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Europa reformata E-Book

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Beschreibung

Der prächtige und doch handliche Band zeichnet die reformatorischen Profile von etwa vierzig europäischen Städten nach. Die Leser werden von Spanien über Zentraleuropa bis Estland und Finnland geführt, von Schottland und England bis nach Rumänien. Profilierte Texte und reiches Bildmaterial veranschaulichen das Wirken der berühmtesten Reformatoren – sowie der fünf Reformatorinnen – und stellen die Städte mit ihren Bauten und Zeugnissen aus der Reformationszeit vor Augen. Ergänzt durch eine bebilderte Europakarte und die Angabe von kirchlichen Adressen und Tourismusbüros, eignet sich der Band auch als Reiseführer auf den Spuren der Reformation in Europa. An diesem fast perfekten Geschenk zum 500. Reformationsjubiläum sollte niemand achtlos vorübergehen.

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Seitenzahl: 617

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Europa reformata

Reformationsstädte Europas und ihre Reformatoren

Herausgegeben von Michael Welker, Michael Beintker und Albert de Lange

Bischof Prof.Dr.Friedrich Weber (1949–2015) in Dankbarkeit

Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

2., korr. Auflage 2017

© 2016 by Evangelische Verlagsanstalt GmbH · Leipzig

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Gesamtgestaltung: Kai-Michael Gustmann, Leipzig

Umschlag und Vorsatz: Kai-Michael Gustmann, nach einer Vorlage von Alexander Maßmann und Maren Ossenberg-Engels

eBook: Zeilenwert GmbH 2017

ISBN 978-3-374-04610-2

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Vorwort

Einleitung

Michael Welker

Antwerpen – Jakob Propst, Wilhelm von Oranien und Philipp Marnix von St. Aldegonde

Guido Marnef

Augsburg – Wolfgang Musculus

Andreas Link

Basel – Erasmus von Rotterdam und Johannes Oekolampad

Christine Christ-von Wedel

Béarn – Margarete von Navarra, Gérard Roussel und Jeanne d’Albret

Philippe Chareyre

Bern – Berchtold Haller und Niklaus Manuel

Martin Sallmann

Breslau/Wrocław – Johann Heß und Zacharias Ursinus

Irene Dingel

Bretten – Philipp Melanchthon

Günter Frank

Cambridge – Thomas Cranmer

Charlotte Methuen

Debrecen – Márton Kálmáncsehi Sánta und Péter Melius Juhász

Béla Levente Baráth

Edinburgh – George Wishart und John Knox

Charlotte Methuen

Emden – Johannes a Lasco

Klaas-Dieter Voß

Ferrara – Renée de France und Olympia Morata

Susanna Peyronel Rambaldi

Genf – Johannes Calvin und Theodor Beza

Michel Grandjean

Hamburg – Stephan Kempe, Johannes Bugenhagen und Johannes Aepinus

Rainer Postel

Heidelberg – Petrus Dathenus und Zacharias Ursinus

Christoph Strohm

Herborn – Caspar Olevian

Tobias Sarx

Hermannstadt/Sibiu – Paul Wiener

Daniel Buda

Konstanz – Ambrosius, Margarete und Thomas Blarer

Hermann Ehmer

Kopenhagen – Johannes Bugenhagen

Martin Schwarz Lausten

Kronstadt/Braşov – Johannes Honterus und Valentin Wagner

Andreas Müller

Laibach/Ljubljana – Primus Truber

Anton Schindling und Dennis Schmidt

Leiden – Petrus Bloccius und Jan van Hout

Kees de Wildt

Lyon – Waldes und Pierre Viret

Albert de Lange

Marburg – Philipp von Hessen und Adam Krafft

Wolf-Friedrich Schäufele

Memmingen – Christoph Schappeler

Peter Blickle

Mühlhausen in Thüringen – Thomas Müntzer

Siegfried Bräuer

Münster – Bernhard Rothmann, Jan Matthys und Jan van Leiden

Hubertus Lutterbach

Neuenburg/Neuchâtel – Wilhelm Farel

Grégoire Oguey

Nürnberg – Lazarus Spengler und Andreas Osiander

Berndt Hamm

Orlamünde – Andreas Karlstadt

Thomas Kaufmann

Oxford – John Wyclif und William Tyndale

Martin Ohst

Prag – Jan Hus

Martin Wernisch

Reval/Tallinn und Dorpat/Tartu – Hermann Marsow

Matthias Asche

Riga – Andreas Knopken

Ainars Radovics und Ojārs Spārītis

Schwäbisch Hall – Johannes Brenz

Wolfgang Schöllkopf

Sevilla – Dr. Egidio

Mariano Delgado

Speyer – Michael Diller

Klaus Bümlein

Stockholm – Gustav I. Wasa und Olaus Petri

Tarald Rasmussen

Straßburg – Martin Bucer und Katharina Zell

Matthieu Arnold

Turku – Michael Agricola

Reijo E. Heinonen

Ulm – Sebastian Franck und Caspar von Schwenckfeld

Susanne Schenk

Venedig – Bartolomeo Fonzio und Baldassarre Altieri

Federica Ambrosini

Viborg – Hans Tausen

Rasmus H. C. Dreyer und Anna Vind

Wien – Paul Speratus

Rudolf Leeb

Witmarsum – Menno Simons

Klaas-Dieter Voß

Wittenberg – Martin Luther und Philipp Melanchthon

Johannes Schilling

Worms – Martin Luther, Hans Denck und Ludwig Hätzer

Ulrich Oelschläger

Zürich – Huldrych Zwingli und Heinrich Bullinger

Judith Engeler und Peter Opitz

Bildnachweis

Vorwort

500 Jahre Reformation: Der gesellschaftliche, kulturelle und religiöse Aufbruch in den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts ging aus von den Bemühungen, die Kirche im Sinne des Evangeliums zu erneuern. Er führte in nur kurzer Zeit zu Entwicklungen, die bis heute weltweite Ausstrahlung haben – und das nicht nur dort, wo die Reformation sich erfolgreich durchgesetzt hat. Auch dort, wo ihr dieser Erfolg verwehrt war, hat sie noch den gegen sie gerichteten Widerstand prägen können.

Der Beginn der Reformation ist untrennbar mit dem Namen Martin Luther und der von ihm im Herbst 1517 in Wittenberg ausgelösten Debatte um Buße und Ablass verbunden. Wie kein anderer hat Luther in den folgenden Jahren Dramatik und Dynamik des reformatorischen Aufbruchs bestimmt; hier kommt ihm unbestritten eine epochale Bedeutung zu. Luther hatte zwar Vorläufer. So hatten schon Waldes, John Wyclif, Jan Hus und die von ihnen inspirierten Bewegungen für eine umfassende Erneuerung der Kirche gestritten und gelitten. Aber der alles erfassende Umbruch und Aufbruch kam erst mit Luther.

Nun wurde Weltgeschichte geschrieben. Der Funke der Reformation sprang über. Unter Luthers Einfluss und in spürbarer Parallele zu den Vorgängen in Wittenberg entstanden weitere Zellen und Zentren der Reformation. Neben Wittenberg müssen auf jeden Fall Zürich, Straßburg und Genf genannt werden – Orte, die man ebenfalls als Hauptzentren, ja Drehscheiben der reformatorischen Bewegung bezeichnen kann. Doch die Beschränkung auf nur diese Orte würde der Polyzentrik und der Vielschichtigkeit der tatsächlichen Entwicklung nicht gerecht. Ob Antwerpen oder Riga, Leiden oder Debrecen, Kopenhagen oder Lyon, Oxford oder Venedig – fast jeder Ort Europas kann seine eigene Reformationsgeschichte erzählen. Dieser Geschichte war nicht immer Erfolg beschieden, oft sind die reformatorischen Anfänge sogar blutig erstickt worden. Aber das ändert nicht das Geringste daran, dass diese Geschichte in Erinnerung gehalten werden muss. Denn Menschen, die für ihre Glaubensüberzeugung in den Tod gegangen sind, haben diese Geschichte nicht weniger geprägt als jene, die als die großen Ideengeber und Organisatoren der Erneuerung in Erscheinung traten. Die Reformation in Europa besteht aus vielen großen und kleinen Reformationen. Sie ist ein Ereignis von europäischer Ausstrahlung, ein Netzwerk des Aufbruchs: deshalb Europa reformata.

Das 500. Jubiläum der Reformation war für die Gemeinschaft der Evangelischen Kirchen Europas (GEKE) ein willkommener Anlass, die europäische Ausstrahlung der Reformation ins öffentliche Blickfeld zu rücken. Schon immer waren die ganz unterschiedlichen Erfahrungen ihrer großen und kleinen Mitgliedskirchen für die GEKE wichtig. War die GEKE doch aus der Zustimmung zur Leuenberger Konkordie (1973) entstanden, mit der die aus der Reformation des 16. Jahrhunderts hervorgegangenen Kirchen und ihre vorreformatorischen Glaubensgeschwister ihre jahrhundertealte Kirchentrennung überwanden und von nun an in Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft miteinander lebten. Bisher haben 107 evangelische Kirchen in Europa die Leuenberger Konkordie unterzeichnet. Dahinter verbergen sich mindestens 107 unterschiedliche Reformationsgeschichten. Und nicht nur das: Diese 107 Reformationsgeschichten könnten mühelos durch die besonderen Reformationsgeschichten der zahlreichen Orte und Regionen in den einzelnen evangelischen Kirchen bereichert werden. Das ergäbe ein buntes Bild, mit dem sich illustrieren ließe, dass die in diesem Band nötige Beschränkung auf 72 herausragende Persönlichkeiten und 48 Orte der Reformation viele Verkürzungen in Kauf nehmen muss. Nur exemplarisch kann dieser Band für die Vielgestaltigkeit der Reformation in ihrem gesamteuropäischen Resonanzraum sensibilisieren.

Auf ihrer 7. Vollversammlung 2012 in Florenz haben die Kirchen der GEKE die Initiative „Europa reformata: 500 Jahre Reformation in Europa“ beschlossen. Im Rahmen dieser Initiative rief die Vollversammlung zur Bewerbung um den Titel „Reformationsstadt Europas“ auf. Kandidaten waren vor allem diejenigen Städte, die in der Reformation des 16. Jahrhunderts eine besondere Rolle gespielt hatten. Natürlich sollte es dort historische Zeugnisse der Reformationszeit geben, und die in Frage kommenden Städte sollten in touristischer Hinsicht hinreichend erschlossen sein. Quer über den Kontinent verteilt, sollten sie das Reformationsgedenken in die europäische Öffentlichkeit tragen und mit ihrer heutigen Kultur zum Dialog über die gesellschaftlichen und kulturellen Impulse der Reformation inspirieren.

Das Echo auf diese Initiative übertraf alle Erwartungen. Die Herausgeber dieses Bandes hätten mühelos 80 Reformationsstädte vorstellen können. Doch auch die 48 in diesem Band präsentierten Orte mit ihren Reformatoren und Reformatorinnen lassen ein städtisches Erinnerungspanorama entstehen, das vielen Menschen aus Europa und aus aller Welt eine spannende reformationsgeschichtliche Spurenlese ermöglichen wird. Sie werden dann nicht nur nach Wittenberg, Zürich, Straßburg oder Genf fahren müssen, sondern können den Spuren der Reformation auf dem ganzen Kontinent nachgehen.

Wir danken den Autorinnen und Autoren, die sich bereitgefunden haben, an diesem „Reiseführer“ durch die europäische Reformationsgeschichte mitzuarbeiten. Die einzelnen Kapitel dieses Buches sind von Theolog(inn)en und Historiker(inne)n mit besonderen Kenntnissen der von ihnen porträtierten Reformationsstadt und ihrer Reformatoren verfasst. Sie setzen bei ihren Präsentationen die Schwerpunkte allerdings unterschiedlich. So kann das religiöse, politische oder bauliche Profil der Stadt zur Zeit der Reformation im Zentrum stehen oder das persönliche und theologische Profil einzelner Reformatoren oder das geschichtliche Umfeld. In der Summe der Beiträge treten die großen Linien des reformatorischen Aufbruchs eindrücklich hervor.

Wir danken zahlreichen Kirchen und kirchenleitenden Persönlichkeiten, die durch Subskriptionen die Finanzierung des anspruchsvollen Vorhabens ermöglichten. Besonders danken wir dem Kirchenamt der EKD und der Stadt Basel für Druckkostenzuschüsse. Herr Landesbischof Prof.Dr.Jochen Cornelius-Bundschuh von der Evangelischen Landeskirche in Baden, die Kirchenleitung der Evangelischen Kirche der Pfalz sowie Herr Vizepräsident Dr.Thies Gundlach vom Kirchenamt der EKD haben die englische Übersetzung des Bandes unterstützt. Senior Pastor Dr.Younghoon Lee von der Yoido Full Gospel Church in Seoul hat die koreanische Ausgabe des Bandes (herausgegeben von Prof.Dr.Kim Jae Jin) gefördert.

Die Kirchenhistoriker Prof.Dr.Berndt Hamm und Prof.Dr.Christoph Strohm haben uns bei der Entstehung des Bandes vielfach beraten. Für die Erstellung der Karte „Europa reformata“ danken wir Dr.Alexander Maßmann und Maren Ossenberg-Engels. Für die Zusammenstellung von speziellen Informationen über die Reformatoren und die Sammlung der Anschriften der kirchlichen, politischen und touristischen Kontaktstellen sind wir Bettina Höhnen, Corinna Klodt, Irmela Küsell, Simon Layer, Charlotte Reda und Dr.Hanna Reichel dankbar. Dr.Gerhard Schwinge und Therese Schmude haben große Mühen in das Lektorat investiert, Dr.Albert de Lange in die Redaktion und Bildredaktion. Frau Dr.Annette Weidhas von der Evangelischen Verlagsanstalt danken wir für die ganz vorzügliche Zusammenarbeit.

Für die deutsche Ausgabe mussten Aufsätze aus dem Englischen, Französischen und Italienischen übersetzt werden; wir danken Therese Schmude (Antwerpen; Cambridge; Debrecen; Edinburgh; Leiden; Venedig; Viborg); Dr.Gerhard Philipp Wolf (Béarn; Genf; Neuenburg/​Neuchâtel) und Dr.Albert de Lange (Ferrara) für ihre Mühe.

Wir widmen dieses Buch dem Andenken an Bischof Friedrich Weber, der am 19. Januar 2015 nach kurzer schwerer Krankheit verstorben ist. Friedrich Weber, seit 2012 geschäftsführender Präsident des Rates der GEKE, hat die Entstehung dieses Buches von Anfang an intensiv begleitet und gefördert. Wir gedenken seiner in großer Dankbarkeit.

Einleitung

von Michael Welker

I. Der geistliche Kern der Reformation: Vertrauen auf Gottes Offenbarung

Die Botschaft der Reformation ist geprägt von tiefem Gottvertrauen und von Furchtlosigkeit vor menschlicher Macht. Sie formuliert klare Alternativen:

Gottes Wort vor Menschenwort, notfalls gegen Menschenwort!

Biblische Zeugnisse vor menschlichen Lehren!

Wahrheit Gottes gegen Gewissheiten oder Meinungen der Menschen!

Der Glaube an die nicht durch eigenes Tun zu verdienende Erlösung durch Gott gegen das Vertrauen auf den Ablass und die eigenen Werke (vgl. Berndt Hamm zu Nürnberg)!

Die Reformation betont die barmherzige Zuwendung Gottes zu den Menschen, die in Jesus Christus offenbar und im Glauben ergriffen wird (vgl. Christoph Strohm zu Heidelberg). Gott, Gottes Wort und Gottes Wahrheit kommen den Menschen nahe und wollen sie trösten, aufrichten und erheben.

Im menschlichen, barmherzigen, leidenden und am Kreuz hingerichteten Jesus Christus gibt Gott sich zu erkennen.

Jesus Christus ergreift in der Kraft seines Heiligen Geistes seine Zeuginnen und Zeugen und gibt ihnen Anteil an seinem Leben und seiner Autorität – auch gegen die Macht des Papstes und des Kaisers!

Die mitreißenden theologischen Einsichten und die das Leben verändernden Impulse der Reformation werden heute vor allem mit den Orten Wittenberg (mit Martin Luther und Philipp Melanchthon), Zürich (mit Huldrych Zwingli und Heinrich Bullinger) und Genf (mit Johannes Calvin und Theodor Beza) und mit den nach 1517 (Luthers Thesenanschlag in Wittenberg) einsetzenden Entwicklungen verbunden. Doch bereits mehr als hundert Jahre vor der Reformation in Deutschland, in der Schweiz und anderen Ländern Europas gab es Reformansätze und wurden verschiedene ihrer zentralen Erkenntnisse gewonnen und entsprechende Reformforderungen erhoben, besonders im Umkreis der Universitäten Oxford (vor allem von John Wyclif) und Prag (von Jan Hus), früher noch in Lyon von Waldes und den Waldensern. Hervorgehoben wurde schon damals, dass allein Gottes Gnade der Grund menschlichen Heils ist, dass die Heilige Schrift höher steht als alle kirchliche Lehre, dass die Bibel allen Menschen zugänglich gemacht und dass in der Landessprache der Menschen gepredigt und gelehrt werden muss. Die Mündigkeit der Menschen in geistlichen Angelegenheiten wurde betont, und es wurde die Austeilung von Brot und Wein im Abendmahl an alle Gemeindeglieder gefordert. Nicht erst einige der Reformatoren, auch mehrere sogenannte „Vorreformatoren“ wurden dafür, dass sie diese befreienden, aber als häretisch angesehenen Erkenntnisse verbreiteten, öffentlich hingerichtet.

II. Die Bedeutung von (Buch-)Druck und Bildung für die Reformation

Die große Rolle der damals noch relativ neuen, bewegliche Lettern einsetzenden Druckkunst mit ihrer Produktion von Flugschriften und Büchern in der Volkssprache kann für den Erfolg der Reformation gar nicht hoch genug veranschlagt werden. Allein in Augsburg erschienen zwischen 1518 und 1530 nicht weniger als 457 Drucke von Schriften Luthers – mit einer halben Million Exemplare! In Basel, Emden, Hamburg, Herborn, Hermannstadt, Kronstadt, Leiden, Nürnberg, Speyer, Stockholm, Ulm, Urach, Wien, Worms und an anderen Orten waren Verleger und Druckereien mit großem Erfolg tätig. Flugschriften, oft mit packenden Bildern, rüttelten die Menschen auf; gedruckte Predigten und Traktate brachten die reformatorische Botschaft unter das Volk. Katechismen fassten die wichtigsten Glaubensinhalte zusammen und wurden weit – zum Teil weltweit – verbreitet. In vielen Ländern entstanden Bibelübersetzungen in der Volkssprache. Neue Gemeindelieder und Gesangbücher wurden gedruckt.

Viele Reformatoren zeichneten sich durch große Sprachgewalt und Kreativität aus. Sie wirkten, manchmal unterstützt von Übersetzungsteams, mit ihren Bibelübersetzungen prägend auf die Entwicklung der Landessprachen: Martin Luther in Deutschland, William Tyndale in England, Pierre-Robert Olivétan in Frankreich, Casiodoro de Reina in Spanien, die Brüder Petri in Schweden, Michael Agricola in Finnland, Gáspár Károli in Ungarn, Primus Truber in Slowenien. Johannes Bugenhagens niederdeutsche Bibelübersetzung wurde Vorbild für die dänische Bibel u. v. m.

III. Die Reformation als Bewegung, die sich für Bildung und Befreiung einsetzt

Die Begeisterung für die Reformation wurde damals vor allem von einer gebildeten und emanzipatorisch eingestellten Mittelschicht getragen. Große Städte als Nachrichten- und Kommunikationszentren waren schon vor der Reformation Schauplatz von Bildungsbewegungen – z.B. konnten etwa 40 Prozent der Nürnberger Bevölkerung lesen. In den Städten trafen sich Zirkel von Gebildeten, die den humanistischen Idealen des Erasmus von Rotterdam anhingen, aber auch offen für die Reformation waren. Zugespitzt kann man sagen: „Ohne Humanismus keine Reformation!“ (Bernd Moeller) Diese Kreise, die oft ein weites Korrespondentennetzwerk unterhielten, verbreiteten die reformatorische Lehre und beförderten sie. Aber nicht nur in den Städten konnte die Reformation Fuß fassen. Auch fromme Fürsten schlossen sich ihr an und unterstützten sie auf ihren Territorien. Die Reformation erfasste schließlich alle Bevölkerungsschichten.

Die Reformation als Bildungsbewegung legte großen Wert darauf, dass Schulen und „Hohe Schulen“ gegründet wurden und dass das Schulwesen grundlegend erneuert wurde. Triebkraft für dieses starke Engagement war der Wille, den Zugang aller Menschen zur Bibel als Wort Gottes und mit der Bildung aller Menschen – nicht nur des geistlichen Standes – ein gutes Gemeinwesen und die Freiheit der Menschen zu fördern. Zahlreiche Porträts der Städte in diesem Band (Debrecen, Ferrara, Laibach, Riga, Straßburg usw.) geben davon direkt Zeugnis. Johannes Brenz in Schwäbisch Hall z.B. lehrte in seinen Schriften die Hochschätzung des Kindes und forderte eine einfühlsame Pädagogik. Er gründete, wie von Luther in seiner Schrift An die Ratsherren (1524) gefordert, deutsche und lateinische Schulen für Jungen und Mädchen aus allen Ständen. 1526 wurde in Nürnberg, von Melanchthon inspiriert, ein neuer Schultyp geschaffen: das Gymnasium. 1541 wurde vom Reformator Johannes Honterus in Kronstadt das erste humanistische Gymnasium ganz Südosteuropas gegründet.

1527 gründete Philipp von Hessen in Marburg die erste evangelische Universität. Die „Hohe Schule von Herborn“ wurde als Bildungsstätte nicht nur für Theologie, sondern auch für philosophische und rechtswissenschaftliche Forschung und Lehre aufgebaut. Junge und dynamische Wissenschaftler (bahnbrechend in Herborn: Caspar Olevian) und Gelehrte aus anderen europäischen Ländern wurden an die Universitäten berufen – und entsprechend groß waren die europaweite Anziehung und die interdisziplinäre Ausstrahlung der Institutionen. Die Reformation wurde zu einer langfristig auf Theologie, Philologie, Geschichtswissenschaft, auf Rechts- und Politikwissenschaft ausstrahlenden Kraftquelle der frühneuzeitlichen Universität.

Die intensivierte und vertiefte Bildung und der Bildungswille gingen einher mit einem gestärkten Selbstbewusstsein der Menschen, das zumindest langfristig auch freiheitlich-politische Früchte trug. Geistliche begeisterten sich für die neuen kirchlichen und theologischen Freiheiten. Juristisch Gebildete sahen die politischen Freiheitspotenziale und wollten sie in die Praxis umsetzen. Aber auch die kaufmännische Oberschicht, die Handwerker und die Zünfte nahmen an den reformatorischen Aufbrüchen aktiv Anteil und wollten dazu beitragen, neu gewonnene Freiheiten zu sichern. Vielerorts wurden dabei antiklerikale Haltungen verstärkt, die in den verschiedenen Gesellschaftsschichten bereits bestanden. Politische, wirtschaftliche und steuerliche Privilegien des Klerus wurden angegriffen und abgeschafft. Die Sehnsucht nach radikaler Erneuerung der Kirche sollte nicht länger unterdrückt werden.

Wie nicht anders zu erwarten, kam es – vor allem dort, wo die Reformation keinen landesherrlichen Schutz genießen konnte – zu vielfältigem Widerstand gegen die Reformatoren und ihre Anhänger, zu deren Verfolgung und sogar zu öffentlichen Hinrichtungen. Die Bewegung der Reformation war – wie die der Vorreformatoren – von Anfang an auch eine Bewegung von Märtyrern. An manchen Orten, vor allem im Süden Europas (z.B. Sevilla, Valladolid, Venedig), konnten sich die Evangelischen nur als „Kryptoprotestanten“, als Protestanten im Verborgenen, halten und mussten sich in geheimen Netzwerken organisieren.

IV. Reformation und Gewaltenteilung: Stadtrat, Zünfte, Könige schalten sich ein

Schon vor der Reformation war die weltliche Obrigkeit zunehmend daran interessiert, Aufsicht über kirchliche Bereiche und Belange auszuüben. An manchen Orten wurde sie dabei sogar vom Papst unterstützt oder zumindest geduldet. So überließ der Papst z.B. schon vor der Reformation dem Rat der Stadt Bern das Recht, geistliche Amtsträger selbst einzusetzen. An vielen Orten nutzten die politisch Verantwortlichen die Erfolge der Reformation, um den eigenen Einflussbereich auszudehnen. In Augsburg z.B., wo 90 Prozent der Bürger schon bald evangelisch wurden, übernahmen der Rat und die Laien die Aufgabe, geistliche Ämter zu besetzen, Streitfragen in Glaubensangelegenheiten zu schlichten und dafür zu sorgen, dass die Predigt schriftgebunden und evangelisch war.

Das behutsame Taktieren des Rates, z.B. in Augsburg, Speyer, Worms, aber auch in Schweizer Städten (Zürich, Bern) und in Livland (Riga, Reval) angesichts reichsrechtlicher Unsicherheit konnte auf Strecken friedliche und selbst bi-konfessionelle Entwicklungen – also die Koexistenz von evangelischen und „altgläubigen“ Gruppen und Gemeinden – fördern, manchmal sogar langfristig. An einzelnen Orten wurde eine zögerlich de facto einsetzende Gewaltenteilung zwischen Kirche und Politik (aber auch Recht und Wissenschaft) allerdings monarchisch behindert. So nutzte in Kopenhagen und in Stockholm der König die reformatorische Stimmung, um sich seiner Widersacher im Adel und im gehobenen Bürgertum zu entledigen bzw. sich selbst mit quasi-religiösen Weihen ausstatten und autorisieren zu lassen. In Lyon versuchten Hugenotten unter dem Einfluss von Pierre Viret, die Stadt mit Gewalt zu einem „zweiten Genf“ zu machen. Solche Entwicklungen führten – vor allem bei einigen römisch-katholischen Autoren – zu der Annahme, die Reformation habe die Kirche völlig entmachtet und der politischen Herrschaft unterworfen. Doch faktisch wurde ein langfristiger Prozess der Gewaltenteilung (Religion, Politik, Recht, Wissenschaft/​Bildung) und auch der ökumenischen Wahrheitssuche ausgelöst, der einer weltoffenen Frömmigkeit und freiheitlich-demokratischen Entwicklungen zuträglich war.

V. Öffentliche Theologie: Gewicht der Predigt und der Disputationen

Die Reformation war eine „Lesebewegung und Predigtbewegung“ (Berndt Hamm). Auch der Gottesdienst sollte nun der geistlichen, ethischen und politischen Bildung dienen. Über Glaubensfragen und kirchlich-politische Verhältnisse sollte frei und öffentlich gesprochen und diskutiert werden können. An vielen Orten entwickelte der Rat der Stadt starkes Interesse an der reformatorischen Botschaft und förderte die theologisch und biblisch gebildete „Predigt nach Gottes Wort“. Die Resonanz in der Öffentlichkeit war groß.

Eine wichtige Rolle bei der Verbreitung der neuen Gedanken kam den „Disputationen“ zu. Als Vorbild dafür kann die berühmte Heidelberger Disputation von 1518 gelten, durch die Luther die Konzentration auf Gottes Offenbarung in Jesus Christus einschärfte und zahlreiche zukünftige Reformatoren begeisterte und gewann. Weitere wichtige Disputationen waren die in Zürich 1523; in Breslau 1524 (zur Einführung der Reformation dort); das Religionsgespräch zu Memmingen 1524; 1525 das Nürnberger Religionsgespräch; Disputationen in Hamburg 1527 und 1528; 1527 in Stockholm; in Bern 1528 (die Zehn Berner Thesen), zudem eine Synode 1532; in Flensburg 1529. Der Städtetag in Ulm 1524 bot mit seinem Schreiben an den Kaiser das erste reformatorische Bekenntnis auf Reichsebene; 1530 stimmten in Ulm von 1865 abstimmungsberechtigten Bürgern 1621 für die Einführung der Reformation. „In allen öffentlich oder halböffentlich geführten Disputationen in den 1520er Jahren verließen die Altgläubigen [die am alten Glauben Festhaltenden] geschlagen das Feld“ (Peter Blickle zu Memmingen).

VI. Katechismen – Kirchenordnungen – lebenspraktische Erneuerungen

Mit der Einführung der Reformation entstanden an vielen Orten Kirchenordnungen (die erste schon 1525 von Johannes Aepinus in Stralsund) und Katechismen, um dem Leben und der Lehre zuverlässig Orientierung zu geben. Luthers Kleiner Katechismus und sein Großer Katechismus (1528/​29) sowie der Heidelberger Katechismus (1563), aber auch Thomas Cranmers Book of Common Prayer (1549) wurden im Laufe der Zeit auf der ganzen Welt verbreitete geistliche Long- und Bestseller. Auch heute weniger bekannte Katechismen erzielten große Wirkung. Der wichtigste der drei Katechismen von Johannes Brenz aus Schwäbisch Hall (1535) wurde in 500 Auflagen verbreitet.

Die Reformatoren strebten nicht nur eine Erneuerung des kirchlichen Lebens und der kirchlichen Lehre an, sondern auch eine Verbesserung der Kultur des Helfens, der Diakonie, z.B. der Armenfürsorge, des Dienstes an den Kranken und der Betreuung von Waisen (vgl. die Almosenordnung von 1522 in Nürnberg). Die Reformatoren transferierten die Armenfürsorge weitgehend aus dem kirchlichen Bereich in den weltlichen. In Hamburg und an anderen Orten wurde eine Kasse eingerichtet zur Versorgung Armer und Kranker, beaufsichtigt von zwölf bürgerlichen „Diakonen“. Ein christlich-genossenschaftlicher Geist trug die Neuordnung der kirchlichen Verhältnisse, des Schulwesens, der diakonischen Einrichtungen, z.B. der Spitäler. Ambrosius Blarer in Konstanz entwarf in vorbildlicher Weise Ordnungen zur Neugestaltung des Klosterlebens und zur Durchführung schriftgemäßer Gottesdienste (1535 und 1536). Ob in Umgestaltung oder in neuen Formen: an vielen Orten entstanden Initiativen zu konkreter Armenhilfe, oft in Reaktion auf akute Krisen, z.B. in der niedergehenden Textilindustrie (Leiden, Memmingen) oder nach Sturmfluten (Witmarsum).

VII. Fürstinnen, Reformatorinnen und junge Theologen und Juristen in Führungsrollen

Theologisch und geistlich engagierte Fürstinnen und gebildete Frauen aus dem gehobenen Bürgertum gaben der Reformation wichtige Impulse. Die Königin von Navarra, Margarete von Angoulême, und ihre Tochter, die Herzogin von Albret im Fürstentum Béarn, Jeanne d’Albret, förderten Simultankirchen, die römisch-katholische Kirchengebäude evangelischen Predigern öffneten. Im Kontakt mit Reformatoren in Genf betrieben sie den Aufbau eines reformierten Kirchen- und Fürstentums und engagierten sich in Bemühungen, den „römischen Götzendienst“ zu reinigen. Im weltstädtischen Emden berief Gräfin Anna von Ostfriesland den polnischen Humanisten und reformatorischen Theologen Johannes a Lasco in das geistliche Leitungsamt, um das ganze Kirchenwesen in Ostfriesland neu zu organisieren. Neue synodale Leitungsgremien wurden geschaffen. Auch wurden in Emden Religionsgespräche mit den „Altgläubigen“ und den friedfertigen Täufern organisiert.

Am Hof von Ferrara förderte Renée de France in einem Kreis adliger Damen und Herren das Interesse an protestantischen Ideen. In Konstanz war eine der vornehmsten Familien, die Familie Blarer, vom Bildungsideal des Humanismus und vom protestantischen Geist erfüllt. Befreundet mit Melanchthon und Luther, arbeiteten die Geschwister Blarer an der Erneuerung der Kirche, des Schulwesens und der Verbesserung der Armenfürsorge. Margarete Blarer, von Erasmus von Rotterdam öffentlich gelobt, trat in gelehrten brieflichen Austausch mit Martin Bucer und engagierte sich diakonisch für verarmte Frauen und verwaiste Kinder sowie in der Krankenpflege.

In Straßburg wurde Katharina Zell 1523 nicht nur als Ehefrau des Predigers am Straßburger Münster eine der ersten evangelischen Pfarrfrauen, sondern auch eine bedeutende reformatorische Publizistin. Sie verteidigte öffentlich die Aufhebung des Zölibats und – unter Berufung auf die biblischen Zeugnisse vom Wirken des Heiligen Geistes – das Recht der Frauen auf Rede und Mitwirkung in geistlichen Angelegenheiten. Sie engagierte sich für Glaubensflüchtlinge nicht nur durch praktische Hilfe, sondern auch mit Trostbriefen. Sie veröffentlichte ein Liederbuch, das von der Spiritualität der Böhmischen Brüder geprägt war, und verteidigte die friedfertigen Täufer gegen öffentliche Hetze.

Charakteristisch für den Geist der Reformation war schließlich der große Einfluss junger Theologen und Juristen, die, oft direkt nach der Universitätsausbildung, wichtige Führungsrollen in der Lehre, der Verkündigung und der Kirchenleitung übernahmen. Herausragende Beispiele sind natürlich Philipp Melanchthon und Johannes Calvin, aber auch zahlreiche andere junge Reformatoren sind hier zu nennen – so Márton Kálmáncsehi Sánta in Debrecen, Johannes Honterus und Valentin Wagner in Kronstadt, Johannes Brenz in Schwäbisch Hall, Michael Diller in Speyer, Michael Agricola in Turku, Hans Tausen in Viborg, Huldrych Zwingli und Heinrich Bullinger in Zürich.

VIII. Europäische Internationalität

Die kleine Stadt Wittenberg wurde zum „Mittelpunkt der zivilisierten Welt“ und zum Ausgangsort einer neuen religiösen Kultur. Die erst 1502 dort gegründete Universität zog mit ihren großen Lehrern Luther und Melanchthon zwischen 1535 und 1545 mehr als 4700 Studierende aus ganz Europa an und war so die am stärksten besuchte Universität im Reich. Aber auch bedeutende Künstler, vor allem die der Cranach-Schule, trugen zur weit über Deutschland hinausgehenden Ausstrahlung der Reformation bei. Daneben zogen andere Hochschulorte, an denen die reformatorische Lehre vertreten wurde, gleichermaßen Gelehrte und Studierende aus ganz Europa an. Heidelberg, Marburg und Herborn, aber auch Cambridge sind hier vor allem zu nennen.

Neben der Anziehungskraft der theologischen, juristischen und humanistischen Bildung waren es aber auch die Verfolgungen und die Flüchtlingsströme, die über die Grenzen hinweg zu Bildung und Austausch und zu internationaler Vernetzung der Lebensverhältnisse beitrugen. Städte wie Emden und Frankfurt am Main steigerten durch die Aufnahme der Flüchtlinge aus anderen Ländern ihre wirtschaftliche und kosmopolitische Ausstrahlung. Studierende und akademische Lehrer, aber auch im Dienst der Kirche Stehende, die wegen ihrer Glaubensüberzeugung ihr Land verlassen und fliehen mussten, erwarben weitergehende kulturelle und sprachliche Kompetenzen und verbreiteten in den verschiedensten Kontexten neue Erkenntnisse. Kosmopolitische Orte mit langer Tradition und großer Macht wie die Republik Venedig oder Edinburgh, aber auch von vielen ethnischen Gruppen geprägte Orte wie Kronstadt und Turku erhielten durch die Auseinandersetzung mit dem reformatorischen Geist neue Impulse und waren konstruktiven Belastungsproben für die Traditionspflege und die kulturellen Routinen ausgesetzt.

IX. Konfliktthemen mit der römischen Kirche

Zahlreich waren die Konfliktthemen der Reformation mit der römischen Kirche. Vielen Menschen heute gilt der Ablasshandel als das die Reformation auslösende Ereignis, doch er ist nur ein Thema unter vielen. Als zentral für den neuen religiösen Aufbruch ist die Auseinandersetzung der Reformatoren mit der herrschenden spekulativen und metaphysischen Theologie und ihren abgehobenen Gottesgedanken anzusehen. Luthers Heidelberger Disputation von 1518 war bahnbrechend für die Kritik an einer Theologie, die der Offenbarung Gottes in Jesus Christus und der Orientierung an den biblischen Zeugnissen nicht den absoluten normativen Vorrang gab. Die neue an Jesus Christus und der Heiligen Schrift ausgerichtete Theologie wollte allen Menschen den Zugang öffnen zu den Quellen der Gotteserkenntnis – wohingegen die spekulative und metaphysische Theologie als eine Theologie der Herrschenden und der Herrschsüchtigen erschien. In Frage gestellt wurden auch die mächtige Beichtpraxis und der Zölibat.

Ein weiteres kontrovers diskutiertes Thema für die Reformatoren war die Weigerung der traditionellen Kirche, der Gemeinde das Abendmahl in beiderlei Gestalt (Brot und Wein – sub utraque) auszuteilen. Das widerspreche klar den Aussagen der Schrift. Auch Marienverehrung, Heiligenkult und die Tradierung von Heiligenlegenden, die Rosenkranz-Frömmigkeit und die Lehre vom Fegefeuer wurden als nicht biblisch oder als bibelferne Übertreibungen abgelehnt. Die Abschaffung der lateinisch gehaltenen Messe und der Prozessionen, der Bilderflut in den Kirchen und der (oft in großer Zahl vorhandenen) Nebenaltäre wurde gefordert. Besonders heftig gestalteten sich die Auseinandersetzungen dort, wo ungerechtfertigte wirtschaftliche Privilegien und offensichtliche Doppelmoral mit klerikaler Herrschaft verbunden waren. Konflikte ergaben sich auch, wenn soziale Probleme und schlechte Bildungsverhältnisse den mangelnden Führungskompetenzen der Kirche angelastet wurden.

Die Kritik an der fragwürdigen Autorität des Papstes, die Kritik am hierarchischen Klerus und an der Machtstellung der Klöster berief sich auf das Priestertum aller Getauften. Eine auf die Heilige Schrift konzentrierte Lehre und Verkündigung sollte das Dunkelmännertum aus der Kirche vertreiben. Die Vorherrschaft der Jurisdiktion der Kirche wurde in Frage gestellt, und in vielen Bereichen wurden das kanonische Recht und die kirchliche Rechtsprechung durch die säkular-obrigkeitliche Rechtsprechung ersetzt. Die Reformation bereitete in vielen Entwicklungen Freiheit durch Gewaltenteilung vor, das heißt, dass individueller und gesellschaftlicher Freiheit am besten gedient ist, wenn Politik, Rechtsprechung, Wissenschaft und Leitung kirchlich-religiöser Angelegenheiten nicht in einer Hand liegen.

X. Innerprotestantische Konfliktthemen

Schon 1520 kam es zu Konflikten zwischen Luther und dem Mann, der neben Luther vielen zwischen 1518 und 1522 als einer der wichtigsten Repräsentanten der reformatorischen Theologie Wittenbergs gilt: Luthers Doktorvater Andreas Rudolf Bodenstein, genannt Karlstadt, aus dem fränkischen Karlstadt. Es ging zunächst um die Unantastbarkeit des biblischen Kanons. Luther hatte die kanonische Gültigkeit des Jakobus-Briefes, der eine „Werkgerechtigkeit“ vertrete, in Frage gestellt. Sein Kollege Karlstadt sah darin eine Gefährdung der Autorität der Heiligen Schrift. Es kam zu Differenzen über Kindertaufe und Taufalter, aber auch über die Gegenwart von Jesus Christus im Abendmahl. Von mystischer Theologie beeindruckt, betonte Karlstadt radikaler als Luther die Mündigkeit des einzelnen Christen und die Autorität der Gemeinde – auch ohne die für Melanchthon und Luther so wichtige Bildung. In seiner Gemeinde Orlamünde entwickelte er als „Bruder Andreas“ eine die Bedeutung aller Laien stärkende Praxis.

Alle diese Themen wurden zu innerprotestantischen Konfliktthemen. Soziale Konflikte und Spannungen verstärkten und verschärften die Auseinandersetzungen. Der Streit über die Gegenwart Christi im Abendmahl wurde zu einem Zentralkonflikt zwischen Lutheranern und Reformierten. Philipp von Hessen suchte in Marburg 1529 (nach einer über Streitschriften geführten Debatte, die 1526 begann) eine „Mittelstraße zwischen Lutherischen und Zwinglischen“, was allerdings scheiterte. Ein wichtiger Schritt auf diesem Weg war die Wittenberger Konkordie von 1536 (Bucer und Melanchthon). Aber erst der Leuenberger Konkordie von 1973 gelang die innerprotestantische Einigung.

Ebenso scharfe Konflikte bereiteten spiritualistische Bewegungen, die sich unter Verweis auf das „innere Geisteswort“ auf die theologische Autorität des einzelnen Christenmenschen beriefen (z.B. Sebastian Franck und Caspar von Schwenckfeld in Ulm) und die zentrale Glaubensinhalte wie die Lehre von der Dreieinigkeit und von der Gottheit Christi in Frage stellten (z.B. Antitrinitarier in Venedig, Polen, Siebenbürgen; Michael Servet in Genf). Konflikte entstanden aus der Ablehnung der Kindertaufe und dem Vollzug der Erwachsenentaufe, die nicht selten mit einer Bereitschaft zur Wiedertaufe einherging. Diese Konflikte spitzten sich im Rahmen emanzipatorischer und schließlich gewaltbereiter Protestbewegungen zu, die sich auch gegen wirtschaftlich und existenziell bedrängende Miss- und Notstände richteten. Mühlhausen, Münster, Memmingen und andere Orte wurden zu Zentren solcher Radikalisierungen.

Im Frühjahr 1525 kam es in Oberschwaben mit dem Gravitationszentrum Memmingen zum größten Aufstand, den es in Europa vor der Französischen Revolution gab. Vermutlich 50.000 aufständische Bauern verlangten in „Zwölf Artikeln“ die Aufhebung der Leibeigenschaft, die Wahl der Pfarrer durch die Gemeinden, Ersetzung der Herrschaft des Adels und der Kirchenfürsten durch „gemeines Regiment“ und die Durchsetzung anderer Freiheitsrechte. Tausende von Bauern kamen in den Schlachten mit den Truppen der Adligen um. Der Reformationshistoriker Heiko A. Oberman wollte in Memmingen ein „viertes Zentrum der Reformation“ sehen – neben Wittenberg, Zürich und Genf.

Radikale täuferische Richtungen – in Münster z.B. ließ sich der Schneider Jan van Leiden zum König ausrufen, schaffte u.a. das Geld ab, verhängte die Todesstrafe bei Verstößen gegen die Zehn Gebote und beanspruchte für sich das Recht, den Namen für jedes neugeborene Kind auszusuchen – blieben zwar Einzelerscheinungen, belasteten aber das Ansehen der Reformation. Bis heute zählen die unbefriedigende Auseinandersetzung mit den Täufern, das Versagen der Reformatoren in der Not der Bauern, aber auch der immer wieder aufflackernde Antijudaismus zu den dunklen Seiten der Reformation. Von den gewaltbereiten Bauern und Täufern und ihren gewaltbereiten Gegnern unterscheidet sich die Bewegung der Mennoniten, die – bis heute – eine konsequente Friedenstheologie und Friedensethik vertritt (siehe Menno Simons in Witmarsum).

Auch zahlreiche andere Zeugnisse des gewaltlosen Widerstands und der Wege in ein friedliches ökumenisches Miteinander gehören zu den Glanzlichtern der Reformation. Viele Orte wurden nach dramatischen Schauprozessen, öffentlichen Hinrichtungen und Verbrennungen bis hin zu postumen Verurteilungen mit öffentlicher Verbrennung der Särge (Antwerpen, Augsburg, Cambridge, Ferrara, Oxford u.a.) zeitweilig oder langfristig zu Städten, in denen Glaubensflüchtlinge aus vielen Ländern Aufnahme fanden. Die Protestanten in Augsburg feierten, nachdem ihnen nach großen anfänglichen Erfolgen alle Kirchen genommen worden waren, 14 Jahre lang geduldig und friedlich Gottesdienste unter freiem Himmel. Auch andere Orte berichteten vom „Auslaufen zum Gottesdienst“ der Evangelischen (so noch 1649 ein Stich Merians von Wien). Dem stürmischen reformatorischen Aufbruch folgten in manchen Ländern lange Zeiten der Bedrängnis und Geduld – auf dem Weg in ein von der Reformation nachhaltig inspiriertes friedliches ökumenisches Leben.1

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Irene Dingel, Berndt Hamm, Albert de Lange, Jan Stievermann und Christoph Strohm danke ich für kritische Lektüre und viele gute Ratschläge.

Besucht man das heutige Antwerpen mit seinen zahlreichen Kirchen, entsteht schnell der Eindruck, die Stadt sei schon immer eine Hochburg der katholischen Kirche gewesen. Und tatsächlich: Am Ende des 16. und zu Beginn des 17. Jahrhunderts entwickelte sich Antwerpen zu einem Bollwerk der Gegenreformation. Die prachtvollen barocken Kirchen und Klöster, die zu dieser Zeit gebaut wurden, prägen noch heute das Bild der Stadt, sie verdecken jedoch, dass Antwerpen einst das Zentrum des Protestantismus in den Niederlanden war.

Eine kosmopolitische Metropole

Es war kein Zufall, dass Antwerpen als erste Stadt der damaligen Niederlande von der breiten evangelischen, bzw. der mehr lutherisch geprägten Reformbewegung erfasst wurde: In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts stieg Antwerpen als große Handelsmetropole für den Westen auf. Händler aus Spanien, Portugal, dem Deutschen Reich, England und anderen Teilen Europas kamen hier zusammen. Die Ausweitung des Handels förderte bestehende Wirtschaftszweige und zog zudem neue an. Die Bevölkerungszahlen explodierten von 40.000 am Ende des 15. Jahrhunderts auf 100.000 in den 1560er Jahren. Der wirtschaftliche Aufschwung prägte das kulturelle Leben Antwerpens maßgeblich und dank des verfügbaren Kapitals, der Vertriebswege, gut ausgebildeter Arbeitskräfte und einer breiten Leserschaft entwickelte sich die Stadt zu einem internationalen Zentrum der Druckerei und des Buchhandels. Das gut organisierte Schulsystem trug zudem zur kulturellen Emanzipation der städtischen Mittelschicht bei. Obwohl keine Zahlen zum Alphabetisierungsgrad im Antwerpen des 16. Jahrhunderts vorliegen, deutet alles darauf hin, dass mindestens 50 Prozent der Bevölkerung über Grundkenntnisse im Lesen und Schreiben verfügten. Die Mitglieder der drei Redekammern – Dichtergilden, die auch als Laienschauspielgruppen auftraten – thematisierten in ihren volksnahen Gedichten und Theaterstücken aktuelle soziale und religiöse Probleme.

Frühe Unterstützung für Luthers Reform

Als kosmopolitisches Handelszentrum mit einem pulsierenden kulturellen Leben stand Antwerpen neuen religiösen und kulturellen Einflüssen offen gegenüber. Deutsche Händler brachten die Ideen Martin Luthers schon sehr früh nach Antwerpen und einige Druckereien zögerten nicht lange und veröffentlichten die Werke des Wittenberger Reformators. Die größte Unterstützung erhielt Luther jedoch aus dem Augustinerkloster in Antwerpen. Das Kloster war 1513 gegründet worden und gehörte der Reformkongregation der Augustiner-Eremiten in Deutschland an, der auch Luthers Kloster in Wittenberg angeschlossen war. Mehrere Mönche aus Antwerpen hatten an der Universität Wittenberg studiert. Jakob Propst (1486?–1562), der von 1518 bis 1522 Prior des Klosters in Antwerpen war und Luthers Theologie von der Kanzel aus unterstützte, war sogar ein enger Freund Luthers. In einem Brief an Luther schrieb Erasmus von Rotterdam über ihn, er sei „ein wahrer Christ, der dich von Herzen liebt. Er war einst dein Schüler […]. Er predigt beinah als Einziger Christus, die übrigen predigen Menschenfabeln oder suchen ihren Gewinn“. Propsts Predigten fielen in Antwerpen zwar auf fruchtbaren Boden, allerdings starteten die alarmierten kirchlichen Autoritäten und die Zentralregierung eine Offensive gegen die lutherischen Einflüsse in der Stadt. Propst wurde zur Befragung durch einen Inquisitor einbestellt und musste seinen „Verfehlungen“ am 9. Februar 1522 in der Brüsseler Hauptkirche abschwören.

Trotz des Vorgehens der Autoritäten konnte der lutherische Geist des Augustinerklosters nicht unterdrückt werden. Heinrich von Zütphen (um 1488–1524), der im Sommer 1522 die Nachfolge Propsts als Prior antrat, hatte ebenfalls in Wittenberg studiert und war mit Luther bekannt. Auch er predigte Luthers Lehren und wurde am 29. September 1522 inhaftiert. Tags darauf wurde er von einer Gruppe aufgebrachter Anhänger, zum Großteil Frauen, befreit und verließ Antwerpen in Richtung Wittenberg. Im Oktober desselben Jahres ordnete die Statthalterin der Niederlande, Margarete von Österreich, die Festnahme der übrigen Augustinermönche an. Drei von ihnen weigerten sich, ihrem Glauben abzuschwören, und zwei Augustinermönche, Hendrik Voes und Johann van den Esschen, wurden am 1. Juli 1523 auf dem Großen Markt in Brüssel auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Sie wurden umgehend als die ersten Märtyrer der lutherischen Reformation verehrt. Mittlerweile hatte Kaiser KarlV. befohlen, die Klostergebäude abzureißen. Die Augustinerkirche blieb jedoch verschont und wurde in eine neue Pfarrkirche umgewandelt.

Die Pfarrkirche St. Andreas. Das Kirchengebäude war zu Beginn des 16. Jahrhunderts Teil des Augustinerklosters

Der Aufstieg von Täufertum und Calvinismus

Mit der Auflösung des Augustinerklosters hatte die lutherische Reformbewegung ihre zentrale Führung verloren, und dezentrale Kräfte gewannen an Einfluss. Die lutherische Minderheit stand jedoch auch weiterhin in engem Kontakt mit Wittenberg. Einige Mitglieder kamen in kleinen privaten Gruppen zusammen, um gemeinsam in der Bibel oder in Luthers Postille (Predigtsammlung) zu lesen, andere wanderten in deutsche Städte aus, wo sie ihren Glauben offen leben konnten. Ab Mitte der 1520er Jahre gab in Antwerpen genauso wie in den restlichen Niederlanden jedoch eine breite eklektische evangelische Bewegung den Ton an. Bei geheimen Zusammenkünften wurden neue Ideen diskutiert, die von protestantischen Reformatoren verschiedener Richtungen stammten. Einige Teilnehmer dieser Zusammenkünfte hatten vollständig mit dem Katholizismus gebrochen, andere hielten hingegen immer noch den Kontakt zur alten Kirche.

Die Lutheraner und Anhänger der breiten evangelischen Bewegung in Antwerpen bildeten jedoch keine eigenständige Kirche mit entsprechenden Strukturen. Die Täufer hingegen, die in den 1530er Jahren in den Vordergrund traten, gründeten eine wohldurchdachte Untergrundorganisation. Während die pragmatischen Stadtväter Antwerpens mit den Protestanten sehr moderat umgingen, ganz besonders, wenn es sich um Bürger handelte, die eine wirtschaftlich wichtige Rolle spielten, verfolgten sie die Täufer mit besonderer Härte – seit der Machtübernahme von Münster wurden die Täufer nämlich mit Rebellion und Unordnung in Verbindung gebracht. Die Antwerpener Stadtregierung setzte die Edikte der Zentralregierung zur Ketzereibekämpfung strikt um und verurteilte im Jahr 1535 acht Täufer zum Tode, bis zum Jahr 1550 folgten weitere fünfzehn Todesurteile. Die meisten der angeklagten Täufer waren einfache Handwerker. Diese Art der Verfolgung wurde in den nächsten Jahrzehnten fortgeführt. In der Zwischenzeit war die Täuferbewegung unter Menno Simons zwar pazifistisch geworden und hatte den revolutionären Zielen der frühen Jahre abgeschworen, dies hatte jedoch keinen Einfluss auf die Politik der Antwerpener Stadtregierung. Obwohl die Täufer unerbittlich verfolgt wurden, gelang es ihnen, bedeutende Gemeinden zu gründen, die im Untergrund aktiv waren. Ihre Leiter stellten strenge Kriterien für die Aufnahme in die sogenannte Bruderschaft „ohne Fleck oder Runzel“ auf: Erwachsene wurden nur nach einer bewussten Phase der inneren Einkehr und Buße getauft und nur, wenn sie bereit waren, die Welt der Sünde hinter sich zu lassen.

Antwerpen. Kolorierter Stadtplan aus: Georg Braun/​Franz Hogenberg, „Civitates Orbis Terrarum“, Bd.5, Köln 1599

Mitte links: die Liebfrauenkirche (Nr.1); Mitte rechts: die St. Andreaskirche (Nr.3)

Bildersturm in der Liebfrauenkirche in Antwerpen am 20. August 1566. Kupferstich von Franz Hogenberg

Die calvinistische Kirche hingegen war bestens gegen die ihr feindlich gesonnenen Autoritäten gewappnet, ebenso wie für den Konkurrenzkampf mit anderen Religionsgemeinschaften. 1554 wurde in Antwerpen eine wallonische (d.h. französischsprachige) Kirche gegründet, ein Jahr später folgte die Gründung einer niederländischsprachigen Gemeinde. Beide Kirchen waren von Anfang an straff organisiert. Sie verfügten über ein breites, dezentrales Netzwerk aus Kirchenältesten, Diakonen und „Boten“ (Personen, die die Mitglieder informierten, wann und wo die geheimen Gottesdienste stattfanden), das die Schnittstelle zwischen den eigentlichen Führern der Gemeinschaft und den Glaubensbrüdern bildete. Zudem war die calvinistische Kirche in Antwerpen in ein europäisches Netzwerk eingebunden und Flüchtlingskirchen entsendeten Prediger nach Antwerpen. In schlechten Zeiten sammelten Calvinisten in London, Köln, Emden und andernorts für ihre Antwerpener Glaubensbrüder. Diese Solidarität war für die Antwerpener Untergrundgemeinden von enormer Bedeutung. Selbstverständlich erleichterten die Handelskanäle und -netzwerke der Metropole diese Kontakte und die Mobilität entscheidend.

Der erste Pfarrer und Gründer der niederländischsprachigen Kirche, Gaspar van der Heyden (1530–1585), war ein typischer Vertreter der ersten Calvinistengeneration. Er stellte eine Kirchenordnung auf und verlangte von jedem Mitglied ein Glaubensbekenntnis. Er folgte strengen Prinzipien und wollte jeden aus der Gemeinschaft ausschließen, der gelegentlich an Zeremonien des katholischen „Aberglaubens“ teilnahm. In der Tat unterschied van der Heyden zwischen den Kindern Gottes, also denjenigen, die das Glaubensbekenntnis ablegten und sich der kirchlichen Disziplin unterwarfen, und den Kindern der Welt. Nicht alle Mitglieder der Antwerpener Kirche waren mit dieser strengen Abgrenzung van der Heydens einverstanden und so gab es neben einer kleinen Gruppe vollwertiger Gemeindemitglieder einen größeren Kreis Sympathisanten, die sich nicht vollumfänglich verpflichteten.

Antwerpen nahm von Anfang an die Funktion einer Drehscheibe ein, von der aus die Ideen der Reformation in die umliegenden Städte und Provinzen hineingetragen wurden. Gleichzeitig übernahm die calvinistische Kirche in Antwerpen eine Führungsrolle bei der Verbreitung und Unterstützung des reformierten Protestantismus in alle anderen Provinzen, wie Flandern, Wallonisch-Flandern, Hainaut (Hennegau) und Artois (Artesien). Vor allem aber stellte die Metropole einen wichtigen Zufluchtsort für verfolgte Calvinisten aus Flandern und den wallonischen Provinzen dar.

Ausweitung des Protestantismus im Wunderjahr 1566/​67

In den 1560er Jahren bildete sich eine immer stärker werdende Opposition gegen die unbarmherzige Verfolgung der Häretiker durch PhilippII., den Sohn und Nachfolger KarlsV. Zu dieser Zeit zeigte sich die calvinistische Kirche entschieden militant und hielt sich bereit, auf die politischen Entwicklungen zu reagieren. Insbesondere das Wunderjahr oder annus mirabilis – der Zeitraum von April 1566 bis April 1567 – bot vielfältige Möglichkeiten für politische und religiöse Veränderungen. Im April 1566 nämlich legte eine Gruppe Adeliger der damaligen Statthalterin Margarethe von Parma eine Petition vor, in der die Abschaffung der Inquisition und die Aussetzung der Edikte gegen die Ketzerei gefordert wurden. Dieser Vorstoß stärkte das Selbstbewusstsein der Calvinisten. Viele Glaubensflüchtlinge kehrten nach Antwerpen zurück und im Juni 1566 wurde auf einer hier abgehaltenen Synode der calvinistischen Kirchen beschlossen, sich nicht mehr länger zu verstecken. Gottesdienste, die außerhalb der Stadtmauern Antwerpens organisiert wurden, zogen Tausende Zuhörer an. Allerdings wollten die calvinistischen Führer ihre Religion auch innerhalb der Stadt ausüben. In diesem Zusammenhang erwies sich der Bildersturm, der die damaligen Niederlande im August 1566 erfasste, als sehr hilfreich. Am 20. August begann er in Antwerpen: Vergleichsweise kleine Gruppen Aufständischer zerstörten unter calvinistischer Führung Bilder in der Liebfrauenkirche – der wichtigsten Pfarrkirche in Antwerpen – und anderen Kirchen, Klöstern und Kapellen. Der Bildersturm war nicht nur religiös motiviert, sondern zielte auch auf die Verbesserung der Rechte der Calvinisten in der Stadt ab.

Der Bildersturm wirkte sich in der Tat unmittelbar auf die calvinistische Kirche aus. Am 2. September konnte Wilhelm von Oranien (1533–1584), der von der Statthalterin nach Antwerpen geschickt worden war, ein Abkommen mit der calvinistischen Führung schließen, die den Calvinisten drei Orte zusprach, an denen sie predigen durften. Noch am selben Tag wurde das Abkommen auch auf die Lutheraner ausgeweitet. Das Abkommen vom 2. September stellte einen Meilenstein in der Geschichte des Protestantismus in Antwerpen dar. Zum ersten Mal wurde ein gesetzlicher Rahmen geschaffen, der es den Calvinisten und Lutheranern erlaubte, in der Stadt zu leben und ihren Glauben zu praktizieren. Sowohl Calvinisten als auch Lutheraner bauten neue Kirchen an den zugewiesenen Plätzen und konnten neue Mitglieder gewinnen. Gleichzeitig entwickelten sich jedoch immer stärkere Spannungen zwischen den beiden Konfessionen, die nicht nur religiös, sondern auch politisch motiviert waren. Im Herbst und Winter 1566 stimmte die Führung der calvinistischen Kirche Antwerpens offen für politischen Widerstand und fungierte als Hauptquartier des Aufstandes gegen PhilippII. und die Zentralregierung. Die Lutheraner hingegen verhielten sich vorsichtiger. Nach der Niederlage einer Armee der Aufständischen vor den Toren der Stadt versuchten die Calvinisten im März 1567, die Macht in Antwerpen zu ergreifen. Die Lutheraner blieben jedoch loyal gegenüber der Stadtregierung und schlugen sich auf die Seite der Katholiken. Die Calvinisten, die sich nun zurückziehen mussten, sahen dies als Verrat an der protestantischen Sache seitens der Lutheraner an und hielten sie auch weiterhin für politisch unzuverlässig.

Im April 1567 erlangten Margarethe von Parma und ihre königlichen Truppen die Kontrolle über die Lage in den Niederlanden zurück. Am 11. April verließ Wilhelm von Oranien zusammen mit vielen Calvinisten und Lutheranern die Stadt. Insbesondere die Ankunft des Herzogs von Alba im Sommer 1567 leitete eine neue Ära rücksichtsloser Repression ein. Die protestantischen Gemeinden Antwerpens mussten sich wieder in den Untergrund zurückziehen.

Der letzte Höhepunkt des Protestantismus: die calvinistische Republik

Seit dem Wunderjahr hing die Zukunft der protestantischen Gemeinden in Antwerpen eng mit dem Verlauf des niederländischen Aufstandes zusammen. Nach der Pazifikation von Gent am 8. November 1576, bei der die Edikte gegen die Ketzerei außer Kraft gesetzt wurden, verbesserte sich die Lage der Protestanten erheblich. Nachdem die durch Herzog von Alba erbaute Zitadelle von Antwerpen von der spanischen Besatzung befreit worden war, folgten die Stadtväter Antwerpens immer mehr der politischen Linie Wilhelm von Oraniens und der aufständischen Generalstaaten. Die Calvinisten, die loyalsten Unterstützer des Aufstandes, bemächtigten sich nach und nach aller Ebenen der Antwerpener Stadtregierung. Im August 1578 proklamierten die Stadtväter den „Religionsfried“ (Religionsfrieden), der Calvinisten und Lutheranern bestimmte Gottesdiensträume zusprach. Von da an verzeichneten die calvinistischen und lutherischen Kirchen starken Zuwachs. Viele Prediger kamen aus dem Exil zurück und waren von da an im „fruchtbaren Weingarten“ Antwerpens tätig. Zu ihnen zählte auch Gaspar van der Heyden, der von Middelburg nach Antwerpen kam. Calvinistische Pfarrer, die über die Ausbreitung ihrer Kirche schrieben, unterschieden allerdings erneut zwischen echten Mitgliedern und bloßen „Sympathisanten“. Im April 1579 gab der Pfarrer Johannes Cubus bekannt, die niederländische Kirche verfüge bereits über 12.000 Sympathisanten und mehr als 3.000 eingetragene Mitglieder. Im Juni 1579 proklamierte die Stadtregierung einen zweiten Religionsfrieden, und den Calvinisten und Lutheranern wurden weitere Kirchengebäude zugesprochen, einschließlich bisher katholischer Pfarrkirchen und Klöster. Die katholische Kirche geriet mehr und mehr ins Abseits und im Juli 1581 wurde die öffentliche Ausübung der katholischen Religion verboten. Die calvinistische Kirche entwickelte dank ihrer niederländisch- und französischsprachigen Kirche und der kleineren italienischen und englischen Gemeinden einen ausgesprochen kosmopolitischen Charakter, während die Lutheraner nicht nur über eine niederländische und eine französische Kirche verfügten, sondern auch über eine deutsche.

Das Denkmal von Wilhelm von Oranien und Philipp Marnix von St. Aldegonde an der Rückseite des Museums der Schönen Künste in Antwerpen

Schließlich besiegelten jedoch militärische Entwicklungen das Schicksal der sogenannten calvinistischen Republik. Ab August 1584 wurde Antwerpen von Alexander Farnese und seiner spanischen Armee belagert. Die Verteidigung der Stadt wurde vom Bürgermeister Philipp Marnix von St. Aldegonde (1540–1598) angeführt, einem standhaften Calvinisten und Berater Wilhelm von Oraniens. Nach einem Jahr musste die aufständische Stadtregierung jedoch aufgeben. Der Kapitulationsvertrag vom 17. August 1585 gewährleistete Calvinisten und Lutheranern, dass sie noch über einen Zeitraum von vier Jahren unbehelligt in der Stadt leben konnten. Innerhalb dieser vier Jahre konvertierten etliche Calvinisten und Lutheraner zur katholischen Kirche, die Mehrheit jedoch verließ die Stadt. Die Bevölkerung Antwerpens halbierte sich beinahe, von 82.000 Einwohnern im Jahr 1585 auf nur noch 42.000 im Jahr 1589. Fortan arbeiteten die neue Stadtregierung und die kirchlichen Autoritäten eng beim Aufbau einer neuen katholischen Kirche zusammen, die von der Gegenreformation geprägt war. Ein neues religiöses Zeitalter hatte begonnen.

⇒ Dr. Guido Marnef ist Professor für die Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität von Antwerpen und Mitglied des Zentrums für Stadtgeschichte an derselben Universität.

Weiterführende Literatur

CHRISTMAN, VICTORIA, Pragmatic Toleration. The Politics of Religious Heterodoxy in Early Reformation Antwerp, 1515–1555, Rochester 2015

MARNEF, GUIDO, Antwerp in the Age of Reform: Underground Protestantism in a Commercial Metropolis 1550–1577, Baltimore/​London 1996

MARNEF, GUIDO, From prosecuted minority to dominance: the changing face of the Calvinist Church in the cities of Flanders and Brabant (1577–1585), in: Herman J. Selderhuis und J. Marius J. Lange van Ravenswaay (Hg.), Reformed Majorities in Early Modern Europe, Göttingen 2015 (Refo500 Academic Studies 23), 227–244

Für einen Besuch in Antwerpen

www.visitantwerpen.be

www.protestantsekerkantwerpennoord.be

http://users.skynet.be/​lutherse.kerk

Augsburger Bekenntnis (1530) und Augsburger Religionsfriede (1555): Die alte schwäbische Reichsstadt steht für Höhepunkte der Reformationsgeschichte. Freilich nur wegen ihrer herausragenden Rolle für die Reichstage. Zur evangelischen Vorzeigestadt wurde sie erst 100 Jahre später durch ihre Standhaftigkeit im Dreißigjährigen Krieg: Die Evangelischen hielten 14 Jahre lang ihre Gottesdienste bei Wind und Wetter unter freiem Himmel, als ihnen alle ihre sechs Kirchen genommen waren. Die Erinnerung daran ist Wurzel des Augsburger Friedensfestes – bundesweit einzigartiger gesetzlicher Feiertag in der Stadt am 8. August.

Die Frühgeschichte der Reformation in Augsburg ist dagegen gekennzeichnet von der Richtungsvielfalt theologischer Strömungen in den Einzelgemeinden bei einer unentschieden abwartenden Haltung des Rats der Stadt nach innen und einem ebenso vorsichtigen „milden und mittleren Weg“ in der Politik nach außen. So gehörte Augsburg weder 1529 zu den Speyrer Protestanten noch 1530 zu den Unterzeichnern der Confessio Augustana, dem evangelischen Grundbekenntnis mit dem Namen der Stadt.

Während die Stadtväter in Zürich schon 1522, in Nürnberg und Memmingen 1525 Glaubensdisputationen veranstalteten, die zu Ratsreformationen führten, hielt sich Augsburg zurück. Dafür gibt es ein ganzes Ursachenbündel: in der Stadt selbst Gespaltenheit im Rat, Spannungen zwischen dem Rat und der politischen Gemeinde der Zünfte, der Dauerkonflikt mit dem eigenen Bischof und die unselbstständige Rechtslage der Pfarreien, nicht zuletzt die gebotene Loyalität zum Kaiser als Stadtherrn. Dazu war die Stadt ohne eigenes Umland umgeben von katholischen Mächten: Bischöfliches Hochstift, Herzogtum Bayern und die habsburgische Markgrafschaft Burgau. Auch Württemberg war 1522 bis 1534 als Lehen an Ferdinand von Habsburg gelangt. Der „milde und mittlere Weg“ war eine elastische Reaktion auf das komplexe Bedingungsgefüge.

Erst spät bekannte sich die Ratspolitik dazu, dass Augsburg zu 90 Prozent evangelisch war. 1534 wurde die katholische Messfeier auf acht noch intakte Stifts- und Klosterkirchen beschränkt, im Januar 1537 die „papistische Abgötterey“ ganz untersagt und zugleich eine Rechtfertigung an den Kaiser und die Reichsstände in den Druck gegeben. Verbliebene Klöster wurden aufgelöst und in Stadtbesitz überführt. Fast der ganze katholische Klerus ging ins Exil. In Zusammenarbeit mit dem Straßburger Martin Bucer schuf der Rat eine Kirchenordnung, eine „Forma“ des Gottesdienstes, eine neue Zucht- und Polizeiordnung und ein Ehegericht. Auch das gesamte Schulwesen bis hin zur neuen Lateinschule bei St. Anna (1531) wurde dem Rat unterstellt.

Augsburg war auf den Weg der oberdeutschen – an Zürich und Straßburg orientierten – reichsstädtischen Reformation eingeschwenkt. Eine führende Rolle nahm dabei Wolfgang Musculus ein, der 1531 aus Straßburg nach Augsburg kam.

Behutsam kehrte man auch außenpolitisch vom „milden und mittleren Weg“ ab: Nach einem Sonderbündnis mit Ulm und Nürnberg Ende 1533 kam im Januar 1536 der Beitritt zum Schmalkaldischen Bund, der erweiterte politische Rückendeckung versprach. Zeitnah war Augsburg der Wittenberger Konkordie von 1536 – dem Abendmahlskompromiss zwischen Luther und Bucer – beigetreten. Somit galt Augsburg nach außen hin als bekenntniskonform.

Augsburg um 1520: Bischofsstadt und globales Wirtschaftszentrum

Dabei war Augsburg schon früh Schauplatz der Reformationsgeschichte geworden. Als Luther im Oktober 1518 nach Ende des Reichstags zu Gesprächen mit Kardinal Cajetan in die Stadt kam, war die Diskussion über die 95 Thesen Stadtgespräch – kein Wunder in einer Bischofsstadt mit 17 Klöstern vom exklusiven Adelsstift bis zum bürgernahen Bettelorden. Einer Stadt mit zahllosen frommen Stiftungen zum Seelenheil: „dan iedermann wolt gen himl“ notierte ein Chronist. Berühmt sind die Sozialsiedlung der Fuggerei, gestiftet 1516 von Jakob Fugger dem Reichen, und seine Grablege nach Entwürfen von Albrecht Dürer bei St. Anna, geweiht Anfang 1518, ein Renaissancedenkmal europäischen Ranges. Es war eben der Jakob Fugger, in dessen neuem Stadtpalast auch die Ablassgelder für Rom verwaltet wurden – und der Ablasskritiker Luther verhört wurde. Scharfer Gegner der Fuggerischen Zinsgeschäfte war der Domherr Bernhard Adelmann. Das Domkapitel mit Humanisten war ein Sonderfall unter den süddeutschen Diözesen. Christoph von Stadion war ein neuer Bischof (reg. 1517–1543) mit versöhnlicher Haltung. Humanist von Rang war auch der Stadtschreiber und kaiserliche Rat Konrad Peutinger, der Luther im Oktober 1518 zum Abendessen einlud – und Luther attestierte ihm „mit welch einzigartigem Eifer er sich um meine Sache bemüht“. Gerade Peutinger verfocht aber als „graue Eminenz“ der Stadtpolitik den „milden und mittleren Weg“.

Blick durchs Kirchenschiff von St. Anna auf die Fuggerkapelle

Die Debatten um eine „reformatio“ waren aber nicht nur Gelehrtensache. In der rasant expandierenden Wirtschaftsmetropole war die Kluft zwischen Arm und Reich enorm. So lebten in Augsburg mit seinen 25.000 Einwohnern um 1500 auf der einen Seite die Reichen (30 Besitzer von mindestens 10.000 Gulden und 140 Besitzer von mindestens 2400 Gulden), auf der anderen Seite die „Habnitse“, mehr als die Hälfte der Bewohner, darunter viele Weber, die durch die kapitalistischen Methoden im Textilgewerbe gerade so über die Runden kamen.

Die sozialen Spannungen der Stadt gingen in die Debatten um die „reformatio“ ein. Gespeist wurden sie durch zahlreiche Schriften auf Deutsch, eine Spezialität der Augsburger Drucker. In der Stadt ohne Universität zielten sie auf Leser ohne Lateinkenntnisse. Von 1480 bis 1500 waren drei Viertel der Buchproduktion in der Volkssprache. Augsburg war mit 18 Prozent der Lutherdrucke nach Wittenberg, aber noch vor Nürnberg, Straßburg und Erfurt führend: Für die Zeit von 1518 bis 1530 sind 457 Augsburger Lutherdrucke nachgewiesen, eine halbe Million Exemplare. Es waren theologische Bestseller. Von Zwingli gibt es nur 17 Drucke, andere Theologen, auch die vor Ort, folgen mit Abstand. Schriften zur Verteidigung der römischen Kirche fehlen. Auch für die Bannandrohungsbulle gegen Luther fand sich kein Drucker. Der Rat hatte 1520 angeordnet, nichts zu veröffentlichen, was „Irrungen zwischen den Geistlichen und Doktoren der hl. Schrift“ betreffe. Aber eine effektive Zensur fand nicht statt. Die Meinungsbildung in der Stadt nahm ungehindert ihren Lauf.

Gemeinde-Reformationen von unten und die verschobene Reformation durch den Rat

Ein wesentlicher stadtinterner Grund für die dezentrale Entwicklung zu Anfang der Reformation war die Rechtslage der Pfarreien, die allesamt nicht selbstständig, sondern Klöstern und Stiften eingegliedert waren, die ihrerseits als Sonderbezirke außerhalb des Stadtrechts standen. Aber schon im Mittelalter nahm die Bürgerschaft wachsenden Einfluss auf die Pfarreien. Für die Wirtschaftsbelange des Heilig-Geist-Spitals und der Bettelorden sorgten Pfleger des Rats, Chorherrenstifte nahmen zeitweise das Bürgerrecht an. Besonders wichtig wurde das Engagement der Laien aus den Gemeinden: Aus der Kontrolle, ob die Klöster ihre Pflichten aus den zahlreichen Stiftungen korrekt erfüllten, erwuchs im 13. Jahrhundert die Einrichtung der Zechpflegen. Als eigene juristische Körperschaften verwalteten sie die Stiftungsvermögen und erlangten Mitbestimmung. Das fing an beim Gottesdienst und der Ausstattung der Kirchen und erreichte die Pfarrschulen und eigene Predigthäuser.

Als der Rat am 11. August 1523 verbot, etwas anderes zu predigen als „das hailig Evangelium und das gotzwort“, griffen die Laien auch zur Besetzung von Predigerstellen. So wurde im Armenviertel bei St. Georg 1524 Johann Seifried vom Pfarrvolk gewählt und von der Zeche berufen. Aber auch im Prominentenviertel bei St. Moritz trat das Pfarrvolk auf den Plan: Als Johann Speiser die lutherische Rechtfertigungslehre 1523 bei St. Moritz predigte und deshalb von Johann Eck verketzert wurde, forderten 400 Bürger beim Rat seinen Schutz ein, mit Erfolg! Der Abt von St. Ulrich entließ den „ganz lutherisch“ predigenden Johann Schmid 1526. Prompt stellte ihn die Zeche an. Bei Hl. Kreuz bemächtigte sich die Zeche des Predigthauses und finanzierte ihren radikalen Prediger Wolfgang Haug durch eine Sammlung von Tür zu Tür.

Die Bettelorden wurden zu weiteren Türöffnern reformatorischer Ideen, auch wenn sie keine Pfarrei hatten. Das Karmeliterkloster St. Anna profilierte sich unter dem Prior Johann Frosch als lutherische Hochburg. 1523 stellte der Rat zusätzlich Urban Rhegius als Prediger ein. 1525 gab es in St. Anna das Abendmahl in beiderlei Gestalt. Bei den Franziskanern in der Barfüßerkirche predigte Johann Schilling derart politisierend, dass sich die Ratsobrigkeit in Frage gestellt sah. Sie behalf sich mit der Abberufung des „Lesmeisters“. Das wurde aber zur Initialzündung für einen Handwerkeraufstand unter Waffen am 6. August 1524. Es gab zwei sofortige Hinrichtungen der Rädelsführer und starke Wirren. Im Herbst kam der aus Bayern vertriebene Michael Keller. Er hielt das Abendmahl in Schweizer Gestalt als reines Gedächtnismahl. Bald wurde er zum bedeutendsten Prediger der Stadt mit großem Einfluss auf die Ratspolitik. Das Volk stimmte mit den Füßen ab. Predigten Rhegius oder Speiser vor einem Dutzend Hörer, so war die Kirche bei Keller voll.

Augsburg. Kolorierter Stadtplan aus Sebastian Münster „Cosmographey“, Basel 1567 Mitte: St. Moritz, St. Anna; unten: Fuggerei und Rathaus

Das Abendmahl in beiderlei Gestalt 1525 in St. Anna. Illustration aus: [Augustin Scheller], „Chronica Ecclesiastica Augustana“, 1744. Handschrift der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg

Luther entsetzte sich 1527 in einem Brief an Georg Spalatin über die Richtungsvielfalt: „Augusta in sex divisa est sectas“ (Augsburg zerfällt in sechs Richtungen). Neben der zwinglianischen Mehrheit gab es Anhänger von Johannes Oekolampad und Martin Bucer, die Lutheraner bei St. Anna gerieten ins Hintertreffen, Altgläubige hielten sich unter dem Einfluss der Fugger. Die milde Haltung des Rats zog religiöse „Dissidenten“ an. Unter der Führung der Zugewanderten Balthasar Hubmaier, Hans Denck und Hans Hut (zeitweise Schüler Luthers und später Thomas Müntzers) wurde Augsburg zum Täuferzentrum. Der Eindruck des Bauernkrieges drängte den Rat zum Handeln. Bei einer Versammlung süddeutscher Täufer, der „Märtyrersynode“ im Sommer 1527, wurden die Anführer in Haft genommen, dann der Stadt verwiesen. Manche wurden gebrandmarkt. Hut kam im Kerker ums Leben, 1528 wurde ein weiterer Täufer hingerichtet. Fortan gab es keine Versammlungen von Täufern mehr, sondern nur noch Hinweise auf einzelne Anhänger im Untergrund.

Die späte Ratsreformation nach dem Reichstag 1530 und ihr theologischer Wortführer Wolfgang Musculus (1497–1563)

Der Reichstag von 1530 wurde zur Zäsur für die Augsburger Reformation. Das Kanzelverbot KarlsV. für alle einheimischen Prediger führte zum Wegzug der lutherischen Doktoren Stephan Agricola, Johannes Frosch und Urbanus Rhegius. Neuberufungen holte man aus Straßburg: Bonifatius Wolfart (St. Anna), Theobald Niger (St. Ulrich) und Wolfgang Musculus. In ihm bekam die Durchführung der Reformation ihren Wortführer. Bucer und Wolfgang Capito hatten Musculus so empfohlen: „Pracht und Glanz sind an ihm gering. Wer aber weiß, welch friedlichen, sanften, richtigen und bescheidenen Geist ihm der Herr verliehen, wie auch einen feinen, lichten, raschen und unzänkischen Verstand mit ziemlicher Belesung, sowohl der göttlichen Schrift als auch der Kirchenväter, auch einem stillen und ganz unsträflichen Leben, der wird ihn nur desto werter und teurer halten, dass er so ein unscheinbares Ansehen hat.“

Wolfgang Mäuslin (lat. Musculus) kam aus einfachen Verhältnissen. Geprägt war er vom elsässischen Humanismus, vom benediktinischen Leben im Kloster Lixheim (1512–1527), von Lutherschriften schon 1518, und von der Reformation in Straßburg. Dorthin war er nach dem Klosterleben gezogen, hatte geheiratet und als Weber gearbeitet. Bucer und Capito machten ihn zum Prediger für Dorlisheim im Elsass, 1528 zum Diakon am Straßburger Münster. Musculus bildete sich fort, hörte Vorlesungen bei beiden, lernte Hebräisch. Da erreichte ihn der Ruf aus Augsburg. Er zögerte vor der Aufgabe, die Richtungsvielfalt in Augsburg in einem Kompromiss zu versöhnen, die schon andere scheitern ließ.

Wolfgang Musculus. Porträt aus: Nikolaus Reusner, „Contrafracturbuch“, Straßburg 1587

Wolfgang Musculus, „Vom Ampt der Oberkait“, 1535. Titelblatt. Dieses Exemplar gehörte Konrad Peutinger

Der Rat berief ihn 1531 nach Hl. Kreuz, wo er bis 1537 predigte. Es war die Zeit der Ratsreformation: Aufbau des evangelischen Kirchenwesens im Ringen von Theologen und Laien, den Zünften und dem Rat. Unterstützend kam Bucer ab 1534 jährlich länger in die Stadt. Musculus agierte unspektakulär, aber nachhaltig. So veröffentlichte er 1535 Augustinus’ Schrift Vom Ampt der Oberkait/​in sachen der Religion vnd Gotsdiensts auf Deutsch mit Vorrede und einem aktuellen Nachwort von Bucer. Die Kirchenväter schärfen nach Musculus den Blick auf die Bibel. Auf der sorgfältigen Argumentationshilfe für das Recht und die Pflicht der Obrigkeit, hier aktiv zu handeln, basierte das Handeln des Rats.

Gedenkplatte zur Erinnerung an die gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre am 31. Oktober 1999 in St. Anna

1536 konnte Musculus für die Stadt die Wittenberger Konkordie zur Abendmahlsfrage unterzeichnen, „dass gegenwärtig sei und wahrhaftig dargereicht werde der Leib Christi“. Im Jahr darauf wurde er Prediger am Dom. Ab 1540 war er theologischer Vertrauensmann des Rates und vertrat die Stadt bei den ergebnislosen Religionsgesprächen in Worms und Regensburg. Neben diesen Aufgaben hatte Musculus Griechisch bei Sixt Birk, seit 1536 Rektor des Gymnasiums, und Arabisch gelernt. Wichtige griechische Kirchenväter übersetzte er ins Lateinische, kommentierte zahlreiche Bücher der Bibel und schrieb eine systematische Theologie. 1543/​44 überzeugte er den Rat, fast 100 alte griechische Handschriften in Venedig zu erwerben. Sie begründeten den internationalen Ruf der Stadtbibliothek. 1544 wurde Musculus vom Rat nach Donauwörth entsandt, um dort die Reformation nach Augsburger Muster zu festigen. Vergeblich, denn Donauwörth entschied sich für das Nürnberger Modell.

Die Niederlage im Schmalkaldischen Krieg bürdete Augsburg nicht nur enorme Kosten auf. Der geharnischte Reichstag 1548 brachte eine neue Verfassung: Entmachtung der Zünfte (für Kaiser Karl waren sie Ursache allen Übels) zugunsten der Patrizier bei katholischem Übergewicht. Die Vertreter der katholischen Kirche bekamen ihre Rechte und die beschlagnahmten Kirchen zurück. Vor allem hatte KarlV. auf dem Höhepunkt seiner Macht eine „Zwischenreligion“ für die Evangelischen verfügt. Das Interim zielte auf deren Rückführung zur alten Kirche und erlaubte zwar Priesterehe und Laienkelch, schrieb aber den römischen Ritus vor.

Musculus verließ unverzüglich aus Protest die Stadt und gelangte nach abenteuerlicher Flucht nach Bern, wo er als Theologieprofessor bis zu seinem Tod 1563 eine reiche internationale Wirkung entfaltete und Generationen reformierter Theologen prägte.

Augsburg als Stadt zweier Religionen

Das Interim freilich wurde in Augsburg halbherzig vom Rat vollzogen und vom Volk boykottiert. Nach wechselnden Machtverhältnissen im Reich und dem Passauer Vertrag 1552, der den Fortbestand des Augsburger Bekenntnisses sicherte, eröffnete König Ferdinand 1555 wieder einen Reichstag in Augsburg. Auf der Tagesordnung standen die Religionsangelegenheiten. Da die (spätere) Formel „cuius regio, eius religio“ die bekenntnisgemischten Reichsstädte nicht erfasste, bestimmte ein eigener Artikel, dort solle es eben bei beiden Religionen bleiben.