Ethik der Behindertenpädagogik -  - E-Book

Ethik der Behindertenpädagogik E-Book

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Beschreibung

Die Autorinnen und Autoren regen mit ihren Beiträgen dazu an, das Verhältnis von Behinderung und Gesellschaft unter moralischen Gesichtspunkten angemessen zu reflektieren, denn Behinderung ist kein Tatbestand, der ganz selbstverständlich soziale Verhaltens- und Kommunikationsweisen auslöst. Dazu bedarf es der Reflexion, die eingebunden ist in das gegenwärtige Verständnis vom Individuum, seiner Menschenwürde, seiner Sorge für andere, in die Konzeption von Anerkennung und Gerechtigkeitsvorstellungen. Im vorliegenden interdisziplinär angelegten Buch kommen ausschließlich Autorinnen und Autoren zu Wort, die die Ethikdiskussion in der Behindertenpädagogik auf einer rationalen Basis führen. Weltanschaulichen und religiösen Hintergründen, die häufig in der Behindertenpädagogik präsent sind, erteilen sie in den Beiträgen eine Absage.

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Seitenzahl: 385

Veröffentlichungsjahr: 2011

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Die Autorinnen und Autoren regen mit ihren Beiträgen dazu an, das Verhältnis von Behinderung und Gesellschaft unter moralischen Gesichtspunkten angemessen zu reflektieren, denn Behinderung ist kein Tatbestand, der ganz selbstverständlich soziale Verhaltens- und Kommunikationsweisen auslöst. Dazu bedarf es der Reflexion, die eingebunden ist in das gegenwärtige Verständnis vom Individuum, seiner Menschenwürde, seiner Sorge für andere, in die Konzeption von Anerkennung und Gerechtigkeitsvorstellungen. Im vorliegenden interdisziplinär angelegten Buch kommen ausschließlich Autorinnen und Autoren zu Wort, die die Ethikdiskussion in der Behindertenpädagogik auf einer rationalen Basis führen. Weltanschaulichen und religiösen Hintergründen, die häufig in der Behindertenpädagogik präsent sind, erteilen sie in den Beiträgen eine Absage.

Prof. Dr. Vera Moser lehrt Allgemeine Rehabilitationspädagogik an der Humboldt-Universität zu Berlin. Dr. Detlef Horster ist Professor für Sozialphilosophie an der Universität Hannover.

Vera Moser/Detlef Horster (Hrsg.)

Ethik der Behindertenpädagogik

Menschenrechte, Menschenwürde, Behinderung Eine Grundlegung

Verlag W. Kohlhammer

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung in elektronische Systeme.

Alle Rechte vorbehalten © 2012 W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Umschlag: Gestaltungskonzept Peter Horlacher Gesamtherstellung: W. Kohlhammer Druckerei GmbH + Co. KG, Stuttgart Printed in Germany

ISBN: 978-3-17-021298-5

E-Book-Formate

pdf:

978-3-17-022903-7

epub:

978-3-17-027836-3

mobi:

978-3-17-027837-0

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Vera Moser & Detlef Horster1 Einleitung: Ethische Argumentationen der Behindertenpädagogik – eine Bestandsaufnahme

1.1 Die Thematisierung ethischer Problemlagen in der Behindertenpädagogik in ihrer historischen Entwicklung

1.2 Ethische Diskussionen in der Gegenwart

Detlef Horster2 Was ist Moral?

2.1 Moral und Behinderung

2.2 Was ist Moral?

2.3 Wie kann man moralische Regeln erkennen?

2.4 Die moralische Gemeinschaft, in der wir leben

2.5 Die moralische Gemeinschaft und Menschen mit einer Behinderung

2.6 Supererogation

Detlef Horster3 Angewandte Ethik

3.1 Probleme und Bereiche der angewandten Ethik

3.2 Präimplantationsdiagnostik (PID)

3.3 Akademische und außerakademische angewandte Ethik

3.4 Problembehandlung in der außerakademischen angewandten Ethik

3.5 Ethiktools

Anhang

Andreas Kuhn4 Was ist Behinderung?

4.1 Einleitung: Pädagogik – Ethik – Behinderung

4.2 Behinderung und die Ethik der Behindertenpädagogik

4.3 Behinderung und pädagogische Ethik

4.4 Behinderung, Ethik und Gesellschaft

Eike Bohlken5 Anthropologische Grundlagen einer Ethik der Behindertenpädagogik

5.1 Zur Verhältnisbestimmung von Behindertenpädagogik, Ethik und Anthropologie

5.1.1 Das Verhältnis von Behindertenpädagogik und Ethik

5.1.2 Das Verhältnis von Anthropologie und Ethik

5.1.3 Das Verhältnis von Behindertenpädagogik und Anthropologie

5.2 Grundpositionen der Anthropologie der Behindertenpädagogik

5.2.1 Urs Haeberlin – kritische Analyse behindertenpädagogischer Menschenbilder

5.2.2 Ulrich Bleidick – Vorrang der Perspektive von Menschen mit Behinderung

5.2.3 Dieter Gröschke – der integrative Begriff des bedürftigen und fähigen Menschen

5.2.4 Otto Speck – ein integrales Bild von Menschen mit Behinderung

5.3 Probleme und Kritikpunkte

5.4 Plessners Drei-Stufen-Modell der menschlichen Natur und die Figur des homo (in)validus

Jörg Zirfas6 Eine Pädagogische Anthropologie der Behinderung – Über Selbstbestimmung, Erziehungsbedürftigkeit und Bildungsfähigkeit

Einleitung

6.1 Was ist Pädagogische Anthropologie?

6.2 Was bedeutet anthropologische Begründung der Behindertenpädagogik?

6.3 Zur pädagogisch-anthropologischen Kritik an der Sonderanthropologie

6.4 Eine pädagogisch-anthropologische Ethik

Michael Quante & David P. Schweikard7 Person

Einleitung

7.1 Methodologische Vorbemerkungen

7.2 Der Begriff der Person: Vier Verwendungsweisen

7.3 Personalität als Kriterium des moralischen Status

7.4 Personalität und moralischer Status

7.5 Ausblick

Vera Moser8 ‚Kampf um Anerkennung‘ aus behindertenpädagogischer Perspektive

8.1 Der ‚Kampf um Anerkennung‘ (Honneth)

8.2 Der ‚Kampf um Anerkennung‘ im Lichte seiner behindertenpädagogischen Rezeption

8.2.1 Anerkennung in einer anthropologischen Dimension: Das Problem des ‚Verstehens‘

8.2.2 Anerkennung in ihrer sozialphilosophischen Dimension

8.3 Der Kampf um Anerkennung – Gewinne einer sozialphilosophischen Perspektive für die Behindertenpädagogik

Ernst von Kardorff9 Stigmatisierung, Diskriminierung und Exklusion von Menschen mit Behinderungen

9.1 Einleitung

9.2 Zur Ausgangslage

9.2.1 Der gesellschaftliche Kontext – Sozialer Wandel und Stigmatisierung

9.2.2 Stigmatisierung und Benachteiligung im Bildungsbereich

9.2.3 Stigmatisierung, Diskriminierung und Benachteiligung auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt

9.3 Unterschiede, die Unterschiede machen: Soziale Differenzierung und Diskriminierung

9.3.1 Zur Phänomenologie von Prozessen der Stigmatisierung und Diskriminierung

9.3.2 Soziale Differenzierung, Diskriminierung und Exklusion

9.4 Enstigmatisierung und Inklusion

9.5 Perspektiven

Peter Schaber10 Menschenwürde

Einleitung

10.1 Der moderne Würdebegriff

10.2 Moralischer Status und Grundrechte

10.3 Selbstachtung

10.4 Würdezuschreibung

10.4.1 Reziproke Zuschreibung

10.4.2 Zugehörigkeit zur Spezies

10.4.3 Die Sonderstellung des Menschen

10.4.4 Autonomie

10.4.5 Selbstachtung

10.4.6 Zuschreibung und Begriff der Würde

10.5 Pränatale Diagnoseverfahren und Würdeverletzung

10.6 Schluss

Heiner Bielefeldt11 Inklusion als Menschenrechtsprinzip: Perspektiven der UN-Behindertenrechtskonvention

11.1 Die neue Konvention

11.2 Neugewinnung des menschenrechtlichen Universalismus

11.3 Die Menschenwürde als Axiom und Anspruch

11.4 Neuinterpretation der menschenrechtlichen Grundprinzipien: assistierte Autonomie, Barrierefreiheit, gesellschaftliche Inklusion

11.4.1 Assistierte Autonomie

11.4.2 Diskriminierungsverbot und Barrierefreiheit

11.4.3 Gesellschaftliche Inklusion

11.5 Zum menschenrechtlichen Verständnis von Behinderung

11.6 Rechtliche Geltung und Anwendbarkeit

11.7 Umsetzung und Monitoring

11.8 Fazit

Elisabeth Conradi12 Selbstbestimmung durch Achtsamkeit

12.1 Selbstbestimmung in der Kantischen Ethik

12.1.1 Selbstbestimmung als Selbstverhältnis

12.1.2 Autonomie als Modell vertraglicher Intersubjektivität

12.1.3 Autonomie als Fundament

12.2 Die philosophische Ethik der Achtsamkeit

12.2.1 Eigenständigkeit durch achtsame Zuwendung

12.2.2 Achtsame Zuwendung als Schlüsselbegriff

12.2.3 Moralische Intuition

12.2.4 Achtsamkeit und Achtung

12.2.5 Präsenz und Resonanz

12.3 Einwände gegen die Ethik der Achtsamkeit

12.3.1 Maternalismus und die Furcht vor der Fürsorge

12.3.2 Achtsamkeit statt Selbstaufopferung

Christian Liesen, Franziska Felder & Peter Lienhard13 Gerechtigkeit und Gleichheit

13.1 Vier Ankerbeispiele

13.2 Gerechtigkeit und Gleichheit

Zum Gerechtigkeitsbegriff

13.2.1 Die Verteilung von Gütern und Ressourcen

13.2.2 Anerkennung und interpersonelle Vergleiche

13.3 Diskussion der Ankerbeispiele

13.4 Fazit

Über die Autoren

Vorwort

„Ziel der Erziehung ist und bleibt letztlich – wie auch immer begründet oder verbrämt – die Ein- und Anpassung der nachwachsenden Generation in das gesellschaftlich sanktionierte Normen- und Rollengefüge – bzw. positiver ausgedrückt: die Vermittlung von individuellen Bedürfnissen und gesellschaftlichen Anforderungen, vom Glückanspruch des Individuums und den materiellen und sozialen Gegebenheiten. In der Heilpädagogik wird dieses Problem noch verschärft durch die reduzierten Lebensbedingungen behinderter Menschen sowie ihr reduziertes Leistungsvermögen, zur gesellschaftlichen Reproduktion beizutragen. Dieser Widerspruch kann nun aber nicht einfach in einer Formel aufgelöst werden – so wie es in der Heilpädagogik mit dem selbstverständlich gewordenen Leitziel: ‚Selbstverwirklichung in sozialer Eingliederung‘ geschieht.“ (Jakobs 1997, 175)

Diese Formulierung Hajo Jakobs’ verweist auf die zentralen Fragen, die eine Ethik1 der Behindertenpädagogik gegenwärtig zu beantworten hat: Inwiefern lassen sich subjektive Bedürfnisse und gesellschaftliche Erwartungen miteinander in Beziehung setzen? Und wie sind menschliche Beziehungsverhältnisse zueinander zu beschreiben? Sind sie machtvolle Beziehungen, in denen jeder um seine Anerkennung und Integrität kämpft, wie es Axel Honneth ausbuchstabiert hat (vgl. Moser in diesem Band)? Oder sollten wir uns um das Etablieren fürsorgerischer Haltungen bemühen, die eine feministische philosophische Perspektive nahelegt, in der es um eine Care-Ethik, eine Ethik der Sorge geht, in der das Mitfühlen von besonderer Bedeutung ist? Und in der Verhältnisse zwischen den Menschen per se als asymmetrische angenommen werden (vgl. hierzu Conradi und Horsters ersten Beitrag in diesem Band)?

Und wer ist überhaupt dieser Andere, mein Gegenüber? Muss der Andere für eine Ethik der Behindertenpädagogik anthropologisch bestimmt werden oder ist der Weg der Anthropologie eine Sackgasse, weil hier immer schon Festschreibungen über Wesensmerkmale und Eigenschaften eines Menschen vorgenommen werden, die entweder unvollständig, fragwürdig oder gar sinnlos sind (vgl. hierzu die Beiträge um den Personbegriff in diesem Band von Quante und Schweikard sowie die Beiträge zur Anthropologie und Menschenwürde von Bohlken, Zirfas und Schaber)?

Und welche Aufgaben der Behindertenpädagogik hinzukommen, ist eine weitere Frage. Übernimmt sie die Rolle des Katalysators, des Übersetzers, des Stellvertreters? Dann setzt sie sich dem Vorwurf der Fremdbestimmung, des Paternalismus, der Verfügung über den anderen aus, wie Hans-Uwe Rösner pointiert formuliert hat:

„Die Heilpädagogik muss sich damit auseinandersetzen, dass sie mit einer bestimmten Art und Weise der Enthüllung des Anderen zusammenfällt. Von ihrem Beginn an ist sie von einer unüberwindbaren Allergie vor dem Anderen ergriffen. Sie will sich nicht eingestehen, dass diejenigen, denen man helfen möchte, nicht nur befreit, sondern durch den eigenen Diskurs stets auf eine Identität festgelegt werden. Insofern sollte die doppelte und paradoxe Aufgabe der Heilpädagogik darin bestehen, sich kritischer als bisher in der Funktion als machtvolles Medium zur Konstruktion von Behindertsein zu reflektieren und zugleich behinderte Menschen im Kampf gegen festlegende Identitätszuschreibungen zu unterstützen.“ (Rösner 2002, 23)

Daraus leitet sich für die Ethik einer Behindertenpädagogik die Forderung ab, gesellschaftliche Prozesse mit zu reflektieren, die Menschen mit Behinderungen bestimmte Identitäten und Orte in der historischen Entwicklung zugeschrieben haben (vgl. dazu die Einleitung).

Und wie steht es dann um Fragen der Gleichheit und der Gerechtigkeit? In welcher Hinsicht sind die Menschen überhaupt gleich und welche Merkmale müssen Beziehungen und Verhältnisse erfüllen, um als gerecht beschrieben zu werden (vgl. hierzu Bielefeldt und Liesen u. a. in diesem Band)?

Damit sind bereits die wesentlichen Felder eingekreist, die dieses Buch als Grundlage für eine Ethik der Behindertenpädagogik zur Diskussion stellt und die es nicht erlauben, alles unter einer einzigen Thematik abzuhandeln. Vielmehr zeigen die unterschiedlichen Texte eben auch die unterschiedlichen Perspektiven auf, die für eine Ethik der Behindertenpädagogik aus unserer Sicht unverzichtbar sind.

Neben diesen eher systematischen Fragen stehen aber auch ganz praktische im Vordergrund, wenn es um den Umgang mit Pränataler Diagnostik oder mit Syndromen des Verlustes kognitiver Kompetenzen geht, die eine ethische Verortung behindertenpädagogischen Handelns vor dem Hintergrund der oben angesprochenen Themen zweifelsfrei erforderlich machen (vgl. Horster Angewandte Ethik in diesem Band).

Literatur

Jakobs, H. (1997): Heilpädagogik zwischen Anthropologie und Ethik. Eine Grundlagenreflexion aus kritisch-theoretischer Sicht. Bern.

Rösner, H.-U. (2002): Jenseits normalisierender Anerkennung. Frankfurt am Main.

1 Der Begriff Ethik wird unterschiedlich verwendet und es ist eine Unsitte, dass in Büchern zur Ethik am Anfang nie geklärt wird, welche Begriffsbestimmung man verwendet. Verschiedentlich gebraucht man die Begriffe Moral und Ethik identisch, was daher rührt, dass das alt-griechische ‚ethos‘ in der Übersetzung Gewohnheit und Sitte bedeutet. Der Lateiner übersetzte mit ‚mos/moris‘, woher der Begriff der Moral kommt, der übersetzt ebenfalls Gewohnheit, Sitte oder Brauch bedeutet. In Abgrenzung von der Antike nimmt Kant in der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten eine Zweiteilung vor (vgl. AB V). Viele sind ihm gefolgt, wenn sie die Ethik nun als Frage nach dem guten und gelungenen Leben und die Moral als Frage nach den allgemeinen Regeln der Handlungskoordinierung ansprechen. Ethik ist demnach auf das Individuum bezogen. Mit Moral hingegen bezeichnet man die Regeln, die zwischen mindestens zwei Personen gelten. Die dritte Weise der Begriffsverwendung bedeutet, dass mit Ethik die akademische Moralphilosophie gemeint ist. Dieser dritten Version folgen wir hier.

1 Einleitung: Ethische Argumentationen der Behindertenpädagogik – eine Bestandsaufnahme

Vera Moser & Detlef Horster

1.1 Die Thematisierung ethischer Problemlagen in der Behindertenpädagogik in ihrer historischen Entwicklung

Die ethische Grundlegung der Behindertenpädagogik ist fast so alt wie das Fach selbst – dies soll anhand eines eher kursorischen Überblicks verdeutlicht werden.

Zunächst lässt sich feststellen, dass die erste wissenschaftliche Beschäftigung mit Phänomenen, die heute unter dem Etikett ‚Behinderung‘ firmieren, aus einem Interesse an methodischen Fragen im Kontext des Perfektibilisierungskonzepts der Aufklärung entstanden sind (vgl. Moser 1995; Tenorth 2006): Die Experimente des Taubstummenlehrers Jean Itard, gegründet auf den Vorstellungen des Sensualismus, sind hierfür geradezu symbolisch. In diesem Kontext war bis zu den Schriften Georgens’ und Deinhardts Heilpädagogik nahezu eine naturwissenschaftlich-experimentelle Frage. Dennoch waren dort bereits ethische Fragen eingelassen, wie die, an welchem Ort solche Fördermaßnahmen durchgeführt werden sollten – nicht nur Georgens und Deinhardt sprachen sich bereits Mitte des 19. Jahrhunderts für eine integrative Pädagogik aus, auch die sog. ‚Verallgemeinerungsbewegung‘ im Bereich der Taubstummenpädagogik forderte eine integrative Beschulung sog. ‚taubstummer‘ Kinder in den damaligen Volksschulen (vgl. auch Moser 1995). In diesem Sinne waren die ersten ethischen Fragestellungen im Bereich der Behindertenpädagogik eher mit Fragen des pädagogischen Settings und des gesellschaftlichen Umgangs mit Behinderung befasst – Georgens und Deinhardt beispielsweise hielten die Behandlung behinderter Personen für eine immanent gesellschaftlich relevante Aufgabe, auch wenn die hier angeführten Argumente der sozialen wie biologischen ‚Entartung‘ durchaus ambivalent waren, wie Rösner (2002) anmerkt. ‚Entartung‘ bezeichnete das Zusammenspiel von sozialen Faktoren und deren Auswirkungen auf die Konstitution, das Temperament, die Sinne, den Charakter sowie die geistigen und moralischen Anlagen.

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