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Das Buch erzählt die Geschichte von Lauro, einem jungen Basken, der bei einem brutalen Überfall auf sein Elternhaus aus seiner friedlichen Welt entrissen wird und die Leiden der Sklaverei erleben muss. Als ein Kriegssklave lernt er schnell, sich anzupassen, vergisst aber nie dabei sein Ziel. Die Rachepläne und die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit seiner Familie stärken ihn und helfen durch die Qualen. Aus einem kleinen Jungen wird ein Mann geformt, der seinen Clan gegen die Feinde zu schützen weiß. Das Buch behandelt die geschichtlichen Ereignisse zwischen Basken und Mauren und schildert den Beginn des Prozesses zur Bildung der baskischen Nation, auch wenn es zu einer Staatsbildung nie kam. Es handelt sich hier um den ersten Teil einer Romanserie, die die spanische Geschichte um 800 n.Chr. behandelt. Das zweite Buch "Rolands Lied" geht auf die Geschehnisse am Hof von Karl den Großen und bei der Schlacht von Roncesvalles ein.
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Seitenzahl: 561
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Jochen Schmitt
Euskal Herria
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Einführung
Handelnde Personen
Einige ausgewählte Begriffe
1.Kapitel: Abenddämmerung
2. Kapitel: Überfall
3. Kapitel: Rückzug
4. Kapitel: Auf dem Sklavenmarkt
5. Kapitel: Am Hofe zu Saragossa
6. Kapitel: Es tagt der Diwan
7. Kapitel: Vorspiel
8. Kapitel: Aufklärung und Erkundung
9. Kapitel: Die Beute schlief
10. Kapitel: Tag des Gerichtes
11. Kapitel: Der Ritt ins Land der Franken
12. Kapitel: Razzia
13. Kapitel: Nach Hause
14. Kapitel: Katharsis
15. Kapitel: Flucht
16. Kapitel: Neubürger in Berrendi
17. Kapitel: Unter der Eiche
18. Kapitel: Zu Hause
19. Kapitel: Winter Solitüde
20. Kapitel: Emmo organisiert
21. Kapitel: Frühling am Rio Urix
22. Kapitel: Abdallah heiratet
23. Kapitel: Im Diwan
24. Kapitel: Erkundungsvorstoß
25. Kapitel: Auf der Alm
26. Kapitel: Nach Ifriqiya
27. Kapitel: Bei den Banu Merin
28. Kapitel: Nach Saragossa
29. Kapitel: Stadtleben
30. Kapitel: Emmo handelt
31. Kapitel: Abdallahs Feldzug
32. Kapitel: Zwischenspiel
33. Kapitel: Sigües fällt
34. Kapitel: Der nächste Schachzug
35. Kapitel: Die Schlacht bei Yesa
36. Kapitel: Nachspielzeit
37. Kapitel: Abdallahs Heimkehr
38. Kapitel: Tagung der Legebiltzarra
39. Kapitel: Wiedergefunden
40. Kapitel: Komplott
Impressum neobooks
Beiderseits der Pyrenäen lebt das rätselhafte Volk der Basken. Wer sie sind, woher sie kamen – niemand weiß es. Sie sprechen eine einmalige, mit keiner anderen verwandte Sprache. Ebenso einmalig ist ihre gesamte kulturelle Ausformung. An der Frage, zu welcher Völkerfamilie sie zu zählen seien, sind Humboldt wie Tucholsky gescheitert.
Sichtbar ist die ähnliche Erscheinungsform, die sie mit einigen wenigen anderen Völkerschaften verbindet. Vor ca. 70000 Jahren erreichte die Völkerwanderung der ersten modernen Menschen von Süden her Europa, das damals vom Neandertaler besiedelt war. 30000 Jahre später gab es den nicht mehr. Der moderne Mensch, der Cro-Magnon-Mann, unsere Vorfahren, waren nun die Besitzer der Erde. In der fruchtbaren Region ums Schwarze Meer vermehrten sie sich besonders rasch. Eine Völkerwanderung nach der anderen ergoss sich vom Kaukasus über die Erde. Die Wissenschaft hat sie gezählt. Greifbare Namen haben nur die der neueren Zeit: Kelten, Illyrer, Germanen, Slawen.
Fest steht, dass die Basken schon vor ihnen in den Pyrenäentälern saßen. So wie in anderen abgelegenen Regionen sich Ur-Völker erhielten. In den Alpen die Ladiner und die Rätoromanen, oder in einem Landwinkel der Ostsee die Pruzzen. Sie alle sind dann doch mit ihrer Umgebung verschmolzen. Nicht so die Basken. Sie müssen das älteste verbliebene und ursprünglichste Volk Europas sein.
Das dürfte neben dem Schutz durch die abgelegene Randlage ihrer Wohngebiete vor allem durch ihr nahezu einmaliges, fast anarchisches Freiheitsbewusstsein bewirkt worden sein. Sie starben lieber als sich zu unterwerfen und wehrten sich gegen jede eigene Zentralgewalt. Sie entzogen sich der Herrschaft der Punier (Phönizier, Karthager, in der Bibel auch Philister genannt), als die sich Iberien aneigneten. Die ihnen nachfolgenden Römer, dann Vandalen, Goten, und die Römäer aus Byzanz, kamen auch nicht weiter. Das mag auch daran gelegen haben, dass die Bergregionen der Basken keine Gewinnmaximierung versprachen.
Um 620 n.Chr. kam fernab im damals noch grünen Arabien ein weitreisender arabischer Kaufmann aus dem Stamm der Banu Choraisch auf die Idee, die Lehre Jesu Christi zu deformieren. Er war ein sündiger Mensch, missbrauchte seine siebenjährige! Slavin Aischa, aß Haschisch und erträumte sich Suren zu einem „Koran“. Die Bibel schien ihm ungeeignet für raubgierige Beduinen und Araber, weil sie inhaltlich die friedliche Nächstenliebe verlangt. Diesem Imperativ folgen zwar bis heute nur wenige, die sich Christen nennen. Mohammed aber, so hieß der Bibelfälscher, setzte erfolgreich auf den Gegenpol, auf die primitivsten Urinstinkte der Steinzeit. Seine Bibel, der Koran, verklärt Mord, Totschlag, Raub und Vergewaltigung an denen, die den Islam ablehnen, zu Gottesdienst an Allah. Dieser Freibrief wird seither von den Mohammedanern begeistert bis nach Manhattan, London und Madrid befolgt. Hunderte Millionen Menschen haben das leidvoll in den letzten 1400 Jahren erfahren. In nur gut 100 davon hatten die nicht aufzuhaltenden Mordbanden des Islam das bis dahin christliche Nordafrika vergewaltigt und versklavt. Dann setzten sie über, 711 n.Chr. nach Iberien, um dort ihr grausames Werk fortzusetzen. Ihr fanatischer Selbstvernichtungsglaube machte sie scheinbar unaufhaltsam.
Sie hatten jedoch die mächtigste Militärmacht ihrer Zeit unterschätzt. Die Franken hatten das Erbe der Römer übernommen. Karl Martell stoppte 732 n.Chr. den Siegeszug des Islam bei Tours. Es war nur ein bedeutungsloses Scharmützel, keine Schlacht. Dennoch war dies der geschichtliche Wendepunkt, der unser Abendland vor der Barbarei des Islam rettete. Die Horden des Islam flohen. Sie versuchten es noch einmal, am Mittelmeer entlang. Bis zum Genfer See stießen sie vor. Karl Martell schlug sie endgültig 737 n.Chr. zurück. Diesmal in einer richtigen Schlacht am Ufer der Berra, die nahe Narbonne in den Etang de Sijean fließt.
Der Islam versuchte es dann im Osten. Bis 1453 hielt Ostrom-Byzanz uns die islamischen Mordbanden vom Hals, dann fiel es dem Ansturm der Barbarei zum Opfer. Der ging weiter, 1529, und noch einmal 1683, bis vor Wien. Es brauchte zwei Feldherren von Weltruf, Johann Sobieski, König von Polen, und den Prinzen Eugen, um Kultur und Zivilisation Europas vor dem Untergang zu bewahren.
Diese „Mauren“, Sarazenen oder Moros erst wussten, wie man selbst den Basken einen Mehrwert abpressen kann. Die Gewalttätigkeit der Mauren stieß auf die anarchisch freiheitsbewussten Basken. Unter diesem Druck kam der Prozess zur Bildung der baskischen Nation ins Rollen. Die Abwehr der islamischen Gewalttäter verlangte bei den Basken nach Bündelung der Kräfte. Die Anarchie wurde zugunsten der Freiheitsverteidigung hintenan gestellt. In der Neuzeit manifestierte sich beides noch einmal in der ETA. Inzwischen regieren sich die Basken selbst, z.B. unter der mythischen Eiche von Guernika.
Dieses Buch schildert den Beginn dieses Prozesses. Die „Schlacht von Yesa“, wesentlich in der Mythologie der Basken, signalisierte den Aufbruch in die noch ferne Staatsbildung. Die gelang den Basken nie. Ihr Land, Euskal Herria, blieb bis heute zerteilt, die Basken Bürger verschiedenen Staaten.
***
Husayn al-Koraish Maurischer Emir zu Saragossa. Formal: einer der 20 Zaunkönige des Oberemirs in Cordoba, real: selbständiger Herrscher seines Wilayats.
seine von ihm abhängigen Gouverneure:Abu Taur: Wali von HuescaSuleiman ibn al-Arabi: Wali von BarcelonaGraf Theuderich: Wali von Pamplona/Irunea
seine Wesire (Minister):Hisham ibn Battuta: Hadjib, Regierungschef des EmirsIdris al-Mamun: Wesir al-Charadsch (Finanzminister)Habib al-Saqlabi: Wesir al-Dschund (Kriegsminister)Malik ibn Anas: Wesir al-Rasa´íl (Spionagechef und Postminister)Ismail al-Malik: Wesir al-Schurta (Innenminister / Polizei)Nasr al Farabi: Wesir für die lebenswichtigen BewässerungssystemeAli ibn Chaldun: Haus-Hofmeister (Minister der Hofverwaltung)Maslama ibn Abdallah: Imam und Kadi (oberster Geistlicher und Richter im Emirat Saragossa)
Des Emirs untere Befehlshaber:Amir Amr: Stellv. Al-DschundAbd al-Rahman: Amir der GrenzburgenOmar bin Merin: Kaid von UrixIbrahim: sein StellverterterHalef ibn Gossara: Kaid von Larues und BailoAli ibn Assad: Kaid von SadabaMohammed al-Merin: Kaid von LaruesIdris ibn Talib: Kaid der Merin Berber Söldner
Weitere wichtiger Personen der Handlung:Abdallah ibn Hisham: Sohn des Hadjibs, später Nachfolger des EmirsGraf Roderich: Bruder Graf Theuderichs, und sein Stellvertreter als Wali
Die Basken:Xereos: Lehendakariak (Ratsvorsitzender)Lauro, mit Ehefrau Shähi: Hauptfiguren der HandlungSeline: Lauros SchwesterAita Evan: ihr VaterAma Sorzie: ihre MutterEndo: ihr GroßvaterEliis: Dorfältester von Aoiz (und Vater Emmos)Emmo: Gerla-Tusagi (Kriegshäuptling)Naiara: seine EhefrauUnai: sein SchwiegervaterBixente: Dorfältester von SigüesVelasco: Dorfältester von Urix (Emmos Spion, Vater und Schwiegervater von Ikuska und Ali, s.u.)Die Einwohner des Dorfes Lauros:die Ehepaare: Mali und Olun, Algi und Wladimir, Aroa undAndoni, Ciranousli und Aitor, Ikuska und Ali.
Amir: Oberer BefehlshaberChassa: Angehöriger eines elitären Ritterordens der Berber aus NordafrikaDiwan: Rat der Wesire, RegierungskabinettDschund: Das Militär, das HeerEmir: Oberer Herrscher Titel, etwaFarsach: Spanisch dann „Farsange“, Längenmaß, ca. 6 kmHadjib: Regierungschef, KanzlerIfriqiya: Arabisch: AfrikaImam: Hoher Geistlicher des Islam, gewöhnlich Chef einer MoscheeKadi: Geistlicher Religionsrichter der SchariaKaid: mittlerer Offiziersrang, oftmals nur „Anführer“Kalif: Höchster religiöser Herrschertitel des IslamMudschahid: islamischer GlaubenskriegerMurabitun: Grenzschützer in der Garnison einer Qal´aMustaribun: Mozaraber – Christen mit arabischer KulturQal´a: Arabische Grenz-Burg, Ursprung des spanischen Begriffes „ Alkazar“Rastrero: Kundschafter, SpionRazzia: Eigentlich: Ghassia, schneller Raubüberfall des BeduinenSaqaliban: Arabisch für SlawenScharia: Primitives steinzeitalterliches „Recht“ im IslamWilayat: Teilreich, RegierungsbezirkWesir: Minister in einer Regierung
Über den westlichen Gebirgshängen der Pyrenäen schimmerte der Abendhimmel in Gold, und gegen Osten zu, in gleitenden Übergängen bis hin zu dunklem Rot. Der Wind hatte sich schon schlafen gelegt. Hoch umrahmt von den senkrecht in den Himmel ragenden kahlen Steinwänden, das weite Tal dazwischen. Am Nordende, da wo sich der Gebirgsbach rauschend aus der Klamm löst, um dann gemächlich den Talgrund nach Süden zu durcheilen, duckte sich die einfache Steinhütte an den westlichen Hang. Beidseits schlichte Stallungen. Alles einfache, geschichtete Mauern aus Gesteinsbrocken, mit Steinplatten abgedeckt, und von dünnen Lehmfugen zusammengehalten. Nebenan sofort der Weinberg. Ein Hain mit Apfelbäumen dahinter. Darüber dann der Kiefernwald. Der verdünnte sich nach oben, zur Baumgrenze hin, rasch in Buschwerk, das sich alsbald an den nackten Steilwänden verlor.
Der Mann saß lässig vor seinem Haus auf der Steinbank. Nicht sehr groß, aber von einer ausgesprochen kraftvollen Figur, wie alle Basken. Muskulöse Oberarme zeugten von hartem Arbeitstraining in Feld und Wald, auf dem Acker und mit dem Vieh. Das schwarze, wie ein Filz wirkendes Haardach zeigte weder eine Lücke noch ein erstes graues Haar. 30 Sommer mochte erzählen. Zufrieden lehnte er den müden Rücken an die Wand. Sein Blick streifte über die abgeernteten Felder und die abgeheuten Wiesen unter ihm, im Talgrund. Der Wein war im Fass. Das Korn schon gedroschen. Die Korntruhe voll gefüllt. Ein mächtiger Heuberg an der Stallwand würde bis weit ins nächste Jahr die Fütterung des Viehs sichern. Basajaun,der Gott des Ackerbaues und der Wälder, hatte ihn gesegnet. Sein Blick wanderte nach oben, musterte den Himmel. Das Wetter wird halten, befand er mit sicherem Gespür. Auch Gott Botzi war auf seiner Seite. Morgen also wieder einer dieser wundervollen Herbsttage. Zeit, die beiden Esel vor den Pflug zu spannen. Der ausgedehnte Stoppelacker des Kornfeldes, halb-wegs zum Wiesengrün im Talgrund, musste noch für den Winter umgebrochen werden. Die kleine Schafsherde hatte bisher die Stoppeln abgegrast und gedüngt. Er würde das Pflügen Lauro allein übertragen. Das wird das Selbstwertgefühl des heranwachsenden Jungmannes sicher stärken, dachte er leise vor sich hin. Besonders, wenn er selbst im Wald Holz einhauen ging, als ob der Sohn keiner Aufsicht mehr bedürfe.
Mit leisem und sehr liebevollem Lächeln folgte sein Blick Sohn und Tochter, die seine kleine Schafherde zum Hause trieben. Hell klangen aufmunternde Rufe zu ihm herauf. Die beiden hatten es eiliger, als die satten Tiere. Die mussten jetzt noch gemolken werden! Danach erst wurde die Abendsuppe aufgetragen. Erst kam das Vieh, die Grundlage ihrer Existenz. Deren Nutznießer nahmen den zweiten Rang ein. Dies war der kategorische Imperativ einer autarken Familie des Bergvolkes, sofern sie, abgeschieden von der Sippe, auf sich allein gestellt überleben wollte. Sein Blick fiel auf die nebenan im Pferch grunzende Schweinesippe. Freude stieg in ihm auf. Jetzt, im späten Herbst, neigte sich ein ebenso arbeitsreiches wie gesegnetes Jahr. Der raue Gebirgswinter durfte kommen.
Seine Gedanken liefen unwillkürlich zurück ins Heimattal im fernen Osten. In das Dorf seines Clans der Euskara, und in die Vergangenheit. Dort, jenseits der unüberwindlich aufragenden Ostwand, war er in die Welt geholt worden. Dort war er aufgewachsen, in der uralten Kultur der Bergmenschen, der Freien, die von den römischen Herrschern Spaniens „Basken“ genannt wurden.
Sie erhielten sich ihre Freiheit. Die Römer wurden so wenig ihre Herren, wie vor ihnen die Phönizier samt Karthagos Hannibal. Ebenso nicht die ihnen folgenden Alemanieros: Vandalen, Sueben, Sarmaten, Westgoten, und nun auch die Moros nicht!
Sein Verhängnis war die Liebe zu seiner Base, die erwidert wurde, und somit die vorhersehbare Folge hatte. Die beiden kamen der ihnen nur zu gut bekannten Clanregel zuvor. Sie flohen rechtzeitig, bevor das Geschehene erkannt, und die Schwangere getötet wurde. Ehen unter nahen Verwandten waren tabu. Wer der Erzeuger eines neuen Lebens war, ließ sich in ihrer kleinen Gemeinschaft nicht verbergen. Das erlaubte ihnen, des Nachts einige Schafe aus der elterlichen Herde wegzutreiben. Zwei Esel, beladen mit dem Nötigsten, kamen auch mit. Fünf Tage dauerte die Flucht. Sie wollten absolut sicher entkommen sein. Erst das heimatliche Tal hinunter. An fünf Talmündungen vorbei um 10 Meilen nach Westen. Dann von Urix aus das unwirtliche und bis dahin unbewohnte Flusstal nach Norden, bergauf ins Gebirge. Aus der ersten Notunterkunft wurde später das Steinhaus. Gemeinsam wurde der Sohn in die Welt geholt, 2 Jahre später die Tochter. Jahre harter Arbeit: roden, säen, ernten und das Vieh vermehren. Selbstzufrieden verbuchte er im Geiste den Erfolg. Sie hatten alles richtig gemacht. Längst war er in der Lage, in jedem Herbst Tiere und einen Teil der Ernte auf den Markt im fernen Taldorf im Süden, nahe der unmarkierten Grenze zum Reich der Mauren, zu verkaufen bzw. einzutauschen. Sie lebten glücklich und zufrieden in pastoraler Einsamkeit. Schon zu Lebzeiten in gefühlter Nähe zum bukolischer Arkadien, von dem sie als Heiden keine Ahnung hatten. Täglich dankten sie dankbar den Naturgöttern der Euskara für deren nachsichtigen Schutz. Lautlos glitt seine Frau neben ihm auf die Bank. Jahre der harten Arbeit hatten sie nicht beschädigt. Mit fast 30 Sommern, für damalige Verhältnisse schon in der zweiten Lebenshälfte. Weder das, noch ihre beiden Geburten hatten ihrer Attraktivität etwas anhaben können. Abgesehen davon, dass sie ihrem Manne das Schönste auf Erden schien, hätte sie auch sonst sich jeder Konkurrenz stellen können. Eine schwarzhaarige Baskenschönheit, die sich ihres Selbstwertes sicher war. Stumm folgte sie seinem Blick. Worte waren nicht nötig. Beide genossen in gleichem Einklang die erhabene Abendstimmung ihrer einsamen Abgeschiedenheit. Draußen vor dem Tal, fernab schlugen sich die Völker. Mochten sich die Mauren, Goten und Franken gegenseitig abschlachten – hier im Tal, da wohnte der Frieden. Philemon und Baucis wähnten sich in einem baskischen Arkadien. Munter ging es zu bei der Abendsuppe. Wie immer spielten die beiden Geschwister Hund und Katze. Eine liebevolle Beziehung verband die beiden, aber dauerhaft geprägt durch ständiges maulendes Rangeln. Es ging um die Rollenordnung. Ernst nahm das keiner. Die arglosen Reibereien gehörten einfach zum ganz normalen Positionskampf im Familienleben.
„Lauro“, hob sein Vater an, „morgen ist es an der Zeit. Der Acker muss umgepflügt werden. Wir müssen die Saat für das Korn vorbereiten. Brennholz muss auch noch einschlagen werden, solange das Wetter noch gut dafür ist. Ich werde morgen ins Holz gehen. Du Seline nimmst morgen wieder die Schafe auf den Stoppelacker und hältst sie in den nächsten Tagen aus dem Pflugbereich. Und du Lauro, du spannst die beiden Esel vor den neuen Pflug mit der eisernen Schar und pflügst die Stoppeln unter. In drei Tagen müsstest du die Fläche umgebrochen haben.“ Staunen und Schweigen. Seline fing sich als erste: „Aita! Du wirst doch diesen halbstarken Brutalo nicht den teuren neuen Pflug ruinieren lassen! Du hast mal eben einen Esel für das Schareisen eingetauscht! So viele Esel hast du doch nicht, um diesem Brutalo ein neues kaufen zu können! Es sei denn, du tauschst diesen Esel neben mir für das nächste Eisen ein!“ Lauro neigte sich zu seinem Schwesterchen. Den entblößten rechte Arm beugend, den Bizeps schwellen lassend: „Riech mal dran! Ein Schlag, und du stehst im Hemd da!“ „Pff, pff“ war die geringschätzige und einzige Antwort. „Und schau dir die an! Ein Schlag damit, und das Hemd steht allein da!“ Er hielt ihr die linke Faust vor die Nase. Der Bizeps hoch geschwollen. Beide von harter Arbeit voll ausgeformt. Beide flößten Seline nicht den geringsten Respekt ein. „Pff, pff, halbstarker Angeber!“ war ihre Reaktion.
Die Ama machte dem altbekannten Spiel ein Ende. „Da ist die Seife. Raus mit euch in den Teich. In 10 Minuten will ich zwei saubere Ableger wieder sehen!“ In Sekundenschnelle sausten beide nackt aus der Hütte, stoben zum Teich und bombten nacheinander mit Riesengeplätscher ins Wasser des Baches. Der hatte zwei Becken, von jeweils einer Steinmauer 10 Schritte hintereinander aufgestaut. Das ober war der Trinkwasserspeicher für Mensch und Tier; der untere die Badewanne, nur für Menschen. Toben, Spritzen, Geschrei. Danach schrubbten sie einander den Rücken, tauchten unter, sprangen hinaus und jagten sich fünf Minuten um die Obstbäume. Trockenlaufen. Und ab ins Bett. Handtücher gab es noch nicht. Seife aber sehr wohl. Ein Vorläufer des heutigen Pflegemittels nahm schon die Neandertalerin in Gebrauch. Eine Mischung aus feiner Holzasche, und je zur Hälfte Schweineschmalz plus Schafstalg. Gut durchgeknetet, bis die Masse sich wie Plastielin anfühlte. In eine hölzerne Form gedrückt, 4 Wochen in der Sonne getrocknet, und die Wäsche konnte in Angriff genommen werden. Zur Körperpflege wurde noch allerfeinster Gletscherabrieb untergeknetet, so fein, dass er nicht kratzte und schrammte, aber immer noch Schmirgelwirkung in die Seife einbrachte. Das war übrigens bis zum vorläufig letzten Weltkrieg die noch immer übliche Seife in diesem unserem Lande. Sie säuberte genau so zuverlässig, und genau so gut wie alles, was die Moderne uns heute zu bieten hat. Allerdings roch sie nicht so gut. Charlotte hätte sie angewidert weggeworfen, darf man nach einschlägiger Lektüre vermuten. Schnuppern sie mal an einem Stück Kernseife. Sie bekommen eine entfernte Ahnung davon, wie eine Baskenbraut im Hochzeitsbett duftete. Und dennoch vermehrten sie sich. Sie sind nicht ausgestorben!
***
Brutal kam das Erwachen in dieser bukolischen Idylle. Auch der Frömmste kann nicht in Frieden leben, wenn’s dem bösen Nachbarn nicht gefällt! Im ersten Morgengrauen wurden die vier brutal aus dem Schlaf gerissen. Krachend barst die Haustür ins Innere. Brüllend ergoss sich die Horde des Islam in die noch dunkle Hütte. Sieben Kerle warfen sich auf die Basken, packten halbblind nach allem, was sich bewegte. Die schlaftrunkene Familie erlitt ein schockartiges Erwachen. Gegenwehr oder irgendeine Reaktion war allen vier verwehrt. Wenig später lag sie fluchtsicher verschnürt am Boden. Jubel und Gelächter, triumphales Gejohle; die Sieger feierten den Augenblickserfolg ihrer Razzia.
Sie zerrten die zierliche, fast nackte 12-jährige an den Herd, lösten ihre Handfesseln, und legten ihr eine würgende Seilschlinge um den Hals. Das andere Ende war am Gürtel eines baumlangen Riesen befestigt. Jan war ein Wende von der Elbe, wie die anderen fünf ein Saqalibah. So nannten die Mauren ihre slawischen Kriegersklaven, ein Abfallprodukt der fränkischen Ostexpansion. Sie wurden zu Tausenden jährlich als Kriegersklaven nach Spanien exportiert. Zur Zeit dieser Erzählung lebten in Al-Andalus ca. 50.000 Mauren und 4 Mio. Einheimische (geschätzt): Iberer, Basken, Germanen, Römer. Sie waren Heiden, Christen, Juden, und viele davon auch zum Islam konvertiert. Die Mauren stellten selbst in ihrer Blütezeit, in Spanien immer nur eine dünne Herrschaftsschicht. Sie stellten die Chassa, die berittenen Krieger. Das war die Kavallerie für schnelle Raubzüge nach Beduinenart, die anschließend beutebeladen in eiliger Rückflucht zur Ausgangsbasis jagten. Gekaufte Slawenkrieger marschierten als Fußsoldaten der niederen Ränge ihrer Armeen. Die bodenständige christliche Bevölkerung stellte die niedere Offiziersschicht, vormals romanisierte „Spanier“ und Westgoten. Jetzt Musta´ribun, von den Einheimischen zu „Mozaraber“ verballhornt. Sie hatten ihrem Christenglauben die islamische Kultur übergestülpt und sprachen fließend Arabisch. Wer von ihnen in die höheren militärischen oder Verwaltungsränge aufsteigen wollte, bekannte sich auch noch zum Islam.
Daneben gab es Dutzende rein christliche Regionen, Grafschaften, die ein westgotischer Adliger beherrschte, der sich den islamischen Oberherren unterworfen hatte. Im Kriegsfall, einem Dauerzustand jener Zeit, führte er ein eigenes Kontingent im Dschund, dem Heerbann des Islam.Außerdem mussten die Gotengrafen ihrem jeweiligen Emir hohe Tribute zahlen, die sie zuvor ihren Untertanen abpressten. Die unter westgotischer Herrschaft lebenden Iberer blieben rechtlose Leibeigene. Eine ohnmächtige Stellung, die unterste in der Rang- und Hackordnung jener Zeit. Zu der hatten die Römer sie degradiert. Vermutlich sogar schon ihre Vorgänger, die Punier. Diese Leibeigenen hatten den Preis zu zahlen, um Christ bleiben zu dürfen, und Kirche und Pfarrer im Dorfe zu behalten.
So kam es dazu, dass Jan an diesem Tage zum Aufseher des Mädchens werden konnte. Mit seinen 1,80 m wirkte er so riesig, weil die anderen fast einen Kopf kleiner waren. Vor allem aber, weil er in den Schultern doppelt so breit war. Auf den ersten Blick machte er einen grobschlächtigen Eindruck. Diese Fehlinformation nutzte er gern zu seinem Vorteil. Dahinter verbarg sich unerwartet wendige Geschicklichkeit. Aus dem Stand konnte er explodieren und mit nicht erwarteter Geschwindigkeit reagieren. Er war der Rammbock gewesen. Ein gewaltiger Tritt seines säulendicken Beines hatte den Riegel gesprengt und die Tür aufgebrochen, ehe die Baskenfamilie auch nur eine Ahnung bekam, was nun folgen sollte.
Ibrahim, der Anführer, befahl dem Mädchen, ihnen die Morgensuppe zu kochen. Während Jan, der Gewalttäter, sie und die Verschnürten bewachte, durchwühlten die anderen Haus und Hof, sichteten die Beute und sonderten aus, was sie mitnehmen wollten.Gemäß Allahs Koran hatten sie durch ihre Gewalttat rechtmäßig Eigentum an ihren neuen Sklaven erworben. Wenn ein Muslim den ungläubigen Vater erschlagen hatte, wurde er rechtmäßiger Eigentümer seiner Frau und seiner Kinder. Er durfte nun dank Allahs Gnade beliebig Gebrauch von seinen Sklaven machen, sie ebenfalls abschlachten, oder nach entsprechender Abnutzung an einen Sklavenhändler verhökern. Auswahl und Entscheidung über deren Schicksal lag fortan unangefochten bei ihm, dem Mörder eines Ungläubigen. Der Einsatz des eigenen Lebens zur Vernichtung der Nichtmuslime findet laut Koran seinen Lohn. Das Morden und Vergewaltigen von Ungläubigen ist dem Mohammedaner sein Gottesdienst vor Allah. Die Verfügungsgewalt über die Ungläubigen ist Allahs Belohnung für seinen religiösen Einsatz.
Millionen und Abermillionen Christenmenschen mussten ab 630 n.Chr. zwischen Mekka und den Pyrenäen diese böse Erfahrung machen. Sie wurden zu Ehren von Allah abgeschlachtet, vergewaltigt und versklavt. Der verzweifelte Versuch von Papst, Kirche und Abendland, diesem unmenschlichen Treiben mit Kreuzzügen Einhalt zu gebieten, misslang. Alle diese gutgemeinten Polizeiaktionen scheiterten an der religiös begründeten, kriminellen Brutalität des Islam.
Das Morden der Väter, die Vergewaltigen von Töchtern und Söhnen und ihre Versklavung, dauerten weiter. Sie halten bis in unsere Zeit an, wo immer der Islam zuschlägt. Millionen Armenier bezeugen das in den Dünen der türkischen Wüste mit ihren bleichenden Gebeinen. Hunderttausende davon stammen von ihren Kindern! Beiderlei Geschlechtes und jedes noch so geringen Alters vergewaltigt, ehe sie von der türkischen Soldateska des Islam erschlagen wurden. Das geschah im Jahre des Herrn 1915. Im Ersten Weltkrieg und vor den Augen der untätig zusehenden preußischen Offiziere des deutschen Hilfskorps in der Türkei!
Nach dem Morgenmahl kam die Lust der Männer. Zwei der Raubkrieger griffen sich die 12-jährige, lösten das Seil und rissen ihr den Kleidungsrest vom Leib. Sie zwangen sie nackt auf das Lager. Während der eine ihre Arme hinter ihren Kopf drückte, entblößte Jan sein obszön aufragendes Organ. Brutal riss er die nackten Schenkel des Mädchens auseinander und warf sich dazwischen. Doch die Vollendung der Tat blieb ihr zunächst erspart. Ihr lautes verängstigtes Kreischen lockte den Kaid des Trupps zurück. Der Anführer der Horde hatte sich gerade draußen erleichtert. Nun griff er ein.
Körperlich war Ibrahim Jan weit unterlegen. Das glich er durch Geistesgaben aus. Er wusste sehr gut seine Untergebenen zu steuern. Ebenso etwa Mitte 20, aber kleiner, schlank und wendig. Sein freundliches Gesicht sprach die Menschen an, obwohl der Erfahrene einen leicht grausamen Zug ahnen konnte. Ein Muwallad, der in sich die guten wie die bösen Gaben zweier völlig unterschiedlichen Volksgruppen vereinte. Sein Vater war Sohn eines Jemeniten Fürsten aus dem Hadramautadramaut, seine Mutter eines Gotengrafen Tochter. Zunächst also Mozaraber, war er zum Islam konvertiert und hatte den Namen Ibrahim angenommen. Rasche Auffassungsgabe und umsichtige Führungseigenschaft hatten ihn zum Kaid, zum Unterführer und Stellvertreter des Kommandanten Omar bin Merin in Urix aufsteigen lassen. Der fand solchen Gefallen an dem fähigen Jungkrieger, dass er ihn als seinen Maula adoptierte, eine Art von Stiefsohn.
In wütendem Ton brüllte er Befehle. Die zwangen den Möchtegern-Vergewaltiger von dem weinenden Mädchen herunter. Eine lautstarke Auseinandersetzung folgte. Ibrahim setzte sich durch. Seine verärgert hervorgestoßenen Argumente waren stärker. Vorsichtig versenkte er seinen Zeigefinger in ihr nun offenes, stark gerötetes und von schwarzen Löckchen umgegebenes Paradiespförtchen. Sanft tastete er drin herum. Dann verklärte ein freudiges Grinsen sein Gesicht. Er war in ihrer Spalte auf Gold gestoßen! Die Kleine war eine bisher unberührte Jungfrau. Damit war sie die wertvollste Beute des Tages.„Virgo intacta!“ nickte er Jan zu, „weder Bruder noch Vater haben sie bisher besprungen, obwohl das Baskensitte sein soll!“Dieser bösartige Scherz sollte die Spannung auflösen und seine Männer belustigen. Das tat er. Laut lachten sie los.„Die wird in diesem Zustand unserem Kaid zugeführt!“ hängte er nun an. Der wird entscheiden, ob sie leicht abgenutzt für wenige Silber-Dirham, oder unbeschädigt für viele Silberlinge auf den Markt kommt. Sie wird auf jeden Fall auf dem Sklavenmarkt von Saragossa versteigert.“Ihr Schicksal war ihr gewiss, und für den Augenblick nur aufgeschoben! Ihre Unschuld war jetzt ein Handelsobjekt. Hoch begehrt bei alten Muslimen, die sich den Kaufpreis leisten konnten. Ihre Zukunft schien nun eindeutig: Sie war zum gierig konsumierten Opfer des dafür zahlbereiten Käufers bestimmt.
Einige weitere Befehle erfolgten. Seline wurde fluchtfest verschnürt und zusammen mit ihrem ebenso gefesselten Bruder Lauro in die Scheune getragen. Zusätzlich mit den Beinen an einen Pfosten geschnallt blieben sie zurück. Eine dicke Strohschütte diente ihnen als weiches Lager. Eine weitere als Deckbett. Sie konnten miteinander reden. Fliehen war nicht möglich. Die Fürsorge entsprang nicht christlicher Nächstenliebe. Die gnädige Behandlung galt der Beute. Junge Ware erzielte Spitzenpreise auf dem Sklavenmarkt. Aber nur, wenn gesund und unbeschädigt angeboten. Für zerbrochene Krüge gab es kein Geld.
„Wir bleiben heute hier und feiern“, erklärte Ibrahim seinen sechs Glaubenskriegern. „Ali und Faruk schlachten sofort einen fetten jungen Hammel. Josip startet die Grillglut. Inzwischen bespringt ihr anderen drei reihum die Mutter. Die ist noch im gebärfähigen Alter. Ich schätze sie auf 30. Der Junge mag 14, das Mädchen 12 Sommer gesehen haben. Danach nichts mehr. Demnach kann es der Alte nicht mehr. Die Frau wird euch dankbar sein, mal wieder richtige Männer zu erleben. Macht sicher, dass wir sie geschwängert zurück lassen. Wenn wir wieder mal vorbei kommen, muss was Neues zum Mitnehmen da sein! Wenn ihr nicht mehr könnt, bratet ihr draußen den Hammel am Spieß. Ali, Faruk und Josip unterhalten dann die Frau und belustigen sie weiter. Wenn die ihre Kraft verschossen haben, kommt ab und zu einer von euch zurück. Ihr bedient das Weib weiter, auch die Nacht hindurch, bis keiner mehr einen hoch kriegt – verstanden Männer? Und missversteht mich bitte richtig! Wem das nicht zusagt, der darf sich draußen bei den Ziegen und Schafen bedienen!“
Grölendes Gelächter löste die letzte noch vorhandene Spannung. Er hatte seine Truppe im Griff. Kein Wunder, dass der Kaid ihn zum Anführer der Razzia ernannt hatte. Johlend und schmutzige Witze reißend machten sich seine Männer an die zugewiesenen Aufgaben.
Kurz blökte der Hammel, dann zappelte er mit durchgeschnittener Kehle Blut und Leben aus. Auch die Frau schrie nur kurz und wehrte sich, dann schrie sie nur noch, und dann auch das nicht mehr. Sie ergab sich den Männern, die sie mit überlegener Kraft auf ihr Lager zwangen, und sie für die folgenden 24 Stunden nackt und gebrauchsbereit darauf festbanden. Direkt neben ihrem Mann, der nun für 24 Stunden Hass triefend ihre Peiniger verfluchte. Die lachten belustigt und sorgten dafür, dass der machtlose gedemütigt genau dem Geschehen folgen konnte. Sie bestiegen seine Frau, grinsten ihn an, während sie aktiv waren, und zeigten ihm ab und zu übermütig ihre Zungen. Jeder gab sich besondere Mühe, dem Mann lauthals den Lusterfolg ins Gesicht zu stöhnen.Jan stieg als erster von ihr herunter, steckte seinen Schlaffi ins Gewand, beugte sich nach Südosten und rief „Allahu akbar – dank sei Allah für diese gnädige Gabe!“ Das war eher Blasphemie, und war als ironischer Spaß gemeint. Eine Veräppelung seine islamischen Gefährten. Er hing eisern seinen slawischen Göttern an und verehrte noch immer Svarog. Nach Jans kultureller Ausprägung war nur sein Slawengott der echte Herr der Schöpfung. Flugs stellte er sich für den nächsten Durchgang hinten an.Die anderen folgten reihum Jans Beispiel.Den ganzen Tag, und auch die folgende Nacht hindurch wurde die nun Gebändigte und an ihr Lager Gefesselte, in Abständen erneut bezwungen und benutzt. Von ihren aus dem Haus entfernten Kindern bekam nur Seline etwas mit. Brutal gefesselt lagen sie abseits in der Scheune. Das Mädchen holten sie mehrfach zum Kochen. Sie lief und hing an der Leine, die Jan selbst dann nicht los ließ, wenn er ihre Mutter bestieg. So wie der hilflose Ehemann musste dann auch Seline das alles miterleben und zusehen. Ihr Vater wand sich, ebenso gefesselt wie seine Frau, neben ihr in hilflosem Zorn. Seine wütenden baskischen Verfluchungen verstanden die Krieger des Islam zwar nicht, ihren Sinn schon. Sie grinsten, lachten und verhöhnten den Gedemütigten, bis er schließlich heiser verstummte. Nun erklangen nur noch das schmerzbedingte Schluchzen von Tochter und Mutter, und die Lustschreie der Männer. Und ein um das andere Mal bedankten sie sich bei Allah, der ihnen einen so vergnüglichen Zeitvertreib als Gottesdienst gebot.
Ibrahim saß draußen am Feuer, über dessen Glut der Hammel schmorte. Er sah etwas bedrückt in die Flammen. Nachträglich kam ihm die Ahnung, dass auch er mit Feuer spielte. Eine Razzia war immer ein absolut nüchterner, ökonomisch bedingter Raubzug. Teil der Daseinserhaltung und der Versorgung mit Lebensmitteln. Lustvoll durchgeführt zur Erlangung von Sklaven, von Besitzgütern und von geraubten Tieren. Blitzschnell und überraschend zuschlagen! Die Anweisung für die Anfangsphase hatte er beherzigt. Am Ort des Überfalles zu verbleiben galt als Fehler. Er rechtfertigte sich vor sich selbst damit, dass er Jan kaum anders hätte unter Kontrolle bringen können. Jetzt hatte er dafür die Sorge am Hals, dass andere Basken den Überfall bemerkten. Das konnte denen die Möglichkeit in die Hand geben, seine kleine Räuberbande zu vernichten. Selbst wenn ihnen die Flucht gelingen sollte, der ökonomische Sinn der Razzia, die Beute war nicht zu sichern.
Seine Untergebenen ließ er unaufgeklärt. Es schien ihm wenig ratsam, die fröhlich hingegeben Werkelnden auch zu beunruhigen. Er selbst verharrte in einem Zustand höchster Wachsamkeit. Unauffällig kreiste sein Blick durch das Tal. Nichts zu entdecken. Der Tag verlief ohne Zwischenfälle. Blieb noch die Nacht. Für den raschen Abmarsch ließ er Vorsichtshalber die gesamte Beute einsacken, abpacken und unter dem Vordach an der Außenwand des Hauses ablegen. Die mitzunehmende Tierherde stand abends mitnahmebereit im Pferch.Für die dunklen Stunden ordnete er Einzelwachen an. Ablösung stündlich. Stationiert im Schattendunkel der Scheune. Der fast volle Mond und eine sternklare Nacht erlaubten einige Sicht. Wichtiger war das Hören. Die wichtigste Wache nahm er selbst ein. Die gefährliche Stunde, ungefähr ab 03:00 Uhr, die Stunde der Razzia. Zu dieser Zeit hatte er selbst gestern zugeschlagen. Auch die ging ohne Störung vorüber. Er blieb, bis sich der erste Lichtstreif am östlichen Nachthimmel zeigte. Dann weckte er und befahl das Verladen der Beute und den Abmarsch.
***
Im ersten Frühlicht beugte sich der Anführer naserümpfend über den noch immer zum Paket verschnürten Bauern. Der lag stinkend in seinen Fäkalien, gleichzeitig von ohnmächtiger Wut und dem Ekel über seine beschämende Situation geschüttelt. Der Kaid sprach genügend Euskaldun. Es folgte eine zynische Verabschiedung:„Wie schön, dass du an deinen Baskengöttern fest hältst, Ungläubiger! Die befehlen euch ja das Teilen mit den Bedürftigen. Wir haben selbstlos zu deinem Heil beigetragen. Du hast ausgiebig deine Frau mit uns geteilt. Ebenso deine Herde und deine Ernte. Dafür bekommst du sicher einen besonderen Platz in eurem Heidenparadies. Vielleicht aber wäre es klüger, wenn du dich fortan zu Allah bekennst, und dich dem Schutz unseres Emirs in Saragossa unterstellst. Als einem Gläubigen erlaubt dir Allah fortan, deine ungläubigen und heidnischen Stammesnachbarn auszunehmen, sie und ihre Familien zu versklaven. So kannst du dir wiederholen, was du heute mit uns geteilt hast. Wenn aber nicht, dann seid hübsch fleißig. Seid fruchtbar und vermehret euch. Wie das geht, haben wir ja dir und deinem Weibe nun beigebracht. Baue den Rest deiner Herde wieder auf, den wir dir lassen. Spann dein Weib vor den Pflug und bespringe sie weiterhin emsig, und nicht nur immer deine Schafe, wie das bei euch ja so üblich sein soll! Wenn wir das nächste Mal zu Besuch kommen, darfst du uns wieder gefällig sein und mit uns teilen!“
Brüllendes Gelächter seiner Männer folgte dem Hohn. Sie prüften noch einmal die Fesseln des Paares auf Haltbarkeit. Vorzeitige Befreiung konnte ihnen Verfolger auf den Hals bringen. Mit Beute beladen, war der Rückweg nur langsam und unter beschwerlichen Umständen zu bewerkstelligen. Umsichtig gab der Kaid seiner letzten Anordnungen. Der Frau fesselten sie Füße und die rechte Hand fast unlösbar aneinander. Es sollte möglichst viele Stunden dauern, bis sie diese durchgenagt hatte. Von den Ausschreitungen, dem Mangel an Nahrung und Trunk geschwächt, war sie kaum dazu in der Lage. Das sicherte ihnen einen weiten Vorsprung.
Im Eilmarsch, so rasch, wie die hemmende Beute es erlaubte, und ohne Rast und Ruhepause zog die kleine Karawane das Tal hinunter. Der Rückmarsch durch das feindliche Gebiet der Bergmenschen war der gefährlichste Teil einer Razzia.Voraus führte Faruk die beiden Esel. Jeder trug zwei prallgefüllte Säcke Korn auf dem Rücken. An ihre Schwänze war, mit einem Strick um einen Vorderlauf, je eines der fetten Schweine angebunden. Darüber hatte es erneut Streit gegeben. Seine Männer weigerten sich erst, die unreinen Tiere mitzunehmen. Erst als er ihnen den Sinn begreifbar gemacht hatte, akzeptierten sie widerwillig die zusätzliche Last. Beute war das Ziel, und die Schweine konnte man für einen ordentlichen Preis an Ungläubige verkaufen.Es war eine lästige und bockende Begleitung. Immerhin erwiesen sich die Esel als hilfreich. Wollten die ständig grunzenden Schweine nicht laufen, wurden sie eben mitgeschleift. Das brachte sie rasch in einen beständigen Trab. Es folgte die Schafsherde, angetrieben von den Kindern. Die Schlinge eines Strickes um den Hals fesselte den Buben an den Hals des Mädchens, und umgekehrt der Schwester Hals an des Bruders. Das Ende des Seils war am Gürtel eines Soldaten festgemacht. In den Händen hatte jedes Kind einen Stock, um die Schafe vor sich her zu treiben und beisammen zu halten.Der Rest der Truppe trottete hinterher und kaute im Gehen die Reste des gebratenen Hammels. Zeit für die Morgensuppe hatte Ibrahim ihnen nicht mehr eingeräumt.
Am frühen Nachmittag verließen sie das Tal. Erleichtert fielen Wachsamkeit und Anspannung von ihnen ab. Das feindliche Gebiet der Basken lag hinter ihnen. Zwar gab es weit und breit keine Siedlung der Bergmenschen. Sicher war man in Vorgebiet der Frontera, in der Ischibanya jedoch nie. Wenig später war schon der hohe Turm der Burg von Urix zu erblicken, dem ersten Grenzdorf des Emirs von Saragossa und ihr Standort.
Die Mauren sicherten ihre Grenzdörfer durch eine seltene Mischung von Festung und Burgturm, Qal´a genannt. Daraus entstand verballhornt der spanische Begriff „Alkazar“. Dabei handelte es sich nur um einen mächtigen Burgfried. Der war integrierter Teil einer ebenso massiven Burgmauer, die einen freien Platz umschloss, und nur ein einziges Zugangstor besaß. Tausende dieser Fluchtburgen, die sich glichen wie Tausendlinge, standen damals in gesamt Al-Andalus in jedem Grenzdorf. Der Turm war nur des Dorf-Kaids oder dessen Amirs Wohnung, und zugleich deren Amtsgebäude. Die Stockwerke waren ansonsten durchweg mit Notvorräten zu-gestapelt. Und im Dachgeschoß hielten ständig 3 Wächter Ausschau, die alle 2 Stunden abgelöst wurden.Die Burgbesatzung wohnte in Steinhütten direkt hinter der mächtigen Bruchsteinmauer des Wallbereiches. Die Wallmauer war auch zugleich die Rückwand der Hütten, der Ställe, der Vorratskammern und der Speicher. Alle Tür- und Fensteröffnungen lagen nach innen, zum Hof und zum Burgfried dieses Alkazars hin. Die Dächer waren Standtort der ersten sicheren Verteidigungslinie bei einem Angriff. Der fünf Stockwerke hohe Burgfried, mit dem Einstieg im zweiten Stock, war dann die letzte. Eine Qal´a war also einerseits die Kaserne der Garnison, und zusätzlich eine feste Fluchtburg. Denn der Burghof dieser Anlage war im Fall einer Krise die befestigte Zuflucht der nach wie vor christlichen Dorfbevölkerung, und auch ihres Pfarrers.
Ibrahims Zug an Kriegern war die Garnison der Qal´a von Urix. Ihnen war der Schutz der Siedlung gegen Baskenüberfälle anvertraut. Mehr noch die Überwachung der Dörfler. Schließlich waren die ebenso Basken, wie die in den Bergen. Vielfach sogar durch Verwandtschaft mit ihnen verbunden.
Die meisten der islamischen „Soldaten“ waren keine Mauren oder Araber sondern Kriegersklaven, als solche bei Maurenüberfällen auf dem Balkan oder bei Razzien im oströmischen Kaiserreich von Konstantinopel erbeutet. Die Mauren bezeichneten sie alle pauschal als „Saqaliban“, also Slaven. Dabei blieb es auch, obwohl im Zuge der Sachenkriege König Karls ganze Heere von gefangenen Sachsen als Sklaven ins Maurenland verkauft wurden.Von Beruf waren die Kriegersklaven eigentlich Murabitun, Grenzschützer. Das waren speziell als Burgbesatzung trainierte Fußkrieger. Für echte Razzien wurden sie nicht eingesetzt. Nur zu Kommandounternehmen, um die lokalen Baskendörfer im feindlichen Vorfeld der Grenzburg für deren Eigenversorgung auszuplündern.Jeder in der Garnison von Urix hatte inzwischen ein baskisches Mädchen erbeutet und in sein Bett gezwungen. Andere Dorfmädchen ließen sich aus freien Willen in ihr Bett locken. Es gab förmliche Ehen, die der katholische Pfarrer oder der muslimische Imam eingesegnet hatte. In jedem Fall mussten die Frauen auch den jeweiligen Haushalt führen, und für das leibliche Wohl ihrer Eigentümer und Kinder sorgen.
Die Murabitun des Emirs mussten ihr Brot und ihren Lohn selbst organisieren. Eine „Ghassia“ nannten die Beduinen ihre schnellen, weiten und großräumigen Beuteritte, woraus unser Wort „Razzia“ entstand.In der Frontera waren es nicht berittene, kleinere Trupps. So wie der Ibrahims ständig zu kurzen Raubzügen in die nicht befriedeten Baskengebiete unterwegs. Da sie fleißig waren, wofür ihre Kaids und der Amir eifrig sorgten, denn nur so konnte sie sich bereichern, lebten sie als Fußkrieger zwar mehr riskant, aber in stetem Überfluss.Die Abgabe der gesamten Beute einer Razzia, außer den Lebensmitteln, also dem Korn und den Tieren, die von ihnen selbst verbraucht wurden, füllte die Vorrats- und Schatzkammer des Emirs. Der musste ein Fünftel jeder Einnahme an die Kasse des obersten Emirs, an den Herrscher in Cordoba abführen. Dessen Nachfolger erst erhöhte ihren Rang zum unabhängigen Kalifen von Al-Andalus.Aus den ihm verbleibenden 4/5 gewährte der lokale Emir, der selbständige Herrscher eines der 20 Wilayatun seinen Raubsoldaten eine Belohnung nach seinem freien Belieben.
Außerdem hatte die Truppe den christlichen Dorfbewohnern das Kopfgeld der Ungläubigen abzupressen. Eine beachtliche Last für die Betroffenen. Mindestens 12 Kupfer-Dirhams für die Familien der Handwerker und Bauern. 24 Dirham hatte die Mittelschicht zu entrichten, die Reichen 48. Das aber Monat für Monat! Obendrein musste der Landbesitzer eine Landsteuer abführen, und die Bauern jährlich 1/3 von all ihren Erzeugnissen, um den steten Zustrom an Nahrungsmitteln aus dem Dorf für den Emir in Saragossa zu sichern.
Diese Last der Landwirte klingt ungewöhnlich hoch. Sie wurde dennoch gutwillig getragen. Denn zur Römerzeit, also bis ca. um 400 n.Chr., waren die Iberer rechtlose Sklaven, die gefüttert wurden, und dafür die Latifundien bewirtschaften mussten. Der Ertrag gehörte allein den römischen Landherren. Der Germanenansturm änderte nichts. Statt Römern waren nun die Vandalen, Sueben, und ihre sarmatischen Bundesgenossen, die Alanen die Landherren und Sklavenhalter. Auch unter der nachfolgenden Herrschaft der Westgoten blieb es dabei.
Erst ab 711 n.Chr. änderte sich ihre Lage. Die von den Einheimischem „Chaldäer“ genannten Beduinenvölker des Islam, Araber wie Berber, Syrer oder Jemeniten, denen die Bewirtung von Grund und Boden fremd war, machten in ihrer Not und Unkenntnis daraus das Beste. Sie unterteilten die eroberten ausgedehnten Latifundien in kleine Bauernhöfe. Die Mauren zogen dafür die erwähnte Beteiligung am Ertrag an sich. So wurde aus iberischen Sklaven und Leibeigenen freie Landeigentümer, die, weil Christen, den minderen Rechtsstand der Ahl ad-Dhimma bekamen. Das bedeutete das Recht auf Leben, Religion, Landbesitz, bis hin zum Landverkauf. Sie hatten sogar die niedere Gerichtsbarkeit innerhalb ihrer Kommune. Verboten waren ihnen nur der Waffenbesitz, und die Heirat mit einer Muslimin.Die höhere Gerichtsbarkeit war dem islamischen Kadi vorbehalten – vor dessen Richterstuhl keines Christen Zeugnis Beweiskraft hatte.
Verständlich, dass die einheimische Landbevölkerung ihren neuen Herren anhing. Nationalismus war noch nicht erfunden. „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“ bezeichnet es am Treffendsten. Das hatte nicht den geringsten anrüchigen Beigeschmack. Das wurde von allen als die moralisch anständige Grundhaltung betrachtet.
Der Kopfsteuer konnte man sich entziehen, indem man zum Islam übertrat. Nach und nach bekannten sich die Bauern überwiegend zu Allah. Den Maurenherrschern passte das gar nicht. Sie behinderten den Religionswechsel, wo immer es ging. Gegen den Koran, dessen Gebote auf Seiten der neuen Gläubigen lagen, waren sie jedoch machtlos. Immerhin erklärt sich so der Umstand, dass jede Islam-Missionierung unterblieb: Nur ein christliche Untertan war ein ergiebiger Steuerzahler!
In den isolierten und vereinzelten Baskensiedlungen im Gebirge dagegen herrschten Angst und Ohnmacht. Die Siedlungen und Clane in den Gebirgstälern hatten noch keine gemeinsame Organisation. Sie lebten abgeschieden für sich. Die Siedlungen waren meist durch unüberwindliche Gebirgshöhen voneinander getrennt Es gab nur den Zusammenhalt von Sippe und Clan. Als tatkräftige Krieger wussten sie sich im offenen Kampf überlegen zu verteidigen.Den listigen Razzien der raubgeschulten Beduinen und ihrer nimmersatten Sklavenkrieger und deren unvorhergesehenen plötzlichen Überfällen waren sie hilflos ausgeliefert. Sie revanchierten sich schlecht und recht durch nächtliche Raubzüge ähnlicher Art.
In Urix lag die Truppe als Besatzung und Schutzmacht ineiner befestigten Anlage, die vor kurzem noch einem westgotischen Dorfherrn als Wohnstätte gedient hatte. Der war bei der Ankunft der Mauren in Al-Andalus mit seiner Familie und einigen Gefolgsleuten in die Nordwestecke des Landes geflohen. Dort, an der Grenze zum Lande der Franken, boten unzählige Höhlen in den Pyrenäenfelsen Schutz und Zufluchten. Dort hielt Graf Pelagius als letzter nicht zu unterwerfender Gote seine Grafschaft maurenfrei.
Nördlich davon und jenseits der Berge lag, wenn auch unter fränkischer Oberherrschaft, ein weiterer Rest des Westgotenreiches. Den regierte Graf Eudo im Auftrag der fränkischen Merowinger Könige, deren Hausmeier Karl Martell, und nach ihm als König Pippins Vasall. Daher war dieser Widerstand des Grafen Pelagius vom Islam nicht zu knacken. Angriff um Angriff der Mauren wurde abgeschmettert. Die Mauren gaben auf und nannten das nördliche Niemandsland der Christen-Goten „Ischibanya“. Es ist leicht zu erkennen: So entstand der Name „Espana“. Iberien bekam seinen Namen: Spanien.Von hier aus, der Nordwestecke der Ischibanya, begann die Rückeroberung durch die freien spanischen Christen. Diese „Reconquista“ dauerte als endloses Blutvergießen, als ein 800-jähriger Krieg. Nach und nach wurde aus Al-Andalus dann Spanien. „Andalusien“ ist seither nur noch der Name einer Provinz.
Noch aber hielten die Saqaliban in der jetzt islamischen Burganlage, und von dem dazu gehörigen Burgfried aus, Tag und Nacht Wache. Dazu gab es reichlich Anlass. Sie spähten nach räuberischen Basken. Die hatten nämlich die freche Unart, sich für Razzien ihrerseits mit nächtlichen Überfällen zu rächen Nicht als kriegerische Auseinandersetzung! Der gingen sie vorsichtig aus dem Weg. Sie holten sich in nächtlichen Raubzügen einiges von dem wieder, was ihnen in Razzien der Mauren geraubt worden war. Wenn möglich auch ein wenig mehr. Dieser endlose Minikrieg bekam damals seinen Namen: „Guerilla“.
Ibrahim zog mit seiner Karawane über die Fallbrücke in den Alkazar, was mächtig Aufsehen erregte. Das Burgvolk lief zusammen. Frauen und Kinder begrüßten ihre Familienoberhäupter. Neugierige Fragen strömten auf sie ein. Einige kurze Befehle von Ibrahim. Seine Männer trieben das Vieh in den Pferch in der Ecke der Festung.Ibrahim kletterte über die angestellte Leiter zur Türöffnung im zweiten Stock des Turmes hinauf. Er fand den Kaid von Urix zusammen mit dem Amir aus Olite, und meldete das Ergebnis der Razzia. Sein Kaid, Omar bin Merin war ein junger schlanker, hoch gewachsener Berber mit einem imposanten Bart, der sein Gesicht aber milde erschienen ließ. Er machte den Eindruck eines islamischen Knecht Ruprecht.
Der Amir Abd al-Rahman war nur zufällig zu einem Inspektionsbesuch anwesend. Ihm unterstanden alle Grenzfestungen der nördlichen Frontera. Auch er ein Berber, knapp 30 Sommer alt, nur mittelgroß, aber aufrecht und drahtig. Sein braunes Gesicht sprach von Intelligenz, prominent betont von einer ausgeprägten Adlernase und einem walnussbraunen Bart. Sein Haupt trug er im Turmgemach unbedeckt, sonst aber schmückte ihn die übliche Kopfbedeckung des Wüstensohnes, das nackenschützende Tuch mit der Kordel.Die beiden Kommandeure grüßten ihren hochgeschätzten Unterführer sehr freundlich. Der machte Meldung:„Sihdi, wir sind erfolgreich zurück! Keine Verluste, aber beutebeladen“ und zählte diese auf. Ein Raubzug ohne Verluste, aber mit Erfolg beendet, löste stets Vergnügen aus. Das wuchs mit fortschreitender Beuteaufzählung zu einem immer breiteren Grinsen der Befehlshaber. Als aber Ibrahim zum Schluss die Schweine erwähnte, verfinsterte sich seines Kaids Gesicht. Und Omar bin Merin donnerte los:„Ibrahim, du bist wohl vom Sheitan geritten!“ fauchte er ihn an. „Wie kannst Du es wagen, diese unsauberen Viecher in unsere islamische Festung zu treiben? Wärest du nicht mein geliebter Maula, ließe ich dir 10 mit der Peitsche überziehen!“„Nicht doch“ verteidigte sich Ibrahim. „Die Schweine habe ich schon am Dorfrand dem Dorfältesten übergeben. Sie stehen in dessen Schweinepferch auf seinem Hof. Da er gerade sein Hoftor mit Teerfarbe anstrich, habe ich unsere beiden Tiere mit einem breiten Strich auf dem Rücken markieren lassen. So kann er uns später keines seiner mageren Ferkel unterschieben.“„Das spricht wieder für deine Klugheit, Ibrahim, aber ebenso für deine Dämlichkeit! Du willst doch wohl nicht dem Dorfältesten auf meine Kosten Geschenke machen? Und was soll ich als Muslim mit diesen unreinen Viechern anfangen? Du willst mir doch hoffentlich keine Schweinezucht andienen?“„Aber nein, weder das eine noch das andere“ verteidigte sich Ibrahim weiter. „Die Schweine soll der Älteste auf den Markt der 3 Dörfer, nach Irunea schaffen. Bei den Romäern heißt die Stadt Pamplona. Dorthin sind es nur 6 Farsach (ca. 36 km). Die Dörfler treiben ohnehin wöchentlich ihre Tiere zum Verkauf auf diesen Markt. Der ist um die Hälfte näher als Saragossa. Und dort hat der Emir keine „Augen“. Dort herrscht Graf Theuderich, ein Gote und Mozaraber. Der ist zwar Gaufürst unseres Emirs. Aber wie fast alle dort, sind der Graf und seine Untertanen Christen, und die zahlen jetzt, kurz vor dem Winter, einen hohen Preis für eine gute Sau. Jede bringt euch einige Silber-Dirham, oder zusammen vielleicht sogar einen Gold-Piaster für eure Börse ein! Mehr jedenfalls, als 3 Schafe einbringen!“Omars gute Laune war schlagartig wieder zurück.„Gut Ibrahim, das hört sich schon besser an! Ich weiß ja, du bist ein schlauer Kerl, genau das was ich als meinen Klienten brauche!“„Faruk“, brüllte er nach seinem Leibsklaven, „schaff mir den Ältesten herbei!“Wenig später keuchte der ärmlich gekleidete alte Velasco in den Innenhof der örtlichen Qal´a. Der Amir befahl ihm, den Beuteanteil des Emirs nach Saragossa treiben zu lassen und dort dem Hof-Wesir zu übergeben. Allzu genau brauchte das nicht zu sein. Die Hälfte der Schafe und des Korns hielt er zurück, zur späteren Versorgung seiner Männer in Olite, Urix und Sadaba. Was nicht hieß, dass die das tatsächlich alles essen durften. Was der Emir nicht weiß, macht dem Amir nicht heiß. So mancher Silberling, und nicht nur Kupfer, blieben nach jeder Razzia an seiner Hand kleben. Das war Brauch. Jeder, selbst der Emir wusste darum. Der ließ das, sofern es in Maßen geschah, gnädig zu. Schließlich tat er ja dasselbe mit seinem Oberherrscher, der fern im südlichen Cordoba, glänzend Hof hielt. Auch den Mohammedanern galt der schon den aus dem alten Testament bekannte Glaubenssatz: „Du sollst dem Ochsen, der da drischet, das Maul nicht verbinden.“ Diese löbliche Grundeinstellung konnte dem Razzia-Eifer seiner Krieger nur förderlich sein.Die Schweine musste der Älteste daher in die dörfliche Herde übernehmen. Er hatte sie schnellstens auf dem Markt in Pamplona zu verkaufen und ihm den Erlös zu bringen.Schweinegeld durfte man einem islamischen Emir nicht unterjubeln, tröste er seine leisen Gewissensbisse. Das behielt er besser für sich!Und der Dorfälteste hatte begriffen. Er malte allen Schweinen des Dorfes einen schwarzen Strich auf den Rücken, wählte die zwei magersten aus und ließ sie nach Pamplona treiben.
Die beiden Kinder, und beide noch unberührt (auch Bubenschändung war ein Hobby der Moslems), ließ der Amir auf dem Sklavenmarkt in Saragossa versteigern. Das brachte die schöne Summe von 18 Silber-Dirham ein, und deren Weiterleitung an den Emir ihm dessen uneingeschränktes Wohlwollen.Wahrhaftig, der Hauptmann wie auch sein Kaid in Urix hatten allen Grund, sich bei Allah für dessen großmütige Fürsorge zu bedanken.
***
Lauro stand verschreckt und eingeschüchtert auf dem Schaupodest im neuen Basar in Saragossa, sein Kopf einen halben Meter über der glotzenden Menge. Hinter dieser wimmelte das Gedrängel der Fußgänger, der Käufer und Verkäufer. Ein buntes Bild des Orients, der nun bis an die Pyrenäen grenzte. Über allem waberten die Düfte von Parfümen, Kaffee, Gewürzen – aber auch von Unrat und wenig gewaschenen Körpern.
Dafür hatte der verstörte Junge keinen Sinn frei. Der brutale Einbruch in sein bisher so friedliches Leben war derart plötzlich und schockartig erfolgt, dass er ihn geistig nicht verarbeiten konnte. So etwas konnte doch gar nicht geschehen! Wo waren Mari und Botzi, wo waren all die anderen guten Götter der Basken an diesem Tag? Waren sie mit ihrer Götterschar zu Allah übergelaufen? Waren die jetzt Mohammedaner? Die Brutalität der islamischen Krieger, die unmenschliche Misshandlung seiner geliebten Ama, die rücksichtslose Ausplünderung seiner Heimstatt, all diese Bilder wirbelten als unverdautes Erleben durch seinen Kopf. Frustriert und ratlos sah er dem Kommenden entgegen. Noch nie im Leben hatte er sich in einer ähnlichen Situation gesehen. Mutlos und fatalistisch ergab er sich dem Schicksal. Er konnte es im Augenblick ja doch nicht beeinflussen. Andere hatten Gewalt über ihn und ihm blieb nur das Abwarten.
Ein Blick auf Seline sagte ihm gleiches. Sie stand unansprechbar und mit gesenktem Kopf auf dem Platz, auf den man sie gezwungen hatte. Ein Bild menschlichen Elends. In ihrem Erscheinungsbild und ihrer Resignation erkannte er die eigene Hoffnungslosigkeit. Er gab auf und verkroch sich in sich selbst. In diesem Augenblick wurde er zu einem anderen. Weg war der lastenfreie fröhliche Junge von Gestern. Jetzt stand dort ein frustrierter und zutiefst im Gemüt beschädigter junger Mann.Er war komplett nackt, wie ein Dutzend älterer Jugendlicher neben ihm. Auf der anderen Seite eine Gruppe Mädchen verschiedenen Alters, darunter seine Schwester, alle im Evakostüm den Schaulustigen dargeboten. Zwischen beiden Gruppen hatte sich der Auktionator aufgebaut. Seine Ware hatte er clever auf einem kniehohen Podest arrangiert. Das bot die Geschlechter der käuflichen Körper verkaufsfördernd in Augenhöhe den animiert Glotzenden dar. Die umringten dicht gedrängt den Verkaufsstand. Sie rangelten und drängelten. Jeder wollte gern aus höchstens einer Handbreit Entfernung den kleinen Unterschied zwischen Buben und Mädchen besichtigen und vergleichen. So was bekam man nicht alle Tage, und schon gar nicht kostenfrei geboten. Zum Leidwesen und Neid der anderen Basaris strömten immer mehr zum nackerten Sklavenangebot, und ließen die sonstigen Auslagen unbeachtet links liegen.
Der Auktionator hatte sich vorn, am Rande des Podiums und in der Mitte zwischen seinen beiden Waren-Gruppen positioniert. Ein fülliger 40er, dessen Körperbau Wohlleben verriet. Um den Kopf ein grauer Seidenschal. Nicht aus religiösem Grund. Tarnung seines Kahlkopfes. Dem Aussehen nach war er Armenier. Er verstand nicht nur sein Geschäft! Er war auch der geborene Marktschreier, Ausrufer und Feilscher:„Schaut sie euch an“ brüllte er ins Publikum, „fasst zu, prüft und knetet sie! Aber mit Gefühl, bitte, keine blauen Flecken! Nur erstklassige Angebote! Der Sklavenhändler Ali, das bin ich, und ich verkaufe nur beste Ware! Jedes Mädchen ist noch Jungfrau! Jeder Jüngling von vielfacher Standfestigkeit!“
Er nahm sich eine alte Matrone im Gewimmel zum Ziel des nächsten Spruches. Die verteidigte standhaft ihren Logenplatz gegen das Drängeln der anderen. Eisern verharrte sie vor den nackten Jünglingen. Lüstern starrte sie auf die Bäuche der Buben vor ihr. Sie konnte den Blick nicht mehr lösen. Sie schien, ähnlich einem indischen Fakir, hypnotisch eine Auferstehung zu versuchen. Unübersehbar, wie ihr das Wasser im Munde zusammenlief. Der Auktionator sah an den Halsbewegungen, dass sie im Leerlauf schluckte:„Hallo, alte Mutter, komm noch näher heran und leiste dir einen solchen jungen Hengst! Jeder von ihnen bedient dich Nacht für Nacht ein Dutzend Male! Garantiert! Meine alte Amma hat jeden von ihnen getestet! Unter jedem von ihnen hat sie 10mal hintereinander ein nächtliches Wunder erlebt!“
Heulendes Gelächter ward sein Echo. Spöttische Zurufe des Unglaubens und anzügliche Zoten folgten seine Rede. Er wandte sich nun zur Rechten, zur Gruppe der Mädchen neben ihm. Er zerrte Seline aus ihrer Gruppe nach vorn, um mit Ihren jugendlichen Reizen sein Geschäft noch mehr anzuheizen.„Wer das richtige Angebot macht, darf ihr einen Finger rein stecken und ihre Unschuld prüfen! Vorwärts ihr Gläubigen! Lasst mich wissen, was es euch wert ist, diese Unschuld vom Lande in eurem Bett zu genießen!“„Was höre ich da? 3 Silber-Dirhams? Das könnte dir so passen, du Geizkragen! Für drei Silberlinge eine knusperige Jungrau vögeln – das gibt es bei Ali nicht! Wer bietet 10 Silber-Dirhams? Jawohl! 10 habe ich gesagt, wer gibt 10?“Raunen und Aufstöhnen in der Menge, dann Gelächter, Spottrufe auf den Auktionator. Da, plötzlich, doch ein erstes Angebot. Acht Silberlinge bot ein alter Patrizier, was nun erst stauende Ausrufe erzeugte, danach aber folgten langsam höherkletternde Offerten. Plötzlich drängte sich ein alter Berber-Krieger nach vorne durch. Schlank und hochgewachsen. Einäugig. Die Narbe eines Schwerthiebes entstellte sein Gesicht. Sie verlief von der wulstigen rechten Augenbraue zum linken Mundwinkel. Obendrein zierte ein nicht unerheblicher Buckel seinen runden Rücken und ein kleiner Kropf seinen Hals. Der grüne Turban auf dem Kopf wies ihn als einen Nachfahren Mohammeds aus. Gegen ihn bot keiner mehr.Erst mal überzeugte er sich, dass der Preis gerechtfertigt war. Immer noch ohne einen Laut, bohrte er vorsichtig in dem sich schaudernd windenden Mädchen nach dem Jungfernhäutchen. Zufrieden mit dem Ergebnis zog er einen wohlgefüllten Beutel aus den Falten seines Kaftans. 12 Silberlinge zählte er schweigend in die Hand des Händlers. Ebenso schweigsam, was dem Vorgang etwas Geheimnisvolles gab, zerrte er Seline vom Podium und verschwand mit seiner Beute in der Menge. Seline hatte den Konsumenten ihrer so begehrten Unschuld gefunden.
Mit tränenverschleiertem Blick sah Lauro den Käufer mit seiner Schwester entschwinden. Schier rasend vor Zorn und wutgeschüttelt schwor er sich selbst, sein Leben lang nach ihr zu suchen, sie zu befreien und ihr ein neues Leben zu schenken. Und nebenbei einen fürchterlichen Rachefeldzug gegen alle diese Täter zu führen. Dafür brauchte er kein Schiff mit acht Segeln und 50 Kanonen an Bord! Sein Zorn und seine beiden Hände würden genügen.
In ähnlicher Weise verlief die weitere Auktion. Mit immer wieder anderen derben Scherzen, mehrdeutigen, aber meist eindeutigen Witzchen und losen Sprüchen, beförderte der gewiefte Händler seinen Umsatz. Dann kam die Reihe an Lauro.In diesem Augenblick teilte sich die Menge. Einige Sklavenkrieger trieben sie auseinander. Ein vornehmer Mohammedaner in reicher Kleidung kam durch die Gasse nach vorn. Erschrocken warf sich der Auktionator auf die Knie, versank in tiefe Verbeugung, presste die Stirn auf die Bretter und wisperte kläglich:„Oh Sihdi, mächtiger Beschützer der Gläubigen, befehlt eurem armseligen Knecht gnädig euren Wunsch!“ Dann erfasste er geschäftstüchtig die sich bietende Gelegenheit, seinen Gewinn zu steigern. Hurtig floss Inflation in seine Preisvorstellung: „Wenn ihr den Knaben wollt, der Preis ist 8 Silber-Dirham!“Der Hadjib des Emirs, Kanzler und der zweitwichtigste Mann im Fürstentum von Saragossa, feilschte nicht. Er ließ von seinem Leib-Sklaven den geforderten Preis entrichten, und befahl seinen Knechten, Lauro abzuführen. Der fand sich bald wenige Straßen weiter im Palast des Hadjib wieder, wo er als ein lebendes Spielzeug Abdallah, dem gleichaltrigen Sohn des Wesirs als dessen erster eigener Sklave zugewiesen wurde.
Hisham ibn Battuta vom Stamme der Choraisch, also ein Nachfahre des Propheten Mohammed, stammte aus Bagdad, wo sein Vater schon ein Hadjib, also in etwa der „Kanzler“ des Kalifen war. Er war von Natur aus ganz der Verwaltungsfachmann. Seine Studien an der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie des Kalifen hatten ihm sein Verwaltungsdiplom eingebracht. Im Grundzug etwas abenteuerlustig, war er seinem Jugend- und Schulfreund, dem mehr kriegerisch veranlagten nunmehrigen Emir, vom Hofe des Kalifen, nach Saragossa gefolgt. Der war ein Kriegsherr und hatte einen Verwaltungsfachmann bitter nötig. Ablauf der Zeit und Bewährung im Amt hatten bewirkt, dass die Jungendfreundschaft der beiden sich ständig vertiefte. Bedingungslose Loyalität war und ist unter Arabern so häufig wie die Begegnung mit einem Yeti. In diesem seltenen Fall, hier war sie auf beiden Seiten gleich tief ausgeprägt.Ihm nun, dem mächtigen Kanzler des Emirates, stand Lauro im Innenhof des Palastes gegenüber.
„Bosco, du nimmst diesen Burschen zu meinem Barbiersklaven. Er soll ihm alle Körperhaare scheren und verbrennen. Wehe es kommt mir eine Laus ins Haus! Zu unser aller Glück hat er wenigstens keine Kleidung mitgebracht! Das erhöht unsere Chance auf einen weiterhin ungezieferfreien Palast! Dann sag der alten Amma Bescheid. Sie soll diesen Wurm gründlich abschrubben, bis er glänzt, ihn einkleiden und meinem Sohn übergeben.
Nach diesen Worten hatte er Lauro schon vergessen.
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Die ersten Erfahrungen mit seiner neuen Umwelt waren für jungen Sklaven nicht sehr ermutigend. Sein Herrchen war ein kriegerischer und ausgesprochen adelsbewusster angehender Chassa. Bald ein würdiges Mitglied dieser Ritterkaste der Mauren. Zu allererst jedoch war er ein verwöhntes und arrogantes halbstarke Bürschlein. Sein übereitles Selbstbewusstsein bekam durch die Eigentumsrechte an Lauro einen weiteren negativen Schub. Er war nun Herr über Leben und Tod seines neuen Spielzeuges. Keinen Augenblick zögerte er, dies überdeutlich zu beweisen.„Du bist nun mein alleiniges Eigentum“ klärte er Lauro mit Hilfe eines dolmetschenden Haussklaven baskischer Herkunft auf. „In vier Wochen sprichst du arabisch! Danach bekommst du für jeden Sprachpatzer eins mit der Peitsche übergezogen. Ab sofort hast du mit mir aktiv an meinen Studien teil zu nehmen, und ebenso täglich an meiner Ausbildung im Reiten und Fechten!“„Hast du mich verstanden?“Schweigend verneigte sich Lauro.Er hatte die erste Lektion seines Sklavendaseins bereits absorbiert: Untertänig wirken – das war hier die Frage! Er musste seine gesamte ererbte und erworbene Schläue einsetzen, wollte er sich vor der Peitsche schützen, und seinen Baskenstolz und seine Baskenehre wahren. Gehorsam und ergeben scheinen, das war von jetzt an überlebenswichtig. Schon jene zwei Peitschenhiebe im Hofe des Sklavenhändlers hatten genügt, dies zu verinnerlichen. Hungrig und durstig angelangt, hatte er nur um etwas zu trinken und zu essen gebeten. Der Aufseher hatte beides mit je einem Peitschenschlag gestillt:„Der erste ist für deinen Durst, der zweite beendet deinen Hunger!“ war die launige Bemerkung des grinsenden Aufsichtssklaven. Der genoss hemmungslos seine Macht, war aber klug genug, keine wertmindernden Spuren zu erzeugen. Er war auf die Zähmung widerspenstiger Neuankömmlinge programmiert. Er hoffte, Lauro zu mehr herausfordern zu können. Der war schlau genug, sich mit dieser einen Abreibung zu begnügen, die ihm fortan unvergesslich blieb. Wenn auch nur vorgetäuscht: Seinem Herrchen wie ein gut dressierter Hund die Hände zu lecken, das entschied in seinem neuen Leben über Sein oder Nichtsein.
Er warf sich sofort in die neue Herausforderung. Lauro nutzte jede Minute, die er dafür abzweigen konnte. Zuerst mal fand er sich in eine ihm völlig unbegreifliche Welt gestürzt. Der Palast mit seiner Fülle an Leben verwirrte ihn. Ein Teil der Sklaven und Diener sprach baskisch. Er wandte sich an diese um Information. Vieles verstand er dennoch nicht. Langsam kam er dahinter, erkannte Zusammenhänge und das System hinter dem Gewimmel um ihn herum.Er sprach und übte mit jedem der anderssprachigen Haussklaven. Wo immer er in seiner freien Zeit eine der Sklavinnen oder der Sklaven einfangen konnte, wurden Sprachen trainiert. Er lungerte im Park herum und belauschte Gespräche. Half den Gärtnern im Gemüseareal des Parks, nur um von denen Anweisungen und Erklärungen annehmen zu können.
Zu seinem Glück fand sich eine junge Gotin, die als Mozaraberin fließend Arabisch sprach. Das blonde Mädchen war von dem schwarzhaarigen Basken fasziniert, und er von ihrer für ihn bisher völlig fremden Andersartigkeit. Da sie keine Sklavin sondern angestellte Küchenkraft war, konnte sie sich relativ frei bewegen. Nach ihrem Feierabend schlich sie zu ihm in die Parkbüsche. In allen entsprechenden Künsten erfahren, und an ihrer Ausübung hoch interessiert, klärte sie ihn über den kleinen Unterschied in Arabisch auf. Zur praktischen Umsetzung der neu erworbenen Erkenntnisse benötigten sie dann keinen sonderlich umfangreichen Sprachaufwand. In den Pausen dazwischen, und hinterher entspannt, wurde des Sklaven hinzu gewonnener Sprachschatz erfolgreich erweitert und vertieft. Gepaart mit seiner unterschwelligen Angst, brachte ihm seine hellwache Auffassungsgabe rasche Erfolge. Nach den vier Wochen beherrschte er nicht nur arabisch sondern auch die vulgäre Umgangssprache der unterworfenen Christen, aus denen später das Spanische entstand. Bald konnte er, hinter Abdallah im Schneidersitz hockend, dessen Unterrichtsstunden folgen.
