Rolands Lied - Jochen Schmitt - E-Book

Rolands Lied E-Book

Jochen Schmitt

0,0

Beschreibung

Das zweite Buch der Serie erzählt die Geschehnisse um die Jahre 777-778 n. Chr. Es beginnt mit der Reise von Abdaallah ibn Hisham, dem einst der junge Lauro als Sklave gedient hat, nach Paderborn zum Reichstag, um bei den Franken unter dem Karl dem Großen die Unterstützung bei dem Aufstand gegen den Ober-Emir zu erbieten. Hier lernt er den berühmten Helden der Franken – den Markgrafen Roland – kennen. Parallel zu der Geschichte Abdallah wird auch über Lauro berichtet. Das jetzige Oberhaupt eines Bergdorfes hat die Verantwortung für seine Leute übernommen. Die Sicherheit von Mauren-Überfallen ist gewährleistet, aber der Ruf der Franken eilt voran. Sind die Sorgen berechtigt? Ist das Volk der Basken in Gefahr?

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 536

Veröffentlichungsjahr: 2014

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Jochen Schmitt

Rolands Lied

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Handelnde Personen

1. Kapitel: Vorbereitung

2. Kapitel: Nach Paderborn

3. Kapitel: Der Königshof an der Pader

4. Kapitel: Königshofspiele

5. Kapitel: Der Reichstag

6. Kapitel: Nach Hause

7. Kapitel: Lauros am Rio Urix

8. Kapitel: Heimkehr und Saragossa

9. Kapitel: Spanien lockt

10. Kapitel: Aufbruch

11. Kapitel: Euskal erlebt die Franken

12. Kapitel: Die Franken sind da

13. Kapitel: Reinfall vor Barcelona

14. Kapitel: Reinfall vor Saragossa

15. Kapitel: Widukinds Aufstand

16. Kapitel: Rückzug

17. Kapitel: Die Basken machen mobil

18. Kapitel: Rolands Roncesvalles

19. Kapitel: Sieben ziehen nach Norden

20. Kapitel: Die Folgen

21. Kapitel: Im Martinstal

22. Kapitel: Guerilla in Sachsen

23. Kapitel: Krieg an der Weser

24. Kapitel: Im Tal von Sangenberg

25. Kapitel: Harimsspiele zu Saragossa

26. Kapitel: Im Bistum

27. Kapitel: Emir Abdallah

Impressum neobooks

Handelnde Personen

Franken

Karl, König 747 – 814, Kaiser ab 800 772-775 Sachsen erobert 777 Reichstag Paderborn(einziges Jahr ohne Krieg) 778 Frühsommer: Spanien 15.08.778 Schlacht Roncesvalles

Roland, eigentlich: Hruotland:Markgraf der BretagneAngilbert: des Königs KanzlerBernhard von Trier:Onkel des Königs, Bischof von Trier und sein FeldmarschallMartin, Lukas, Fermin: seine Söhne

Mauren:

Abderrahman I.: Ober-Emir von Al-Andalus, Cordoba 756 – 788Husayn al-Koraish: Emir von SaragossaUmm Olida: Hauptfrau des EmirsRosana: Ihre Tochter, Ehefrau AbdallahsAbdallah ibn Hisham: Sohn des Hadjibs, dann EmirAischa al-Merin: 2. Ehefrau AbdallahsDonna Emeralda: 2. Ehefrau des Emirs HusaynSiriana: Ehefrau des Hadjibs, Mutter AbdallahsHisham ibn Battuta: Hadjib (Kanzler des Emirs)Idris al-Mamun: Wesir al-Charadsch (Finanzen)Habib al-Saqlabi: Wesir al-Dschund (Kriegsminister)Malik ibn Anas: Wesir al-Rasa´íl (Post und Spionage)Ismail al-Malik: Wesir Schurta (Inneres und Polizei)Ali ibn Chaldun: Wesir des Palastes, Haus-HofmeisterAbu Taur: Wali von HuescaSuleiman ibn al-Arabi: Wali von BarcelonaTheuderich: Graf von Pamplona / Irunea

Basken:

Xereos: Lehendakariak (Ratsvorsitzender)Emmo und Naiara: Gerla-Tusagi ( Kriegshäuptling/ und seine Ehefrau)Eliis: sein Vater und Dorfältester AoizLauro und Shähi: Eigentümer des Dorfes Lauros Bewohner des Dorfes Lauros:Mali und Olun Algi und Wladimir Andoni und Aroa Aitor und Ciranousli Ikuska und Ali

1. Kapitel: Vorbereitung

Caesar Augusta nannten die Römer ihre wichtigste Festung im Nordwesten Iberiens. Der Name macht es klar. Sie war ein spätes Kind Roms. Ihre Geburtsstunde liegt ziemlich gleich mit der jenes im fernen Judäa geborenen Knäbleins namens Jesus. Die Römerfestung beherrschte den freien Zugang von Norden zum Rest der Halbinsel. Dementsprechend gewaltig und massiv war sie nach und nach ausgebaut worden. Und war dann doch nur ein in Stein gekleidetes, ausgedehntes Lager einer Legion mit einer umfassenden Fülle benötigter Anbauten. Günstig auf einem Hügel am Rio Ebro, und im Zentrum einer weiten, stark welligen Hochebene angesiedelt.

800 Jahre später rauschte noch immer der Rio Ebro am Fuße der Nordmauer vorbei. Nicht direkt. Zwischen Mauer und Fluss lag auf dem Höhenrücken die Umgehungsstraße. Unter ihr folgten die Kais der beiden Flusshäfen.

Der Ebro ist ein beeindruckender Gebirgsfluss. Auch sein Name ein Römererbe. Flavus Ibericus hieß er einst zu recht, denn er entspringt am Atlantik und wühlt sich quer durch Iberiens Sierras zum Mittelmeer. Das machte ihn einst zur Grenze der Punier im Süden und der anderen Völker im Norden. Ohne Ende schlängelt er sich von Kurve zu Kehre. Mehr noch ein Mäander als der Pate dieses Namens, fließt er mal nach Norden oder Süden, nach Osten oder Westen, bis er zuletzt doch das Mittelmeer findet. Er war einerseits der schützende nördliche Wallgraben der Festung; andererseits, im Unterlauf und im Verbund mit dem Schiffsverkehr des Mittelmeeres, eine ihrer Lebensadern; der Nordwestlauf hingegen beförderte die Versorgung der Stadt aus dem Inland herbei.

Denn nun ergänzte eine große Stadt, mit einer weiteren unüberwindlichen Mauer umgeben, das ehemalige Kastell. Nur dessen Nordmauer war noch Teil der Außenwehr. Ihr pompöser Name war zu Zaragoza geschrumpft, die Festung noch immer der Kern. Aber jetzt, im Jahre des Herrn 777 n.Chr., war das Militär hinter der Südmauer in ein neues Kasernenareal verbannt. Dafür beherbergte das voll intakte Gemäuer der vormaligen Römerburg einen schmucken maurischen Park, den fähige christliche Gartenarchitekten gestaltet hatten.

An die Westmauer der Anlage lehnten sich die Paläste der neuen muslimischen Herren. Hier wohnten, lebten und regierten der Emir Husayn, sein Hadjib und seine Wesire. Um sie herum ersteckte sich bis zu den Toren und Fallbrücken die 30 Fuß hohe, ebenso breite und mit 180! Türmen verstärkte Stadtmauer. Hinter ihr bargen sich die Wohnviertel. Das der Mauren im Westen, im Osten die der Juden und der Christen, mit ihren Basaren und Gotteshäusern. Sie lebten in durchaus friedlicher Nachbarschaft. Die Mauren waren in der Unterzahl, nur eine dünne Oberschicht. Die dachte gar nicht daran, es sich mit ihrem „ungläubigen“ Melkvieh zu verderben. Die zahlten schließlich die hohen Steuern, die nur den „Ungläubigen“ auferlegt waren.

Husayn al-Koraish stand am Fenster seines Gemaches und sah nachdenklich hinunter ins Grün des Parks, dessen buntes Bild er im Augenblick nicht wahrnahm, obwohl die Mandel- und Kirschbäume in voller Blütenpracht sich gegenseitig in einem wilden Wettstreit überboten. Seine luxuriösen Wohnräume lagen im hinteren oberen Teil seines Palastes. Der gesamte Rest des Obergeschosses gehörte zum abgeschlossenen Gebiet seiner Frauen und Sklavinnen, dem Harim. Husayn war nicht nur seit knapp 20 Sommern der unumschränkte Emir, der Herrscher der Region Zaragoza. Ihm gehörten auch die Regionen Pamplona, Huesca und Barcelona, deren Walis von seiner Gnade abhingen. Über ihm gab es nur noch den Ober-Emir Abderrahman I., weit ab im südlichen Cordoba. Und der war es, der ihm Nachdenken abnötigte. Der Aufstand gegen den Ober-Emir war nun ein Faktum. Jetzt mussten rasch die weiteren Schritte erfolgen, ehe dessen Heer die schönen Pläne zum Einsturz bringen konnte.

Am vergangenen Abend hatte er sich ausgiebig mit seinen beiden Hauptfrauen, seiner Umm Olida und deren Busenfreundin, der alten Gotengräfin Donna Emeralda ausgetauscht, wie er das immer vor wichtigen Entscheidungen tat. Er wusste den wachen Intellekt der beiden Damen zu schätzen.

Mit einem kräftigen Faustschlag auf den steinernen Sims kam er zum Ende seines Sinnierens. Autsch, das tat weh! Entschlossen gab er dem Hocker im Weg einen kräftigen Fußtritt und griff zum Klingelzug. Es dauerte nur Sekunden. Wie der Geist aus der Flasche materialisierte sich der Haus- und Hof-Wesir Ali ibn Chaldun in der Mitte des Raumes. Stumm legte er den Handrücken seiner Rechten an die Stirn und verneigte sich leicht.

Mit wohlwollendem Schmunzeln sah der Fürst auf den zuverlässigsten und tüchtigsten seiner Diener: „Ali, hast du schon einen der Walis empfangen?“ „Nein, oh Sihdi, bisher noch nicht. Und bei dem Verkehr auf den Fernstraßen können die Türmer auch nichts erkennen!“ „Aber deine Boten sind alle zurück?“ „Ja, und alle haben positiv gemeldet, dass die Walis zwischen dem Mittags- und dem Abendgebet hier sein werden!“ „Gut, dann sende Läufer zum Wesir al-Rasa´il, zum Wesir al-Dschund, zum Hadjib und meinem Schwiegersohn Abdallah. Zum Abend: Festmahl im kleinen Thronsaal. Beginn nach dem Abendgebet. Der enge Rat, 9 Personen. Das sind die Walis, der Hadjib, Abdallah, sowie die Wesire Habib und Malik. Was macht Jazid?“ „Rhmp – hält seinen Mittagsschlaf!“ „Du meinst, er ist derzeit nicht vernehmungsfähig?“ Schweigend nickte Ali ein wenig. „Dann gib ihm ebenso Bescheid, wenn er wieder ansprechbar ist. Alarmiere deine Küche. Lass ein am Spieß gebratenes ganzes Lamm auftischen. Dazu Couscous und alles, was an Delikatessen verfügbar.“ Der Wesir neigte nur sein Haupt und entschwand so geräuschlos aus dem Raum, wie er aufgetaucht war.

Husayn al-Koraish zu Zaragoza hatte schon über 50 Sommer gesehen. Davon unbeeindruckt träumte er noch immer den Traum von Höherem. Zu gern hätte er den Ober-Emir in Cordoba entmachtet und sich selbst auf dessen Thron gesetzt. Wenn er nur die Mittel dazu gefunden hätte. Die hatten sich dann plötzlich von selbst bei ihm eingefunden, als Jazid al-Fihri zu ihm geflüchtet kam. Gemeinsam wollten sie den Aufstand wagen.

Zur weiteren Vorbereitung ihres verwegenen Unterfangens hatte er zu diesem Abendbankett geladen. Nur seine vier Mitverschworenen und seine vier engsten Vertrauten waren zugelassen. Das aufwendige Abendessen im kleinen Thronsaal war nur der tarnende Vorwand, um den nachfolgendem geheimen Rat abzuschirmen. Ganz so geheim war diese Zusammenkunft nicht mehr. Die Entschlüsse standen fest. Abderrahman I., ihr Ober-Emir fern in Cordoba, musste inzwischen erste Informationen erhalten haben. Dennoch sollten keine unberufenen Ohren die jetzt zur Ausführung nötigen Details hören.

Drei weitere Augen- und Ohrenpaare waren unsichtbar zugegen. Die kunstvoll geschnitzte Holzverkleidung schmückte nur drei der Wände. Die vierte war eher ein geschlossener Paravent, ebenfalls hölzernes Rautenwerk, aber hier mit vielen kleinen offenen Zwischenräumen. Hinter dieser Maqsura, Teil des Harims, folgten die wichtigsten Damen des Wilayates der beginnenden Beratung. Die Hauptfrau des Emirs, seine Umm Olida, bereits weit über in ihrem 40. Sommer, teilte zwar nicht mehr sein Bett, besaß aber sein unbeschränktes Vertrauen. Er schätzte ihren wachen Verstand, und sie als seine wichtigste Beraterin. Zudem war sie Mutter der gemeinsamen Tochter Rosana und dadurch Schwiegermutter von Abdallah, dem Sohn des Hadjibs. In ihrer Gesellschaft saß Donna Emeralda, Mutter des Grafen Theuderich von Pamplona, und seit dem Tod ihres Mannes im Harim des Emirs in Zaragoza. Einerseits Unterpfand für ihres Sohnes Treue, zusätzlich nun die beste Freundin der Umm. Die Gräfin zählte bereits über 60 Lenze, war aber immer noch lebensprühend. Die dritte im Bunde war des Hadjibs Umm Siriana, Abdallahs Mutter. Sie war mit 38 Wintern die jüngste, und dennoch die energischste, wenn auch nicht die Klügste unter ihnen. Sie war als Gast und auf eigens Drängen zugegen. Seit sie zu ihres Sohnes Zukunft erglänzen sah, wollte sie die nicht dem Zufall überlassen sondern mitgestalten.

Jeder der Männer jenseits der Maqsura wusste um der Damen Teilnahme. Niemand außer den Ehemännern kannte ihre Gesichter. Die Frauen des maurischen Adels lebten abgeschlossen für sich im Harim, nur von Sklavinnen und Eunuchen umgeben. Und Abdallah kannte zwar das seiner Mutter, aber nicht das der beiden anderen. Er war seiner Schwiegermutter noch nie begegnet!

Die Frauen der Muslime haben gemäß dem Koran nur eine Funktion: Dem Manne unterwürfig und ergeben in jeder denkbaren Hinsicht zu dienen. In Herrscherhäusern galt jedoch die normative Kraft des Faktischen. Die Umm regierte als absolute Herrscherin im Harim jene 100 oder mehr Nebenfrauen und ihre dienenden Geister. Das erforderte Umsicht und Führung. Das formte, erbrachte hohe Kenntnis der menschlichen Natur, Entschlusskraft und Weisheit. Alle drei hatten diesen Formungsprozess hinter sich.

Graf Theuderich, absoluter Herrscher der Grafschaft Pamplona, fehlte diesmal allerdings, als sich die Tischgesellschaft formierte. Er wurde durch eine zwingende Affäre in Pamplona festgehaltern. Er hatte im Frühjahr die wunderschöne rothaarige Sara, 12 Sommer jung, auf dem Balkon ihres Vaters, des Rabbis von Pamplona erblickt. Des Grafen auf sie angesetzten Häscher hatten das Mädchen endlich zu fassen bekommen. Sie war in Begleitung ihrer Tante auf dem Weg zur Synagoge. Einige Reiter ritten die Tante zur Seite. Ein weiterer riss Sara vor sich in den Sattel. Daher war Graf Theuderich voll damit ausgelastet, die widerspenstige junge Dame in seinem Bett zu zähmen. Dergleichen war für Graf Theuderich das wichtigste im Leben, wie schon ungezählte andere junge Damen von Stand erfahren hatten. Zeigten sich dann erste Zeichen der unvermeidlichen Schwangerschaft, erlosch schlagartig das Interesse des Despoten. Die Betroffene wurde ihren Eltern zurückgegeben, damit sie einen brauchbaren Ehemann für ihre Tochter und den künftigen Vater für ihr Enkelkind suchen konnten. Der Graf ging auf eine neue Pirsch. Die Zahl seiner Bastarde, so raunte die Fama in Pamplona, sei nur noch in Dutzenden zu messen.

An seiner Stelle nahm Graf Roderich teil, sein jüngerer und sittsamerer Halbbruder, und sein bester Diplomat. Die beiden Brüder, eigentlich Stiefbrüder, denn Graf Roderich hatte eine andere Mutter, zählten zur verbliebenen westgotischen Adelsherrschaft. Wer sich den Mauren unterworfen und den Treueid abgelegt hatte, dem beließen sie sein Zaunkönigreich.

Vom Erscheinungsbild her konnten sie unterschiedlicher nicht sein. Graf Theuderich, Mitte 30, ein dunkelblonder Feuerkopf, schlank und hochgewachsen, ruchlos und ohne Gewissen, beherrschte nach eigener Willkür als Wali die Grafschaft Pamplona. Er stand aber unter nomineller Oberherrschaft des Emirs von Zaragoza, dem er in der Nachfolge seines verstorbenen Vater den Treueid geleistet hatte, und war dem tributpflichtig. Sein Stiefbruder, Ende 20, ebenso eine schlanke elegante Erscheinung, aber einen Kopf kleiner, dunkelhaarig, war treu und fest verheiratet mit der Tochter eines baskischen Patriziers der Stadt. Sie hatte ihm fünf prächtige Söhne geboren. Er war der ausgleichende Charakter, in der Grafschaft hoch beliebt, diente aber absolut loyal seinem älteren Bruder.

Der Entschluss zum Aufruhr gegen den Ober-Emir Abderrahman I., der weit im Süden in Cordoba Iberien beherrschte, stand bereits fest. Die Tributzahlungen waren eingestellt. Jazid ibn Jussuf al-Fihri, Sohn des vorherigen Ober-Emirs in Cordoba, wollte sich zum König des iberischen Maurenlandes aufschwingen. Seine Freunde stützten ihn darin. Allerdings ein jeder mit dem stillen Vorbehalt, nach dem Gelingen des Aufstandes selbst die Königswürde an sich zu reißen.

20 Jahre lang hatte ihn Abderrahman I. in Ehrenhaft verwahrt, bis ihm die Flucht gelang. In dieser langen Wartezeit hatte sich Jazid zu einem der treuesten Anhänger, und zum unbestritten engsten Kumpel der Weingötter entwickelt. Nunmehr im 40. Winter angelangt, wirkte er weit älter und verbraucht. Sehr majestätisch war der Eindruck nicht, den der gebeugt gehende, schon etwas tattrige Vollbärtige auf seine Umgebung machte. Bis der Staatsstreich umgesetzt war, sollte der mit Bacchus oder Dionysos wesentlich enger Verbündete sich entweder selbst beseitigt haben – oder es musste nach Araberbrauchtum ein wenig nachgeholfen werden. Pacta sunt servanda? Nicht unter Arabern! Da waren sie auf Sand gebaut, wie es sich unter Wüstensöhnen von selbst versteht.

Zunächst aber war nun rasches Weiterhandeln gefragt. Es galt, sich ein Heer zu schaffen und sich Verbündete zu suchen. Ein erster Entschluss war schon gefasst. Der machtvoll und allein im Norden regierende Frankenkönig Karl sollte um eine Hilfstruppe gebeten werden. Die Verschwörer hatten Abdallah ibn Hisham, Sohn des Hadjibs, als ihren Gesandten erkoren.

Beim Reichstag in Paderborn, also noch im Sommer dieses Jahres 777 n.Chr., sollte er die Franken für die Unterstützung ihres Aufstandes gewinnen. Die Mauren zählten das Jahr aber nicht nach Caesars nun über 800 Jahre altem Kalender, den die westliche Welt noch immer nutzt. Sie hatten ihren eigenen und zählten die Jahre nach der Hedschra, an diesem Tag im 155. Jahr seit dem Aufbruch ihres Propheten von Mekka nach Medina.

Nach dem gemeinsamen Essen wurden die dienenden Sklaven und alle Unbefugten des Saales im Palast verwiesen. Der Haus-Wesir Ali ibn Chaldun erhielt den Befehl, höchst persönlich sicherzustellen, dass niemand der Beratung zu nahe kam. Zurück blieb nur der Wein, den sich jeder selbst nachschenken musste. Da der Thronprätendent bereits heftig seine beide Lieblingsgötter angebetet hatte, ging der Emir eilig zum Thema über, solange der künftige König Jazid noch zu verständlichen Äußerungen fähig war.

Er wandte sich mit wohlwollendem Schmunzeln seinem Schwiegersohn zu. Der Anblick des jungen Chassa rief stets alte Erinnerungen wach. So wie der war einst er selbst mit seinem Freund, seinem jetzigen Hadjib, als junger Bursche aus dem Zwischenstrom Land, von Euphrat und Tigris auf Abenteuer ausgezogen. Der dritte aus ihrem Bund, Habib al-Saqlawi, der Wesir al-Dschund nahm unpässlich teil an diesem Abend. Der Kriegsminister kurierte an einer Grippe. Er war bei ihrem neuen Unternehmen unersetzbar. Für die Gesandtschaft zu König Karl wurde er jedoch nicht benötigt.

Damals waren sie zu dritt ausgezogen um die Welt zu erobern. Bisher hatte es nur zu einem Wilayat gereicht, aber das sollte sich ja gerade mit Abdallahs maßgeblichem Beitrag ändern. „Ich wünsche, dass du, Abdallah, unverzüglich zum Born des Rio Pader reitest. Die Zeit wird knapp. Die Franken halten ihr seltsames jährliches Treffen gewöhnlich im Mai ab. Zu unserem Pech jedoch zum ersten Male weitab, fern im Land der Sachsen. Der weite Weg der Anreisenden aus ganz Franken zwingt sie zu einem späteren Termin, Ende Juni. Du musst die Franken, und vor allem ihren König, noch vor Eröffnung ihres Reichstages für unser Anliegen gewonnen haben. Danach ist uns der Reichstagsbeschluss sicher. Du musst getarnt im Geheimen reisen. Niemand darf wissen oder auch nur ahnen, was wir vorhaben. Erfährt Abderrahman I. in Cordoba davon, haben wir seinen Dschund am Hals, ehe die Franken uns helfen können! Und nun, Abdallah, lass uns mal hören, wie willst du deinen Auftrag in Angriff nehmen?“

Abdallah, für damalige Verhältnisse mit seinen 22 Sommern mitten im Leben angekommen, war das beispielhafte Abbild eines jungen Maurenkriegers, eines Chassa-Offiziers von Adel. Schlank, mittelgroß und von einnehmender Gestalt, da fielen ihm die Mädchenherzen zu. Arrogant, sich jedem überlegen dünkend, kaum belehrbar oder zu zügeln. Nur dem herrschenden Emir und seinem Vater, dem Hadjib und somit zweiten Mann im Wilayat, bezeugte er Respekt. Alle anderen sah er bereits als seine Domestiken. Das störte seinen Schwiegervater nicht. Abdallah besaß nicht nur das Wohlwollen des Fürsten. Der sah, einvernehmlich mit seiner Umm, in dem tatkräftigen jungen Chassa seinen Nachfolger. Davon wusste der noch nichts.

Trotz seines jugendlichen Alters hatte er aber schon so manche Bewährungsprobe, bestanden. Waren auch nicht alle von Erfolg gekrönt, so hatten sie ihm doch Erfahrung eingebracht. Er bekleidete keinen Rang, außer den ihm angeborenen als adeliger Chassa. Sein Vater beschäftigte ihn als seinen Adjutanten. Er gehörte zum Offiziers-Corps, und war Schwiegersohn des Emirs, der ihn gern als seinen Gesandten einsetzte. Er lungerte mehr oder weniger am Hof, und fummelte als in der Verwaltungsordnung nicht vorgesehener Sohn im Bürokraten-Alltag herum.

„Der Wesir al-Rasa´il hat mich nun eine ganze Woche lang informiert. Wir haben den Reiseweg ausgearbeitet und die Einzelheiten festgelegt. Unsere Reiseplanung ist abgeschlossen. Mehr aber auch nicht. Die Einzelheiten der Durchführung müssen wir heute abklären. Das Unternehmen kann nur klappen, wenn ich mit meiner Eskorte verkleidet reise. Zum Beispiel als eine Fernhändler-Karawane. In dieser Form könnten wir auch die notwendigen Gastgeschenke tarnen und unauffällig transportieren.“ Schweigend überlegte die Runde.

„Die sollten wir zuerst mal festlegen, dann können wir weiter überlegen. Ich gehe mal davon aus, dass diesmal keine Monstranzen und Altargeräte in Frage kommen. Solches unser Raubgut könnte bei den christlichen Franken sauer aufstoßen“, warf Malik ibn Anas, der Wesir al-Rasa´íl ein, der sowohl Postminister wie auch Chef der Spionage war.

„Da du, Malik, als Oberspion die Franken ja am besten kennst, was wäre sonst geeignet, die Franken für uns einzunehmen?“ Jazid hakte nach, schon etwas lispelnd. „Da die Gastgeschenke aus den Schatzkammern des Emirs, der Walis oder des Grafen gespendet werden müssen, bitte ich um Vorschläge, was da vorhanden ist und in Frage kommt!“

Erneut folgte Schweigen. Diesmal mit mancher eher bedenklich statt nachdenklich gerunzelten Stirn. Dann räusperte sich der Hadjib, des Emirs „Ministerpräsident“ und Abdallahs Vater: „Was das anbelangt, muss wohl unser Emir in Vorlage gehen. Wenn wir erst noch die Schätze der Fürsten prüfen, ist der Reichstag der Franken vorüber. Andererseits sollte Abdallah die schnellste Straße nehmen, und die führt über Huesca und Barcelona. Wenn die beiden Walis morgen mit Abdallah aufbrechen, kann er unterwegs ihren Beitrag aufnehmen. Abu Taur, was kann Huesca bieten?“ „Hmm, naja, ich weiß nicht – Huesca ist arm, ich kann nicht viel bieten. Gold und Silber hab ich nicht. Vielleicht ein paar Schmuckstücke, wenn ich meine Harims-Damen darum beraube!“ Stille folgte, die nun ein wenig unruhig ausfiel. Jeder Anwesende wusste um die Ertragskraft dieser Grafschaft mindestens so gut Bescheid wie der Wali. Es wollte nur keiner vorpreschen und den Guten auch noch provozieren. Denn Wali Abu Taur von Huesca konnte sehr rasch auf stur schalten, wenn er sich in die Enge getrieben sah. Daneben war er allgemein als Geizkragen bekannt. Malik ibn Anas, der Wesir al-Rasa´íl rettete die Geschenkproblematik. Listig, nebenbei und mit Blick in sein Weinglas: „Die Franken sind für unserer Kampfesweise nicht zu begeistern. Sie haben für den Krummsäbel nichts übrig. Vielleicht könntest du aus deinem Beutebestand zwei Schwerter beisteuern?“ „Das könnte ich tatsächlich, aber ob die eine Königsgabe darstellen?“ „Ich denke da an zwei ganz bestimmte! Du hast dir doch gerade zwei königliche Prachtstücke aus Damaskus zugelegt!“ „Woher weißt du…?“ Im selben Augenblich ging ihm auf, dass er sich selbst verraten hatte. Am liebsten hätte er sich auf die Zunge gebissen – zu spät. Die Neugier der Runde war geweckt. Leugnen oder herabspielen nutzlos. Blitzschnell begriff er: Jetzt ging es nur noch um Schadensbegrenzung, sonst war er die Schwerter los. Er konnte vielleicht noch das Mehr verhindern, indem er die nun so hoch bewertete, dass die anderen sich mit einem davon begnügten.

„Ich habe erst letzte Woche zwei erstklassige Schwerter, neue Klingen, aus bestem Damaszener-Stahl erworben. Der Handschutz jeweils vergoldet, der Griff gewickelter Golddraht, am einen Knauf leuchtet ein grüner Smaragd, am anderen funkelt ein roter Rubin. Zwei Prachtstücke, jedes eine würdige Königsgabe. Ich bin in beide rettungslos verliebt – aber eines davon stelle ich zur Verfügung. Das gebe ich mit! Entscheidet ihr, welches es sein soll.“ „Ich fürchte, du musst beide hergeben! Eines für König Karl, das andere für seinen Busenfreund Hruotland, den Markgrafen der Bretagne, den die Germanen Roland nennen. Das erst bringt uns den Erfolg! Der ebenso kleine wie unheilbar eitle Gernegroß Hruotland, durch diese „Gleichstellung“ mit seinem Kumpel Karl geehrt – unser Anliegend und Abdallahs Mission haben jetzt schon den Erfolg sicher!“ Emir Husayn hatte sofort begriffen und reagiert. Betroffen verzog Abu Taur, mächtiger Wali von Huesca, sein Gesicht in mürrische Falten. Die umfassenden Kenntnisse des Spionagechefs Malik über der Franken innere Führung hatte er nicht einkalkuliert. „Nein! Nein! Nein! Kommt überhaupt nicht in Frage! Eines meiner Schätzchen behalte ich!“ Sein Stöhnen kam zu spät.

Maliks Idee hatte sich sofort in den Köpfen der Anwesenden als beschlossen festgesetzt. Jazid sprach es aus: „Lieber Vetter Abu Taur, du musst dich von beiden deinen Geliebten trennen. Ich!!! Dein künftiger König befiehlt es dir“, brabbelte er etwas zusammenhanglos. „Tröste dich! Sitze ich erst mal mit dieser deiner generösen Hilfe auf dem Thron, schenke ich dir zwei neue solche Schätzchen!“ Vergnügt über seinen Geniestreich grinste er in die Runde. Abu Taur sah sich hilfesuchend ebenso um – und resignierte. Er las es mühelos in allen Gesichtern. Dieser verfluchte al-Rasa´il, dieser Malik hatte ihm einen üblen Streich gespielt. Grollend gab er nach. Mit König Jazids Lieferung brauchte er nicht zu rechnen, und dem elenden Schurken Malik würd er es bei Gelegenheit zurückzahlen, nahm er sich vor.

„Und du, Suleiman, was bietet Barcelona?“ Der war nun gewarnt, und zu schlau, um jetzt noch seine Schätze preiszugeben. „Erst mal überlegen. Ich horte keine Besonderheiten. Ein Säckchen mit Gold-Denaren hätte ich zu bieten – aber das ist wohl keine Gabe für Könige. Andererseits bin ich bereit, damit die Reisekosten Abdallahs zu bestreiten. Ja, wenn ich einen jungen Elefanten, oder wenigstens eine junge Löwin oder ein Affenpaar hätte – das wäre was! Hab ich aber nicht! Ach ja, da fällt mir ein – aber ich weiß nicht…“ „Los, raus mit der Sprache, oberster Häuptling aller erfolgreichen Mittelmeer-Piraten, lass uns das Urteil fällen!“ löste ihm der Emir launig die Zunge. „Nun, letzte Woche brachte einer meiner braven Schiffskapitäne einen verdächtig reichen Handelsfahrer aus Griechenland auf. Der hatte eine Sammlung von vier Nubier-Mädchen an Bord, aus dem Lande Punt, das andere wohl auch Äthiopien nennen. Alle rank und schlank, gleich groß, jede gleichermaßen wohlproportioniert, an den richtigen Stellen gerundet; jede 12 Winter alt, und jede noch Jungfrau. Die sitzen unberührt bei meiner Umm im Harim. Das wäre in meinen Augen ein königliches Geschenk, das die Franken überwältigen müsste. Wenn der König sie nicht selbst benutzen will, könnte er mit diesem hellbraunen Elfenbein den einen oder anderen seiner Grafen auszeichnen!“

Das musste erst mal verdaut werden. Grübelnd blickten sie sich an. Dann rief der Wesir al-Rasa´il begeistert aus: „Großartig! Genau das ist es! Abdallah reist getarnt als Sklavenkarawane zum Pader Born. Die beste Tarnung die wir uns ausdenken können! Und genau das richtige Argument, das überzeugen wird: Die Mädchen sind keine Christinnen und keine ist eine Muslima. Also zum Geschenk als Sklavin bestens geeignet! Und außerdem: Der Frankenkönig ist der allerletzte seines Stammes! Er arbeitet mit allen verfügbaren Damen hingebungsvoll daran, diesem in seinen Augen besorgniserregenden Zustand abzuhelfen. Deine vier Grazien, lieber Wali, sind genau die perfekte Abrundung zu Abu Taurs beiden Schwertern. Wenn das nicht Abdallahs Auftrag gelingen lässt, will ich nicht länger Malik heißen!“. „Wir werden dich demnächst „Ali“ rufen, denn dein Vorschlag hat nur Aussicht auf Erfolg, wenn Abdallah ausschließlich Eunuchen mit auf die Reise nimmt, und selbst seinen bekannt emsigen Vermehrer von den Mädchen fern halten kann!“ juxte der angeheiterte Möchtegernkönig Jazid.

„Das bringt uns zur Frage, wer in Abdallahs Gesandtschaft mitreist. Es müsste eigentlich ein respektable Gruppe Würdenträger sein. Das aber verbietet die Geheimhaltung. Offenkundiger könnten wir unsere Absicht gar nicht öffentlich anzeigen. Ich meine, Abdallah sollte eine Gruppe erfahrener Chassas, einige unserer höheren Offiziere, nach seiner Wahl mitnehmen. Das ließe sich auch als eine Militärmission zur Erkundung der fränkischen Militärmacht umdeuten, wenn das nötig würde“, meinte sein Vater, der Hadjib. „Exakt so machen wir das!“ befand der Emir, und sah sich nach Widerspruch um. Es kam nur beifälliges Nicken. „Ich fasse zusammen, und nichts wird schriftlich festgehalten! Jeder gräbt das in seinen Kopf: Wir entsenden Abdallah mit einer Gruppe Chassas, dazu einige Murabitun, getarnt als Sklavenkarawane. Der Mädchen halber füge ich einige zuverlässige Sklavinnen zur Abrundung des Angebotes bei. Aus meiner Schatzkammer entnimmt er für Mann wie Frau geeignete Goldschmuckstücke, je ein Dutzend Ringe, Ketten, Armreifen. Der Graf Theuderich schuldet mir als seinen Anteil daran ein Säckchen Gold-Denare – einverstanden, Graf Roderich?“ „Selbstverständlich, das machen wir so!“ „Sodann nimmt Abdallah auf der Durchreise unauffällig die Gaben der Walis in Huesca und Barcelona entgegen. Die Mädchen, Suleiman, müssen mit Maultieren übergeben werden. Die gesamte Karawane ist beritten. Zelte und Vorräte auf zwei oder drei guten und stabilen Karren mitgeführt, unsere besten Zugtiere vorgespannt, zeugen von vermeintlichen Handelsgütern. Einige sprachkundige und erfahrene Söldner spielen die Knechte und schützen gleichzeitig die Kolonne. Die Karawane eilt direkt ohne unnötige Aufenthalte zum Reichstag und dem König Karl. Dort erst verwandelt sich die Delegation der Gesandten in Chassas. Die entsprechend vornehme Seidenkleidung wird verdeckt auf den Wagen mitgeführt. Die Mädchen werden am Hof der Franken mit meinem Schmuck ausgestattet – aber nackt dem König in der Audienz zugeführt! Es müsste mit dem Sheitan zugehen, wenn die Franken und ihr König nicht geblendet sein werden. Nutze den Augenblick und lass dir eine rauflustige und beutesüchtige Barbarenhorde zusichern!“ Für einen Augenblick saß die Runde stumm. Dann kam begeisterter Beifall auf, Klatschen und Zurufe. Die neun Verschwörer waren alle gleichermaßen überwältigt von dem Geisteskind, das sie soeben gemeinsam zur Welt gebracht. Selbst die Damen hinter der Trennwand stimmten in die allgemeine Begeisterung ein.

Abdallah stellte noch am selben Abend seine Truppe zusammen und erteilte seine Befehle. Die halbe Nacht hindurch mussten die Männer schuften. Er saß derweil in der Schatzkammer des Emirs, sortierte goldene Schmuckstücke und schwere silberne Armreifen.

2. Kapitel: Nach Paderborn

Abdallah verabschiedete sich, nach halb durchwachter Nacht recht kurz angebunden, von seinen beiden hoch schwangeren Hauptfrauen. Prinzessin Rosana, Tochter des Emirs, heuchelte Bedauern und verbarg mühsam ihre Freude. Die Trennung gab ihr weiter unbegrenzt Gelegenheit, sich von ihres Herrn Gemahls einsatzfreudigen Offizieren nächtlich im Park verwöhnen zu lassen. Einer von ihnen, wer auch immer das gewesen sein mochte, hatte ihrem Bäuchlein zur ersehnten Rundung verholfen. Damit lag sie wieder voll im Rennen um die Vorherrschaft im Harim. Umm wurde, wer den männlichen Erstgeborenen hervorbrachte. Vaterschaftstests waren noch nicht zu befürchten. In ihren Augen war Abdallah ohnehin der Schuldige. Wie konnte der diese kleine primitive Wüstenmaus vorziehen, wenn doch eine hoch zivilisierte und elegante Dame, zusätzlich eine anerkannte Schönheit, im Bett auf ihn wartete? Der aber stieg Nacht um Nacht lieber ins Bett von Aischa, seiner Lieblingsfrau, und ließ Rosanas Lustwünsche unerfüllt. Mehr als gelegentliches Pflichtturnen, das er ihr als seines Emirs Tochter schuldete, durfte sie von ihm nicht erwarten. Da war ihr jeder andere männliche Ersatz willkommen, der dem Erfolg diente. Der Zieleinlauf stand inzwischen bald bevor. Die Wiederholung der Prozedur fand die Prinzessin jedoch so vergnüglich, dass sie davon nicht mehr lassen mochte.

Prinzessin Aischa, Tochter des mächtigen Fürsten des Banu Merin, brauchte nicht zu heucheln. Ihr Bäuchlein hatte Abdallah gefüllt. Nun stürzten die Tränen, weil ihr Geliebter schon wieder in die Ferne zog. Dass er seine blonde junge Gotin Biliana mit auf die Reise nahm, fand sie nur natürlich. Den Grund dafür deutete sie falsch. Für Aischa, wie für alle Harimsdamen, war es selbstverständlich, dass sie ihren Gatten mit den anderen teilen musste. Sie wollte sich nur nicht schon wieder von ihm getrennt sehen und wäre nur allzu gerne ebenso mitgekommen. Sie umklammerte ihn und wollte mitreisen. Das wies Abdallah barsch zurück. Ihr Zustand erlaubte keine Reiseabenteuer. Er machte sich energisch frei. Abdallah hatte den eigentlichen Grund verschwiegen, aber wohl überdacht. Nicht sexuelle Gier sondern der Wunsch nach vorbeugender Entspannung machte die Gotensklavin zur Reisegefährtin seiner Wahl. Er fand die blässliche Blonde nicht sonderlich attraktiv. Nur nützlich. Mit ihren Diensten, das wusste er, blieb seine „Ware“ von ihm unberührt. Nur dann konnte er diese am Ziel noch immer jungfräulich, in dem Zustand übergeben, der ihrer Bestimmung entsprach.

Er eilte zur Kaserne. Biliana trabte brav hinterher. Innerlich hüpfte sie. So gut hatte sie sich schon lange nicht mehr gefühlt. Um Rosanas Tyrannei zu entkommen wäre sie zu viel mehr bereit gewesen, wenngleich die Nächte mit Abdallah ihr nicht ein sonderliches Vergnügen bereiteten. Statt erhoffter Leidenschaft nur schale Pflichterfüllung. Die Marschkolonne war schon aufgereiht. Er nahm den Gruß der Männer und die entsprechende Meldung seines für den Marsch verantwortlichen Offiziers gnädig entgegen. Seine gotische Bettgefährtin stieg zu zwei älteren Sklavinnen des Emirs auf einen der Karren, er selbst auf sein Pferd. Aufbruch! Es rollte die Truppe vom Kasernenhof.

Sie waren früh aufgebrochen, mit dem ersten Morgenlicht, um die letzte Nachtkühle zu nutzen. Aber die Stadt erwachte noch früher. Durch deren enge Gassen mussten sie komplett hindurch, vom Kasernenhof im Süden zum Nordtor. Daher wartete eine kleine Einheit der Schurta, der jüdischen Stadtpolizei, vor dem Ausgang der Kaserne und setzte sich an die Spitze. Sie ritten bis hinter die Ebrobrücke voraus. Erst durch die schmalen Straßenzüge der westlichen Stadt der Muslime, dann durch das erste der drei nördlichen Stadttore über die hölzerne Fallbrücke auf den Uferdamm. Weiter gings unter der römischen Mauer nach Osten zum mittleren, dem nie geöffneten Nordtor der ehemaligen Römerfestung, das in den Palast-Park führen würde. Vor diesem verzweigte sich die gepflasterte alte Römerstraße. Der östliche Arm führte zum Nordtor der Christenstadt. Auf dem westlichen Damm zogen sie zur einzigen Brücke, mit der die Heerstraße in sieben mächtigen steinernen Bögen über den Ebro sprang.

Der Ausmarsch gestalte sich schwierig. Die Städter wimmelten bereits durch das Viertel. Die Basaris nahmen den Straßenrand für ihre Warenauslagen in besitz. Erste Duftwolken orientalischer Küchen-Kostbarkeiten mischten sich in den Straßendunst. Nur die Maultiere und Peitschen der Schurta machten es möglich, Raum für die Durchfahrt durch das Gewimmel zu bahnen. Auf dem Damm vor dem Tor wurde es noch schlimmer. Die Ebrobrücke war um diese Tageszeit ein Art Verkehrstrichter in Richtung Stadt. Jenseits mündeten Dutzende Feldwege in die Fernstraße. Die Landbevölkerung strebte zu den Märkten und Basaren. Hochbeladene Karren beförderten Landprodukte herbei. Kleine Herden von Schafen und Rindern trotten dazwischen. Am oberen Fluss strebten flache Flusskähne zum Kai, an dem schon andere entladen wurden. Auch die Führer dieser Karren zwängten ihre Gespanne in den Verkehrsstrom. Östlich der Brücke dasselbe Bild bei den Schiffen der Kauffahrer vom Mittelmeer. Ein ununterbrochener Verkehrsstrom brandete ihnen entgegen, der nur ein Ziel kannte: Die Stadt.

Es dauerte. Die Schurta-Polizisten schafften es auch nicht. Gegen diese Menschen- und Tierwogen half keine Peitsche. Immer wieder saß die Kolonne fest. Erst nach Stunden, die Sonne schon hoch am Himmel, hatten sie die Brücke hinter sich. Dahinter schlug das Bild um in das Gegenteil. Abdallahs Kolonne hatte zu dieser Vormittagsstunde stadtauswärts freie Bahn. Nur einige wenige Händler-Karawanen zogen in ihre Richtung. Er verabschiedete die Polizisten und ritt mit dem Transportführer Elim voraus, gefolgt von seinen beiden anderen Chassas. Die Karren, fast leer, folgten in raschem Lauf. Flott gings voran. Die Maultiere genossen den Aufbruch mindestens so sehr wie Biliana und trabten fürbass. Drei weitere Krieger folgten auf Maultieren mit einigem Abstand als Nachhut. Abdallah sah zu Elim hin, seinem erwählten Reisemarschall. Der war mit gut 10 Wintern mehr der älteste der vier Mauren-Ritter. Bewusst daher erwählt. Als der zweite im Kommando brachte er Erfahrung mit. Die beiden anderen waren junge Absolventen der Kriegsschule. Abdallah hatte sie mit ausgebildet und kannte ihre Fähigkeiten wie ihre Schwächen genau. Alle vier verstanden sich als etwas Besonderes. Chassa, das waren ursprünglich die fertig ausgebildeten adligen Krieger der Berber. Vergleichbar einem Baron besetzten sie auch in Iberien die Offiziers- und Kommandostellen. Eine gewisse Bildung und ausgeprägte Überheblichkeit befähigte sie dazu.

Er warf einen Blick zum wolkenlosen Himmel und wandte sich an Elim: „Das wird wieder ein heißer Frühsommertag. Wir dürfen die Tiere nicht überfordern. Von Mittag an drei Stunden Siesta, ohne das geht es nicht. Reite erst mal zügig weiter. Ich schau mir mal die Truppe an!“ Elim nickte und ritt voraus. Abdallah verhielt am Rande und ließ die Kolonne passieren. Er spielte in Gedanken Spion und prüfte sie aus scharfem Auge gründlich auf Fehler. Er fand keine. Seine Chassas waren ausgestattet wie ärmliche Handelsfahrer, die Köpfe gekrönt von einem fadenscheinigen Turban. Nur er kam wie ein mittelreicher Fernhändler einher. Sie alle hatten einen Säbel in der Scheide am Sattel hängen.

Acht erfahrene, ihm gut bekannte Krieger hatte er als Gefolge ausgesucht. Fünf saßen auf dem Bock einer Zweirad-Karre und ließen die Maultiere traben. Sie waren Murabitun, Krieger der unteren Klasse und zumeist ehemalige Sklaven. Jeder war ein kriegserfahrener Legionär. Jeder ein alter Söldner und umsichtiger Unteroffizier. Kein Maure, kein Berber, kein Araber. Nur Franken, Slawen, Germanen, Iberer und Basken. Sie waren abgerissen eingekleidet, wie Karawanen-Sklaven. Jeder trug ein Messer im bunten, von Motten gelöcherten Gürtelschal. Ihre weiteren Waffen waren nicht zu sehen. Schließlich kam die Nachhut heran. Nur sein scharfes Auge und das Wissen darum ließ ihn erkennen, dass die drei Reiter neben ihren Dolchen am Gürtel, zusätzlich einen Säbel verdeckt im Sattel stecken hatten. Er gesellte sich zufrieden mit dem Ergebnis zu den Dreien. „Basco und du, Bartold, ihr kommt mit mir zur Spitze! Du, Eris, wirst fortan allein die Nachhut reiten!“ Ohne eine Erwiderung zu erwarten spornte er sein Pferd an. Die beiden Söldner folgten ihm. Bei Elim angekommen befahl er weiter: „Ihr zwei reitet von nun an nach jedem Aufenthalt zügig voraus. Auftrag: Lagerplatz suchen, vorbereiten, Brennholz sammeln, mittags für die Siesta, abends zur Nacht. Abseits von Siedlungen und Straße, Bäume, Schatten, Gras für die Weide, ein Bach! Wiederholen!“ Im Duett erklang das Echo. „Ab mit euch – und schont eure Maultiere!“

Wenig später trabten sie schon außer Hörweite voraus. Bartold pfiff fröhlich vor sich hin, stoppte, und sah zu Basco. Er musste erst auf Arabisch umdenken, um sich mit ihm unterhalten zu können. „Warum grinst du wie jenes Honigkuchenpferd, das der Prophet als Säugling gelutscht hat?“ „Aus demselben Grund, aus dem du pfeifst! Da siehst du mal wieder, wie wertvoll ein Baske ist! Ohne mich würdest zu hinten mit Eris Staub schlucken.“ „Oller Angeber, gibs dran, deine Sprache hast du per Zufall mit der Muttermilch geschluckt!“ „Ja, genau wie du dein Fränkisch! Und beides zusammen hat uns Bewegungsfreiheit eingebracht! Ist dieser Morgen nicht herrlich? Kein Chassa weit und breit! Keiner der uns herumkommandiert!“ „Jubel nicht zu früh! An jedem Lagerplatz wirst du wieder zum rechtlosen Befehlsempfänger!“ „Macht nichts. Dafür entschädigen uns nachts Mascha und Adegund mit ihren Diensten!“ „Hoffe nicht auf allzu viel. Du musst die beiden mit sechs anderen teilen. Und da wir ja nur abseits lagern werden, darfst du die Chassas auch noch einbeziehen. Denn dass Abdallah seine Biliana mit denen teilen wird, halte ich für so wahrscheinlich, wie du des Emirs Übertritt zu unserem Christentum!“ „Nun, so wie ich Adegund kenne, macht sie bereits mit Mascha einen Fahrplan für die Nächte.“ „So, so, sieh einer an! Dieser „Sihdi“ „kennt“ also die Adegund!“ „Aber sicher! Die war doch Küchensklavin. Sie hatte freien Zugang zum Kräutergarten im Park. Wir haben uns manche Nacht zwischen den Blumenrabatten gewälzt! Im Übrigen kenne ich einen Franken, der auch gelegentlich nächtlich im Park gesichtet wurde, wo er etwas anderes als Wachdienst ausübte!“ „Mag sein, aber nicht mit einer Willigen, die Adegund hieß. Schließ lieber für dich daraus nicht auf Bevorzugung! Nur ein Chassa hat Vorfahrt. Du wirst dich mit uns einreihen. Und nun schließ lieber mal dein Riesenmaul. Dort oben über uns kreist schon einer der Lämmergeier. Der will bestimmt sein Nest in deine Höhle bauen!“ Basco riss seinen Mund zur Erwiderung noch weiter auf – und klappte ihn sofort wieder zu. Ein heißer Luftzug ließ ihm die Kehle trocknen. Die Mittagshitze wogte herbei.

Nur eine Meile hinter ihnen kam die verstaubte Gruppe schon wie ein Zug echter Fernhändler daher. Niemand konnte nun unter ihre Tarnung sehen. Vier Tage lang ging es flott auf der Ostschulter des Rio Ebro hinunter, nach Süden, und dann ab dem Dörfchen Lleida westwärts, in Richtung Barcelona, so wie es die Steinplatten der Römerstraße vorgaben. Huesca hätte einen Umweg bedeutet. Der Wali selbst hatte Abdallah unter vier Augen darauf hingewiesen. Den anderen Ratsmitgliedern schien das nicht aufgefallen zu sein. Oder sie hatten aus Respekt den Irrtum des Emirs und seines Hadjibs nicht korrigiert. Wie auch immer, der Wali heilte den Fehler und schwor, seine kostbaren Schwerter mit Eilpost und starker Bewachung dem Wali von Barcelona zu liefern.

Abdallah, seine Offiziere und die als Knechte getarnten Unteroffiziere hatten genug Erfahrung, um Eile mit Weile zu paaren. Zügig, doch unauffällig, schwamm die Kolonne im täglichen dichten Straßenverkehr mit. Die mit meterlangen Steinquadern gepflasterten, und nun schon mehr als 800 Jahre alten und 30 Fuß breiten Römerstraßen, bildeten in Westeuropa ein Fernstraßennetz, das mit den heutigen Autobahnen verglichen werden kann. Es war ähnlich dicht genutzt. Sie überholten nur dann, wenn sie auf einen Stau trafen. Die Tiere wurden von ihnen aufmerksam betreut und gehütet. Der angehende Sommer begleitete sie. Nur gelegentlich ein erfrischender Regenschauer. Die saftig grüne Region, ihre Wälder und Auen, hielten das Klima im erträglichen Bereich. Dennoch war die mittäglich volle Sonne eine arge Beschwernis für Mensch und Tier. Am besten erging es noch den drei weiblichen Reisenden im Schatten der Wagenplane. Dafür mussten sie das Holpern der Straße und das Kreischen der Achse ertragen. Jede Reiseunterbrechung wurde zur Erlösung. Ohne die übliche Siesta ging es nicht.

Mittags einige Stunden Rast an einem Wasser, und im Schatten eines Waldes mit Weidemöglichkeit, das musste genügen. Dadurch kamen auch die Menschen zu ihrer Erholung, zum Auslauf und zur Einnahme von Mahlzeiten. Im Ergebnis ging es so mit Ausdauer zügig voran. Im ersten Morgenlicht brachen sie ihre Zelte. Im letzten Tageslicht bauten sie die wieder auf. Bewusst mied Abdallah die Raststätten. Geheimhaltung war oberstes Gebot! Sie hatte den Vorrang vor Luxus und Bequemlichkeit. Abseits der Fernstraße im Wald wurde das Lager errichtet. Und nachts von den erfahrenen Murabitun umschichtig bewacht. So schafften sie die 300 km bis Barcelona in beachtlichen 7 Tagen.

Am frühen Abend, die Stadt voraus schon erkennbar, hockten die beiden vom Vortrupp am Straßenrand. Zusammen mit einem alten Bettler. Bevor Abdallah reagieren konnte, stand der Bettler in seinem Weg. Munter und erstaunlich sicher trat er zu dem an der Spitze reitenden Abdallah, hob sich verneigend die Rechte an seine Stirn und sprach ihn an. Es war ein Rastrero, ein Erkunder des Walis. „Sihdi, mein Herr, der Wali, sendet euch seinen Gruß. Er bittet euch, die Stadt zu meiden. Nur so kann Geschwätz vermieden werden. Mein Herr hat bereits gehandelt. Wir benützen die Abzweigung hier, nach Norden um die Stadt herum. Eine Stunde später findet ihr einen fertigen Lagerplatz, an einem Bach im Wald. Dort lagert seit heute Mittag eine „Händler- Karawane“, verkleidete Rastreros mit euren Waren. Morgen früh ziehen beide „Karawanen“ entgegengesetzt davon - und niemand ist weiser!“ „Gut, dann reite mit den beiden voraus. Wir folgen!“ Der angebliche Bettler zog ein gesatteltes Maultier aus dem Busch. Die drei ritten mit einigem Vorsprung voraus. Ganz so, als ob sie mit der ihnen angestrengt nachfolgenden Händlertruppe nichts zu tun hätten.

Die Übergabe am Abend erfolgte wie abgesprochen. Die beiden Trupps lagerten sich scheinbar nebeneinander an einem Bach. Die beiden Walis hatten zu Abdallahs Erleichterung ihre Zusagen peinlich genau eingehalten. Er hatte sich zuvor Kopfschmerzen gemacht. Wie sollte er sich verhalten, wenn ihn einer oder gar beide im Stich ließen? Oder der Herrscher von Barcelona die ihm anvertrauten Schwerter so interessant fand, dass er sich nicht mehr von ihnen trennen mochte? Machtmittel, um sie zu zwingen besaß er nicht, und so ein maurischer Wali war nur schwer zur Preisgabe von Schätzen zu überreden. Dankbar erlebte er diese seltene Ausnahme. Die Schwerter, eingehüllt in je einen kunstvoll geknüpften kleinen Perserteppich, nahm er tiefer mit in den Wald. Einerseits Fan seines Krummsäbels, begeisterte er als Connaisseur sich doch für diese Prachtstücke. Mit einigen kunstvollen Chassa Fechthieben zerteilte er einige Kubikmeter Luft in Schnipsel. Beide Waffen zeigten sich präzise ausgewogen. Bei den Jungfrauen beließ er es beim äußeren Augenschein. Das schien ihm ratsamer!

Am nächsten Morgen zogen sie in entgegengesetzten Richtungen davon. Dass Abdallahs Kolonne über Nacht um einiges zugenommen hatte, fiel niemandem auf. Im nun schon eingespielten und perfektionierten Zusammenwirken rollte und ritt sie in Reichweite am Mittelmeer nach Norden. Die nächsten 400 km brachten sie nahe Nimes. Die vier Mädchen, alle gleich von hellem Kaffeebraun, erwiesen sich tatsächlich als die angepriesene Augenweide. Die grazilen jungen Damen betörten Sinne, von denen der eine oder andere Unteroffizier bereits geglaubt hatte, er hätte sie nicht mehr. Abdallah sah sich genötigt, seine Männer nachdrücklich zu verwarnen. Er verwies sie zum Trost auf die zwei Sklavinnen, die nicht nur die jungen Mädchen betreuen und bewachen mussten. Sie standen zusätzlich des Nachts reihum den Männern zur Verfügung, oder, genauer gesagt, sie lagen ihnen zur Entspannung.

Zu aller Erleichterung hatte der Wali die vier Grazien mit verträglichen und gut eingerittenen Maultieren ausgestattet. Und ebenso erfreulich war, dass sich alle vier sehr gut im Sattel behaupten konnten. Doch schon am nächsten Abend wandte sich Adegund, nun sowohl Chefköchin wie Obersklavin, an Abdallah und berichtete von einem neuen Problem. Die zarten Sitzflächen und die empfindlichen Spältchen der Mädchen litten beachtlich unter der Beanspruchung. Zwar habe sie bereits Peitschensalbe zum intensiven Einsatz gebracht, jene, mit der ansonsten Delinquenten nach 50 Peitschenhieben wieder gebrauchsfähig gemacht wurden. Wenn er aber so weiter mache, würden die Schwielen am Po die Ware in Paderborn sehr unansehnlich erscheinen lassen, bemerkte sie ebenso deftig wie listig.

Da erwies es sich nun doch als sehr hilfreich, dass der Reisemarschall beim Abmarsch zwei Karren mehr in die Kolonne eingefügt hatte, als eigentlich nötig. Sehr zum damaligen Unwillen Abdallahs, der sich nur schwer von deren Nützlichkeit überzeugen ließ. Es war auch keine besondere beabsichtigt. Einfach Vorsorge, eine Reserve für eventuelle unvorhergesehene Schwierigkeiten. Außerdem beschleunigte das die Reise. Die Ladung auf mehr Karren verteilt, machte die weniger belastet. Da sie in Eile waren, konnten die Ersatzkarren Reparaturaufenthalte ersparen. Notfalls lud man einfach um, und ließ einen zusammen -gebrochenen Wagen zurück. Jetzt war eine solche unvorhergesehene Problemlage da. Und die Abhilfe auch. Die Mädchen wurden halbtags gefahren, in der anderen Zeit durften sie reiten.

Nach ein paar Tagen konnte Abdallah es sich abends nicht mehr verkneifen. Er überzeugte sich eigenäugig, im Zelt und bewacht von den Sklavinnen, vom tadellosen Zustand der nackten Mädchenpopos. Er konnte einfach nicht anders. Jeder Po wurde sanft gestreichelt und befühlt. Zart und wie erträumt, befand er bei sich selbst. Viel zu schade für die fränkischen Barbaren, diese knackigen Pos. Gerne hätte er einen nach dem anderen einige Nächte hindurch in seinem Bett weitergestreichelt. Mannhaft zügelte er seine Phantasie. Fast zu spät. Die aufrichtende Wirkung und die ihr folgende Beule waren nicht mehr zu übersehen. Überstürzt nahm er Reißaus, und fiel ersatzweise in seinem Zelt über die blonde Gotin her. Biliana musste, nicht wenig verwundert und erstaunt, seine mehrfach wiederholten orkanartigen Sturmläufe ertragen. Von da an hielt er sich vorsichtshalber von seiner „Ware“ fern.

Von der magnetischen Anziehungskraft der zierlichen Mädchen, und der von ihnen ausgehenden Versuchung wurde er 14 Tage später fast erlöst. Das Vorhandensein solch ansprechender Beute ließ sich einfach nicht verbergen. Auch andere Männer warfen ein Auge auf diese Schönheiten. Unter den auf der Fernstraße ziehenden Gruppen waren nicht nur Händler oder Bauern. Unerkannt zogen Spitzel und Informanten der jeweiligen lokalen Schurken- und Banditenbanden mit. Die gehörten damals zur Fernstraße wie die Piraten zum Meer und die Läuse zum Pelz. Bald sprach sich die interessante mögliche Beute herum. Fama eilte der Gruppe voraus. Schneller sogar, als der noch nicht vorhandene Telegraf es hätte können. Eine wirksame Bekämpfung existierte nicht. Es gab weder Polizei noch Landreiter, weder den Sherif noch den Ranger. Nur der Zufall oder ein energischer Gaugraf konnten das steuern. Im letzteren Fall gedieh das auch nur zur Verdrängung. Die Bande wich in den ruhigeren Nachbargau, wo es nun am altrömischen Highway umso höher herging.

Südlich von Nimes hatte Abdallah, gemäß den Weisungen des bestens informierten Wesirs al-Rasa´il, seine Kolonne entlang dem Mittelmeer nach Osten geführt. Zwar weit im Binnenland, und auf der festen Römerstraße. Aber so konnten sie die stark bevölkerte Römerstadt Nimes vermeiden und direkt das Tal der Rhone erreichen. Das hinauf führte die beste Fernstraße zur Schweizer Wasserscheide, und von dort weiter zum Rhein. Diesen Weg sollte und wollte er nutzen, um das schwierige ausgedehnte französische Mittelgebirge zu umgehen.

An diesem Abend bauten sie ihr Lager wieder mal in einem Waldstück auf, an einem ruhigen Bach, der gleich darauf nahe der alten Römerfeste Arles in der Rhone verschwindet. Am nächsten Morgen wollten sie auf der dortigen kombinierten Furt- und Brückenführung die Rhone queren und jenseits Avignon zustreben. Mit besorgter Miene kam der Unteroffizier Gregor zu Abdallah. Niemand kannte sein Alter, auch er selbst nicht. Vom Aussehen her, bärtig, zottelig, und durchweg grau, glich er eher einem uralten Pyrenäenbär. Der Iberer war wohl der älteste und erfahrenste der Legionäre: „Sihdi, wir sind heute ein und derselben Zigeuner-Gruppe mehrfach begegnet. Sie haben uns überholt, dann am Rande der Straße gelagert, bis wir wieder vor ihnen lagen. Unseren Vorbeimarsch haben sie jedes Mal neugierig schielend, aber nach meiner Meinung auch spionierend, intensiv gemustert. Danach haben sie das noch zweimal so gemacht. Dadurch fiel mir auf, dass unerklärlich viele junge Männer, kaum Frauen und Kinder, vor allem aber keine Alten dabei waren. Seither habe ich sie nicht mehr gesehen. Ihr habt sie wahrscheinlich gar nicht beachtet. Ich jedoch sehr genau, und nun habe ich Bauchschmerzen. Nur ein ungutes Gefühl, mehr ist es nicht. Aber mein alter Soldatenspürsinn gibt keine Ruhe. Da ist was im Busch! Wir sollten uns vorsehen!“

Abdallahs Chassa-Hochmut nahm das auf die leichte Schulter. Er lächelte nachsichtig: „Und? Was schlägt dein Bauch deinem alter Soldatenspürsinn als Lösung deines Problems vor?“ „Sihdi, verspottet mich nicht! Gestern hattet ihr mich mit Eris und einem Karren ins Dorf gesandt um Lebensmittel aufzukaufen. Die Bauern warnten uns und erzählten, dass seit längerem eine nicht bekannte Räuberbande aktiv ist. Sie lassen die Dörfer unbeachtet. Aber mehrfach wurden kleinere Handelskolonnen des Nachts überfallen. Es gab nie Überlebende. Man findet nur Leichen! Den vermutlich Überraschten und Gefangenen wurden ohne Ausnahme die Hälse durchgeschnitten. Nichts mehr fand sich vom Handelsgut, von den Tieren oder Karren. Hier in der Gegend, im Mündungsgebiet der Rhone gibt es unzählige Sandmarschen mit Inseln. Die haben sumpfige Buschzonen, und bieten reichlich verborgene Schlupfwinkel! Die vielen Zigeunerbanden, scheinbar auf der Wanderschaft, sind ein täglicher Anblick. Es könnte sein, dass wir heute Nacht die Zigeuner unerwartet wiedersehen. Das möchte ich gern vermeiden und meinen Kopf behalten. Die Köpfe aller anderen auch. Die Mädchen werden nichts erleiden müssen! Nur das, was sie ohnehin erwartet. Ihr, Sihdi, selbst wenn ihr überlebt, stündet aber ohne sie recht dumm da! Ich bitte euch: Ruft die Männer zusammen und lasst uns vorbeugen!“

Nun war es ihm gelungen. Abdallahs Argwohn war geweckt. Sein Lächeln erlosch. Nachdenklich sah er dem Graubart in die Augen. Was er sah, war Besorgnis. Er erinnerte sich jäh all seiner bösen Erfahrungen. So manches Mal hatte er deren Erwerb teuer bezahlt. Inzwischen hatte er gelernt, dass Denken vor Handeln kam. Er rief alle männlichen Anwesenden zum Rand der Lichtung. Abseits von den Frauen ließ er den alten Veteranen vieler Kämpfe und Razzien dessen Ahnung ausbreiten. Dann wandte er sich an seine zwei jungen Offiziere: „Was denkt ihr dazu?“ „Endlich mal Abwechslung. Ich dachte schon, die Langeweile bleibt unser Reisegefährte! Ein Chassa geht keinem Kampf aus dem Weg. Wachen ausstellen, kommen lassen, niedermachen!“ Hassan jubelte und hüpfte in Vorfreude. Sein Freund Aron wartete gar nicht ab: „Jawohl, Hackfleisch und Blutwurst machen wir aus denen!“ krähte er begeistert hinterher. In Abdallahs Gesicht zuckte es. Man konnte das fast für Schmunzeln halten. Genauso hätte er vor 5 Jahren auch noch reagiert, damals, als er auf seiner ersten Razzia mit ins Frankenland reiten durfte. Inzwischen hatte er dazugelernt. „Was hältst du davon, Elim, und was rätst du uns?“ Der zauderte nicht lange mit der Antwort: „Mit unseren 5 Karren bekommen wir keine Wagenburg zusammen. Sie sind ohnehin immer nur in einem Halbkreis um die Zelte aufgebaut. Sonderlich hilfreich ist das nicht. Ein harter Kampf könnte uns mehr kosten, als uns lieb ist. Wir sind hier nicht auf einer Razzia unterwegs, wir haben eine Mission zu erfüllen. Vorsicht ist die Mutter aller Erfolge, und Klugheit ist die bessere Schwester der Tapferkeit! Falscher Stolz könnte uns das Leben kosten! Auf jeden Fall riskieren wir den Erfolg der Mission! Mein Rat: Lager abbrechen und sofort hinunter nach Arles. Im Schutz der Mauern des ehemaligen Römerstädtchens dürften wir für diese Nacht sicher sein!“

Ein kurzer Blick in die Runde, und Abdallah brauchte nicht weiter zu fragen. Der doppelte Hinweis auf seine Verantwortung für das Gelingen der Reise hatte ihn bereits überzeugt. Schnelle Befehle folgten. Die Abendruhe schlug um in zielstrebige Geschäftigkeit. Während Abdallah die Frauen informierte, brachen seine Männer das gerade begonnene Camp ab, beluden die Karren und schirrten an. Die Kolonne machte sich so unauffällig wie möglich zurück, auf den Weg zur Fernstraße. Die war schnell erreicht. Trotz der späten Stunde zogen immer noch reichlich Reisende ihres Weges. Zur Erleichterung aller sah man keine Zigeuner dazwischen. Sie reihten sich wieder ein und schwammen mit.

Noch im letzten Abendlicht querten sie die Rhone Brücken und setzten über zum jenseitigen Ufer. Eine Kombination aus Brücken, Dämmen und Furten hatte es einfach gemacht, die vielen Mündungsarme des Deltas zu überwinden. Eine Stunde später stand ihr Nachtlager auf dem Anger am Fluss. Angelehnt an die Stadtmauer, direkt hinter dem letzten, dem Hauptarm der Rhone, und zu Füssen der mächtigen römischen Burgmauer fühlten sie sich sicher aufgehoben.

Den Mauren schien es nun geraten, schnell und möglichst weit ab vom Meer und den Zigeunern die Rhone hinauf zu kommen. Der nächste Morgen sah sie schon mitten im Verkehrsstrom, auf dem Zug den Fluss aufwärts. Abdallah beschloss, von nun an nur noch in einer Siedlung zu übernachten. Er befand sich weit genug aus der Reichweite des Ober-Emirs. Im Frankenland ging Sicherheit vor Geheimhaltung. Ein möglichst kleines Dorf oder eine einsame Karawanserei, die man hier eine Taverne nannte, bot beides. Dort weckten sie nur wenig Aufmerksamkeit, und dort schlief es sich ruhiger. Die beiden Vorreiter bekamen ihre Befehle entsprechend geändert.

Ohne besondere Zwischenfälle erreichten sie so die Burgundische Pforte, und an den beiden gewaltigen Schweizer Seen entlang den Oberlauf des Rheins. In der alten Römerfeste Basileam nutzten sie die dortige Steinbogenbrücke, auch von den Römern hinterlassen, und Abdallah mietete im Hafen den größten Rheinkahn, den sie finden konnten. Zwei ihrer alten Legionäre waren germanischen Ursprunges und konnten sich in der exotischen Sprache der Eingeborenen mit ihnen verständigen. Die Gruppe war zu groß. Die beiden Sprachgewandten verkauften auf dem Markt der Stadt drei Karren, und alle Maultiere bis auf die vier besten Zugtiere. Nur diese, und die vier Pferde der Chassas kamen an Bord.

Die Schiffer packten an. Die Karren wurden in der Mitte, im Bauch des offenen Kahns festgezurrt. Die Tiere an ihnen festgebunden. Es wurde auch so noch eng genug. Geschlafen wurde unter dem Sternenzelt. Die eine kleine Vordeck-Kajüte blieb den Damen. Aber auch die hatten sich hier der Not zu beugen. Wer musste, der musste auf die Bordwand, und von dort aus den Flavus Rhenus anfüllen. Ein Grund mehr, gelegentlich bei einem winzigen Quellbach anzulegen, um Wasser aufzunehmen. Die notwenigen Getränke wie Bier und Wein fanden sich käuflich in jedem kleinen Hafen.

Wie im Fluge ging es rudernd und segelnd flussab. Die Reisenden aus dem nun fernen Al-Andalus bestaunten eine exotisch fremde Welt. Die Höhen des Schwarzwaldes zogen fern vorbei. Die ehemaligen Römerstädte Moguntiacum, Confluentes und Colonia Agrippina folgten, nunmehr Burgstädte der Franken, und ihre Namen inzwischen auf dem Weg zur Germanisierung. Die Schiffsmannschaft verstand ihr Geschäft. Den einzigen schwierigen Abschnitt mit Klippen und gefährlichen Strudeln meisterten sie gekonnt. Sie sahen hinauf zur steilen Felswand, auf der noch keine Lorelei saß. Der Rhein gab sich dahinter friedlich. Beide Parteien strebten das schnelle Geschäft an. Weite Strecken konnten nachts im Sternen- und Mondlicht gefahren werden. Die Mauren-Söldner packten aus Langeweile mit an beim Rudern.

Die nun hochsommerliche Hitze ließ sich auf dem kühlen Wasser in dauernder Siesta angenehm genießen. Sorglos absolvierten sie eine komfortable Lustreise. Diese 650 km ab Basel bis Wesel waren nicht nur der leichteste und schnellste – sie waren auch der angenehmste Teil der Reise. Schneller als erwartet erblickten sie die Mündung des Rio Lippe im rechten Ufer des Rheins. Die Frage, ob dies auch der richtige Fluss sei, stellte sich nicht. Die Schiffer behaupteten mir absoluter Überzeugung, dies sei ihr Zielfluss. Letzte Zweifel schwanden rasch. Sie steuerten direkt in die alte Römersiedlung Lippeham, und tätigten letzte Einkäufe. Damals bereits ein umtriebiger fränkischer Handelshafen im geschützten Lippe-Mund. Nun heißt das heutige Dorf Wesel. Der Fluss war einst der Römer Wasserstraße in das Land Germanien. Varus hatte sie genutzt, um in die dortigen Urwäldern vorzudringen, auf dass er sich dort in sein Schwert stürzen konnte. Danach Tiberius, um des Varus Versagen auszubügeln, was auch ihm nicht gelang.

Diese letzten 200 km forderten noch mal allerhand Schweiß. Theoretisch eigentlich ein Umweg. Bei den damaligen morastigen Waldwegen im Land der Mainfranken nach Norden, war die bequeme Flussfahrt auf Rhein und Lippe ein klügerer Reiseweg. Aber jetzt musste flussauf überwiegend gerudert und gestakt werden. Die gemächliche Strömung und die gute Wasserführung der Lippe förderte zunächst ihr Vorankommen. Anfangs begleitete ein noch viel genutzter Treidelpfad das Ufer. Die vier Zugtiere ließen sich auch vor ein Schiff spannen.

Auf halber Strecke, beim Dörfchen Hamm endete der Uferweg, und damit begann das Mühen. Hinter dem Lipperdorf tat sich eine urzeitige Morast-Landschaft auf. Beidseits des Flusses bis zum Horizont mückenschwangerer Sumpf. Darin immer wieder Moränenhügel aus der letzten Eiszeit. Jeder mit einem Eichenhain, darin eine Bauernkate. Die Sachsen hier lebten zwar mückengeplagt, aber das nur im Sommer. Entschädigt wurden sie durch lebenslange ungefährdete Freiheit. Beim ehemaligen Römerlager Anreppen liefen sie auf Grund. Damit endete die Schiffsreise.

Voraus lag Paderborn in Sicht.

3. Kapitel: Der Königshof an der Pader

Gleich nachdem sie in Anreppen wieder festes Land unter den Füssen hatten, begannen neuerlich die Schwierigkeiten. Die Schiffer empfingen ihren Lohn und verschwanden flussab. Erst als sie auch aufbrechen wollten erkannten sie, dass sie zwar trocken auf einen flachen Hügel standen. Der aber lag in einer ausgedehnten Sumpf- und Moorlandschaft. Die Flüsse Pader, Lippe und Alme waren, wie die sie umgebende flache Ebene, Erben des Eiszeitgeschehens. Verstreut ragten flache Hügel darin auf. Meist nur von einem fälischen Bauernhof in Anspruch genommen, ausgedehntere von kleinen Dörfern. Allesamt jeweils in einem Eichenhain geborgen. Wege schien es nicht zu geben. Nur der Ortskundige wusste, wo sie sich in den sumpfigen Talgründen unter Wasser durch den Morast schlängelten. Eine Region, die selbst den nahen Franken unheimlich schien und von ihnen verschont blieb.

Nach einigen vergeblichen Versuchen, irgendwo eine Landbrücke im Moor zu finden, gaben sie auf. Einer der wagemutigen Veteranen versank bis zum Hals im Modder. Ein ihm zugeworfenes Seil rettete sein Leben. Nackt sprang er nachfolgend in die Lippe, spülte den Morast vom Körper und wusch seine Kleidung. Es sah so aus, als ob sie bis zum Jüngsten Tage hier fest säßen. Mit den Karren, so schien es, gab es jedenfalls kein Weiterkommen.

Dem war nicht so. Die auffällige Ankunft der Reisegruppe war sehr wohl bemerkt worden. Ihre Exotik weckte Neugier. Hinter dem nördlichen Morast lag nur 100 m entfernt eine Hofanlage, heute Friedhof von Anreppen. Aus dem Bauernland, durch den Sumpf von der Landestelle aus unerreichbar, löste sich eine einsame Gestalt. Auf Umwegen und in Schlangenlinie watete ein junger Mann herbei. Manchmal knietief im Schlamm, aber er wusste offensichtlich, was er da tat. Blonde lange Haare, barfuß, und eine bis zur Hüfte aufgerollte lange Hose. Oben eine Wolljacke, darin der Sohn des Hofes. Vorsichtshalber näherte er sich mit Hilfe eines Watstockes nur bis auf 10 Meter. Wieder bewährte sich die Mitnahme der Veteranen. Ein Germanisch sprechender Murabitun konnte sich mit ihm verständigen. Der Westfale erklärte ihnen, dass sie mit ihren Karren so nicht auf direktem Weg die 15 km zum Hofe des Frankenkönigs zurücklegen könnten. Einen ihm zugeworfenen Silber-Denar fing er so geschickt auf, wie der Affe im Zoo die Banane. Er besah sie erst mal misstrauisch. Anscheinend hatte er noch nie eine maurische Münze gesehen. Ein Biss seiner kräftigen Zähne bewies es ihm: Silber wars, und nicht irgendein Blech.

Das überzeugte ihn. Er stieg zu ihnen. Der Bursche führte die Kolonne auf verschlungenen, ihnen im Sumpfland oft unsichtbaren Wegen zurück nach Westen, dann nach Süden zum Hof Boke. Weit kamen sie nicht, dann stak die erste Karre bis zur Ladefläche im Morast fest. Weder Peitsche noch Schieben halfen. Der Germane kannte das Problem und wusste Abhilfe. Er riet ihnen, die beiden Zugtiere des nachfolgenden Karrens abzusträngen. Das zweite Paar vor dem ersten angekoppelt, zerrten die vier Maultiere mit schiebender Unterstützung die Karre zum nächsten trockenen Buckel. Das Manöver wurde zweifach wiederholt, dann rollten sie auf trockenem Grund.

Hinter dem Hof Boke, eine Mühle und eine sächsische Kneipe zugleich, wies er sie auf den Höhenrücken einer Endmoräne in Richtung Süden und wandte sich heim. Den Mauren dämmerte, dass sie besser hier ihre Lippefahrt beendet hätten. Nur die Damen, in den Karren geborgen, waren noch salonfähig. Die anderen, alle Chassas einbezogen, nahmen das reinigende Bad in der Lippe in Anspruch. Alles was in Boke weiblich strömte herbei. Nackte kaffeebraune Mauren im Bade zu bestaunen, das gab es damals an der Lippe noch nicht so oft wie heute.

Der Mühlenwirt sah ein Geschäft, wenn eins in Reichweite kam. Er ließ derweil vor seinem Hof die Tische unter den Eichen eindecken. Grobes Bauernbrot, Butter und westfälische luftgetrocknete Wurst, dazu Bier oder Met kam selbst diesen nun Weitgereisten gewöhnungsbedürftig vor. Sie waren schlimmeres gewöhnt und griffen kräftig zu. Vom Wirt, der vielfach dienernd die zwei Silberlinge in seiner Hand bestaunte, wurden sie auf dem Rücken jener Endmoräne nach Süden weitergesandt. Dorthin, wo bei einer Salzquelle einige Kotten am Hellweg lagen. Der damalige Haupthandelsweg von West nach Ost und umgekehrt, heute auch B 1 genannt, verlief schon damals trocken auf einem Höhenrücken im Vorland der Suder-Berge. Dort erst erreichten sie die Fernstraße des Salzes nach Osten und Paderborn. Da inzwischen der Abend kam, zogen sie der Bauernschaft am Salzbach zu und schlugen auf dem Dorfanger ihr Lager auf. Ein reiches Dorf, wie das knappe Dutzend aufwändige Häuser und Höfe bewies.

Im Nu waren sie von der neugierig glotzenden Dorfjugend umringt. Einige ältere Kötter kamen hinzu. Sie zeigten bräunliche Salzklumpen, die Erzeugnisse ihrer Arbeit und ihre Handelsware. An Geld hatten sie kein Interesse. Salz war wertvoller als Silber. Tauschhandel war angesagt. Sie konnten auch reichlich Landprodukte als Proviant anbieten. Nachdem sich der dolmetschende Murabitun vergewissert hatte, dass es in Reichweite einen Pader Born samt einem fränkischen König daran gab, erlaubte Abdallah das Feilschen. Zwei der Maultiere gab er dafür frei. Für den restlichen kurzen Weg reichte eins vor jedem Karren.