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Die Ethik (griechisch ἠθική (ἐπιστήμη) ēthikē (epistēmē) "das sittliche (Verständnis)", von ἦθος ēthos "Charakter, Sinnesart" (dagegen ἔθος: Gewohnheit, Sitte, Brauch),¹ vergleiche lateinisch mos) ist jener Teilbereich der Philosophie, der sich mit den Voraussetzungen menschlichen Handelns und seiner Bewertung befasst. Im Zentrum der Ethik steht das spezifisch moralische Handeln,² insbesondere hinsichtlich seiner Begründbarkeit und Reflexion. Cicero übersetzte als erster êthikê in den seinerzeit neuen Begriff philosophia moralis.³ In seiner Tradition wird die Ethik auch als Moralphilosophie bezeichnet. Die Ethik und ihre benachbarten Disziplinen (z. B. Rechts-, Staats- und Sozialphilosophie) werden auch als "praktische Philosophie" zusammengefasst, da sie sich mit dem menschlichen Handeln befasst. Im Gegensatz dazu steht die "theoretische Philosophie", zu der als klassische Disziplinen die Logik, die Erkenntnistheorie und die Metaphysik gezählt werden. Begriff, Gegenstand und Gliederung der Ethik Als Bezeichnung für eine philosophische Disziplin wurde der Begriff Ethik von Aristoteles eingeführt, der damit die wissenschaftliche Beschäftigung mit Gewohnheiten, Sitten und Gebräuchen (ethos) meinte, wobei allerdings schon seit Sokrates die Ethik ins Zentrum des philosophischen Denkens gerückt war (Sokratische Wende). Hintergrund war dabei die bereits von den Sophisten vertretene Auffassung, dass es für ein Vernunftwesen wie den Menschen unangemessen sei, wenn dessen Handeln ausschließlich von Konventionen und Traditionen geleitet wird. Aristoteles war der Überzeugung, menschliche Praxis sei grundsätzlich einer vernünftigen und theoretisch fundierten Reflexion zugänglich.
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Seitenzahl: 1973
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Ethik
Wikipedia-Themen-Zusammenfassung
Peaceway/Wiki 1. Auflage 06/2016
Verlag TD Textdesign
Inhalt
1. Ethik
2. Geist
3. Sein
4. Das Gute
5. Idee
6. Glaube
7. Vernunft
8. Aufklärung
9. Neuplatonismus
10.Erkenntnistheorie
11.Ideenlehre
12.Gott
13.Seele
14.Logos
15.Tugendethik
16.Philosophie der Antike
17.Epochen
18.Sokrates
19.Platon
20.Marcus Tullius Cicero
21.Thomas von Aquin
22.Augustinus von Hippo
23.Friedrich Nietzsche
24.Immanuel Kant
25.René Descartes
26.Baruch de Spinoza
27.Gottfried Wilhelm Leibniz
28.Georg Wilhelm Friedrich Hegel
29.Metaphysik
30.Umweltethik
31.Naturethik
32.Scholastik
33.Neurotheologie
34.Atheismus
35.Aberglaube
Ethik
Die Ethik (griechisch ἠθική (ἐπιστήμη) ēthikē (epistēmē) „das sittliche
(Verständnis)", von ἦθος ēthos „Charakter, Sinnesart" (dagegen ἔθος:
Gewohnheit, Sitte, Brauch),¹ vergleiche lateinisch mos) ist jener
Teilbereich der Philosophie, der sich mit den Voraussetzungen menschlichen
Handelns und seiner Bewertung befasst. Im Zentrum der Ethik steht das
spezifisch moralische Handeln,² insbesondere hinsichtlich seiner
Begründbarkeit und Reflexion. Cicero übersetzte als erster êthikê in den
seinerzeit neuen Begriff philosophia moralis.³ In seiner Tradition wird die
Ethik auch als Moralphilosophie bezeichnet.
Die Ethik und ihre benachbarten Disziplinen (z. B. Rechts-, Staats- und
Sozialphilosophie) werden auch als „praktische Philosophie"
zusammengefasst, da sie sich mit dem menschlichen Handeln befasst. Im
Gegensatz dazu steht die „theoretische Philosophie", zu der als klassische
Disziplinen die Logik, die Erkenntnistheorie und die Metaphysik gezählt
werden.
Begriff, Gegenstand und Gliederung der Ethik
Als Bezeichnung für eine philosophische Disziplin wurde der Begriff Ethik
von Aristoteles eingeführt, der damit die wissenschaftliche Beschäftigung
mit Gewohnheiten, Sitten und Gebräuchen (ethos) meinte, wobei allerdings
schon seit Sokrates die Ethik ins Zentrum des philosophischen Denkens
gerückt war (Sokratische Wende). Hintergrund war dabei die bereits von den
Sophisten vertretene Auffassung, dass es für ein Vernunftwesen wie den
Menschen unangemessen sei, wenn dessen Handeln ausschließlich von
Konventionen und Traditionen geleitet wird. Aristoteles war der
Überzeugung, menschliche Praxis sei grundsätzlich einer vernünftigen und
theoretisch fundierten Reflexion zugänglich. Ethik war somit für
Aristoteles eine philosophische Disziplin, die den gesamten Bereich
menschlichen Handelns zum Gegenstand hat und diesen Gegenstand mit
philosophischen Mitteln einer normativen Beurteilung unterzieht und zur
praktischen Umsetzung der auf diese Weise gewonnenen Erkenntnisse anleitet.
Die allgemeine Ethik – die im Folgenden einfach als Ethik bezeichnet wird –
wird heute als eine philosophische Disziplin verstanden, deren Aufgabe es
ist, Kriterien für gutes und schlechtes Handeln und die Bewertung seiner
Motive und Folgen aufzustellen. Sie ist die Grundlagendisziplin der
Angewandten Ethik, die sich als Individualethik und Sozialethik sowie in
den Bereichsethiken mit den normativen Problemen des spezifischen
Lebensbereiches befasst.
Die Ethik baut als philosophische Disziplin allein auf das Prinzip der
Vernunft. Darin unterscheidet sie sich vom klassischen Selbstverständnis
theologischer Ethik, die sittliche Prinzipien als in Gottes Willen
begründet annimmt und insofern im Allgemeinen den Glauben an eine göttliche
Offenbarung voraussetzt. Besonders im 20. Jahrhundert haben allerdings
Autoren wie Alfons Auer theologische Ethik als weitgehend autonom zu
konzipieren versucht.
Das Ziel der Ethik ist die Erarbeitung von allgemeingültigen Normen und
Werten. Sie ist abzugrenzen von einer deskriptiven Ethik, die keine
moralischen Urteile fällt, sondern die tatsächliche, innerhalb einer
Gesellschaft gelebte Moral mit empirischen Mitteln zu beschreiben versucht.
Die Metaethik, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts als eigenständige
Disziplin entwickelte, reflektiert die allgemeinen logischen, semantischen
und pragmatischen Strukturen moralischen und ethischen Sprechens und stellt
insofern die Grundlage für die deskriptive und normative Ethik dar.
Philosophische Fragestellungen zur Ethik
Die philosophische Disziplin Ethik (die auch als Moralphilosophie
bezeichnet wird) beschäftigt sich überwiegend mit den folgenden drei
Problemfeldern:
1. mit der Frage nach dem „höchsten Gut";
2. mit der Frage nach dem richtigen Handeln in bestimmten Situationen –
also: „Wie soll ich mich in dieser Situation verhalten?" (Die einfachste
und klassische Formulierung einer solchen Frage stammt von Immanuel Kant:
„Was soll ich tun?") und
3. mit der Frage nach der Freiheit des Willens.
Als Hauptgegenstand der Ethik gelten den meisten Philosophen die
menschlichen Handlungen und die sie leitenden Handlungsregeln. Die
Ergebnisse bestehen in anwendbaren ethischen (bzw. moralischen) Normen, die
beinhalten, dass unter bestimmten Bedingungen bestimmte Handlungen geboten,
verboten oder erlaubt sind.
Insofern als in der Ethik nach allgemeingültigen Antworten auf die Frage
nach dem richtigen Handeln gesucht wird, stellt sich die Frage nach der
Möglichkeit allgemeingültiger ethischer Normen und deren Begründung. Diese
Diskussion über die Grundlagen der Ethik, ihre Kriterien und Methoden, ist
ein wichtiger Teil der philosophischen Disziplin Ethik, der auch als
Metaethik bezeichnet wird.
Ziele der Ethik
Die Ethik ist von ihrer Zielsetzung her eine praktische Wissenschaft. Es
geht ihr nicht um ein Wissen um seiner selbst willen (theoria), sondern um
eine verantwortbare Praxis. Sie soll dem Menschen (in einer immer
unüberschaubarer werdenden Welt) Hilfen für seine sittlichen Entscheidungen
liefern. Dabei kann die Ethik allerdings nur allgemeine Prinzipien guten
Handelns oder ethischen Urteilens überhaupt oder Wertvorzugsurteile für
bestimmte Typen von Problemsituationen begründen. Die Anwendung dieser
Prinzipien auf den einzelnen Fall ist im Allgemeinen nicht durch sie
leistbar, sondern Aufgabe der praktischen Urteilskraft und des geschulten
Gewissens. Aristoteles vergleicht dies mit der Kunst des Arztes und des
Steuermanns. Diese verfügen über ein theoretisches Wissen, das aber
situationsspezifisch angewendet werden muss. Entsprechend muss auch die
praktische Urteilskraft allgemeine Prinzipien immer wieder auf neue
Situationen und Lebenslagen anwenden. Dabei spielt für die richtige
sittliche Entscheidung neben der Kenntnis allgemeiner Prinzipien die
Schulung der Urteilskraft in praktischer Erfahrung eine wichtige Rolle.
Abgrenzungen zu benachbarten Disziplinen
Auch die Theorie der rationalen Entscheidung beantwortet die Frage: Wie
soll ich handeln? Jedoch unterscheidet sie sich von ethischen
Fragestellungen dadurch, dass Theorien rationalen Handelns nicht in jedem
Falle auch Theorien des moralisch Guten sind. Von ethischen Theorien mit
einem allgemeinverbindlichen Anspruch unterscheiden sich Theorien
rationaler Entscheidung dadurch, dass nur die Ziele und Interessen eines
bestimmten Individuums oder eines kollektiven Subjekts (z. B. eines
wirtschaftlichen Unternehmens oder eines Staates) berücksichtigt werden.
Zur Unterscheidung zwischen Ethik und Moral kann auf Hegel verwiesen werden
und seinen Versuch einer Synthese aus dem klassischen Gemeinschafts- und
dem modern-individualistischen Freiheitsdenken.⁴
Auch die Rechtswissenschaft fragt danach, wie gehandelt werden soll. Im
Unterschied zur Ethik bezieht sie sich jedoch i. Allg. auf eine bestimmte,
faktisch geltende Rechtsordnung (positives Recht), deren Normen sie auslegt
und anwendet. Wo die Rechtswissenschaft als Rechtsphilosophie,
Rechtspolitik oder Gesetzgebungslehre auch die Begründung von Rechtsnormen
behandelt, nähert sie sich der Ethik an.
Auch religiös motivierte Ethiken geben Antworten auf die Frage, wie
gehandelt werden soll. Im Unterschied zu philosophisch begründeten Ethiken
beanspruchen diese jedoch nicht in jedem Fall, dass ihre Antworten auf für
jeden nachvollziehbare Argumente gegründet sind, sondern können sich etwa
auf eine göttliche Offenbarung als Quelle von Handlungsnormen berufen
(siehe etwa die Sollens-Aussagen der Zehn Gebote im Judentum).
Mit gesellschaftlichen Normen des Handelns befassen sich auch empirische
Wissenschaften wie Soziologie, Ethnologie und Psychologie. Im Unterschied
zur normativen Ethik im philosophischen Sinne geht es dort jedoch um die
Beschreibung und Erklärung faktisch bestehender ethischer Überzeugungen,
Einstellungen und Sanktionsmuster und nicht um deren Rechtfertigung oder
Kritik.
Begründungen normativer Sätze
Gründe für und gegen Moral
Die Frage, ob man überhaupt moralisch sein soll, wird in Platons Politeia
im ersten Kapitel aufgeworfen. In der Moderne wurde der Diskurs um die
Frage von Bradley⁵ und Prichard eingeleitet.
Metaethische Kognitivisten behaupten, erkennen zu können, wie man moralisch
handeln solle. Somit stellt sich ihnen die Frage, ob man das überhaupt tun
soll, nicht mehr, da sie auch gleich mit erkennen, dass man dies tun soll.
Metaethische Nonkognitivisten hingegen müssen die Frage, ob man moralisch
handeln soll, klären. Die Diskussion wird in der Philosophie zumeist anhand
der Frage „Warum soll man moralisch sein?" geführt. Das Sollen innerhalb
der Frage ist dabei kein moralisches Sollen, sondern verweist auf eine
Akzeptanz besserer Gründe, z. B. anhand der Theorie der rationalen
Entscheidung. Die Antwort auf die Frage hängt also ab vom jeweiligen
Verständnis von Vernunft.
Die Frage, ob man moralisch sein soll oder nicht, wird beantwortet mit:
- „Ja" von allen, die Gründe für Moral anführen,⁶
- „Nein" von den Amoralisten,
- „Das muss jeder für sich selbst entscheiden" von Dezisionisten.
Die Situation des Menschen, der sich zwischen diesen Antworten entscheiden
muss, hat ihre klassische Gestaltung in der so genannten Prodikos-Fabel von
Herakles am Scheideweg gefunden, die auch von vielen christlichen Autoren
rezipiert wurde.
Absolute Begründung der Moral
Eine bekannte absolute Moralbegründung ist die der Letztbegründung von
Apel. Angenommen jemand lehnt es ab, über Zwecke zu reden, dann sei diese
Ablehnung bereits ein Reden über Zwecke. Insofern ist dies ein so genannter
performativer Selbstwiderspruch.
Moralbegründung aus Sicht der Systemtheorie verzichtet darauf, zu
begründen, warum Individuen moralisch handeln sollen. Stattdessen wird
dargelegt, warum Moral als Regulierungsfunktion des Kommunikationssystems
unentbehrlich ist (s. a. AGIL-Schema).
Relative Begründungen der Moral
Viele Philosophen behaupten, dass man zwar nicht beweisen kann, dass
Amoralismus logisch widersprüchlich ist, dass aber im wirklichen Leben
Amoralisten viele Nachteile haben, so dass moralisches Verhalten größere
Rentabilität im Sinne der Theorie der rationalen Entscheidung besitzt.
Ethik wird mit dieser Form von Moralbegründung zu einer Spezialform von
Zweckrationalität. Einer der wichtigsten Vertreter dieser
Argumentationslinie ist David Gauthier.
Viele Philosophen dieser Richtung berufen sich auf den Grundsatz quid pro
quo oder auf Tit for Tat-Strategien.
Andere meinen, Amoralisten seien auf Einsamkeit festgelegt, da man ihnen
nicht vertrauen könne und auch sie niemandem vertrauen könnten. Daher
könnten sie eines der wichtigsten Lebensgüter, soziale Gemeinschaft und
Anerkennung, nie erreichen.
Nach R. M. Hare können Amoralisten keine moralischen Begriffe gebrauchen
und daher nicht von ihren Mitmenschen fordern, sie fair zu behandeln. Die
Möglichkeit entsprechender Lügen sah Hare nicht. Hare behauptete zudem, der
Aufwand, den Amoralisten treiben müssten, um ihre Überzeugung zu
verschleiern, wäre so groß, dass sie sozial immer im Nachteil seien.
Amoralisten kritisieren verschiedene Moralbegründungen, indem sie darauf
verweisen, dass es in vielen Teilen der Welt relativ stabile Verhältnisse
gibt, die üblichen moralischen Vorstellungen widersprechen, z. B.
völkerrechtswidrige Kriege um Ressourcen, Sklaverei oder erfolgreiche
Mafia-Organisationen.
Dezisionismus
Dezision (von latein decidere: entscheiden, fallen, abschneiden) bedeutet
so viel wie Entscheidung. Der Begriff des Dezisionismus wird oft in
pejorativer Bedeutung gebraucht von Metaethischen Kognitivisten gegenüber
Philosophen, die nur relative Begründungen der Moral anerkennen, z. B. Hare
oder Popper und Hans Albert.
Dezisionisten sehen keine Alternative zu Prinzipienentscheidungen, die aus
logischen oder pragmatischen Gründen ihrerseits nicht mehr weiter begründet
werden können. So behauptete z. B. Henry Sidgwick, der Mensch müsse sich
zwischen Utilitarismus und Egoismus entscheiden.
Dem Dezisionismus wird von seinen Kritikern ähnlich wie dem metaethischen
Nonkognitivismus entgegengehalten, dass auch Entscheidungen wiederum einer
Bewertung unterzogen werden könnten: Man entscheide sich nicht für
bestimmte ethische Prinzipien, sondern diese würden umgekehrt die Grundlage
von Entscheidungen darstellen.
Außerdem argumentieren Vertreter des Naturrechts dafür, dass sich die
Objektivität der Ethik (also das Sollen) auf die Natur bzw. das Wesen des
Seienden und letztlich auf das Sein selbst (d. h. Gott) zurückführen
ließen.
Ethische Grundbegriffe
Moralische Handlungen
Im Mittelpunkt deontologischer Ethiken steht der Begriff der Handlung. Sie
wird in erster Annäherung definiert als „eine von einer Person verursachte
Veränderung des Zustands der Welt".⁷ Die Veränderung kann eine äußere, in
Raum und Zeit beobachtbare oder eine innere, mentale Veränderung sein. Auch
die Art und Weise, wie man von außen einwirkenden Ereignissen begegnet,
kann im weiteren Sinne als Handlung bezeichnet werden.
Absicht und Freiwilligkeit
Handlungen unterscheiden sich von Ereignissen dadurch, dass wir als ihre
Ursache nicht auf ein weiteres Ereignis verweisen, sondern auf die Absicht
des Handelnden. Die Absicht (intentio; nicht zu verwechseln mit dem
juristischen Absichtsbegriff, dem dolus directus 1. Grades) ist ein von der
Handlung selbst zu unterscheidender Akt. Geplanten Handlungen liegt eine
zeitlich vorausgehende Absicht zugrunde. Wir führen die Handlung so aus,
wie wir sie uns vorher schon vorgenommen hatten. Der Begriff der Absicht
ist von dem der Freiwilligkeit zu unterscheiden. Die Freiwilligkeit ist
eine Eigenschaft, die zur Handlung selbst gehört. Der Begriff der
Freiwilligkeit ist weiter als der der Absicht; er umfasst auch die
spontanen Handlungen, bei denen man nicht mehr von Absicht im engeren Sinne
sprechen kann.
Wissen und Willen
Eine Handlung ist dann freiwillig, wenn sie mit Wissen und Willen
durchgeführt wird.
Die Unwissenheit kann dabei allerdings nur dann die Freiwilligkeit einer
Handlung aufheben, wenn die handelnde Person sich nach besten Kräften
vorher informiert hat, und sie mit dem ihr fehlenden Wissen anders
gehandelt hätte. War dem Handelnden eine Kenntnis der Norm oder der Folgen
zuzumuten, ist er für ihre Übertretung verantwortlich (ignorantia crassa
oder supina). Noch weniger entschuldigt jene Unkenntnis, die absichtlich
zum Vermeiden eines Konflikts mit der Norm herbeigeführt wurde (ignorantia
affectata), wenn also z. B. bewusst vermieden wird, sich über ein Gesetz zu
informieren, um sagen zu können, man hätte von einem bestimmten Verbot
nicht gewusst. Das Sprichwort sagt zu Recht: „Unwissenheit schützt vor
Strafe nicht". Auch im deutschen Strafrecht wird diesem Sachverhalt
Rechnung getragen. So heißt es z. B. in § 17 StGB:⁸
„Fehlt dem Täter bei Begehung der Tat die Einsicht, Unrecht zu tun, so
handelt er ohne Schuld, wenn er diesen Irrtum nicht vermeiden konnte.
Konnte der Täter den Irrtum vermeiden, so kann die Strafe nach § 49 Abs.
1 gemildert werden."
Für die sittliche Bewertung einer Handlung ist außerdem das effektive
Wollen wesentlich, die Absicht ihrer Verwirklichung. Das setzt voraus, dass
zumindest der Handelnde der Auffassung war, dass ihm eine Verwirklichung
seiner Absicht möglich sei, d. h. dass das Ergebnis von seinem Handeln
kausal herbeigeführt werden könne. Unterliegt der Handelnde einem äußeren
Zwang, hebt dieser die Freiwilligkeit der Handlung im Allgemeinen auf.
Handlungsprinzipien
Absichten finden ihren Ausdruck in praktischen Grundsätzen. Diese können
zunächst einmal in inhaltliche und formale Grundsätze unterschieden werden.
Inhaltliche Grundsätze legen konkrete inhaltliche Güter (Leben, Gesundheit,
Besitz, Vergnügen, Umwelt etc.) als Bewertungskriterium für das Handeln
zugrunde. Sie sind teilweise subjektiv und haben unter Umständen einen
dezisionistischen Charakter. In diesen Fällen können sie ihre eigene
Vorrangstellung nicht gegenüber anderen, konkurrierenden inhaltlichen
Grundsätzen begründen.
Formale Grundsätze verzichten auf einen Bezug zu konkreten inhaltlichen
Gütern. Das bekannteste Beispiel ist der Kategorische Imperativ Kants.
Es lassen sich grundsätzlich drei Ebenen der praktischen Sätze voneinander
unterscheiden:⁹
- ein oberstes Prinzip praktischer Überlegungen (wie z. B. der Kategorische
Imperativ)
- praktische Grundsätze, die sich aus dem obersten Prinzip ableiten (wie z.
B. die zehn Gebote)
- Sätze, die Entscheidungen formulieren, indem sie Maximen auf konkrete
Lebenssituationen anwenden
Die Ethik ist häufig nur in der Lage, Aussagen zu den ersten beiden Ebenen
zu machen. Die Übertragung von praktischen Grundsätzen auf eine konkrete
Situation, erfordert das Vermögen der praktischen Urteilskraft. Nur mit
seiner Hilfe können eventuell auftretende Zielkonflikte gelöst und die
voraussichtlichen Folgen von Entscheidungen abgeschätzt werden.
Handlungsfolgen
Wesentlich für die ethische Bewertung von Handlungen sind die mit ihnen
verbundenen Folgen. Diese werden unterschieden in motivierende und in Kauf
genommene Folgen. Motivierende Folgen sind solche, um derentwillen eine
Handlung ausgeführt wird. Sie werden vom Handelnden unmittelbar angezielt
(„Voluntarium in se").
In Kauf genommene Folgen („Voluntarium in causa") werden zwar nicht
unmittelbar angezielt, aber als Nebenwirkung der motivierenden Folgen
vorausgesehen und bewusst zugelassen (Prinzip der Doppelwirkung). So
unterliegt beispielsweise bewusste Fahrlässigkeit als bedingter Vorsatz
(dolus eventualis) der ethischen und rechtlichen Verantwortung:
Volltrunkenheit entschuldigt nicht bei einem Verkehrsunfall.
Tun und Unterlassen
Bereits Thomas von Aquin¹⁰ unterscheidet eine zweifache Kausalität des
Willens: die „direkte" Einwirkung des Willens, in der durch den Willensakt
ein bestimmtes Ereignis hervorgerufen wird und die „indirekte", in der ein
Ereignis dadurch eintritt, dass der Wille untätig bleibt. Tun und
Unterlassen unterscheiden sich hierbei nicht hinsichtlich ihrer
Freiwilligkeit. Beim Unterlassen verzichtet jemand auf das Eingreifen in
einen Prozess, obwohl er die Möglichkeit dazu hätte. Auch das Unterlassen
kann daher als Handlung aufgefasst werden und strafbar sein.
Die strikte Unterscheidung zwischen diesen beiden Handlungsformen, die z.
B. in der medizinischen Ethik eine große Rolle spielt (vgl. aktive und
passive Sterbehilfe etc.), erscheint daher vom ethischen Standpunkt aus
gesehen als teilweise fragwürdig.
Das Ziel menschlichen Handelns
Teleologie
Im Mittelpunkt teleologischer Ethiken steht die Frage, was ich mit meiner
Handlung letztlich bezwecke, welches Ziel ich mit ihr verfolge. Der Begriff
„Ziel" (finis, telos;) ist hier insbesondere als „letztes Ziel" oder
„Endziel" zu verstehen, von dem all mein Handeln bestimmt wird.
Glück als letztes Ziel
In der Tradition wird als letztes Ziel des Menschen häufig das Glück oder
die Glückseligkeit (beatitudo) genannt. Der Ausdruck „Glück" wird dabei in
einem mehrdeutigen Sinne gebraucht:
- zur Bezeichnung eines gelungenen und guten Lebens, dem nichts
Wesentliches fehlt („Lebensglück", eudaimonia)
- zur Bezeichnung günstiger Lebensumstände („Zufallsglück", eutychia)
- zur Bezeichnung des subjektiven Wohlbefindens (Glück als Lust, hedone)
Philosophiegeschichtlich konkurrieren die Bestimmungen von Glück als
„Lebensglück" und als subjektives Wohlbefinden miteinander. Für die
Eudämonisten (Platon, Aristoteles) ist Glück die Folge der Verwirklichung
einer Norm, die als Telos im Wesen des Menschen angelegt ist. Glücklich ist
dieser Konzeption zufolge vor allem, wer auf vernünftige Weise tätig ist.
Für die Hedonisten (Sophisten, klassische Utilitaristen) gibt es kein zu
verwirklichendes Telos des Menschen mehr; es steht keine objektive Norm zur
Verfügung, um zu entscheiden, ob jemand glücklich ist. Dies führt zu einer
Subjektivierung des Glücksbegriffs. Es obliege allein dem jeweiligen
Individuum, zu bewerten, ob es glücklich ist. Glück wird hier mit dem
Erreichen von Gütern wie Macht, Reichtum, Ruhm etc. gleichgesetzt.
Sinn und Ziel
Das Wort „Sinn" bezeichnet grundsätzlich die Qualität von etwas, das dieses
verstehbar macht. Wir verstehen etwas dadurch, indem wir erkennen, worauf
es „hingeordnet" ist, wozu es dient. Die Frage nach dem Sinn steht also in
einem engen Zusammenhang mit der Frage nach dem Ziel oder Zweck von etwas.
Auch der Sinn einer Handlung oder gar des ganzen Lebens kann nur
beantwortet werden, wenn die Frage nach seinem Ziel geklärt ist. Eine
menschliche Handlung bzw. ein gesamtes Leben ist dann sinnvoll, wenn es auf
dieses Ziel hin ausgerichtet ist.
Das Gute
Der Begriff „gut"
„Gut" gehört wie der Begriff „seiend" zu den ersten und daher nicht mehr
definierbaren Begriffen. Es wird zwischen einem adjektivischen und einem
substantivischen Gebrauch unterschieden.
Als Adjektiv bezeichnet das Wort „gut" generell die Hinordnung eines
„Gegenstandes" auf eine bestimmte Funktion oder einen bestimmten Zweck. So
spricht man z. B. von einem „guten Messer", wenn es seine im Prädikator
„Messer" ausgedrückte Funktion erfüllen – also z. B. gut schneiden kann.
Analog spricht man von einem „guten Arzt", wenn er in der Lage ist, seine
Patienten zu heilen und Krankheiten zu bekämpfen. Ein „guter Mensch" ist
demnach jemand, der in seinem Leben auf das hin ausgerichtet ist, was das
Menschsein ausmacht, also dem menschlichen Wesen bzw. seiner Natur
entspricht.
Als Substantiv bezeichnet das Wort „das Gut" etwas, auf das hin wir unser
Handeln ausrichten. Wir gebrauchen es normalerweise in dieser Weise, um
„eine unter bestimmten Bedingungen vollzogene Wahl als richtig oder
gerechtfertigt zu beurteilen".¹¹ So kann beispielsweise eine Aussage wie
„Die Gesundheit ist ein Gut" als Rechtfertigung für die Wahl einer
bestimmten Lebens- und Ernährungsweise dienen. In der philosophischen
Tradition war man der Auffassung, dass prinzipiell jedes Seiende – unter
einer gewissen Rücksicht – Ziel des Strebens sein könne („omne ens est
bonum"). Daher wurde die „Gutheit" des Seienden zu den Transzendentalien
gerechnet.
Gemäß der Analyse von Richard Mervyn Hare werden wertende Wörter wie „gut"
oder „schlecht" dazu verwendet, in Entscheidungssituationen Handeln
anzuleiten bzw. Empfehlungen zu geben. Die Wörter „gut" oder „schlecht"
haben demnach keine beschreibende (deskriptive) sondern eine vorschreibende
(präskriptive) Funktion.
Dies kann an einer außermoralischen Verwendung des Wortes „gut"
verdeutlicht werden. Wenn ein Verkäufer zum Kunden sagt: „Dies ist ein
guter Wein", dann empfiehlt er den Kauf dieses Weines, er beschreibt damit
jedoch keine wahrnehmbare Eigenschaft des Weines. Insofern es jedoch sozial
verbreitete Bewertungsstandards für Weine gibt (er darf nicht nach Essig
schmecken, man darf davon keine Kopfschmerzen bekommen etc.), so bedeutet
die Bewertung des Weines als „gut", dass der Wein diese Standards erfüllt
und dass er somit auch bestimmte empirische Eigenschaften besitzt.
Die Bewertungskriterien, die an eine Sache angelegt werden, können je nach
dem Verwendungszweck variieren. Ein herber Wein mag als Tafelwein gut, für
sich selbst getrunken dagegen eher schlecht sein. Der Verwendungszweck
einer Sache ist keine feststehende Eigenschaft der Sache selbst sondern
beruht auf menschlicher Setzung. Eine Sache ist „gut" – immer bezogen auf
bestimmte Kriterien. Wenn der Verkäufer sagt: „Dies ist ein sehr guter
Tafelwein" dann ist er so, wie er gemäß den üblichen Kriterien für
Tafelwein sein soll.
Wenn das Wort „gut" in moralischen Zusammenhängen gebraucht wird („Dies war
eine gute Tat"), so empfiehlt man die Tat und drückt aus, dass sie so war,
wie sie sein soll. Man beschreibt damit jedoch nicht die Tat. Wird auf
allgemein anerkannte moralische Kriterien Bezug genommen, drückt man damit
zugleich aus, dass die Tat bestimmte empirische Eigenschaften besitzt, z.
B. eine Zurückstellung des Eigeninteresses zugunsten überwiegender
Interessen von Mitmenschen.
Das höchste Gut
Als das höchste Gut (summum bonum) wird das bezeichnet, was nicht nur unter
einer bestimmten Rücksicht (für den Menschen) gut ist, sondern schlechthin,
da es dem Menschen als Menschen ohne Einschränkung entspricht. Es ist
identisch mit dem „unbedingt Gesollten". Seine inhaltliche Bestimmung hängt
ab von der jeweiligen Sicht der Natur des Menschen. In der Tradition wurden
dabei die unterschiedlichsten Lösungsvorschläge präsentiert:
- das Glück (Eudämonismus)
- die Lust (Hedonismus, klassischer Utilitarismus)
- Macht (Machiavelli)
- Einheit mit Gott bzw. Gott selbst (christliche Philosophie)
- Erwachen (bodhi) zu Weisheit und Mitgefühl (Buddhismus)
- Bedürfnisbefriedigung (Hobbes)
- Einheit von Tugend und Glück (Kant)
- Freiheit (Sartre)
Werte
Der Begriff „Wert" stammte ursprünglich aus der Nationalökonomie, wo man
unter anderem zwischen Gebrauchs- und Tauschwert unterschied. Er wurde erst
in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein philosophischer Terminus, wo
er im Rahmen der Wertphilosophie (Max Scheler u. a.) eine zentrale
Bedeutung einnahm. Dort führte man ihn als Gegenbegriff zur Kantischen
Pflichtethik ein, in der Annahme, dass Werten vor allen
Vernunftüberlegungen eine „objektive Gültigkeit" zukommen würde.
In der Alltagssprache taucht der Begriff auch in jüngster Zeit wieder
verstärkt auf, gerade wenn von „Grundwerten", einem „Wertewandel" oder
einer „neuen Wertedebatte" die Rede ist.
Der Wertbegriff weist große Ähnlichkeiten mit dem Begriff des Guten auf. Er
wird wie dieser grundsätzlich in einer subjektiven und einer objektiven
Variante gebraucht:
- als „objektiver Wert" bezeichnet er den „Wert" von bestimmten Gütern für
den Menschen – wie z. B. den Wert des menschlichen Lebens, der Gesundheit
etc. Dies entspricht der Bedeutung von „bonum physicum" („physisches
Gut").
- als „subjektive Werthaltung" bezeichnet er das, was mir wertvoll ist,
meine „Wertvorstellungen" – wie Treue, Gerechtigkeit etc. Dies entspricht
der Bedeutung von „bonum morale" („sittliches Gut").
Im Vergleich zum Begriff des Guten kommt dem Wertbegriff allerdings eine
stärkere gesellschaftliche Bedingtheit zu. So spricht man von einem
„Wertewandel", wenn man ausdrücken will, dass sich bestimmte, in einer
Gesellschaft allgemein akzeptierte Handlungsnormen im Verlauf der
Geschichte verändert haben. Damit meint man aber in der Regel nicht, dass
das, was früher für gut gehalten wurde, nun „tatsächlich" nicht mehr gut
sei, sondern nur, dass sich das allgemeine Urteil darüber geändert habe.
Tugend
Die richtige Abwägung ethischer Güter und ihre Durchsetzung setzt Tugend
voraus. In ihrer klassischen Definition formuliert sie Aristoteles als
„jene feste Grundhaltung, von der aus [der Handelnde] tüchtig wird und die
ihm eigentümliche Leistung in vollkommener Weise zustande bringt" (NE
1106a).¹²
Die Leistung der ethischen Tugenden besteht vor allem darin, im Menschen
eine Einheit von sinnlichem Strebevermögen und sittlicher Erkenntnis zu
bewirken. Wir bezeichnen einen Menschen erst dann als „gut", wenn er zur
inneren Einheit mit sich selbst gekommen ist und das als richtig Erkannte
auch affektiv voll bejaht. Dies ist nach Aristoteles nur durch eine
Integration der Gefühle durch die ethischen Tugenden möglich. Die
ungeordneten Gefühle verfälschen das sittliche Urteil. Das Ziel der Einheit
von Vernunft und Gefühl führt über eine bloße Ethik der richtigen
Entscheidung hinaus. Es kommt nicht nur darauf an, was wir tun, sondern
auch wer wir sind.
Tugend setzt neben Erkenntnis eine Gewöhnung voraus, die durch Erziehung
und soziale Praxis erreicht wird. Wir werden gerecht, mutig etc., indem wir
uns in Situationen begeben, wo wir uns entsprechend verhalten können. Die
wichtigste Rolle kommt dabei der Tugend der Klugheit (phronesis) zu. Ihr
obliegt es, die rechte „Mitte" zwischen den Extremen zu finden und sich für
die optimale Lösung in der konkreten Situation zu entscheiden.
Sollen
Der Begriff „sollen" ist ein Grundbegriff deontologischer Ethikansätze. Er
bezieht sich – als Imperativ – auf eine Handlung, mit der ein bestimmtes
Ziel erreicht werden soll. Dabei müssen folgende Bedingungen erfüllt sein:
- das vorgegebene Ziel kann verfehlt werden
- das vorgegebene Ziel steht nicht in Konkurrenz zu anderen, übergeordneten
Zielen
- das vorgegebene Ziel kann prinzipiell erreicht werden („Jedes Sollen
impliziert ein Können")
Sprachanalytisch lässt sich das Sollen mit Hilfe der sogenannten
deontischen Prädikatoren erklären. Diese beziehen sich auf die sittliche
Verbindlichkeit von Handlungen. Folgende Varianten sind dabei zu
unterscheiden:
- moralisch möglich,
- moralisch notwendig,
- moralisch unmöglich.
Moralisch mögliche Handlungen sind sittlich erlaubt, d. h. man darf so
handeln. Moralisch notwendige Handlungen sind sittlich geboten. Hier
spricht man davon, dass wir etwas tun sollen bzw. die Pflicht haben, etwas
zu tun. Moralisch unmögliche Handlungen sind sittlich verbotene Handlungen,
die wir nicht ausführen dürfen; siehe auch Sünde.
Das Verhältnis zum Guten
Die Begriffe „gut" und „gesollt" sind zwar eng miteinander verwandt aber
nicht deckungsgleich. So können wir in Situationen stehen, in denen wir nur
zwischen schlechten Alternativen wählen können. Hier ist es gesollt, dass
wir uns für das „geringere Übel" entscheiden. Umgekehrt ist nicht alles
Gute auch gesollt. Das kann z. B. der Fall sein, wenn das Erreichen eines
Gutes ein anderes Gut ausschließt. Hier muss eine Güterabwägung erfolgen,
die zum Verzicht eines Gutes führt.
Gerechtigkeit
Der Begriff der Gerechtigkeit ist seit der intensiven Diskussion um die
„Theorie der Gerechtigkeit" von John Rawls und vor allem seit der aktuellen
politischen Debatte um die Aufgaben des Sozialstaates (Betonung der
Chancen- und Leistungsgerechtigkeit gegenüber der Verteilungsgerechtigkeit)
wieder stark ins Blickfeld geraten.
„Gerecht" wird – wie der Begriff „gut" – in vielerlei Bedeutungen
gebraucht. Es werden Handlungen, Haltungen, Personen, Verhältnisse,
politische Institutionen und zuweilen auch Affekte (der „gerechte Zorn")
als gerecht bezeichnet. Grundsätzlich kann zwischen einem „subjektiven" und
einem „objektiven" Gebrauch unterschieden werden, wobei beide Varianten
aufeinander bezogen sind.
Die subjektive oder besser personale Gerechtigkeit bezieht sich auf das
Verhalten oder die ethische Grundhaltung einer Einzelperson. Eine Person
kann gerecht handeln ohne gerecht zu sein und umgekehrt. Damit im
Zusammenhang steht die kantische Unterscheidung zwischen Legalität und
Moralität. Legale Handlungen befinden sind nach außen hin betrachtet in
Übereinstimmung mit dem Sittengesetz, geschehen aber nicht ausschließlich
aufgrund moralischer Beweggründe, sondern z. B. auch aus Angst,
Opportunismus etc. Bei moralischen Handlungen dagegen stimmen Handlung und
Motiv miteinander überein. In diesem Sinne wird Gerechtigkeit als eine der
vier Kardinaltugenden bezeichnet.
Die objektive oder institutionelle Gerechtigkeit bezieht sich auf die
Bereiche Recht und Staat. Hier geht es immer um Pflichten innerhalb einer
Gemeinschaft, die das Gleichheitsprinzip berühren. Es ist grundsätzlich zu
unterscheiden zwischen der ausgleichenden Gerechtigkeit (iustitita
commutativa) und Verteilungsgerechtigkeit (iustitita distributiva). Bei der
ausgleichenden Gerechtigkeit tritt der Wert einer Ware oder Leistung in den
Vordergrund. Bei der Verteilungsgerechtigkeit geht es um den Wert der
beteiligten Personen.
Die Gerechtigkeit der Einzelpersonen und der Institutionen sind in einem
engen Zusammenhang zueinander zu sehen. Ohne gerechte Bürger werden keine
gerechten Institutionen geschaffen oder aufrechterhalten werden können.
Ungerechte Institutionen erschweren andererseits die Entfaltung der
Individualtugend der Gerechtigkeit.
Das Anliegen der Ethik beschränkt sich nicht auf das Thema „Gerechtigkeit".
Zu den Tugenden gehören noch diejenigen, die man vor allem sich selbst
gegenüber hat (Klugheit, Mäßigung, Tapferkeit). Zu den ethischen Pflichten
gegenüber anderen zählt noch die Pflicht des Wohltuns (beneficientia), die
über die Gerechtigkeit hinausgeht und ihre Wurzel letztlich in der Liebe
hat. Während der Gerechtigkeit das Gleichheitsprinzip zugrunde liegt, ist
dies beim Wohltun die Notlage oder Bedürftigkeit des anderen. Diese
Unterscheidung entspricht der zwischen „iustitia" und „caritas" (Thomas von
Aquin), Rechts- und Tugendpflichten (Kant) bzw. in der Gegenwart der
zwischen „duties of justice" und „duties of charity" (Philippa Foot).
Ethische Theorien
Klassen ethischer oder moralphilosophischer Theorien lassen sich danach
unterscheiden, welche Kriterien sie für die Bestimmung des moralisch Guten
zugrunde legen. Das moralisch Gute kann bestimmt werden durch:
- die Folgen (Teleologische Ethiken, Konsequentialismus);
- die Verhaltensdispositionen, Charaktereigenschaften und „Tugenden"
(Tugendethiken);
- die Absichten des Handelnden (Gesinnungsethiken);
- objektive moralische Tatsachen, etwa objektive moralische Güter oder
Handlungsbewertungen betreffend (Deontologische Ethiken);
- die Optimierung
+ die Interessen der Betroffenen (Präferenz-Utilitaristische Ethiken),
+ das Glück (Eudämonie)
+ oder die Wohlfahrt.
Dabei werden unterschiedlichste Kombinationen und feinere moraltheoretische
Bestimmungen vertreten.
Teleologische oder deontologische Ethik
Die verschiedenen Ethikansätze werden traditionell prinzipiell danach
unterschieden, ob sie ihren Schwerpunkt auf die Handlung selbst
(deontologische Ethikansätze) oder auf die Handlungsfolgen (teleologische
Ethikansätze) legen. Die Unterscheidung geht zurück auf C. D. Broad¹³ und
wurde bekannt durch William K. Frankena. In dieselbe Richtung geht auch die
Aufteilung Max Webers in Gesinnungs- und Verantwortungsethiken, wobei diese
von ihm als Polemik gegenüber Gesinnungsethiken verstanden wurde.
Teleologische Ethiken
Das griechische Wort „telos" bedeutet so viel wie Vollendung, Erfüllung,
Zweck oder Ziel. Unter teleologischen Ethiken versteht man daher solche
Theorieansätze, die ihr Hauptaugenmerk auf bestimmte Zwecke oder Ziele
richten. In ihnen wird die Forderung erhoben, Handlungen sollten ein Ziel
anstreben, das in einem umfassenderen Verständnis gut ist. Der Inhalt
dieses Zieles wird von den verschiedenen Richtungen auf recht
unterschiedliche Art und Weise bestimmt.
Teleologische Ethiken geben valuativen Sätzen einen Vorrang gegenüber
normativen Sätzen. Für sie stehen Güter und Werte im Vordergrund. Die
menschlichen Handlungen sind insbesondere insofern von Interesse, als sie
hinderlich oder förderlich zum Erreichen dieser Güter und Werte sein
können. „Eine Handlung ist dann auszuführen und nur dann, wenn sie oder die
Regel, unter die sie fällt, ein größeres Überwiegen des Guten über das
Schlechte herbeiführt, vermutlich herbeiführen wird oder herbeiführen
sollte als jede erreichbare Alternative" (Frankena).¹⁴
Innerhalb teleologischer Ethikansätze wird wiederum zwischen
„onto-teleologischen" und „konsequentialistisch-teleologischen" Ansätzen
unterschieden.
In onto-teleologischen Ansätzen – klassisch vertreten durch Aristoteles –
wird davon ausgegangen, dass das zu erstrebende Gut in gewisser Weise dem
Menschen selbst als Teil seiner Natur innewohne. Es wird gefordert, dass
der Mensch so handeln und leben solle, wie es seiner Wesensnatur
entspricht, um so seine artspezifischen Anlagen auf bestmögliche Weise zu
vervollkommnen.
In konsequentialistisch-teleologischen Ansätzen hingegen wird nicht mehr
von einer letzten vorgegebenen Zweckhaftigkeit des menschlichen Daseins
ausgegangen. Das zu erstrebende Ziel wird daher durch einen außerhalb des
handelnden Subjekts liegenden Nutzen bestimmt. Dieser Ansatz wird bereits
in der Antike (Epikur) und später in seiner typischen Form durch den
Utilitarismus vertreten.
Deontologische Ethiken
Das griechische Wort „to deon" bedeutet „das Schickliche, die Pflicht".
Deontologische Ethiken kann man daher mit Sollensethiken gleichsetzen. Sie
sind dadurch gekennzeichnet, dass bei ihnen den Handlungsfolgen nicht
dieselbe Bedeutung zukommt wie in teleologischen Ethiken. Innerhalb der
deontologischen Ethiken wird häufig zwischen aktdeontologischen (z. B.
Jean-Paul Sartre) und regeldeontologischen Konzeptionen (z. B. Immanuel
Kant) unterschieden. Während die Regeldeontologie allgemeine Handlungstypen
als verboten, erlaubt oder geboten ausweist (vgl. z. B. das Lügenverbot
oder die Pflicht, Versprechen zu halten), bezieht sich den
aktdeontologischen Theorien zufolge das deontologische Moralurteil
unmittelbar auf spezifische Handlungsweisen in jeweils bestimmten
Handlungssituationen.
In deontologischen Ethiken haben normative Sätze eine Vorrangstellung
gegenüber valuativen Sätzen. Für sie bilden Gebote, Verbote und Erlaubnisse
die Grundbegriffe. Es rücken die menschlichen Handlungen in den
Vordergrund, da nur sie gegen eine Norm verstoßen können. Robert Spaemann
charakterisiert sie als „moralische Konzepte, […] für welche bestimmte
Handlungstypen ohne Beachtung der weiteren Umstände immer verwerflich sind,
also z. B. die absichtliche direkte Tötung eines unschuldigen Menschen, die
Folter oder der außereheliche Beischlaf eines verheirateten Menschen".¹⁵
Kritik an der Unterscheidung
Die Unterscheidung zwischen teleologischen und deontologischen Ethiken wird
von einigen Kritikern¹⁶ als fragwürdig bezeichnet. In der Praxis sind auch
selten Ansätze zu finden, die eindeutig einer der beiden Richtungen
zugeordnet werden könnten.
Einer strikten deontologischen Ethik müsste es gelingen, Handlungen
aufzuzeigen, die „in sich", völlig losgelöst von ihren Folgen, als
unsittlich und „in sich schlecht" zu bezeichnen wären. Diese wären dann
„unter allen Umständen" zu tun oder zu unterlassen gemäß dem Spruch „Fiat
iustitia et pereat mundus" („Gerechtigkeit geschehe, und sollte die Welt
darüber zugrunde gehen", Ferdinand I. von Habsburg). Bekannte Beispiele
solcher Handlungen sind die „Tötung Unschuldiger" oder die nach Kant
unzulässige Lüge. In den Augen der Kritiker liegt in diesen Fällen häufig
eine „petitio principii" vor. Wenn z. B. die Tötung Unschuldiger als Mord
und dieser wiederum als unsittliche Handlung definiert wird, könne sie
natürlich in jedem Fall als „in sich schlecht" bezeichnet werden. Das
gleiche gelte für die Lüge, wenn sie als unerlaubtes Verfälschen der
Wahrheit bezeichnet wird.
Gerade in der Analyse ethischer Dilemmasituationen, in denen nur die Wahl
zwischen mehreren Übeln möglich ist, zeige sich, dass es kaum möglich sein
dürfte, bestimmte Handlungen unter allen Umständen als „sittlich schlecht"
zu bezeichnen. Nach einer strikten deontologischen Ethik wäre die „Wahl des
kleineren Übels" nicht möglich.
An strikt teleologisch argumentierenden Ethikansätzen wird kritisiert, dass
sie das ethisch Gesollte von außerethischen Zwecken abhängig machen. Damit
bleibe die Frage unbeantwortet, weshalb wir diese Zwecke verfolgen sollen.
Eine Güterabwägung werde damit unmöglich gemacht, da die Frage, was ein
oder das bessere „Gut" ist, nur geklärt werden könne, wenn vorher
allgemeine Handlungsprinzipien definiert wurden. In vielen teleologischen
Ansätzen würden diese Handlungsprinzipien auch einfach stillschweigend
vorausgesetzt, wie z. B. im klassischen Utilitarismus, für den
Lustgewinnung und Unlustvermeidung die Leitprinzipien jeglicher
Folgenabschätzung darstellen.
Wollen und Sollen in Ansätzen der Ethik
Ethische Positionen lassen sich auch danach unterscheiden, wie sich das
Gesollte aus einem bestimmten Wollen ergibt.
Die aufgelisteten Positionen liegen auf unterschiedlichen logischen Ebenen
und schließen sich deshalb auch nicht logisch aus. So ist z. B. die
Verbindung einer religiösen Position mit einer intuitionistischen Position
möglich. Denkbar ist auch eine Verbindung der konsenstheoretischen Position
mit einer utilitaristischen Position, wenn man annimmt, dass sich ein
Konsens über die richtige Norm nur dann herstellen lässt, wenn dabei der
Nutzen (das Wohl) jedes Individuums in gleicher Weise berücksichtigt wird.
Außerdem ist zu beachten: Einige dieser Ansätze haben ausdrücklich nicht
den Anspruch, umfassende ethische Konzepte zu sein, sondern z. B. nur
Konzepte für die Beurteilung, ob eine Gesellschaft in
politisch-ökonomischer Hinsicht gerecht eingerichtet ist; z. B. bei John
Rawls, im Unterschied zu umfassenderen Ansätze, die auch Fragen privater,
individueller Ethik betreffen – etwa, ob es eine moralische Pflicht gibt,
zu lügen, wenn genau dies notwendig ist, um ein Menschenleben zu retten
(und wenn ohne diese Lüge niemand sonst stattdessen gerettet würde). Auch
z. B. Habermas beantwortet diese Frage nicht „inhaltlich", aber sein
Konzept beinhaltet den Bereich auch solcher Fragen, indem es „formal"
postuliert, richtig sei, was in dieser Frage alle, die an einem zwanglosen
und zugleich vernünftigen Diskurs dazu teilnehmen würden, als verbindlich
für alle dazu herausfinden und akzeptieren würden.
Inhaltliche Richtigkeit und formale Verbindlichkeit von Normen
Wenn man fragt, warum Individuum A eine bestimmte Handlungsnorm N befolgen
soll, so gibt es zwei Arten von Antworten.
Die eine Art von Antworten bezieht sich auf eine Institution oder ein
Verfahren, wodurch die Norm gesetzt wurde. Beispiele hierfür sind:
A soll N befolgen, weil …
- … A dies versprochen hat,
- … der Verstorbene dies in seinem Testament so festgelegt hat,
- … das geltende Recht dies vorschreibt,
- … der Eigentümer es so will,
- … es mehrheitlich so beschlossen wurde etc.
Die andere Art von Antworten bezieht sich auf die inhaltliche
Beschaffenheit der Norm. Beispiele für diese Art von Antworten sind:
A soll N befolgen, weil …
- … N gerecht ist,
- … N für alle das Beste ist,
- … die Befolgung von N zum größten Wohl aller führt,
- … N der Menschenwürde entspricht, etc.
Offensichtlich liegen diese Begründungen auf zwei verschiedenen Ebenen,
denn man kann ohne logischen Widerspruch sagen: „Ich halte den Beschluss
der Parlamentsmehrheit zwar für inhaltlich falsch, aber dennoch ist er für
mich verbindlich. Als Demokrat respektiere ich die Beschlüsse der
Mehrheit."
Man kann die ethischen Theorien nun danach unterscheiden, wie sie mit dem
Spannungsverhältnis zwischen der Ebene der verfahrensmäßigen Setzung von
verbindlichen Normen und der Ebene der argumentativen Bestimmung von
richtigen Normen umgehen.
Auf der einen Seite stehen ganz außen die Dezisionisten. Für sie ist nur
die verbindliche Setzung von Normen bedeutsam. Sie bestreiten, dass man in
Bezug auf Normen überhaupt von inhaltlicher Richtigkeit und von einer
Erkenntnis der richtigen Norm sprechen kann.
Das Hauptproblem der Dezisionisten ist, dass es für sie keine Berechtigung
für einen Widerstand gegen die gesetzten Normen geben kann, denn
„verbindlich ist verbindlich". Außerdem können Dezisionisten nicht
begründen, warum man das eine Normsetzungsverfahren irgendeinem anderen
Verfahren vorziehen soll.
Auf der anderen Seite stehen ganz außen die ethischen Kognitivisten. Für
sie ist das Problem ethischen Handelns allein ein Erkenntnisproblem, das
man durch die Gewinnung relevanter Informationen und deren Auswertung nach
geeigneten Kriterien lösen kann. Eine Legitimation von Normen durch
Verfahren ist für sie nicht möglich.
Das Hauptproblem der Kognitivisten ist, dass es auch beim
wissenschaftlichen Meinungsstreit oft nicht zu definitiven Erkenntnissen
kommt, die als Grundlage der sozialen Koordination dienen könnten. Es
werden deshalb zusätzlich verbindliche und sanktionierte Normen benötigt,
die für jedes Individuum das Handeln der anderen berechenbar macht.
Erkenntnistheoretische und metaphysische Probleme der Ethik
Sein und Sollen
Teleologische Ethiken sind in der Regel Güter-Ethiken; sie bezeichnen
bestimmte Güter (z. B. „Glück" oder „Lust") als für den Menschen gut und
damit erstrebenswert.
Schon David Hume hat den Einwand erhoben, dass der Übergang von Seins- zu
Sollensaussagen nicht legitim sei („Humes Gesetz"). Unter dem Stichwort
„Naturalistischer Fehlschluss" hat George Edward Moore damit eng verwandte
Fragen aufgeworfen, die aber genau genommen nicht dieselben sind.
Hume kritisiert an den ihm bekannten Moralsystemen,
„… daß mir anstatt der üblichen Verbindungen von Worten mit „ist" und
„ist nicht" kein Satz mehr begegnet, in dem nicht ein „sollte" oder
„sollte nicht" sich fände. […] Dies sollte und sollte nicht drückt eine
neue Beziehung oder Behauptung aus, muß also notwendigerweise betrachtet
und erklärt werden. Gleichzeitig muß ein Grund angegeben werden für
etwas, das sonst ganz unbegreiflich scheint, nämlich dafür, wie diese
neue Beziehung zurückgeführt werden kann auf andere, die von ihr ganz
verschieden sind."
– Hume: Traktat über die menschliche Natur. III, 1, 1.
Für Hume sind logische Schlussfolgerungen von dem, was ist, auf das, was
sein soll, unzulässig, denn durch logische Umformungen könne aus Ist-Sätzen
kein völlig neues Bedeutungselement wie das Sollen hergeleitet werden.
Wie später die Positivisten betont haben, muss erkenntnistheoretisch
zwischen Ist-Sätzen und Soll-Sätzen wegen ihres unterschiedlichen
Verhältnisses zur Sinneswahrnehmung differenziert werden. Während der Satz
„Peter ist um 14 Uhr am Bahnhof gewesen" durch intersubjektiv
übereinstimmende Beobachtungen überprüfbar, also verifizierbar oder
falsifizierbar ist, lässt sich der Satz „Peter soll um 14 Uhr am Bahnhof
sein" mit den Mitteln von Beobachtung und Logik allein nicht begründen oder
widerlegen.
Die erkenntnistheoretische Unterscheidung zwischen Sein und Sollen liegt
den modernen Erfahrungswissenschaften zugrunde. Wer diese Unterscheidung
nicht akzeptiert, der muss entweder ein Sein postulieren, das nicht direkt
oder indirekt wahrnehmbar ist, oder er muss das Gesollte für sinnlich
wahrnehmbar halten. Beiden Positionen mangelt es bisher an einer
intersubjektiven Nachprüfbarkeit.
Die vermeintliche Herleitung ethischer Normen aus Aussagen über das Seiende
wird oft nur durch die unbemerkte Ausnutzung der normativ-empirischen
Doppeldeutigkeit von Begriffen wie „Wesen", „Natur", „Bestimmung",
„Funktion", „Zweck", „Sinn" oder „Ziel" erreicht.
So bezeichnet das Wort „Ziel" einmal das, was ein Mensch tatsächlich
anstrebt („Sein Ziel ist das Diplom"). Das Wort kann jedoch auch das
bezeichnen, was ein Mensch anstreben sollte („Wer nur am Materiellen
ausgerichtet ist, der verfehlt das wahre Ziel des menschlichen Daseins").
Die unbemerkte empirisch-normative Doppeldeutigkeit bestimmter Begriffe
führt dann zu logischen Fehlschlüssen wie: „Das Wesen der Sexualität ist
die Fortpflanzung. Also ist Empfängnisverhütung nicht erlaubt, denn sie
entspricht nicht dem Wesen der Sexualität."
Aus der logischen Unterscheidung von Sein und Sollen folgt jedoch
keineswegs, dass damit eine auf Vernunft gegründete Ethik unmöglich ist,
wie dies sowohl von Vertretern des logischen Empirismus als auch des
Idealismus geäußert wird. Zwar lässt sich allein auf Empirie und Logik
keine Ethik gründen, aber daraus folgt noch nicht, dass es nicht andere
allgemein nachvollziehbare Kriterien für die Gültigkeit ethischer Normen
gibt. Ein aussichtsreiches Beispiel für eine nachpositivistische Ethik ist
die am Kriterium des zwangfreien Konsenses orientierte Diskursethik.
Mit der Feststellung, dass das Gesollte nicht aus dem Seienden logisch
ableitbar ist, wird eine Begründung von Normen noch nicht aussichtslos.
Denn neben den Seinsaussagen und den normativen Sätzen gibt es
Willensäußerungen. Die Willensäußerung einer Person: „Ich will in der
nächsten Stunde von niemandem gestört werden" beinhaltet die Norm: „Niemand
soll mich in der nächsten Stunde stören". Die Aufgabe der Ethik ist es,
allgemeingültige Willensinhalte bzw. Normen zu bestimmen und
nachvollziehbar zu begründen.
Die logische Unterscheidung zwischen Ist-Sätzen und Soll-Sätzen wird vor
allem von Vertretern idealistischer Positionen als eine unzulässige
Trennung von Sein und Sollen angesehen und es wird eingewandt, dass ihr ein
verkürzter Seinsbegriff zugrunde liege. So argumentiert Vittorio Hösle, das
Sollen könne nur vom realen, empirischen Sein strikt abgegrenzt werden,
„... ein ideales Sein, das nicht vom Menschen gesetzt ist, wird dem Sollen
damit ebenso wenig abgesprochen wie eine mögliche Prinzipiierungsfunktion
gegenüber dem empirischen Sein".¹⁸ Es könne gerade als Aufgabe des Menschen
angesehen werden, „damit fertig zu werden, dass das Sein nicht so ist, wie
es sein soll".¹⁹ Das Gesollte solle eben sein und sei als solches bereits
Prinzip des Seins:
„Aber wenn das Projekt der Ethik einen Sinn haben soll, dann muß das Sein
in einer bestimmten Weise strukturiert sein: Es muß Wesen enthalten, die
zumindest der Erkenntnis des Sollens fähig sind, ja in denen diese
Erkenntnis – bei allen Widerständen durch verschiedene Interessen – nicht
ohne Einfluß auf ihr Handeln ist. Daß aus der Geltung des Sollens
Annahmen über die Wirklichkeit folgen, ist eine keineswegs triviale
Annahme und m. E. nur im Rahmen eines objektiven Idealismus zu begreifen,
nach dem das faktische Sein durch ideale Strukturen wenigstens zum Teil
prinzipiert ist."
– Hösle: Moral und Politik, S. 241f
Die Möglichkeit einer teleologischen Ethik scheint mit der logischen
Unterscheidung von Seins- und Sollens-Aussagen grundsätzlich in Frage
gestellt. Aus Sicht der klassischen Position des Realismus bezüglich der
Ethik, insbesondere des Naturrechts, ist es aber gerade das Sein, aus dem
das Sollen abgeleitet werden muss, da es (außer dem Nichts) zum Sein keine
Alternative gibt. Weil das Gute das Seinsgerechte, also das dem jeweiligen
Seienden gerechte bzw. entsprechende ist, muss demnach das Wesen des Seins
zunächst erkannt und aus ihm die Forderung des Sollens (ihm gegenüber)
logisch abgeleitet werden.
Das Problem des Bösen
Trotz der teilweise apokalyptischen geschichtlichen Ereignisse des 20.
Jahrhunderts wird der Begriff „böse" in der Umgangssprache nur noch selten
gebraucht. Stattdessen werden meist die Begriffe „schlecht" („ein
schlechter Mensch") oder „falsch" („die Handlung war falsch") verwendet.
Das Wort „böse" gilt im gegenwärtigen Bewusstsein generell als
metaphysikverdächtig und aufgrund der allgemeinen Dominanz des
naturwissenschaftlichen Denkens als überholt.
In der philosophischen Tradition wird das Böse als eine Form des Übels
betrachtet. Klassisch geworden ist die Unterscheidung von Leibniz zwischen
einem metaphysischen (malum metaphysicum), einem physischen (malum
physicum) und einem moralischen Übel (malum morale). Das metaphysische Übel
besteht in der Unvollkommenheit alles Seienden, das physische Übel in
Schmerz und Leid. Diese Übel sind Widrigkeiten, die ihren Ursprung in der
Natur haben. Sie sind nicht „böse", da sie nicht das Ergebnis des
(menschlichen oder allgemeiner gesagt geistigen) Willens sind. Das
moralische Übel oder das Böse hingegen besteht in der Nicht-Übereinstimmung
einer Handlung mit dem Sittengesetz bzw. Naturrecht. Es kann, wie Kant
betont, nur „die Handlungsart, die Maxime des Willens und mithin die
handelnde Person selbst" böse sein.²⁰ Das Böse ist also als Leistung oder
besser Fehlleistung des Subjekts zu verstehen.
Reduktionistische Erklärungsversuche
Die Verhaltensforschung führt das Böse auf die allgemeine „Tatsache" der
Aggression zurück. Diese sei einfachhin ein Bestandteil der menschlichen
Natur und als solcher moralisch irrelevant. Daher spricht Konrad Lorenz
auch vom „sogenannten Bösen". Dieser Erklärung wird von Kritikern eine
reduktionistische Betrachtungsweise vorgeworfen. Sie übersehe, dass dem
Menschen auf der Grundlage der Freiheit die Möglichkeit gegeben ist, zu
seiner eigenen Natur Stellung zu nehmen.²¹
In der Philosophie stellte sich bereits Platon die Frage, wie das Böse
überhaupt möglich sei. Das Böse werde nur getan, weil jemand im
irrtümlichen Glauben annimmt, er (oder jemand) habe einen Nutzen davon.
Somit wolle er aber den mit dem Bösen verbundenen Nutzen. Das Böse um
seiner selbst willen könne niemand vernünftigerweise wollen:²²
„Sokrates: So ist denn doch klar, daß diejenigen, welche es nicht kennen,
nicht das Böse begehren, sondern vielmehr das, was sie für gut halten,
während es böse ist; so daß diejenigen, welche es nicht kennen und es für
gut halten, offenbar eigentlich das Gute begehren. Oder nicht?
Sokrates: Und weiter: Diejenigen, welche das Böse begehren, wie du
behauptest, während sie doch glauben, daß das Böse dem schade, welchem es
zuteil wird, erkennen doch wohl, daß sie von ihm Schaden nehmen werden?
Menon: Notwendig.
Sokrates: Diese aber, halten sie nicht die, welche Schaden leiden, für
elend, sofern sie Schaden leiden?
Menon: Notwendig auch das.
Sokrates: Halten sie die Elenden aber nicht für unglücklich?
Menon: Ich meine doch.
Sokrates: Gibt es nun einen Menschen, welcher elend und unglücklich sein
will?
Menon: Ich denke nicht, Sokrates.
Sokrates: Niemand also will das Böse, Menon; wenn anders er nicht ein
solcher sein will. Denn was heißt elend sein anders, als das Böse
begehren und es besitzen?"
Nicht-reduktionistische Erklärungsversuche
Dieses in der Antike noch weit verbreitete Verständnis, das Böse ließe sich
durch die Vernunft überwinden, wird allerdings durch die geschichtlichen
Erfahrungen, insbesondere die des 20. Jahrhunderts in Frage gestellt. Diese
lehren in den Augen vieler Philosophen der Gegenwart, dass der Mensch
durchaus im Stande sei, das Böse auch um seiner selbst willen zu wollen.
Als Motiv für das Böse kann zunächst einmal der Egoismus ausgemacht werden.
Er äußert sich in vielen Spielarten. In seiner harmlosen Variante zeigt er
sich im Ideal einer selbstbezogenen Bedürfnisbefriedigung. In dieser Form
stellt er letztlich auch die „Vertragsgrundlage" des Utilitarismus dar, der
nichts anderes als einen Interessensausgleich zwischen den Individuen
schaffen möchte. Dieser Aspekt trifft – wie die geschichtliche Erfahrung
zeigt – noch nicht den eigentlichen Kern des Bösen. Dieser wird erst dann
sichtbar, wenn die eigene Bedürfnisbefriedigung nicht mehr im Vordergrund
steht:
„Die eigentliche Struktur des Bösen aber […] zeigt sich erst dort, wo
dieser utilitaristische Bezug nicht leitend ist, sondern die zwecklose,
ja sogar widersinnige Freude an der reinen Destruktion vorherrscht. Erst
hier entdeckt man die unheimlichen Züge des menschlichen Ich: der
Machtrausch der Zerstörung genießt"
– Schulz: Philosophie in der veränderten Welt. S. 725.
Die Ursache dieses „radikal Bösen" ist nach Kant weder in der Sinnlichkeit
noch in der Vernunft zu sehen, sondern in einer „Verkehrtheit des Herzens",
in der sich das Ich gegen sich selbst wendet:
„Die Bösartigkeit der menschlichen Natur ist also nicht sowohl Bosheit,
wenn man dieses Wort in strenger Bedeutung nimmt, nämlich als eine
Gesinnung (subjektives Prinzip der Maximen), das Böse als Böses zur
Triebfeder in seine Maxime aufzunehmen (denn die ist teuflisch); sondern
vielmehr Verkehrtheit des Herzens, welches nun, der Folge wegen, auch ein
böses Herz heißt, zu nennen."
– Kant: Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft. S. 686
Dieser Grundgedanke Kants von der Selbstwidersprüchlichkeit des Ichs als
Ursache des Bösen wird vor allem in der Philosophie des Idealismus noch
einmal vertieft. Schelling unterscheidet zwischen einem alle Bindung
verneinenden „Eigenwillen" und einem sich in Beziehungen gestaltenden
„Universalwillen". Die Möglichkeit zum Bösen bestehe darin, dass der
Eigenwille sich seiner Integration in den Universalwillen widersetzt.
„Das Prinzip, sofern es aus dem Grunde stammt und dunkel ist, ist der
Eigenwille der Kreatur, der aber, sofern er noch nicht zur vollkommenen
Einheit mit dem Licht (als Prinzip des Verstandes) erhoben ist (es nicht
faßt), bloße Sucht oder Begierde, d. h. blinder Wille ist. Diesem
Eigenwillen der Kreatur steht der Verstand als Universalwille entgegen,
der jenen gebraucht und als bloßes Werkzeug sich unterordnet."
– Friedrich Wilhelm Joseph Schelling: Philosophische Untersuchungen über
das Wesen der menschlichen Freiheit und die damit zusammenhängenden
Gegenstände. S. 459
Das radikal Böse bewirke einen Umsturz der Ordnung in mir selbst und in
Bezug zu anderen. Es erfolge um seiner selbst willen, denn „wie es einen
Enthusiasmus zum Guten gibt, ebenso gibt es eine Begeisterung des Bösen".²³
Nach der klassischen Lehre (Augustinus, Thomas von Aquin etc.) ist das Böse
selbst letztlich substanzlos. Als privativer Gegensatz des Guten besteht es
nur in einem Mangel (an Gutem). Im Gegensatz zum absolut Guten (Gott) gibt
es demnach das absolut Böse nicht.
Praktische Probleme der Ethik
Das Durchsetzungsproblem
Das Durchsetzungsproblem der Ethik besteht darin, dass die Einsicht in die
Richtigkeit ethischer Prinzipien zwar vorhanden sein kann, daraus aber
nicht automatisch folgt, dass der Mensch auch im ethischen Sinne handelt.
Die Einsicht in das richtige Handeln bedarf einer zusätzlichen Motivation
oder eines Zwangs.²⁴
Das Problem erklärt sich daraus, dass die Ethik einerseits und das
menschliche Eigeninteresse als Egoismus andererseits oft einen Gegensatz
bilden.²⁵ Das Durchsetzungsproblem gewinne zudem durch die weltweite
Globalisierung eine neue Dimension, die zu einer Ethik der Neomoderne
führe.
Beispiel
Die Tatsache, dass die Menschen im Land X Hunger leiden und ihnen geholfen
werden sollte, ja es moralisch geboten erscheint ihnen zu helfen, wird
niemand bestreiten. Die Einsicht es auch zu tun, einen Großteil seines
Vermögens dafür herzugeben, wird es im nennenswerten Umfang erst geben,
wenn eine zusätzliche Motivation auftaucht, etwa die Gefahr einer
Hungermigration ins eigene Land unmittelbar bevorsteht.
Das Durchsetzungsproblem zeigt sich auf andere Weise auch in der Erziehung,
etwa wenn fest verinnerlichte Verhaltensregeln später auf entwickelte
ethische Prinzipien stoßen.²⁶
Angewandte Ethik
Die angewandte Ethik ist ein Teilbereich der allgemeinen Ethik.
Teilbereiche der angewandten Ethik (oder Bereichsethik) sind beispielsweise
Medizinethik, Umweltethik und Wirtschaftsethik. Aufgabe der verschiedenen
Bereichsethiken ist es, in Kommissionen, auf Instituten usw. Normen oder
Handlungsempfehlungen für bestimmte Bereiche zu erarbeiten.
Ethik-Institute
Im deutschsprachigen Raum gibt es zahlreiche Ethik-Institute, die sich mit
den weiten Problemfeldern der angewandten Ethik beschäftigen:
- Institut TTN an der Ludwig-Maximilians-Universität München
- Forschungsinstitut für Philosophie Hannover
- Ethikzentrum Jena
- Ethikzentrum der Universität Zürich
- Zentrum für Gesundheitsethik an der Evang. Akademie Loccum
- Akademie für Ethik in der Medizin, Georg-August-Universität Göttingen
- Centrum für Bioethik, Westfälische Wilhelms-Universität Münster
- Berliner Institut für christliche Ethik und Politik (ICEP)
- Internationales Zentrum für Ethik in den Wissenschaften, Eberhard Karls
Universität Tübingen
- Institut für Ethik & Werte in Gießen
- Institut für Ethik und Gesellschaftslehre an der Katholisch-Theologischen
Fakultät der Karl-Franzens-Universität Graz
- Institut für Wissenschaft und Ethik (IWE), Bonn
- Deutsches Referenzzentrum für Ethik in den Biowissenschaften (DRZE), Bonn
- Institut für digitale Ethik (IDE), Hochschule der Medien, Stuttgart
Literatur
Philosophiebibliographie: Ethik – Zusätzliche Literaturhinweise zum Thema
Einführungen
- Arno Anzenbacher: Einführung in die Ethik. 3. Auflage. Patmos, Düsseldorf
2003, ISBN 3-491-69028-5 (gut lesbare Einführung)
- Dieter Birnbacher: Analytische Einführung in die Ethik. De Gruyter,
Berlin u. a. 2003, ISBN 3-11-017625-4 (systematische Darstellung der
normativen Ethik aus Sicht eines analytischen Philosophen; moderne
Ansätze stehen im Vordergrund)
- Dagmar Fenner: Ethik. Wie soll ich handeln? UTB, Stuttgart 2008, ISBN
978-3-8252-2989-4 (gut strukturierte Einführung, etwas schulbuchhaft)
- Dietmar Hübner: Einführung in die philosophische Ethik. UTB, Göttingen
2014, ISBN 978-3-8252-4121-6 (klare Systematik mit historischen
Vertiefungen)
- Annemarie Pieper: Einführung in die Ethik. 5. Auflage. Francke, Tübingen
u. a. 2003, ISBN 3-8252-1637-3, ISBN 3-7720-1698-7 (vielzitierte
Einführung in die Ethik)
- Louis P. Pojman, James Fieser: Ethics. Discovering Right and Wrong.
Wadsworth Pub. 2008, ISBN 978-0-495-50235-7. (exzellente, sehr klare, oft
als Lehrbuch verwendete erste Einführung) (Inhaltsverzeichnis) (MS Word;
177 kB)
- Karl Hepfer. Philosophische Ethik. Eine Einführung. Göttingen 2008 (UTB
3117), ISBN 978-38252-3117-0 (Sehr übersichtliche und gut lesbare
Darstellung aller gängigen Begründungsmodelle)
- Michael Quante: Einführung in die allgemeine Ethik. Darmstadt 2003, ISBN
3-534-15464-9 (lehrbuchartig aufgebautes Werk mit Zusammenfassungen,
Lektürehinweisen und Übungen am Ende jedes Kapitels; geht ausführlich auf
metaethische Fragen ein)
- Hans Reiner: Ethik. Eine Einführung. Studienausgabe, PAIS-Verlag,
Oberried 2010, ISBN 978-3-931992-27-9 (gut verständliche Einführung)
- Andreas Vieth: Einführung in die Philosophische Ethik. Münster/ München
2015, ISBN 978-3-7380-2658-0, PDF (themenorientiert, metaethisch,
visuelle Themenaufbereitung, Lehrbuch)
Gesamtdarstellungen
- Marcus Düwell, Christoph Hübenthal, Micha H. Werner (Hrsg.): Handbuch
Ethik. 2. akt. Auflage. Metzler, Stuttgart u. a. 2006, ISBN 3-476-02124-6
(derzeit das Standardhandbuch zur Ethik; enthält einen historischen und
einen begrifflichen Teil; breite Berücksichtigung der aktuellen
Diskussion; zum Teil sehr anspruchsvoll)
- Hugh LaFollette (Hrsg.): Blackwell Guide to Ethical Theory. Blackwell,
Oxford 2000. (Inhaltsverzeichnis)
- Friedo Ricken: Allgemeine Ethik. 4. Auflage. Kohlhammer, Stuttgart 2003,
ISBN 3-17-017948-9 (sehr fundiert und anspruchsvoll; versucht eine
Synthese aus Aristotelischen und Kantischen Ansätzen mit Anleihen aus der
analytischen Philosophie)
- Hugh LaFollette (Hrsg.): Ethics in Practice: An Anthology. 4. Auflage.
Wiley Blackwell, Oxford 2014, ISBN 978-0-470-67183-2.
Lexika und Grundbegriffe
- Otfried Höffe (Hrsg.): Lexikon der Ethik. 6. Auflage. Beck, München 2002,
ISBN 3-406-47586-8 (das Standardlexikon zur Einführung in die Begriffe
der Ethik)
- Gerhard Schweppenhäuser: Grundbegriffe der Ethik zur Einführung. 2.
Auflage. Junius, Hamburg 2006, ISBN 3-88506-632-7 (konzentriert sich auf
die Behandlung zentraler Grundbegriffe der Ethik)
Einzelnachweise
[1] Vgl. A Greek-English Lexicon 9. A. (1996), S. 480.766.
[2] Lexikon Philosophie - Hundert Grundbegriffe, Reclam, 2011, S. 80.
[3] Cicero: De fato 1; Moral, moralisch, Moralphilosophie. In: Historisches
Wörterbuch der Philosophie. Band 6, S. 149.
[4] Jürgen Habermas: Vom pragmatischen, ethischen und moralischen Gebrauch
der praktischen Vernunft. online
[5] F. H. Bradley: Why should I be moral? In: Ethical Studies. The
Clarendon Press, Oxford 1876.
[6] Kurt Bayertz: Warum überhaupt moralisch sein? C. H. Beck Verlag,
München 2004, ISBN 3-406-52196-7.
[7] Friedo Ricken: Allgemeine Ethik. S. 96.
[8] § 17 StGB
[9] Vgl. Ricken: Allgemeine Ethik. S. 136f.
[10] Thomas von Aquin: Summa theologica.
[11] Ricken: Allgemeine Ethik. S. 84.
[12] Aristoteles: Nikomachische Ethik. Politik.
[13] C. D. Broad: Five Types of Ethical Theory. London 1930.
[14] William K. Frankena: Ethics. 2. Auflage. Englewood Cliffs 1973, S. 14,
übersetzt in Albert Keller: Philosophie der Freiheit. Styria, Graz 1994,
S. 212.
[15] Robert Spaemann: Christliche Verantwortungsethik. In: Johannes Gründel
(Hrsg.): Leben aus christlicher Verantwortung, 1. Grundlegungen.
Düsseldorf 1991, S. 122.
[16] Vgl. z. B. Albert Keller: Philosophie der Freiheit. Styria, Graz 1994,
ISBN 3-222-12294-6.
[17] Vgl. Mark Murphy: Theological Voluntarism. In: Edward N. Zalta
(Hrsg.): Stanford Encyclopedia of Philosophy; Michael W. Austin: Divine
Command Theory in der Internet Encyclopedia of Philosophy.
[18] Vittorio Hösle: Moral und Politik. Grundlagen einer Politischen Ethik
für das 21. Jahrhundert. Beck, München 1997, ISBN 3-406-42797-9, S. 127.
[19] Hösle: Moral und Politik. S. 242.
[20] Vgl. Kant: KpV. S. 106.
[21] Vgl. Walter Schulz: Philosophie in der veränderten Welt. 7. Auflage.
Stuttgart 2001, ISBN 3-608-91040-9, S. 723ff.
[22] Platon: Menon. 77a-78b.
[23] Schelling: Philosophische Untersuchungen über das Wesen der
menschlichen Freiheit und die damit zusammenhängenden Gegenstände. S.
468.
[24] A. Schopenhauer: Die beiden Grundprobleme der Ethik. 1839/40.
[25] Helga E. Hörz und Herbert Hörz: Ist Egoismus unmoralisch? Grundzüge
einer neomodernen Ethik. trafo Verlagsgruppe, Berlin 2013, ISBN
978-3-86464-038-4.
[26] H. J. Niemann: Die Strategie der Vernunft. Rationalität in Erkenntnis,
Moral und Metaphysik. Vieweg, Braunschweig u. a. 1993, ISBN
3-528-06522-2.
Normdaten (Sachbegriff): GND: 4015602-3
Geist
Geist (griechisch πνεῦμα pneuma,¹ griechisch νοῦς nous² und auch griechisch
ψυχή psyche,³ lat. spiritus,⁴ mens⁵ , animus bzw. anima,⁶ hebr. ruach und
arab. rūh, engl. mind, spirit, franz. esprit) ist ein aus historischen
Gründen uneinheitlich verwendeter Begriff der Philosophie, Theologie,
Psychologie und Alltagssprache.⁷
Im Zusammenhang mit Bewusstsein kann man grob zwischen zwei
Bedeutungskomponenten des Begriffs „Geist" unterscheiden:
- Bezogen auf die allgemeinsprachlich „geistig" genannten kognitiven
Fähigkeiten des Menschen bezeichnet „Geist" das Wahrnehmen und Lernen
ebenso wie das Erinnern und Vorstellen sowie Phantasieren und sämtliche
Formen des Denkens wie Überlegen, Auswählen, Entscheiden, Beabsichtigen
und Planen, Strategien verfolgen, Vorher- oder Voraussehen, Einschätzen,
Gewichten, Bewerten, Kontrollieren, Beobachten und Überwachen, die dabei
nötige Wachsamkeit und Achtsamkeit sowie Konzentration aller Grade bis
hin zu hypnotischen und sonstigen tranceartigen Zuständen auf der einen
und solchen von Überwachheit und höchster Geistesgegenwärtigkeit auf der
anderen Seite.
- Mit religiösen Vorstellungen von einer Seele bis hin zu
Jenseitserwartungen verknüpft, umfasst „Geist" die oft als spirituell
bezeichneten Annahmen einer nicht an den leiblichen Körper gebundenen,
nur auf ihn einwirkenden reinen oder absoluten, transpersonalen oder gar
transzendenten Geistigkeit, die als von Gott geschaffen oder ihm gleich
oder wesensgleich, wenn nicht sogar mit ihm identisch gedacht wird.
Heiliger Geist wird in der christlichen Vorstellungswelt dagegen der als
Person gedachte, symbolisch als Taube oder als Auge dargestellte „Geist
Gottes" genannt.
Die Frage nach der „Natur" des Geistes ist somit ein zentrales Thema der
Metaphysik.
In der Tradition des deutschen Idealismus bezieht sich der Begriff hingegen
auf überindividuelle Strukturen. In diesem Sinne ist etwa die hegelsche
Philosophie zu verstehen, aber auch Wilhelm Diltheys Konzeption der
Geisteswissenschaften.
Der Begriff des Geistes
Die modernen heterogenen Konzeptionen des Geistes haben ihren Ursprung zum
einen in der antiken Philosophie und zum anderen in der Bibel.⁸ Während
sich in den meisten romanischen Sprachen ein entsprechender Begriff aus dem
lateinischen spiritus entwickelte, leitet sich der Begriff des Geistes aus
der indogermanischen Wurzel *gheis- für erschaudern, ergriffen und
aufgeregt sein ab.⁹ Das westgermanische Wort *ghoizdo-z bedeutete wohl
„übernatürliches Wesen" und wurde mit der Christianisierung der Germanen
christlich umgedeutet, so dass der Begriff in althochdeutschen (geist) und
altenglischen (gást) Schriften als Übersetzung für den biblischen Spiritus
Sanctus diente. Dieser Sinngehalt des Wortes hielt sich bis in die
Gegenwart, so dass „Geist" auch als Synonym für „Gespenst" verwendet wird.
Eine weitere Bedeutungsebene, die heute jedoch nicht mehr offensichtlich
ist, stellt „Geist" in einen Zusammenhang mit „Atem, Windeshauch" als
Ausdruck der Belebtheit. So findet sich noch in Luthers Übersetzung der
Bibel die Formulierung „der himmel ist durchs wort des herrn gemacht und
all sein heer durch den geist seines munds".¹⁰ Auch das lateinische
spiritus weist diese Bedeutung auf; es ist mit spirare „atmen" verwandt.
Zudem wird der Begriff des Geistes verwendet, um sich auf die kognitive und
emotionale Existenz eines Lebewesens zu beziehen. Umstritten ist in der
Theorie das Verhältnis von Geist und Gehirn: Während die Theologie und die
Philosophie in der Tradition René Descartes' davon ausgehen, dass sich der
