Die APO und die 60 er - Thom Delißen - E-Book

Die APO und die 60 er E-Book

Thom Delißen

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Beschreibung

Die APO in den 1960er Jahren In der Bundesrepublik Deutschland verstärkte sich ab Mitte der 1960er Jahre mit der Studentenbewegung, die mit der APO oft synonym gesetzt wird, die bis dahin bedeutendste außerparlamentarische Opposition in Deutschland (die sich selbst im Kürzel APO benannte). Ihre besonders von den Universitätsstädten ausgehenden Aktivitäten erreichten in den Jahren 1967 und 1968 ihren Höhepunkt. Die häufig in Bezugnahme auf diese Zeit ihrer Hochphase auch 68er-Bewegung genannte studentische APO wurde im Wesentlichen getragen durch den Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS). Die APO entwickelte sich aus der Opposition gegen die seit 1966 regierende sog. große Koalition aus CDU und SPD unter Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger (CDU) und die von dieser Regierung geplante Notstandsgesetzgebung, die letztlich gegen die Proteste der APO und das Votum der einzigen kleinen Oppositionspartei FDP durchgesetzt wurde. Die somit nahezu fehlende Opposition im Deutschen Bundestag und das verbreitete Gefühl, durch keine der im Bundestag befindlichen Parteien angemessen vertreten zu werden, begünstigte das Erstarken der außerparlamentarischen Opposition. Des Weiteren forderte die APO eine Demokratisierung der Universitätspolitik (ein Motto der Studentenbewegung, das die Verkrustung der Strukturen an den Hochschulen aufzeigen sollte, lautete: "Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren"). Man warf der Elterngeneration, die sich nur für wirtschaftlichen Wiederaufbau interessiere, eine gesellschaftliche Verdrängung der Verbrechen des Nationalsozialismus vor und insbesondere die Tatsache, dass immer noch ehemalige Nationalsozialisten in hohen und höchsten Ämtern saßen. Die APO kritisierte die Notstandgesetzgebung mit ihrer weitgehenden Entrechtung und Kontrolle der Bürger im Eventualfall, die die Assoziation an den Faschismus weckten.

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Veröffentlichungsjahr: 2016

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Die APO und

die

Sechziger

Die APO und die Sechziger

 

 

Inhaltsverzeichnis

 

01. Außerparlamentarische Opposition

02. 68er-Bewegung 

03. Westdeutsche Studentenbewegung der 1960er Jahre 

04. Studentenprotest 

05. Rote Armee Fraktion 

06. Weathermen 

07. Terrorismus 

08. Blueserszene 

09. Vietnamkrieg 

10. Che Guevara 

11. Hippie 

12. Freistadt Christiania 

13. Hippie trail 

14. Woodstock-Festival 

Außerparlamentarische Opposition

 

Außerparlamentarische Opposition (APO) beschreibt eine Opposition

(lateinisch oppositio ‚Entgegensetzung'), die außerhalb des Parlamentes

stattfindet, weil sie entweder in den im Parlament vertretenen oder

sonstigen Parteien (noch) kein Sprachrohr hat oder auch gar nicht haben

will.

 

Abgrenzung zur parlamentarischen Opposition

 

Oppositionsparteien in einer Parlamentarischen Demokratie können im

Parlament vertreten sein, gehören aber nicht der Regierung an. Aber auch

Parteien, die nicht im Parlament vertreten sind, werden im allgemeinen

Sprachgebrauch nicht zur „außerparlamentarischen Opposition" gerechnet,

wenn sie darauf abzielen, ihre politischen Ziele parlamentarisch zu

erreichen. So wird zum Beispiel die FDP nicht zur außerparlamentarischen

Opposition gerechnet, obwohl sie seit 2013 nicht mehr im Bundestag

vertreten ist.

 

Nicht nur in Staaten ohne demokratisch gewähltes Parlament und ohne frei

organisierte Parteien äußert sich die Opposition häufig im Bereich der

Kunst (Schriftsteller, Theater, Pop-Musik, siehe auch Underground (Kunst)),

der Kirche oder zum Beispiel innerhalb von Umweltschutzgruppen; aber gerade

in diesen Staaten ist dies oft der einzige verbleibende Weg. Im Extremfall

bleibt nur die Möglichkeit illegaler Untergrundarbeit des Widerstandes.

 

Situation in Deutschland

 

Eine außerparlamentarische Opposition kann sich in Deutschland vor allem

auf die Grundrechte Meinungsfreiheit, Pressefreiheit und

Versammlungsfreiheit berufen, um ihre Forderungen öffentlich darzustellen.

Neue politische Strömungen beginnen ihre Arbeit meist erst außerhalb der

Parlamente und kommen etwa über die Länderparlamente unter Umständen bis in

den Deutschen Bundestag oder sogar bis in die Bundesregierung Deutschlands.

Ein Beispiel für diesen Weg ist die Partei Die Grünen, die im Januar 1980

entstand und später als Bündnis '90/Die Grünen in einer Koalition mit der

SPD von 1998 bis 2005 die Bundesregierung stellte.

 

Die APO in den 1960er Jahren

 

In der Bundesrepublik Deutschland verstärkte sich ab Mitte der 1960er Jahre

mit der Studentenbewegung, die mit der APO oft synonym gesetzt wird, die

bis dahin bedeutendste außerparlamentarische Opposition in Deutschland (die

sich selbst im Kürzel APO benannte). Ihre besonders von den

Universitätsstädten ausgehenden Aktivitäten erreichten in den Jahren 1967

und 1968 ihren Höhepunkt. Die häufig in Bezugnahme auf diese Zeit ihrer

Hochphase auch 68er-Bewegung genannte studentische APO wurde im

Wesentlichen getragen durch den Sozialistischen Deutschen Studentenbund

(SDS).

 

Die APO entwickelte sich aus der Opposition gegen die seit 1966 regierende

sog. große Koalition aus CDU und SPD unter Bundeskanzler Kurt Georg

Kiesinger (CDU) und die von dieser Regierung geplante

Notstandsgesetzgebung, die letztlich gegen die Proteste der APO und das

Votum der einzigen kleinen Oppositionspartei FDP durchgesetzt wurde. Die

somit nahezu fehlende Opposition im Deutschen Bundestag und das verbreitete

Gefühl, durch keine der im Bundestag befindlichen Parteien angemessen

vertreten zu werden, begünstigte das Erstarken der außerparlamentarischen

Opposition.

 

Des Weiteren forderte die APO eine Demokratisierung der Universitätspolitik

(ein Motto der Studentenbewegung, das die Verkrustung der Strukturen an den

Hochschulen aufzeigen sollte, lautete: „Unter den Talaren – Muff von 1000

Jahren"). Man warf der Elterngeneration, die sich nur für wirtschaftlichen

Wiederaufbau interessiere, eine gesellschaftliche Verdrängung der

Verbrechen des Nationalsozialismus vor und insbesondere die Tatsache, dass

immer noch ehemalige Nationalsozialisten in hohen und höchsten Ämtern

saßen. Die APO kritisierte die Notstandgesetzgebung mit ihrer weitgehenden

Entrechtung und Kontrolle der Bürger im Eventualfall, die die Assoziation

an den Faschismus weckten. Außerdem schloss sie sich den weltweiten

Protesten gegen den „westlichen Imperialismus" sowie die wachsende Gefahr

eines Atomkrieges durch die atomare Aufrüstung der reichen

Industrienationen, insbesondere der USA, und dem Protest gegen den

Vietnamkrieg an und solidarisierte sich mit der nordvietnamesischen

Guerilla gegen die USA. Neben anderen Protagonisten der revolutionären

Befreiungsbewegungen der so genannten Dritten Welt, wie zum Beispiel Fidel

Castro und Che Guevara, fungierten auch der Anführer der vietnamesischen

Revolution und Begründer der vietnamesischen kommunistischen Partei, Ho Chi

Minh, sowie Mao Tse-Tung, der in China die Kulturrevolution eingeleitet

hatte, als Galionsfiguren auf Protestmärschen. Jedoch kritisierten

einflussreiche Studentenführer wie beispielsweise Rudi Dutschke und

Hans-Jürgen Krahl nicht nur den mangelhaft vorangetriebenen

Demokratisierungsprozess im Westen, sondern zugleich den durch

Bürokratismus verfälschten Kommunismus im Osten, insbesondere den

Sowjetkommunismus, der sich ohnehin durch die mörderische stalinistische

Ära diskreditiert hatte.

 

Sehr bald waren es nicht nur einzelne Politikfelder, in denen die

Studentenbewegung in die gesellschaftliche Diskussion eingriff. Sie weitete

ihre Kritik aus und forderte grundsätzliche gesellschaftliche Veränderungen

in einem sozialistisch-revolutionären Sinn. Neue Formen des Zusammenlebens

wurden ausprobiert, ebenso wie neue Formen des Protests und der politischen

Aktion. Hierbei machte besonders die „Kommune I" mit Wortführern wie Fritz

Teufel, Dieter Kunzelmann und Rainer Langhans von sich reden. Ihre

politischen Happenings und Aktionen führten mehrfach zu Gerichtsverfahren,

die ebenfalls als Plattform für spektakuläre Protest-Auftritte genutzt

wurden.

 

Unterstützung und theoretische Orientierung fand die APO teilweise auch

durch Intellektuelle und Philosophen wie etwa Ernst Bloch, Theodor W.

Adorno, Herbert Marcuse, den Vertreter des französischen Existenzialismus

Jean-Paul Sartre und andere (vgl. auch Frankfurter Schule und Kritische

Theorie).

 

Insgesamt blieb die westdeutsche APO im Wesentlichen auf eher junge

Menschen wie Studenten und Schüler beschränkt. Sie konnte in der

Arbeiterschaft und im bürgerlichen und kleinbürgerlichen Milieu der

Bundesrepublik Deutschland kaum Fuß fassen. Einige Chronisten der Zeit, wie

z. B. Jutta Ditfurth, widersprechen dieser These jedoch und beziehen die

Arbeiterschaft (Auszubildende, etc.) mit in die politische Bewegung ein.

 

Dies war in Frankreich anders. Dort kam es zeitweise zu Solidarisierung der

Gewerkschaften mit der Studentenbewegung, was im Mai 1968 zu einer beinahe

revolutionären Situation und im Gefolge von schweren Unruhen,

Straßenkämpfen und Massenstreiks zu einer Staatskrise führte. Einem der

Protagonisten der deutschen und der französischen APO, dem

deutsch-französischen Aktivisten und späteren Grünen-Politiker Daniel

Cohn-Bendit, wurde 1968 auf Initiative von Staatspräsident Charles de

Gaulle zeitweilig die Wiedereinreise nach Frankreich verweigert.

 

Weitere Mitglieder der APO waren Joseph 'Joschka' Fischer,

Bundesaußenminister von 1998 bis 2005, und Matthias Beltz († 2002), ein in

den späten 70er und 80er Jahren bekannter Kabarettist.

 

Verschärfung des Konflikts

 

Ein Wendepunkt in der Geschichte der westdeutschen APO trat ein, als am 2.

Juni 1967 während der Demonstrationen gegen den Staatsbesuch des iranischen

Schahs Mohammad Reza Pahlavi der Student Benno Ohnesorg von einem

Polizisten erschossen wurde. Die Studentenbewegung radikalisierte sich,

wurde zunehmend militanter und wandte sich verstärkt gegen die

Springer-Presse, namentlich die Bild-Zeitung, die für die aufgeheizte

Stimmung gegen die APO in der Bevölkerung verantwortlich gemacht wurde. Ein

knappes Jahr nach dem Tod von Benno Ohnesorg wurde einer der prominentesten

Wortführer des SDS, Rudi Dutschke von dem Arbeiter Josef Bachmann durch

Pistolenschüsse schwer verletzt. Dutschke überlebte das Attentat, starb

aber 1979 an den Spätfolgen der Verletzungen, die eine Epilepsie bei ihm

verursacht hatten.

 

Nach 1969 spielte die APO in der bisherigen Form keine nennenswerte Rolle

mehr in der Bundesrepublik Deutschland, wenngleich es auch weiterhin

außerparlamentarische Oppositionsaktivitäten gab. Neue soziale Bewegungen

griffen seit den 1970er Jahren zumindest einzelne Politik- und

Gesellschaftsbereiche auf, die teilweise auch schon durch die

Studentenbewegung thematisiert worden waren. Neu hinzu kamen ab den 1970er

Jahren die Themenbereiche und außerparlamentarischen Aktionsfelder

Umweltschutz (Ökologie, Ökobewegung) und Atomenergie (Atomkraftgegner), in

denen sich auch viele ehemalige APO-Aktivisten wiederfanden.

 

Ende des SDS bis zur Gründung der Grünen, Ende 1960er Jahre bis zur

Gegenwart

 

Der SDS spaltete sich nach 1968 auf. Es entstanden verschiedene miteinander

konkurrierende linke Zirkel und kleine kommunistische Splitterparteien

(K-Gruppen), die in der politischen Landschaft, zumindest auf

parlamentarischer Ebene, ohne nennenswerten Einfluss blieben.

 

Der von Rudi Dutschke propagierte „Marsch durch die Institutionen" wurde in

gewisser Weise von jenen umzusetzen versucht, die um 1980 die Partei "Die

Grünen" (heute Bündnis 90/Die Grünen) als eine Organisationsform der

Anti-Atomkraft-, der Friedensbewegung und anderer neuer sozialer Bewegungen

der 70er und 80er Jahre bildeten. Deren Gründer waren teilweise schon in

der APO aktiv. 1983 wurden die Grünen in den Bundestag gewählt, wo sie sich

als parlamentarisches Spielbein der „Bewegung" verstanden, dabei ihre

Wurzeln und ihren Schwerpunkt zunächst weiterhin in den Neuen Sozialen

Bewegungen sahen. Innerhalb weniger Jahre etablierten sich die Grünen

zusehends als parlamentarische Kraft. Schon in der Anfangsphase nach der

Parteigründung spaltete sich ein rechtskonservativer Parteiflügel ab.

Grundlegende Konflikte zwischen so genannten „Fundis" (Fundamentalisten)

und „Realos" (Realpolitikern) führten jedoch bis heute, vor allem Anfang

der 1990er Jahre, zu Austritten prominenter Ökosozialisten aus der Partei.

Die damit einhergehende Anpassung und zunehmende Kompromissbereitschaft der

Grünen gegenüber den herkömmlichen gesellschaftspolitischen Strukturen

brachte den Grünen einerseits einen verstärkten Wählerzuwachs, andererseits

einen bis in die Gegenwart zunehmenden Widerspruch in den

außerparlamentarischen Bewegungen ein, auf die sie sich einst beriefen –

und dies bis heute teilweise noch immer tun. Insbesondere seit sie als

Bündnis 90/Die Grünen ab 1998 in der Koalition mit der SPD an der

Bundesregierung beteiligt waren und in dieser Koalition auch originäre

Themen und Anliegen der ehemaligen APO in den Augen Vieler nicht mehr oder

zu wenig vertraten, richteten sich zunehmend Demonstrationen der neuen

außerparlamentarischen Bewegungen auch gegen die Politik der Grünen, vor

allem nach deren Zustimmung zur Kriegsbeteiligung im Kosovo-Krieg 1999 und

dem Afghanistan-Krieg 2002.

 

Radikalisierte Splittergruppen

 

Ein kleiner Teil von APO-Aktivisten um Andreas Baader, Gudrun Ensslin und

anderen, zu denen später auch die Journalistin Ulrike Meinhof stieß, ging

nach einigen Brandanschlägen auf Kaufhäuser unter anderem in den illegalen

Untergrund und organisierte als Rote Armee Fraktion (RAF) den „bewaffneten

Widerstand". Banküberfälle, Entführungen und schließlich auch Mordanschläge

auf Protagonisten der deutschen Wirtschaft, Politik und Justiz gingen bis

in die 1980er Jahre auf das Konto der RAF und anderer ähnlicher

Untergrundgruppen wie etwa der „Bewegung 2. Juni" oder der Revolutionären

Zellen (RZ) und der Roten Zora.

 

Außerparlamentarische Opposition und Massenbewegungen ab den 1980er Jahren

 

Als Gegenbewegung zu den GRÜNEN, die einen parlamentarischen Weg wählten,

etablierten sich in den 1980ern die „Autonomen" außerhalb der Parlamente im

u.a. Bereich Anti-Atom, soziale Kämpfe Mieterrechte, internationale

Solidarität. Diese sind im Laufe der Jahrzehnte in alle Bereiche der

außerparlamentarischen Opposition übergegangen. Um den Einfluss einer neuen

Opposition zu verringern und diese zu kontrollieren floss in den letzten

Jahrzehnten viel Geld in „Nichtregierungsorganisationen" in seltenen Fällen

wurden exponierten Personen Posten und Mandate angeboten. Teilweise werden

Aktivitäten der APO gar von staatlichen Einrichtungen gekontert bzw.

adaptiert. Anfang bis Ende der 1990er Jahre entwickelte sich eine starke

antifaschistische Bewegung, siehe „Neue Soziale Bewegungen". Im Falle des

Mitbegründers von Attac Deutschland Sven Giegold gelang es, eine

außerparlamentarische Person der 1990er APO für die Grünen ins EU Parlament

zu holen. Attac verlor daraufhin an Einfluss und wurde z. B. von „Occupy

Germany" beerbt. Inzwischen haben die Grünen kaum noch Einfluss auf

entscheidende Bewegungen außerhalb der Parlamente, dennoch gehörten sie

immer zu den Profiteuren in Form von Wählerstimmen. Ein Missverständnis

zwischen Aktivisten der APO und deren Sympathisanten. Im Spannungsfeld APO

/ Parlament sind zuletzt die Piraten stark geworden, diese brachten es aus

dem Stand auf über 30.000 Mitglieder und in mehrere Parlamente. Wie die

Vorfälle in Stuttgart (oben bleiben!) und z. B. auch Hamburg im Winter

2013/14 (Kloobürstenrevolte) belegen, ist die "APO" in der Bevölkerung

inzwischen weit verankert und es kommt z.T. zu wirklichen Volksbewegungen

vor allem in den urbanen Zentren, ohne dass Parteien des Parlaments

Einfluss auf diese Bewegungen hätten. In Wahlergebnissen haben zuletzt noch

Grüne von diesen Bewegungen in Form von Wahlstimmen profitiert, werden aber

längst nicht mehr als parlamentarischer Arm der außerparlamentarischen

Bewegungen begriffen. In Grundpositionen zu Wirtschafts- und

Sicherheitsfragen, so belegen Umfragen und Studien, isolieren sich die

parlamentarischen Parteien immer weiter von wesentlichen Positionen in der

Bevölkerung. Die parlamentarischen Parteien können ihren Grundanspruch, die

politische Willensbildung des Volkes zu bestimmen, immer weniger umsetzen.

Das Parlament nimmt die Belange der Wählerschaft inzwischen nur noch als

ein bestenfalls gleichberechtigtes Interesse z. B. zu den Interessen

militärischer Bündnispartner, Wirtschaftslobbyisten, Judikativlobbyisten,

Exekutivlobbyisten, außenpolitischen Richtlinien, Staatsräson und ähnlich

wahr, dies wird mit zunehmender Entfremdung quittiert. Soweit die Vorwürfe

der außerparlamentarischen Opposition gegenüber den etablierten Parteien.

 

Um das Parlament zu stärken, bedarf es mitgliedsstarker in der Bevölkerung

verankerter Parteien. Dies hat noch keine APO geschafft ohne

parlamentarisch zu werden, lediglich die verbotene SPD und die verbotene

KPD waren sehr einflussreiche und starke politische außerparlamentarische

Parteien, aufgrund des Verbotes unfreiwillig. Die K- Gruppen der 70er

gingen zum Teil in den Grünen und später in den Linken auf. Die

Kommunistische Partei Deutschlands des kommunistischen Manifestes war 1848

als außerparlamentarische internationalistische politische Kraft gegründet

worden. Die Suffragetten waren ebenfalls notgedrungen außerparlamentarisch,

da es zu deren Zeit kein Frauenwahlrecht gab. In der Türkei z. B. sind

heute auch viele der in der APO aktiven Parteien verbotene Parteien. So

auch die namensgebende APO in Westdeutschland, sie war eine Reaktion auf

die 1956 verbotene KPD.

 

Die konservativen Protest-Bewegungen von Teilen der Gesellschaft, die sich

in der aktuellen Politik sowohl von der Regierung als auch von der

Opposition nicht mehr vertreten fühlen, werden von einigen Medien als neue

Form der außerparlamentarischen Opposition bezeichnet.¹ ² ³

 

Die APO und die Staatssicherheit

 

Die Aufarbeitung der Akten der ostdeutschen Staatssicherheit hat gezeigt,

dass eine Reihe von Mitgliedern der APO Kontakte zur Stasi hatten. Wie die

Kontakte zwischen APO und Stasi zu bewerten sind bzw. inwieweit die

westdeutsche APO durch die Stasi beeinflusst war, ist in der Forschung

umstritten. Hubertus Knabe vertritt die Auffassung, die APO sei von der

Stasi unterwandert und wesentlich beeinflusst worden.⁴ Gruppen wie die DKP

oder die westdeutsche Friedensbewegung wurden zudem finanziell von der DDR

unterstützt.

 

Literatur

 

- Otto Wilfert, Gerhard Szcesny: Lästige Linke. Ein Überblick über die

  außerparlamentarische Opposition der Intellektuellen, Studenten und 

  Gewerkschafter. Asche-Verlag für Politische Texte, Mainz 1968 

- APO-Adressbuch, Deutschland, Österreich, Schweiz. Pamphlet-Verlag,

  München 1969 

- APO-Press. Informationsdienst für die Außerparlamentarische Opposition.

  Maringer, München 1968-1969 

- Danny Walther: Die „Fiedler-Debatte" oder kleiner Versuch, die „Chiffre

  1968" von links ein wenig auf-zuschreiben. (Ausgehend von der sog. 

  „Fiedler-Debatte" des Jahres 1968 wird das Spannungsverhältnis von 

  (revolutionärer) Politik, Kunst, Literatur und Ästhetik umfassend 

  untersucht.) 341 S., Leipzig 2007; Abstract und Volltext. 

- Die Studentenproteste der 60er Jahre. Archivführer, Chronik.

  Bibliographie. Hrsg. von Thomas P. Becker und Ute Schröder. Böhlau 

  Verlag, Köln, Weimar, Wien 2000. ISBN 978-3-412-07700-6. 

- Boris Spernol: Notstand der Demokratie. Der Protest gegen die

  Notstandsgesetze und die Frage der NS-Vergangenheit, ISBN 

  978-3-89861-962-2. 

- Guido Viale: Die Träume liegen wieder auf der Strasse. Offene Fragen der

  deutschen und italienischen(!) Linken nach 1968. Wagenbach, Berlin 1979 

  (sehr wichtiges Buch von einem, der wirklich beteiligt war). 

- Michael Ruetz: „Ihr müsst diesen Typen nur ins Gesicht sehen" – APO

  Berlin 1966—1969. Zweitausendeins Verlag, Frankfurt 1980 (Fotobuch mit 

  Texten). 

- Che, Schah, Shit. Die sechziger Jahre zwischen Cocktail und Molotow.

  (Redaktion: E. Siepmann, I. Lusk, J. Holtfreter, M. Schmidt, G. Dietz) 

  Elefanten Press, BilderLeseBuch, Berlin 1984. ISBN 3-88520-060-0. 

- Peter Mosler: Was wir wollten, was wir wurden. Zeugnisse der

  Studentenrevolte. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1988. 

- Michael Ruetz: 1968 – Ein Zeitalter wird besichtigt. Zweitausendeins

  Verlag, Frankfurt 1997. Steidl Verlag, Göttingen, 1998. 

- Lutz Schulenburg (Hrsg.): Das Leben ändern, die Welt verändern! 1968 –

  Dokumente und Berichte. Edition Nautilus Hamburg, 1998. ISBN 

  3-89401-289-7. (Hier sind die unterschiedlichen Strömungen, dieser 

  internationalen Revolte versammelt.) 

- Rudolf Sievers (Hrsg.): 1968 – eine Enzyklopädie. Suhrkamp TB, Frankfurt

  2004. ISBN 3-518-12241-X. (Dieses Buch stellt einige der wichtigsten 

  Texte zur Verfügung, die damals prägend waren.) 

- Stephan Eisel / Gerd Langguth: Mythos '68: zur APO und ihren Folgen.

  Sankt Augustin, 2001. 

- Martin Klimke / Joachim Scharloth (Hrsg.): 1968. Ein Handbuch zur Kultur-

  und Mediengeschichte der Studentenbewegung. Stuttgart 2007: Metzler. ISBN 

  3-47602-066-5. 

- Jochen Zimmer (Hrsg.): "Lagerfeuer im Atomzeitalter. Gewerkschaftliche

  und sozialdemokratische Jugendgruppen unter Einfluß der ApO. Trikont 

  Verlag Duisburg 2009. 

- Jens Benicke: Von Adorno zu Mao. Über die schlechte Aufhebung der

  antiautoritären Bewegung. ça ira Verlag 2010. ISBN 978-3-924627-83-6 

- Reiner Zilkenat: Historische Forschungen zur Revolution 1918/19 und ihre

  Rezeption in der Zeit der außerparlamentarischen Opposition, online auf 

  workerscontrol.net 

 

Einzelnachweise

 

[1] Holger Witzel: Pegida ist wie ′68 von rechts, Stern vom 27. Oktober

  2015 (abgerufen am 6. Januar 2016) 

[2] Deutschlandradio Kultur vom 23. Januar 2015 – Pegida auf der Couch:

  Eine konservative APO? (abgerufen am 6. Januar 2016) 

[3] Alan Posener: Was Pegida und die 68er gemeinsam haben, Die Welt vom 17.

  Januar 2015 (abgerufen am 6. Januar 2016) 

[4] Hubertus Knabe:: Die unterwanderte Republik: Stasi im Westen, München,

  2001. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

68er-Bewegung

 

Unter dem Schlagwort 68er-Bewegung werden internationale und politisch

linksgerichtete Bürgerrechtsbewegungen zusammengefasst, die Mitte der

1960er Jahre aktiv geworden sind. Sie begannen mit den Protesten

US-amerikanischer Bürgerrechtler. In Deutschland, ebenso wie in anderen

Ländern Europas, gab es intensive zivile Konflikte. Nach dem Mauerbau am

13. August 1961 verlagerte sich der Fokus des Ost-West-Konflikts. Die

sowjetisch-chinesischen Spannungen und die Stellvertreterkriege, wie sie in

Vietnam geführt wurden, gerieten in den Vordergrund. Die kubanische

Revolution, die erste Eskalation des amerikanischen Krieges in Vietnam, die

Klassenkämpfe im Kongo und die Revolution in Algerien gaben dem Denken eine

neue Richtung. 1968 uferten die von diesen Bewegungen thematisierten

Konflikte aus. In den USA kam es zu Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg,

sowie gegen die Folgen der Ermordung des Theologen und Bürgerrechtlers

Martin Luther King. Die Intensivierung des Vietnamkrieges bot der Neuen

Linken einen zentralen Bezugspunkt, der sie zu einem globalen Phänomen

machte.

 

Transnationale Dimension

 

Vom Prager Frühling abgesehen wird die 68er-Bewegung häufig als westliches

Phänomen wahrgenommen. 1968 sei sogar „zum Synonym für die kulturelle

Verwestlichung geworden".¹ Dagegen deutet Immanuel Wallerstein die

Bürgerrechtsbewegungen der 1960er-Jahre als ein gegen den Kapitalismus

gerichtetes globales Ereignis. Er verwendet den Begriff der

„Weltrevolution". Wallerstein geht von der Annahme aus, dass der 

Kapitalismus als Weltsystem existiere, sodass es auf nationaler Ebene keine

Revolution geben könne. In der Gleichzeitigkeit vieler Aufstände – sowohl

1848 als auch 1968 – erkennt er echte Weltrevolutionen. 1968 sei die

Hegemonie der USA die wichtigste gemeinsame Angriffsfläche gewesen.²

 

Marcel van der Linden versuchte zu erklären, warum innerhalb eines kurzen

Zeitraums Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre viele verschiedene

Prozesse abliefen. Zum einen nennt er drei strukturelle Faktoren:

 

- Das starke Wirtschaftswachstum nach dem Zweiten Weltkrieg, das in der

  Krise von 1966/67 stockte. 

- Die weltweit stärkere Beteiligung an Bildung, einschließlich der

  universitären Ausbildung. 

- Die Dekolonisierung, die nach dem Zweiten Weltkrieg begann und sich

  Anfang der 1960er Jahre beschleunigte. 

 

Neben diesen strukturellen Einflüssen nennt er mehrere Ereignisse, die zu

anderen Formen der Politik inspirierten: Die kubanische Revolution, die

chinesische Große Proletarische Kulturrevolution und der Prager Frühling

1968. Ebenso wichtig war die Tet-Offensive im Vietnamkrieg. Als weiteres

Argument führt van der Linden wechselseitige Lernprozesse und

internationale Kontakte an. Kontakte sowohl zwischen Arbeitern, die im Zuge

des Aufstiegs multinationaler Unternehmen eine globale Vertretung ihrer

Interessen zu organisieren suchten, als auch zwischen radikalen Studenten

und Arbeitern.³ Damit lenkt van der Linden die Aufmerksamkeit auf

nichtstudentische Bewegungen, insbesondere auf die Arbeiteraufstände in

Frankreich, Italien und Spanien.

 

Die transnationale Dimension der 68er-Bewegung ist durch Dekolonisierung,

Antiimperialismus und durch den Widerstand gegen verschiedene Formen des

Neokolonialismus gefördert worden. Besonders der Antikolonialismus stellte

eine große Verbundenheit zwischen Akteuren auf der ganzen Welt her. Die

Fokustheorie des Ernesto Che Guevara und die Schriften des algerischen

Befreiungskämpfers Frantz Fanon bildeten einen gemeinsamen

Integrationsrahmen und führten zu konkreten Organisationsformen im Sinne

einer Guerillamentalität. Die kubanische Revolution (1959) und der

Algerienkrieg (1954-1962) können als Wegbereiter der 68er-Bewegung

betrachtet werden.⁴

 

Im Zeitgeist der 68er begünstigte die transnationale Struktur der

katholischen Kirche die Entstehung der Befreiungstheologie. Das Zweite

Vatikanische Konzil von 1962 bis 1965 forderte eine umfassende Erneuerung

der Kirche. Vor diesem Hintergrund sowie angesichts der von Armut,

Unterdrückung und Ungerechtigkeit geprägten Lebenssituation in

Lateinamerika akzeptierte 1968 die Bischofskonferenz von Medellín die Idee

von der Theologie der Armen.⁵ Ähnliche Konzepte entwickelten sich in

Südafrika und in Asien. Die aus der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung

hervorgegangene „schwarze Theologie" verstand sich als eine radikale Form

der Befreiungstheologie.⁶

 

68er-Generation

 

Ihrer internationalen Bedeutung ungeachtet, bezeichnet der deutsche

Sprachgebrauch die Ereignisse in der Bundesrepublik Deutschland, die von

der Studentenbewegung der 1960er Jahre ausgingen, als 68er-Bewegung.⁷ ⁸ Sie

hat einer ganzen Generation ihren Namen gegeben. Für diese Menschen waren

die späten 1960er Jahre eine prägende Phase. Wer dieser Generation

angehörte und sich aktiv an den Protesten beteiligte, wurde als 68er oder

Alt-68er bezeichnet. Der Publizist Rainer Böhme definiert die acht

Millionen Deutschen der Jahrgänge 1940 bis 1950 als 68er. Ab 2005 erreichte

diese Generation ihr Renteneintrittsalter.⁹ Aufgrund alltäglicher

Wahrnehmungen kategorisieren einige Länder die Auflehnung der 68er als

Generationenkonflikt oder als Jugendbewegung. Diese Sichtweise lässt

unbeachtet, dass unterschiedliche Generationen an den Konflikten beteiligt

waren. Auf der Basis eines differenzierten theoretischen Konzepts lässt

sich die soziale Bewegung von 1967/68 als generationale Protestbewegung

begreifen, die internationale Bedeutung erlangte.¹⁰ ¹¹

 

Ausgangssituation und Ursachen der 68er-Bewegung

 

Bundesrepublik Deutschland

 

Der 1930 geborene Verleger Klaus Wagenbach beschreibt die Ursachen der

68er-Bewegung aus seiner eigenen Erfahrung: „1954, als sie in Bern

Fußballweltmeister wurden, habe ich in Frankfurt gehört, wie nach der

Deutschlandhymne wie früher das Horst-Wessel-Lied gebrüllt wurde. Das

Gebrüll des Dritten Reichs konnte man in den Wochenschauen hören, und im

Rundfunk wurde wie früher gebellt. Wenn einer laut Gitarre spielte, kam

sofort der Polizeiknüppel. Das waren die Schwabinger Krawalle. Sie machten

sich strafbar, wenn Sie Geschlechtsverkehr hatten, ohne verheiratet zu

sein. Wenn Hildegard Knef eine halbe Brust heraushängen ließ, wurde die

Aktion Saubere Leinwand aktiv."¹²

 

Das Ende der 1940er Jahre einsetzende Wirtschaftswunder und die

antikommunistisch geprägte Westorientierung der Politik Konrad Adenauers¹³

bewirkte schnelle gesellschaftliche und kulturelle Veränderungen. Die 1949

erfolgte Gründung des sozialistischen Staates der DDR verstärkte diesen

Wandel. In dieser Zeit entwickelten sich zwischen der Generation, die den

Krieg erlebt hat, und den Nachgeborenen Spannungen. Hinzu kam die

gesellschaftliche Aufgabe der Eingliederung von acht Millionen

Vertriebenen, sowie von eineinhalb Millionen Zuwanderern aus der

sowjetischen Besatzungszone beziehungsweise der DDR.¹⁴

 

 

 

DDR

 

1945 gab es in der sowjetischen Besatzungszone und ab 1949 in der DDR

Widerstand gegen die SED. Am stärksten lehnten sich die ostdeutschen

Sozialdemokraten auf. Sie sprachen sich zu Tausenden gegen die Vereinigung

ihrer Partei mit der KPD aus. Die sowjetische Militäradministration

inhaftierte 6000 ihrer Mitglieder. 1949 wurde der Student Wolfgang Natonek

wegen seines Engagements für die Meinungsfreiheit zu 25 Jahren Zwangsarbeit

verurteilt. Er verbüßte sieben Jahre. 1950 verurteilten die Gerichte der

DDR 78.000 Angeklagte wegen politischer Delikte. Unter diesen Bedingungen

war politischer Widerstand nur verdeckt möglich.¹⁵ Nach Stalins Tod im März

1953 stand die reformorientierte Kritik am Sozialismus der DDR im

Mittelpunkt der politischen Opposition. Allerdings war klar, dass sich in

der SED kein neuer Kurs durchsetzen würde. Am 17. Juni 1953 eskalierte die

Situation in einem Volksaufstand, den sowjetische Truppen blutig

niederschlugen.¹⁶ Die anschließend einsetzende Abwanderung von DDR-Bürgern,

vor allem in die Bundesrepublik, führte in der DDR zu ökonomischen

Problemen. Zwischen 1949 und dem Bau der Mauer 1961 waren knapp 2,7

Millionen Menschen nach Westdeutschland geflohen.¹⁷

 

Tschechoslowakei

 

1946 kam die kommunistische Partei der Tschechoslowakei aus eigener Kraft

an die Regierung.¹⁸ Die Partei genoss wegen ihres aktiven Widerstands gegen

die deutsche Besatzung unter Nichtkommunisten Anerkennung. Sie versprach

einen sozialistischen Weg, der den demokratischen Traditionen des Landes

gerecht werden sollte. Aber nach Stalins Tod 1953 gab es innerhalb der

Partei keine nennenswerten Kräfte, die eine Entstalinisierung unterstützt

hätten. 1954 wurden slowakische Kommunisten wegen „bourgeoisem

Nationalismus" zu lebenslanger Haft verurteilt. Zwischen 1948 und 1954 soll

es in der Tschechoslowakei bei einer Bevölkerung von 14 Millionen Menschen

150 000 politische Häftlinge gegeben haben. Vor allem Jugendliche und

Intellektuelle protestierten gegen die fehlende Aufarbeitung des

Stalinismus.¹⁹

 

Polen

 

Die seit dem Tod Josef Stalins im März 1953 eingetretene Lockerung des

politischen Klimas erreichte im polnischen Oktober 1956 ihren Höhepunkt.

Der Stalinismus galt als überwunden. Die Bevölkerung hoffte, dass die

Regierung von Władysław Gomułka den Kommunismus liberalisieren würde.

Politische und ökonomische Probleme konnten öffentlich thematisiert werden.

Kardinal Wyszyński kehrte aus der Verbannung zurück.²⁰ In den folgenden

Jahren rückte Gomulka von einem demokratisch verfassten Sozialismus ab. Die

Erwartungen der Bevölkerung wurden enttäuscht. Die Regierung schränkte die

Errungenschaften des Oktober 1956 wieder ein. Als Westeuropa ein

Wirtschaftswunder erlebte, ging es in Polen wirtschaftlich bergab.²¹

 

Frankreich

 

Am Ende des Zweiten Weltkriegs war die Parti communiste français (PCF)

stärkste Partei. In der Zeit nach dem Krieg waren die französischen

Arbeiter vorwiegend in der PCF organisiert.²² Anschließend zersplitterte

sich die französische Linke, es entstand die Parti Socialiste (PS).

Gleichwohl waren die kommunistischen Parteien, die in der Resistance gegen

den Faschismus kämpften, wichtige Elemente der Demokratie.²³ Die politisch

Rechte war ebenso stark, weil es dem späteren Präsidenten Charles de Gaulle

gelang, die Resistance für sich zu gewinnen. Die 1958 unter de Gaulle

gegründete Fünfte Französische Republik profitierte von einem starken

wirtschaftlichen Aufschwung. Diese Konjunktur veränderte die soziale

Struktur der französischen Gesellschaft. Viele Bauern zog es in die Städte.

Dort erweiterten sie „gemeinsam mit Immigranten die Arbeiterklasse um eine

junge, militante und von der Bürokratie der Gewerkschaft schwer zu

kontrollierende Schicht".²⁴

 

Italien

 

Die konservative Democrazia Cristiana regierte das Land seit 1948. Ihr

stand mit Partito Comunista Italiano (PCI) die stärkste kommunistische

Partei Westeuropas gegenüber. Bis Anfang der 1960er Jahre gelang es, die

PCI systematisch von der Macht fernzuhalten.²⁵ Ökonomisch betrachtet

entwickelte Italien sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs vom Agrar-

zum Industrieland. Die heutige Globalisierung erinnert an diese

Umwälzungen. Die Migration von Arbeitern aus Süditalien in den Norden ließ

dort anonyme Trabantenstädte entstehen. Das aufkommende Unbehagen in

Kreisen der Bevölkerung, die vom wirtschaftlichen Aufschwung ausgeschlossen

waren, fing der Staat nicht durch sozialpolitische Maßnahmen auf. Das

italienische Wirtschaftswunder der 1950er Jahre verlief gespalten.

 

Außerdem war das Bildungssystem zu reformieren. Die Lehrinhalte an den

Universitäten waren noch faschistisch geprägt.²⁶

 

Für Italiens Intellektuelle ging es um die Fortsetzung der Resistenza von

1940. Es ging um die Frage, warum die Widerstandskämpfer keine Revolution

wagten. Diese Idee des verratenen Widerstands, den die PCI nach 1945 nicht

weitergeführte, spielte 1968 eine große Rolle.²⁷

 

1960 demonstrierten in Genua Hafenarbeiter, frühere Widerstandskämpfer,

Studenten und Jugendliche gegen einen Kongress des faschistischen Movimento

Sociale Italiano. Das harte Eingreifen der Polizei löste landesweit eine

Welle des Protests aus.²⁷

 

Vereinigte Staaten

 

In den 1950er Jahren begannen Afroamerikaner unter der Führung von Martin

Luther King mit Boykotts, Märschen und gewaltfreien Protesten. Sie strebten

ein Ende der Rassendiskriminierung an.²⁸ Als Earl Warren, ein ehemaliger

Gouverneur von Kalifornien, Richter am Obersten Gerichtshof wurde, gelang

es ihm, das Gericht in dem Verfahren Brown vs. Board of Education at Topeka

dazu zu bewegen, gegen die bis dahin geltende Doktrin separate but equal zu

stimmen. Damit war dieser Grundsatz ab dem 17. Mai 1954

verfassungswidrig.²⁹ Diese Entscheidung war der erste Wandel im Leben der

Afroamerikaner seit der Reconstruction.

 

Martin Luther King beteiligte sich 1955 maßgeblich an dem sogenannten

Busboykott von Montgomery. Im Dezember 1956 entschied das Oberste Gericht

der USA, dass jede Form der Rassentrennung in Bussen verfassungswidrig

ist.³⁰ Trotz allem setzten sich die Schikanen gegen Farbige fort. Diese

Übergriffe werden unter dem Begriff „raffinierter amerikanischer Rassismus"

zusammengefasst. Schwarze tendierten dazu, in die Großstädte des Nordens zu

ziehen. Dort versprachen sie sich Arbeit und eine bessere gesellschaftliche

Position als in den Südstaaten. Im Laufe der Zeit bildeten sich dadurch

Ghettos. Diese wirtschaftlichen, politischen, sozialen und rechtlichen

Probleme bereiteten den Boden für die US-amerikanische Bürgerrechtsbewegung

der 1960er Jahre.³¹

 

Mexiko

 

Ab 1929 regierte die Partei der Institutionalisierten Revolution (PRI). Die

PRI schaffte ein politisches Gebilde, das große Teile der erwerbsfähigen

Bevölkerung formell beschäftigte. Als Arbeitgeber fungierten

Gewerkschaften, Bauernorganisationen und städtische Institutionen. Soziale

Leistungen von oben wurden mit politischer Loyalität von unten bezahlt. Die

PRI integrierte systematisch soziale Interessen. Sie wirkte wie eine Brücke

zwischen den lokalen Machtblöcken. „Lange Zeit wurde in ihren Reihen und in

Symbiose mit dem jeweiligen Präsidenten die Machtbalance zwischen einer das

Land modernisierenden metropolitanen Koalition (Unternehmer, städtische

Arbeitnehmer und technokratische Politiker) und peripheren Machtcliquen

(Caudillos und Caciquen) erfolgreich ausgehandelt".³²

 

Ab 1940 prosperierte die Wirtschaft. Industrialisierung und moderne

Elemente eines Sozialstaats prägten das Land. Zu dieser Zeit entstand eine

wohlhabende urbane Mittelschicht. Aber die soziale und ökonomische

Ungleichheit verschärfte sich, besonders auf dem Lande. Bei größeren

Konflikten ging es um regionale Landkämpfe. 1958/59 wurde ein Streik der

Eisenbahner gewaltsam aufgelöst. Die Behörden verhafteten 6000

Demonstranten. Trotzdem wurde das politische System erst in den 1960er

Jahren hinterfragt.³³

 

Die 1960er Jahre als politischer Wendepunkt

 

Roman Rosdolskys 1968 veröffentlichtes Standardwerk Zur

Entstehungsgeschichte des Marxschen Kapital war für die Neue Linke eine

maßgebende Interpretation der Kritik der politischen Ökonomie von Karl

Marx. Es bestärkte die bundesdeutsche 68er-Bewegung in ihrer Forderung nach

einem Ausstieg aus dem kapitalistischen System.³⁴ Dieses Motiv der „großen

Verweigerung" stammt von dem deutsch-amerikanischen Soziologen und

Philosophen Herbert Marcuse. In seinem 1964 veröffentlichten Werk Der

eindimensionale Mensch versuchte er, die befreite Gesellschaft

vernunfttheoretisch und triebtheoretisch zu begründen. 1967 führte Marcuse

in seinem an der Freien Universität Berlin gehaltenen Vortrag Das Ende der

Utopie diesen theoretischen Ansatz aus. Nach Ansicht des US-amerikanischen

Sozialwissenschaftlers Immanuel Wallerstein ist die aufbegehrende

Mittelschicht das Charakteristikum der internationalen 68er-Bewegung. Diese

Mittelschicht und mit ihr das kapitalistische Weltsystem sieht Wallerstein

untergehen.

 

In den weltweiten Protesten der 1968er Jahre erlebte die von Max Horkheimer

und Theodor W. Adorno entwickelte Kritische Theorie ihre Blütezeit. Sie

will gesellschaftliche Mechanismen der Beherrschung und Unterdrückung

aufdecken. Ihr Ziel ist eine vernünftige Gesellschaft mündiger Bürger.

 

Bundesrepublik Deutschland

 

Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (bis 1990)

 

Am 10. Oktober 1962 erschien ein Artikel im Nachrichtenmagazin Der Spiegel.

Er trug den Titel Bedingt abwehrbereit. Die Autoren zogen den Schluss, dass

die Verteidigung der Bundesrepublik im Falle eines Angriffs der Warschauer

Pakt-Staaten nicht gesichert sei. Außerdem würde das von Franz-Josef Strauß

verfolgte Konzept des vorbeugenden Schlags den Frieden eher gefährden als

sichern. Nach dem Erscheinen dieses kritischen Artikels verhaftete die

Polizei den Herausgeber Rudolf Augstein, den Direktor des Verlags und

mehrere leitende Redakteure. Diese und andere Maßnahmen begründete die

Staatsanwaltschaft mit dem Vorwurf des Landesverrats. Die Verletzung von

Grundrechten durch Strafverfolgungsbehörden führte zu Protesten und

veränderte die politische Streitkultur.³⁵ Auch die 1963 geplanten

Notstandsgesetze, die Einschränkungen der Grundrechte vorsahen, stießen auf

eine außerparlamentarische Opposition. Die große Koalition (1966–1969)

setzte sie gegen diesen Widerstand durch.³⁶ 1965 bis 1969 kämpften die

Studierenden der Freien Universität Berlin für eine bundesweite Studien-

und Hochschulreform.³⁷

 

Eines der wichtigsten Publikationsorgane der außerparlamentarischen

Opposition war das Kursbuch (Zeitschrift). Es wurde 1965 von Hans Magnus

Enzensberger und Karl Markus Michel gegründet. Das Kursbuch erschien im

Suhrkamp Verlag, ab 1970 im Verlag Klaus Wagenbach.³⁸

 

Am 1. Januar 1967 gründeten neun Männer und Frauen gemeinsam mit einem Kind

in West-Berlin die politisch motivierte Wohngemeinschaft Kommune I als

Gegenmodell zur bürgerlichen Kleinfamilie. Begründung: Aus der Kleinfamilie

entstehe der Faschismus. Im November 1969 löste sich die Kommune auf.³⁹

 

Am 9. November 1967 entrollte Detlev Albers gemeinsam mit einem

Kommilitonen bei der Rektoratsübergabe an der Universität Hamburg ein

Transparent mit der Aufschrift Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren.

Albers setzte sich als Vorsitzender des Hamburger AStA für die

Drittelparität zwischen Professoren, dem akademischen Mittelbau und den

Studierenden ein.

 

Am 17. und 18. Februar 1968 fand an der TU Berlin ein Internationaler

Vietnamkongress statt. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund und die

Brüsseler Konferenz riefen zum Widerstand gegen den westlichen

Imperialismus, sowie gegen den Vietnamkrieg auf. Nach Angaben der

Veranstalter nahmen 44 Delegationen aus 14 Ländern teil.⁴⁰

 

Zwischen 1968 und 1975 gründeten sich linksalternative kulturelle

Einrichtungen, die sich für die Meinungsfreiheit einsetzten. Sie nannten

sich Club Voltaire. Aus dem Club in Frankfurt am Main ist folgender

Ausspruch verbürgt:

 

  „Daniel Cohn-Bendit schüttet den Inhalt seines Weinglases an meinem 

  Gesicht vorbei gegen die Wand des Club Voltaire." 

 

– Bernward Vesper: Die Reise⁴¹ 

 

1968 entstand in West-Berlin der zur außerparlamentarischen Opposition

gehörende Aktionsrat zur Befreiung der Frauen. Maßgebliche Initiatorin war

die feministische Filmemacherin und Autorin Helke Sander. Der Aktionsrat

zur Befreiung der Frauen protestierte gegen die patriarchalen Strukturen

der maskulin dominierten 68er-Bewegung.⁴² In Deutschland gilt dieses

Ereignis als Beginn der Frauenbewegung. In verschiedenen

Universitätsstädten entstanden studentisch-feministische Weiberräte.⁴³

 

Als Stimme der 68er-Bewegung galt der Liedermacher Franz Josef Degenhardt.

Er war in der Ostermarschbewegung aktiv, gehörte zur westdeutschen

Friedensbewegung und protestierte gegen den Radikalenerlass. In seinem 1968

erschienenen Livealbum thematisiert er die griechische Militärdiktatur, den

Prager Frühling und mit seinem Lied Der Gott der Pille die

Empfängnisverhütung.

 

Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Thorwald Proll und Horst Söhnlein waren für

die politisch motivierten Kaufhaus-Brandstiftungen am 2. April 1968 in

Frankfurt am Main verantwortlich. Kaufhäuser galten als Symbol des

Kapitalismus. Über den Prozess gegen die Brandstifter schrieb Ulrike

Meinhof. Eine Journalistin und Publizistin, die sich später als Terroristin

radikalisierte. Sie war Gründungsmitglied der Rote Armee Fraktion (RAF).⁴⁴

 

Am 11. April 1968 schoss der Hilfsarbeiter Josef Bachmann dreimal auf den

marxistischen Soziologen und politischen Aktivisten Rudi Dutschke. Dutschke

erlitt schwere Hirnschäden. Er verstarb 1979 an den Spätfolgen dieses

Attentats. Bachmann trug einen Artikel aus der Deutschen National-Zeitung

bei sich. Die Titelzeile lautete: „Stoppt den roten Rudi jetzt". Bei einer

Demonstration nach diesem Attentat am 17. April 1968 starb der

Pressefotograf Klaus Frings durch einen Steinwurf.⁴⁵

 

Im Februar 1969 erschien die erste Ausgabe der anarchistisch-libertären

Zeitschrift Agit 883. Sie war nach der Erschießung des Studenten Benno

Ohnesorg durch die Polizei als linke Gegenöffentlichkeit konzipiert. An

dieser Untergrundzeitung arbeitete Holger Meins mit. Kurz darauf war er

Gründungsmitglied der RAF. Agit 883 wurde von Peter-Paul Zahl gedruckt. Er

war Verleger und Autor anderer subkultureller Schriften der radikalen

Linken.⁴⁶

 

Am 1. Mai 1969 gründeten Klaus Eschen, Horst Mahler und Hans-Christian

Ströbele in Berlin das Sozialistische Anwaltskollektiv. Diese Sozietät

vertrat Aktivisten der 68er-Bewegung. Später wurde sie durch ihre

Verteidigung von Mitgliedern der RAF im Stammheim-Prozess bekannt.⁴⁷

 

Ab Herbst 1969 verübte die linksgerichtete Terrorgruppe Tupamaros München

einige Brand- und Sprengstoffanschläge. Ein führendes Mitglied war der

Berliner Kommunarde Fritz Teufel. Er wurde am 2. Juni 1967 durch seine

Festnahme bei der Demonstration gegen den Schah-Besuch 1967 bekannt. Er

soll einen Stein gegen Reza Pahlavi geworfen haben. Bei der

Gerichtsverhandlung kam er der Aufforderung des Richters, sich zu erheben,

mit der Bemerkung nach: „Wenn's denn der Wahrheitsfindung dient".⁴⁸ Die

Tupamaros West-Berlin bekannten sich dazu, am 31. Jahrestag der

Novemberpogrome einen Bombenanschlag auf das Jüdische Gemeindehaus in

Berlin versucht zu haben. Als deren Kopf galt Dieter Kunzelmann. 2005 wurde

bekannt, dass ein V-Mann und Agent Provocateur des Berliner

Verfassungsschutzes, Peter Urbach, die Bombe geliefert hat. Wegen einer

überalterten Zündkapsel explodierte der Sprengstoff nicht.⁴⁹

 

DDR

 

Opposition und Widerstand in der DDR

 

1961 wurde die Berliner Mauer gebaut und 1962 in der DDR die allgemeine

Wehrpflicht eingeführt. Zunächst gab es keine Regelung, die eine

Verweigerung des Wehrdienstes erlaubt hätte.⁵⁰ Als Kompromiss führte die

DDR den Bausoldatendienst in der Nationalen Volksarmee ein. Wer diese Form

der Ableistung seiner Wehrpflicht antrat, musste noch nach der Dienstzeit

mit persönlichen Nachteilen rechnen.⁵¹ Die Bausoldatenbewegung war ein

wichtiger Ausgangspunkt der Oppositionsgeschichte der DDR.⁵²

 

Besonders im Kontext zum Prager Frühling und zunehmender Proteste von

Heranwachsenden wurde die Protestjugend ein wichtiges politisches Thema.

Die Jugendlichen gewannen Einfluss auf die Demokratiebewegung.⁵³ Laut Bernd

Gehrke entstanden „1967/68 neue oppositionelle Milieus, deren Kontinuität

trotz mancherlei Veränderungen bis 1989 reichte" und zum „Träger immer

wieder neuer und sich verändernder politischer Aktivitäten oder

Gruppenbildungen" führten. Diese Opposition ging aus der „Vernetzung und

partiellen Überlappung von Milieus der kritisch-marxistischen und

christlichen Intelligenz sowie der subkulturellen Jugendbewegung hervor".⁵³

In der DDR hofften viele Menschen auf ein Gelingen des Prager Frühlings.

Nach seinem Scheitern kam es zu Protesten und Verhaftungen. Der Glaube an

die Reformierbarkeit des realen Sozialismus schwand.⁵⁴

 

 

Tschechoslowakei

 

Prager Frühling

 

1960 erhielt das Land eine neue Verfassung. Aus der Tschechoslowakischen

Republik wurde die Tschechoslowakische Sozialistische Republik.⁵⁵ Die neue

Verfassung sollte den Sieg des Sozialismus verkünden. Die ideologischen

Konsequenzen wirkten sich auf das reale Leben aus. Es gab jetzt weder

Klassenkampf noch eine Diktatur des Proletariats. Staat und Partei wollten

die Bedürfnisse der Bevölkerung erkennen und befriedigen. Allerdings wurde

die kommunistische Partei von denselben Leuten geführt, die für das harte

Vorgehen gegen Oppositionelle in den 1950er Jahren verantwortlich waren.

Die vom 22. Parteitag der KPdSU im Oktober 1961 ausgehende

Entstalinisierung geschah also halbherzig.¹⁹

 

Die neue Verfassung reduzierte die ohnehin geringen Kompetenzen der

slowakischen Staatsorgane. Dies verschärfte die slowakisch-tschechischen

Konflikte. Der tschechoslowakische Regierungschef Antonín Novotný wurde für

nationalbewusste Slowaken in der Zeit bis zu seiner Entmachtung 1968 zu

einer Reizfigur.¹⁹

 

Das größte politische Problem bestand darin, dass die Staatsführung

rhetorisch Reformen zusicherte, obwohl sie stalinistische Strukturen

konservierte. In der zweiten Hälfte der 1960er Jahre stand Novotnýs Macht

auf tönernen Füßen. Dennoch wandte er sich gegen die seit 1964 von

Wissenschaftlern geforderten Reformen des wirtschaftlichen und politischen

Systems. Alexander Dubček stellte sich an die Spitze der Reformbewegung und

wurde später zur Leitfigur des Prager Frühlings. In der osteuropäischen

Region waren der Prager Frühling und seine Niederschlagung durch die Rote

Armee der UdSSR Schlüsselereignisse, die auf Polen, Ungarn, Jugoslawien und

Rumänien ausstrahlten. Im sowjetischen Machtbereich, dem Ostblock, fanden

unter sehr verschiedenen Vorzeichen tiefgreifende gesellschaftliche

Veränderungen statt.⁵⁶

 

Polen

 

Geschichte Polens

 

Durch die unterbliebene Liberalisierung der kommunistischen Herrschaft und

den konjunkturellen Abschwung breitete sich in den 1960er Jahren in der

polnischen Gesellschaft Unzufriedenheit aus. Namhafte Intellektuelle

zeigten sich besorgt. Ihren im März 1964 veröffentlichten Brief der 34

unterschrieben bedeutende Persönlichkeiten, wie die Schriftstellerin Maria

Dąbrowska, sowie der Dichter und Feuilletonist Antoni Słonimski.⁵⁷ Der

Staat reagierte durch Konfrontation. Je mehr Missmut in der Bevölkerung

aufkam, desto mehr Menschen galten als Revisionisten, Antikommunisten und

bürgerlich-liberale Opportunisten, die mit dem Westen gemeinsame Sache

machten. General Mieczysław Moczar, Chef der polnischen

Sicherheitsbehörden, war eine Symbolfigur der dogmatischen Kommunisten. Das

Jahr 1968 begann mit einem politischen Richtungskampf und einer allgemeinen

Krise.²¹

 

Am 30. Januar 1968 verboten die Behörden weitere Aufführungen der

Totenfeier (Drama), die mit ihren antisowjetischen Anklängen unter

Studierenden beliebt war. Im Gegenzug begannen die ersten Proteste und

namhafte Schriftsteller verabschiedeten eine Resolution. Wo es möglich war,

stellten die Behörden die jüdische Herkunft der Protestierenden heraus.⁵⁸

Der seit dem Sechstagekrieg im Juni 1967 spürbar gewordene staatlich

gelenkte Antisemitismus verstärkte sich.⁵⁹ Es kam zu regelrechten

Säuberungsaktionen.⁶⁰ „Systemfeinde" wurden ausgebürgert.⁶¹ Gomulka sprach

in aller Öffentlichkeit von der Fünften Kolonne.⁶² Bei den März-Unruhen

1968 in Polen gab es wochenlang Demonstrationen und Proteste. Die

Arbeiterbrigaden der polnischen Armee schlugen diese Proteste nieder.⁶³

 

 

 

 

 

Frankreich

 

Mai 1968

 

Zu Beginn der 1960er Jahre waren die Arbeiter in ihren Betrieben nicht

angemessen repräsentiert. Wegen der politischen Zentralisierung gab es vor

Ort keine regulären Betriebsräte. Dadurch entstanden in den Unternehmen

autoritäre Strukturen. Die Arbeiter waren mit den Bedingungen, unter denen

sie arbeiteten, unzufrieden. Als 1967 die Auswirkungen der ökonomischen

Rezession spürbar wurden, radikalisierten sie sich.⁶⁴

 

Die Pariser Demonstrationen gingen von der Universität Paris-Nanterre aus⁶⁵

Nach einer Aktion gegen den Krieg in Vietnam gründeten Angehörige der

Hochschule die Bewegung des 22. März. Zu den führenden Köpfen gehörte

Daniel Cohn-Bendit.⁶⁶ Nach dem Attentat auf den deutschen Studentenführer

Rudi Dutschke bekundeten viele Menschen ihre Solidarität. Als in Paris die

Polizei Demonstrationen gewaltsam beendete, protestierten in der Provinz

zahlreiche Bürger.⁶⁷ Frankreich erlebte in der Nacht vom 10. auf den 11.

Mai 1968 eine der gewaltsamsten Auseinandersetzungen seit dem Ende des

Zweiten Weltkriegs. Am 13. Mai demonstrieren im ganzen Land

Hunderttausende.

 

Jetzt ging es nicht mehr um die Forderungen der Studenten, sondern um

Lohnerhöhungen und um die Einführung der 40-Stunden-Woche. Frankreichs

Arbeiter verlangten eine Regierung des Volkes. 10 Millionen Werktätige

waren im Warnstreik, drei Wochen lang besetzten sie ihre Fabriken.⁶⁸ Die

Arbeiter übernahmen von den Studenten deren Formen des Protests und

politische Inhalte. Ihre Forderungen richteten sich gegen die Hierarchien

in den Betrieben, die sich in einem großen Lohngefälle ausdrückten.⁶⁴

 

Ende Juni 1968 ebbten Streiks und Fabrikbesetzungen ab.⁶⁹ Anschließend

wurde die Frage gestellt, ob es sich tatsächlich um eine soziale Bewegung

gehandelt habe oder eher um eine „Spaßveranstaltung"⁷⁰ .

 

Italien

 

Geschichte Italiens

 

Junge Wissenschaftler entwickelten ihre Vorstellung von einer marxistischen

Gesellschaftstheorie namens Operaismus. In dieser Theorie gibt es eine

Gesellschaft ohne Parteien und ohne hierarchische Strukturen. Sie

inspirierte die Proteste an den Universitäten und in den Betrieben. Im

Herbst 1968 erreichten die Demonstrationen ihren Höhepunkt.²⁶ Arbeiter und

Studenten protestierten solidarisch.⁷¹

 

Nachdem die Democrazia Cristiana jahrelang allein regierte, beteiligten

sich 1962/63 die Sozialisten an der Führung des Staates. Sie wollten die

Kommunisten isolieren. Die in dieser Konstellation beschlossenen Reformen

des Schul- und Universitätswesens weckten übertriebene Hoffnungen und

beschleunigten die 68er-Bewegung. Historiker sprechen von einem Scheitern

dieses Mitte-Links-Experiments. Sie betrachten es als wichtigen

Ausgangspunkt für Italiens 1968.²⁵

 

Ende der 1960er Jahre plädierte der prominente Verleger Giangiacomo

Feltrinelli für die Abschaffung des Kapitalismus. Er hatte zu den

extremistischen Gruppen Lotta Continua, Potere Operaio il Manifesto und zu

den Roten Brigaden Kontakt. Weil er einen Staatsstreich von rechts

befürchtete, gründete er seine eigene Gruppe, die Gruppo d'Azione

Partigiana (GAP). Die GAP sollte, wenn nötig, gewaltsame Mittel nutzen, um

ihre politischen Ziele zu verwirklichen.

 

Vereinigte Staaten

 

Bürgerrechtsbewegung

 

Der US-amerikanische Evolutionspsychologe und Linguist Stephen Pinker gibt

psychologische und bevölkerungsbiologische Erklärungen für das Phänomen der

„Baby-Boomer", wie die Umbruchbewegungen um 1960 im Englischen genannt 

werden.⁷² Pinker selbst nennt das Phänomen „Entzivilisation in den 1960er

Jahren", weil die politisch-gesellschaftlichen Umwälzungen in den

westlichen Ländern erhebliche aggressive Begleiterscheinungen hatten, die

es in den zwei Jahrzehnten zuvor nicht gab, wie einen massiven Anstieg der

Morde und Terrorismus. Er führt an, dass wegen der vielen jungen Männer in

der Bevölkerung, die infolge der hohen Geburtenrate (dem sogenannten

„Baby-Boom") nach dem Zweiten Weltkrieg vorhanden waren, ein Gewaltanstieg 

in Gesellschaften assoziiert wurde. Darüber hinaus war der Anteil junger

Menschen gegenüber der Eltern- und Großeltergeneration relativ gesehen

erheblich höher als je zuvor, so dass es für die Älteren schwieriger war,

die erreichten zivilisatorischen Normen an die zahlreichen Kinder und Enkel

weiterzugeben (James Q. Wilson). Die junge Generation in den 1960ern war

durch die Entstehung einer selbständigen Jugendkultur (Musik, Kleidung) und

durch Vermittlung neuer elektronischer Medien stärker horizontal vernetzt

und war daher in der Lage, sich eher an (auch weit entfernten)

Gleichaltrigen statt an den Älteren zu orientieren. Ein zusätzliches

Phänomen der 1960er Jugend ist ein nie zuvor gekannter Massenwohlstand,

damit einhergehend eine erheblich höhere Bildungsrate und somit ein

sozialer Aufstieg breiter Bevölkerungsschichten. Nach der Theorie der

Maslowschen Bedürfnispyramide motiviert dies verstärkt zur

Selbstverwirklichung und Befriedigung individueller Bedürfnisse gegenüber

tradierten gesellschaftlichen Normen.

 

Martin Luther King sprach sich als einer der ersten prominenten

US-Amerikaner gegen den Vietnamkrieg aus. Er trat für eine Zusammenarbeit

zwischen der Bürgerrechtsbewegung und der Friedensbewegung ein. „Er

entfernte sich teilweise von seinem Dogma der Gewaltlosigkeit, indem er

davon sprach, dass er nicht einsehe warum der Staat in Vietnam gewaltsam

gegen Zivilisten vorgehe, während gleichzeitig die Schwarzen der USA gegen

eben diesen gewalttätigen Staat friedlich bleiben sollten. In einem Krieg,

indem anteilig mehr Schwarze als Weiße kämpften, für eine Nation, die

unfähig ist, sich miteinander auf die gleiche Schulbank zu setzen. King sah

den Grund aller Ungerechtigkeit im Rassismus, Militarismus und

Materialismus".³¹

 

Am 28. August 1963 erreichte die Bürgerrechtsbewegung der Afroamerikaner

ihren Höhepunkt als mehr als 250 000 Menschen, die sich in Washington D.C.

vor dem Lincoln Memorial versammelten, Martin Luther Kings Rede „Ich habe

einen Traum" zuhörten. Unter ihnen waren etwa 60 000 Weiße.⁷³ Am 2. Juli

1964 verabschiedete der Kongress der Vereinigten Staaten Gesetze gegen die

politische, soziale und rechtliche Diskriminierung.⁷⁴ 1964 erhielt King den

Friedensnobelpreis. Am 4. April 1968 wurde Martin Luther King erschossen.

Die Studentenbewegungen in den USA orientierten sich teilweise an der Black

Panther Party und deren identitärer Politik.⁷⁵

 

Seit dem Tonkin-Zwischenfall im August 1964 befanden sich die Vereinigten

Staaten im Krieg mit Nordvietnam. Auf Seiten der USA kämpften vor allem

Wehrpflichtige. Dies führte in der US-amerikanischen Bevölkerung zu Kritik

und Widerstand.⁷⁶ Zwischen 1965 und 1968 eskalierte der Krieg. Dabei

setzten die USA Entlaubungsmittel, sogenanntes Agent Orange ein, wodurch

die Bevölkerung enorme gesundheitliche Schäden erlitt.⁷⁷ Dies trug

maßgeblich zur Entstehung der 68er Bürgerrechtsbewegung bei. Am 15. April

1967 demonstrierten in New York City 300 000 Menschen gegen die

amerikanischen Bombenangriffe auf Nordvietnam und forderten den sofortigen

Abzug der US-Amerikaner aus Südvietnam.⁷⁸ Im Oktober 1967 kam es in

Washington D.C. zu großen Straßendemonstrationen. Diese Proteste strahlten

auf Paris, Amsterdam, Kopenhagen, Berlin und Tokio aus.

 

Aus der studentisch geprägten Antikriegsbewegung entstand die

Hippiebewegung mit Aufrufen, wie „Make Love Not War". Nach der

Tet-Offensive durch die Nationale Front für die Befreiung Südvietnams waren

die Menschen in den USA bestürzt über das Ausmaß des Krieges. Im Wahlkampf

um das Präsidentenamt 1968 behinderte Richard Nixon erfolgreich die

laufenden Friedensverhandlungen, um zu verhindern, dass es vor den Wahlen

zu einem Frieden zwischen den USA und Vietnam kam.⁷⁹ 1968 demonstrierten in

den USA zahlreiche Menschen gegen den Vietnamkrieg.⁸⁰

 

Mexiko

 

Massaker von Tlatelolco

 

Ab 1959 verzeichnete die mexikanische Volkswirtschaft hohe Zuwachsraten.

Diese Entwicklung versprach soziale und ökonomische Stabilität. Bei der

Übernahme der Regierung durch Gustavo Díaz Ordaz im Dezember 1964 deutete

nur wenig auf die vor ihm liegenden schweren Konflikte hin. Es gab eine

allgemeine Unzufriedenheit, die aus der wachsenden sozialen Ungleichheit

resultierte. Auch die urbane Mittelschicht ließ sich nicht mehr ohne

weiteres in die kooptativen Institutionen der PRI einbinden.³²

 

Die Studentenbewegung begann am fünfzehnten Jahrestag des Sturzes des

kubanischen Diktators Fulgencio Batista, am 26. Juli 1968. Die Studierenden

demonstrierten wie in jedem Jahr für Kuba, wurden diesmal jedoch von den

staatlichen Sicherheitsbehörden brutal niedergeschlagen. Im August 1968

begannen die Studenten der UNAM, der größten Universität Lateinamerikas,

damit, gegen die Herrschaft der allein regierenden PRI-Partei zu

rebellieren. An dem legendären „Schweigemarsch" Mitte September 1968

beteiligte sich eine halbe Million Menschen. Lehrer, Eltern und Arbeiter

solidarisierten sich mit den Protesten. Die Proteste waren zu keinem

Zeitpunkt auf universitäre Themen beschränkt. Es war eine Studentenbewegung

ohne studentische Forderungen. Verlangt wurde die Freilassung politischer

Gefangener und ein öffentlicher Dialog mit dem Präsidenten.⁸¹

 

Zehn Tage vor dem Beginn der olympischen Spiele in Mexiko versammelten sich

auf dem Platz der Drei Kulturen in Mexiko-Stadt etwa 10 000 Menschen, um

auf eine Ansprache des Studentenführers Campos Lemus zu warten. Die

Stimmung ist nervös, nachdem Präsident Ordaz seit Wochen protestierende

Jugendliche niederknüppeln ließ. Als der Studentenführer ans Mikrofon trat,

eröffneten Soldaten das Feuer auf die Menge. Am Ende waren Hunderte

Menschen tot. Durch das Massaker von Tlatelolco am 2. Oktober 1968 wurden

die Studentenproteste niedergeschlagen.⁸² Das Museum Memorial del 68

erinnert an diese Tragödie.⁸³

 

Themen

 

Die 68er-Bewegung war ein internationales Phänomen. Als erstes wichtiges

Ereignis gilt der Sieg der kubanischen Revolution am 1. Januar 1959.⁸⁴

 

In der Bundesrepublik unterschieden sich die einzelnen Bewegungen deutlich

voneinander. Häufige Themen waren der Protest gegen den laufenden

Vietnamkrieg (Ostermarsch- und Friedensbewegung), der Kampf gegen Autorität

(insbesondere in Bildung: „Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren"), die

Ablehnung der Großen Koalition von Dezember 1966 bis Oktober 1969 im

Kabinett Kiesinger (der die sozialliberale Koalition im Kabinett Brandt

folgte) und Erziehung (Jugendbewegung) und für die Gleichstellung von

Minderheiten sowie der Einsatz für mehr sexuelle Freiheiten

(Frauenbewegung, Sexuelle Revolution: „Wer zweimal mit derselben pennt,

gehört schon zum Establishment", Schwulenbewegung, Flowerpower- und

Hippie-Bewegung). Außer den Studenten waren Schüler ab etwa 15 Jahren

beteiligt, was mit den Demonstrationen gegen Fahrpreiserhöhungen in Bremen

und Niedersachsen sowie der Neuorganisation der Schülermitverwaltungen

zusammenhing, die ebenfalls in diese Zeit fielen.⁸⁵ So kam es

beispielsweise zu den Bremer Straßenbahnunruhen 1968.

 

Das zentrale Thema der DDR war das Scheitern des Prager Frühlings. Es wurde

eine Demokratisierung des Sozialismus angestrebt. Es wird die Meinung

vertreten, dass ohne diese Generation, die die Niederschlagung des Prager

Frühlings erlebt hatte, die friedliche Revolution von 1989 nicht denkbar

ist. Weitere Themen sind Kirchensprengungen, wie die der Universitätskirche

Leipzig, als Drohsymbol des sozialistischen Herrschaftsanspruchs und

freiheitsfeindliche Änderungen der Verfassung der Deutschen Demokratischen

Republik, die die Gründungsverfassung ablöste. Die meisten DDR-Bürger waren

über die westdeutsche 68er-Bewegung gut informiert. Die Tumulte an

westdeutschen Universitäten lösten Befremden aus. Angela Merkel sagte über

diese Zeit: „Mir erschienen die Bundesrepublik, die D-Mark, die Soziale

Marktwirtschaft, die Westbindung und die sozialen Sicherungssysteme als ein

gut funktionierendes, plurales Gebilde, ein demokratisches, freiheitliches

Land. Man musste dieses Land und seine Systeme nicht bekämpfen, schon gar

nicht mit Gewalt".⁸⁶ In dieser Zeit begann sich die Blueserszene in der DDR

zu entwickeln, die Ende der 1970er Jahre auf ihrem Höhepunkt war.

 

In der Schweiz kam es zu den Globuskrawallen. In Österreich gab es den

Wiener Aktionismus mit der Aktion Kunst und Revolution; außerdem die Arena

(Wien)1976 und das WUK (Kulturzentrum)1981, ersterer als Nachfolgerin der

Arena 1970 im Rahmen der Wiener Festwochen.

 

Die nur halbherzige Entstalinisierung der Tschechoslowakei, der

slowakisch-tschechische Konflikt, Liberalisierung und Demokratisierung,

sowie vor allem wirtschaftliche Reformen waren die Hauptthemen des Prager

Frühlings. Er war der Versuch, einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz

zu schaffen. Am 21. August 1968 wurde dieser Versuch durch die Warschauer

Pakt-Truppen gewaltsam niedergeschlagen.

 

In Polen standen politische Richtungskämpfe zwischen Reformern und

kommunistischen Dogmatikern, sowie ein staatlich gelenkter Antisemitismus

im Mittelpunkt der Geschehnisse. Es galt: Revisionismus gleich Zionismus

gleich Antikommunismus.²¹

 

Im Unterschied zu anderen Ländern war in Frankreich die Arbeiterbewegung im

Vordergrund. Ihre Forderungen waren auf bessere Entlohnung, kürzere

Arbeitszeiten und auf eine angemessene Vertretung durch Betriebsräte

gerichtet. Das starke hierarchische Gefälle in den Betrieben sollte

abgebaut werden, ebenso die autoritären Beziehungen.

 

Die wirtschaftliche Spaltung zwischen Nord- und Süditalien beziehungsweise

zwischen einheimischer Bevölkerung und Arbeitsimmigranten in Norditalien,

sowie ein in der Nachkriegszeit noch viele Jahre von faschistischer

Ideologie geprägtes Bildungssystem waren wichtige Themen der 68er-Bewegung

in Italien. Ebenso der „verratene Widerstand" der Resistenza, die nach

Kriegsende keine Revolution wollte. In Südtirol stand die Neue Linke im

Mittelpunkt.

 

Deniz Gezmiş gründete die Volksbefreiungsarmee der Türkei.

 

In den Vereinigten Staaten gab es zwei große Themen, die alltägliche

Rassendiskriminierung und den Vietnamkrieg. In Kalifornien forderte die

Free Speech Movement eine Anerkennung ihrer Rechte auf freie Rede und freie

Forschung innerhalb der Universitäten.

 

In Mexiko richteten sich die Studentenproteste, mit denen sich weite Teile

der Bevölkerung solidarisierten, gegen die seit 1929 allein regierende

Partei der Institutionalisierten Revolution (PRI). Ausschlaggebend war die

große soziale Ungleichheit im Lande. Man forderte die Freilassung

politischer Gefangener und einen öffentlichen Dialog mit dem Präsidenten.

 

Kritik

 

Bundesrepublik Deutschland

 

Der Journalist und Chefkommentator der Tageszeitung Die Welt,⁸⁷ Torsten

Krauel, bewertete 2001 die 68er-Bewegung so: Das Auftreten „dezidierte[r]

Jugendrevolutionäre, die das Establishment verjagen wollten", das Bedienen

„antibürgerlicher, antireligiöser, antifamiliärer Reflexe" und der 

„antikulturelle Zertrümmerungsfeldzug" hätten viele Parallelen zu den 

Ereignissen gegen Ende der Weimarer Republik und zu den Strategien der

damaligen rechts- und linksextremen Bewegungen aufgewiesen. Auch die

„Aufpeitschung von Leidenschaften und die Hingabe an sie" sei bereits 

„konstitutiv für das NS-Regime gewesen". Dies habe gerade in Deutschland zu 

einer besonders heftigen Konfrontation zwischen Kriegs- und

Nachkriegsgeneration geführt, wobei beide auf ihre Weise geglaubt hätten,

„im antifaschistischen Recht zu sein".⁸⁸ Besonders drastisch wurden diese 

angeblichen Parallelen im Gedankengut und in der politischen Aktionsform

vom Politologen Götz Aly in seinem Werk Unser Kampf 1968 – ein irritierter

Blick zurück⁸⁹ dargestellt.

 

Heftige Konflikte entstanden zwischen den Veteranen der Studentenbewegung

und konservativen Politikern und Publizisten. Die einen meinten, dass die

Ereignisse jener Zeit das obrigkeitsstaatlich geprägte Land geistig im

Westen verankert hätten und erst eine Vergangenheitsbewältigung

ermöglichten. Die anderen wiesen auf die Sympathie der Studentenführer für

kommunistische Diktatoren hin. Zu ihren Idolen zählten Ho Chi Minh und Mao

Tse-Tung. Außerdem sprachen sie von einem Abgleiten eines Teils der

Bewegung in Gewalt und Terrorismus.⁹⁰ Die Konservativen behaupteten, die

gesellschaftliche Erneuerung habe seit Mitte der 1960er Jahre ohnehin

stattgefunden, ebenso eine intensivere Auseinandersetzung mit der

Vergangenheit. Dies hätten die Auschwitz-Prozesse gezeigt.⁹¹

 

In Deutschland wurde in den 1990er Jahren diskutiert, ob der beginnende

Vandalismus im öffentlichen Raum, Graffitisprayer, Gewalt in den Schulen

und ähnliche Tendenzen auf die Ideen der 68er-Bewegung zurückzuführen

waren.⁹² Weltweit hatten Jugendliche für Selbstbestimmung und

Freiheitsrechte demonstriert. Dabei nahmen sie sich Mao Tsetung, Ho Chi

Minh und Che Guevara zum Vorbild, obwohl sie als Stalinisten galten. Diese

Paradoxie gehöre zu den „dunkelsten Aspekten von 1968".⁹³

 

Italien

 

In Italien gibt es hauptsächlich drei Interpretationen der 68er Ereignisse:

 

- Sie sind ein Aufstand von Studenten aus kleinbürgerlichen Verhältnissen

  gegen die Globalisierung. 

- Ein zweiter Deutungsversuch würdigt den sozio-kulturellen Wandel, den die

  68er-Bewegung ausgelöst hat, ohne politische Konsequenzen zu erkennen. 

- Der dritte Versuch einer Interpretation betrachtet den katholischen

  Dissens, die Meinungsverschiedenheiten unter Marxisten und nimmt den 

  Blickwinkel des avantgardistischen Kinos ein. 

 

Historiker betrachten die 68er in Italien als traumatischen Bruch zwischen

Studenten und dem Bildungssystem. Die junge Generation sei von den

staatlichen Institutionen enttäuscht worden.²⁵

 

Wirkungen

 

Die 68er-Bewegung führte zu sozialen Veränderungen und bewirkte eine neue

politische Kultur. Dazu gehörten die zunehmende Teilhabe von Minderheiten

am öffentlichen Leben, sich verändernde Geschlechterrollen, sowie

öffentliche Bekenntnisse zur Homosexualität. In Frankreich, Italien, der

Bundesrepublik Deutschland und in den Vereinigten Staaten bildete sich eine

außerparlamentarische Opposition. Diese politischen Gegenbewegungen mit

ihren eigenen Flugblättern, alternativen Radiostationen und neuen

Publikationsformen schufen neue Zugänge zu Informationen. Möglicherweise

war dies ein Wegbereiter für die Internetkultur der Gegenwart. Für die

internationalen Verbreitung der 68er-Bewegung waren Pressebilder und das

Fernsehen wichtig, also die für die damalige Zeit neuen Medien. Weltweit

gab es eine fortschreitende Demokratisierung und die Gründung von

Nichtregierungsorganisationen. Diese Politisierung der Privatsphäre wird

den Protesten der 1968er Jahre zugeschrieben.⁹⁴

 

 

Literatur

 

- Udo Benzenhöfer: Das kleine 68: Proteste von Medizinstudenten in

  Frankfurt am Main um 1968. Mit einem Beitrag des ehemaligen Frankfurter 

  AStA-Vorsitzenden Hans-Jürgen Birkholz. Klemm + Oelschläger, Münster 

  2011, ISBN 978-3-86281-017-8. 

- Götz Aly: Unser Kampf 1968 – ein irritierter Blick zurück. Fischer,

  Frankfurt am Main 2008. ISBN 3-596-17778-2 

- Willi Baer, Carmen Bitsch, Karl-Heinz Dellwo (Hrsg.): Der 2. Juni 1967.

  (Bibliothek des Widerstands, Band 1), Laika, Hamburg 2010, ISBN 

  978-3-942281-70-6. 

- Thomas P. Becker, Ute Schröder: Die Studentenproteste der 60er Jahre.

  Archivführer, Chronik, Bibliographie. Böhlau Verlag, Köln 2000. 381 S.⁹⁵ 

- Jens Benicke: Von Adorno zu Mao. Über die schlechte Aufhebung der

  antiautoritären Bewegung. ça ira Verlag, Freiburg 2010, ISBN 

  978-3-924627-83-6. 

- Thomas Etzemüller: Imaginäre Feldschlachten? „1968" in Schweden und

  Westdeutschland. In: Zeithistorische Forschungen / Studies in 

  Contemporary History. 2, 2005, S. 202–223. 

- Jens Kastner, David Mayer (Hrsg.): Weltwende 1968? Ein Jahr aus

  globalgeschichtlicher Perspektive. Mandelbaum, Wien 2008, ISBN 

  978-3-85476-257-7. 

- Ingrid Gilcher-Holtey: Die 68er Bewegung. Deutschland – Westeuropa – USA.

  3. Auflage. Beck, München 2001, ISBN 3-406-47983-9. 

- Ingrid Gilcher-Holtey: 1968. Eine Zeitreise. Suhrkamp, Frankfurt am Main

  2008, ISBN 978-3-518-12535-9. 

- Ulrike Heider: Keine Ruhe nach dem Sturm. Rogner & Bernhard bei

  Zweitausendeins, Frankfurt 2001, ISBN 3-8077-0202-4 

- Stefan Hemler: Der Protest einer generationellen Sozialbewegung.

  Überlegungen zu Erklärungsansätzen für '1968'. In: Jörg Calließ (Hrsg.): 

  Die Reformzeit des Erfolgsmodells BRD. Die Nachgeborenen erforschen die 

  Jahre, die ihre Eltern und Lehrer geprägt haben. Evangelische Akademie 

  Loccum (Loccumer Protokolle 19/03), Rehburg-Loccum 2004, ISBN 

  3-8172-1903-2, S. 235–262. 

- Rudolf Sievers: 1968. Eine Enzyklopädie. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am

  Main 2004, ISBN 3-518-12241-X. 

- Friedrich Koch: Sexualität und Erziehung. Zwischen Tabu, repressiver

  Entsublimierung und Emanzipation. In: Jahrbuch für Pädagogik 2008: 1968 

  und die neue Restauration. Frankfurt am Main 2009, S. 117 ff. 

- Gerd Koenen: Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution.

  1967–1977. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2001, ISBN 3-462-02985-1. 

- Norbert Kozicki: Aufbruch im Revier. 1968 und die Folgen. Klartext, Essen

  1993, ISBN 3-88474-063-6. 

- Martin Klimke, Joachim Scharloth (Hrsg.): 1968. Handbuch zur Kultur- und

  Mediengeschichte der Studentenbewegung. Metzler, Stuttgart 2007, ISBN 

  978-3-476-02066-6. 

- Manuel Seitenbecher: Mahler, Maschke & Co. Rechtes Denken in der 68er

  Bewegung. Schöningh, Paderborn 2013, ISBN 978-3-506-77704-1. 

- Detlef Siegfried: Furor und Wissenschaft. Vierzig Jahre nach „1968" In:

  Zeithistorische Forschungen / Studies in Contemporary History. 5, 2008, 

  S. 130–141. 

- Boris Spernol: Notstand der Demokratie. Der Protest gegen die

  Notstandsgesetze und die Frage der NS-Vergangenheit. Klartext, Essen 

  2008, ISBN 978-3-89861-962-2. 

- Karl Stankiewitz: München '68. Traumstadt in Bewegung. Volk Verlag,

  München 2008, ISBN 978-3-937200-46-0. 

- Stefanie Pilzweger: Männlichkeit zwischen Gefühl und Revolution. Eine

  Emotionsgeschichte der bundesdeutschen 68er-Bewegung. Transcript, 

  Bielefeld 2015, ISBN 978-3-8376-3378-8. 

- Karla Verlinden: Sexualität und Beziehungen bei den »68ern«. Erinnerungen

  ehemaliger Protagonisten und Protagonistinnen. Transcript, Bielefeld 

  2015, ISBN 978-3-8376-2974-3. 

- Norbert Frei: 1968, Jugendrevolte und globaler Protest. dtv, München

  2008, ISBN 978-3-423-24653-8. 

- Stefan Wolle: Der Traum von der Revolte. Die DDR 1968. Links, Berlin

  2008, ISBN 978-3-86153-469-3. 

- Stefan Bollinger: 1968 – Die unverstandene Weichenstellung. rls-Texte Bd.

  44, Dietz, Berlin 2008 

- Chris Harman: 1968. Eine Welt in Aufruhr. Frankfurt 2008, ISBN

  978-3-934536-13-5. 

- Norbert Kozicki: Aufbruch in NRW. 1968 und die Folgen. Klartext, Essen

  2008, ISBN 978-3-89861-956-1. 

- Philipp Gassert, Martin Klimke (Hrsg.): 1968: Memories and Legacies of a

  Global Revolt. Bulletin of the German Historical Institute, Supplement 

  6/2009, Washington DC 2009, ISSN 1048-9134 

- Erwin K. Scheuch (Hrsg.): Wiedertäufer der Wohlstandsgesellschaft. Eine

  kritische Untersuchung der „Neuen Linken" und ihrer Dogmen. Sonderausgabe 

  für die Hessische Landeszentrale für Politische Bildung. Markus, Köln 

  1968. 

- Bilgin Ayhan: Die 68er Bewegung in der Türkei und BRD im Vergleich: Ein

  theoretischer Vergleich der 68er Bewegungen. (Dissertation, Uni Hannover) 

  VDM, Saarbrücken 2009, ISBN 978-3-639-14360-7.⁹⁶ 

- Mathias Brandstädter: Folgeschäden. Kontext, narrative Strukturen und

  Verlaufsformen der Väterliteratur 1960 bis 2008. Bestimmung eines Genres. 

  Königshausen und Neumann, Würzburg 2010, ISBN 978-3-8260-4446-5. 

- Johannes Grötecke, Thomas Schattner: „Der Freiheit jüngstes Kind". „1968"

  in der Provinz. Spurensuche in Nordhessen. Jonas, Marburg 2011, ISBN 

  978-3-89445-453-1. 

 

Einzelnachweise

 

[1] 1968 - Alles nur Geschichte? In: Forschungsjournal Soziale Bewegungen.

  September 2008, S. 5, 21, abgerufen am 11. November 2015 (pdf). 

[2] Immanuel Wallerstein: Utopistik. Historische Alternativen des 21.

  Jahrhunderts. Wien 2002, ISBN 3-85371-184-7.‌ 

[3] Marcel van der Linden: 1968: Das Rätsel der Gleichzeitigkeit. In: Jens

  Kastner, David Mayer (Hrsg.): Weltwende 1968? Ein Jahr aus 

  globalgeschichtlicher Perspektive. Mandelbaum, Wien 2008, ISBN 

  978-3-85476-257-7, S. 23–37.‌ 

[4] Jens Kastner, David Mayer: Weltwende 1968? Ein Jahr aus

  globalgeschichtlicher Perspektive. Abgerufen am 11. November 2015 (pdf). 

[5] Mareike Lühring: Befreiungstheologie. Lateinamerika-Institut der FU

  Berlin, abgerufen am 12. November 2015. 

[6] Klaus Aschrich: Theologie schreiben: Dorothee Sölles Weg zu einer

  Mystik der Befreiung. Band 14, LIT, 2006, ISBN 3-8258-9953-5, S. 108 f.‌ 

[7] 68er-Bewegung. In: Spiegel Online. Abgerufen am 30. August 2015.

[8] Dieter Rucht: Die 68er-Bewegung und die Politik. Forschungsgruppe

  Zivilgesellschaft, Citizenschip und politische Mobilisierung in Europa, 

  abgerufen am 30. August 2015 (PDF). 

[9] Rainer Böhme: Revolution des Alters: Die 68er gehen in Rente.

  Bundeszentrale für politische Bildung, 25. März 2008, abgerufen am 8. 

  Februar 2016. 

[10] Stefan Hemler: Soziale Bewegung oder Generationskonflikt? Ein

  Schlichtungsvorschlag im Deutungskampf um 1968. In: Vorgänge. Zeitschrift 

  für Bürgerrechte und Gesellschaftspolitik. 42 (2003), 164 H. 4, ISBN 

  3-8100-2440-6, S. 32–40.‌ 

[11] Michael Hölscher: Die 68er- Eine kultursoziologische Analyse. In:

  Magisterarbeit. 1999, abgerufen am 28. August 2015 (PDF). 

[12] Klaus Wagenbach: „Kann ich mal bei Dir pennen?" Süddeutsche Zeitung,

  17. Mai 2010, abgerufen am 8. Februar 2016. 

[13] Wilfried von Bredow: Die zwei Kreise der Westintegration – Europa und

  Amerika. 21. April 2008, abgerufen am 27. August 2015 (PDF). 

[14] Gesellschaftliche Entwicklung. Bundeszentrale für politische Bildung,

  abgerufen am 27. August 2015. 

[15] Wege in die Opposition – Widerständiges Verhalten in der DDR.

  Bundeszentrale für politische Bildung, abgerufen am 28. August 2015. 

[16] Deutsche Geschichten. In: deutschegeschichten.de. Abgerufen am 28.

  August 2015. 

[17] Opposition und Widerstand in der DDR – Überblick. Bildungsserver

  Berlin-Brandenburg, abgerufen am 28. August 2015 (PDF). 

[18] On the sunny side. In: Der Spiegel. Nr. 34, 1964 (online).‌

[19] Reinhard Veser: Der Prager Frühling 1968. Landeszentrale für

  politische Bildung Thüringen, 2008, S. 11, abgerufen am 28. August 2015 

  (PDF). 

[20] Orientierung - Katholische Blätter für weltanschauliche Informationen.

  15. November 1966, abgerufen am 30. August 2015 (PDF). 

[21] Daniel Passent: Ein weißer Fleck wird getilgt. Die Zeit, 26. Februar

  1988, abgerufen am 9. Februar 2016. 

[22] Stefan Ulrich: Frankreichs Kommunisten trennen sich von Hammer und

  Sichel. In: sueddeutsche.de. Abgerufen am 30. August 2015. 

[23] György Széll: 1968 und die Sozialwissenschaften. Abgerufen am 28.

  August 2015 (PDF).