?«

Manchmal fauchte er: »Fass mich nicht an!«, und Nathaniel hob beschwichtigend die Hände. Dann war es: »Bitte, bitte nicht ...«, und Nathaniels Flüstern schwoll an, »Ethan, hey, ich bin es, dir passiert nichts ...« In den schlimmsten Nächten wachte er nicht auf, nicht wirklich, wand sich unter Händen, die niemandem gehörten, und wollte nichts weiter als endlich aufhören, sie zu spüren.

 

»Warum fragst du ihn das nicht selbst?«, sagte Nathaniel. Seine Stimme verriet das leicht verkrampfte Lächeln, das keine Zahnlücke zeigte und sich zu hoch in seine Wangen bohrte.

»Er ist ein wenig unheimlich«, erwiderte Loraine.

»Du kennst ihn einfach nicht.«

»Wenn du das sagst.«

Nathaniel schloss die Küchentür, Ethan die zum Schlafzimmer.

 

Als sie das Bett zusammen aufbauten, hatte Nathaniel das Radio mit in den Raum mit dem Dachfenster gebracht. Es liefen Depeche Mode und Madonna, während sie mit von Loraines Cousin geborgtem Werkzeug ein metallenes Bettgestell zusammenschraubten. Es besaß ein verschnörkeltes Kopfteil und bot gerade genug Platz für sie beide. Die Matratze ragte ein Stück zur Seite hinaus. Staub rieselte von der Decke, wie immer, wenn sie sich in dem Raum bewegten, und reizte Nathaniels Nase. Dauerhaft unterdrückte er ein Niesen oder gab einem nach, bevor er sich unwirsch mit dem Handrücken durch das Gesicht fuhr.

»Können wir es an die Wand stellen?«, fragte Nathaniel schließlich.

Ethan knöpfte gerade den Bettbezug zu. »Sicher.«

Doch er wollte nicht nur das Kopfteil dort stehen haben, sondern die gesamte hintere Seite.

»Dann schläfst du aber hinten.«

»Das war der Plan.« Nathaniel rollte sich über die Matratze an die Wand, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und grinste ihm zu. »So falle ich wenigstens nicht raus.«

»Ich habe gerade das Bett frisch bezogen«, sagte Ethan.

»Soll das heißen, ich bin dreckig?«

»Du hast ungewaschene Füße.«

Nathaniel lachte und warf sein Kissen nach ihm. »Dann komm doch und hol’ mich.«

Er kam sich kindisch vor, wie er auf allen vieren über das Bett kroch, während Nathaniel kicherte. Sie rangen miteinander, erst mit Kissen in den Händen, dann ohne, und schließlich fanden sich ihre Lippen. Röte kroch über Nathaniels Wangen und seinen Hals, seine Wimpern zuckten, seine deutlich spürbare Erektion drückte gegen Ethans Oberschenkel. »Tut mir leid«, hauchte er an seinen Lippen, bevor er wieder kicherte. »Gott, ich bin schrecklich.«

»Hast du immer noch Angst?«, fragte Ethan.

»Hm.« Mit den Fingerspitzen zeichnete Nathaniel Hemdknöpfe nach. »Du darfst mich nicht ausziehen.«

»Möchtest du denn, dass ich dich berühre?«

Sein Fingernagel kratzte an den Fäden in der Knopfmitte entlang – eine winzige, dabei so eindringliche Berührung, die Ethan erschauern ließ. Nathaniel zögerte, hob zuerst den Blick, dann die Finger. »Nicht heute.«

»Okay.«

Als er ihn später fragte – den Blick auf den Boden gerichtet, die Hand in seinem Haar vergraben –, ob er mit ihm duschen wolle, lehnte Ethan ab und küsste ihm die Stirn.

 

Loraine wohnte ganz in der Nähe, wie er erfuhr. Sie verbrachte ihre Tage gerne bei Herne Hill, wenn sie nicht gerade im Laden ihres Onkels aushalf. Den Park kannte sie mitsamt seinen Pennern, sie wusste, wem die Spritzen in den Mülleimern gehörten und woher sie ihren Stoff bekamen. Manchmal erzählte sie, dass ihr Cousin – den sie manchmal ihren Bruder, dann ihren Mitbewohner, dann wieder einfach nur »Digg« nannte – nachts im Park von Männern angesprochen wurde, »die ihren Arsch für einen Schuss verkaufen, wenn du verstehst, was ich meine.«

»Hat er?«, fragte Nathaniel.

»So arm dran sind wir nicht. England ist nicht nett zu uns, aber wir benehmen uns anständig.«

»Vielleicht hätte er andere Gründe dafür.«

»Nicht Digg ...«, sie lachte, »... da würde ich drauf wetten.« Eine kleine Pause entstand, ehe sie hinzufügte: »Könntest du dir das vorstellen? Dich ficken lassen für ein bisschen Geld?«

»Nein«, sagte Nathaniel.

»Ich auch nicht.« Loraine schnaubte. »Ich könnte mich nicht mal mehr im Spiegel ansehen.«

»Manchmal hat man keine Wahl.«

»Die hat man immer.«

Ethan schluckte jedes Wort, schenkte Tee ein und empfahl sich, mit der Begründung, er müsste Wäsche aufhängen unten im Hof – auf den ausgeleierten Drahtleinen, deren Rostflecken ihm manchmal entgegenkamen, wenn er die trockene Wäsche abnahm. Im Treppenhaus roch es nach totgelaufenen Turnschuhen und weiter unten nach Cappuccino, im Stockwerk unter ihnen schrie ein Baby, im Hinterhof stapelten sich die Abfälle neben den Tonnen. Ein altes Planschbecken ruhte zusammengesunken zwischen Brennnesseln. Fliegen krochen über das rissige Plastik, fraßen sich an einer Rotweinspur entlang, die genauso vergoren und süßlich roch wie Blut. Die Scherben lagen unweit daneben, irgendwo röhrte ein Motorrad, Alphaville kam aus einer der offenen Balkontüren.

Als er nach oben sah, winkte ihm Nathaniel, der mit einer Zigarette zwischen den Fingern auf dem Balkon stand.

Ethan winkte zurück.

»Du hast die Wäsche vergessen«, rief Nathaniel. »Ich bring sie dir gleich runter.«

 

Sie hatten das karmesinrote Schränkchen unter dem Waschbecken noch nicht ersetzt, weshalb sich ihre notdürftigste Ausstattung darin türmte: ein Kulturbeutel, den Nathaniel schon aus Hedford mitgebracht hatte, ein halb aufgebrauchter Rasierschaum, jedoch ohne Rasierer, ein Aftershave, das niemand von ihnen aktuell benutzte, zwei Streifen Pflaster, eine Mullbinde, eine einzelne Socke, deren Zwilling vermutlich noch immer im Haus lag, und eine aufgerissene Packung Toilettenpapier.

Nathaniel streifte sich das Shirt über den Kopf und wusch sich ausgiebig am Waschbecken. Er hatte erst heute Morgen geduscht und weigerte sich, erneut zu gehen, wollte aber nicht verschwitzt ins Bett. Tropfen rannen zwischen den Höckern seiner Schulterblätter hinab, folgten seinem Rückgrat und verschwanden an seinem Hosenbund. »Du starrst«, sagte er zum Spiegel, wo er Ethans Blick suchte.

»Verzeihung.«

Nathaniel lächelte. Er putzte sich die Zähne und ging vor.

Nachdem Ethan seine Abendroutine beendet hatte, trat er in Unterhemd und Stoffhose ins Schlafzimmer. Ausgebreitet lag Nathaniel bäuchlings im Bett. Die Decke hatte er unter sich begraben. Ihre Zipfel regten sich im warmen Sommerwind. Im Haus hätte die Luft nach frischgemähtem Gras geschmeckt, hier roch sie nach Dunst nach Abgasen und viel zu vielen Menschen.

Ethan kniete sich über ihn. Mit sanften Berührungen massierte er Nathaniels Nacken, strich mit dem Daumen hinter dessen Ohren entlang. Unter dem Druck seiner Finger wich die Anspannung aus den Muskeln. Nathaniel seufzte und drehte den Kopf auf die andere Seite. »Das ist schön«, murmelte er mit geschlossenen Augen.

Mit den Handflächen strich er neben der Wirbelsäule entlang, bis hinab zum Steiß, wo seine eigenen Beine im Weg waren. Er begann, die Schulterblätter in kreisenden Bewegungen zu bearbeiten, erfühlte mit dem Daumen die Stellen, die besonders verspannt waren, und entlockte Nathaniel ein leises Stöhnen.

 

 

Im Juli dann verabschiedete sich Nathaniel von ihm, um mit Loraine durch die Straßen zu ziehen. »Es ist bestes Wetter«, sagte er. »Willst du wirklich nicht mitkommen?«

»Bestes Wetter, um die Wäsche draußen aufzuhängen«, erwiderte Ethan.

Nathaniel schnaubte. »Ist es wirklich in Ordnung für dich?«

Er trug – im Gegensatz zu ihm, der sein bestes Hemd und die dazu passende schwarze Jeans hervorgeholt hatte – nur kurze Shorts, die kaum bis zum Knie gingen. Darüber ein weit geschnittenes Shirt. Sein Haar war ein Stück gewachsen, kräuselte sich bis knapp über seine Ohren, und er hatte sich angewöhnt, es mit einer fahrigen Bewegung aus der Stirn zu streichen. An dieser Geste konnte Ethan sich nicht sattsehen; sie hatte etwas Gedankenverlorenes, etwas Unbewusstes.

»Ist es wirklich in Ordnung?«

»Sicher.«

»Ich bin um sieben zurück. Soll ich Abendessen mitbringen? Was möchtest du?«

»Ich koche etwas.«

»Und ...«

»Geh einfach«, sagte Ethan. Er lächelte, bewusst lang genug, damit Nathaniel es sehen konnte, und beugte sich vor, um ihn zu küssen. »Viel Spaß.«

Seine Antwort war ein Biss in die Unterlippe, gerade fest genug, um weh zu tun, und ein »Ich ruf dich zwischendrin an!«. Ein weiterer Kuss, eine kurze Geste, irgendwo zwischen einem Winken und einem Handheben, dann glitt die Tür ins Schloss.

»... okay.« Ethan schlurfte ins Schlafzimmer. Es war sein Zimmer geworden, irgendwie. Oft kam er hierher, wenn Loraines Anwesenheit ihn zu sehr forderte. Manchmal wich er auf den Balkon aus, andere Male in den Hinterhof, aber meistens landete er hier. Nathaniels Kissen fehlte. Sie hatten nicht gewusst, ob Loraine noch auf eine Zigarette hochkommen wollte, und vorsichtshalber das Sofa wie zum Schlafen bezogen. Ethan machte kehrt, holte das Kissen und wickelte sich in der Decke ein, obwohl ihm so heiß war, dass sein Hemd nach wenigen Minuten schweißnass an ihm klebte. Vom Bett aus konnte er die Gitarre am Schrank lehnen sehen: Ihre verschieden dicken Saiten, die nicht mehr ganz vollkommenen Rundungen, die Stellen, an denen der Lack von seinem Handballen matt geworden war. Er könnte hinübergehen, ja kriechen sogar – wer war schon da, um ihn zu verurteilen? –, sie in seinen Schoß zerren und spielen. Etwas von Bob Dylan oder CCR vielleicht. Doch seine Finger waren zu müde, seine Augenlider zu schwer, seine Stimme zu kraftlos. Er hatte Nathaniel nicht fortgeschickt, er würde wiederkommen, er würde wiederkommen, ganz sicher.

Das Kochen erledigte sich, als er Nathaniels Rückkehr verschlief.

»Ethan. Ethan! Ich habe dich angerufen, aber du bist nicht rangegangen. Bist du krank?«

»Es tut mir leid. Ich wollte gar nicht schlafen.«

Ein langes Ausatmen, zusammengezogene Augenbrauen und nach Sonnenmilch riechende Hände, die ihm halfen, sich aus dem Deckenknäuel zu befreien. »Lasse ich dich zu oft allein? Ist es das?«

»Ich freue mich, dass du Freunde findest.«

Drei Tage später brach Nathaniel wieder auf, direkt nach seiner Schicht im Sainsbury’s, kam nur nach Hause, um sich umzuziehen und ihm einen »Bis bald«-Kuss zu geben.

Ethan legte sich wieder ins Bett, zusammengerollt auf den kleinstmöglichen Raum, die Nase in den Kissen vergraben, die nach Nathaniel rochen, nach Seife und seinem Duschgel, leicht bitter wie Mandeln, nach seinem Schweiß und seinem nachtsauren Atem. Auch das nächste Mal erging es ihm so, und beim nächsten Mal wieder. Irgendwann gehörten sie zusammen: Der Kuss, das Gehen, das Liegen.

Wenn der Schrank offen stand, zählte er fünfzehn seiner Hemden, vier von Nathaniel. Wenn er geschlossen war, verfolgte er die grobe Musterung der Eichentür. Die Bettwäsche mit den Ringelblumen hatte siebenhundertdreiundsiebzig aufgedruckte Blüten.

Vielleicht hatte er verlernt, Gitarre zu spielen.

 

Sobald er es nicht mehr aushielt, bat er Nathaniel um Rasierklingen.

»Wofür brauchst du die?«

»Mein Gesicht«, sagte Ethan. Er betrachtete die Antenne des Radios: Ein Segment war zu wenig ausgezogen, also nahm er das kalte Metall zwischen die Fingerspitzen. »Die Narben. Ich hoffe, man sieht sie weniger, wenn ...«

»Ich mag deinen Bart.«

Ihm entkam fast ein Kichern, ein jungenhaftes und unangemessenes. Die Radioantenne arrangierte er mit Sorgfalt, wischte Staub von der Kühlschrankoberseite und zerrieb ihn zwischen den Fingern. »Bitte. Ich kann die Blicke nicht mehr ertragen.«

»Nur, wenn dir klar ist, dass ich dich dann nie wieder küssen werde.«

»Das würdest du nicht tun.«

»Bist du dir da sicher? Was, wenn ich dich ausschließlich wegen des Bartes mag?«

»Nathaniel.«

»Wunder dich nur nicht, wenn ich plötzlich mit jemand an...«

»Nathaniel!«

Der Schalk wich aus seinem Gesicht. Ein neuer Ausdruck legte Falten in seine Stirn und Glätte in seine Mundwinkel. »Das war doch nur Spaß.«

»Ich weiß.« Ethan entkrampfte seine Faust. »Bitte verzeih mir. Ich ...«

»Schon gut.« Lippen legten sich auf seine Wange, Finger fanden die seinen. »Vergiss, was ich gesagt habe. Ich bringe dir welche mit. Aber erwarte nicht, dass ich mich deswegen wieder rasiere!«

Nathaniel rasierte sich zwei Tage später als er, nachdem der Schnitt in Ethans Lippe wieder zu bluten begonnen hatte.

Kapitel 4 – 1986

 

 

Er sah Carrie das erste Mal, als sie, beladen mit einem übervollen Wäschekorb, den Türstopper gewaltsam unter ihre Wohnungstür trieb.

Auf der Treppe schräg über ihr blieb er stehen. Wenn sie aufsah, würde sie ihn unweigerlich entdecken. Sollte er nach oben schleichen und warten, bis ihre Schritte verklungen waren? Oder würde er sich verraten, sobald er sich bewegte? Konnte er einfach an ihr vorbeigehen? Unschlüssig verharrte er, die Fingernägel in die Handfläche gebohrt, den Müllbeutel in der anderen Hand.

Endlich hielt die Tür. Carrie warf einen letzten Blick in ihre Wohnung und hastete in Flipflops die Treppen hinab. Ihr rotblondes Haar hatte sie in einem Dutt auf ihrem Kopf zusammengeknüllt. Einzelne Strähnen fielen heraus. Sommersprossen überzogen ihre Oberarme und ihren Hals, vermutlich auch ihr Gesicht. Sie trug keine Socken, ihre Nägel waren knallrot lackiert, ihr Top ausgeleiert und voller Flecken.

Sie war noch keine zwei Stockwerke weit gekommen, als das Gebrabbel eines Säuglings einsetzte. Es waren unartikulierte Laute, beinahe ein Jauchzen, nur vor Kummer langgezogen. Sie wurden lauter, bis sie zu einem Weinen, dann zu Geschrei wurden. »Ja!«, rief Carrie. Sie war schon längst nicht mehr zu sehen. »Ich bin doch gleich wieder da!« Ihre Flipflops patschten noch schneller, die Hintertür fiel ins Schloss, nur das Schreien blieb zurück. Es schwoll an, prallte an den Wänden ab und echote durch das Treppenhaus. Hilfe, du hast mich vergessen, bitte komm zurück.

Ethan wog den Müllbeutel in seiner Hand.

Ich bin so verloren ohne dich. Wo bist du? Kannst du mich hören?

Es wären nur ein paar Stufen. Er könnte nach unten hasten und ihr die Wäsche abnehmen, damit sie zu ihrem Baby zurückkehren könnte, die Mullwindeln aufhängen und den leeren Korb gegen ihre Wohnungstür lehnen.

Der Säugling schrie immer lauter, je länger Carrie fortblieb.

Gab es denn keinen Vater zu dem Kind, der es beruhigen konnte? Zaghaft setzte er sich in Bewegung. Vier Stufen, eine Plattform, weitere zwölf. Aus Carries Wohnung kam ein Geruch nach süßlicher Milch und Essensresten, die man zu lange nicht entsorgt hatte. Zwei schwarze Müllbeutel lehnten hinter ihrer Tür. Unter einem bildete sich eine Pfütze.

Du hast mich vergessen.Ich werde sterben, wenn du nicht wiederkommst. Sterben. Sterben. Wo bleibst du nur?

Kurzerhand nahm er die beiden Säcke mit nach unten und mied Carries Blick, als sie an ihm vorbei nach oben stürmte.

Sie roch nach Sonnenblumen.

 

Sonntags frühstückten sie zusammen. Meist war er eher auf den Beinen als Nathaniel und buk Brot oder mühte sich mit Crumpets ab, kochte Eier und briet etwas Speck für Nathaniel. Die Marmelade aßen sie aus einem Glas, das Nathaniel im Supermarkt kaufte; er bräuchte sie nicht selbst einzukochen, beteuerte Nathaniel, die hier war doch gut genug.

Noch mehr Freude machte ihm die Zubereitung des Frühstücks, seit sie einen Esstisch und zweieinhalb Stühle dazu hatten – einer war lediglich ein Holzklotz, der zur Not als Hocker diente. Ethan deckte den Tisch ein. Manchmal vertauschte er die Seite für Messer und Gabel ganz bewusst oder legte die falschen Löffel aus. Er mochte es, wenn es Nathaniel auffiel und er nicht anders konnte, als sie heimlich zu richten, in der Hoffnung, Ethan würde es nicht bemerken.

Heute allerdings schien ihm gar nichts aufzufallen. Sein Haar war noch zerzaust, als er in die Küche kam, nur ein Unterhemd und eine Pyjamahose am Körper. Ihn umgab der Duft nach Schweiß, fremden Zigaretten und – wenn er sich nicht täuschte – Rum.

»Guten Morgen.«

»Hm.« Gähnend sank er an den Tisch und nickte, als Ethan ihm die Kaffeekanne präsentierte.

»War es schön gestern Abend?«

Nathaniel zuckte mit den Schultern, rieb sich die Augen und starrte auf den Tisch. Kein Lächeln, kein Kuss.

»Wo wart ihr denn?«

»In einer Bar. Danke.« Er setzte den Kaffee an und trank, obwohl er sich die Zunge verbrühen musste.

»Eine besondere?«

»Seit wann interessiert dich sowas?«

Ethan wich einen Schritt zurück und spürte die Arbeitsplatte hinter sich. Vorsichtig stellte er die Kaffeekanne zur Seite. Er biss auf seine Lippe. »Verzeihung.«

Nathaniel seufzte bloß. »Setz dich«, murmelte er nach einer Weile. »Lass uns essen.«

Obwohl ihm der Appetit vergangen war, gehorchte er. Auf den Crumpets ließ er Butter schmelzen und öffnete das Marmeladenglas. Was habe ich falsch gemacht, wollte er fragen, bitte sag es mir doch, dann kommt es nie wieder vor. Er schraubte das Glas wieder zu, öffnete es, verschloss es. Keine Marmelade. Eigentlich hatte er keinen Hunger, vielleicht sollte er nur Kaffee trinken, wie sah sein Haar aus, waren seine Fingernägel sauber? Zusammengehörende Socken trug er immerhin, Jeans, der Gürtel ordentlich geschlossen, auch wenn er gestern erst ein Loch in das Leder stanzen musste. Bitte, bitte sei nicht wütend. Eine Zigarette. Nicht beim Essen. Mit dem Handrücken warf er das Messer vom Tellerrand, was für ein Idiot er doch war!, er fing es, Butter klebte an seinen Fingerspitzen, hatten sie keine Servietten, was würde Nathaniel sagen?

»Ethan.« Unter dem Tisch drückte Nathaniel seinen Knöchel an Ethans Bein. »Iss.«

 

Manchmal, wenn Nathaniel nach Hause kam und ihn im Bett erwischte, schlüpfte er wortlos zu ihm unter die Decke. Seine Hände erkundeten dann sanft seinen Körper, viel liebevoller als sonst. Verflucht von seinem leichten Schlaf erwachte Ethan sofort, doch er hielt die Augen lange geschlossen. Nathaniels Finger strich durch sein Haar, es schien ihn nicht zu kümmern, wie fettig oder nassgeschwitzt es war, zeichnete seine Ohrmuschel nach und schließlich auch die Narbenränder. Die beiden langen, faltigen Schnitte an seiner Stirn, die zwei unter seinem Auge, an seiner Wange. Nur den einen, der in die Oberlippe sichelte und nach wie vor nicht ganz verheilt war, ließ er in Ruhe. »Was mache ich nur mit dir?« Das war die Frage, die Nathaniel ihm dann so oft stellte, ohne Hoffnung auf eine Antwort.

»Wir hätten nicht herkommen sollen«, flüsterte er eines Abends, kurz bevor der August das Ende des Sommers brachte.

---ENDE DER LESEPROBE---