Ethendi - Der dunkle Pakt - Michael S. V. Preis - E-Book

Ethendi - Der dunkle Pakt E-Book

Michael S. V. Preis

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Beschreibung

Der langjährige Krieg zwischen dem Westlichen Königreich und dem Inneren Reich scheint beendet. Doch der wackelige Frieden, den Elgorath im Begriff ist auszuhandeln, wird erneut auf die Probe gestellt. Verbliebene Parteien sowie neue Kräfte ringen um die Vorherrschaft. Zudem wirft eine längst vergessene Bedrohung ihre düsteren Schatten auf Neliah und Thamion. Und wie ist all dies mit Twingle und der geheimnisvollen Kraft der Ethendi verbunden? Auch der zweite Band von „Ethendi“ besticht einmal mehr durch eine mystische und düstere Geschichte, die sich nicht an gängigen Klischees orientiert, sondern eine realistische Fantasy-Welt erschafft. Dabei bleibt sich Michael S.V. Preis treu und entwickelt das von ihm erschaffene Universum mit authentischen Charakteren weiter. Er verwebt die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft seiner Protagonisten erzählerisch und spannend zu einem Gesamtwerk, das es sich zu entdecken lohnt.

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Veröffentlichungsjahr: 2018

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Der Autor

Der Wunsch etwas eigenes zu Schaffen, begleitet mich schon sehr lange. Bereits im Kindesalter habe ich Geschichten ersonnen und sie für meine Freunde erlebbar gemacht. Das Spielen und Erfahren erdachter Geschichten hat mich immer beflügelt. Auch wenn Actionfiguren oder der Spielplatz im Laufe des Älterwerdens wichen, entwickelten sich andere Formen, diesen kreativen Gedanken Raum zu geben. So begleiteten mich viele Jahre gute Freunde auf den Reisen in fremde Welten beim Pen&Paper-Rollenspiel. Doch auch dort war es immer der Drang, eigene Geschichten zu erzählen, der mich antrieb. Bereits früh entwickelte ich eigene Welten, Regeln und Erzählungen. Egal auf was ich in meinem Leben zurückblicke, so hatte ich immer diesen Antrieb, Dinge nicht als gegeben hinzunehmen, sondern sie zu verbessern, nachzuempfinden und schlussendlich meine eigenen Ideen zu verwirklichen. So auch mit meinen Büchern. Ich werde gerne gefragt, welche Vorbilder ich habe. Doch darauf kann ich keine genaue Antwort geben - denn letztlich ist alles was man liest, sieht oder hört etwas, das die eigene Persönlichkeit und Art und Weise des Schreibens prägt.

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Michael S.V. Preis

Ethendi

Der dunkle Pakt

Roman

Meine liebe Frau, auch wenn wir uns manchmal in den Wahnsinn treiben, du und der Kurze – ihr seid mein Leben!

1. Auflage 12/2018

Copyright © 2018 by Michael S.V. Preis

Copyright © 2018 der ungekürzten Lizensausgabe

1. Auflage, ET 4. Quartal 2018

Verlag / Herausgeber

Projekt VielSeitig – Sieger GbRMichael Sieger (verantwortlich)

Grund 3, 42653 Solingen

Telefon: 0212/2535421-5

E-Mail: [email protected]

Lektorat:

Katharina Zwilling

Illustrationen:Cover: Anastassia Schitz (Cottony Art) Auftakt-Bilder: Inga SemisowWeltkarte: Holger »Meckerdrache« Jagow

Druck und Bindung:

STANDARTŲ SPAUSTUVE, Dariaus ir Girėno Str. 3902189 Vilnius, Litauen

ISBN: 978-3-945310-15-1

www.ethendi.de

www.projekt-vielseitig.de

Vorwort

Liebe Leserinnen und Leser,

da sind wir wieder. Mittlerweile sind beinahe acht Jahre ins Land gezogen, seitdem ich das Vorwort zum ersten Ethendi-Roman geschrieben habe.

Acht Jahre! Eine wahnsinnige Zeitspanne, in der so vieles geschehen ist. In der sich mein Leben und sicherlich auch eures weiterentwickelt und in verschiedenster Hinsicht verändert hat.

Dabei haben die Arbeiten am zweiten Roman bereits sehr früh begonnen. Nachdem der erste Band 2011 in seiner ursprünglichen Fassung erschienen war und die Überarbeitung 2012 für die Neuauflage bei Projekt VielSeitig lief, begann ich bereits mit der Planung und Konzeption der Fortsetzung und dem Schreiben der ersten Kapitel. Als ich Ende 2013 den Erfolg vermelden konnte, dass ich mit dem ersten Schreibdurchgang abschließen konnte, war mir nicht bewusst, dass bis zum tatsächlichen Erscheinen von „Ethendi – Der dunkle Pakt“ doch noch ein so langer Weg folgen würde.

Die wohl größte und bedeutendste Veränderung trat 2015 in mein Leben und bereichert dieses bis heute. Mein Sohn wurde geboren. Ein Moment, in dem die Welt innehält und alles andere vergessen ist. In dem nur noch dieses kleine neue Leben zählt, welches jedes andere Projekt in den Hintergrund rückt. Zudem hatten meine Frau und ich uns kurz vor der Schwangerschaft dazu entschieden den Schritt zu wagen, uns ein kleines Stückchen Freiheit mit unserem eigenen Haus zu ermöglichen. So kam dann vieles zusammen: Renovierungen, unser kleiner Sonnenschein – der bis heute alles lieber tut als zu schlafen – und natürlich auch der alltägliche Wahnsinn im Berufsleben.

Alles Umstände, die dazu führten, dass mein Autorendasein für einen beinahe zwei Jahre andauernden Zeitraum kaum noch existent war.

Letztlich ist aber das Wie und Warum egal – denn es ist geschafft! Ihr haltet den zweiten Band endlich in den Händen – und das macht mich unheimlich stolz. Und damit meine ich nicht einmal das überwältigende Gefühl, erneut ein eigenes Werk zu vollenden, sondern vielmehr bringe ich großen Dank auch euch entgegen, die ihr so lange warten musstet. Euer stetiges Feedback, sei es in den Sozialen Medien, auf Messen, bei Lesungen oder Vorführungen, es hat mir immer wieder die nötige Motivation gebracht, weiter zu schreiben. Und auch jetzt, nach so langer Zeit seid ihr noch da, und ich freue mich, euch endlich an dieser Geschichte weiter teilhaben zu lassen, die mich selbst bereits so lange begleitet.

An diese Stelle nutze ich diese Zeilen natürlich auch einmal mehr, um mich bei den Menschen zu bedanken, die mich bei diesem Buchprojekt unterstützt haben. Hier möchte ich mich an erster Stelle bei meinen beiden Testleserinnen Maike und Berna bedanken, die mir bereits zu einem frühen Zeitpunkt ein ausführliches Feedback gegeben haben, wodurch ich an vielen Stellen nachjustieren und Verbesserungen einbauen konnte.

Darüber hinaus geht ein sehr großes Lob an meine Lektorin Kata, die sicherlich nicht immer mit mir einer Meinung ist, aber doch an so mancher Stelle den Finger auf die Wunde legt und mir klarmacht, wo und wie ich noch Änderungen einbauen muss.

Natürlich sind auch wieder meine kreativen Begleiter zu nennen, die das Buch illustriert und ihm seine persönliche Note verliehen haben. Ich bin froh, auch in diesem Band wieder Inga an meiner Seite zu wissen, die zu jedem der drei Akte erneut ein tolles Bild angefertigt hat.

Holger, auch an dich ein ganz besonderer Dank – die erweiterte Weltkarte besitzt wieder einen ganz besonderen Charme mit viel Liebe zum Detail. Es ist schön, auch nach so langer Zeit noch einen guten Freund in dir zu wissen.

An dieser Stelle muss ich noch einmal etwas ausholen. Das Cover von „Ethendi – die Runenkriege“ hat sich in den letzten Jahren bereits einmal verändert. Damals war es eine Entscheidung, die darauf beruhte, dass ein Verlagswechsel stattfand. Doch hundert Prozent glücklich war ich mit diesem Entschluss nie. Daher habe ich gemeinsam mit meinem Verlag beschlossen, Ethendi ein hoffentlich letztes und finales Mal in ein neues Gewand zu hüllen. Und hier haben wir mit Stassia (Cottony Art) die perfekte Unterstützung gefunden. Sie hat dem Buch mit ihrer fantastischen Illustration und Neuinterpretation des Ethendi-Schriftzugs einen individuellen Charme verliehen.

Auch dieses Mal ist es mir ein großes Anliegen, meiner Mutter von Herzen zu danken. Einmal mehr hat sie sich die Zeit genommen, alle Texte noch einmal mit mir durchzugehen und mir mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Doch damit nicht genug, denn auch sonst unterstützt sie unsere kleine Familie, wo sie nur kann. Danke, dass du mir eine so tolle Mutter und deinem Enkel eine fürsorgliche Oma bist.

Doch genug der Danksagungen – ich schätze, es wird Zeit, euch endlich weiterziehen zu lassen, um in das nächste große Kapitel der Ethendi-Saga einzutauchen. Ich habe vor vielen Jahren einmal geschrieben, dass es Dinge geben wird, die sich weiterentwickelt haben, die ich heute anders schreiben würde als noch vor acht Jahren. Und sicherlich trifft diese Aussage heute zu. Denn wie am Anfang erwähnt hat sich so vieles in diesem Zeitraum verändert und weiterentwickelt. Ich würde sagen, ich bin ein Stückweit erwachsener geworden (auch, wenn ich dies wohl niemals vollkommen sein werde) und somit sind meine Texte dies auch. Und doch gilt, wie auch damals, ich würde es nicht ändern wollen. Denn das ist meine Entwicklung, mein Werdegang und so soll es bleiben.

Und jetzt wünsche ich euch viel Spaß!

Wir lesen uns.

Euer Michael S.V. Preis

Was bisher geschah...

Der sechzehnjährige Athul lebt bei seinem Großvater in einem Dorf am Meer. Während eines Ausflugs gelangt er in den Besitz eines Steins. Der unscheinbar wirkende Gegenstand entpuppt sich als ein altes Relikt mit ungeahnten Kräften. Ein Fremder namens Elgorath taucht im Dorf auf, warnt Athul vor der Macht des Steins und erzählt ihm von der Ethendi, einer unsichtbaren Kraft. Doch Athul ignoriert diese Warnung. Bei einem Ausflug mit einem Freund und seiner heimlichen Liebe Neliah kommt es zu einem Umfall und der Freund findet den Tod. Der Vater des verstorbenen Jungen macht Athul für die Geschehnisse verantwortlich. In seiner Verzweiflung verteidigt sich Athul erneut mit dem Stein und tötet dabei auch den Vater. Hin und hergerissen zwischen Macht und Schuld legt er den Stein beiseite. Erst als ein Streit mit Neliah entfacht und ein neuer Freund Eifersucht in ihm weckt, nimmt er den Stein wieder an sich. Athul gerät in einen Konflikt mit seinem Großvater, in welchem auch dieser das Leben verliert. Voller Panik, Angst und Schuld flüchtet Athul aus seinem Dorf.

Viele Jahre vergehen. Die Macht des Steins wächst und die Kraft der Runen, der Ethendi, wird stärker. Ein neuer Herrscher stürzt das Land in den Krieg, vernichtet das Südliche Reich und gründet das Innere Reich. Lediglich das westliche Königreich leistete Widerstand und gab sich nicht geschlagen.

Elgorath gründet einen Rat, mit dessen Unterstützung er die Nutzung der Runen einschränken will. Doch die Mitglieder sind schwach, und so muss er diese Aufgabe in die eigenen Hände nehmen. Er trifft schließlich auf Twingle, den missgebildeten Diener des Herrschers, welcher Elgorath zu seinem Herrn bringt. Während des Treffens erfährt Elgorath, dass der Herrscher auf der Suche nach einem Dorf ist, welches ihm fortwährend in seinen Träumen erscheint. Er gibt Elgorath den Befehl, dieses zu finden und zu zerstören. Elgorath, entsetzt von den Plänen des Herrschers, kehrt dem Inneren Reich den Rücken zu und reist, da ihm das beschriebene Dorf bekannt ist, direkt dorthin, um die Bewohner vor einem grausamen Schicksal zu bewahren. Dort angekommen trifft er auf Neliah, die inzwischen geheiratet hat. Der Herrscher, wohlwissentlich, hatte zuvor jedoch einen seiner engsten Vertrauten, den Kommandanten, auf Elgoraths Fährte angesetzt. Bei dem Versuch, Elgorath zu stellen, tötet der Kommandant Neliahs Mann. Elgorath und Neliah gelingt es zu fliehen. Während der Flucht erfährt Neliah vom Inneren Reich und dessen Herrscher, außerdem weiht Elgorath sie in sein Wissen um die Ethendi ein. Die beiden verstecken sich in der Höhle, in welcher Elgorath einst auch auf Athul traf, nachdem dieser aus seinem Fischerdorf geflohen war. Im Inneren der Höhle entdecken Elgorath und Neliah alte Runenzeichnungen an den Wänden. Neliah spürt eine Verbundenheit mit den mystischen Symbolen, empfindet gleichzeitig aber auch Angst. Nachdem Elgorath von den Bewohnern der Höhle überrascht und schwer verwundet wird, gelingt es Neliah, mit ihm zu entkommen. Die beiden treffen bald darauf auf das Volk der Alimanten, hochgewachsene, menschenähnliche Wesen mit breiten Flügeln, die sie mit in ihre Stadt in den Bergen nehmen. Neliah lernt dort Thamion kennen, einen jungen Soldaten, mit dessen Hilfe sie die Höhlenwesen töten soll, um einen Weg zu finden, den noch immer verwundeten Elgorath zu retten.

Währenddessen beginnt der Herrscher gnadenlos alle umliegenden Dörfer anzugreifen, da er ohne Elgoraths Hilfe das Dorf aus seinem Traum nicht finden kann. Twingle kann verhindern, dass sein Herr für diesen wahnsinnigen Plan sämtliche Truppen von der Front abzieht, was eine Niederlage im Krieg gegen das westliche Königreich zur Folge hätte. Hierzu ersinnt Twingle einen raffinierten Plan, bei dem er den amtierenden Heerführer seinem Herrn als Opfer präsentiert, woraufhin der Herrscher den Heerführer vor den Augen seiner Soldaten mit der Macht des Steins tötet.

Unruhen innerhalb des Heers auf Grund der immer radikaleren Befehle entstehen und es kommt zu einem Aufstand. Zusätzlich wird dieser von einem Fremden geschürt, der den Offizieren verspricht, ihnen einen neuen Herrscher zu präsentieren. Mit Twingles Hilfe kann der alte Herrscher rechtzeitig fliehen und wird so vor einem Attentat bewahrt. Während seiner Flucht verliert der Herrscher den Stein, der die bisherige Quelle seiner Macht darstellte, und es wird klar, dass es sich bei dem Tyrannen um den mittlerweile erwachsen gewordenen Athul handelt. Orientierungslos läuft dieser unbewusst zurück zu den Höhlen, aus deren Tiefe sich die bösartigen Wesen inzwischen befreien konnten. Neliah und Thamion erreichen die Höhle ebenfalls, machen die Wesen ausfindig und es kommt zum Kampf. Es gelingt ihnen, die Wesen zu töten. Trotz der jahrelangen Trennung erkennt Neliah sofort den dort verletzt am Boden liegenden Athul und geleitet ihn zu den Alimanten. Aufgrund seiner Vergangenheit wird Athul dort zunächst eingesperrt.

Elgorath kann geheilt werden. Er nimmt an den Ratssitzungen der Alimanten teil und auf sein Bitten hin wird Athul freigelassen. Dieser beginnt, sich mit Neliahs Hilfe an sein altes Leben zu erinnern. Mittels eines alten Spiegels aus den Kammern der Alimanten verschmelzen Athul und Neliah für einen Augenblick mit der reinen Ethendi. So trifft Athul auch auf seinen verstorbenen Großvater, der ihm verzeiht und ihn bittet, wieder auf den rechten Weg zurückzukehren. Neliah beginnt zu begreifen, dass Athul und sie eine besondere Verbindung zur Ethendi besitzen und dass ihre gemeinsame Verbundenheit kein Zufall ist. Kurz darauf wird den beiden offenbart, dass sich ein neuer Herrscher im Inneren Reich erhoben hat, dessen Ziel es ist, alles Leben mit der Macht der Ethendi zu unterwerfen. Gemeinsam mit den Alimanten begeben sich Athul und Neliah zur Festung, um den neuen Herrscher zu stürzen. Elgorath hingegen zieht es nach Westen. Dort will er die Hilfe des freien Königreichs für den bevorstehenden Kampf erbitten.

Währenddessen wird Twingle vom neuen Herrscher gefangen genommen. Durch eine List kann er entkommen und trifft auf den Kommandanten, der sich dem neuen Herrscher entsagt hat. Die beiden verbünden sich und beschließen ebenfalls, den unrechtmäßigen Throninhaber zu stürzen. Gemeinsam reisen sie ins Innere Reich, wo sie auf einen hilfsbereiten jungen Soldaten treffen. Sie gelangen in die Festung, doch der Weg zum Herrscher wird von dessen Diener versperrt. In einem verzweifelten Kampf kommen der Kommandant und der Soldat ums Leben, Twingle jedoch gelingt es, den Diener zu töten. Zur gleichen Zeit treffen Neliah, Athul, Thamion und die Armee der Alimanten in der Festung ein. Die daraufhin entbrennende Schlacht wird durch die Ankunft Elgoraths und der verbündeten Streitkräfte aus dem Westen siegreich entschieden. Neliah, Athul und Elgorath dringen ins Innere der Festung ein und begeben sich in die Gemächer des neuen Herrschers. Dieser hat seinen Körper mit Runen entstellt, die er tief in seine Haut geschnitten hat, um vollkommen mit der Ethendi zu verschmelzen. Es entbrennt ein ungleicher Kampf, bei dem Athul tödlich verwundet wird. Neliah gelingt es, durch ihre Verbindung mit der Ethendi die Schriftzeichen auf dem Körper des Herrschers gegen ihn zu benutzen und ihn zu töten.

Die Alimanten nehmen ihre Verhandlungen mit den Völkern wieder auf, in der Hoffnung, neuen Frieden herzustellen. Neliah hingegen reist mit Elgorath an ihrer Seite zurück in ihr Heimatdorf, um Athul dort zu begraben. Da es aber nichts mehr gibt, was sie hier halten kann, beschließt sie, in die Stadt der Alimanten zurückzukehren, wo sie erneut auf Thamion trifft, für den sie seit den vergangenen Erlebnissen eine tiefe freundschaftliche Zuneigung empfindet.

Prolog

Schwärze. Unendliche Leere.

Die Gedanken des jungen Mannes waren vollkommen erloschen. Die Angst war einer tauben Gleichgültigkeit gewichen. Seine anfänglichen Versuche, dem Grauen zu entgehen, waren nicht viel mehr als sinnlose Bemühungen gewesen. Auch der Wunsch, endlich sterben zu dürfen, hatte keinerlei Bedeutung mehr. Einfach nichts schien mehr von Bedeutung.

Das Surren in der Luft verriet das Herannahen einer neuerlichen schmerzhaften Welle aus Energie. Doch auch das hatte keine Bedeutung. Es schien eine Ewigkeit vergangen, seitdem es begonnen hatte. Die Wellen, die er anfänglich zählte, in der Hoffnung sie mögen ein Ende finden, waren nunmehr so oft an ihm vorbeigezogen, dass er es nicht zu sagen vermochte, wie viele er bereits ertragen hatte.

Zunächst zaghaft, dann immer wilder rissen Blitze grelle Löcher in das Dunkel. Die gewaltige, sich in feinen Verästelungen ausbreitende Energie, gab für wenige Lidschläge das Preis, was im unendlichen Schwarz verborgen lag: Ein Meer aus riesigen grauen Wolken, deren aufgequollene Leiber den jungen Mann umschlossen. Aus ihnen erwuchsen Ketten aus schwarzem Metall. Stramm gehalten bildeten sie vier Linien, die sich aus unterschiedlichen Richtungen durch die Leere zogen und sich alle an einem Ziel trafen: Beim in der Leere schwebenden, nackten Körper des dunkelhaarigen Mannes. Den Abschluss der Ketten bildeten gekrümmte, metallene Haken, die sich durch Hände und Füße des Mannes gebohrt hatten und seine Arme und Beine weit von ihm spreizten. Dunkle Krusten getrockneten Blutes an diesen Stellen zeugten von den unsäglichen Schmerzen, die der Mann bisher erlitten hatte.

Das andere Ende der schwarzen Ketten war nicht auszumachen. Es musste tief in den Wolkenbergen verborgen liegen.

Die feinen Muskelstränge, die sich deutlich unter der Haut des nackten Mannes abzeichneten, zuckten in unregelmäßigen Abständen, begleitet von den grellen Energieentladungen, die ihn mittlerweile erreicht hatten. Doch sie konnten ihm nichts mehr anhaben, hatte er es doch geschafft, sämtliche körperliche Empfindungen vollständig zu betäuben.

Allmählich wanderte die Welle weiter. Die Blitze, die noch vor wenigen Augenblicken seinen Körper peinigen wollten, waren an ihm vorübergezogen und gruben sich entlang der Ketten tief ins Innere der Wolkenberge. Diese, so wusste der junge Mann, würden nach und nach wieder vom Dunkel verschlungen werden, bis das Licht vollkommen vergangen war und das unendliche Nichts ihn wieder umschloss.

Ausdruckslos starrte er auf die immer schwächer werdenden Lichtblitze. Doch dann traf ihn die Erkenntnis: Etwas war anders. Eine Veränderung im immerwährenden Ablauf seiner Pein. So oft er den Weg der Energiewellen jetzt schon hatte durchleiden müssen, so hatte es niemals eine Abweichung gegeben. Doch dieses Mal schien die Welle zu verharren. Er versuchte sich aufzurichten, doch die Haken bohrten sich augenblicklich tiefer durch sein Fleisch. Schmerzvoll wurde ihm bewusst, dass all die Bemühungen, den Geist frei zu machen, um die Empfindungen sterben zu lassen, nicht von Dauer waren. Er kniff die Augen zusammen und biss sich auf die Unterlippe, um den stechenden Schmerz zu verdrängen, der sich von seinen Handflächen hinein in seinen Kopf bohrte.

Ihm lief ein kalter Schauer den Rücken hinunter, als er die Augen öffnete und die zuckenden Verästelungen der Blitze näher kommen sah. Die Welle schien, entgegen der bisherigen, sich nicht damit zu begnügen, ihn einmal heimgesucht zu haben, sondern lenkte ihren Weg ein weiteres Mal auf ihn zu.

Hör auf zu denken! Panisch versuchte er, den Zustand der Gleichgültig zurückzuerlangen. Doch es war zu spät, er hatte sich einen kurzen Moment geöffnet und somit Raum für die Angst, die ihm so viele Qualen bereitet hatte, geöffnet. Er begann zu zittern. Tränen der Verzweiflung benetzten seine Augen.

Das Knistern wurde lauter und die ersten Energieentladungen zuckten wie hungrige Schlangen, die sich auf ihr Opfer stürzten, voran. Zunächst ein unangenehmes Kribbeln. Dann begannen alle Muskeln unkontrolliert zu zucken. Mit jeder Bewegung verursachten die Haken zusätzliche Schmerzen. Der Mund des jungen Mannes öffnete sich und Schreie tiefster Verzweiflung und grausamster Qualen entwichen ihm.

Am Höhepunkt des Martyriums, als er nicht mehr glaubte, dass es jemals ein Ende finden würde, gab es einen ohrenbetäubenden Knall. Begleitet wurde dieser von einem grellen Lichtblitz, der seinen Körper vollkommen umschloss und ihn zwang, die Lider zu schließen. Dann spürte der junge Mann, wie er zu fallen begann. Panisch riss er die Augen auf, bereute es aber im gleichen Moment. Das Dunkel war einem unerträglichen Weiß gewichen, sodass er seine schmerzenden Augen wieder schließen musste.

Ein harter Schlag auf die linke Seite schien seinen Fall abzufangen. Er spürte, wie er auf den Bauch rollte und seine Wange harten und zugleich kalten Boden berührte. Zögerlich wagte er es, seine Augen erneut zu öffnen. Das grelle Licht war erloschen. Unter sich konnte er die graue Struktur von Stein ausmachen.

„Vorsicht, mein Junge“, erklang eine Stimme unmittelbar neben ihm.

Erschrocken zuckte er zusammen. Dann spürte er eine Berührung an seiner Schulter.

„Habe keine Angst. Ich will dir helfen.“

Diese Stimme. Er kannte diese Stimme. War das denn überhaupt möglich?

Vorsichtig prüfte er mit einer Hand den Boden, dabei fiel sein Blick auf seinen Handrücken, der vollkommen unversehrt zu sein schien. Keine Wunde wies darauf hin, dass bis vor wenigen Augenblicken die Spitze eines Hakens durch ihn gebohrt gewesen war. War es wirklich vorbei? War er dem Martyrium entronnen? Verstört versuchte er sich aufzurichten, dabei drückte er sich vom Boden ab und ließ sich zur Seite rollen.

Seine Augen weiteten sich, als er das Gesicht der Person erkannte, die neben ihm kniete.

„Elgorath…?“

„Du erinnerst dich also noch an mich. Ich bin froh, dass du noch am Leben bist.“

„Ich verstehe nicht, wieso sollte ich mich nicht an Euch erinnern?“

„Ich weiß, dass du Angst hast. Aber du bist jetzt in Sicherheit. So viel Schlimmes ist geschehen. Und ich mache mir schwere Vorwürfe deswegen.“ Elgoraths Augen drückten tiefes Mitgefühl aus.

„Was ist denn geschehen? Elgorath, sagt mir was hier vor sich geht! Habt Ihr mich gerettet?“, wollte der junge Mann wissen, während er sich umschaute und ihm gewahr wurde, dass sie sich in einer Höhle befanden.

„Hier, nimm die Decke, sie wird dich wärmen. Dein Körper ist völlig ausgekühlt.“ Elgorath griff hinter sich und brachte eine braune Wolldecke zum Vorschein.

Mit einem Mal erschauderte der junge Mann. Er hatte diesen Augenblick schon einmal erlebt. Viele Jahre zuvor war er bereits an genau diesem Ort gewesen. Und auch damals war Elgorath an seine Seite gekommen und hatte ihn gerettet. Überhaupt war dies nicht der Elgorath, den er zuletzt gekannt hatte. Dieser war deutlich jünger, denn sein Haar war dunkel und wies nur vereinzelte graue Stellen auf, auch seine Gesichtszüge zeugten von einem deutlich jüngeren Alter.

„Was um alles...? Das kann nicht sein. Was geschieht nur mit mir?“ Der junge Mann griff sich mit den Händen an den Kopf und grub die Finger tiefer in sein dunkles Haar.

Sein Gegenüber hingegen schien diese Reaktion überhaupt nicht zu beachten, sondern wickelte den jungen Mann in die Decke und half ihm anschließend auf.

„Du musst mit mir kommen. Sie suchen nach dir.“ Eindringlich sah der jüngere Elgorath ihn an. „Ich werde mich deiner annehmen und für dich sorgen. Es ist meine Pflicht, nachdem ich dich mit deiner Bürde allein gelassen habe.“

Noch während der junge Mann versuchte, die neuen Eindrücke zu verstehen, drang eine weitere Stimme an sein Ohr. Zunächst nur als ein Flüstern, kaum verständlich, doch dann immer deutlicher vernahm er eine zaghafte weibliche Stimme: „... dir gesagt, dass es zu lange war. Wenn wir ihn verloren haben, war alles umsonst.“

„Du und deine ständige Angst widern mich an!“, hielt eine herrische Männerstimme dagegen. „Sieh doch nur“, fügte der Mann hinzu, „Er kommt zu sich. Los wach auf!“

Endlich schien er zu verstehen: Dies alles musste ein Traum sein. Die Wahrnehmung des jungen Mannes löste sich von Elgorath und die Höhle um ihn herum tauchte ins Dunkel ab.

Er folgte der Stimme, die ihn in die vermeintliche Wirklichkeit zurückführen sollte, und öffnete die Augen.

Sein Blick huschte verängstigt von einer Seite zur anderen. Er befand sich weder in der Höhle noch in der grausamen Leere. Um ihn herum waren Steinquader aufeinandergestapelt und bildeten das Mauerwerk mehrerer Wände, die einen Raum umschlossen. Er lag auf einer erhöhten Pritsche.

Die Stimmen gehörten zwei hochgewachsenen Personen, die beide, in weiße Gewänder gehüllt, an seiner Seite standen. Ihre Statur und ihre Gesichter wiesen eine deutliche Ähnlichkeit zum Volk der Alimanten auf. Doch es gab einen entscheidenden Unterschied: Sie besaßen keine Flügel. Stumm sahen die Personen ihn an.

„Wer, …wer seid ihr?“, brach er das Schweigen.

„Wir sind die, die dich gerettet und vor den Qualen der Ewigkeit bewahrt haben“, antwortete der Mann mit ernster Miene.

Die Frau an seiner Seite fügte hinzu: „Du bist in Sicherheit, Athul.“

Akt 4

1 Zeit der Ruhe

Neliahs nackte Füße tauchten in das kristallklare Bergwasser ein. Die Kälte ließ sie kurz die Luft anhalten, doch die anfänglichen Stiche in den Zehen wichen einem sanften Kribbeln. Die Sommertage waren heiß und die Abkühlung war wohltuend. Ihr Blick schweifte zur Seite über die grüne Landschaft. Die Bäume trugen gewaltige Kronen aus dichtem Laub und das satte Grün der Wiesen wurde durch ein Farbenmeer aus Blumen akzentuiert.

Mit den Armen stützte sie sich nach hinten ab und genoss, wie das weiche Gras ihre Finger umspielte. Sie wandte den Kopf zurück zu dem kleinen Bach, der unweit von ihr dem uralten Bergmassiv entsprang, welches weit in die Wolken ragte.

Sie betrachtete ihr verschwommenes Spiegelbild, das ihr entgegenglitzerte.

Ihre rotbraunen Haare hatte sie zu zwei Zöpfen geflochten, die zu beiden Seiten auf ihren Schultern lagen. Das helle Kleid hatte sich, trotz des weiten Schnittes, um ihren Bauch gespannt, der sich unübersehbar nach vorn wölbte. Behutsam hob sie den rechten Arm und fuhr mit der Hand über den Stoff. Fast, als bekäme sie eine eine Antwort auf diese Berührung, spürte sie eine leichte Bewegung unter ihrem Kleid. Ein kaum merklicher Tritt hatte ihre Bauchdecke angehoben und ihr signalisiert, dass das Leben, das in ihr heranwuchs, sie wahrnahm. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Viele Monate waren ins Land gezogen seit der Nacht, die sie mit Athul verbracht hatte. Eine Zeit, die viel Trauer und Kummer bereitgehalten hatte. Der schmerzliche Verlust ihres Geliebten hatte sie in tiefe Verzweiflung stürzen lassen. Doch das, was er ihr hinterlassen hatte, weckte Hoffnung in ihr. Ein Teil von Athul war der Welt geblieben und wuchs in ihr heran.

„Neliah“, riss eine Stimme sie aus den Gedanken.

Sie blickte auf und erkannte, dass Thamion zu ihr hinab glitt.

„Thamion. Und? Wart ihr erfolgreich?“, fragte sie neugierig.

„Mehr oder weniger. Die Verhandlungen erweisen sich weiterhin als sehr zäh. Ich befürchte, die Hoffnung auf eine rasche Einigung hat sich zerschlagen.“ Thamions Gesicht wirkte zerknirscht.

„Ich verstehe“, murmelte Neliah, während sie sich vorsichtig aufrichtete, darauf bedacht, das Ungeborene ruhig zu halten. „Ist Elgorath dort geblieben?“

Thamion nickte. „Er hatte Sorge, wenn er jetzt ginge, dass überhastete Entscheidungen getroffen würden. Allerdings bat er mich, nach dir zu schauen und dich wie vereinbart zurück nach Aluien zu begleiten.“

„Was würde ich dafür geben, dabei zu sein und ihn zu unterstützen.“ Sie seufzte.

„Du solltest dich in erster Linie schonen und dir nicht so viele Gedanken machen“, versuchte Thamion sie mit einem Lächeln auf den Lippen aufzumuntern.

„Ihr behandelt mich alle, als wäre ich krank. Ich kann schon gut auf mich alleine Acht geben“, gab sie trotzig zurück, fügte aber rasch hinzu: „Aber ich weiß ja, dass ihr es nur gut meint. Dann lass uns nach Hause fliegen, ich merke, dass das Frühstück schon eine Weile zurückliegt.“

Thamion quittierte dies mit einem Lächeln, umschlang behutsam ihre Taille und erhob sich mit ihr in die Luft.

2 Disziplin und Ordnung

„Verdammt noch mal! Habe ich dir nicht gesagt, du sollst diesen Mist wegräumen?“, herrschte der dickbäuchige Wirt den jungen Knaben vor ihm an, wobei er drohend die Hand hob.

Ängstlich zuckte der Bursche zusammen.

Twingle hatte sich in die hinterste Ecke der Taverne zurückgezogen und beobachtete die Züchtigung mit wachsendem Unbehagen.

Ein lautes Klatschen durchdrang das schwammige Gemurmel im Raum und der Junge rieb sich unter Tränen die rot anlaufende Wange.

Zornig ballte sich Twingles Faust, heftig stieß er den Tonkrug vor sich vom Tisch. Polternd stürzte das Gefäß zu Boden. Er richtete sich auf. Einen Moment musste er innehalten. Der hochprozentige Met machte sich bemerkbar. Dann wankte er auf den verdutzt dreinblickenden Wirt zu.

„Pasz maa auf!“, stieß Twingle erbost hervor, doch seine Worte formten sich nicht, wie er wollte. Die Zunge schien ihm einfach nicht gehorchen zu wollen. „Pasz.. pass auf! Meinscht du kannsch… den Jung so wie Viecher behandeln?“ Dabei hob er drohend die Faust.

Der Wirt schaute ihn zunächst erstaunt an. Jedoch änderte sich seine Miene rasch zu einem Grinsen. Twingle war trotz seines aktuellen Zustandes deutlich bewusst, dass er auf Grund seiner kleinen, missgebildeten Statur nicht unbedingt die Sorte Lyst war, vor der andere Angst hatten.

Eine kräftige Hand packte Twingle von hinten fest an der Schulter.

„Ich glaube, der Wicht hat wohl etwas zu sehr über den Durst getrunken und meint sich jetzt aufspielen zu müssen.“

Twingle wollte sich umdrehen, doch die Finger bohrten sich wie ein Schraubstock in sein Fleisch und drückten ihn nach vorn. Eine zweite Hand folgte und legte sich um seinen Brustkorb. Er wurde angehoben, vorbei am Wirt und dem Knaben. Wenige Schritte, dann hatte sein unbekannter Peiniger ihn durch die Eingangstür bugsiert. Die warme Nachtluft stieß ihm entgegen, doch ehe er sich besinnen konnte, spürte er, dass der Griff an Kraft verlor und er einen groben Stoß in den Rücken bekam. Er stolperte vorwärts und stürzte zu Boden.

Schmerzverzerrt rollte Twingle auf die Seite. Der Hüne, der ihn unsanft hinausbegleitet hatte, stellte sich über ihn. Er beugte sich hinab und riss an dem kleinen Lederbeutel, der an Twingles Gürtel hing. Es klimperte und sechs silberne Münzen rollten über das Straßenpflaster. Der Mann griff danach.

„Das sollte reichen, um dein Verhalten zu entschuldigen und deine Zeche zu begleichen. Und jetzt verschwinde, du armer Trottel!“ Ohne Twingle eines weiteren Blickes zu würdigen wandte er sich von ihm ab und schritt zurück in die Taverne.

Twingle blieb noch einen Moment liegen, dann richtete er sich mühsam auf.

Dummer Twingle, sagte er zu sich selbst. Warum mischzst du disch auch in allesch ei?

Er tat einige prüfende Schritte. Wankend entfernte er sich von der Taverne und steuerte die nächstgelegene Gasse an. Gegen die Häuserfassade gestützt ließ er sich hinein gleiten, bis die Lichter der Laternen kaum noch zu ihm drangen. Dann rutschte er zu Boden und kauerte sich in eine Ecke.

Welch elendes Leben, dachte er.

Alles hatte sich verändert. Von dem Tag an, als sein Meister mit ihm und dem Heer das Innere Reich verlassen hatten, war es schlimmer und schlimmer geworden. Nicht genug, dass man seinen Herrn gestürzt hatte. Nein, am Ende war Twingles kläglicher Versuch, seinem Herrn den Weg zurück auf den Thron zu ebnen, gnadenlos gescheitert. Der einstige Herrscher war tot. Sein zeitweiliger Verbündeter, der Kommandant, ebenfalls. Elgorath und das Mädchen, Neliah, hatten Twingle mit in die Stadt in den Bergen genommen. Zu den Alimanten. Man hatte versucht, ihm ein neues Leben zu ermöglichen, doch hatte er sich niemals wirklich einfügen können. Die Gesellschaft der geflügelten Wesen war so anders als das gewesen, was er bisher gekannt hatte. Ohne Frage, sie hatten ihn gut behandelt und doch, Twingle hatte es zurück ins Innere Reich gezogen. Dies war der Ort, an dem er sich sicher und geborgen gefühlt hatte, so viele Jahre.

So war es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis er den Wunsch geäußert hatte, man möge ihn hinabbegleiten. Er hatte sich von niemandem verabschiedet und war heimlich des Nachts mit einem Alimanten hinabgeflogen.

Doch das, was er erhofft hatte vorzufinden, war nicht mehr dort. Die Festung war besetzt von Alimanten und Vertretern des westlichen Königreichs. Das Innere Reich ein Spielball in der Hand der Mächtigen.

In der Verzweiflung hatte es Twingle auf die Straße getrieben. Seine Münzen verdiente er bettelnd, und seinen Kummer hatte er mehr und mehr im Alkohol ertränkt.

Sein Lebenswille war mittlerweile auf einen eisigen Tiefstand gesunken. Es kümmerte ihn nicht mehr, ob er sich selbst zu Grunde richtete.

Zusammengesunken in der Gasse bettete Twingle den Kopf auf den verschränkten Armen und schloss die Augen. Der Rausch des Mets hatte seine Sinne derart benebelt, dass es nicht lange dauerte, bis er in einen unruhigen Schlaf fiel.

Ein merkwürdiges, schmatzendes Geräusch weckte Twingle zu Beginn des neuen Tages. Mühsam öffnete er ein Auge. Das helle Licht verriet einerseits, dass bereits der nächste Morgen angebrochen war, andererseits ließ es das wabernde Gefühl in seinem Kopf zu pochenden Schmerzen anschwellen. Er rieb sich mit der Hand über die Augen und blinzelte vorsichtig durch die halb geschlossenen Lider. Die Suche nach dem unergründlichen Schmatzen, das ihn aus dem Schlaf gerissen hatte, wurde rasch belohnt. Unmittelbar vor ihm stand ein zotteliger Straßenköter. Sein schwarzweiß gemustertes Fell war stumpf und schmutzig. Seine haarige Schnauze glänzte vom Speichel, während er genüsslich ein großes Stück Schinken hinunterschlang. Twingle starrte verdutzt auf den Boden. Vor den Pfoten des Vierbeiners stand eine Schüssel. In dieser lagen die Überbleibsel des Schinkens, mittelgroße Käsekrümel und einige Brotreste. Twingle konnte sich nicht erklären, woher die Speisen stammten, doch ihm war bewusst, wenn er nicht schnell handelte, dann würde bald nichts mehr davon übrig bleiben. Rasch richtete er sich auf, wobei er die schnelle Bewegung augenblicklich bereute und diese mit stärker werdenden Kopfschmerzen bezahlte.

„Verschwinde, du Vieh!“, zischte er dem Hund entgegen. Mit einer ausladenden, etwas behäbigen Geste mit dem Arm versuchte Twingle, seine Worte zu unterstreichen.

Das Tier spitzte die Ohren und legte den Kopf schief. Sein Blick war auf Twingle gerichtet.

„Ich sagte, du sollst abhauen!“ Twingle kroch auf das Essen zu, dabei schlug er einige Male in Richtung des Hundes.

Dieser machte einen unsicheren Schritt rückwärts, ließ sein Gegenüber aber nicht aus den Augen.

Twingle indes hatte die Schüssel erreicht. Die Ausbeute war mehr als spärlich, sein Konkurrent am Fressnapf hatte bereits ganze Arbeit geleistet.

„Das ist ja zu erwarten gewesen, da habe ich das Glück, etwas zu Essen zu finden und dann frisst mir so ein verdammtes Fellvieh alles weg“, grummelte Twingle vor sich hin, während er die Schüssel auf den Schoß stellte und sich über die Reste hermachte.

Kauend wandte er seinen Blick zur Seite.

„Du bist ja immer noch da“, schnauzte er den unliebsamen Besucher an. „Ksssst! Pffffft!“, versuchte er erneut den Hund zu vertreiben. Dieser legte abermals den Kopf schief und starrte ihn aus großen braunen Augen an.

„Bist du schwer von Begriff? Hau ab sonst…“, Twingle suchte nach einer passenden Drohung, doch ehe er fündig wurde, zog ein Geräusch von herannahenden Schritten in der Gasse seine Aufmerksamkeit auf sich. Der Hund schien diese ebenfalls bemerkt zu haben. Unvermittelt sprang er herum und hetzte in die entgegengesetzte Richtung davon.

Vehement umklammerte Twingle die Schüssel mit einer Hand, während er sich langsam aufrichtete und der auf ihn zu kommenden Person entgegen starrte.

3 Ränkespiele

„Schluss jetzt!“ Wutentbrannt hämmerte eine Faust auf den Tisch, begleitet vom Klirren der Trinkgefäße, die sich auf ihm befanden.

Der ältere Herr, der sich zu diesem Ausbruch hatte hinreißen lassen, kniff die Augen zusammen. Seinen Stuhl hatte er zurückgeschoben und stand mit breiten Beinen vor dem großen Tisch. Dabei starrte er in die verstummte Runde. Seine Erscheinung zeugte von Wohlstand. Er war von kräftiger Statur, wenn auch nicht dick, eingewickelt in feinste Seide.

Der Gesprächsrunde wohnten an diesem Abend ausschließlich ausgewählte Personen bei. Nach zähen Debatten hatten sie sich auf die dunkle Festung geeinigt, die als zentraler Verhandlungsort über die Zukunft des Inneren Reiches dienen sollte. Der Raum, in dem sie tagten, lag in den oberen Stockwerken und besaß eine ovale Tafel, an der die Männer reihum saßen. Sie war gedeckt mit Obst und Metallkelchen, letztere gefüllt mit kostbarem Wein.

Elgoraths Blick war fest auf den immer noch aufrecht stehenden Mann gerichtet. Dieser schien den richtigen Anschluss zu suchen, um den strengen Worten etwas hinzuzufügen. Sein Gesicht hatte eine rötliche Farbe angenommen, die trotz des dichten schwarzen Vollbarts deutlich zu erkennen war.

„Glaubt ihr wirklich, wir würden es einfach hinnehmen, dass ihr über unsere Köpfe hinweg entscheidet? Wir haben in den letzten Jahren bewiesen, welch wichtigen wirtschaftlichen Standpunkt wir in dieser Region innehaben und ich sehe nicht ein, dass wir auf unseren Anteil am Inneren Reich verzichten sollten.“

„Davon war nie die Rede, Lothar“, ergriff der Mann neben Elgorath das Wort, dessen silbrig-welliges Haar bis auf den weinroten Umhang fiel, welcher seine Schultern umhüllte. König Melenor saß, wie auch Elgorath, bereits seit Tagen mit am Verhandlungstisch. „Aber es steht außer Frage, dass das westliche Königreich am meisten unter den Kriegsjahren gelitten hat, zudem gehört unser Königshaus zum ursprünglichen Abkommen, das die Alimanten einst mit den Lysten trafen. Ich sehe es daher als meine Pflicht, zum Wohl des Volkes die Forderung aufzustellen, dass das Innere Reich an unser Reich angeschlossen wird.“

„Ihr seht es als Eure Pflicht, zum Wohl des Volkes“, äffte Lothar ihn nach. „Dann sehe ich es als meine Pflicht an, Euch mitzuteilen, dass wir das nicht zulassen werden.“

Elgorath hatte an diesem Abend noch nichts zu der kontroversen Diskussion beitragen können. Bereits die letzten Wochen hatten bewiesen, dass die Fronten derart verhärtet waren, dass es derzeit schwierig war, zu vermitteln. Er hatte lernen müssen, dass die Jahre des Krieges, in denen er das westliche Reich auf Grund seiner Treue zu Athul hatte meiden müssen, viele Veränderungen mit sich gebracht hatten. Die Lysten waren gen Westen aufgebrochen und hatten neues Land erschlossen, was dazu geführt hatte, dass das westliche Königreich nun zerstritten war. Neue Handelszweige und pulsierende Wirtschaftsknoten hatten neue Machthaber hervorgebracht, die ihre Chance gekommen sahen, sich vom Königshaus zu lösen und mit dem Inneren Reich als Verbündeten, diese Macht zu festigen. Zum Leid von Elgorath hatte sich sein Hoffnungsträger, König Melenor, als wenig kompromissbereit für eine gemeinsame Lösung gezeigt. Der zurückliegende Krieg und die drohende Teilung seines Reichs hatten den König misstrauisch werden lassen. Auch ein Blick über die weitestgehend an ihr eigenes Interesse denkenden Personen im Raum machte Elgorath einmal mehr bewusst, dass eine Einigung zum derzeitigen Verhandlungsstand kaum möglich war.

Neben Lothar, dem schärfsten Kritiker Melenors und selbst ernannten Grafen von Velmar, einer beachtlich gewachsenen Region im Westen, saßen noch Melenors Sohn, Kronprinz Maran, sowie Herzog Roham und Herzog Warumir, die beide zum offiziell aufgelösten Rat des Inneren Reichs gehört hatten, um die Tafel. Als Vertreter der Alimanten hatten sich Lorandel und Infimir eingefunden, hohe Mitglieder des Ältestenrats.

„Was sagen denn die Herren Abgeordneten dazu?“, richtete Melenor sein Wort an die beiden Alimanten.

Lorandel räusperte sich. „Wie ich bereits mehrfach zum Ausdruck gebracht habe, ist den Alimanten nicht daran gelegen, in irgendeiner Weise Gebiete der Lysten einzunehmen. Wir verlangen lediglich, dass wir, wie bereits in früheren Tagen, wieder an den politischen Geschicken im Land teilhaben können, damit sich Dinge, wie sie in den letzten Jahren geschehen sind, nicht wiederholen.“

„Seid mir nicht böse, werter Lorandel“, stieß Melenor hervor. „Sind die Dinge nicht derart aus dem Ruder gelaufen, während Ihr in unseren Königshäusern wart? Und habt ihr Euch nicht zurückgezogen, als es schwierig wurde? Ich sehe nicht, dass wir unser derzeitiges System aufbrechen werden, um unsere Entscheidungen in Zukunft durch Euch absegnen zu lassen.“

Elgorath schüttelte verzweifelt den Kopf. „Ich kann nicht glauben, diese Worte aus Eurem Mund zu hören. Ich hatte wirklich angenommen, dass Ihr verstanden hättet, dass es hier nicht um Euer Reich geht. Oder um das Innere Reich oder um sonst irgendein Reich. Wir haben die einmalige Chance, etwas Neues, Besseres zu erreichen: Einen Zusammenschluss aller Provinzen, Ländereien, Königreiche und Herzogtümer. Ein großes Ganzes.“

„Ihr seid ein hoffnungsloser Träumer werter Elgorath. Die Zeiten haben sich nun einmal geändert. Es sind Zeiten, in denen Herrscher sich selbst ernennen.“ Melenors Blick wanderte zu Lothar, der sich mittlerweile wieder auf seinen Platz niedergelassen hatte und fügte zynisch hinzu: „Und in denen Lysten sich selbst in den Stand eines Grafen erheben, um Anspruch über Ländereien zu erklären.“

„Ihr vergreift Euch im Ton!“, polterte es unvermittelt von der anderen Tischseite. Die Adern auf Lothars Schläfen traten deutlich hervor, während er seinen Stuhl wütend nach hinten stieß und abermals aufstand. Doch dieses Mal blieb er nicht am Tisch, sondern wandte sich ab und stapfte auf die Tür zu. „Es reicht, die Gespräche sind beendet, ich lasse mich doch nicht beleidigen!“

„Lasst Euch doch nicht derart provozieren von einem selbstverliebten Egozentriker!“, ergriff Herzog Roham das Wort. „Das westliche Königreich hat in meinen Augen jeden Anspruch auf das Innere Reich verloren, als es unsere Soldaten abschlachtete und unsere Dörfer niederbrannte.“

„Was erlaubt Ihr Euch?“, auch Melenor richtete sich auf.

Sein Sohn, ein Jüngling im Alter von einundzwanzig Jahren, der bisher eher amüsiert den Ausführungen gefolgt hatte, schaute verdutzt zu seinem Vater, entschloss sich dann aber, mit ihm gleichzuziehen: „Ihr habt meinen Vater gehört! Ihr solltet froh sein, dass man Euch überhaupt hier duldet, Verräterpack!“

Das darauf folgende Wortgefecht war für Elgorath nicht mehr zu verfolgen. Es schwoll zu einem unerträglichen Lärm an, in welchem eine Hasstirade die nächste jagte, mit dem Ergebnis, dass alle, bis auf Elgorath und den beiden Alimanten, den Raum binnen kurzer Zeit aufgebracht verließen.

Elgorath fuhr sich durch das graue Haar. „Diese Entwicklung ist äußerst gefährlich“, sagte er an die beiden Alimanten gerichtet. „Die Fronten verhärten sich zunehmend. Und der heutige Abend beweist, dass wir kurz vor dem Scheitern der Verhandlungen stehen.“

Lorandel nickte. „Das ist mir durchaus bewusst. Umso wichtiger ist es, dass wir gemeinsam handeln und weiter das Gespräch suchen.“

Seufzend blickte Elgorath ihn an. Er wusste, dass sein alter Vertrauter Recht hatte, so schwer es ihm fiel, Kraft für das Aufrechterhalten der Verhandlungen aufzubringen.

Infimir beugte sich zu den beiden hinüber und senkte die Stimme. „Ich habe es vor unserem heutigen Treffen nicht mehr geschafft, mit Euch zu sprechen. Aber es hat sich noch ein weiteres Problem ergeben“, er machte eine kurze Pause und wischte sich eine Strähne seines langen Haares aus dem Gesicht. „Wie mir zugetragen wurde, hat man einen Boten beobachtet, der Nachrichten zwischen dem Grafen und den Herzögen überbracht hat.“

Beide schauten ihn fragend an.

„Anscheinend hat ein geheimer Austausch zwischen ihnen stattgefunden.“

„Das ist mehr als bedenklich“, stimmte Elgorath ihm zu. „Ich hatte Euch gewarnt, dass man den Herzögen nicht trauen kann. Der Rat hat schon zu Zeiten von Athul nur nach eigenem Wohl gehandelt.“

„Und doch hatten wir keine andere Wahl“, erinnerte Lorandel ihn. „Ihr wisst so gut wie ich, dass sie sich bereiterklärt hatten, über die Geheimnisse der Ethendi Stillschweigen zu bewahren, wenn wir ihnen im Gegenzug Straffreiheit und ein Mitspracherecht bei den Verhandlungen einräumen.“

„Jetzt hat es aber den Anschein, als ob sie nicht so ehrenhaft handeln, wie wir es uns gewünscht haben“, erwiderte Elgorath. „Konnte Euer Informant in Erfahrung bringen, welche Nachrichten der Bote überbracht hat?“

Infimir schüttelte den Kopf.

„Wir müssen äußerst vorsichtig sein. Wenn die Ethendi zum Gegenstand der Verhandlung wird, dann war alles umsonst“, mahnte Elgorath.

Infimirs Blick drückte tiefe Besorgnis aus. „Ich will ehrlich sein. Ich glaube kaum noch daran, dass sich ein erneuter Krieg vermeiden lässt. Wie Ihr schon festgestellt habt, sind die Fronten verhärtet. Niemand will von seiner Position ablassen. Die Zeichen stehen nicht gut.“

„Nun lasst die Hoffnung nicht schwinden“, ermahnte Lorandel seinen Nebenmann. „Ich sehe auch, dass wir sehr vorsichtig handeln müssen, aber noch ist es nicht zu spät. Ich denke, es ist an der Zeit noch einmal Einzelgespräche zu führen. Wir müssen deutlich machen, dass es nur einen gemeinsamen Weg geben kann, wenn wir Frieden haben wollen. Und dass es im Interesse aller Vertreter ist, wenn wir diesen langfristig sichern. Insbesondere die beiden Herzöge müssen an unser Abkommen erinnert werden.“

Infimir zuckte mit den Achseln. „Wir werden sehen.“ Resigniert schob er seinen Stuhl zurück und erhob sich. „Ich darf mich für heute verabschieden. Ich muss ein wenig Kraft tanken für weitere Gespräche, sofern es diese geben wird, nach dem heutigen Tag.“

Als der Alimant den Raum verlassen hatte, ließ Elgorath den Kopf seufzend auf die Arme sinken. Er spürte, dass er einfach nicht mehr die Kraft besaß, die ihn in jungen Jahren ausgezeichnet hatte. Ein Umstand, den er normalerweise nicht gegenüber einer anderen Person offenbaren würde. Doch der ebenfalls im Raum gebliebene Lorandel stellte eine Ausnahme dar. Eine tiefe und ehrliche Freundschaft verband die beiden.

„Glaubt Ihr wirklich, dass die Verhandlungen noch zu retten sind?“, fragte er den Alimanten mit müder Stimme.

„Ihr müsst Vertrauen haben, Elgorath. Wenn es einen Weg der Einigung geben wird, dann nur, indem wir an ihn glauben. Es ist leicht, sich auf Missgunst, Neid und das eigene Interesse zu konzentrieren. Kompromisse und einen gemeinsamen Weg finden, ist hingegen deutlich schwieriger.“

„Und doch muss ich gestehen, dass es mir zunehmend schwerer fällt, immer wieder gegen diesen einfachen Weg der Provokation und der Machtspiele ankämpfen zu müssen, den anscheinend immer mehr an diesem Tisch einschlagen wollen.“ Elgorath hob den Kopf und schaute seinen Freund an. „Selbst Euer Begleiter scheint mehr und mehr aus den Augen zu verlieren, wie wichtig es ist, dass wir eine Einigung erzielen.“

„Infimir ist noch jung. Seht es ihm nach. Er hat noch nicht die Erfahrung und die Weitsicht, um zu erkennen, dass es manchmal sinnvoller ist, durchzuhalten und den beschwerlichen Weg zu gehen.“

„Ihr habt Recht. Ich danke Euch für Eure Worte, alter Freund. Es beschämt mich, dass ich selbst die Weitsicht nicht immer behalten kann.“

Lorandel lächelte. „Glaubt mir, Elgorath. Ich bin ebenso dankbar, dass ich Euch an meiner Seite weiß. Denn es ist wichtig, nicht allein zu sein, in diesen Tagen, um nicht in den eigenen Gedanken zu versinken und dabei das Ziel aus den Augen zu verlieren.“

Elgorath spürte, dass die Worte seines Freundes ihm neue Kraft verliehen hatten. Er erhob sich und legte Lorandel eine Hand auf die Schulter.

„Dann lasst uns zusehen, dass wir die zerstrittenen Parteien zurück an den Tisch holen und ihnen eben dieses Ziel noch einmal bewusst machen.“

4 Auf das Füreinander kommt es an

Die Hände noch immer um die Schüssel geschlossen, ließ Twingle den Neuankömmling nicht aus den Augen. Dieser war kaum noch zwanzig Schritte von Twingle entfernt und dem ehemaligen Diener Athuls wurde gewahr, dass er den Burschen, der auf ihn zukam, schon einmal gesehen hatte. Es war der Junge, den er am gestrigen Abend vor dem Übergriff des Wirts hatte retten wollen. Auch wenn Twingles Erinnerungen daran getrübt waren, sah er das schmerzverzerrte Gesicht des Burschen noch deutlich vor seinem inneren Auge.

Die Schritte des Jungen verlangsamten sich. Unsicher schaute er Twingle an, der wiederum selbst nicht wusste, wie er diese Begegnung einzuordnen hatte.

Schweigend standen sie sich gegenüber. Twingle hatte dadurch etwas Zeit, den Burschen genauer zu betrachten: Das dunkelbraune Haar des schmächtigen Jungen war schulterlang, ungekämmt und zerzaust. Dabei zeichnete sich ein lockiger Ansatz ab. Sein Gesicht war knabenhaft, und wäre die deutliche Schwellung unter dem linken Auge nicht gewesen, hätte man ihn als ansehnlich bezeichnen können. Seine Kleidung schmälerte das Gesamtbild weiter, denn sie wies deutliche Risse und Flicken auf.

Jedoch war sich Twingle bewusst, dass seine eigene Erscheinung weitaus schlimmer auf sein Gegenüber wirken durfte. Immerhin hatte er seit gut und gerne einer Woche kein Wasser mehr gesehen.

„Was macht deine Wange?“, durchbrach Twingle das Schweigen.

Der Junge strich zögernd über die Schwellung. „Halb so schlimm.“

„Mhm. Gut. Solltest dir das nicht bieten lassen.“ Twingles Haltung entspannte sich ein wenig.

„Ist doch egal. Wen kümmert‘s schon? Mein Vater ist ein Idiot. Der behandelt jeden wie Dreck.“

„Der Kerl ist dein Vater?“, stellte Twingle verwundert fest, „Sollte sich was schämen. Vor den versammelten Gästen dich so zu demütigen.“

Der Bursche zuckte nur mit den Schultern.

„Hat es dir geschmeckt?“, fragte er mit einem Fingerzeig auf die Schüssel in Twingles Händen.

„Das kam von dir?“, ungläubig schaute dieser ihn an. „Wie komme ich zu der Ehre?“

„Hab mich rausgeschlichen und nachgeschaut, ob Relik dir Schlimmeres angetan hat.“

„Relik? Meinst du den großen Bullen, der mich hinausbefördert hat?“

„Genau den. Wenn mein Vater sich die Hände nicht schmutzig machen will, hat er den groben Klotz, der ungebetene Gäste verhaut. Aber bei dir scheint er ja noch umsichtig gewesen zu sein.“

„Da habe ich wohl nochmal Glück gehabt. Na, dann danke für das Essen, auch wenn dieser blöde Köter… ach vergiss es. Danke.“

Ein wenig verwirrt schaute der Junge ihn an. Dann lächelte der braunhaarige Bursche und nickte.

„Kein Problem. Hab die Reste aus der Küche stibitzt und durch den Hinterausgang gebracht. Nachdem ich Relik mit meinem Vater belauscht habe war mir klar, dass du deine Zeche etwas üppiger entlohnen musstest. Und weil du mir helfen wolltest, naja…“

„Schon gut“, unterbrach Twingle den Erklärungsversuch. „Ich mag es einfach nicht, mit anzusehen, wenn ein Stärkerer auf einem Schwächeren rumtrampelt.“

Langsam näherte sich der Junge.

„Ist es wahr?“, neugierig musterte er Twingle. „Warst du der Diener des Herrschers? Als du weg warst, habe ich einige Männer belauscht, die über dich geredet haben.“

„So, haben sie das?“ Twingles Blick drückte Argwohn aus. Bisher hatte er aus Höflichkeit und als Dank für das Essen versucht, nett zu dem Jungen zu sein. Doch hatte er keine große Lust, über seine Vergangenheit zu sprechen. „Ich danke dir für das Essen, aber ich werde jetzt weiterziehen.“

Er fuhr ein letztes Mal mit der Hand durch die Schüssel und sammelte die verbliebenen Krümel und Wurstreste auf, um sie sich hastig in den Mund zu stopfen, bevor er dem verdutzten Jungen die leere Schale in die Hand drückte.

„Mein Name ist übrigens Josha“, sagte dieser eilig.

Twingle hielt inne und schaute den Burschen an.

„Wenn du mal einen Platz für die Nacht brauchst“, fuhr Josha fort, „direkt hinter dem Gasthaus liegt ein alter Lagerraum. Mein Vater nutzt ihn nicht mehr. Und ich verstecke mich dort manchmal, wenn ich es nicht mehr aushalte. Würde mich freuen, dich mal wieder zu sehen.“

Twingle nickte. Dann verschwand er wortlos.

5 Begegnungen

Die Begegnung mit Josha lag bereits einige Stunden zurück. Twingle, der beinahe fluchtartig aus der Gasse verschwunden war, um weiteren Fragen zu seinem früheren Leben zu entgehen, war seitdem ziellos umhergestreift.

Das leise Knurren seines Magens verriet, dass das Frühstück, was ihm der Straßenköter übriggelassen hatte, nicht dem entsprochen hatte, was er benötigte. Mit einer Hand strich er über das kleine lederne Bündel an seinem Gürtel. Es war leicht – zu leicht. Die wenigen Silbermünzen, die er noch besessen hatte, waren ihm gestern Abend genommen worden.

Er stoppte seinen Gang und versuchte sich zu orientieren. Die Häusergasse, in der er sich befand, war mit einem groben Kopfsteinpflaster ausgelegt und verlief leicht bergauf. Dünne Holz- und Metallschilder an den Fassaden wiesen auf Gasthäuser, Krämerläden und verschiedenste Geschäfte hin. Er setzte sich wieder in Bewegung und folgte der Straße. Sie verlief quer durch die umliegenden Häuserschluchten, bis sie sich im Zentrum der Stadt öffnete. Dort lag der imposante Berg, auf dessen Plateau sich die gewaltige Festung seines einstigen Herrn wie ein dunkler Schatten über allem erhob. Doch Twingle vergeudete keinen Gedanken an die Vergangenheit und betrat den gut gefüllten Platz, der sich zum Fuße des Berges erstreckte. Dort reihten sich Marktstände eng aneinander. Von überall wehte ihm ein herrlicher Duft verschiedenster Speisen entgegen.

„Köstliches Obst, seltene Früchte aus dem weiten Westen!“, schrie ein stämmiger Kerl in die Menge, in der Hoffnung Kundschaft anzulocken.

„Gepökeltes Schweinefleisch, frisch und lecker! Jetzt zugreifen!“, hallte es von der anderen Seite.

Twingle beleckte sich die Zähne, während er sich in das Gedränge stürzte. Wie gerne würde er etwas von den Köstlichkeiten ergattern. Er zupfte sein Leinenhemd zurecht, ließ die Handflächen über den dreckigen Boden gleiten und rieb sich den Schmutz ins Gesicht. Nur zur Sicherheit, dachte Twingle, der sich denken konnte, dass seine Erscheinung wohl auch so schon jämmerlich genug aussah.

Er öffnete seine Hand und steuerte die nächstbeste Person an.

„Münzen, Taler, eine milde Gabe für einen armen Krüppel!“, krächzte er dem Fremden entgegen.

Angewidert drehte dieser sich weg und beachtete Twingle nicht weiter.

„Münzen, Taler, eine milde Gabe für einen armen Krüppel!“, versuchte er es bei einer weiteren Person.

Doch auch dieses Mal war die Reaktion alles andere als glücklich. Ein angeekelter Gesichtsausdruck und ein „Verschwinde!“ waren alles, was er als Lohn erhielt.

Er hasste es, betteln zu müssen. Die Blicke, die ihm zugeworfen wurden, waren erfüllt von Abscheu und Ekel. Nicht selten wurde er beschimpft oder gar bespuckt. All das machte ihm schmerzhaft bewusst, wer er wirklich war. Er hatte sich in den letzten Jahren an der Seite seines Herrn lediglich etwas vorgemacht. Dort hatte er stets das Gefühl verspürt, wichtig zu sein. Für jemand anderen wichtig zu sein. Doch er hatte sich selbst belogen. Er war ein Nichts, ein elender Krüppel, verhasst und angespien von der Gesellschaft.

Die Sonne war inzwischen nur noch als zarter Schimmer hinter dunklen Wolken zu erkennen. Sie hatte die Spitzen der Häuser erreicht und war im Begriff, gänzlich von ihnen verschluckt zu werden. Ein weiterer Tag in Twingles sinnloser Existenz neigte sich dem Ende zu.

Traurig blickte er auf die vier silbernen Münzen, die er hatte ergattern können. Die meisten Läden und Stände waren bereits geschlossen. Rasch eilte sich Twingle, um noch etwas Essbares zu erhaschen.

„He, habt Ihr noch Reste, die Ihr für die Hälfte anbieten könnt?“, fragte er eine ältere Dame, die gerade dabei war, ihre Waren in Kisten zu verstauen.

Sie musterte Twingle einen Moment, dann nickte sie.

„Die Äpfel da kannst du für drei Silberstücke haben. Und die Trauben dort kannst du so mitnehmen.“

Twingle überlegte nicht lang, legte ihr drei Münzen auf die Holztheke und griff sich die Fruchtreste.

„Habt vielen Dank.“ Eine kurze Verbeugung, dann wandte er sich ab und verließ den Markt.

Zwischen den Häuserecken ließ er sich nieder und machte sich über seine Beute her. Die Trauben waren bereits eingefallen und wiesen matschige Stellen auf. Auch um die Apfelreste stand es nicht zum Besten. Teilweise hatten sich große braune Löcher im Fruchtfleisch aufgetan.

Doch der Hunger ließ ihn nicht lange darüber nachdenken, so schlang er alles hinunter.

Während er die letzten Bissen zermahlte, traf ihn ein kalter Tropfen dicht gefolgt von einem zweiten. Bald setzte ein monotones Rauschen ein. Der Himmel hatte seine Pforten geöffnet und schickte Regen hinab. Twingle richtete sich auf und suchte nach einer Möglichkeit sich unterzustellen, doch die Häuserwände waren glatt und die Dächer schlossen eben mit ihnen ab. So eilte er weiter durch die Gassen. Die Nässe hatte sich mittlerweile erbarmungslos durch seine Kleidung gefressen und er spürte, wie sein Körper auskühlte. Die dünnen Schuhe, die er an den Füßen trug, waren bereits nach wenigen Schritten vollkommen aufgeweicht und zu allem Überfluss lösten sich am rechten Schuh die Riemen. Twingle spannte den Fuß an, um das Lederwerk nicht zu verlieren. Allerdings musste er einsehen, dass es so keinen Sinn hatte, weiterzulaufen. Immer wieder glitt der Schuh von seinem Fuß. Als wäre dies noch nicht genug, löste sich auch am anderen der Riemen und mit ihm die Sohle. Twingle fluchte, griff nach den Schuhen, hob sie auf und schmiss sie in die nächste Häuserecke.

„Verdammt nochmal! Das kann doch alles nicht wahr sein!“

Niedergeschlagen hockte er sich hin und vergrub den Kopf zwischen den Beinen.

Der stete Regen trommelte auf seinen Hinterkopf und die hinablaufenden Rinnsale vermischten sich mit Tränen.

Es war nicht Twingles Art, sich derart offener Verzweiflung hinzugeben, doch er spürte, dass der anhaltende Hunger der letzten Tage, die Perspektivlosigkeit und all die Rückschläge seine Belastbarkeit arg geschmälert hatten. Sein Körper sehnte sich nach Ruhe, einer Möglichkeit endlich wieder durchatmen zu können und nicht Angst vor dem Morgen haben zu müssen.

Die tiefen Sehnsüchte nach Geborgenheit, einem Platz zu dem er gehörte und einem Lebensziel hatten eine schmerzende Leere in seinem Herzen hinterlassen.

Langsam beruhigte sich Twingle wieder. Mit einem leisen Schluchzen unterdrückte er seine letzten Tränen.

Den Kopf noch immer nach unten gerichtet, vernahm er ein platschendes Geräusch. Es mischte sich unter das Rauschen des Regens.

Zögernd richtete Twingle den Blick in die Gasse. Die graue Wand aus Regen machte es ihm schwer, etwas zu erkennen. Er kniff die Augen zusammen und hielt die flache Hand schützend vor sein Gesicht.

Im Dunkel der Gassen konnte er die Silhouetten mehrerer Personen erkennen.

„Ha, siehste, hab ich doch gesagt, der ist hier lang“, erklang die raue Stimme eines Mannes.

Die Personen kamen näher und Twingle schwante nichts Gutes.

„Na, Twingle?“ Der Mann, der gesprochen hatte, trat aus dem Grau heraus und Twingle erkannte einen hochgewachsenen, kräftig gebauten Kerl, dessen linke Hälfte des Gesichts von einer ledernen Maske verdeckt war und unter deren Rand tiefe Narben zum Vorschein kamen, die sich weit über die frei liegende Gesichtshälfte zogen. Twingle starrte gebannt in das entstellte Gesicht. Die Augen, die Mundpartie. Das konnte nicht sein…

„Dann stimmt es also doch! Die Hure des Herrschers, zurück im Inneren Reich.“ Der Mann lachte.

Twingle drückte sich an der Mauer hoch, sein Blick glitt auf der Suche nach einer Fluchtmöglichkeit zur Seite.

„Bist du verwundert mich zu sehen?“ Der Mann tat einen weiteren Schritt auf ihn zu.

Twingle sah, dass zwei weitere Personen hinter ihm standen. Er kannte sie nicht. In ihren Händen hielten sie Holzschlägel.

„Du sagst ja gar nichts. Oder erkennst du deinen alten Freund nicht mehr?“ Begleitet von einem hämischen Grinsen griff der Breitschultrige nach seiner Maske und löste den Riemen hinter seinem Kopf.

Entsetzen breitete sich in Twingle aus. Doch war es weniger der grausame Anblick des aufgedunsenen roten Fleisches, oder das kalte tote Auge, das beinahe gänzlich weiß zu sein schien, das ihm einen Schauer den Rücken hinab laufen ließ. Er war sich nun vollkommen sicher: Die Person, die vor ihm stand, war niemand geringeres als der der einstige Heerführer. Die Person, die er seinem Herrn als Opferlamm vorgeführt hatte. Die dafür hatte büßen müssen, dass Twingle sich dem Befehl seines Meisters widersetzt hatte.

Wie konnte das nur sein? Twingle hatte ihn sterben sehen. Sein Herr hatte den Heerführer mit Hilfe des dunklen Steines und der unheilvollen Runen gerichtet. Ihm im erbarmungslosen Kampf zuckender Blitze das Leben ausgetrieben. Doch wenn Twingle es recht bedachte, hatten sie den vermeintlichen Leichnam zurückgelassen und sich nicht weiter um dessen Verbleib geschert.

„Ja!“, erklang die Stimme des Heerführers. „Jetzt erinnerst du dich wieder, nicht wahr?“

Die beiden Männer, die bislang hinter ihm gestanden hatten, stellten sich zu beiden Seiten auf und versperrten Twingle jegliche Möglichkeit zur Flucht.

„Du dreckige Ratte, hast es tatsächlich gewagt mich töten zu wollen! Aber ich gebe dir einen guten Rat! Schau das nächste Mal nach, ob dein Opfer wirklich tot ist.“ Das anfängliche grausame Lachen des früheren Heerführers war verklungen und seine Stimme war erfüllt von blankem Hass.

Twingle war sich sicher. Den Rat, den er gerade erteilt bekommen hatte, würde er bald am eigenen Leib zu spüren bekommen. Vielleicht war es die gerechte Strafe für ihn. Er würde sich nicht wehren. Wie auch, seine Kraft würde wohl nicht einmal für einen dieser drei Männer reichen.

„Dann vermute ich mal, Ihr seid hier, um Euch an mir zu rächen…“, gab Twingle leise als Antwort.

„Oh, ich werde mich an dir rächen. Sieh dir an, was du mir angetan hast!“ Mit diesen Worten öffnete er die Knöpfe des Lederwamses und präsentierte Twingle das verbrannte Fleisch, das seinen gesamten Oberkörper entstellte.

„Nun, Ihr habt schon vorher die Frauen zwingen müssen, Euch in Eurer Kammer zu dienen, was macht es da für einen Unterschied?“, kam es Twingle unerwartet flapsig über die Lippen. Und er konnte sich das Lachen nicht verkneifen.

Die Augen des Heerführers weiteten sich und er packte Twingles Kehle. Mit Wucht prallte Twingles Rücken gegen die kalte Häuserwand. Die rauen Hände des Heerführers waren wie ein Schraubstock, der jedes Atmen unmöglich machte.

Ehe Twingle realisiert hatte, was mit ihm geschah, landete bereits die Rechte des Angreifers in seiner Magengegend. Dafür löste sich die Hand um die Kehle. Twingle würgte und keuchte.

„Ich werde dich vernichten!“, schrie der einstige Heerführer ihn an.

Ein kräftiger Schlag erwischte Twingle an der Schulter, unmittelbar gefolgt von einem weiteren, der an seinem Kopf vorbeistrich. Anscheinend war der Heerführer derart in Raserei geraten, dass er unkontrolliert auf Twingle einschlug und nur jeder dritte Schlag tatsächlich traf, was den Schmerzen und dem sicheren Gefühl, dies nicht zu überleben, keinen Abbruch tat.

Twingle spürte, wie er zu Boden stürzte. Die Pfütze, in die sein Gesichte tauchte, färbte sich rasch rot. Immer wieder zuckte sein Körper unter den Tritten und Schlägen seines Peinigers. So makaber es auch war, das Blut, das aus seinem Körper drang, fühlte sich warm an und schien die Kälte der Nacht und des Regens fortzuwaschen.

Seine Augen waren geschlossen. Er wartete auf den Moment vollkommener Leere, in welchem er endlich abschließen konnte und die grausame Zeit ein für alle Mal ein Ende finden würde.

Mit einem Mal erklang ein Knurren, ein Bellen, wildes Geschrei. Ein Stiefel traf Twingle im Gesicht, allerdings ohne Wucht. Twingle blinzelte durch die angeschwollenen Lider. Das Schuhwerk war von ihm weggerichtet und die Person bewegte sich hektisch hin und her. Zwischen deren Beinen konnte Twingle ein graues zotteliges Etwas ausmachen, das wild umher sprang. Wieder machte der Mann vor ihm einen unkoordinierten Schritt, dabei bewegte er sich rückwärts. Twingle hörte noch einen lauten Aufschrei, begleitet von heftigem Knurren, als der schwere Stiefel des Mannes erneut Twingles Gesicht traf, sein Kopf in die Pfütze tauchte und auf den harten Pflasterstein aufschlug. Dann setzte die lang ersehnte Leere ein.

6 Eine Allianz zerbricht

Elgoraths Körper zitterte. Ihm war schlecht. Alles drehte sich.

„Hilfe! Ich brauche Hilfe! Bitte…!“, seine Stimme war voll von Verzweiflung.

Er taumelte entlang der Gemächer, die eigens für wichtige Besucher und Gäste eingerichtet worden waren. Die siebte Ebene war der Ort, an dem die Parteien, die an den Verhandlungen teilnahmen, untergebracht waren. Doch niemand schien hier zu sein. Die Gänge waren wie ausgestorben. Die Zimmer verschlossen.

Er stolperte weiter vorwärts. Dabei stützte er sich immer wieder mit den Händen an der Wand ab, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Aus den Augenwinkeln konnte er die roten Stellen erkennen, die er dabei hinterließ.