Ethendi - Die Runenkriege - Michael S. V. Preis - E-Book

Ethendi - Die Runenkriege E-Book

Michael S. V. Preis

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Beschreibung

Gemeinsam mit seinem Großvater begibt sich Athul an seinem sechzehnten Geburtstag auf einen Ausflug hinaus aufs Meer. Dabei geraten die beiden in ein schweres Unwetter, das der Junge nur knapp überlebt. Doch der Unfall soll Athuls gesamtes Leben verändern. Ein dunkler Stein, der seinem Träger ungeahnte Kräfte verleiht, gelangt in seinen Besitz. Feine Linien auf der Oberfläche des Fundstücks entpuppen sich als mächtige Runen, mit deren Hilfe die unsichtbaren Kräfte einer geheimnisvollen Energie entfesselt werden können. Zunächst unbewusst macht sich Athul nach und nach die Mächte des Kleinods zu eigen. Immer tiefer gerät er in ein Geflecht aus Lügen und Verrat, an dessen Ende nicht weniger als sein eigenes Leben und das seiner Freunde auf dem Spiel steht.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Michael S.V. Preis

Ethendi - Die Runenkriege

Roman

Der Autor

Etwas Eigenes schaffen – das hat Michael S.V. Preis schon immer fasziniert. Der 1984 geborene Grafikdesigner aus dem Rheinischen hat sich mit seinem ersten Werk „Ethendi – Die Runenkriege“ nicht nur einen Traum erfüllt. Vielmehr hat er seine eigene Fantasywelt so realistisch zum Leben erweckt, dass daraus ein faszinierender Stoff für alle Freunde dieses Genres entstanden ist. „Ich liebe das Fantastische, die erfundenen Welten. Sie laden zum Träumen ein und sind ein Ausgleich zum täglichen Einerlei“, sagt Michael S.V. Preis.

Mit seinem Werk über den Aufstieg des jungen Athul zu einem ebenso mächtigen wie grausamen Herrscher, eröffnet der Autor die Fantasyreihe zum Ethendi-Universum – eine Welt voller Mythen, aufregender Charaktere und spannender Handlungen.

 www.michael-sv-preis.de

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 www.facebook.com/ethendi

Für meine Mum, die trotz schwerer Zeiten Kraft gefunden hat, mir Kraft zu geben und mich zu unterstützen.

1. digitale Ausgabe 12/2018

Copyright © 2018 by Michael S.V. Preis

Copyright © 2018 der ungekürzten Lizensausgabe

1. Auflage, ET 4. Quartal 2018

Verlag / Herausgeber

Projekt VielSeitig – Sieger GbR Michael Sieger (verantwortlich)

Grund 3, 42653 Solingen

Telefon: 0212/2535421-5

E-Mail: [email protected]

Lektorat:

Wolfgang Brandt

Illustrationen:Cover: Anastassia Schitz (Cottony Art) Auftakt-Bilder: Inga Semisow,Weltkarte: Holger »Meckerdrache« JagowAuftakt-Lyrik: Stephan Venker

eBook-Erstellung:

SiMa Design – Michael SiegerGrund 3, 42653 Solingen

ISBN: 978-3-945310-14-4

www.ethendi.de

www.projekt-vielseitig.de

Vorwort

Es ist geschafft! Sechs Jahre Arbeit finden ein Ende. Vieles ist geschehen. Auch ich habe mich weiterentwickelt. Ein Prozess, der den meisten Lesern wahrscheinlich nicht bewusst ist.

Auch mir war vor diesem Projekt nie klar gewesen, wie viel Arbeit, Frust aber auch Herzblut und Leidenschaft in den Zeilen eines Autors stecken. Wie er selbst mit den Figuren gelitten hat, sich an ihnen erfreut und mit ihnen gereift ist.

Zumindest ist es das, was ich als interessantes und lehrreiches Fazit aus dieser Zeit mitnehmen will. Eine Zeit voller Höhen und Tiefen. Begonnen mit einer fixen Idee: aus Fragmenten in meinem Kopf einen eigenen Roman zu verwirklichen.

Es ist eine Zeit, die ich nicht missen wollen würde, trotz herber Rückschläge und Selbstzweifeln. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, die Protagonisten zu begleiten, während sie erwachsen werden, sich entfalten und ihre Wesenszüge vertiefen. Natürlich klingt es merkwürdig, dass der Autor, der die Figuren erschaffen hat, der sie formte und ihnen ihr Selbst gab, davon überrascht ist, was aus ihnen wird. Doch genau das ist es, was geschieht. So sehr ihr eure Charaktere zurechtlegt, so sehr eine strikte Handlung danach schreit, die Figuren in ein gewisses Muster zu zwängen, entwickeln sie letztendlich ein Eigenleben und faszinieren durch einen eigenen Willen.

Ich habe es oft mit meinen Erfahrungen des Erzähl-Rollenspiels (Pen&Paper) verglichen. Wer dort den Spielleiterposten einnehmen durfte, hatte es oft nicht leicht. Vorgefertigte Geschichten werden binnen weniger Minuten von den Spielern gänzlich ins Gegenteil gekehrt. Hatte der Erzähler vorgesehen, dass der dunkle Höhlengang nach links in den goldenen Hort des Drachen führen sollte und auf der rechten Seite nur eine kahle Wand auf die Spieler wartete, so lag es beinahe schon auf der Hand, dass die Gruppe in akribischer Kleinstarbeit genau diese Wand untersuchen und in stundenlangen Versuchen austesten würde, ob es nicht doch einen Weg an ihr vorbei oder im schlimmsten Fall durch sie hindurch geben könnte. Diese Art der Selbstentwicklung war auch beim Schreiben immer wieder zu beobachten. Und genau das macht es unglaublich spannend. Wie oft habe ich abends im Bett gelegen, gerade ein Kapitel abgeschlossen. Auf einmal tauchten Verknüpfungen, viele zurückliegende Kapitel vor meinem geistigen Auge auf. Ideale Ansatzpunkte passend zum aktuellen Geschehen und neue Möglichkeiten, die nächsten Kapitel anders zu gestalten als geplant.

Doch wenn ich bereits an der Stelle angekommen bin, an der meine treue Rollenspielgemeinschaft Erwähnung findet, so will ich die Gunst der Stunde nutzen und all denen, die seit so vielen Jahren zu mir halten, danken. Ihr habt mich auf meinem Weg begleitet, habt mir Kraft gegeben und Mut zugesprochen, auch in den Phasen des Selbstzweifels. Selbst wenn einige von euch mich vielleicht nur einen Teil des Weges begleitet haben, habe ich nichts davon vergessen.

Johanna, Fee, Jule, mein Herz – ihr durftet euch durch die erste Fassung von Ethendi kämpfen. Habt euch tapfer bis zum Schluss Woche um Woche durch die neuen Kapitel gelesen.

Benni, Lara, Anja und Tina – ihr habt den ersten Texten den nötigen Feinschliff gegeben.

Die rasenden Reporterinnen Jessi, Lara und Ena haben dem Werk früh zu erster Aufmerksamkeit verholfen.

Herrn Gogolin, der mich im Schreiben schulte, Wolfgang, meinem Lektor, und Andy, der an mich glaubte, danke ich für die professionelle Unterstützung.

Simon, Kevin und Timm – ihr standet mir mit Rat und Tat zur Seite. Ich sehe mich noch bei dir sitzen, Kevin, Szene für Szene diskutierend. Dir verdanke ich viele Kapitel, die so niemals geschrieben worden wären.

Lieber Chris, unvergessen ist natürlich auch unser Backstage-Besuch – vielen Dank für deine Unterstützung.

Ein großes Dankeschön geht an meine Web-Community. Seabear, »Der erste Ritter« und Marc aka Sagorski. Dem allseits beliebten Meckerdrachen gebührt noch Dank darüber hinaus – hat er doch der Weltkarte neues Leben eingehaucht. Genauso, wie ich Stephan für seine Zeilen danke, die er für dieses Buch dichtete.

Ein ganz besonderer Dank geht selbstverständlich an Inga. Meine persönliche Unduri, die meine Gedanken zu kunstvollen Bildern formt und ihnen Leben einhaucht.

Der letzte und abschließende Dank aber gilt einer ganz besonderen Person. Sie hat mich von Anfang an begleitet. In vielerlei Hinsicht tut sie das schon mein Leben lang. Wir beide hatten Höhen und schmerzhafte Tiefschläge. Und auch der Schaffungsprozess von Ethendi führte dazu, dass wir mehr als einmal aneinanderrasselten. Aber so ist es, wenn zwei Gehörnte aufeinandertreffen. Und doch ist eines ganz klar: Hätte ich nicht deine Unterstützung gehabt, hättest du nicht deine Zeit geopfert und wärst nicht immer für mich dagewesen, würde ich diese Zeilen heute nicht schreiben. Ich bin dir zu tiefstem Dank verpflichtet und deswegen widme ich dieses Buch dir, meiner Mum! Du bist etwas ganz Besonderes!

Abschließend bleibt mir nicht mehr viel zu sagen. Ich wünsche euch, dass ihr so viel Spaß am Lesen findet, wie ich es einst beim Schreiben hatte. Und wenn es doch die einen oder anderen Stellen geben sollte, an denen ihr merkt, dass dies mein erster Roman ist – so hoffe ich, dass ihr darüber hinwegsehen könnt. Denn genau das ist es: der Beginn einer Geschichte, der Beginn fantastischer Texte aus meiner Feder. Und auch wenn ich vielleicht in vielen Jahren zurückblicke und mit all der Erfahrung, die mich diese Zeit gelehrt hat, auf die nachfolgenden Seiten schaue, so werde ich es nicht anders schreiben wollen. Denn dies ist mein Werdegang, so habe ich begonnen, und genau so muss es sein.

Euer Michael S.V. Preis

Prolog

Grelle Blitze durchbrachen die Dunkelheit, gefolgt von fernem Donnergrollen. Schwarze Wolken verbargen die Sonne. Immer wieder ertönte das laute Tosen der Wellen außerhalb der Festung und durchbrach die Stille im Raum. Das schwache Licht einer Kerze flackerte in dem langen Saal und tauchte die düstere Szenerie in Zwielicht. Zwischen breiten Säulen zog ein eisiger Luftstrom hindurch und ließ die Seidenvorhänge an den Wänden wild tanzen.

Die aufgeregte Stimme eines jungen Mannes erklang. »Mein Herr! Wir müssen diesen Ort augenblicklich verlassen. Seht Ihr denn nicht, dass es zu spät ist, die Festung zu retten?«

Verzweifelt versuchte er, die kleine Flamme in seinen Händen vor dem Erlöschen zu bewahren, während er mit angestrengtem Blick die Finsternis nach der Person vor sich durchsuchte.

»Macht Euch nicht lächerlich, Enduriel. Das Unwetter wird vergehen. Die Natur hat keinerlei Gewalt über mich. Ich herrsche über die Winde und die See, niemals werde ich zulassen, dass sie sich gegen mich richten! Sie sind Sklaven meiner Macht.«

»Aber Herr! Die Wassermassen treten über die Ufer. Sie haben bereits große Teile der äußeren Befestigungsanlagen unterspült. Wenn wir die Festung nicht bald verlassen, werden wir mit ihr fortgerissen!«

Vorsichtig tastete sich Enduriel vorwärts. Plötzlich hielt er inne. Im schwachen Licht seiner Kerze konnte er die Umrisse seines Herrn erkennen. Zögernd näherte er sich ihm. »Ich bitte Euch! Lasst ab von Euren Bemühungen und seht ein, dass es keinen Sinn mehr hat.«

Der Angesprochene wirbelte herum und schaute ihn aus hasserfüllten Augen an. »Wagt es nicht, an meiner Macht zu zweifeln! Ich war es, der das Wasser zurückdrängte. Mein Wille war es, der es in seine Schranken gewiesen hat. Und mein Wille wird es auch sein, der es wieder dorthin zurückschickt! Es macht mich krank, Eure Angst zu spüren. Niemand wird diesen Ort verlassen! Weder ich noch sonst jemand!«

Erschrocken wich Enduriel einige Schritte zurück. »Eure Macht hat Euch in den Wahnsinn getrieben und er ist es, der aus Euch spricht! Ihr habt jeglichen Sinn für Vernunft verloren. Wenn Ihr uns verwehrt, die Festung zu verlassen, besiegelt Ihr unseren Untergang!«

»Ihr vergreift Euch im Ton! Niemand wagt es, so mit mir zu sprechen!« Erbost riss sein Herr den Arm nach oben.

Ein gleißendes Licht durchbrach die Finsternis und für einen kurzen Moment waren beiden Gestalten im Raum deutlich zu erkennen. Die breiten weißen Schwingen, die den Schulterblättern entwuchsen, waren eng an die Körper gelegt und zuckten angespannt.

Ein heiseres Stöhnen entwich Enduriels Mund während er nach hinten wankte. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er an seinem Körper hinunter. Eine tief klaffende Wunde hatte sich in seiner Brust aufgetan und dunkles Blut quoll aus ihr hervor. Angestrengt versuchte er sich auf den Beinen zu halten, doch er spürte, wie sie kraftlos wurden, und er sackte hinab auf seine Knie. Sein Atem wurde stockend. Mit verzweifelter Miene hob er den Kopf und schaute seinem Herrn flehend entgegen. Sein Blick fiel auf den dunklen Gegenstand, den dieser in seinen Händen hielt. Hastig schloss sich die Hand seines Gegenübers darum.

»Ihr habt mir keine andere Wahl gelassen. Ich kann nicht dulden, dass jemand an meiner Macht zweifelt.«

Mit diesen Worten wandte sich sein Herr mitleidlos von ihm ab und ließ ihn in der Dunkelheit zurück.

Enduriel versuchte erneut sich aufzurichten, doch es wollte ihm nicht gelingen. Der Schmerz in seiner Brust ließ jegliche Kraft aus seinen Gliedern schwinden und er stürzte zur Seite. Zitternd starrte er auf seine Hand, noch immer hielt sie die Kerze fest umklammert. Doch die kleine Flamme, die er zu schützen versucht hatte, war erloschen. Müde schloss er die Augen und sank matt in sich zusammen. Plötzlich durchbrach ein lautes Poltern die eingekehrte Stille und der Boden begann zu beben. Mit letzter Kraft öffnete er die Augen. Es schien, als hätte der Himmel für einen kurzen Moment sein Gesicht gezeigt, um die grausame Szene, die sich vor Enduriel auftat, auszukosten. Inmitten der dunklen Wolken hatte sich eine schmale Schneise gebildet, durch die das fahle Licht der Sonne dringen konnte. Glitzernd schickte sie ihre Strahlen hinab und drang durch die hohen Fenster ins Innere des Saals. Wie von ihrem Licht geleitet, folgten ihrem Glanz sprudelnde Wassermassen, die das Mauerwerk in ihrer ganzen Kraft mit sich rissen. Ein letztes Mal blinzelte Enduriel ihnen entgegen, dann umfing ihn tiefe Schwärze.

Akt 1

Macht

Voll Unschuld und mit Ehrfurchtund Leuchten im BlickNimmt auf, wem sie geboten.Nicht ein Blick zurück.

Halte ein, oh, halte einLass sie nicht dein Ende seinAtme ein und atme ausSie lockt dich in die Welt hinaus

Voll Freude und im Wandelund Anmut in der Seel‘Fängt ein, wem sie geflogenNie wieder ein Befehl.

Halte ein, oh, halte einLass sie nicht dein Ende seinAtme ein und atme ausSie führt dich aus der Haut heraus

Im Trotze und voll Stolzund Vorrang im GemütNutzt aus, wer sie besitztGanz gleich von welch Geblüt

Wenngleich auch zu Beginnvoll Friede euer SinnWenn niemand euch gebieteEinhalt im GemüteSogleich die großen Schritteauf dem Weg der MitteSich verirren blind im LeidZerstört der Weisheit weißes Kleid

1 Versteckspiel

Das fahle Licht der untergehenden Sonne kämpfte sich seinen Weg durch das junge Blätterwerk des Waldes. Hastig warf der Lysten-Junge einen Blick nach hinten. Sein braunes Haar flatterte im Wind. Er konnte nur erahnen, wie weit seine Verfolger noch entfernt waren. Begleitet vom Knacken morscher Äste unter seinen dünnen Ledersohlen hetzte er weiter vorwärts.

»Lauf ruhig weg, Athul. Wir kriegen dich ja doch«, hallte eine hämische Stimme hinter ihm.

Diese Feiglinge, schoss es dem jungen Athul durch den Kopf. In der Gruppe fühlten sie sich stark. Wütend ballten sich seine Hände zu Fäusten. Doch eigentlich war er sich seiner Stellung bewusst. Er war ein einfacher Händlerjunge. Was sollte er jemals gegen diese hochnäsigen Wichtigtuer ausrichten? Derzeit blieb ihm nichts außer Flucht, wollte er nicht einmal mehr verbale, wie auch körperliche Erniedrigungen erleiden.

Ein letzter Blick zurück ließ ihn erleichtert lächeln. Bis auf ihre Schreie, die hin und wieder durch den Wald hallten, war von ihnen nichts zu erkennen.

Mit einem beherzten Sprung ließ er eine breite Wurzel zurück, die quer durch das Unterholz gewachsen war. Unmittelbar dahinter tat sich ein kleiner Abhang auf.

Athul ging in die Hocke und legte eine Hand auf den lehmigen Untergrund, um genügend Halt zu haben. Anschließend ließ er sich, auf allerlei Laub und Geäst, die Erdkuppe hinunter gleiten. An dieser Stelle war der Wald dicht bewachsen und das ungeübte Auge hätte die schmale Schneise zwischen den Dornenbüschen womöglich übersehen. Doch Athul kannte diesen Ort genau. Es war nicht das erste Mal, dass er hier herkam. Allerdings waren seine Besuche nicht immer derart dramatisch.

Ohne zu zögern huschte er an den Stacheln der Äste vorbei, darauf bedacht, mit den weit ausgeschnittenen Ärmeln seines Leinenhemdes nicht hängenzubleiben. Nach wenigen Schritten hatte er das braun-grüne Geflecht hinter sich gelassen und befand sich auf einer kleinen Lichtung. Ringsum wuchsen mächtige Bäume in die Höhe, von Dornenbüschen umwuchert.

Erleichtert ließ sich Athul auf die Knie sinken. Tief sog er die kalte Luft in die Lungen und versuchte sich zu beruhigen. Er spürte das wilde Pochen seines Herzens.

Dann lauschte er. Nicht weit entfernt hörte er das helle Knacken im Unterholz, begleitet von leisem Getuschel.

»Hey, Anrik. Wo ist er hin?«

»Psst, sei doch mal still«, entgegnete eine schroffe Stimme. Sie gehörte Anrik. Er war derjenige, den Athul am meisten verachtete. Die anderen beiden waren nur Mitläufer. Unfähig, eine eigene Meinung auszusprechen. Sofern sie diese überhaupt hatten.

Wieder erklang Anriks Stimme. »Athul? Komm raus du Feigling! Darfst auch nach deiner Mutter schreien! Ach richtig, du hast ja keine!«

Wahrscheinlich hoffte er, Athul mit derlei Äußerungen aus der Reserve zu locken. Doch Athul hatte schon früh lernen müssen, mit Schmerzen und Leid umzugehen. Der frühe Verlust seiner Eltern hatte eine große Leere in seinem Herzen hinterlassen und er hatte gelernt, seine inneren Kämpfe mit tauber Gleichgültigkeit zu besiegen. Und so prallten die Äußerungen Anriks scheinbar wirkungslos an ihm ab. Lediglich der Verachtung für Anrik konnte sich Athul nicht erwehren.

Athul blieb noch eine ganze Weile in seinem Versteck, selbst als seine Verfolger die Suche nach ihm längst aufgegeben hatten. Im Grunde ärgerte er sich über sich selbst.

Normalerweise wusste er, welche Gebiete er meiden sollte, um ihnen nicht zu begegnen. Wahrscheinlich hatte ihn das herannahende Ereignis leichtsinnig gemacht. Sein sechzehnter Geburtstag. Der Schritt vom Knaben zum Mann. Zumindest nannte sein Großvater Olgard dies so. Der alte Mann hatte Athul nach dem Tod der Eltern ein Zuhause gegeben. Gemeinsam lebten sie in Havsvik, dem kleinen Dorf, aus dem Athuls Vater stammte. Seit frühen Kindheitstagen war er nie wirklich an einem Ort zu Hause gewesen. Beide Elternteile hatten sich einst entschlossen, als fahrende Händler die Welt zu bereisen. Sie waren von Ort zu Ort gefahren. Hatten Waren gekauft, um sie dann wieder zu verkaufen. Ein Umstand, der für Athul nicht immer leicht gewesen war und ihm auch heutzutage noch oft verwehrte, einen festen Halt in seinem Leben zu finden. Athul kniff die Augen zusammen. Für einen kurzen Moment war er geneigt, den Erinnerungen nachzugehen. Doch hatte er den aufsteigenden Schmerz noch rechtzeitig unterdrücken können. Er spürte, wie sich seine Finger entspannten, die er mit aller Kraft in die Oberschenkel gekrallt hatte.

Langsam richtete er sich auf. Er lauschte. Lediglich das leise Rauschen des Windes im Geäst war zu hören. Zu Athuls Erstaunen hatte bereits die Dämmerung eingesetzt. Er hatte die Zeit vollkommen vergessen, und so eilte er sich, nach Hause zu kommen.

2 Zuflucht

Unruhe breitete sich in Olgard aus. Die dichten grauen Augenbrauen hatte er zusammengezogen und tiefe Falten zeichneten sich deutlich auf seiner hohen Stirn ab. Die Hände hatte er auf die braune Leinenhose gelegt, während seine Finger nervös mit den Schnüren seiner Ärmel spielten. Es gefiel ihm nicht, dass sein Junge so spät noch unterwegs war. Besonders am heutigen Abend hätte er es begrüßt, Athul hätte sich eher eingefunden, wo doch morgen sein großer Tag bevorstand. Olgard konnte es nicht verstehen, dass sein Junge dem Ereignis scheinbar derart wenig Aufmerksamkeit entgegen brachte. Augenscheinlich nahmen die Traditionen der Gründerväter heutzutage keinen hohen Stellenwert mehr bei der jüngeren Generation ein. Entgegen der alten Tradition war es kaum mehr üblich, dass die Jungen im Dorf bereits in frühen Kindertagen mit auf See genommen wurden. Die Zeiten, aus denen diese Gebräuche stammten, waren überholt und das Leben im Dorf hatte sich weiterentwickelt. In den Zeiten der Gründung hatte die Dorfgemeinschaft einen Großteil der Einnahmen über den Fischhandel erzielt. Die wirtschaftlich gute Lage hatte dazu geführt, dass das kleine Fischerdorf rasch Zuwachs erhielt und sich durch die neuen Siedler mehr und mehr von seinen Ursprüngen entfernte. Doch wenn Olgard ehrlich war, war ihm bewusst, dass auch er Teil dieser Wandlung war. Er hatte es vorgezogen, sich dem Handel der verschiedensten Waren zu verschreiben und war dem Fischerleben ferngeblieben. Und doch hing er an den alten Traditionen und war froh, dass diese nicht vollends verschwunden waren.

Immer wieder ging sein Blick hinüber zum Fenster neben der Eingangstür. Die Sonne war mittlerweile gänzlich am Horizont verschwunden, darum hatte Olgard Kerzen entzündet. Mit einem Mal begannen die tanzenden Flammen wild zu flackern und ein kühler Windhauch strich durch Olgards Haar. Die Eingangstür hatte sich geöffnet und Athul stand auf der Schwelle. Olgards vorwurfsvoller Blick traf ihn.

»Verzeiht mir Großvater«, erwiderte dieser betroffen, während er die Tür hinter sich schloss.

»Wo bist du nur so lange gewesen? Ich habe mir Sorgen gemacht.«

»Ich, … ich habe noch einige Freunde getroffen. Dabei muss ich wohl die Zeit vergessen haben«, stammelte er.

Freunde? Olgard schaute seinen Jungen durchdringend an. In den Jahren, in denen Athul bei ihm lebte, hatte er nur selten Freunde gehabt und diese meist nicht lange. Seine in sich gekehrte, teils schüchterne Art machte es ihm schwer, Gleichgesinnte zu treffen.

»Na schön. Aber bitte achte beim nächsten Mal darauf, dass du nicht erst im Dunkeln heimkehrst.«

Manchmal wünschte Olgard, er könne Athul gegenüber mehr Strenge zeigen. Doch brachte er dies nicht übers Herz. Zu sehr erinnerte ihn der Junge an dessen Vater.

»Natürlich Großvater. Es wird nicht wieder vorkommen.« Reumütig schaute der Junge zu Boden.

»Schon gut. Komm her, lass dich einmal ansehen«. Olgards strenge Miene war einem Lächeln gewichen, und er winkte Athul zu sich heran. »Bist ja völlig verdreckt. So möchtest du doch nicht deinem großen Tag entgegengehen? In der Küche steht noch etwas Wasser.«

Der nächste Morgen begann bereits sehr früh für Olgard. Erste Sonnenstrahlen drangen durch das Fenster und tauchten das kleine Zimmer in einen goldenen Glanz. Verschlafen streckte er sich. Aus dem Wohnraum drang das Klappern von Geschirr an sein Ohr. Verwundert richtete er sich auf und griff nach den Kleidungsstücken, die er am Vorabend über einen Stuhl nah dem Bett gelegt hatte.

Als er die angelehnte Tür zur Wohnstube aufschob, erblickte er Athul. Der Junge stand vornüber gebeugt am Esstisch und schob eine Schüssel mit Brot in die Mitte.

»Guten Morgen mein Junge«, sagte Olgard und fügte mit deutlicher Verwunderung hinzu: »Schon so fleißig?«

Athul fuhr erschrocken herum, anscheinend hatte er den alten Mann nicht kommen hören. »Oh. Guten Morgen, Großvater. Ich konnte nicht länger schlafen.«

Olgard schmunzelte, erwiderte aber nichts. Es freute ihn zu sehen, dass sein Junge den heutigen Tag offenbar doch ernster nahm als vermutet. In den letzten Wochen war er sich dessen nicht immer sicher gewesen. Hatte Athul ihm doch oft genug deutlich gemacht, dass er von all den Festlichkeiten und der damit verbundenen Aufmerksamkeit für seine Person nicht allzu viel hielt.

»Wir scheinen Glück zu haben mit dem Wetter«, stellte Athul fest, während er den letzten Teller auf den Tisch stellte.

Olgards Blick schaute zu den breiten, einladenden Fenstern. Der Himmel war in ein helles Blau getaucht, lediglich vereinzelte weiße Schleier zogen wie Seide über ihn hinweg.

»Sieht ganz danach aus.« Olgard klatschte in die Hände. »Dann wollen wir uns nicht zu viel Zeit lassen. Zeig doch mal, was du Gutes für uns vorbereitet hast.«

Mit diesen Worten griff er über den Tisch und brach ein großes Stück aus dem Brotlaib heraus, während Athul neben ihm Platz nahm.

3 Rechte und Pflichten

Die Sonne hatte mittlerweile ihren Platz am Himmel eingenommen, als Athul und Olgard vor die Tür traten. Beherzt sog Athul die frische Morgenluft ein. Ein ungewohntes Gefühl der Euphorie hatte von ihm Besitz ergriffen. Auch wenn er es sich selbst nicht eingestehen wollte, so konnte er die aufsteigende Vorfreude nun nicht mehr unterdrücken. Sie folgten dem Weg, am Vorgarten vorbei, zur Hauptstraße. In unregelmäßigen Abständen säumten kleine Holzhäuser den Wegesrand. Sie besaßen eine ähnliche Bauweise wie das von Olgard: ein kleiner Vorgarten, geteilt durch einen Kiesweg, der zur Eingangstür führte. Breite Holzstreben, die das kurze Vordach trugen. Im Inneren trennten massive Holzwände Küche, Wohnraum und Schlafräume voneinander auf einer Ebene.

Das gesamte Dorf durchzog ein breites Geflecht aus kleinen Wegen und Gassen, welches sich um die Hauptstraße gliederte, die wiederum die Stadt zentral durchlief und am Hafen endete. Dies war auch der Weg, den Athul und Olgard einschlugen. Flache Steinbrücken überragten die dünnen Seitenarme des Meeres, die sich vereinzelt durch das Dorf schlängelten. Ihr Haus lag ein gutes Stück entfernt von ihrem Ziel, genug Zeit, damit sich das unbehagliche Gefühl in Athuls Magengegend verstärken konnte. Er war es nicht gewohnt, derart im Mittelpunkt zu stehen und er fragte sich, ob es überhaupt irgendwen interessieren würde, dass heute sein sechzehnter Geburtstag war.

Die Straße machte einen Bogen und verlief eine kleine Anhöhe hinauf. Eine Brise salziger Meeresluft wehte ihm um die Nase, als sie den höchsten Punkt überquerten. Der Blick hinab verriet ihm, dass seine Bedenken gänzlich unbegründet waren. Schon von Weitem konnte er die versammelte Menge erkennen, die sich am Hafen eingefunden hatte.

»Du hast es aber auf einmal eilig«, stellte sein Großvater lachend fest.

Ohne es zu beabsichtigen, hatten sich Athuls Schritte beschleunigt. Beschämt schaute er Olgard an. Doch der freudige Ausdruck in dessen Gesicht ließ vermuten, dass er es nicht allzu ernst gemeint hatte.

Sie ließen das letzte Stück der Straße hinter sich und erreichten den Hafen, der sich entlang des kurzen Küstenstücks zog. Die wogende Wasseroberfläche glitzerte wie Tausende Sterne und stieß mit sanfter Brandung gegen die Felsen, die sich zu beiden Seiten des Hafens auftürmten.

Athul ließ den Blick über die versammelten Personen gleiten. Viele der Anwesenden kannte er nur flüchtig. Hafenarbeiter, Fischer, Händler und Bauern aus dem Ort. Aber auch Freunde seines Großvaters und Nachbarn hatten sich eingefunden. Hände wurden geschüttelt und Glückwünsche ausgesprochen. Alles sehr freundlich und doch auf eine eher distanzierte Art. Ein wenig fühlte sich Athul, als wolle man ihn herumreichen, um selbst die Genugtuung zu erfahren, ihm gratuliert zu haben. Doch noch bevor er erfolgreich jedem diesen Wunsch erfüllt hatte, löste sich ein kleiner untersetzter Mann aus der Ansammlung und kam auf Athul zu. Die wenigen Haare, die jeweils eine Seite des Hauptes zierten, hatte er in dünnen Strähnen über die spiegelnde Kopfhaut gekämmt. Seinen Bauch hielt ein breiter Gürtel eng umschlossen, um die fein genähte Hose, in die dieser gequetscht wurde, nicht zum Bersten zu bringen.

»Wie schön, wie schön«, sagte er mit einer einladenden Geste, »da haben wir ja unseren Ehrengast.«

Athul kannte den Mann nur zu gut. Er war Stadthalter von Havsvik und zu allem Übel Anriks Vater. Schon oft hatte Athul feststellen müssen, dass dessen Sohn die überhebliche Art von ihm geerbt hatte.

»Und? Schon aufgeregt?«, fragte der Stadthalter, doch ließ er Athul keine Gelegenheit zu antworten und erhob seine Stimme in Richtung der Gäste. »Nun, meine lieben Freunde, wollen wir Athul in den Stand eines Mannes erheben und ihm die Rechte, wie auch Pflichten zu Teil werden lassen, die dieses Ereignis mit sich bringt.«

Noch während der Stadthalter seinen Worten einen schier unendlichen Schwall von Belehrungen über das Älterwerden folgen ließ, schweifte Athuls Blick erneut durch die Menge. Zwischen all den Frauen, Männern und Kindern stand Neliah. Ein Mädchen in seinem Alter, welches schon lange seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte.

Neliah!

Ihr langes braunes Haar hatte einen rötlichen Schimmer und umrahmte das zierliche Gesicht. In ihrem Blick und ihrem Lächeln lag ein Strahlen, welches ihn mitten ins Herz traf. Sie war wunderschön.

Eine Mischung aus Freude und Unbehagen breitete sich in Athul aus. Niemals hätte er damit gerechnet, sie hier anzutreffen. Obwohl sie in seiner Nachbarschaft lebte, hatten sie niemals mehr als ein kurzes Hallo ausgetauscht. Er hatte sich oft ausgemalt, wie es wohl wäre, sie anzusprechen, doch hatte er nie den Mut gefunden, dies in die Tat umzusetzen.

Ein sanfter Stoß in die Seite ließ Athul aus seinen Gedanken aufschrecken. Mit einem vielsagenden Lächeln deutete sein Großvater auf den Stadthalter.

»Genug der Worte«, erklärte dieser. »Lasst uns zu den Booten gehen.«

Der Steg bevölkerte sich rasch. Jeder der Anwesenden wollte sich einen Platz sichern, von dem aus sich das kommende Ereignis besonders gut verfolgen ließ. Ein letztes Mal hielt Athul Ausschau nach Neliah, doch er konnte sie in dem Gedränge nicht mehr ausmachen. Dann betrat er neben seinem Großvater ebenfalls den Steg.

Zu beiden Seiten waren kleine Holzboote vertäut, die sich im sanften Rhythmus der Wellen wiegten. An einem der Boote hatten sich zwei Hafenarbeiter postiert. Sie winkten Athul und Olgard heran.

Nun war es also so weit. Athuls Herz begann schneller zu schlagen.

Mittlerweile war auch der Stadthalter an ihre Seite geeilt, um Athul feierlich einige letzte Worte mit auf den Weg zu geben.

»Dies, lieber Athul, soll von nun an dein Boot sein. Passe gut darauf auf und halte es in Ehren.« Anschließend machte er einen Schritt zur Seite und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Habt vielen Dank, werter Stadthalter«, ergriff Olgard das Wort. Dann legte er eine Hand auf Athuls Schulter und schaute ihn voller Stolz an. »Ich hoffe es gefällt dir. Schau mal dort, an der Seite!« Sein Blick glitt hinüber zu dem Boot.

Athul folgte diesem.

Das Boot war schlicht aber dennoch schön gearbeitet. Es bot genügend Platz für zwei Personen. Ein feiner Holzschnitt zierte den spitzen Bug. In detailverliebter Perfektion waren dort geschwungene und blumenähnliche Ranken eingearbeitet, in deren Mittelpunkt sich Buchstaben befanden und der Name Athul deutlich zu erkennen war.

Ein Gefühl tiefster Freude ergriff Athul und er konnte sich eines Lächelns nicht mehr erwehren.

»Wusste ich doch, dass es dir gefällt«, quittierte Olgard den Gesichtsausdruck seines Schützlings mit einem zufriedenen Schmunzeln.

»Es ist wirklich schön, Großvater. Habt vielen Dank!«

Sein Dank war aufrichtig und ernst gemeint, da die Kunst des Holzschnitzens eine der wenigen Leidenschaften von Athul war. Auch wenn seine Werke weit von der Perfektion dieser Arbeit entfernt waren, bereitete es ihm immer eine innere Freude, sich diesem Handwerk hinzugeben.

»Nun komm, lassen wir deine Gäste nicht länger warten.«

Athul nickte. Das Boot schwankte einen kurzen Moment, bis beide einander gegenübersitzend auf den Bänken Platz genommen hatten.

»Dann wollen wir ihnen einmal zeigen, was in uns steckt.« Athul griff nach einem der am Boden liegenden Paddel und ließ das Ende gekonnt ins Wasser gleiten.

4 Ein Sturm zieht auf

Ruhig glitt das Boot über das Meer. Zu beiden Seiten sprudelte und gluckste das Wasser. Seichte Wellen sorgten für ein sanftes Schaukeln.

Obwohl Olgard nur selten auf dem Wasser war, beherrschte er den Umgang mit dem Boot virtuos.

Schon nach kurzer Einweisung gelang es Athul, im Rhythmus seines Großvaters gleichzuziehen. Er genoss den Ausflug und das Gefühl der Freiheit auf dem Meer. Immer wieder tauchte er das lange Paddel ins Wasser und beobachtete das aufschäumende Nass, welches sich um das Holz schloss. Ein Blick zurück verriet, dass sie bereits ein gutes Stück zurückgelegt hatten. Der Steg mit den Zuschauern war nur noch als kleiner dunkler Punkt an der Küste auszumachen.

Erst jetzt bemerkte Athul, dass sein Großvater das Rudern eingestellt hatte und zum Himmel starrte. Wie ein dichter Schwarm hungriger Insekten fraßen sich dunkle Quellwolken unbändig durch das helle Blau und tauchten es in ein unheilvolles Schwarz.

Unruhig schaute Athul seinen Großvater an.

»Das gefällt mir ganz und gar nicht.« Deutliche Sorgenfalten zeichneten sich auf Olgards Stirn ab. »Wir sollten auf der Stelle umkehren.«

Schnell ließen sie ihre Paddel wieder zurück ins Wasser gleiten. Doch kaum hatten sie das Boot gewendet, stieß bereits ein erster Blitz hinab. Ein helles Leuchten umfing die beiden, gefolgt von lautem Donnergrollen. In dünnen Fäden fielen Regentropfen herab und tränkten ihre Kleidung. Mit großer Anspannung tauchten sie ihre Paddel immer wieder ins Wasser und trieben das Boot Meter für Meter dem Ufer entgegen. Unablässig kämpften sie gegen die aufgewühlten Wogen des Meeres, die danach trachteten, das Boot zum Kentern zu bewegen.

Der Wind nahm an Stärke zu und zischte bedrohlich in Athuls Ohren. Ihm war es, als läge darunter versteckt ein Flüstern, welches sich warnend in seine Gedanken bohrte.

Plötzlich packte eine Windböe das kleine Boot. Wasser schäumte und spritzte an den Seiten empor. Athul wurde rücklings gegen die Innenseite des Bootes geschleudert. Kaum hatte er sich wieder aufgerappelt, traf eine weitere Welle die Planken und warf ihn erneut zurück. Unwillkürlich musste er schreien.

Athul krallte sich mit beiden Händen an den Seiten des Bootes fest und kniff die Augen zusammen. Er öffnete sie erst wieder, als sich die Lage des Bootes nach einer halben Ewigkeit stabilisiert hatte. Sofort kroch ein kalter Schauer seinen Rücken hinunter.

Das Boot war leer.

Wo war sein Großvater? Panik erfüllte ihn. Mit angestrengtem Blick versuchte er, das trübe Grau zu durchdringen. Der mittlerweile stärker gewordene Regen peitschte ihm ins Gesicht, die Sicht war eingeschränkt. Dann endlich entdeckte er seinen Großvater.

Olgard kämpfte mit aller Macht gegen die Wellen an, um nicht unter Wasser gedrückt zu werden. Es war ein ungleicher Kampf. Immer wieder sprudelten die Wassermassen über seinen Kopf hinweg.

Athul griff nach seinem Paddel, welches glücklicherweise in das Boot gefallen war. So gut es ging, begann er das Boot zu wenden und trieb es näher an den alten Mann heran. Dann hob er das Paddel an und streckte es seinem Großvater entgegen.

»Hier, Großvater!«, schrie er. »Haltet Euch fest! Ich versuche, Euch ins Boot zu ziehen.«

Olgard streckte die Hand aus, doch das Paddel entglitt mehrmals seinen Händen. Mit einem letzten Aufbäumen riss er den Arm in die Höhe und schließlich gelang es ihm, das runde Holz zu fassen.

Athul zog das Paddel mit aller Kraft zu sich heran. Doch gerade als sich die Finger des alten Mannes über den Rand des Bootes legten, stieß eine weitere Welle gegen die Seite und brachte Athul aus dem Gleichgewicht. Vornüber prallte er mit dem Kopf gegen die Seitenwand. Ein stechender Schmerz zog sich durch seine Schläfe und ihm wurde schwarz vor Augen.

Langsam öffnete Athul die Augen. Dumpf hämmerte es in seinem Kopf. Alles um ihn herum schien verschwommen. Hektisch wollte er einatmen, doch sofort füllte Wasser seinen Mund.

Er musste aus dem Boot gestürzt sein. Orientierungslos drehte er sich herum. Er war sich nicht sicher, wo oben und unten war. Die Luft wurde immer knapper. Panisch drehte er seinen Körper im Wasser. Er musste zurück an die Oberfläche. Hektisch stieß er sich mit Armen und Beinen in die Höhe. Plötzlich vernahm er eine dunkle Stimme in seinem Kopf.

Ele a su e et

Athul konnte die Worte deutlich hören. Auch wenn er nicht verstand, was sie bedeuteten, überkam ihn mit einem Mal ein unerklärlicher und doch unbändiger Wunsch, der Stimme nahe zu sein.

Ele a su e et

Immer wieder trafen ihn die Worte. Es gab keinen Zweifel, die Stimme rief ihn zu sich. Sie befahl es ihm, ohne einen Widerspruch zu dulden. Wie aus dem Nichts loderte ein grelles Licht vor ihm auf und riss die Dunkelheit förmlich entzwei. Athuls Wahrnehmung schien gänzlich in den Besitz der fremdartigen Stimme übergegangen zu sein. Die verschwommene Sicht klarte auf und aus dem Gleißen zeichnete sich eine Gestalt ab.

Wie von Sinnen forderte Athul mit kräftigen Bewegungen der Arme und Beine die Belastbarkeit seiner Muskeln heraus. Die hellen Strahlen wurden schwächer, je näher er kam. Die Kontur der Gestalt nahm Form an und gab allmählich preis, was im Unbekannten auf ihn zu warten schien. Aus dem schlammigen Meeresgrund erwuchs, in grauem Stein gehalten, eine imposante Statue. Breite Flügel trennten sich von ihrem Körper, bedeckt von einem Geflecht aus Algen. Einen Arm erhoben, hielt sie einen leuchtenden Gegenstand in der Hand. Athuls Augen fixierten diesen. Dann schnellten seine Finger verlangend nach vorne.

Ein dumpfes Geräusch erklang und zwei Finger der Statue sanken in die Tiefe. Unbeabsichtigt hatte Athul die Hand aufgebrochen und war somit in den Besitz des leuchtenden Gebildes gekommen. Sein Griff schloss sich fest darum. Die glatte Oberfläche fühlte sich angenehm warm an.

Athuls Gedanken galten nur noch dem seltsamen Gegenstand. Alles um ihn herum verlor sich langsam in unendlicher Dunkelheit.

5 Tod

Die letzte Welle hatte das Boot noch einmal zur Seite geworfen. Krampfhaft krallte sich Olgard daran fest. Die Angst, er könne diesen mörderischen Kampf gegen die Naturgewalten nicht länger bestehen, zerrte an ihm. Alle Kraftreserven schienen aufgebraucht. Olgards Glieder waren wie betäubt und er zitterte am ganzen Körper. Wieder und wieder spülten Wellen über seinen Kopf hinweg, Olgards Ende schien nur noch eine Frage der Zeit zu sein.

Doch genau so plötzlich, wie das Unwetter gekommen war, verschwand es auch wieder. Es klarte auf und das Meer beruhigte sich. Dem peitschenden Regen folgten wärmende Sonnenstrahlen, welche auf der Wasseroberfläche in goldenen Farben tanzten.

Erschöpft rang Olgard nach Luft und sammelte sich. Doch der Erleichterung über das eigene Überleben folgte eine sofort aufsteigende Panik. Er spähte hinauf zum Boot. Es wirkte vollkommen ruhig. Zu ruhig. Wo war Athul?

Olgard nahm seine ganze Kraft zusammen und zog sich hinauf. Das kleine Boot war leer!

Die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag ins Gesicht. Voller Entsetzen schweifte sein Blick über das Wasser.

Nichts!

Athul war nirgends zu sehen. Immer wieder wirbelte Olgard herum. Sein Blick durchbohrte förmlich die Wasseroberfläche. Dann hielt er inne.

Ein unerklärlicher kreisförmiger Lichtkegel hatte sich nicht weit vom Boot aufgetan. Verwirrt starrte Olgard hinab ins Wasser. Wie aufgescheucht sprang er von Bord. In dem Leuchten hatte er eine Bewegung ausmachen können. Einen kaum wahrnehmbaren Schatten.

Erneut umfing ihn Kälte. Doch dieses Mal war es ihm vollkommen gleichgültig. Voller Entschlossenheit zog es ihn immer weiter in die Tiefe, während das Leuchten schwächer wurde, bis es letztendlich vollkommen erstarb.

Doch Olgard konnte und wollte jetzt nicht aufgeben. Die schwachen Strahlen der Sonne mussten ausreichen, um die Orientierung nicht gänzlich zu verlieren. Das salzige Wasser brannte ihm in den Augen, während er angestrengt Ausschau hielt.

Da! Aus der Dunkelheit formte sich ein Umriss. Olgard erkannte die leblose Gestalt seines Jungen im Wasser treiben. Augenblicklich schlang er die Arme fest um ihn und kämpfte sich mit letzter Kraft an die Oberfläche.

Gierig nach Luft ringend zog er Athuls leblosen Körper zum Boot. Erleichtert stellte Olgard fest, dass sich ein weiteres Boot näherte. An Bord ließen sich zwei Hafenarbeiter ausmachen. Sie kamen zur Hilfe geeilt, streckten die Arme aus und hoben zunächst Athul hinauf. Dann zogen sie auch Olgard aus dem Wasser.

Ohne auf sein eigenes Befinden zu achten, beugte Olgard sich zu seinem Jungen hinab. Dessen Haut war blass und die Lippen schimmerten in hellem Blau. Olgard hoffte inständig, dass es noch nicht zu spät war. Vorsichtig tastete er nach dem Puls.

»Er lebt!«, entfuhr es ihm erleichtert. Tränen liefen ihm die Wangen hinab. Erst jetzt spürte er, dass er am Ende seiner Kräfte war. Völlig erschöpft ließ er seinen Kopf sinken. Einer der Männer legte ihm eine Decke über die Schultern.

»Wir bringen euch schnell an Land«, waberte aus der Ferne eine Stimme zu Olgard durch.

Mit einem Mal waren all die schrecklichen Erinnerungen zurückgekehrt. Es lag bereits so viele Jahre zurück und doch konnte Olgard noch immer das Gefühl tiefer Trauer und Hilflosigkeit spüren. Wie oft hatte er sich gewünscht, die Zeit zurückdrehen zu können und seinem Sohn ein besserer Vater zu sein. Es war kein Geheimnis, das ihr Verhältnis in den Jahren vor dem schrecklichen Unglück sehr angespannt gewesen war. Olgard hatte nie akzeptieren können, dass sein Sohn mit Athul und dessen Mutter das Dorf verlassen hatte. Die wenigen Male, an denen sie zurückgekehrt waren, waren sie meist geschäftlich unterwegs gewesen. Olgard hatte es in diesen Zeiten vermieden, ihnen zu begegnen. Bis zu jenem Tag, als ihn die schlimme Nachricht erreichte.

Man fand Athuls Eltern tot in einer Gasse auf. Tiefe Messerstiche zeugten von einer grausigen Tat. Wie sich später herausgestellt hatte, waren sie in eine Falle gelockt worden. Diebe, die an ihre Waren gelangen wollten, waren dafür verantwortlich gewesen. Ein sinnloses, aus reiner Habgier begangenes Verbrechen.

Die Täter waren nie aufgespürt worden. Es hatte Wochen gedauert, bis ein ausgesandter Bote Olgard fand. Wochen, in denen Athul vollkommen allein in einer fremden Stadt hatte ausharren müssen, untergebracht in einem Gasthaus, umgeben von Fremden. Zum Zeitpunkt des Verbrechens war Athul gerade einmal zehn Jahre alt gewesen. Olgard hatte nur erahnen können, welches Leid das Kind hatte ertragen müssen.

Über diese Dinge sprach Olgard nie mit Athul. Die eigene Trauer bekämpfte er seitdem mit dem Wunsch, Athul ein besseres Vorbild zu sein. Ein besseres Vorbild, als er es für seinen eigenen Sohn gewesen war.

Das Boot gab einen dumpfen Laut von sich, als es gegen den seitlichen Holzpfosten des Stegs stieß. Olgard hob den Kopf. Sie waren wieder am Hafen angelangt. Er schaute zu seinem Jungen, dessen Kopf in seinem Schoß ruhte.

»Du wirst mir nicht auch noch sterben, das lasse ich nicht zu. Niemals werde ich das zulassen!«, sagte Olgard.

6 Der Fremde

Eine schiere Ewigkeit schwebte Athul im lautlosen Nichts, bevor er endlich in das dämmernde Grenzland zwischen Schlaf und Erwachen zurückkehrte. Für einen Moment wirkte er orientierungslos. Dann realisierte er, dass er sich in seinem Zimmer befand. Das Licht der untergehenden Sonne warf lange Schatten in den Raum und ließ diesen in einem tiefen Rot erglühen.

Ein Geruch von Kräutern lag in der Luft. Athul rümpfte die Nase und versuchte den Ursprung zu ergründen. Seine Hände glitten über die Brust. Raue Leinentücher waren um den Oberkörper gewickelt. Sie fühlten sich kalt und feucht an. Sie waren die Ursache des Geruchs.

Vorsichtig richtete er sich auf, wobei die Tücher von seiner Brust rutschten. Athul fuhr sich mehrmals mit den Händen über den Oberkörper, konnte aber keine Verletzungen ertasten. Jegliche Schwäche schien zudem von ihm gegangen zu sein. Er fühlte sich ausgeruht, auf unerklärliche Art zu neuem Leben erwacht.

Er versuchte sich zu erinnern, was eigentlich geschehen war. Wie war er hierher gekommen?

Er fand keine Antwort. Das Letzte, an das er sich erinnern konnte, war das Unwetter. Und die Sorge um seinen Großvater und der Schmerz in seinem Kopf.

Doch da war noch etwas.

Plötzlich war er endgültig hellwach. Seine Gedanken überschlugen sich: diese Stimme, das Licht, die Statue. Und in der Hand der Statue ...

Hatte er sich all das nur eingebildet?

Nachdenklich glitt er aus dem Bett und stand auf. Lediglich eine beige Stoffhose bedeckte seinen Körper. Rasch griff er nach einem Hemd aus seinem Schrank. Während er es überzog, drangen Stimmen aus der Wohnstube an sein Ohr. Athul näherte sich der geschlossenen Zimmertür und lauschte.

»Seid Ihr Euch vollkommen sicher?«, hörte er seinen Großvater fragen.

»Ich habe vorhergesehen, dass es so kommen würde. Doch habe ich die Ereignisse nicht so bald erwartet«, antwortete eine fremde männliche Stimme.

»Und was werdet Ihr jetzt tun?«, wollte sein Großvater wissen.

Eine kurze Pause trat ein, dann antwortete der Fremde bestimmend: »Es wäre das Beste, ich würde den Stein erst einmal an mich nehmen. Um vollkommen sicher zu sein.«

Stein? Athul war verwirrt. Er entschloss sich herauszufinden, worüber die beiden Männer sprachen.

Er öffnete die Tür und trat in die Stube. Sein Großvater und der Fremde drehten sich zu ihm. Als Olgard den Jungen erblickte, strahlten seine Augen vor Freude und seine Mundwinkel formten sich zu einem Lächeln. »Athul, mein Junge! Du bist wach!« Olgard erhob sich und schloss ihn fest in die Arme.

Athul erwiderte die Umarmung, während sein Blick zu dem Fremden wanderte.

Der Mann war in einen weiten und abgetragenen Ledermantel gehüllt. Das lange Haar hing in wilden und verschlungenen Strähnen vom Kopf hinab. An einigen Stellen schimmerte in dem dunkelbraunen Haar ein zartes Silbergrau.

Athul fragte sich, wie alt der Fremde wohl war. Er konnte ihn schwer einschätzen. Zwar wirkte sein Gesicht wie das eines jungen Mannes, doch der müde Ausdruck, der auf ihm lag, ließ es älter erscheinen.

Der Griff seines Großvaters löste sich und Athuls Blick fiel auf den Esstisch. Auf seiner Mitte lag ein dunkler Gegenstand. Athul starrte ihn gebannt an.

Das Licht legte einen glänzenden Halbkreis auf die abgerundeten Kanten und verlief sich im Schwarz seiner glatten Oberfläche. Dies war der Gegenstand. Ein schwarzer Stein. Er hatte es sich also nicht bloß eingebildet.

Athul riss den Blick los und schaute wieder zu dem Fremden. Dieser bemerkte es und trat einen Schritt auf ihn zu. »Es freut mich zu sehen, dass es dir wieder besser geht«, sagte er mit angestrengter Stimme. Er wirkte erschöpft. Mit einem höflichen Nicken fügte er hinzu: »Mein Name ist Elgorath.«

»Elgorath hat sich um dich gekümmert und dir geholfen, wieder gesund zu werden«, erklärte Olgard sichtlich dankbar.

Athul überlegte, ob er den Mann schon jemals zuvor gesehen hatte. Doch so sehr er sich auch anstrengte, er konnte sich nicht daran erinnern.

»Dann danke ich Euch vielmals«, sagte er. Sein Dank war aufrichtig, auch wenn er mehr dazu diente, etwas zum Gespräch beizutragen und die Dinge richtig einzuordnen. Eine gesunde Skepsis erschien Athul angebracht.

Elgorath, der Athuls Unsicherheit anscheinend bemerkt hatte, lächelte ihn an. »Mach dir keine Sorgen. Dein Großvater wird dir über alles berichten, was seit deinem Unfall geschehen ist. Ich werde euch nun allein lassen und am Morgen noch einmal nach dir schauen, Athul.« Mit diesen Worten drehte er sich zum Esstisch und griff nach dem dunklen Stein.

»Halt!«, schrie Athul und war im selben Augenblick erschrocken über seinen eigenen impulsiven Ausbruch.

Verwundert drehte sich Elgorath zu ihm um.

»Das gehört mir!«, hörte sich Athul mit fester Stimme sagen.

»Athul!«, ging Olgard dazwischen. »Was ist denn in dich gefahren?«

Aber Elgorath winkte ab. »Lasst gut sein.« Er wandte sich wieder an Athul: »Hör mir zu, Junge! Es ist wichtig, dass ich deinen Fund an mich nehme. Ich warte schon so lange auf eines der alten Relikte, ich ...« Er unterbrach sich selbst und holte tief Luft. »Ich verspreche, du bekommst ihn zurück.«

Athul war verwirrt. Was ging hier vor? War es der Stein, der ihn derart faszinierte, dass er ihn nicht hergeben wollte, oder der Umstand, wie er in seinen Besitz gekommen war?

Er schüttelte den Kopf, er wollte den Stein nicht dem Fremden überlassen. »Ich würde es begrüßen, wenn Ihr jetzt geht und den Stein mir überlasst.« Mit diesen Worten ging er an Elgorath vorbei und nahm den Stein rasch an sich.

Dessen Blick ließ vermuten, dass er mit der Entscheidung nicht einverstanden war. Dennoch erwiderte Elgorath: »Vielleicht ist es wirklich besser, dir noch etwas Ruhe zu gönnen. Wir werden morgen darüber sprechen.«

Der Fremde verabschiedete sich höflich und ging zur Tür. Olgard trat an seine Seite und öffnete sie ihm. Beide nickten sich kurz zu. Dann war Elgorath in den Abend entschwunden.

Olgard wirkte besorgt und seine Stirn zeigte tiefe Falten. Athul lächelte seinen Großvater beruhigend an. Den Stein ließ er in seine Hosentasche gleiten.

An diesem Abend verloren sie kein Wort mehr über das kurze Gespräch mit Elgorath. Als die Zeit vorrückte, erfuhr Athul stattdessen, dass er seit beinahe einer halben Woche im Bett gelegen hatte. Olgard hatte in diesen Tagen immer wieder neugierige Blicke und Fragen abwehren müssen.

»Das Mädchen aus der Nachbarschaft, Neliah, sie war auch hier und hat sich nach dir erkundigt.«

Athul starrte ihn ungläubig an. Seine Wangen wurden heiß. Irgendetwas in seiner Magengegend verkrampfte sich.

»Wusste ich doch, dass dich das interessieren würde.«

Unfähig eine Antwort zu geben, starrte Athul auf seine Hände. Verschiedenste Szenarien bauten sich vor seinem inneren Auge auf. Hatte sie seinen Unfall mit angesehen? Und wenn ja, war sie aus Mitleid gekommen? Oder interessierte sie sich gar wirklich für ihn?

»Scheint dich ja ziemlich erwischt zu haben«, stellte Olgard schmunzelnd fest.

»Wie? Nein ... ich meine. Keine Ahnung. Ich kenne sie ja nicht einmal.« Athul wollte das Thema lieber meiden.

»Schon gut. Mach dir keinen Kopf.« Olgard konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen und gab ihm einen lieb gemeinten Klaps auf die Schulter.

Als Athul in dieser Nacht sein Zimmer betrat, quälte ihn eine unbändige Neugier. Er warf sich auf das Bett und holte den Stein aus der Tasche hervor. Kurz hielt er inne, dann legte er ihn vor sich auf das Laken und betrachtete ihn eine Weile fasziniert. Schließlich schlossen sich seine Finger um den glatten Gegenstand und er hob ihn näher zum Schein der kleinen Kerze hin, die er aus dem Wohnraum mitgenommen hatte. Im schwachen Licht konnte er die matt glänzende Oberfläche genauer erkennen. Über sie hinweg zogen sich feine, kaum wahrnehmbare Linien. Wie kleine Wellen wanderten sie einmal um die Oberfläche.

Zögernd fuhr Athul mit den Fingern an ihnen entlang. Ein kalter Windhauch ging durch das Zimmer und drohte die Kerzenflamme kurzzeitig zum Erlöschen zu bringen. Athul schaute sich um. Zu seiner Verwunderung stellte er fest, dass weder Tür noch Fenster geöffnet waren. Kopfschüttelnd wendete er sich wieder dem Stein zu.

Stunde um Stunde verstrich, in der sich Athul der merkwürdigen Faszination des Steins hingab. Erst als die Vögel ihr morgendliches Frühlingslied anstimmten, fielen ihm die Augen zu und ließen ihn in einen tiefen und traumlosen Schlaf versinken.

Es war weit nach Mittag, als Athul am nächsten Tag erwachte. Den schwarzen Stein hielt er noch immer fest umschlossen in der Hand. Verschlafen setzte er sich auf. Langsam drehte er ihn zwischen den Fingern.

Mit jeder Drehung kehrte die Erinnerung an den gestrigen Abend zurück. Am heutigen Tag wollte dieser Elgorath erneut seinem Großvater und ihm einen Besuch abstatten. Athul war sich nicht sicher, wie er sich verhalten sollte. Nachdenklich schob er den Stein zurück in die Hosentasche und sprang aus dem Bett.

Als er die Stube betrat, stellte er verwundert fest, dass sein Großvater nicht dort war. Athul machte sich auf den Weg in Richtung der Küche, als es an der Tür klopfte. Ein flaues Gefühl breitete sich in seinem Magen aus. Zögernd drehte er sich um und ging zur Tür.

»Wer ist da?«, fragte er mit bemüht ruhiger Stimme.

»Ein Bote. Ich bringe Nachricht«, antwortete die Person auf der anderen Seite.

Athul öffnete die Tür. Vor ihm stand ein junger Bursche. Er war kaum älter als er selbst.

»Ich habe ein Schreiben für einen Olgard. Bist du das?«

Athul schaute ihn nachdenklich an. »Von wem kommt die Nachricht?«

»Ein Mann gab mir den Brief. Er war Gast in meines Vaters Herberge. Den Namen weiß ich nicht.«

Athul nahm den Brief dankend entgegen und schloss die Tür. Vorsichtig strichen seine Finger über das kleine Siegel auf der Rückseite. Auf dem dunkelroten Wachs zeichneten sich die Umrisse eines Berges ab. Athul fragte sich, was das Siegel zu bedeuten hatte und woher es stammte. Sollte dieser Brief von Elgorath kommen?

Unentschlossen wog er das Papier in der Hand. Wenn er doch nur wüsste, was in dem Brief stand. Langsam schritt er auf den Tisch im Wohnraum zu, nahm Platz und legte den Brief vor sich ab. Vielleicht war es ja Schicksal, dass sein Großvater gerade jetzt nicht zu Hause war. Vielleicht sollte Athul den Brief bekommen. Könnte der Bote die Botschaft nicht auch falsch verstanden haben? Sicherlich war der Inhalt an sie beide gerichtet. Letztendlich würde ein kurzer Blick bestimmt nicht schaden - nur um sicher zu gehen.

Zögernd griff er nach dem Umschlag. Dann öffnete er ihn und las.

Hoch geschätzter Olgard,

leider kann ich unser heutiges Treffen nicht wahrnehmen. Mich ereilten wichtige Neuigkeiten, denen ich große Aufmerksamkeit schenken muss. Vielleicht stehen sie im direkten Zusammenhang mit den Ereignissen, die sich um Athul drehen. Es ist von größter Wichtigkeit, dass er den Stein zur Seite legt, bis ich zurückkehre und wir ihn gemeinsam erforschen können. Wie ich Euch bereits mitteilte, halte ich den Fund eures Jungen für ein altes Relikt aus vergangenen Zeiten und die Linien auf seiner Oberfläche für Runen. Wenn ich richtig vermute, besitzen sie noch immer gewaltige Kräfte. Ich kann nicht beurteilen, ob daraus eine Gefahr erwächst, doch sollten wir das Schicksal nicht herausfordern. Bitte tragt Sorge, dass der Junge den Stein nicht weiter bei sich führt.

Ich werde schnellstmöglich zurückkehren, um Genaueres zu berichten.

Es grüßt als Freund,

Elgorath

Stumm und ausdruckslos ließ Athul den Brief sinken. Angestrengt versuchte er das Gelesene zu begreifen, doch es war ihm, als ob ein dunkler Schleier in seinem Kopf jeden klaren Gedanken unterdrückte. Seine Hand glitt vorsichtig tiefer in seine Hosentasche. Er berührte den Stein. Sein Herz begann zu rasen und er spürte eine erdrückende Anspannung in seinem Körper, die ihn kaum atmen ließ. Mit festem Griff umschlossen seine Finger den Stein und zogen ihn langsam hervor. Neugierig hielt er ihn vor sich. Was sollte er nur tun?

Ein sanfter Luftzug strich ihm durchs Haar, und er vernahm das dumpfe Geräusch einer Tür, die wie in weiter Ferne geöffnet wurde.

»Hast du ausgeschlafen?« Olgards Stimme drang an Athuls Ohr. Erschrocken fuhr er aus seinen Gedanken hoch. Er fühlte sich merkwürdig ertappt. »Nun, ich … ja! Ja, habe ich. Und Ihr, Großvater, wo habt Ihr Euch herumgetrieben?« Ein gequältes Lächeln huschte über seine Lippen.

»Herumgetrieben?« Olgard musterte Athul. »Ich habe mich auf dem Markt herumgetrieben.«

Er deutete mit einem Nicken auf die schweren Stoffbeutel. Anschließend wanderte sein Blick zu Athuls Hand, die noch immer den Stein umklammert hielt. Schnell ließ dieser ihn wieder in seine Tasche gleiten. Aus einem unerfindlichen Grund wollte er seinem Großvater nichts von dem Brief erzählen. Athul redete sich ein, dass er ihn lediglich nicht beunruhigen wollte, und schob das Papier mit einer raschen Handbewegung in seinen Ärmel.

»Lasst mich Euch etwas abnehmen, Großvater.«

Athul sprang auf und griff schnell nach einer der Taschen, um von der unangenehmen Spannung zwischen ihnen abzulenken.

Der restliche Tag verlief nicht besser. Es herrschte eine merkwürdige Stimmung zwischen Olgard und Athul. Athul musste immer wieder an den Brief und seine Botschaft denken. Einige Male spielte er tatsächlich mit dem Gedanken, den Stein zur Seite zu legen. Doch beließ er ihn vorerst in seiner Hosentasche.

7 Ein neuer Morgen

Geweckt durch ein Klopfen an seinem Fenster öffnete Athul die Augen. Ein lautes Gähnen drang aus seiner Kehle, während er sich durch das zerwühlte Haar strich. Verschlafen schaute er hinaus. Neliahs wunderschöne grüne Augen glitzerten ihm entgegen. Sofort war er hellwach, und sein Herz begann schneller zu schlagen. Verwirrt kletterte er aus dem Bett und öffnete das Fenster.

»Guten Morgen, Nachbarsjunge.« Verschmitzt lächelnd schaute sie ihn an. »Wie ich höre, geht es dir wieder besser?«

Athul brachte lediglich einige unverständliche Worte als Antwort hervor.

»Du fragst dich bestimmt, warum ich hier bin?« Ohne eine Reaktion abzuwarten, lieferte sie ihm die Antwort: »Ein Freund und ich wollen raus aufs Meer und ich dachte, da du ja nun dein Boot hast, möchtest du uns vielleicht begleiten?«

Athuls Magen verkrampfte sich. Er atmete tief durch und versuchte einen sinnvollen Satz zu formen, was ihm allerdings nur mäßig gelang.

»Nein, … ich meine ja. Ja, warum nicht?«

Neliah quittierte seine Unsicherheit mit einem belustigten Lächeln. »Dann zieh dir was über. Wir warten vor dem Haus auf dich.«

Athul hinterließ eine kurze Notiz für seinen Großvater auf dem Esstisch, dann verließ er das Haus. Neben Neliah wartete ein kleiner, etwas molliger Junge. Er trug eine knielange, verwaschene Hose, deren Bund von einem verfilzten Wollpullover verdeckt wurde. Das blonde Haar war kurz geschnitten und lag wild auf dem Kopf. Er reichte Athul die Hand und stellte sich als Ernest vor, Bauerssohn und Freund von Neliah.

Gemeinsam schlenderten sie die Straße hinab zum Hafen. Unterwegs erzählte Neliah von einer Stelle am Wasser, die sie vor einigen Tagen entdeckt hatte, und die sie sich unbedingt anschauen müssten.

Athul beobachtete sie aus den Augenwinkeln. Ihre Mimik, ihre Gestik, einfach alles an ihr schien perfekt. Wie lange hatte er davon geträumt, einmal mit Neliah reden zu können, und nun liefen sie gemeinsam zum Meer und unterhielten sich, als wäre es selbstverständlich. Eine wohlige Wärme breitete sich in ihm aus und er musste zufrieden lächeln. Für eine kleine Weile vergaß er ganz einfach seine Sorgen.

Als sie den Hafen erreichten, schaute ihn Neliah fragend an.

»Meinst du, wir können mit deinem Boot hinaus?«

Athul schaute prüfend zu seinem Boot. Das Unwetter schien keine Schäden hinterlassen zu haben. Bisher hatte er nicht darüber nachgedacht, wie es wäre, erneut aufs Meer hinaus zu fahren. Die direkte Konfrontation mit dieser Vorstellung bereitete ihm kurzfristiges Unbehagen. Doch als Neliah ihn herausfordernd ansah, konnte und wollte er ihr den Wunsch auf gar keinen Fall abschlagen.

»Wir sollten nur nicht zu weit raus fahren. Zu dritt könnte es etwas unsicher sein.«

»Das ist nicht weiter schlimm«, antwortete Neliah. »Die Stelle ist nicht weit von hier. Ich zeig dir einfach, wo wir hin müssen.«

Vorsichtig stieg er in das Boot. Neliah folgte ihm, dabei streckte sie ihm Halt suchend die Hand entgegen. Verlegen ergriff er sie. Ihre Haut fühlte sich zart an, und er verspürte den Wunsch, sie noch länger berühren zu dürfen. Ernest, der es anscheinend nicht abwarten konnte, endlich an Bord zu gelangen, drängte sich an ihnen vorbei. Sein kräftiger Körper versetzte das Boot kurzzeitig in eine gefährliche Schieflage. Neliah stolperte und stürzte Athul direkt in die Arme. Beide verloren das Gleichgewicht und landeten unfreiwillig auf der kleinen Holzbank.

Mit verlegener Miene schaute Neliah ihn an. Ihr Gesicht war seinem so nahe, dass Athul sich einbildete, ihren Atem wahrzunehmen. Er spürte, wie ihm das Blut in die Wangen schoss. Betretenes Schweigen trat ein. Kurz räusperte sie sich, dann drückte sie sich hoch und wendete sich Ernest zu.

»Ernest, du Tollpatsch. Kannst du nicht ein bisschen vorsichtiger sein?« Ihr Lächeln verriet, dass sie dies nicht allzu ernst meinte.

»Tut mir leid«, erwiderte Ernest und winkte entschuldigend in Athuls Richtung.

»Ach, schon vergessen.« Athul löste lächelnd das Tau und stieß das kleine Boot mit dem Paddel vom Steg ab. Danach tauchte er es ins Wasser und sie nahmen Fahrt auf.

Der wolkenlose Himmel leuchtete in einem tiefen Blau. Eine milde Brise streichelte mit unsichtbarer Hand durch ihre Haare. Der Seegang war ruhig und ließ sie gut vorankommen.

»Normalerweise bevorzuge ich ja eher den Landweg«, erklärte Neliah, während sie ihren Blick über die seichten Wellen gleiten ließ. »Ein Freund meiner Eltern besitzt ein kleines Gestüt. Was ist mit dir Athul? Bist du schon einmal geritten?«

Er schaute sie verdutzt an. »Ähm ... früher einmal. Aber das ist schon ziemlich lange her.«

Neliah nickte verstehend. »Ich liebe Pferde. Es hat etwas Majestätisches, auf ihrem Rücken zu sitzen. Das solltest du unbedingt wieder einmal ausprobieren. Vielleicht begleitest du mich mal?«

Athuls Herz machte einen Sprung. Eigentlich machte er sich nichts aus diesen Tieren, aber der Gedanke, mit ihr zusammen zu sein, beflügelte ihn. Am liebsten hätte er ihr sofort eine Antwort gegeben, doch er kam nicht mehr dazu.

Neliah klatschte aufgeregt in die Hände. »Wir sind da!«

Vor ihnen ragte ein großes Felsplateau aus dem Wasser. Mit kräftigen Zügen bewegte Athul das Boot näher heran, bis es auf festen Grund lief. Sie kletterten hinaus und banden es an einem Baumstumpf fest, der sich zwischen rund geschliffenen Steinen behauptet hatte, deren helles Grau von einem rutschigen Algenfilm bedeckt war.

Vorsichtig erklommen sie die felsige Insel. Braune Gräser bewegten sich sanft im Wind und hauchten der kargen Landschaft Leben ein. Vereinzelt hatten sich aus dem steinigen Untergrund dünne Bäume herausgearbeitet. Ihre weiß-grauen Leiber wirkten knöchern und trugen keinerlei Laub.

»Das müsst ihr euch anschauen«, rief Neliah, die vorangegangen war. Aufgeregt winkte sie die Beiden heran. »Da ist eine Höhle. Und hier unten fließt Wasser hinein.«

Sie deutete auf einen Spalt zwischen zwei Felsen, durch den Meerwasser drang.

»Wir sollten da aber lieber nicht reingehen«, entfuhr es Ernest ängstlich, als Neliah Anstalten machte, durch die schmale Öffnung zu schlüpfen.

»Hast wohl Angst steckenzubleiben?«, erwiderte sie augenzwinkernd.

Athul konnte sich ein amüsiertes Grinsen nicht verkneifen. Mit ausgestreckten Armen versuchte Ernest Neliah zu packen. Neliah wich ihm aus, dabei verloren ihre Füße den Halt auf dem rutschigen Untergrund und sie stürzte rücklings in die Höhle. Ein dumpfes Klatschen erklang, danach war es still. Sofort stürmte Athul an Ernest vorbei, der erschrocken einen Schritt zurückgewichen war. Athul warf einen kurzen Blick durch die Öffnung und kletterte hinein.

Es war düster im Inneren, aber nicht vollkommen dunkel. Durch die Felswände zogen sich schmale Spalten und ließen das Tageslicht eindringen. Athul hielt inne. Er hatte ein merkwürdiges Glucksen vernommen. Vorsichtig schaute er sich um. Sein Blick fiel auf Neliah, die neben dem Eingang auf dem Boden hockte. Mit einer Hand vor dem Mund versuchte sie, ihr Lachen zu unterdrücken. Als sie sein verdattertes Gesicht sah, konnte sie nicht mehr innehalten. Athul schaute sie verwundert an, dann hoben sich seine Mundwinkel und er lachte erleichtert auf. Unter lautem Ächzen zwängte sich nun auch Ernest durch die Öffnung.

»Ich kann Euch doch nicht alleine lassen«, sagte er mit einem Anflug von gespielter Heldenhaftigkeit in seinen Worten.

Die Höhle war nicht groß, doch bot sie den Dreien ein ideales Lager.

»Ob vor uns schon mal jemand hier war?«, fragte Neliah, während sie sich auf einen breiten Stein setzte.

»Ich weiß nicht. Sieht nicht sehr bewohnt aus, wenn du mich fragst«, entgegnete Athul.

»Sehr witzig.«

Neliah hob ihren Kopf und rümpfte die Nase. Athul setzte sich neben sie und stieß ihr sanft in die Seite.

»Schon gut«, winkte sie ab. »Sag mal, was ich dich noch fragen wollte: Ich habe gesehen, dass ihr Besuch hattet vor einigen Tagen.«

Entgeistert starrte Athul sie an. In den letzten Stunden hatte er keinen Gedanken mehr an die vergangenen Tage verschwendet.

»Ja und?«

»Wer war das?«, bohrte Neliah weiter.

»Lass gut sein«, antwortete er unwirsch. »Ich möchte nicht darüber reden.«

»Ach, komm schon. Es interessiert mich, was dieser Fremde hier macht.« Neugierig sah Neliah ihn an.

Wütend drehte Athul seinen Kopf zur Seite. »Ich habe gesagt, ich will nicht darüber sprechen!«

»Schon gut. Es war nur eine Frage, du brauchst nicht direkt sauer werden.«

Athul fühlte sich nicht sonderlich wohl in seiner Haut. Warum musste sie damit anfangen? War es bis dahin nicht sehr schön gewesen? Lief es nicht wunderbar zwischen ihnen?

Mit einem lauten Tosen schlug ohne jede Vorwarnung plötzlich eine schwere Welle gegen die Felsen. Neliah schrie auf und Ernest schaute sich ängstlich um. Athul schreckte hoch. Außerhalb der Höhle hatte sich wie aus dem Nichts ein schweres Unwetter zusammengebraut.

»Was ist das? Woher kommt das so plötzlich?« Neliahs Stimme klang verängstigt.

Panik stieg in Athul auf. Er musste wieder an seinen Geburtstag und das verhängnisvolle Gewitter denken.

Unbewusst hatte sich seine Hand um den Stein in der Hosentasche geklammert. Er fühlte sich merkwürdig warm an. Sein Blick wanderte zu seinen Gefährten. Hatten sie etwas bemerkt? Noch bevor er sich selber eine Antwort geben konnte, brach der Zugang zur Höhle in sich zusammen. Zwischen den heruntergestürzten Steinbrocken schoss Wasser hindurch und flutete den Boden. Ängstlich kletterte Ernest in den hintersten Teil der Höhle und kauerte sich dort zusammen.

»Kommt!«, schrie Neliah. »Wir müssen hier raus, sonst ertrinken wir!«

Mühsam kämpfte sie gegen die rasch ansteigenden Fluten an und arbeitete sich zum Eingang vor. Athul sprang ebenfalls auf und folgte ihr.