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Inmitten der Kleinstadt Dwellton steht Nate vor einer gewaltigen Herausforderung. Sein verstorbener Vater hinterlässt nicht nur ein Haus und einen Buchladen, sondern auch ein erdrückendes Erbe von 80.000 Pfund Schulden. Um die medizinische Behandlung seiner Mutter zu finanzieren, muss sich Nate nicht nur den äußeren Widrigkeiten stellen, sondern auch den inneren Dämonen, die ihn seit Jahren quälen. Die englische Stadt, in der er sich wiederfindet, birgt nicht nur die Geheimnisse seines Vaters, sondern auch die düsteren Schatten einer Geschichte, die von Homophobie und dem Teufelskreis des Alkohols durchzogen ist. Als Nate auf Ethan, den schweigsamen Haushälter seines Vaters, trifft, öffnen sich die Türen zu einer schmerzhaften Familiengeschichte. Zwischen den Zeilen entfaltet sich nicht nur die Last der Vergangenheit, sondern auch die Reise zur Selbstentdeckung. In "NATHANIEL" entführt dich Kai C. Moore auf eine mitreißende Reise zurück in das schillernde Jahrzehnt von Synth-Pop und VHS-Kassetten. Die 80er! Bereite dich darauf vor, eine Reise anzutreten, die du nicht so schnell vergessen wirst – eine Reise in die tiefsten Abgründe der menschlichen Seele und wieder zurück, voller Hoffnung, Liebe und der unaufhaltsamen Kraft des Lebens.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
WELTENBAUM VERLAG
Vollständige Taschenbuchausgabe
03/2024 1. Auflage
Nathaniel
© by Kai C. Moore
© by Weltenbaum Verlag
Egerten Straße 42
79400 Kandern
Umschlaggestaltung: © 2023 by Magicalcover
Lektorat: Hanna Seiler
Korrektorat: Giuseppa Lo Coco
Buchsatz: Giusy Amé
Autorenfoto: Privat
ISBN 978-3-949640-60-5
www.weltenbaumverlag.com
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Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar.
Kai C. Moore
Nathaniel
Gay Romance-Drama
Für Joe,
wieder und wieder und wieder
1
Hedford England 1985
Gott, er hasste den Sommer.
Hinter der Tür schlüpfte Nate mit einem Ächzen aus seiner fettbekleckerten Schürze. Der Stoff war keine Woche alt und schon unbrauchbar. Darren würde ihn umbringen, wenn er das sah.
Mit einem Handtuch rieb er sich das Gesicht trocken. Sein Körper war nicht für tropische Temperaturen gemacht. Ständig klebte ihm die Kleidung am Leibe. Schweiß drang ihm aus allen Poren und benetzte seine Haut, rann daran hinab wie Wasser. Er hasste, hasste, hasste es. Selbst sein Haar glänzte vor Feuchtigkeit, unabhängig davon, wie kurz er es hielt.
Beides warf er in den Wäschekorb neben dem Waschbecken. Ein Blick zur Uhr verriet ihm, dass er seine Katzenwäsche besser auf zuhause verschob. Ohne ordentlich Seife würde der Geruch nach billigem Portwein und Zwiebeln ohnehin nicht abgehen. Er streifte frische Sachen über, zischte, als er den neuen blauen Fleck begutachtete, den der Holzlöffel des Chefkochs auf seinem Arm hinterlassen hatte, und stempelte seine Schicht ab. Seine Füße schmerzten, vor allem am Ballen, wo die Dielen durch die abgelaufenen Sohlen seiner Schuhe drückten. Aus der Küche drangen Guidos Verwünschungen – darunter hörte er seinen Namen und schlug die Tür hinter sich zu.
Der Weg hinaus brachte keine Erleichterung – zumindest, was die Temperatur betraf. Immerhin stank es nicht mehr nach ranzigen Köchen und schwitzendem Fett. Nate atmete auf und kniete sich hin, um das Schloss an seinem Fahrrad zu öffnen.
Hinter ihm mahlte Sand unter leisen Schritten. »Entschuldigen Sie, Mister? Ist das hier das Halster's Hutch, das bekannteste Lokal in Hedford?«
»Sie meinen wohl das Einzige, Miss.« Er wickelte die Kette um den Griff und fädelte das Vorderrad aus dem Ständer. »Wenn Sie mich entschuldigen würden, ich habe seit einer Ewigkeit Feierabend.«
»Genau genommen seit zwei Minuten.«
Nate schnaubte. »Seit einer Ewigkeit. Sagte ich doch.«
Sie schenkte ihm ein Lächeln. Unter der breiten Krempe ihres Huts wirkte ihr Haar wie die Gerstenhalme auf den Feldern. Zu allen Seiten stand es wild ab, knickte sich scheinbar grundlos. Außerdem – und das mochte er am liebsten daran – bestach es im Licht der untergehenden Sonne mit einem goldenen Schimmer. »Würden Sie denn ein junges Mädchen nach Hause begleiten in einer Stadt wie dieser?«
»Eigentlich, Miss ...«, er nickte ihr zu, sich auf den Gepäckträger zu setzen, »... habe ich einen strengen Zeitplan.«
»Es liegt auf dem Weg.«
Er wartete, bis sie ihre Arme um seinen Bauch schlang. »Wenn das so ist ...« Kaum wandte er ihr den Kopf zu, küsste sie ihn. »Du sollst dich nicht ständig davonschleichen«, schalt er sie und betätigte die Pedale.
»Ich werde immer besser. Außerdem hätte ich dich sonst wieder nicht gesehen.«
Nate seufzte. »Samstag habe ich die Mittelschicht. Wir könnten danach ausgehen.«
Das Halster’s Hutch lag auf einer weitläufigen Anhöhe, umgeben von dunklen Backsteingebäuden mit bunten Markisen. Nate überquerte die Hauptstraße, winkte Mr. Dulles zu, der gerade die Tür seines Juweliergeschäfts abschloss, und suchte sich über schlangenartige Straßen und Kieswege einen Weg hinab in die Wohngebiete. Sobald sie bergab fuhren, riss der Fahrtwind an seinem Hemd und kühlte seine Haut. Nate legte den Kopf in den Nacken und widerstand dem Drang, die Augen zu schließen. Er war so müde. Jeder Muskel in seinem Körper schien überstrapaziert und bleiern.
Hedford wirkte beinahe friedlich, wenn man es nicht kannte. Die Sonne versank stets hinter den hohen Nadelbäumen, bevor sie ganz hinter dem Horizont verschwand, und wenn man sich ein Stück in den Wald vorarbeitete, erwartete einen der Ferrers Lake, der sich wie ein kleines, heimliches Meer in der Mitte Englands ergoss. Das Branden seiner Wellen gehörte zu den alltäglichen Geräuschen dieser mittelständischen Kleinstadt wie das Brummen von Motoren, das Rauschen von falsch eingestellten Radios und das Lachen von Kindern.
»Apropos Samstag«, sagte Ivy. »Ich wollte dich – huch!«
Er lachte, als eine Bodenwelle sie nach oben katapultierte.
»Etwas fragen.« Sie richtete ihren Hut und schlug mit der Faust gegen seine Schulter.
»Nur zu.« Mit dem zusätzlichen Gewicht gelang ihm die Kurve hinab in die Lane Street nicht so mühelos wie sonst. Kurz strauchelten sie. Dann gewann er die Kontrolle zurück und brachte sie auf geteerten Straßen sicher in das südliche Wohngebiet.
»Du erinnerst dich doch an Christa, oder?«
»Miss Morough meinst du?«
»Du brauchst sie nicht Miss zu nennen. Sie ist meine Freundin.«
Die Straßen vor ihnen verengten sich zu einspurigen Pfaden, welche zu beiden Seiten von Familienhäusern gesäumt wurden. Auf den Bordsteinen parkten schräg stehende Autos, in deren Rückspiegeln sich die letzten Sonnstrahlen fingen. Warme Schatten krochen über den Teer und sammelten sich in alten Schlaglöchern.
»Jedenfalls ...«, sie lehnte ihren Kopf gegen seinen Rücken, »... hat sie uns eingeladen.«
»Schön.« Nate verzog das Gesicht, als er das Rad vom Gehweg herunterlenkte. Er wich einer Katze aus, die zwischen den Autos hervorflitzte, und nahm die Abzweigung in den Blakouv Way.
»Sie wird achtzehn. Es wird eine richtige Party. Du kommst doch mit, oder?«
Zögerlich wanden sich seine Finger um die Bremse, bis sie zum Stehen kamen. »Du weißt doch, dass das nicht geht.«
»Nur dieses eine Mal.« Sie glitt vom Gepäckträger und rieb sich den Hintern. Über die Schulter warf sie ihm einen Blick zu. »Guck wenigstens.«
Mit einem schiefen Grinsen betrachtete er ihre Hände, die langsam über ihre Rundungen glitten. »Wundervoll machst du das.«
»Sei nicht immer so. Manchmal glaube ich, du findest mich gar nicht hübsch.«
»Blödsinn.«
Ivy hob ihr Kinn. »Also, Mister? Was haben Sie denn Samstagabend so Wichtiges vor?«
»Das weißt du.«
»Du kommst nie mit! Immer bin ich allein ...«
»Was soll ich denn tun?«
»Sie wird es überleben, wenn du einen Abend nicht da bist. Einen einzigen Abend. Bitte, Nate. Alle werden da sein. Nur ...« Sie biss sich auf die Lippe. »Nur du nicht.«
Hilflos hob er die Hände, bevor er sie auf seine Oberschenkel fallen ließ.
»Ein Abend. Bitte.«
»Lass mich darüber nachdenken.«
»Fein«, sagte sie. »Lass dir nur nicht zu viel Zeit dabei, sonst war ich ohne dich dort und du hast es nicht einmal bemerkt.«
»Keine Sorge, Miss. Noch bin ich bei vollem Verstand.«
Ivy hob eine Augenbraue. »Gute Nacht, Nate.«
»Gute Nacht.«
Ihr Abschiedskuss war kalt und flüchtig. Sie verschwand hinter dem Holzzaun, ohne zu winken. Erst, nachdem das Scharren der Haustür verstummt war, seufzte er und kehrte um.
Jemand wie er wohnte nicht im Blakouv Way und auch nicht in der Lane Street. Seine Beine schmerzten noch immer, doch er hatte einiges an Zeit aufzuholen. Der geläufige Witz, dass Ivys Zuhause auf seinem Heimweg lag, fußte auf nicht viel mehr als einer bloßen Lüge.
Unter den blassen Lichtkegeln der Straßenlaternen sammelten sich Mückenschwärme. Er duckte sich und folgte der Straße in den Wald. Der Lärm der Stadt verschwand hinter harzigen Kiefern. Unebenheiten im Boden brachten ihn dazu, lieber im Stehen zu fahren; das wiederum führte dazu, dass niedrig gewachsene Eschenäste durch sein Haar strichen wie Finger. Früher hatte er sich gefürchtet. Heute genoss er die kurzen Augenblicke der Stille. Nur drei, vier Minuten. Ein paar Atemzüge mit Ausblick auf den Ferrers Lake, dessen sanfte Wellen zwischen den Stämmen schimmerten.
Bis zur Einfahrt führte eine ungepflegte Teerstraße. Aus ihren Rissen sprossen Löwenzahn und Brennnesseln, wucherten von dort aus hinüber zur Außenwand und die Veranda hinauf, als gehöre das Haus zur Hälfte dem Wald. Die Dachziegel, die er nach dem Sturm im letzten Frühjahr frisch decken wollte – mit Betonung auf wollte –, boten den Stechpalmen ein Bett. Ihre Stacheln kratzten an seinen Beinen, als er vom Radsattel stieg und sich ein Stöhnen verkniff.
Aus dem Küchenfenster drang Licht, obwohl sie die Gardinen schon zugezogen hatte. Sie vermied es, schlafen zu gehen, wenn er ausgeflogen war – und er vermied es, darüber nachzudenken.
Die Haustür ließ sich ohne Schlüssel öffnen; vermutlich besaßen sie gar keinen. Er hatte nie gefragt. Seine Schuhe trat er sich von den Füßen und stellte sie zur Seite. »Ich bin wieder da!«
»Ich dachte schon, du kommst nie ...«
»Ich komme immer. Das weißt du doch.«
»Wo warst du denn?«
Als er die Küche betrat, sah sie von einem Rätselblock auf. Sie begrüßte ihn mit einem Blick über die Ränder ihrer Hornbrille hinweg. Selbst, wenn sie lächelte, wirkte sie zwanzig Jahre älter, als sie war. Dunkelblondes Haar kringelte sich strähnig bis zu ihren eingefallenen Wangen. Darüber, dass es schütter wurde und grau, scherzte sie gerne an ihren besseren Tagen.
»Hast du deine Medikamente genommen?« Nate trottete zum Buffettisch. Zwischen knisternden Blistern suchte er nach ihrem Dosierungsplan. Gestern schon nicht. Er zählte die Kapseln. Ich muss besser aufpassen.
»Die helfen doch ohnehin nicht.«
»Tun sie, Mum. Du musst sie nur nehmen.«
»Das haben sie letztes Mal auch gesagt.« Sie nahm ihre Brille mit tatterigen Fingern ab. »Nun sieh mich an.«
»Na los.« Nate stellte ein Wasserglas auf ihr Heft und legte ihr die Pillen daneben. »Jetzt.«
»Nathaniel!«
»Nimm sie einfach. Dann sind sie weg und du kannst wieder alles sehen.«
»Wie sein Vater«, murmelte sie. »Stur und rotzfrech.«
Sei lieber froh, dass ich noch hier bin. »Tay«, sagte er und deutete auf ein paar Kästchen direkt unter ihrem Glas. »Der längste Fluss Schottlands. Tay.«
»Das hätte ich auch gewusst!« Dabei klang sie schon versöhnlicher. »Wo warst du denn?«
Nate betrachtete den Stapel Geschirr, der sich neben der Spüle häufte. Seufzend griff er nach dem Spülmittel – nur noch ein Viertel voll; es wurde Zeit, wieder zu Waitrose zu gehen – und ließ Wasser ein. »Arbeiten.«
»So lange?«
»Ja.«
»Mhm.«
Nate schauderte, als er seine Hände eintauchte. Das Gefühl, wenn das Wasser seine Haut entlangkrabbelte ... Er versuchte, nicht auf die Essensreste zu achten, die zwischen seinen Fingern schwammen, und schrubbte verbissen.
»Valery hat angerufen.«
»Wirklich?«
»Sie hat vor, uns zu besuchen. Ist das nicht toll?«
»Wundervoll«, murmelte Nate. »Absolut wundervoll.«
»Willst du gar nicht wissen, wann?«
Das letzte Glas landete sauber und kopfüber auf der Arbeitsplatte. Er trocknete sich die Hände ab und faltete das Tuch. »Wann?«
»In ein paar Tagen schon. Mit Marcus. Sie bleiben eine Weile.« Mum hob den Blick und runzelte die Stirn. »Was machst du da? Das gehört in die Wäsche.«
»Ja, natürlich.« Mit einem Brummen knüllte er den Stoff zusammen und sammelte andere alte Tücher ein. Er brachte sie in den Waschraum, warf sie auf den Stapel, der den Korb längst sprengte, und ließ sich kurz auf den geschlossenen Toilettensitz sinken. Sie hat mir gerade noch gefehlt. Seine Hand roch nach günstiger Seife, als er sich über das Gesicht strich. Er rümpfte die Nase und raffte sich auf.
Im ganzen Haus mochte die Küche der Raum sein, dem man am Wenigsten ansah, in welch miserablem Zustand sich der Rest befand. Zwar trat er über teils zerbrochene Fliesen, doch die Täfelung an der Wand glänzte. Vor zwei Jahren hatte er sie neu lackiert. Die alte Eckbank knarzte, wenn er sich dort hinsetzte, aber sie hielt sein Gewicht. Ihre Utensilien funktionierten; manchmal sprang der Gasherd nicht direkt an und das Wasser blubberte aus dem Hahn, doch sie erfüllten ihren Zweck. Der Kühlschrank hatte seine Momente. Meistens war er deshalb leer. Er warf einen Blick hinein und runzelte die Stirn. Mums Portion Nudeln für heute Abend ruhte unberührt darin. Nicht einmal die Alufolie hatte sie abgelegt.
»Freust du dich denn gar nicht?«
»Worüber?«
»Deine Schwester?«
Mit Schwung knallte er die Kühlschranktür zu. »Klar.«
»Du hast mich schon besser belogen.« Sie lehnte sich in ihrem Rollstuhl zurück und bedachte ihn mit einem dieser Blicke, die er schon als Kind abbekam, wenn sie ihre Strenge spielte. »Seit wann redest du mir nach dem Mund?«
Seit du aufgehört hast, dich an unsere Unterhaltungen zu erinnern. »Ich wollte dir nur eine Freude machen.«
»Das hat deine Schwester heute auch gesagt.«
»Ach?«
»Ja!« Sie bog ihre Augenbrauen und lächelte. »Wusstest du, dass sie schwanger ist? Sie kommt her, weil sie möchte, dass ihre Tochter hier geboren wird. Bei mir. Damit ich sie sehen kann.« Mum lachte leise. »Ihr müsst mir so etwas nicht verschweigen.«
Ich hatte keine Ahnung.
»Schau mich nicht so an.«
Nate verbarg sein Augenrollen, indem er sich wegdrehte. »Besser?«
Sie schnalzte mit der Zunge und senkte den Kopf über ihr Kreuzworträtsel. Schnaubend widmete er sich dem Geschirr. Während er Teller in die Schränke räumte, tippte sie gegen die vergilbten Seiten und formte mit ihren dünnen Lippen Worte, die sie nie aussprach, wohl aber zufrieden nickend in ihre Kästchen schrieb. Nate verkniff sich sein Lächeln, bis es ganz von selbst verging. Der Kragen ihres Pullunders entblößte ihren Hals, oder vielmehr die Sehnen, die aus ihrer sonst sämigen Haut herausragten. Dunkle Sprenkel verteilten sich auf ihrem Körper wie sonst die Altersflecken auf den Armen alter Menschen, bis hinauf zu ihrem Ohr. Nur ihre Augen verrieten ihr tatsächliches Alter. Sie hatte den scharfen Blick einer Frau Ende vierzig, die zwei Kinder allein großgezogen und in diesem Leben schon zuvor Krieg gegen ihren Körper geführt hatte. Mit dem Kugelschreiber rieb sie sich die Wange und schmückte sich mit blauen Strichen. Nate schmunzelte und stapelte Gläser in die letzte verbleibende Lücke im Hängeschrank.
»Wo warst du?«, fragte sie.
»Arbeiten.«
»So lange?«
»Ja.«
»Mhm.«
»Möchtest du etwas essen?«, fragte er.
»Ach.« Sie seufzte. »Gerne.« Mit einem unterdrückten Schmerzenslaut sank sie wieder zurück. »Bringst du mir ein Glas Wasser, wenn du dort schon stehst?«
»Ja, natürlich.«
Seine Augen folgten der kreisenden Bewegung des Tellers in der Mikrowelle. Nate rieb sich die Stirn. Valery. Marcus. Mum. Ivy. Die Wäsche, die im Bad überquoll. Wo sie schlafen sollten, sie und er. Was er antworten würde, wenn sie ihn ansah, mit ihrem Blick und dem gehobenen Kinn, und fragte: »Was hast du hier gemacht?«
Kurze Zeit später saß er mit seiner Mutter am Tisch und unterhielt sich mit ihr. Über ihren Tag. Ihre Schmerzen. Dass sie wieder zum Arzt musste, bald sogar. Ob er deswegen nicht seinen Freund fragen könnte, diesen schicken Burschen, der immer diese Mützen trug. Er half doch so gerne. Ja, Mrs. Higgsons Jungen, genau den.
Nachdem er ihr ins Bett geholfen hatte, schmiss er sich in sein eigenes. Die Matratze ragte über den alten Lattenrost hinaus; er hatte sie von Tante Susan geerbt, jedoch ohne das dazugehörige Bettgestell. An der Wand rollte er sich zusammen und achtete darauf, nicht zu weit nach links zu rutschen. Es wäre nicht das erste Mal, dass er unvorhergesehen auf dem Boden nächtigte. Nate vergrub den Kopf in seiner Armbeuge. Er hasste den Sommer. Wenn er nicht klatschnass aufwachen wollte, galt es, die Decke zu meiden, unter der er sich sonst versteckte. Stattdessen starrte er aus dem Dachfenster und ertappte sich dabei, von dem Wäscheberg zu träumen, den er schon zu lange ignorierte.
»Danke, Mann.« Nate öffnete die Beifahrertür und achtete darauf, sich nicht versehentlich auf die halb lebendige Verpackung eines Fertigsandwiches zu setzen, das Tony dort vergessen haben könnte. Der Geruch nach Old Spice und kalter Asche begrüßte ihn wie einen alten Bekannten.
»Kein Problem.« Obwohl in Tonys Auto noch unerträglichere Temperaturen herrschten als außerhalb, trug er seine Cap mit dem Symbol der Ferrer’s High. Schwarze Locken kamen darunter hervor und fielen ihm vor die Augen, was dazu führte, dass seine Finger ständig an seiner Stirn zu sein schienen. Mit einem Grinsen startete er den Wagen.
Nate wurde das Gefühl nicht los, auf einer Scheibe Schinken oder altem Toast zu sitzen. Er versuchte, nicht darüber nachzudenken. Unter ihm knisterten die Plastikfolien von Schoko- und Müsliriegeln, aber auch kleine Tütchen, deren Inhalt er nicht mehr hinterfragte. »Das Leben an der Uni ist hart«, hatte Tony damals gesagt. »Keiner kriegt sein Geld geschenkt.« Nate schob sie vorsichtig mit dem Schuh zur Seite.
»Sag mal, was ist jetzt mit Samstag?«, fragte Tony.
»Du kommst auch?«
Sie wechselten von der überwachsenen Einfahrt auf den Teer. Der Wagen rumpelte.
»Klar. Alle kommen.« Tony warf ihm einen Blick zu. »Ivy war ganz aufgeregt.«
»Ich habe ihr gesagt, dass ich komme.«
»Hast du das auch vor?«
»Ja, natürlich.«
»Wieso glaube ich dir nicht?« Ihre Blicke trafen sich im Rückspiegel. »Nate, Nate, Nate.«
»Sei leise«, wollte er sagen. »Ich komme. Ich weiß nur nicht, wie lange.«
»Also geht sie wieder allein nach Hause?«
»Was schlägt der weise Student denn vor?«
Er steckte sich seine Kippe zwischen die Lippen und legte die Hand an den Schalthebel. Bevor er seine Zigarette mit Daumen und Zeigefinger wieder aufnahm, kratzte er sich an seinem Kinnbart. Tony verschwand hinter weißgrauem Dunst. »Ganz schön zickig heute, Madame.«
Etwas an der Art, wie sein Freund sich beim Rauchen bewegte, faszinierte ihn. Er folgte einem Bewegungsablauf, der von Gewohnheit und Überheblichkeit gleichermaßen strotzte – wie eine einstudierte Unterschrift mit einem abschließenden Schnörkel daran.
»Weißt du«, fuhr er nach einer Weile fort, »Ivy hat dich gern. Wirklich gern.«
»Ja.«
»Sie fragt sich langsam, ob das von deiner Seite aus auch so ist. Immerhin warst du nie bei ihr zu Hause. Gibt so’n paar Gerüchte, weißt du.« Tony stieß ihn an die Schulter. »Sieh mich nicht so an. Ich versuche, dir zu helfen.«
Natürlich. Nate verkniff sich ein Schnauben. Er betrachtete die Innenstadt, die an ihnen vorbeizog: altbackene Reihenhäuser mit Bogenfenstern und bunten Schildern vor ihren Türen. Frisches Brot hier, noch frischeres Fleisch dort, ein paar Perlen zum Hochzeitstag, jetzt auch noch günstiger, Mr. Simons, der die Straßen fegte, drei Mädchen mit Flechtzöpfen, die Seilspringen spielten, und der runde Dackel von Mrs. O’Mettins.
»Geh nach Christas Party mit zu ihr. Es würde sie sehr, sehr glücklich machen.«
Dass ich bei ihr bin? Oder dass die Leute aufhören, sich das Maul zu zerreißen?
»Ich kann dich verstehen. Aber Ivy hat es nicht verdient, dass du ...«
»Dass ich was?«
»Dass du jede Gelegenheit nutzt, um ihr aus dem Weg zu gehen?« Tony hielt auf dem Parkplatz vor dem Waschsalon. »Sie glaubt, dass du nicht mal mit ihr schlafen würdest, wenn sie sich nackt vor dem Halster’s auf den Boden wirft.«
»Darum geht’s also?« Nate zog am Türgriff.
»So ist das nicht, und das weißt du.« Tony hielt ihn zurück. »Bleib hier, wenn ich mit dir rede.«
»Was denn noch?«
»Jetzt mal unter uns.« Seine Hand wand sich um Nates Schulter. Er grinste wie ein Teenager, der verstohlen einen Blick in die Mädchenumkleide riskierte. Seine Zähne blitzten zwischen seinen breiten Lippen hervor. »Warum macht ihr’s nicht? Wenn ich eine kennenlerne, ist das doch das Erste, woran ich denke.« Er zwinkerte. »Du kannst mir nicht erzählen, dass du nie ...«
»Und wenn?«
Tony nahm einen letzten Zug, dann stopfte er seine Zigarette in den Aschenbecher hinter dem Schalthebel. »Oh.«
»Können wir es jetzt dabei belassen?«
»Aber ... Mary?«
»Darüber möchte ich noch weniger sprechen.«
»Das löst dein Problem mit Ivy nicht.«
»Ich habe kein ...«
»Sie aber.« Er schnallte sich ab. »Komm schon, lass uns das Zeug reinbringen.«
Zwei volle Körbe hatten sich angesammelt, die Nate allein mit seinem Fahrrad nie zum Waschsalon geschafft hätte. Über dem Eingang leuchtete in bunten Farben ›soaking sober‹, was ihm mehr denn je wie ein übelkeitserregendes Wortspiel vorkam. Tony stieß ihn kichernd mit dem Ellenbogen an.
Wenigstens kühlte der Innenraum ihre erhitzten Gemüter und Körper. An der Decke baumelten Ventilatoren über flackernden Neonlichtern. Dennoch klebte ihm das Shirt am Rücken. Nate ekelte sich – vor allem, als Tony ihm einen Klaps versetzte und die Nässe mit seinen Fingern berührte. Sie suchten sich ihren Weg zwischen den Kunden hindurch und nickten Mrs. Katter zu, die von der Theke aus winkte. So oft, wie sie das Gebäude betraten, hatten sie längst einen Lieblingsplatz gefunden. Verborgen unter einer Treppe befüllten sie die Maschinen. Nate warf die Münzen ein, ehe er sich auf einer Bank niederließ. Tony setzte sich neben ihn.
»Danke.«
»Nicht dafür, Mann.« Er nahm seine Cap ab, schüttelte seine Locken und setzte sie wieder auf. »Du hast mir nicht geantwortet.«
»Worauf?«
»Wovor hast du Angst?«
»Ich habe keine ...«
Tony pikte ihn in die Seite.
»Schön. Dann habe ich eben Angst.«
»Weil du nicht weißt, wie es geht?«
Sein erster Impuls beinhaltete ein empörtes Aufspringen. Sein zweiter erschien ihm nur geringfügig erwachsener, sodass er sich für unverbindliches Schweigen entschied.
»Es geht ganz leicht. Sobald sie sich auszieht, wirst du nur noch daran denken, wie schön sie ist. Du willst sie berühren.« Tony zeichnete Brüste in die Luft, die er begrabschte. »Gut zu ihr sein. Du weißt schon. Das Bedürfnis wird wachsen wie dein Schwanz, und dann läuft alles von allein.«
Nate verdrehte die Augen. »Wie poetisch.«
»Hab’ ich nur für dich gedichtet.«
»Vielen Dank.«
Sie tauschten einen Blick, bevor sie grinsten.
»Das wird schon.«
»Ja, natürlich.«
»Da wir das geklärt haben ...«
Ob er wollte oder nicht, ihm drängte sich ein neues Lächeln auf. Bald schon drehten sich ihre Gespräche um das Übliche: Darrens hundsmiserable Laune, die blauen Flecken, die sie ihn kostete, Guidos Kochlöffel und die Hitze, die den Gästen ordentlich auf die Laune schlug. »So wenig Trinkgeld gab’s schon ewig nicht mehr.«
»Vielleicht liegt’s an dir. Ich mein’ ja nur.« Tony wich seinem Schlag aus und maulte, wie lausig Hake ihn dafür bezahlte, dass er seine halb gegarten Nudeln auslieferte, während seine Professoren ihm keinen Aufschub mehr für seine Hausarbeiten gewährten.
»Von Mum soll ich dir ausrichten, dass du mal wieder zum Essen kommen sollst«, sagte Tony. Er reckte sein Kinn und platzierte die Hand auf seiner Brust, während er seine Mutter mit hoher Stimme nachahmte. »Ich vermiss’ ihn ja so! Nate ist ein braver Junge. So vorbildlich. Warum bist du nicht so geworden, Mr. Tony Higgson?«
»Hör’ bloß auf!« Nate drückte gegen seine Schulter, bis Tony sich lachend duckte. »Da wird mir ja schlecht.«
»Dir ist immer schlecht. Du bist eine Mimose.«
»Sei leise.« Er schaffte es ganze drei Minuten, sich an seine eigene Anweisung zu halten. »Valery kommt diese Woche.«
»Was will sie denn hier?«
»Marcus bringt sie auch mit. Sie möchte ihr Baby hier bekommen.«
»Ihr Baby?!« Tony pickte die Locken aus seiner Stirn. »Manchen Leuten sollte man verbieten, zu vögeln.«
»Reden wir nicht darüber.«
»Du hast doch angefangen!«
Nate zog eine Grimasse. Mit dem Kinn nickte er auf das grüne Licht an der Maschine. »Die Wäsche ist fertig.«
Der Duft von billigem Lavendel-Weichspüler begleitete sie bis zum Auto. Dort verschmolz er mit dem Geruch der Lucky Strikes, die Tony rauchte. Sein Freund half ihm, die Wäschekörbe nach Hause zu bringen und begrüßte seine Mutter, die in ihrem Rollstuhl saß und Kreuzworträtsel löste. Er zog seine Cap wie einen Hut vor ihr, was sie stets zum Lachen brachte, und verabschiedete sich wieder. Nate folgte ihm bis zum Auto.
»Ach, und Tony ...«
»Was gibt’s?«
»Sag’s ihr nicht.«
Er maß ihn mit einem langen Blick, bevor er schließlich grinste. »Sicher.«
Dann fuhr er los, und mit ihm verschwand die Leichtigkeit.
Nate servierte seiner Mutter Toast mit Marmelade und ein paar hartgekochte Eier zum Abendessen. Danach schwang er sich auf sein Fahrrad, um einen weiteren schwülen Sommerabend im Halster’s Hutch zu verbringen.
Ivy kam nicht, als er um kurz vor Mitternacht das Lokal verließ. Auch am nächsten Tag nicht.
Erst am Donnerstag sah er sie wieder. Er drehte den Spieß um und wartete im Eingangsbereich des Colleges auf sie. Unter ihrer Mascara trug sie Augenringe und ihre Haare hatte sie zu einem Nest auf ihrem Hinterkopf gebunden. Er fragte, ob er sie zur Apotheke bringen sollte, doch sie lehnte ab.
»Aber es ist schön, dass du da bist«, sagte sie.
Sie verbrachten den Nachmittag in dem kleinen Stadtpark hinter dem Rathaus und teilten sich ein Eis vom Italiener um die Ecke. Gemeinsam lungerten sie im Gras herum. Ivy legte ihren Kopf auf seine Brust und schloss die Augen.
»Kommst du Samstag?«, fragte sie.
»Das habe ich dir doch versprochen.«
»Okay.«
Ihr Kopf wog schwerer und schwerer auf seiner Brust. Die Art, wie ihr Haar sein Gesicht kitzelte, der spitze Duft ihres Zitronenparfüms ... Der Druck auf seinem Kehlkopf wuchs. Meine Güte. Rede mit ihr. Sprich es an! »Du hättest mir sagen können, dass ...«
»Ich weiß. Tut mir leid.«
»Ich wollte dir keine ...«
»Schon gut.« Ivy setzte sich auf. »Ich möchte nicht reden.«
»Ja, natürlich.«
»Es ist nicht ... ach, Nate. Ich will nur ... es ist ...«
»Ja?«
»Ich ... ich weiß nicht, ob du das genauso willst wie ich. Wenn dir irgendetwas daran läge ... dann ...«
Verstehe. »Soll ich dich Samstag abholen?«
Als er bemerkte, wie sie aufstand, richtete er sich auf und zwang sich, sie anzusehen. »Gerne«, sagte sie in einem Ton, der ihre Worte Lügen strafte. »Lieber wäre es mir, wenn du mich nach Hause bringst.« Sie rückte ihren Schulrock zurecht, verhedderte sich und fluchte. Dann eilte sie davon.
Nate stützte sein Gesicht auf der Handfläche ab. Was erwartete sie von ihm? Dass er aufsprang und ihr nachlief? Sie leidenschaftlich küsste und hinter den nächsten Rosenbusch zerrte? War es das, was sie sich wünschte?
Der Gedanke bereitete ihm nichts als Unbehagen.
Abends darauf stand sie am Ende seiner Schicht hinter dem Halster’s. Sie entschuldigte sich und bat um eine Fahrt nach Hause. Dabei drückte sie sich eng an ihn. Was willst du nur? Vor dem weißen Holzzaun verlangte sie einen Kuss. »Einen richtigen!« Ihre Hände verschränkte sie hinter seinem Nacken und gab ihm kaum die Chance, sich zu lösen. Dann wünschte sie ihm eine gute Nacht. Dieses Mal drehte sie sich um, bevor sie sich fortstahl. Als wäre nie etwas geschehen.
Vielleicht kommt es ja doch wieder in Ordnung.
Nate beschloss, keine Pläne mehr zu schmieden für die morgige Nacht. Hauptsache, er kehrte vor dem Morgengrauen zurück – ob von Miss Moroughs Haus oder Ivys, was spielte das für eine Rolle? Wenn er nur so kühn wäre, wie dieser Gedanke klang. Seine Knie gaben nach, sobald er vom Radsattel rutschte. Alles wird gut. Alles ...
Samstagmorgen.
Das Klingeln an der Tür klang dringend.
In Unterwäsche wankte er durch das Haus und unterdrückte ein Gähnen. »Ja?«
»Post!« Ein angeregtes Klopfen folgte.
»Schon gut.« Er öffnete die Tür einen Spalt breit. »Was gibt’s?«
»Per Einschreiben. Ich brauche eine Unterschrift.«
Seufzend verabschiedete Nate sich von seiner Privatsphäre. Mit dem Bein hielt er die Tür auf, während er seinen Namen auf die gepunktete Linie setzte. »Schönen Tag noch.« Er schloss die Tür und drehte den Brief, um den Absender zu kontrollieren.
Oh nein.
Er starrte auf die Lettern, bis sie sich zu bewegen schienen, blinzelte, rieb sich die Augen.
Oh nein, oh nein, oh nein. Als er schluckte, hatte er das Gefühl, an seinem Adamsapfel zu ersticken. Er riss den Brief aus dem Kuvert und überflog ihn.
Zwei Minuten später wünschte er sich, ihn nicht gelesen zu haben.
Nate schlurfte in die Küche. Er stolperte und quetschte sich die Finger bei dem Versuch, den ersten, warnenden Brief, mit dem er alles hätte aufhalten können, aus der Schublade des Buffettischs zu kramen.
Ich habe die Frist übersehen. Er sank auf seinen angestammten Platz auf der Eckbank. Ich habe es einfach vergessen.
Von Schulden war die Rede.
Ein gemeinsamer Kredit aus dem Jahre 1964.
Ein im April verstorbener Ehemann.
Das Erbe. Die Schulden.
Eine sechswöchige Frist, eine Schonzeit, der Funken von Hoffnung – und er hatte sie vergessen.
Es handelte sich um Immobilien. Immer wieder tastete sein Blick über die Zeilen. Ein Buchladen. Ein Grundstück, 1972 bebaut. Alles lief auf den Namen seines Vaters, es gehörte ihm; oder vielmehr der Bank, die ihr Geld forderte.
Gemeinsamer Kredit. 1964.
Verstorbener Ehemann.
Das Erbe.
Die Schulden.
Achtzigtausend Pfund.
Achtzig. Tausend. Pfund.
Am liebsten hätte er geschrien. Stattdessen entwich ihm ein heiseres Keuchen. Er biss in die Innenseite seiner Wange, um sich zusammenzureißen, und pfefferte beide Briefe über den Küchentisch.
Mum darf es nicht wissen. Niemals.
Was für ein dämlicher Idiot er doch war. Wie sollte er Mums Therapien weiter bezahlen? Ihre Ärzte? Wie viele Jobs musste er annehmen, damit sie hierbleiben konnten? Wie hoch durften die Raten sein, ohne dass sie Hunger litten?
Plötzlich kämpfte er mit Tränen. Er verfluchte seinen Vater, der seine Mutter verlassen hatte, als sie krank wurde. Er verfluchte den Postboten, der ihm den Brief gebracht hatte, er verfluchte die Sonne, die ihm ins Gesicht schien und seine Wangen trocknete, und am meisten verfluchte er sich selbst. Valery würde ihn angaffen, mit ihren gehobenen Augenbrauen und in Ekel gekrausten Mundwinkeln, und wenn sie fragte: »Was hast du hier gemacht?«, hatte er keine schlagfertige Antwort mehr darauf. »Nichts«, würde er sagen. »Ich habe uns in den Ruin getrieben.« Oder: »Du hattest von Anfang an Recht. Ich bin ein absoluter Versager.« Sie würde voller Abscheu schmunzeln und sich dann abwenden.
Wie lange würde es dauern, bis sie kamen und ihnen das Haus wegnahmen?
Wer würde sie aufnehmen?
Wie sollte er ...
»Nathaniel?«
Er sprang auf. Mit einer Verwünschung auf den Lippen griff er nach den Papieren.
»Bist du wach?«
Er stopfte beide Briefe zurück in die Schublade. Am Boden entdeckte er einen Umschlag – er musste ihn verloren haben. Verflucht.
»Nathaniel?«
Mit den Zehen schoss er ihn unter die Eckbank. Darum würde er sich später kümmern. »Hier.« Seine Stimme klang selbst in seinen Ohren brüchig. »Guten Morgen.«
»Guten Morgen.« Sie manövrierte ihren Rollstuhl ächzend über die Schwelle. Ihr Nachthemd flatterte um ihren Körper. Den Ringen unter ihren Augen nach zu urteilen, hatte sie schlecht geschlafen; ihr Haar formte ein verwaistes Vogelnest auf ihrem Kopf. Nach einem Blinzeln lächelte sie auf eine wissende, mumartige Weise, die ihn schlucken ließ.
Sie war bei sich.
In einem der wenigen Momente, in denen er sich das Gegenteil wünschte.
»Was machst du da?«
»Ich wollte dir deine Medikamente bringen.« Der Dosierungsplan entglitt ihm und fiel ihm vor die Füße.
»Wie wäre es vorher mit Frühstück?«
»Oh, ja. Stimmt.« Seufzend bückte er sich und stopfte ihn zurück in die Schublade.
»Ist alles in Ordnung, Schatz?«
»Ja, natürlich.« Er schenkte ihr eine Grimasse, die ein Lächeln werden sollte. »Ich hab’ nur schlecht geschlafen.«
»Schlecht geschlafen also.«
»Ja.«
Der Blick, den sie ihm zuwarf, sprach Bände. Doch sie beließ es dabei. Er erlaubte sich ein vorsichtiges Ausatmen, dann trat er an den Vorratsschrank.
Mit einer Kraft, die verboten gehörte, verpasste sie ihm eine mit ihrem Rätselheft.
»Hey!«
Mum lachte. Sie rollte ihren Block zu einem dieser Fernrohre, die Kinder für ihre Spiele bastelten, und schlug wieder nach ihm. Nate wich aus. Die Spitzen des Papiers kratzten an seinem Handgelenk, dann sprang er zurück und griff sich ein altes Tablett. Verbeult und durchgebogen markierte es meistens nur noch die Stelle, wo der Abwasch sich sammelte. Für ein behelfsmäßiges Schild reichte es und brachte seine Mutter zum Kichern wie ein junges Mädchen. Er wehrte ihren nächsten Hieb ab. Vom Tisch klaute er ihren Kugelschreiber und hielt ihn ihr drohend entgegen. Ein blauer Strich verunstaltete ein fertig gelöstes Rätsel. Von links nach rechts hechtend, pikste er ihren Arm und duckte sich, bis sie schwer atmend in ihrem Rollstuhl zurücksank. »Na?«, fragte sie. »Wer war es? Deine Ivy? Oder Mr. Huttson?«
»Niemand.« Nate legte das Tablett an seinen ursprünglichen Platz und füllte es mit Mums Besteck von gestern Abend. Diesmal sank er in die Knie, bevor er die Schranktür öffnete.
Sie gluckste.
Sein Lächeln verblasste. »Ich befürchte, Pfannkuchen fallen leider aus.«
»Nicht so schlimm. Mir war ohnehin nicht danach.«
Also rührte er ihr ein recht wässriges Porridge an und garnierte es mit etwas Zimt. »Hier bitte. Ich muss jetzt duschen.«
»Tu, was du nicht lassen kannst.«
Mit dem Schweiß rann auch seine gehobene Laune den Abfluss hinab. Sie braucht sich nur in der Schublade zu irren, falls sie nach ihren Tabletten sucht. Ein Fehlgriff. Wie würde sie reagieren, wenn sie las, was er ihr vorenthielt? Gott, was sollte er nur tun? Mit ihr darüber sprechen? Nein. Konnte er die Briefe verschwinden lassen, ehe er ins Halster’s musste?
Immer wieder fühlte er Mums Augen auf sich ruhen, ganz gleich, ob er ihr nun half, sich zu waschen, sich umzuziehen oder ihr die Tabletten reichte. Ein Blick zur Uhr sagte ihm, dass er nur noch hoffen konnte. Hoffen, dass sie keinen Grund fand, in der Küche herumzustöbern, und dass Darren die paar Minuten, die er zu spät kam, nicht bemerkte. Er verabschiedete sich mit einem Kuss auf ihre Wange. Warum kannst du sowas nicht sofort vergessen, hm? Er schluckte. Ich sollte dankbar sein für die guten Tage, die ihr bleiben.
Nates Herz raste, noch bevor er die Hügel zur Stadt hinauffuhr. Sein Shirt klebte dunkel vom Schweiß an seiner Haut. Schwer atmend warf er sein Rad gegen den Ständer und huschte durch den Personaleingang. Zu spät. Darren tötete ihn mit Blicken und warf mit einem frischen Hemd nach ihm. »Du siehst aus wie ein Gossenkind, Alglow.« Vier Versuche brauchte er, um seine Schürze zu binden. Bis zum Ende der Schicht hatte er zwei Tabletts fallen lassen, der alten Mrs. Gretsen versehentlich das Wasser übergekippt, dreimal Guidos Kochlöffel abbekommen und blindlings in ein Fleischmesser gegriffen. Nachdem Sabrina ihm die Handfläche verbunden hatte, die übel blutete, entließ Darren ihn mit einem Schlag auf den Hinterkopf. »Die Stunde arbeitest du Montag länger«, knurrte er.
Nate nickte nur.
Seine Hand schmerzte. Unmöglich, damit vernünftig die Bremse zu bedienen. Trotzdem stieg er auf sein Fahrrad und fuhr los. Da er über Kies und Sand schlitterte, hielt er schlussendlich an, um sein Rad zu schieben. Zu Fuß brauchte er ewig – ein Grund mehr, sich zu beeilen.
Als er zuhause ankam, lag Mum auf dem Sofa und schlief. Stirnrunzelnd kniete er sich neben sie. Sie hatte weder Fieber noch Ausschlag, ihr Herz schlug im Takt und ihr Atem pausierte nicht. Alles schien in Ordnung, dennoch überprüfte er all das ein zweites Mal. Schließlich schrieb er ihr eine Notiz, um sie nicht wecken zu müssen.
Bin mit Ivy unterwegs. Wenn du mich brauchst, ruf bei den Moroughs an. Hab dich lieb.
Nate zögerte. Nach der Nachricht am Morgen sollte ihm alles in den Sinn kommen – ein zweiter Job, Darren um eine Gehaltserhöhung bitten, beim Finanzamt anrufen, Raten verhandeln –, wirklich alles. Außer eine Party zu besuchen. Ich hab’s versprochen. Wenn ich wieder nicht auftauche … Er seufzte und sank auf den Hosenboden. ›Hey, ich konnte nicht kommen, weil ich den größten Fehler meines Lebens begangen habe. Da habe ich mich nicht gut genug gefühlt, um zu feiern, tut mir leid.‹
Sie würde ihn hassen. Und das zurecht. Vielleicht würde sie das zwischen ihnen sogar beenden. Seine allerletzte Chance – und er vergeigte sie. Hatten die Banken am Wochenende nicht ohnehin geschlossen? Was die Sache mit Darren anging ... sein Blick fiel auf seine bandagierten Finger. Ihn heute um mehr Lohn zu bitten, wäre die Kirsche auf der Sahnetorte seiner Dummheiten.
Wofür er sich auch entschied, seine Wahl konnte nur die falsche sein. Schließlich riss er den Zettel aus dem Block. Lass es mich nicht bereuen.
Missmutig zog er sich um. Er wählte das beste Hemd, das er besaß; was nicht bedeutete, dass es sonderlich schick war. Der oberste Knopf fehlte. Mit einer locker gebundenen Krawatte versuchte er das zu kaschieren. Auch, wenn es ihn reizte, verzichtete er auf eine zweite Dusche.
Der Weg in den Blakouv Way dauerte, vor allem zu Fuß. Kurz zog er in Erwägung, in die Notfallapotheke zu laufen, um etwas gegen die pochenden Schmerzen in seiner Hand zu unternehmen, doch die immer weiter sinkende Sonne hielt ihn davon ab.
Ivy begrüßte ihn überschwänglich am Gartentor, obwohl er zu spät kam. Sie trug ihr Haar wie eine Krone um ihr Haupt geflochten und ein leichtes Sommerkleid, das ihre Schultern entblößte. Aufgeregt plapperte und tänzelte sie immerzu, anstatt zu laufen. Nicht einmal nach dem Fahrrad fragte sie. Ihm sollte es recht sein.
Christas Vater, Timothy Morough, unterrichtete Mathematik und Geographie in der Rushden Sec und hatte ihn damals beinahe durch das Abitur fallen lassen. Das Haus seines ehemaligen Lehrers näher rücken zu sehen mit der Absicht, es zu betreten, kam ihm – abgesehen von allem anderen – falsch und verboten vor. Als eine der bestverdienenden Familien in Hedford lebten die Moroughs nicht in einem heruntergekommenen Haus, sondern in einem villenartigen Gebäude mit zwei Stockwerken. Es wirkte genauso, wie der alte Morough vor seiner Klasse gestanden hatte: steif, geradlinig und gezwungen modern.
Auf der Straße vor dem Anwesen tummelten sich die ersten Besucher. Sie standen zwischen den Autos, locker an ihre Wagen gelehnt, rauchten und tranken oder unterhielten sich. Die meisten von ihnen kleideten sich in grelle Farben und legere Outfits. Nicht wie er. Nickend und lächelnd folgte er Ivy, die ihn von Gruppe zu Gruppe zerrte. Mit beiden Händen umklammerte sie seinen Arm, als würde sie somit sichergehen wollen, dass er ihr nicht versehentlich abhandenkam. Er begrüßte Sabrina, die in einer kurzen Jeans und pinker Bluse einen ungewöhnlichen Anblick bot, und quatschte mit Sam, einem Freund von Ivy. Mit dem roten Haar entsprach er dem Klischee eines Iren – worüber er selbst und ständig scherzte. Er zwinkerte ihm zum Abschied zu. Nate blinzelte und folgte Ivy durch das Gewühl.
Sie entdeckten Tony rauchend auf der Motorhaube seines Fords. Er sprang ihnen entgegen und hob die Hand zum High-Five. Nate grinste, doch statt einzuschlagen, präsentierte er den mittlerweile fleckigen Verband.
»Oh Mann, was hast du getan?« Mit den Lippen hielt er seine Zigarette fest, um die Mullbinden zur Seite zu schieben. »Fuck!«
»Halb so wild.«
»Warst du damit beim Arzt?«
»Wie gesagt: halb so wild.« Nate bemerkte Ivys prüfenden Blick. Statt ihn zu erwidern, betrachtete er Tonys Locken. Ohne eine Cap, die sie im Zaum hielt, flogen sie wie elektrisiert um seinen Kopf. Sie zu kämmen musste einem Wrestlingkampf gleichen, so kraus und lang, wie sie waren. Tony hob die Augenbrauen. »Na, bin ich hübsch genug?«
Bevor Nate sich eine verlegene Antwort ausdenken konnte, schlichen George und Archie heran. Sie verteilten Bierflaschen unter den Leuten und versuchten, auch ihm eine anzudrehen, doch er lehnte ab.
»Ach, komm schon«, meinte Tony. »Eins wird dich nicht umbringen.«
»Dann werden es zwei und drei und vier ...«
Tony entschied sich für ein Fuller’s und prostete ihm zu. »Wann, wenn nicht heute? Cheers!«
Ivy trat ihm auf den Fuß. Zu dezent, um aufzufallen, aber zu lange, um ein Versehen zu sein. Seufzend griff er nach den braunen Flaschen, die George ihm anbot, und reichte eine an sie weiter. »Cheers.«
Archie grinste ihm zu. Mit seinem Muskelshirt und dem rotblonden Schnauzer wirkte er älter als seine neunzehn Jahre. »Lasst uns reingehen.«
Tony warf einen Blick auf die Menschengruppen, die sich in Richtung des Tors bewegten. Er nickte. »Los geht’s.«
Oh Gott. Nate nippte an seinem Bier und kämpfte gegen eine Grimasse an. Bitte lass mich das nicht bereuen.
Allem Anschein nach kannte Tony das Anwesen der Moroughs. Er führte sie durch ein offenes Foyer, zeigte ihnen die Toiletten und das Gästezimmer – »Nur für alle Fälle«, wie er mit einem Zwinkern betonte – und brachte sie in den Keller. Nate warf einen Blick auf das Wandtelefon über dem Schuhregal, als würde es klingeln, wenn er es nur lange genug anstarrte. Es geht ihr gut. Ganz bestimmt. Ivy rief nach ihm und klammerte sich an seine Hand. »Was ist denn jetzt schon wieder?«
Anstelle einer Antwort zeigte er ihr sein bestes Lächeln. Auf dem Weg nach unten hörten sie die neuesten Beats aus New York durch die Wände.
Christa Morough begrüßte sie am Fuß der Treppe, wo sie die Geburtstagsglückwünsche höflich entgegennahm, ohne eine Sekunde nicht zu lächeln. Als er vor ihr stand, fiel ihm auf, dass er kein Geschenk für sie hatte. Mit geröteten Wangen setzte er zu einer Entschuldigung an – doch Ivy rempelte ihn wie zufällig an und überreichte eine goldglänzende Geschenktüte: »Von Nate und mir!« Christa lächelte noch breiter und zeigte hinter sich auf eine Tür.
»Danke«, raunte er ihr zu.
»Sag das Tony«, zischte sie.
George ging voraus. Sie betraten einen großzügig gehaltenen Kellerraum, der nicht zu dem sonst so modernen Haus passte. Anstelle von polierten Fliesen überquerten sie Beton. Eine provisorische Bar aus Bierkästen ragte gegenüber auf, behangen mit Lichterketten und Wimpeln der Rushden Towns und Irthlingborough Diamonds. Ein Ghettoblaster befand sich neben einer Auswahl an halbvollen Colaflaschen, Sprite und Orangensaft. Dahinter stand Francis, mit seinem zurückgebundenen Haar und dem pinken Stirnband, und verteilte Whiskey quer über einer Reihe roter Plastikbecher. Lou drängte sich an ihm vorbei, um sich ein Getränk zu schnappen, und küsste ihn auf die Wange. Rap oder Hip-Hop – Nate war sich nie ganz sicher, was davon nun was war – grölte aus den Lautsprechern. Nicht seine bevorzugte Musikwahl.
Noch weniger gefiel ihm die Anzahl der Menschen. Er hatte kein Problem mit Leuten an sich. Wenn man in der Gastronomie arbeitete, konnte man es sich nicht leisten, Angst vor ihnen zu haben oder Gesprächen aus dem Weg zu gehen. Doch in diesem Gewölbe tummelten sich mehr, als im Halster’s überhaupt Platz gehabt hätten. Die Menge stimmte ihn nervös. Beinahe seine gesamte ehemalige Klasse befand sich zwischen Leuten, die er kaum bis gar nicht kannte. Er erkannte Clara und Fred und natürlich Theodor. Obwohl er tief in ein Gespräch mit Louis vertieft schien – nicht, dass man während der ratternden Verse aus dem Blaster etwas hätte verstehen können –, sah Nate sein breites, überlegenes Grinsen vor sich, das ihn an Valery erinnerte und an die Tage, an denen er Toilettenwasser schmeckte.
Ivy zog ihn mit sich. Sie arbeiteten sich durch die Tanzfläche, grüßten hier und da ein paar Leute und suchten sich einen Platz an einem der ausklappbaren Stehtische. Aus dem Aschenbecher quollen die Kippenstummel und eine klebrige Flüssigkeit, die sehr nach Ale roch, bedeckte den Großteil der Tischoberfläche. Tony verabschiedete sich, um eine Runde Drinks zu spendieren. Archie und George schlossen sich ihm an.
»Entspann dich.« Ivy musste ihre Stimme heben, damit er sie verstand.
»Ich gebe mir Mühe.«
»Wir sind hier, um Spaß zu haben, und du siehst die ganze Zeit drein, als sei jemand gestorben.«
»Ich hatte einen Scheißtag«, hätte er sagen können. Oder: »Lass mir doch Zeit zum Ankommen.« Oder: »Ich mache mir Sorgen, weil Mum sich komisch verhalten hat.« Stattdessen legte er zwei Finger seiner bandagierten Hand an die Stirn. »Aye, Miss.«
»Sei nicht immer so ein Arsch!«
»Was?«
»Du tust schon wieder, als sei alles nur ein Spiel.« Ihre Lippen zuckten. Er kannte dieses Zucken.
»Wenn es mir nicht wichtig wäre, wäre ich nicht hier.« Er erwartete, dass sie seine Hand losließ, doch sie hielt ihn nach wie vor fest. Sein Arm war zu einer Leine geworden, mit der sie sicherstellte, dass er bleiben würde.
Die Jungs kamen zurück und verteilten eingedellte Plastikbecher. »Das hier ist für unser Bienchen, was Leichtes zum Anfang, das hier ist für George, Archie und das hier, das ist ...« Tony zog eine Schnute, die wohl ein Lächeln sein sollte. »Spezialmischung für dich, Kumpel.«
»Nicht heute, danke.«
Er spitzte die Lippen. »Nur den einen.«
»Ich habe nicht mal mein Bier leer.«
»Dann wird’s Zeit. Wie willst du die Musik hier sonst ertragen?« Er steckte sich eine Zigarette zwischen die Lippen und nahm ihm die Bierflasche ab.
Nate schloss die Augen, bevor er sie verdrehte, doch er schaffte es nicht, sein Grinsen zu unterdrücken. »Ein Becher.«
»Mehr verlange ich nicht.«
»Schön.« Er nippte daran, während Tony solidarisch das Bier für ihn austrank. Das Gebräu schmeckte, wie Benzin roch, und brannte den gesamten Weg seinen Rachen hinab. »Was ist das?«
Archie und George prusteten. »Du guckst, als hättest du Pisse getrunken.«
»Eure?«
Sie lachten lauter. Nate zwang sich zu einem weiteren Schluck. Je schneller er diese Plörre leerte, desto besser. Danach würde er ganz gepflegt auf Wasser umsteigen und sich den Geschmack aus dem Mund spülen.
Ivy betrachtete ihn über den Rand ihres Bechers hinweg.
Was auch immer. Er nippte, ehe er sein Getränk kopfschüttelnd abstellte.
Zwei Minuten später hielt er den Becher wieder in der Hand. Fünf Minuten später trank er ihn aus.
Nach weiteren zehn Minuten wusste er, dass etwas nicht stimmte. Seine Sicht verschwamm. Gleichzeitig überkam ihn das Gefühl, zu fallen – seine Schuhe klebten an dem Betonboden, während sein restlicher Körper wie abgetrennt in Schwerelosigkeit wankte. Er presste die Lider zusammen. Mit geschlossenen Augen gleißten bunte Blitze durch seinen Verstand. Das Halbdunkel des Raumes begann zu glühen. In seinen Ohren wummerte sein Blut und der Bass aus dem Blaster.
»Geht’s dir gut, Mann?«
Archie fing ihn auf. Wann war er gefallen?
»Nate?« Tonys Stimme. Sie schien von überall zu kommen, von allen Seiten gleichzeitig. Er stützte sich auf Archie, der ihn dicht bei sich hielt. »Nate!«
»Wie viel hast du ihm denn gegeben?«, fragte Ivy.
»Nur ein bisschen ...«, murmelte Tony.
»Du hast ihm was gegeben?«, fragte George.
»Nur ein bisschen Liquid X, nichts Schlimm... «
»Bist du bescheuert?!«
»Hey ...« Ivys Stimme überlagerte die anderen. »Gleich geht’s dir besser. Versprochen.«
Sein Herz raste. Jedes Pumpen dröhnte in seinem Ohr. Schwer atmend lehnte er sich an die Schulter, die ihn stützte, und versuchte, nicht in Tränen auszubrechen. Alles wird gut. Es ist gleich vorbei. Dann dachte er plötzlich, dass Archies Aftershave ziemlich angenehm roch. Ein bisschen wie hochprozentiges Sandelholz. George und Tony diskutierten. Ivy nahm seine Hand. Unangenehm berührt entzog er sich ihr und umschlang sich mit den Armen. Archies Finger krallten sich unter seine Achselhöhle.
Ob nach zwei Minuten oder zwanzig konnte er nicht sagen, aber sein Atem beruhigte sich. Anstatt gleichzeitig zu fliegen und zu fallen, schnellte er zurück in seinen Körper, taumelte und war einmal mehr froh darüber, dass Archie ihn hielt. Er blinzelte. Der Raum zoomte an ihn heran und sprang wieder nach außen. Tony war da. Er fragte ihn, ob ihm übel wäre oder ob er frische Luft brauchte. Seine Augenbrauen waren dicht zusammengezogen. Sie berührten sich fast, wie zwei kleine, schwarze Fäuste, die aufeinander zustrebten.
Der Anblick brachte ihn zum Lachen. Nate wusste nicht, weshalb er lachte, aber es befreite die Enge in seiner Brust. Er klopfte Archie auf die Schulter, als er sich löste, und grinste über den Ausdruck auf dessen Gesicht.
Tonys Stirn glättete sich. »Willkommen an Bord«, sagte er. Es verschwand unter dem Trommeln der Musik.
Die Musik.
Sie lag über allem. Ein kräftiges Wumm-Wumm-Wumm. Rasend schnell wie sein Herz, wie der Rhythmus, mit dem das Blut durch seinen Körper pumpte. Er wollte sie berühren, diese Musik. Also hakte er sich bei Tony ein und nahm ihn mit zwischen all diese Menschen, die genau das fühlten, was er fühlte, sich zu dem Bass bewegten, der ihn bewegte. Er verlor Tony in dem Gewühl, aber es war nicht schlimm. Leute, die er vom Sehen kannte, quatschten ihn an und er quatschte zurück. Meistens erschloss sich ihm nicht, was sie sagten. Wenn sie lachten, lachte er mit. Von allen Seiten drängten Menschen auf ihn ein, ihre Körper stießen an seinen, ihm wurde zunehmend heißer und er verstand nichts mehr. Nate ertaubte für alles außer dem Beat.
Ivy tauchte vor ihm auf, zog ihn an seiner Krawatte zu sich heran und verschloss seinen Mund mit dem ihren. Sie schmeckte nach Bier und Zigaretten. Sie küssten sich, bis er das Gefühl hatte, keine Luft mehr zu bekommen – dann erst ließ sie von ihm ab. Eine Frage. Er verstand sie nicht. Also küsste sie ihn wieder, bis er beinahe an ihr erstickte. Tony kam zurück und drückte ihm einen Becher in die Hand, ehe er zu tanzen begann, direkt neben ihm. Als er schwitzte, zog er sich sein Shirt – ein hellgelbes Culture Club-Shirt mit Boy Georges geschminktem Gesicht – über den Kopf und enthüllte Haut, so viel Haut. Im Halbdunkel spiegelte sie das Licht, als wäre sie geölt. Nate wollte ihn berühren. Er wollte fühlen, wie diese Haut unter seinen Fingern dahinglitt. Oder an seiner, blasseren, helleren Haut. An ihm. Gott, nie zuvor hatte er sowas gefühlt. Sein Atem ging zitternd, während er ihn beim Tanzen beobachtete. Das Lächeln, zu dem er seine Lippen formte, wenn er Zigarettenrauch ausstieß. Die Art, wie seine Hüften sich bewegten, wenn er sich dem Rhythmus beugte.
Wumm-Wumm-Wumm.
Er streckte die Hand aus. Tony hielt ihm seine Zigarette entgegen. Eine Welle von Schaudern übergoss seinen Körper, als er danach griff und daran zog und bemerkte, wie Tony ihn dabei nicht aus den Augen ließ.
Ivy zerrte ihn wieder zu sich. Ihre Zunge spielte mit seiner. Dabei wanderten ihre Hände seinen Nacken hinab. Seinen Hals. Forschend. Suchend. Tiefer. Sie fand die Stelle zwischen seinen Beinen, an der es pochte, und griff zu.
Die Musik war so laut in seinem Blut.
Er trank noch einen Becher. Und noch einen. Menschen verschwammen vor seinen Augen, bis er sich nicht mehr sicher war, wen er anstarrte, mit wem er sprach oder mit wem er tanzte. Es könnte Ivy sein, aber auch Tony oder George oder Keen oder Theodor oder Sabrina oder Darren oder Archie, der ihn die Kellertreppe hochzerrte, um mit ihm an die frische Luft zu gehen. Er hatte sich übergeben, aber ihm war nicht übel. Draußen plumpste er ins Gras und blieb liegen. Gras. Es drückte durch sein Hemd, taufeucht und noch warm vom Tag.
Vielleicht schlief er, vielleicht träumte er. Irgendwann richtete er sich auf und zog an der Zigarette, die Tony ihm anbot. Seine Finger berührten ihn. An den Lippen. Am Kinn. Ivy setzte sich auf seinen Schoß, streichelte sein Haar, dann seine Wangen.
Er wollte ihn küssen. Er küsste sie.
Plötzlich schoss die Übelkeit in ihm hoch.
Tony klopfte ihm auf dem Rücken. »Bringen wir dich nach Hause«, sagte er. Oder sagte er: »Wir bringen dich zu ihr nach Hause«? Oder sogar: »Bringen wir dich zu mir nach Hause«?
Warum redete er überhaupt?
Die Welt verschwamm. In einem Moment fand er sich in einem Auto wieder, das ihm bekannt vorkam, dann auf einer Straße, die ihn nicht willkommen hieß. Tony war verschwunden, der Wagen ebenso. Ivy hielt seine Hand. Mühsam kämpfte er sich irgendwelche Treppen hoch, die er nicht kannte. Archie packte ihn nicht mehr, als ihm schwindelig wurde, und Ivy fluchte. Dann landete er auf etwas Weichem, einer Decke, einem Kissen, einem Bett. Sie legte sich zu ihm, doch jetzt war sie nackt. Er bedeckte sie mit raschelndem Stoff. Auch deshalb schimpfte sie.
Wann hatte er sich ausgezogen? Kalte Finger glitten über seine Brust, seinen Bauch, doch er mochte sie nicht leiden. Die Musik fehlte. Das Dröhnen, das seinen Herzschlag übertönte, das Gefühl der Hitze, das Flattern in seiner Brust.
Ivy kam über ihn.
»Nein«, wollte er sagen. Vielleicht tat er es. Vielleicht nicht.
Sie küsste seine Wangen. Er wandte den Kopf ab. Ihre Zähne knabberten in seiner Halsbeuge. Eine Gänsehaut überzog seinen Körper. Ivy rückte an ihm hinab. Mit ihren Lippen erforschte sie seine Haut. Immer wieder warf sie ihm einen Blick zu. Darin lag ein Hunger, der ihm Angst einjagte.
»Nein«, wollte er sagen.
Ihr Speichel kühlte seine Lenden. Ihre Hand legte sich auf seinen Oberschenkel, schob ihn zur Seite, streichelte ihn, kratzte ihn. Sie küsste seine Eichel, öffnete ihre Lippen …
Eilig zog er die Beine an. Er rutschte von ihr weg und bedeckte sich mit den Armen. Ihm entkam ein Wimmern. »Mir ist schlecht«, brachte er hervor. Zumindest etwas in der Art. Sie verstand es, denn plötzlich hielt sie einen Mülleimer in der Hand.
Danach stieg sie mit dem Rücken zu ihm ins Bett.
Er wickelte sich komplett in ihre Decken ein und versuchte, zu schlafen. Sobald sie sich bewegte, krümmte er sich weiter zusammen, wusste nicht, ob er gehen, bleiben oder einfach nur schlafen sollte. Der Stoff lag auf seiner Haut wie ihre Finger zuvor. Er konnte sich nicht mehr kleiner machen. Vor ihm wirbelten Gestalten in der Dunkelheit. Eine Straßenlaterne rötete Ivys Kleid, ließ es brennen und schweben. Zusammengeknüllt lag es auf dem Boden und warf Falten, in denen Schatten umherkrochen wie Würmer.
Wenn er aufwachte, mit einem pelzigen Geschmack auf der Zunge und dem Gefühl von Scham und Schmutz, der sich mit keinem Wasser der Welt abspülen ließ, in fremden, durchgeschwitzten Laken und unter den Augen einer jungen Frau, die ihn nie nackt hätte sehen sollen ... wenn er aufwachte, würde er sich nur noch wünschen, nach Hause gegangen zu sein.
2
Die Scheibe des Zugfensters schien seit Wochen nicht mehr geputzt worden zu sein. Trist und grau erlaubte sie ihm einen Blick hinaus. Bis nach Shrewsbury dauerte es noch zwei Stunden. Bis nach Dwellton, einer kleinen Gemeinde am Rande der Shropshire Hills, noch einmal eine Stunde länger.
Sein einziger Sitzpartner war sein Reiserucksack auf dem Platz gegenüber. Der blaue Ärmel seines Lieblingspullovers ragte daraus hervor, ebenso die Kapuze seiner Jacke und der Zipfel einer Karte, die er nicht mehr ordentlich zusammengefaltet bekam. Darin steckten, neben seinen Klamotten, ein Notgroschen, ein Zugticket und die Besitzurkunden zweier Häuser in besagtem Dorf.
Nicht einmal sein Fahrrad hatte sie ihm gelassen.
Mit dem Handrücken wischte er sich über das Gesicht. Nate beobachtete die Landschaft, ohne sie wirklich wahrzunehmen. Er saß und saß und saß und versuchte, sich mit seinem Schicksal abzufinden. Seit dem Umstieg in Birmingham veränderte sich die Umgebung wieder auf eine Weise, die ihm bekannt vorkam. Das Land vergaß die Städte. Hügel durchbrachen die glattgegrabenen Felder. Anstatt stur geradeaus folgten die Gleise dem Lauf der Natur, schlängelten sich wie Flüsse durch Wälder. Bei jedem See, der vor ihm auftauchte, hätte er gerne angehalten und sich hineingestürzt. Manche zogen rasend schnell an ihm vorbei, andere krochen auf ihn zu, wuchsen und wuchsen, blaugraue Risse in grünen Fassaden, bis sie vor ihm lagen. Mit dem Pfeifen und Ächzen des Zuges verschwanden sie und hinterließen eine sumpfige Leere.
Die Abteiltür bewegte sich zischend. »Guten Tag, meine Damen und Herr... oh. Hey, Junge. Deine Fahrkarte bitte.«
Nate grub in seinem Rucksack, bis er das Ticket zwischen den Fingern hielt. Zweimal geknipst befand es sich nicht gerade in einem wundervollen Zustand, aber so passte es zu ihm. Wortlos reichte er es weiter.
Der Mann in dem blauschwarzen Anzug zückte seine Zange und räusperte sich. »Keine Rückfahrt?«
Nate schüttelte den Kopf.
»Sag mal, Junge ... bist du ganz allein?«
»Ich bin zweiundzwanzig Jahre alt, Mister.« Seine Stimme klang verbraucht und angeschlagen. Seit Stunden hatte er geschwiegen. Es hatte keinen Grund gegeben, zu sprechen.
»Das ist trotzdem eine verdammt weite Strecke für so ’nen jungen Burschen wie dich.«
Er zuckte mit den Schultern.
»Weiß deine Mutter, dass du unterwegs bist?«
»Mhm.«
Ein Seufzen. »Ist es in Ordnung, wenn ich mich einen Moment setze?«
»Ja, natürlich.«
Neben seinem Rucksack ließ sich der Mann mittleren Alters sinken, dessen Haupthaar am Hinterkopf schütter zu werden begann. »Wie heißt du denn?«
»Nathaniel. Steht auf dem Ticket.«
Er nickte. »Hier, deine Karte, Mr. Alglow.« Das Glow zog er absichtlich in die Länge.
Nate nahm sie schnaubend an sich.
»Wirklich strahlen tust du aber nicht.«
»Nicht so mein Tag.«
»Na schön.« Der Kontrolleur streckte ihm seine Hand entgegen. »Jacob.«
»Hi, Jacob.« Er schlug ein, bereute es aber sofort. Mit einem unterdrückten Schmerzenslaut zog er seine Hand zurück.
»Oh, sorry. Das habe ich gar nicht gesehen.«
»Nicht so schlimm.«
»Was ist passiert?«
»Ach …«, meinte er, während er vorsichtig den Verband zurechtrückte, »... nur ein Messer.« Auf Jacobs gehobene Augenbrauen hin fügte er hinzu: »Ich arbeite als ... ich habe als Kellner gearbeitet.«
»Hör zu, Nate – Nate ist doch in Ordnung, oder? – Du siehst entweder aus wie jemand, der vor der Polizei flüchtet oder wie jemand, dem sie hätte helfen sollen.«
Er hob die Schultern. »Hab’ schon Schlimmeres gehört.«
»Zum Beispiel?«
»Dass du dich überhaupt traust, hier nochmal aufzuschlagen!«, schrie sie. »Du widerst mich an!«
»Ja«, sagte Marcus. »Absolut ekelerregend.«
»Schon gut.«
»Du bist also ein Ausreißer, ja?«
»Quasi.«
»Nathaniel?«, hatte Mum gefragt. »Wo warst du? Ich habe dich angerufen, aber …«
»Eigentlich wurde ich rausgeworfen.«
»Rausgeworfen? Mit zweiundzwanzig?«
»Es gibt wohl keinen passenden Zeitpunkt, um ...« Den einzigen Menschen im Stich zu lassen, der blind auf einen angewiesen ist. »... ordentlich Mist zu bauen.«
»Ach? Was hast du angestellt?«
»Feiern, Mum!«
»Wie ein richtiger Versager.«
»Getrunken.«
»Nathaniel, ist das wahr?«
»Gelogen.«
»Und damit nicht genug.« Valery brauchte nicht weiter zu sprechen. Er wusste es. Er wusste, was sie aus ihrer Tasche kramte, er wusste, was sie auf den Tisch donnerte, er wusste es.
»Nathaniel, wie konntest du nur?«
»Schulden gemacht.«
»Nathaniel ... wieso sagst du nichts?«
»Weil es stimmt, Mum! Er sagt nichts, weil es stimmt!«
Jacob lehnte sich mit einem Brummen zurück. »Klingt für mich nach einem ziemlich durchschnittlichen jungen Mann.«
»Oh nein.«
»Wo ist der Haken?«
»Hab’s verdient.«
Sein zweites Grollen klang wesentlich tiefer. »Du hast es verdient, in einem Zug zu sitzen, der dich über fünf Stunden weit weg von Zuhause bringt, weil du gelogen hast?«
Nate nickte und starrte auf seine Hände.
»Ging’s um deine besten Drogendeals?«
»So in etwa.«
»Oh, Mr. Alglow hier hat also doch eine dunkle Seite.« Jacob lachte leise. »Gehst du auf Entzug?«
»Was? Gott, nein.«
»Wohin willst du dann?«
»Was kümmert’s dich?«
Jacob kratzte sich an seinem Haarkranz. Ein unterdrücktes Seufzen schmälerte seine Lippen. »Mein Sohn ist so alt wie du«, begann er. »Er geht zur Uni. Oxford. Großes Ding, weißt du? Meine Frau und ich waren so stolz darauf, dass er zugelassen wurde. Aber wir verdienen nicht genug, um ihm ein Appartement und die Gebühren zu bezahlen. Also lebt er Zuhause. Theoretisch.« Als er aufblickte, schenkte er ihm ein schräges Lächeln. »Wir streiten, oft sogar. Wegen jedem Mist. Letztens hat seine Mutter ihm vorgeworfen, dass er nach seinen Partys schlimmer stinkt als unser Golden Retriever nach einem Schlammbad.«
Nate atmete erheitert auf.
»Manchmal kommt er tagelang nicht zurück. Meine größte Angst ist es, ihn eines Tages in einem meiner Züge zu finden ...«, er wies auf den Rucksack, »... mit gepackten Taschen«, dann auf die Karte in seiner Hand, »... und einem One-Way-Ticket.«
»Ich glaube nicht, dass er einen deiner Züge nehmen würde.«
»Oh, das glaube ich auch. Was es schlimmer macht. Stell dir nur vor, er sitzt ganz allein in einem Abteil. Hat Angst vor Zuhause und vor der Zukunft noch mehr. Alles, was er bräuchte, wäre jemand, der ihm ein bisschen Zeit und Verständnis schenkt, und schon steigt er am nächsten Bahnhof aus und fährt wieder zurück. Ich werde dann nicht da sein, um mit ihm zu sprechen. Aber möglicherweise ...«
»Und wenn er dich vorher so enttäuscht hat, dass du ihn rausgeworfen hast?«
Jacob hob seine Brauen. »Ich bezweifle, dass er das könnte. Er hat schließlich niemanden umgebracht, oder?«
»Nein, natürlich nicht.«
Er machte eine wegwerfende Handbewegung. »Scheint alles verzeihbar zu sein.«
Nate kämpfte sich ein Lächeln ab. »Danke.«
»Wo steigst du um?«
»In Shrewsbury.«
»Ich kann für dich nachsehen, wann es wieder zurück geht.«
Nates Kopfschütteln schien ihn zu enttäuschen. »Es wird eine Weile dauern, bis ich nach Hause zurück kann.«
»Egal, wie sauer deine Eltern sind, ich kann mir nicht vorstellen, dass sie dich wegschicken würden.«
Nate schwieg für einen Moment. »Ich überlege es mir.«
»Das gefällt mir schon besser.« Er erhob sich ächzend aus seinem Sitz. »Wenn du mich brauchst, findest du mich vorne beim Zugführer. Pass auf dich auf, Nate. Die Welt ist kein schöner Ort. Vor allem nicht allein.«
»Danke, Jacob.«
Die restliche Fahrt verbrachte er mit einem vorsichtigen Lächeln im Gesicht.
