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Als kreative, ganzheitliche Methode stärkt Eutonie die körperliche Selbstwahrnehmung und die Selbstheilungskräfte des Menschen und erhöht seine Resilienz für die Anforderungen des Alltags. Eutonie: Entspannt, achtsam und vertraut mit dem eigenen Körper Eutonie nach Gerda Alexander (GA) ist ein Weg der körperlichen Selbsterfahrung: Die verschiedenen Techniken und Bewegungsübungen führen zu einer harmonisch ausgeglichenen Spannung, einem Eu-Tonus, d.h. einer Balance der verschiedenen Kräfte im Körper. Der Weg über den Körper öffnet die Tür zu einem achtsamen und bewussten Umgang mit sich selbst und den Mitmenschen – so dient Eutonie nicht allein der körperlichen Entspannung, sondern setzt Lernprozesse in Gang für ein seelisches und soziales Gleichgewicht. Damit stärkt Eutonie die Resilienz und baut Ressourcen auf für die täglichen Anforderungen des Alltags. In den Jahrzehnten der Eutonie-Pädagogik und -Therapie ist viel geschehen und die Konzepte von Gerda Alexander sind in der Praxis weiterentwickelt worden. Als ganzheitliche kreative Methode wirkt Eutonie pädagogisch, therapeutisch und künstlerisch. So beschreiben die Autor_innen der 16 Beiträge des Fachbuches in vier Kapiteln die vielfältigen Perspektiven und Handlungsfelder der Eutonie. •Kapitel 1: Mit Schmerz und Leid umgehen: Vor- und Nachsorgen •Kapitel 2: Therapeutische Unterstützung geben und annehmen •Kapitel 3: Den Alltag meistern. Sich einlassen und loslassen. Sich spüren und bewegen. •Kapitel 4: Lernen und kreativ werden. Das eigene Leben gestalten. Neue Lösungsansätze finden.
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Seitenzahl: 571
Veröffentlichungsjahr: 2021
Angelika Klank
Brigitte Arnold
(Hrsg.)
Eutonie – vom Körper lernen
Erfahrungen und Reflexionen aus der Praxis
Unter Mitarbeit von
Regina Baumgart
Karin Coch
Barbara Göger
Anton Hegele
Christine Heigl
Anita Jost
Monika Koddebusch
Martina Kress
Isabelle Pelti Kromm
Renate Riese
Helene Roitinger
Sabine Roth
Barbara Seitz
Dorothee Stieber-Schöll
Bernadette Waas
Traude Weindl
mit einem Vorwort von Prof. Dr. Werner Klingler
Eutonie – vom Körper lernen
Angelika Klank, Brigitte Arnold
Programmbereich Gesundheitsberufe
Wissenschaftlicher Beirat Programmbereich Gesundheitsberufe
Sophie Karoline Brandt, Bern; Jutta Berding, Osnabrück; Heidi Höppner, Berlin; Heike Kubat, Feldbach; Christiane Mentrup, Zürich; Sascha Sommer, Bochum; Birgit Stubner, Erlangen-Nürnberg; Markus Wirz, Zürich; Ursula Walkenhorst, Osnabrück
Angelika Klank, Physiotherapeutin und zertifizierte Eutonie-Pädagogin/-Therapeutin in eigener Praxis in Gutach im Breisgau
Brigitte Arnold, Seminarleiterin für Bewegung und Entspannung und zertifizierte Eutonie-Pädagogin
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Hogrefe AG
Lektorat Gesundheitsberufe
Länggass-Strasse 76
3012 Bern
Schweiz
Tel. +41 31 300 45 00
www.hogrefe.ch
Lektorat: Barbara Müller
Herstellung: Daniel Berger
Umschlagabbildung: Westend 61, Getty Images
Umschlag: Claude Borer, Riehen
Satz: Claudia Wild, Konstanz
Format: EPUB
1. Auflage 2021
© 2021 Hogrefe Verlag, Bern
(E-Book-ISBN_PDF 978-3-456-96120-0)
(E-Book-ISBN_EPUB 978-3-456-76120-6)
ISBN 978-3-456-86120-3
http://doi.org/10.1024/86120-000
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VorwortProf. Dr. Werner Klingler
Wir sagen Danke
Einführung: Rundwege durch die EutonieRenate Riese
Teil 1: Mit Schmerz und Leid umgehen. Vor- und Nachsorgen
1 Bevor wir ausbrennen: Wie Eutonie die Burnout-Prävention unterstütztMartina Kreß
1.1 Zum Begriff: Burnout
1.2 Fremd oder zuhause im eigenen Körper
1.3 Sich selbst und die eigenen Grenzen (wieder) spüren lernen
1.4 Bedeutung von Berührung für unsere Identität und Wohlbefinden
1.5 Aufmerksamkeit, Awareness, Achtsamkeit, Präsenz
1.6 Kontakt: aus der Verschmelzung zur Eigenständigkeit
1.7 Körpererfahrung jenseits von richtig und falsch: den eigenen Rhythmus finden
1.8 Aktivierung des sympathischen Nervensystems durch Stress-Belastungen
1.9 Frühsignale für Überlastung erkennen
1.10 Mit Eutonie wieder zu sich finden
1.11 Fazit
2 Positive Wirkmechanismen der Eutonie Gerda Alexander auf den SchmerzIsabelle Pelti Kromm
2.1 Psychisch-emotionales Schmerzverhalten und Eutonie
2.2 Aus der Praxis der Eutonie- Methode
2.3 Zusammenfassung
3 Traumafolgen überwindenDorothee Stieber-Schöll
3.1 Traumafolgestörungen erleben
3.2 Phänomene von Traumafolgen verstehen
3.3 Körpererfahrung und Körperlernen mit Eutonie
3.4 Körperarbeit als Beitrag zu Heilungsprozessen
Teil 2: Therapeutische Unterstützung geben und annehmen
4 Erfahrungen mit Eutonie Gerda Alexander in einer psychiatrischen KlinikBernadette Waas
5 Eutonie Gerda Alexander bei bindungsgestörten Jugendlichen in der HeilpädagogikSabine Roth
5.1 Sinneslehre
5.2 Fazit
6 Leben bis zum letzten AtemzugChristine Heigl
6.1 Wohltat in aussichtsloser Lage
6.2 Eutonie in palliativer Begleitung
6.3 Berührung, Achtsamkeit und Bewegung in der Eutonie
Teil 3: Den Alltag meistern. Sich einlassen und loslassen. Sich spüren und bewegen
7 Gedanken und Erfahrungen zum Stehen, Gehen und LaufenAnton Hegele
7.1 Evolution des aufrechten Gangs und Bedeutung von Bewegung
7.2 Für das Gehen notwendige Umbaumaßnahmen
7.3 Mein Eutonieleitmotiv Füße
7.4 Stehen: nach unten und nach oben wachsen
7.5 Gehen ist mehr als ein Auffangen des Fallens
7.6 „Abheben“: vom Gehen ins Laufen kommen
8 Betriebliche Gesundheitsförderung mit Achtsamkeit und KörperbewusstseinBarbara Seitz
8.1 Auswirkungen des Viel-Sitzens
8.2 Betriebliche Gesundheitsförderung aus der Sicht einer Eutonie-Pädagogin
8.3 Eutonie Gerda Alexander in der Betrieblichen Gesundheitsförderung
8.4 Fazit
9 Eutonie Gerda Alexander im FitnessstudioTraude Weindl
10 Zähneknirschen, KieferspannungKarin Coch
10.1 Knirschen und Pressen
10.2 Eutonie ist mehr als nur Entspannung
10.3 Eutonie-Kurse
10.4 Erfahrungen von Klient*innen
10.5 Fazit
11 Achtsamkeit auf Geist und KörperChristine Heigl
11.1 Meditation – Achtsamkeit auf Geist
11.2 Eutonie – Achtsamkeit auf Körper
11.3 Achtsamkeit auf Körper und Geist
11.4 Achtsamkeit – erwartungsfrei, ergebnisoffen
12 Faszination Eutonie-MaterialMonika Koddebusch
12.1 Einsatz der Materialien durch Gerda Alexander
12.2 Eigenschaften der Werkstoffe
12.3 Nutzung des Eutonie-Materials
12.4 Eutonie-Prinzipien im Gebrauch des Materials
12.5 Wirkungsweisen von Eutonie-Materialien
12.6 Fazit: Abschließende Worte
Teil 4: Lernen und kreativ sein. Das eigene Leben gestalten. Neue Lösungsansätze finden
13 Eutonie Gerda Alexander und SchuleAnita Jost
13.1 Neurophysiologie des Lernens
13.2 Bedingungen für Lernerfolg
13.3 Eutonie: achtsames Üben
13.4 Der Unterricht
14 Gespräch mit Regina BaumgartRenate Riese
15 Vom Körper zum Bewegen zum Gestalten. Die Eutonie Gerda Alexander im TanzRegina Baumgart
15.1 Einsatz der Eutonie im Tanz
15.2 Vom Körper – zum Bewegen – zum Gestalten
16 Körperraum – Klangraum. Die Eutonie Gerda Alexander für Musiker*innenHelene Roitinger
16.1 Die Problematik des Musikeralltags
16.2 Eutonie für Musiker*innen
16.3 Praktische Übungen
17 Eutonie en passant: Als Organisationsberaterin den Körper mit ins Spiel bringenBarbara Göger
17.1 Beratung konkret
17.2 Thematisches Seminar
17.3 Einordnungen
18 Eutonie Gerda Alexander: geeignet für alle Altersstufen?Barbara Seitz
18.1 Eutonie in der Schwangerschaft
18.2 Eutonie in der Lebensphase von 0 bis 3 Jahren
18.3 Eutonie in der Lebensphase von 3 bis 6 Jahren
18.4 Eutonie für Schulkinder von 7 bis 18 Jahren
18.5 Eutonie in der Lebensphase von 19 bis 30 Jahren
18.6 Eutonie in der Lebensphase von 31 bis 45 Jahren
18.7 Eutonie in der Lebensphase von 46 bis 60 Jahren
18.8 Eutonie in der Lebensphase von 61 bis 70 Jahren
18.9 Eutonie ab 71 Jahren und bis zum letzten Atemzug
18.10 Fazit
Anhang
Prinzipien und Fachbegriffe der Methode Eutonie Gerda AlexanderBrigitte Arnold und Angelika Klank
Herausgeberinnen und Autor*innen
Sachwortverzeichnis
Prof. Dr. Werner Klingler
Was wäre unser Leben ohne Dummheiten?
Ich habe in meinem Leben schon viele dumme Fehler gemacht. Manche waren mir peinlich, andere ärgern mich noch heute oder haben Narben hinterlassen. Allerdings gibt es auch viele Dummheiten, die lustig waren oder andere, die ich wider besseren Wissens wiederholt habe oder gerne wiederholen würde. Ich spreche dabei nicht nur vom übermäßigen Genuss von Süßigkeiten, sondern auch von Lebensentscheidungen, die aus rationalen Gründen kaum nachvollziehbar erscheinen und für welche im Nachhinein die Frage nach dem „warum“ müßig ist.
Unser Gehirn ist darauf spezialisiert, aus Fehlern zu lernen. Die erste Orientierung in einer neuen Umgebung fällt schwer, aber nach anfänglichen Fehltritten, Irrwegen und einigen Sackgassen, finden wir durch ständige Lernprozesse den besten Weg. Physiologisch wird durch diesen Erfolg unser Belohnungssystem aktiviert. Situationen, die emotional verknüpft sind, bleiben dabei besonders gut im Gedächtnis.
Für das Überleben der Menschheit sind diese Mechanismen essenziell, denn aus vermeintlich dummen Fehlern lernen wir beispielsweise, dass Feuer heiß ist oder dass zu leichte Bekleidung bei Kälte einen grippalen Infekt begünstigen kann. Hat uns die Erkältung erwischt, reagiert unser Körper mit Abgeschlagenheit, Konzentrationsstörungen sowie Kopf- und Gliederschmerzen. Damit wird das Ruhebedürfnis für die körpereigenen Regenerationsmechanismen signalisiert.
Allerdings ist unser Alltag häufig geprägt von äußeren Zwängen, einer unüberschaubaren Informationsflut und Entscheidungsprozessen hoher Komplexität, die solche klaren Zusammenhänge nicht erkennen lassen oder bei welchen aus zeitlichen oder sonstigen Gründen eine notwendige Regenerationsphase unterdrückt wird. Die ursprünglich sinnvollen Mechanismen versagen und der Lernprozess zwischen schmerzhaftem Fehler und wohltuender Entspannung ist gestört. In der Tat legen wissenschaftliche Untersuchungen nahe, dass die Balance des autonomen Nervensystems bei Patienten mit chronischen Schmerzsyndromen gestört ist (Tracy et al., 2016).
Diese sehr häufig zu findende erhöhte vegetative Anspannung, der sogenannte Sympatikotonus, steigert die generelle Erregbarkeit von Muskelfasern und Nervenzellen, die unter anderem in hoher Anzahl als Schmerzsensoren im muskulären Bindegewebe vorkommen. Psychischer Stress wirkt sich demnach auf die Kernelemente des Bewegungssystems aus und führt nicht nur zu einer Beeinflussung der mechanischen Kraftentwicklung, sondern insbesondere auch zu einer gestörten Entspannung des Gewebes und erhöhten Schmerzempfindlichkeit (myofasziale Dystonie).
In den letzten Jahren rücken hierbei Faszien mehr und mehr ins Interesse der medizinischen Forschung (Avila Gonzalez et al., 2018). Zu den faszialen Geweben zählen neben Bindegewebe in und um Muskulatur auch Gelenk- und Organkapseln, sowie bandartige Strukturen und plattenartiges flächiges Bindegewebe. Diese Bausteine bilden ein mehrschichtiges dreidimensionales Netzwerk, das den gesamten Körper durchdringt. Gerade deshalb ist die|8|ses Gewebe für Therapeuten ein wichtiger Ansatzpunkt.
Die Eutonie ist eine Methode, die alle hier dargelegten und vermutlich noch zahlreiche weitere nicht aufgeführte Mechanismen beeinflussen kann. Am Beispiel der faszialen Vernetzung wird deutlich, warum eutonische Übungen der Beine durchaus auf die Wirbelsäule und die Atmung wirken können. Aber die Eutonie geht über die rein physische Ebene hinaus und gibt dem Anwender den Raum, im übertragenen Sinne die Hand aus dem Feuer zu nehmen und sich den daraus ergebenden positiven Lerneffekten bewusst zu werden. Denn es sind oft gerade die Brüche, die das Leben interessant machen. Die Eutonie schafft diesen Lerneffekt durch die Verknüpfung der geistigen Ebene mit sanfter Bewegung und intensiver Körperwahrnehmung um das Leben im wahrsten Sinne des Wortes zu „be-greifen“.
In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern nicht nur eine angenehme Lektüre des sehr gelungenen Werks, sondern insbesondere auch einen nachhaltigen und persönlichen Gewinn.
Prof. Dr. Werner Klingler, Chefarzt Anästhesie und Schmerztherapie, SRH Krankenhaus Sigmaringen, Faszienforscher und Gastgeber des International Fascia Congress, Gründungsmitglied der International Fascia Research Society, Vorstand Verein zur Faszienforschung.
Tracy, L., Ioannou, L., Baker, K., Gibson, S. & Georgiou-Karistianis, G. M. (2016). Meta-analytic evidence for decreased heart rate variability in chronic pain implicating parasympathetic nervous system dysregulation. Pain, 157(1), 7–29. Crossref
Avila Gonzalez, C. A., Driscoll, M., Schleip, R., Wearing, S., Jacobson, E., Findley, T. & Klingler, W. (2018). Frontiers in fascia research. Journal of Bodywork and Movement Therapies, 22(4), 873–880. Crossref
Unserem Berufsverband DEBEGA (www.eutonie.de) und unserem Förderverein DEGGA, die beide geholfen haben das Buchprojekt auf sicheren finanziellen Boden zu stellen.
Martin Arnold, der uns jederzeit mit Rat und Tat zur Seite stand.
Renate Riese für ihre Einführung, für ihre Beratung und für ihr Mitdenken.
Prof. Dr. Werner Klingler für sein Vorwort und dass er uns ermutigt hat, dieses Buch in die Tat umzusetzen.
Unseren Autor*innen Regina Baumgart, Karin Coch, Barbara Göger, Anton Hegele, Christine Heigl, Anita Jost, Monika Koddebusch, Martina Kress, Isabelle Pelti Kromm, Renate Riese, Helene Roitinger, Sabine Roth, Barbara Seitz, Dorothee Stieber-Schöll, Bernadette Waas, Traude Weindl, die ihre Zeit, ihre Energie und ihr Herz, das für die Eutonie schlägt, gegeben haben, um das Buch mit Substanz und Inhalt zu füllen.
Inge Klein für ihre Mithilfe, das Buch auf den Weg zu bringen.
Renate Riese
Dieses Buch repräsentiert eine erstaunliche Vielfalt der Eutonie. Die sechzehn Autor*innen und zwei Herausgeberinnen kommen aus unterschiedlichen Grundberufen. Sie bringen die Eutonie nach einer langjährigen Ausbildung in Pädagogik und Therapie der Eutonie Gerda Alexander in diverse Bereiche und Institutionen ein.
Ob in freier Eutonie-Praxis oder als Angestellte, in einer Schule oder Universität, in psychiatrischen und psychosomatischen Kliniken, in der Arbeit mit unterschiedlichen Menschen nahezu aller Altersstufen, in Gruppen- oder Einzelarbeit, mit pädagogischem oder therapeutischem Schwerpunkt, immer geht es darum, Menschen mit sich selbst in ihrem Körper vertraut zu machen, sie zu unterstützen und auf der Suche nach dem eigenen Weg zu ermutigen.
Der führt nach innen: sich einlassen und im eigenen Körper spüren, innehalten und zulassen, was in Erscheinung tritt, anwesend werden im gegenwärtigen Augenblick und durch achtsame Hinwendung womöglich einen Ort der Ruhe in sich finden. Die unvoreingenommene Erkundung unseres Innenlebens versetzt uns in die Lage, uns in Beziehung zu setzen und zu verbinden. Sie stärkt Selbstbewusstsein und Widerstandskraft für die täglichen Herausforderungen und macht uns frei für menschliche Begegnungen.
Bei aller Verschiedenheit haben die Autor*innen eines gemeinsam: Eutonie ist für sie ein zentraler Lebensinhalt geworden, etwas Wesentliches und Kostbares, von dem sie nicht mehr lassen wollen. So divers ihre Biografien und Lebenswege sind, was sie eint, ist die Erfahrung, dass sich ihr Leben durch Eutonie erweitert und vertieft hat. Dadurch wurden oftmals grundlegende Veränderungen möglich. Und so sind ihre Gedanken und Reflexionen getragen von Begeisterung und Freude, von Neugier und Forschergeist, von Leichtigkeit, Dankbarkeit und großer Überzeugungskraft. Die Autor*innen sind beseelt von dem Wunsch, ihre Entdeckungen weiterzugeben. Gerne wüssten sie die Eutonie breiter aufgestellt und gesellschaftlich verankert.
Als ganzheitliche kreative Methode kann die Eutonie pädagogisch, therapeutisch und künstlerisch wirksam werden. Das spiegelt sich schon in den Überschriften der vier Teile wider. Es liegt in der Natur der Sache, dass es zwischen diesen Feldern keine Trennlinie gibt:
Teil 1: Mit Schmerz und Leid umgehen: vor- und nachsorgen
Was ist eigentlich mit dem umstrittenen und inflationär gebrauchten Begriff Burnout gemeint? Martina Kreß hat sich in ihrem Beitrag damit auseinandergesetzt. Laut AOK hat sich die „Diagnose“, auch als Erschöpfungssyndrom bezeichnet, im letzten Jahrzehnt beinahe verdreifacht. Die Autorin benennt die persönlichen und organisationsbezogenen Risikofaktoren für chronischen Stress und Überbelastung, die Symptome und vielfältigen psychosomatischen Reaktionen darauf. Betroffene werden sich darin wiedererkennen.
Auf dieser Grundlage spannt sich ein weiter Bogen: Welche Bedeutung kommt der Körperarbeit allgemein zu, und was trägt die Eutonie zur Wiederaneignung und Annahme des Kör|11|pers im Besonderen bei? Hier erfahren Sie Wesentliches über die Grundlagen der Eutonie, über ihre Arbeits- und Wirkungsweise, über die „Werkzeuge“. Es geht um grundlegende Kompetenzen heute: Selbstwahrnehmung, Selbstfürsorge, Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit, auch als Selbstwirksamkeitserfahrung bekannt.
Aspekte der Wirksamkeit der Eutonie Gerda Alexander auf den Schmerz: So hat Isabelle Pelti Kromm ihre Suche nach den theoretischen Grundlagen betitelt und bezieht sich vor allem auf die Auseinandersetzung mit chronischen Schmerzen.
Sie erfahren Wissenswertes über neuronale Strukturen, chemische Milieus, verschiedene Arten von Botenstoffen. Die bekanntesten sind übersichtlich in einer Tabelle aufgeführt unter Angabe ihrer Wirkungsorte im Körper. Es geht vor allem darum, sich ein Bild von komplexen Strukturen und Musterbildungen zu verschaffen. Das Gesamtbild verändert sich, wenn es gelingt, auf einer Ebene ein neues Muster auszubilden. Das wissen wir aus der neurobiologischen Forschung.
Und genau das geschieht. Die Autorin stellt dar, wie der bewusste Einsatz der Eutonie-Prinzipien die Schmerzwahrnehmung verändert und die motorischen und sensorischen Repräsentationen im Gehirn modifiziert. Welche Rolle spielen dabei Emotionen, Erwartungen, die Fähigkeit, eigene Lebensumstände zu reflektieren und zu gestalten, die Grundhaltung und Einstellung zu sich und zum Leben? Diese und andere Aspekte des weiten Themas werden erschlossen. Die Autorin bezeichnet den Weg der Eutonie als „tiefgreifendes Lernen und Erkennen“. Der Beitrag ist eine Fundgrube für alle, die sich mit (chronischem) Schmerz auseinandersetzen müssen – und mit dem Leid, das damit verbunden ist.
Dorothee Stieber-Schöll stellt klar, dass Eutonie keine (notwendige) Traumatherapie ersetzt. In ihrem Beitrag geht es um Unterstützung von Heilungsprozessen, und zwar auf allen Ebenen. Welche Grundkompetenzen sind zur Verarbeitung von Traumafolgen hilfreich? Und welche Mittel hat die Eutonie, um sie zu fördern und Leid zu mindern? Diesen Fragen spürt die Autorin nach. Für sie ist Eutonie eine tägliche Kraftquelle, die ihr einen „vertieften Zugang zur eigenen Lebenswirklichkeit“ verschafft. Umgangssprachlich wird vieles als „traumatisch“ bezeichnet. Aber was ist eigentlich ein Trauma? Die Autorin klärt Fragen der Entstehung und Ausprägung von Traumata unter Bezug auf neurobiologische Forschungsergebnisse. Das Bild der „traumatischen Zange“ veranschaulicht, wie es zu einer Ohnmachtssituation mit Fragmentierung und Abspaltung von Wahrnehmungsinhalten kommen kann.
Teil 2: Therapeutische Unterstützung geben und annehmen
Zu Beginn ihres Beitrags lässt Bernadette Waas eine Patientin mit der Diagnose „schwere Depression mit Angstzuständen“ zu Wort kommen, die frei und offen über sich spricht. Nach elf Jahren beruflicher Tätigkeit mit Eutonie in einer psychiatrischen Klinik (Gruppen- und Einzelarbeit) bündelt die Verfasserin ihre reichhaltigen Erfahrungen: Welche Patient*innen sprechen gut auf Eutonie an, welche eher nicht? Was sind die wichtigsten Themen? Welches sind die Stärken der Eutonie, die den Patient*innen helfen, aus der Erstarrung und dem „Modus des Funktionierens“ auszusteigen? Themen von höchst aktueller gesellschaftlicher Relevanz.
Sabine Roth arbeitete in einer heilpädagogischen Schule mit Internat und hat es mit Schwerstmehrfachbehinderten zu tun. Die Jugendlichen, auf die sich dieser Bericht beschränkt, sind nicht traumatisiert. Ihre Bindungsstörung äußert sich in Hyperaktivität, Konzentrationsstörungen und emotionaler Instabilität. In Einzelförderstunden erhalten sie intensive Zuwendung durch Eutonie-Behandlung. Auch wenn sie keine Heilung erfahren können, werden sie ruhiger und unabhängiger durch die unterschiedlichen Berührungsquali|12|täten und vor allem: Sie genießen das vertrauensvolle Zusammensein und werden still.
Die Betreuung alter Menschen unter palliativen Aspekten ist schon heute eine große Herausforderung und wird es zunehmend werden. An einigen Beispielen zeigt Christine Heigl auf, wie sie schwerkranke und sterbende Menschen behandelt und was es für beide Seiten bedeutet, sich auf Begegnung einzulassen: „Berühren, halten, spüren lassen, Raum geben – eine Kommunikation scheint möglich, irgendwie.“ „Das Wenige ist genug.“ Die Autorin reflektiert ihre reichhaltigen Erfahrungen und stellt sie in einen weiten Raum.
Teil 3: Den Alltag meistern. Sich einlassen und loslassen. Sich spüren und bewegen.
Bewegungseinschränkungen haben Anton Hegele veranlasst, sich mit den Mechanismen menschlicher Aufrichtung und Bewegung auseinanderzusetzen. Sie erfahren hier Zusammenhänge über die Evolution des aufrechten Gangs, die Anatomie des Skeletts, insbesondere der Füße, über das Spannungsnetzwerk von Muskel- und Faszienketten mit Bezug auf die neuere Faszienforschung, über Gleichgewichtsregulierung und die Verteilung von Druck- und Zugkräften beim Stehen, Stoßdämpfersysteme beim Gehen und eutonische „Schwerelosigkeit“ beim Laufen.
Wie kann den Schädigungen des langzeitigen Sitzens präventiv begegnet werden?
Barbara Seitz stellt sich der Problematik aus ihrer langjährigen Erfahrung in der betrieblichen Gesundheitsförderung. Veranschaulicht durch Grafiken und Bilder, werden die Schwierigkeiten systematisch dargestellt und die Bedingungen am Arbeitsplatz untersucht. Die Autorin beschreibt, wie sie ein dynamisches Sitzen anregt, sodass die Eutonie ihre tonusregulierende Wirkung entfalten kann. Konkrete Ausgleichsübungen bei längerem Sitzen (und Stehen) bekommen Sie mit auf Ihren Übungsweg: Hilfe zur Selbsthilfe.
Warum nicht Eutonie im Fitnessstudio?
Hier kommen drei Kursteilnehmerinnen zu Wort, die Eutonie als Ergänzung zum Ausdauer- und Krafttraining nutzen oder als Ersatz. Dabei geht es nicht um Leistung und Effektivität. Eutonie stillt das Bedürfnis, zu sich zu kommen, sich im eigenen Körper zu spüren. Besondere Bedeutung misst die Verfasserin Traude Weindl der Arbeit am Knochenbewusstsein bei. Ein Skelett zur Anschauung ist immer vorhanden. Das zunehmende Angebot von „sanften“, achtsamkeitsbasierten Methoden in Fitnessstudios deutet sie als Zeichen gesellschaftlicher Akzeptanz.
Mit dem Thema Zähneknirschen und Kieferspannung hat sich Karin Coch einer weit verbreiteten und leidvollen Problematik angenommen. Sie hat sich mit Krankenkassen und Zahnärzten auseinandergesetzt und formuliert ihre Forderung an die Gesundheitspolitik, endlich ganzheitliche Methoden wie Eutonie, die präventiv und nachhaltig wirken, in den Leistungskatalog aufzunehmen. Das selbstzerstörerische „Zähne zusammenbeißen und durch“ als Reaktion auf Leistungsdruck, Stress und Überforderung ist tief in der Persönlichkeit verankert. Entsprechend brauchen grundlegende Veränderungen Geduld und häufiges Üben. Die Autorin beschreibt und reflektiert den Einsatz von Eutonie-Prinzipien und -Materialien in ihrer Gruppen- und Einzelarbeit.
Christine Heigl zeigt in ihrem Beitrag Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Ansätzen von Meditation und Eutonie Gerda Alexander auf. Körper und Geist sind ein untrennbares Ganzes. Worauf auch immer wir unsere Aufmerksamkeit lenken, es gilt, unvoreingenommen und offen dem zu begegnen, was auftaucht: präsent sein im Augenblick, die Dinge betrachten, ihnen direkt begegnen, jenseits der üblichen Denk- und Verhaltensmuster. Gedanken, Hoffnungen und Erwartungen fallen lassen und Raum schaffen für immer neue, frische Erfahrungen. Wenn wir Achtsamkeit üben, ob mit Eutonie oder durch unterschiedliche Meditationspraktiken, üben wir |13|gleichzeitig Freundlichkeit uns selbst gegenüber und Mitgefühl für andere. Das führt zu neuen Wegen.
Monika Koddebusch hat eine Umfrage zum Einsatz und Gebrauch von Eutonie-Materialien gestartet und ausgewertet. Mannigfaltige Eigenschaften der Werkstoffe und Formen der Materialien erzeugen unterschiedliche Wirkung. Wie und warum sie in der Eutonie gerne eingesetzt werden, erfahren Sie in diesem Beitrag.
Teil 4: Lernen und kreativ werden. Das eigene Leben gestalten. Neue Lösungsansätze finden.
Wie lernt unser Gehirn?
Das ist heute ein bereits recht gut erforschtes Gebiet. Anita Jost stellt dar, was auf zellulärer Ebene geschieht: lernen als ständiger Anpassungsprozess an die Umgebung durch die Ausbildung eines komplexen neuronalen Netzes schon in den ersten beiden Lebensjahren. Auf dieser Grundlage fragt sie nach den Bedingungen gelingenden (schulischen) Lernens und damit auch nach den Bedingungen der Persönlichkeitsentwicklung. Systematisch erschließt die Autorin die Basis für erfolgreiches Lernen unter Bezug auf Forschungsergebnisse. Die entscheidende Rolle dabei spielt die Fähigkeit zur Selbstregulation. Damit ist die Brücke zwischen Schule, Lernen und Eutonie gebaut. Wesentlich ist das Richten der Aufmerksamkeit nach innen, die propriozeptive Wahrnehmungsschulung, das Üben von Achtsamkeit, das wertfreie Wahrnehmen des gegenwärtigen Erlebens.
In ihrer langjährigen Arbeit als Lehrerin mit Grundschulkindern hat die Autorin die Lernerfolge durch Eutonie beobachtet und niedergelegt – ein seltener und willkommener Brückenschlag zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und Praxis der Eutonie.
Sie begegnen der Tänzerin, Choreografin, Eutonie-Pädagogin und -Therapeutin Regina Baumgart sehr persönlich in einem Gespräch mit Renate Riese und werden neugierig auf ihre Methode „Vom Körper zum Bewegen zum Gestalten“, die sie im Laufe von Jahren auf der Grundlage von Eutonie entwickelt hat.
Seit vielen Jahren forscht und experimentiert Regina Baumgart mit den Eutonie-Prinzipien und kommt zu außergewöhnlichen Ergebnissen. Auf der Grundlage der Eutonie hat sie eine eigene Methode entwickelt, die es jedem Menschen ermöglicht, zum individuellen Ausdruck im Tanz zu finden, ohne eine Tanztechnik erlernen zu müssen. Die Autorin nimmt Sie mit auf einen spannenden Weg durch ihre vielgestaltige pädagogische und künstlerische Arbeit. Mit einem anregenden 3-Stufen-Training zum Ausprobieren werden Sie in ein selbstständiges Üben entlassen.
Berufsmusiker*innen müssen permanent Bestleistungen erbringen. Der Preis, den sie dafür zahlen, ist oftmals hoch. Was das für die Betroffenen bedeutet, ist im Bewusstsein der Öffentlichkeit noch wenig verankert. Helene Roitinger musste das als Cellistin in ihrem Studium leidvoll erfahren und hat in der Eutonie ihren Lösungsweg gefunden. Für diesen Beitrag hat sie Studien aus Musikphysiologie und Musikermedizin gesichtet. Forscher gehen davon aus, dass 80–90 % der berufsbedingten Schmerzen (myofasziales Schmerzsyndrom) durch Muskelverhärtungen (Entwicklung von Triggerpunkten) entstehen. Mit ihrer kreativen Herangehensweise bietet die Eutonie individuelle Lösungen, z. B. durch die Arbeit an einer freien, durchlässigen Aufrichtung, durch den Einsatz von hartem Material, durch „ein feines Lauschen auf die Sprache des Körpers“, durch das Heranführen an selbstständiges Üben. Die Autorin erlebt – am eigenen Leibe und bei den Menschen, mit denen sie arbeitet – mehr Ruhe und Gelassenheit, eine tiefe Verbundenheit, neue Klangqualität und musikalische Ausdruckskraft.
Barbara Göger betritt mit der Kombination von Beratungsarbeit und körperlicher Selbstwahrnehmung durch Eutonie gewissermaßen Neuland. „Die Intimität der eigenen Körperlichkeit“ im beruflichen Kontext anzusprechen |14|sei für die meisten Menschen in unserem Kulturraum noch ungewohnt, ist ihre Erfahrung. Dazu brauche es Vertrauen auf beiden Seiten. Verschiedene Beispiele aus der Arbeit mit einem Team, in themenorientierten Seminaren oder im Coaching mit Einzelpersonen verschaffen Einblick in die kreative Arbeitsweise der Autorin. Die Verknüpfung von zwei Welten: „Sitzen und Reden“ mit „Erleben, Spüren und Erfahren“ macht die Wechselwirkungen von Körper, Geist und Psyche bewusst und führt zu neuen Erkenntnissen. Eine Einordnung der Eutonie in die Wissenschaftsbereiche Medizin/Neurowissenschaften, Soziologie, Philosophie, Psychologie und Pädagogik im letzten Teil enthält wertvolle Literaturhinweise, zeigt mögliche Verbindungen zwischen wissenschaftlichen Theorien und eutonischer Praxis auf und weist Eutonie als eine Methode aus, die offen für Erkenntnisse aus anderen Disziplinen ist. Die Verbindung von wissenschaftlicher Expertise und Alltagspraxis hilft, den ganzen Menschen in den Blick zu nehmen.
Eutonie Gerda Alexander – geeignet für alle Altersstufen? Wie ist das möglich? fragt sich die Autorin Barbara Seitz. Nach langjähriger Berufserfahrung als Physiotherapeutin und Eutonie-Pädagogin/-Therapeutin ist sie überzeugt: „Veränderungen, Entlastungen und Verbesserungen sind immer möglich, und das bis zum letzten Atemzug.“ Durch Tonus-Adaption und Tonus-Regulierung schafft Eutonie die Basis dafür. Hier werden reichhaltige, manchmal verblüffende Erfahrungen in der Arbeit mit unterschiedlichen Altersstufen beschrieben und kommentiert. Als ein Beispiel sei an dieser Stelle die Projektwoche mit Jugendlichen (13–15 Jahre) an einem Gymnasium erwähnt: Die Autorin erkundet den Zusammenhang zwischen der Aufrichtung im Sitzen und den Auswirkungen auf das Schreiben. Sie dokumentiert die Ergebnisse und staunt selbst über tiefgreifende Veränderungen.
Wie Sie sehen, liebe Leserin und lieber Leser, hat jeder Text einen anderen Blick auf die Grundthemen, die Methodik und das „Handwerk“ der Eutonie. Die Grundlagen tauchen jedoch in allen Beiträgen zyklisch wieder auf. Wo auch immer Sie zu lesen beginnen und Ihre Lektüre fortsetzen: Sie werden Verbindungen entdecken und sich angesprochen fühlen. Es geht um Sie. Es geht um uns alle.
Wie können wir in dieser Zeit menschlich leben? Was können wir dem Kontroll- und Machbarkeitswahn entgegensetzen? Was ist zu tun gegen Arbeitsdruck und (Selbst-) Ausbeutung, gegen Spaltung und Ausgrenzung, Vereinzelung und fortgesetzte Burnout-Produktion?
Wie kommen wir zu einem Miteinander? Wie schaffen wir die Voraussetzungen für Gemeinschaft, ein Bewusstsein für unsere Zugehörigkeit und tiefe Verbundenheit?
Das Jahr 2020 mit seinen zahlreichen weltweiten Katastrophen macht uns unsere Verletzlichkeit bewusst und lässt diese brennenden Fragen existenziell werden. Für Eutonie-Pädagog*innen ist ganzheitliche Bildung, wie sie von der Eutonie und anderen achtsamkeitsbasierten Methoden praktiziert wird, ein zentraler zukunftsfähiger Bestandteil eines umfassenden Transformationsprozesses. Hat der erst begonnen oder sind wir schon mittendrin?
Die Autor*innen und Herausgeberinnen haben Eutonie als eine Vertrauen bildende und Präsenz fördernde Körperarbeit erfahren und in langjähriger Auseinandersetzung erprobt. Sie möchten dazu beitragen, einen Raum für notwendige Veränderung zu schaffen.
Lesen Sie selbst!
Bremen im November 2020
Renate Riese
Martina Kreß
Was können wir tun, damit es erst gar nicht zum Erschöpfungssyndrom, auch bekannt unter dem Begriff „Burnout“, kommt? Und was können wir tun, wenn wir erste Anzeichen von chronischem Stress und anhaltender Erschöpfung bemerken?
Wir brauchen in dieser schnelllebigen Zeit, die geprägt ist von Informationsüberflutung, hoher Komplexität und Flexibilität, neue Kompetenzen, um gesund mit diesen Anforderungen umzugehen. Dazu gehören Selbstwahrnehmung, Selbstfürsorge und ein gut ausgeprägtes Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit (Selbstwirksamkeitserwartung). Die bewusste Wahrnehmung unseres Körpers ist, wie wir im Folgenden sehen werden, eine entscheidende Voraussetzung dafür.
Der Begriff „Burnout“ (-Syndrom) wurde durch den deutsch-amerikanischen Psychoanalytiker Herbert Freudenberger (1974) und die amerikanische Sozialpsychologin Christina Maslach (Maslach & Leiter, 2001) geprägt. Die frühen Studien beschäftigten sich mit Personen in den helfenden Berufen (insbesondere Psychotherapeut*innen, Ärzt*innen, Pflegekräfte und Sozialarbeiter*innen), die stets bedürftige Menschen emotional unterstützen mussten und deswegen besonderen emotionalen und interpersonalen Stressoren ausgesetzt waren. Mit dem Terminus „Burnout“ beschrieben Freudenberger und Maslach einen Zustand der emotionalen Erschöpfung und Demotivation dieser Berufsgruppen. Später wurden ähnliche Symptome in anderen Berufen, wie z. B. bei Führungskräften, Mitarbeitenden im Dialogmarketing, Polizist*innen, Lehrer*innen, beobachtet. Das Burnout-Syndrom wird somit nach Stock Gissendanner, Stock, Tigges-Limmer und Schmid-Ott (2017a) nicht mehr als eine spezifische Problematik der helfenden Berufe angesehen. Klinisch wird die Diagnose meist anhand des „Leitsymptoms andauernder Erschöpfung und anderer psychosomatischer Beschwerden mit dem Begleitphänomen Distanzierung von der Arbeit und reduzierter Leistung" festgestellt (Stock Gissendanner, Stock, Tigges-Limmer & Schmid-Ott, 2017b, S. 7).
Streng genommen ist laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ein Burnout keine Krankheit, sondern wird lediglich im Kapitel „Faktoren, die den Gesundheitszustand oder den Kontakt mit Gesundheitsdiensten beeinflussen“ beschrieben. (WHO, 2019b mit Verweis auf ICD-10 Z73.0 und ICD-11, siehe auch WHO, 2019a). So ist der Begriff Burnout unter Experten in mehrfacher Hinsicht umstritten. Viele beanstanden, dass es sich um eine Modediagnose handle, hinter der sich psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen verstecken. Andere (z. B. Nagel, 2019) kritisieren die geplante Einschränkung im ICD 11 (ICD: internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme) in Hinblick auf die Phänomene im beruflichen Kontext. Denn: definiert man den Begriff als einen Zustand der chronischen Erschöpfung, lässt er sich auch bei Rentner*innen, Student*innen und bei pflegenden Ange|18|hörigen beobachten. Die Ursachen der chronischen Erschöpfung ähneln sich vielfach: Hohe Arbeitsbelastung, Zeitdruck, mangelnde Gestaltungsspielräume und fehlende Erholungsphasen sind gravierende Auslöser eines Burnouts, bzw. chronischen Überlastungssyndroms.
Die AOK zählte 2017 durchschnittlich 5,5 Arbeitsunfähigkeitsfälle je 1.000 Mitglieder aufgrund einer Burnout-Diagnose. Damit hat sich die Diagnosehäufigkeit im letzten Jahrzehnt beinahe verdreifacht. Auch das Krankheitsvolumen dieser Diagnosegruppe hat sich rapide erhöht: waren es 2005 noch 13,9 Krankheitstage, registrierte die AOK 2017 bereits 116,7 AU-Tage je 1.000 Mitglieder (Radtke, 2019).
Risikofaktoren, die zu Burnout führen können, werden in zwei Kategorien unterteilt: in persönliche Risikofaktoren, die im individuellen Lebensstil und der Persönlichkeit eines Menschen begründet liegen, wie z. B. eine Neigung zur Selbstüberforderung und in externe, bzw. organisationsbezogene Risikofaktoren.
Es ist wichtig, im Rahmen der Präventionsarbeit die organisationsbezogenen Risiken zu analysieren und Maßnahmen zu ergreifen, diese zu mindern oder besser noch abzustellen. Die Verantwortung der Burnout-Prävention darf auf keinen Fall lediglich beim Arbeitnehmenden liegen. Dies sollte nicht vergessen werden, wenn wir uns im Folgenden vor allem den persönlichen Risikofaktoren zuwenden, oder besser noch: den persönlichen Fähigkeiten und inneren Kräften, die uns widerstandsfähig machen und helfen, besser mit Stress-Situationen umzugehen.
Der Einfluss der technischen Entwicklung in den letzten Jahrzehnten hat unser Leben und unsere Beziehung zum eigenen Körper sehr verändert. Seit der Einführung von Computern und Smartphones verbringen wir zunehmend Zeit vor Bildschirmen sitzend. Unsere Sinneswahrnehmung reduziert sich dadurch immer mehr auf das Sehen. Vieles spielt sich nur noch in unserem Kopf ab und der Körper wird zunehmend vergessen. Es sei denn, er meldet sich durch Schmerzempfindung in Schultern, Nacken, Rücken etc.
Elementare Sinneserfahrungen wie Schmecken, Riechen, Tasten, das Spüren des Körpers in Ruhe und Bewegung (Propriozeption) spielen eine immer geringere Rolle, je mehr sich Menschen in virtuellen Welten bewegen. Das hat Folgen. In seinem Buch: Lektionen aus dem 21. Jahrhundert schreibt Yuval Noah Harari: „Menschen, die sich ihrem Körper, ihren Sinnen und ihrer physischen Umgebung entfremdet haben, fühlen sich leicht isoliert und desorientiert“ (Harari, 2018, S. 131). Sie verlieren sprichwörtlich den Boden unter den Füßen und die Fähigkeit, sich abzugrenzen und einem Zuviel zu entziehen.
Zunehmend gewöhnen wir uns daran, zu jeder Zeit erreichbar zu sein. Viele sind permanent in den unterschiedlichsten Sozialen Medien unterwegs. Die Grenze zwischen Privat- und Berufsleben verschwimmt immer mehr. Die permanente Überflutung mit Informationen unter ständigem Zeitdruck sorgt für zusätzliche Probleme.
Neben der durch technische und gesellschaftliche Veränderungen ausgelösten Beschleunigungsdynamik (Rosa, 2005; Rosa, 2016), ist die zunehmende Entfremdung vom eigenen Körper eine Entwicklung, die sicherlich zur Zunahme des Erschöpfungssyndroms beiträgt. So sieht auch die Ärztin Miriam Prieß die Ursache für Burnout nicht nur im Stress, sondern in der Entfremdung des Menschen von sich selbst. In ihrem Buch beschreibt sie, dass der Aspekt von Beziehung bei Burnout-Erkrankungen die entscheidende Rolle spielt: die Beziehung zu sich selbst und die Beziehung zur Umwelt. „Menschen brennen aus, weil sie den Dialog zu sich verloren haben und in konfliktreichen Beziehungen zu ihrem Umfeld stehen“ (Prieß, 2013). Von daher beobachten wir Symptome, die unter dem Begriff „Burnout“ be|19|schrieben werden, heute nicht nur bei Personen in helfenden Berufen, sondern sie sind ein Phänomen, das Menschen in ganz unterschiedlichen Tätigkeitsgruppen (bezahlt oder unbezahlt) erfasst.
Psychosomatische Reaktionen auf chronischen Stress und Überlastung können Muskel- Spannungen, Schmerzen, Schlafstörungen oder Verdauungsbeschwerden sein. In der Freizeit wird häufig keine Erholung gefunden, Essgewohnheiten können sich ändern, zunehmend werden Substanzen wie Alkohol und Nikotin etc. gebraucht (Stock Gissendanner, Stock, Tigges-Limmer & Schmid-Ott, 2017b). Lebensfreude und Selbstwertgefühl schwinden, häufig treten auch Gedanken der Selbstablehnung auf. Menschen, die unter dem Erschöpfungssyndrom und einer häufig damit verbundenen Depression oder Angststörung leiden, ziehen sich nicht nur von der Umwelt, der Gefühlswelt und ihren Mitmenschen zurück, sondern auch von ihrer Körperperipherie, von ihrer Körperoberfläche. Sichtbar wird das am auffälligsten an den oft blassen, maskenhaften Gesichtern. Die seelische Erstarrung und der Verlust der Schwingungsfähigkeit zeigen sich auf der körperlichen Ebene. Die Muskulatur ist verhärtet oder zu schlaff, die Bewegungen sind wenig durchlebt. Der eigene Körper wird nicht als Zuhause, sondern als Fremdkörper erlebt, der den hohen Maßstäben an die eigene Leistungsfähigkeit nicht gerecht wird. „Was die Menschen […] wirklich bräuchten, sind Instrumente, die sie mit ihren eigenen Erfahrungen verbinden“ (Harari, 2018, S. 130), stellt Harari unter der Überschrift „Menschen haben Körper“ in seinem Buch fest.
Doch diese „Instrumente“ gibt es längst. Vor einem Jahrhundert entstand in Europa und Amerika, „als unter dem Einfluss des Maschinenwesens die Menschen in ihren Lebensäußerungen zu verkümmern begannen“ (Jakobs, 1990, S. 15), eine Bewegung, die einen neuen Zugang zum eigenen Körper in seiner leib-seelischen Ganzheit suchte. Wichtige Pionierinnen und Pioniere der neuen Bewegung waren Jacques Dalcroze, Elsa Gindler, Hinrich Jakobi, Gerda Alexander, Dore Jakobs, Mosche Feldenkrais, F. Mathias Alexander, Volkmar Glaser, Charlotte Selver, Heinrich Medau, Elfriede Hengstenberg, Clara Schlaffhorst, Hedwig Andersen, Alice Schaarschuch und Ilse Middendorf. Ihnen allen ging es darum, über konkrete Körpererfahrung ein neues Bewusstsein für den Körper, bzw. den Leib (als körperlich-geistige-seelische Einheit) zu schaffen. Harari (2018) selbst findet dieses „Instrument“ in der Vipassana Meditation, einer der ältesten Meditationstechniken Indiens, in der Mitgefühl und Achtsamkeit geübt wird.
„Das Annehmen des eigenen Körpers ist eigentlich nur möglich, wenn ich spüre, wie es ist in meinem Körper und nicht, wenn ich ständig denke, wie mein Körper sein sollte“, schreibt Helen Reinhard in ihrem Artikel Leibtherapie für Depressive und weiter: „Je mehr das Sich-Spüren in den Vordergrund kommt, umso mehr Raum wird frei für positive Leiberfahrung. Je öfter der Leib als leicht, warm, lebendig, angenehm erfahren wird, desto eher kann der eigene Körper angenommen und unabhängig von der äußeren Form als positiv erlebt werden. Wissen, dass man sich und seinen Körper annehmen sollte, das tun alle, aber im Grunde ist nur die Erfahrung imstande, langsam die Beziehung zum eigenen Leib zu verändern und damit auch zu sich selbst“ (Reinhard, 1990, S. 13).
Nicht das Wissen, sondern das konkrete Spüren unserer Körpergrenzen ist die Basis unserer Identität und damit Grundlage für eine gesunde Abgrenzungsfähigkeit (Bühler, 2012). Diese beinhaltet die Fähigkeit, immer wieder innezuhalten, die Lage einzuschätzen und zu entscheiden, ob ich so weiter machen will wie bisher oder ob es Alternativen gibt. Ein körperbewusster Mensch wird eher als andere auf Signale, die der Körper sendet, aufmerksam und |20|handelt dementsprechend. Er wird früher merken, wann er z. B. die Schultern hochzieht, die Zähne aufeinanderbeißt, die Muskeln anspannt. Ein Mensch, der nicht in seinem Körper „zu Hause ist“, wird erst darauf aufmerksam, wenn Verspannung und Überforderung schon manifest sind. Mit genügend Wachsamkeit für unsere körperlichen Signale können wir frühzeitiger bemerken, ob die Situation, in der wir uns gerade befinden, förderlich für uns ist oder ob wir mit Gewalt über unsere Grenzen gehen. Körperwahrnehmung hilft uns herauszufinden, was uns Kraft gibt und was uns Kraft raubt.
Ein guter Weg, Körperwahrnehmung durch Sich-Spüren zu schulen, ist die Eutonie Gerda Alexander (im folgenden Eutonie genannt). Sie ermöglicht, einen positiven Zugang zum eigenen Körper zu gewinnen und dadurch eine gesunde Abgrenzungsfähigkeit zu erlangen. Ich selbst befinde mich seit über 30 Jahren auf diesem Übungsweg und konnte in vielfältiger Weise die Wirkung der Eutonie Gerda Alexander als Übende und als Anleitende erfahren. Eutonie schult die Körperwahrnehmung durch vielfältige Berührungsangebote. In der Eutonie erfahren wir unsere Haut als das große Organ, das uns umhüllt, uns Form gibt und mit dem wir uns von unserer Umwelt abgrenzen und ihr begegnen. Die sinnliche Erfahrung der Körperform ermöglicht uns die Identifizierung mit uns selbst. Gerda Alexander schreibt dazu:
„Bei der Bewusstmachung der Haut als eines Organs, das unsere ganze Körperform umgrenzt, erfährt der Schüler, dass die Haut nicht nur unsere Temperatur reguliert, sondern die bioelektrischen Vorgänge des Körpers mit ihrem Einfluss auf sensitive, neurovegetative und motorische Vorgänge reguliert. Außerdem vermittelt die Haut den Kontakt mit der Umwelt, mit der Erde und den uns umgebenden Raum, mit Pflanzen und Tieren, mit allen Gegenständen wie Arbeitsgeräten und Musikinstrumenten und nicht zuletzt mit den Mitmenschen. Wenn man die spontane psychophysische Veränderungen der Schüler beobachtet, sobald sie dieses Hautbewusstsein entwickelt haben, kann man ermessen, welche wesentlichen Faktoren für die Entwicklung der Persönlichkeit in der Erziehung der westlichen Kulturen vernachlässigt worden sind“ (Alexander, 2012, S. 41). In Seminaren sowie in der Einzelarbeit nutzen wir in der Eutonie Gerda Alexander dafür vielfältige Materialien wie weiche und feste Bälle, Bambusstäbe, Kirschkernsäckchen, Filz und unsere Hände. Immer wieder umfahren wir damit unsere Körperkontur. Wir streichen, schieben, rollen das Material über unsere (bekleidete) Haut, mal ganz leicht, mal fester und wecken so die Oberflächensensibilität. Durch diese Stimulation wird die Haut als äußere Grenze bewusster.
Eine besonders wichtige Rolle spielt der Boden bei dieser Form der Selbstwahrnehmung. In Eutonie-Seminaren benutzen wir den Boden und seine Festigkeit, um uns in den verschiedenen Lagen zu spüren und damit unsere Körperform in ihrer Dreidimensionalität zu entdecken. Der Psychiater Thomas Fuchs verweist aus phänomenologischer Sicht darauf, „dass die Erfahrung des Widerstands in der Berührung hilft, die eigenen Grenzen, den Übergang vom Leib zum Körper als eigenem Körperschema zu entwickeln“ (zitiert nach Milz, 2019, S. 27) und bestätigt damit die Wichtigkeit der Erfahrung durch den Widerstand des Bodens.
Wir erleben die tragende Kraft des Bodens, seinen Widerstand gegen unsere Haut und unser tieferliegendes Gewebe. Unser Gewicht wird der Schwerkraft folgend an den Boden abgegeben. Weil wir getragen werden, müssen wir uns nicht selbst tragen, dürfen uns tragen lassen, uns ausruhen. Im wachen Spüren durch den Körper, dem Wahrnehmen der Berührungsflächen und der Körperflächen, die nicht den Boden berühren, bekommen wir ein deutlicheres Bild von unserem Körper und seinem Spannungszustand (Tonus). Dieser Tonus kann sich als Schwere oder Leichtigkeit zeigen, wir empfinden unser Gewebe als fest oder weich. Wir nehmen wahr, ohne zu bewerten oder einen Idealzustand zu suggerieren. Wir lassen es, wie es ist, warten, beobachten – und häufig |21|stellt sich wie von selbst eine Veränderung ein. Um die Wahrnehmung zu vertiefen, richten wir in der Eutonie die Aufmerksamkeit auf bestimme Körperzonen oder Zusammenhänge, führen langsame, spürende Bewegungen aus oder nutzen vielfältige Materialien. Besonders wichtig ist das Nachwirken-Lassen des Gespürten (Integrationspausen) und die Wiederholungen mit kleinen Variationen.
Diese Art des Übens in der Eutonie bewirkt eine Verstärkung des Grundgefühls unserer körperlichen Selbstwahrnehmung und verbessert die Fähigkeit, dieses Grundgefühl schneller in den Vordergrund zu holen. Denn in der Regel ist uns diese Wahrnehmung eher unbewusst. Meist verdrängen wir unsere Körperwahrnehmung mehr oder weniger, weil unsere Aufmerksamkeit auf andere aktuell wichtige Handlungen, Gefühle oder sinnliche Wahrnehmungen, wie dem Sehen oder Hören, gerichtet ist.
Eine eingeschränkte Körperwahrnehmung kann (neben organischen Ursachen) aber auch Zeichen für Verdrängungsprozesse und psychische Störungen sein. Gerda Alexander war sich dieser Zusammenhänge bewusst, wenn sie feststellt:
„In der Arbeit mit Erwachsenen sollte nicht sogleich mit Berührungs- und Kontaktübungen der Schüler untereinander begonnen werden. Denn bei körperlichem Kontakt wird die Übertragung des Muskeltonus und der neurovegetativen Spannung wesentlich verstärkt. Auf dieser Tatsache ist die Eutonie-Therapie aufgebaut. In leichten Fällen von Dystonie genügt oft schon die bewusste Berührung des Eutonie-Pädagogen, um sein Spannungsgleichgewicht auf den Schüler zu übertragen. Geschieht diese Berührung aber unter Schülern […] kann zwar für Augenblicke ihre Isolierung im eigenen Ich durchbrochen werden. Der Nachteil hierbei aber ist, dass der Schüler durch solche Berührung seine eigene innere und leibliche Unordnung auf den anderen überträgt. […] Da die meisten Menschen unfähig sind, solche subtilen Einflüsse und Übertragungen zu registrieren, bleiben sie unbewusst und damit unkontrolliert.“
(Gerda Alexander, 2012, S. 42)
Gerda Alexander unterstützt deshalb eine Aufschlüsselung der gewonnenen Erfahrungen durch begleitende Psychotherapie.
Aber nicht immer ist der direkte körperliche Kontakt angeraten oder notwendig. Sie notiert: „In jahrzehntelanger Praxis habe ich erfahren, dass die gewünschte Kontaktfähigkeit zu den Mitmenschen sich auch ohne direkten Körperkontakt einstellt, sobald die Tonus-Regulierung und das neurovegetative Gleichgewicht in Kontaktübungen mit dem Boden, mit dem umgebenden Raum und den Gegenständen des alltäglichen Lebens erarbeitet ist“ (Alexander, 2012, S. 42). Gerade Teilnehmer*innen oder Klient*innen mit Berührungsängsten oder traumatischen Erfahrungen schätzen an der Eutonie, dass sich Kontakterfahrungen auch über den Boden oder ihnen angenehme Materialien vermitteln lassen und sie sich nicht von anderen mit den Händen berühren lassen müssen.
Die „Hautberührung, die uns Informationen über die Außenwelt vermittelt, teilt uns zugleich auch Wesentliches über uns selbst mit. Was wir berühren, berührt auch uns. Diese Dialektik steht wegen ihrer regulierenden Wirkung auf die Tonusfunktion am Ursprung jenes beruhigenden Empfindens von Einheit und Wohlbefindens, das die Kontakt- und Berührungsarbeit der Eutonie zu vermitteln vermag“ (Alexander, 2012, S. 14). Die Haut ist unsere Grenze zur Außenwelt. Mit ihren Millionen von Druck- und Berührungsrezeptoren vermittelt sie in jeder Sekunde unseres Lebens wo das Ich aufhört und das oder der Andere anfängt. Berührungen geben uns Informationen über un|22|sere Umwelt, unsere Beziehung zu anderen Menschen, über die Beschaffenheit von Gegenständen und führen zu einem Konzept von uns selbst: Hier bin ich. Ich grenze mich ab von meiner Umwelt.
Die Entwicklung des Tastsinns beginnt schon in der siebten Schwangerschaftswoche. „Der Tastsinn ist ein vorgeburtlicher Sinn, schon die ersten Zellen können instinktiv Außen- und Innenwelt unterscheiden, sonst wäre ein Leben im Raum nicht möglich", so Dr. Martin Grunwald, der im Haptik-Labor an der Universität Leipzig erforscht, welche Auswirkungen Druck und Berührungen auf die Selbstwahrnehmung haben (zitiert nach Naumann et al., 2007). Wie alle Sinne muss auch der Tastsinn genutzt werden, um sich zu entwickeln. Wird er zu wenig stimuliert, wirkt sich das negativ auf die Gehirnentwicklung und die Ausbildung von neuronalen Strukturen aus. Verschiedene Studien zeigen, wie wichtig enger Körperkontakt vor allem in der Kindheit ist. Es zeigt sich, z. B. bei isolierten Kindern in rumänischen Waisenhäusern unter dem Diktator Nicolae Ceaușescu, dass fehlende Berührungen das Wachstum verlangsamt. Davon betroffen sind auch die Intelligenz und Immunabwehr, die sich schlechter entwickeln. In einigen Fällen führt die Abwesenheit von körperlicher Nähe sogar zum Tode (Klumbies, 2016).
Nicht nur Kinder leiden unter Berührungsarmut, etliche Studien in Medizin und Neurowissenschaften und die in den letzten Jahren veröffentlichten Bücher weisen auf die Wichtigkeit von Berührung auf unsere Gesundheit hin. Die Titel sind selbstredend:
Körperkontakt – Die Bedeutung der Haut für die Entwicklung des Menschen (Montagu, 1987)
Unsere Haut – Spiegel der Seele, Verbindung zur Welt (Condrau & Schipperges, 1993)
Der unberührte Mensch – Warum wir mehr Körperkontakt brauchen (Ekmekcioglu & Ericson, 2011)
Körperglück, wie gute Gefühle gesund machen (Bartens, 2010)
Wie Berührung hilft, warum Frauen Wärmflaschen lieben und Männer mehr Tee trinken sollten (Bartens, 2014)
Drück mich mal – Warum Berührungen so wichtig für uns sind (Ekmekcioglu, 2015).
Werner Bartens beschreibt u. a. eine Untersuchung, in der Schweizer Forscher getestet haben, wie Körperkontakt bei Paaren sich augenblicklich auf das Stresserleben und die Stressantwort des Körpers auswirkt. Vor einem Stresstest wurden eine Gruppe von Frauen von ihrem Partner verbal unterstützt, eine andere hatte keinen Kontakt zum Partner und die dritte bekam von ihren Partnern eine zehnminütige Schultermassage. „Wer zuvor vom Partner berührt worden war, der hatte in der Stressphase deutlich weniger Cortisol im Speichel. Auch der Herzschlag stieg bei diesen Frauen nicht so sehr an“ (Bartens, 2014, S. 131). Bei den verbal unterstützten Frauen ergab sich kein signifikanter Unterschied zur Kontrollgruppe der nicht Unterstützten. Positiv empfundener Körperkontakt ist also nachweislich stresssenkend.
Tiffany Field am Touch Research Institute in Miami ist eine Pionierin, die seit etwa 20 Jahren erforscht, was Berührungen und sanfte Massagen im Körper auslösen. In über 100 Studien konnte sie die heilende Wirkung von Berührung aufzeigen: Berührungen, wie sie z. B. in der Massage erlebt werden, können bei Fibromyalgie Schmerzen lindern, den Blutdruck - ganz besonders bei Frauen - senken und Konzentration und Aufmerksamkeit verbessern. Außerdem wurde beobachtet, dass wichtige Funktionen des Immunsystems beeinflusst wurden, zum Beispiel steigerte sich die Anzahl der Killerzellen bei Aids- und Krebspatienten (Naumann, 2007). Dass diese Beobachtung auch auf die Wirkweise der Eutonie zutrifft, entspricht der Erfahrung einer meiner regelmäßigen Kursteilnehmerinnen, die mir schrieb:
„Ich würde mir sehr wünschen, wenn bei der Behandlung von Menschen mit chronischen |23|Schmerzerkrankungen die Eutonie und ihre Möglichkeiten der Körperwahrnehmung bekannter wären. Dazu kommt, dass Du durch das Arbeiten mit den warmen Kirschkernsäckchen bei Fibromyalgie-Patientinnen bestimmt zusätzlich punkten kannst, weil bei ihnen sanfte Bewegung und Wärme wirklich sehr gut ankommt und nachhaltig wirkt. […] Nach jedem "unserer" Samstage fahre ich beglückt wieder nachhause, weil ich mich vollkommen spüre und nicht das Gefühl habe, defizitär zu sein, bzw. etwas leisten zu müssen, was ich nicht mehr kann. Im Gegenteil, ich mache oft die Erfahrung, dass sich etwas verändert, ohne dass ich vorher darauf fokussiert bin, was sich und dass sich etwas ändern muss. Und ich lerne mich und meinen Körper immer wieder neu kennen.“
Dr. med. Sabine Gapp-Bauß (2015, S. 190) schreibt in ihrem Buch: Depression und Burn-out überwinden: „Jede Form von wohliger, angemessener Berührung senkt das Erregungsniveau – eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass sich das gesamte vegetative System erholt und die Neurotransmitter Serotonin und Oxytocin verstärkt ausgeschüttet werden“.
„Zwischen den Berührungsbotschaften und dem ‚Autonomen Nervensystem‘, das eine Vielzahl von Körperfunktionen – Blutdruck, Herzaktion, Atmung, Darmtätigkeit – reguliert, besteht ein reger Austausch. Mithilfe bildgebender Verfahren (CT, MRT, MRI) konnten Untersuchungen der Gehirnfunktionen zeigen, dass eine enge Verbindung zwischen Berührungen und deren Verarbeitung im sogenannten Inselorgan des Gehirns bestehen. Psychosomatische Wechselwirkungen bringen Veränderungen des Körperempfindens, der Spannung der Muskulatur, der Körperhaltung sowie der Einstellungen und Erwartungen mit sich. Selbst- und Fremdberührungen können wichtige Impulse zum Spannungsausgleich bewirken“ (Milz, 2019, S. 24), bestätigt auch Helmut Milz, Facharzt für psychosomatische Medizin, in seiner Zusammenfassung der aktuellen Forschungsergebnisse. Vor allem im Eutonie-Einzelunterricht benutzen die Eutonie-Pädagog*innen neben verschiedenen Materialien häufig ihre Hände, um den Klient*innen Berührungserfahrungen und damit Selbsterfahrung zu vermitteln. Die Klient*innen fühlen sich dabei oft zutiefst gesehen, berührt, getragen und gehalten, wie ihre Rückmeldungen zeigen. Diese basalen Grunderfahrungen können weitreichende Selbstheilungsreaktionen auslösen. Der Körper als beseelter Leib kann als „Zuhause“ erlebt werden, als Gefäß für Wohlbefinden, Selbstzufriedenheit und Eins-Sein mit sich selbst.
Dr. Ernst Heftner vom Rehabilitationszentrum Hochegg (Österreich) schreibt im Vorwort zu Mariann Kjellrups Buch: Eutonie – Bewusst mit dem Körper leben (Kjellrup, 2013), wie Eutonie auf die Patientinnen und Patienten des Rehabilitationszentrums wirkt. Viele dieser Menschen kamen mit den Risikofaktoren für Herz- und Kreislaufleiden und mit unspezifischen psychosomatischen Störungen:
„Beinahe alle sind erschöpft (das heißt ausgeschöpft) und außer sich durch die verschiedenartigen Erwartungen anderer Personen, Institutionen und Ideologien. Sie fühlen nach langen Jahren sich selbst – wie ihre Muskeln und Gelenke ihnen mitteilen, wie es ihnen geht, wenn sie sich „zusammennehmen müssen“, und sie entdecken, was es bedeutet „ausgelassen“ oder „gut aufgelegt“ zu sein. Sie können auf einmal „begreifen“, dass der Arm arm ist, wenn er alle Bewegungen mit Muskelkraft und Energie selbst machen muss. Und sie fühlen, welch harmonische Beziehungen zwischen Muskeln und Gelenken, zwischen Oberflächen- und Muskelsensibilität, zwischen Raumgefühl und Schwerkraft spürbar werden, wenn sie Bewegungen geschehen lassen. […] Gerda Alexander hat vor vielen Jahrzenten mit ihren eigenen Händen begriffen, was die moderne Hirnforschung […] erforscht, gemessen und bewiesen hat“ (Heftner, 2013, S. 7f).
Der Begriff „Achtsamkeit“ ist heute in aller Munde und wird viel in Verbindung mit Angeboten zur Stressbewältigung gebraucht. Achtsamkeit gilt als „Markenzeichen“ von östlich inspirierten Methoden wie „mindfulness“ (Thích Nhất Hạnh). Darauf basierende Methoden wie „mindfulness-based stress reduction“ (MBSR-Training von Jon Kabat-Zinn) werden heute im klinischen Bereich und auch in der bewusstseinszentrierten Körperpsychotherapie benutzt.
Gerda Alexander sprach in ihrer Zeit nicht von Achtsamkeit, sondern von Aufmerksamkeit, Körperbewusstheit (Awareness) und Präsenz: „Eine solche Schulung verlangt eine besondere wache Beobachtungsweise. Das Bewusstsein hat die Fähigkeit, selbst Objekt seiner Beobachtung zu sein und gleichzeitig der Auswirkung seiner Beobachtung im ganzen Organismus nachzuspüren, den Wechsel von Tonus, Zirkulation und Atmung sowie deren Beeinflussung durch Emotionen und Vorstellungen auch während der Bewegung zu registrieren. Wir nennen diesen Bewusstseinszustand „Präsenz“ (Alexander, 2012). Der Begriff „awareness“ (engl.: Bewusstsein) wird vor allem von Mosche Feldenkrais im Sinne von Gewahrsein und Bewusstheit benutzt, er findet sich aber auch bei Gerda Alexander. Zwischen beiden Methoden gab und gibt es immer wieder einen regen Austausch. Diese Bewusstseinsprozesse im Kontext von Körperwahrnehmung und Bewegung waren die Basis ihrer empirischen Forschung an sich selbst und ihren Schüler*innen. Sie beobachtete und beschrieb, wie Gedanken im Körper Tonus-Reaktionen auslösten: „Grundlegend für alle Arbeit ist die Erfahrung, dass jegliche Art von Vorstellung und selbst abstrakte Gedanken den gesamten Organismus real verändern. Selbst gedachte Formen […] denen wir gewohnt sind, weil „bloß gedacht“, keine leibhafte Wirkung zuzugestehen, führen zu tastbaren und messbaren Veränderungen in Muskeltonus und Zirkulation“ (Alexander, 2012, S. 41).
Dies entspricht den heutigen Erkenntnissen aus Neurobiologie und Körperpsychotherapie: „Aufmerksamkeit bedeutet neurobiologisch eine Vorerregung in den mit Aufmerksamkeit bedachten assoziierten affektiven, sensorischen und motorischen Feldern des Gehirns“ (Gottwald, 2014); ergänzend: Der Körper reagiert auf das konkrete Erleben wie auf Gedanken „mit seinen Muskeln, chemischen Substraten, Hormonen, inneren Organen, den Transmittern im Gehirn, einfach mit allem“ (Pilz-Kusch, 2012, S. 35).
Mariann Kjellrup, eine von Gerda Alexanders Schüler*innen und viele Jahrzehnte in Deutschland als Eutonie-Lehrerin tätig, drückte die Bedeutung der Präsenz in der Selbstwahrnehmung so aus: „Präsent sein bedeutet, eine klare, objektive Umweltwahrnehmung zu haben und gleichzeitig die Lebensprozesse des eigenen Körpers […] zu spüren. Dies erfordert eine neutrale (angstfreie) Distanz, um die eigenen Reaktionen wach und vorurteilsfrei beobachten zu können“ (Kjellrup, 2013, S. 13). Der deutsche Professor für medizinische Psychologie Ernst Pöppel (2000) betont, dass die Gegenwart das einzig mögliche Einflussfenster für Veränderungen ist. Auch der eigene Umgang mit Stress kann also nur in diesem Einflussfenster verändert werden. Die eutonische Aufmerksamkeit, Awareness, Präsenz führen ebenso wie die „Achtsamkeit“ in die Gegenwart und in das Gegenwärtige. Dabei legt die Eutonie besonderen Wert auf das Erleben der sinnlich erfahrbaren Wahrnehmung des Körpers mit seinen Strukturen, Funktionen und Reaktionen einerseits und den Wechselwirkungen zwischen Menschen und ihrem Umfeld anderseits. Eutonie-Anleitungen führen weder verbal noch durch Bilder, Musik oder Imagination über die erlebbare Realität hinaus und sind frei von religiösen Inhalten. Gerda Alexanders Ziel war es, Menschen „in die Lage zu versetzen, sich auf die Wirklichkeit des Augenblicks einzustellen“ (Bersin, 1983, S. 11).
|25|So richtet sich eutonische Aufmerksamkeit auf das, was konkret zu erspüren, zu ertasten und zu begreifen ist. Die Übenden lernen dabei, zwischen realen und nur vorgestellten Empfindungen zu unterscheiden, so entwickelt sich langsam eine Kongruenz von Empfindung und Körperrealität (Körperbild).
In der Eutonie wird zwischen Berührung und Kontakt (siehe auch Eutonie-Prinzipien im Anhang) unterschieden. „Während wir bei der Berührung an der Peripherie unseres Hautorgans bleiben, überschreiten wir beim Kontakt bewusst die sichtbare Grenze unseres Körpers.“ (Alexander, 2012, S. 29). Unbewusst wenden wir diese Fähigkeit im Alltag ständig an. Wir spüren etwa mithilfe eines Kochlöffels, ob etwas am Topfboden angebrannt ist oder nicht. Geschickte Handwerker*innen, gute Musiker*innen und Sportler*innen werden „eins“ mit ihren Werkzeugen, Instrumenten, Sportgeräten. Dies ist erwünscht und erhöht die Qualität und Leichtigkeit der jeweiligen Tätigkeit. Komplizierter wird „Kontakt“ im zwischenmenschlichen Bereich. Die unbewusste Kontaktfähigkeit auf der zwischenmenschlichen Ebene resultiert aus der ursprünglichen Mutter-Kind-Beziehung. Das Kind erlebt diese anfangs als Verschmelzung. Es ist eins mit seiner Mutter. Im Laufe seiner Entwicklung wird diese Verschmelzung aufgegeben.
Bei Erwachsenen ist der unbewusste Kontakt wegen der Gefahr des Identitätsverlustes „nur in der ersten Phase einer Rehabilitierung kontaktgestörter Persönlichkeiten wertvoll. Er muss sich zum bewussten Kontakt entwickeln, in dem man sich bei aller Hinwendung zum Partner selbst nicht verliert und gleichzeitig die selbstständige Persönlichkeit des andern respektiert“ (Alexander, 2012, S. 30).
Könnte es sein, dass der unbewusste Kontakt, bzw. die Tendenz zum Verschmelzen mit anderen, eine Ursache dafür ist, dass besonders empathische Menschen in helfenden Berufen häufiger unter Burnout leiden als andere? In der Hinwendung zum Menschen kann es leicht passieren, das Gespür für sich selbst zu verlieren und sich nicht abgrenzen zu können. Wenn dann noch andere Faktoren wie Zeitdruck, Reizüberflutung und Arbeitsüberlastung dazu kommen, ist der Schritt in die chronische Überlastung nicht weit.
Aus diesem Grund scheint es mir wichtig, sich das Phänomen „Kontakt“ bewusst zu machen oder anders ausgedrückt: aufmerksam in Kontakt zu sein. Dazu gehört die Fähigkeit, in der Begegnung mit anderen im eigenen Leib präsent zu bleiben und die Eigenständigkeit zu bewahren. In Eutonie-Seminaren wird die Kontaktfähigkeit im Gruppenunterricht, besonders in Bewegungssequenzen aber auch in der Partnerarbeit geschult. Die Partner, bzw. Gruppenmitglieder lernen, miteinander zu agieren und sich aufeinander zu beziehen, ohne dabei die eigene Balance und Mitte zu verlieren.
In ihrer jahrelangen Arbeit mit Menschen aller Alters- und Berufsgruppen entdeckte Gerda Alexander, wie wichtig der eigene Rhythmus für das Wohlergehen jedes Einzelnen ist. Denn im eigenen Rhythmus leben können, heißt auch, im Einklang mit sich selbst zu sein. In der Eutonie wird daher viel Wert daraufgelegt, dass die Übenden ihren eigenen Rhythmus finden. Sie können sich in ihrem eigenen Maß und Tempo bewegen, Ausgleichslagen und Positionen suchen, die ihrem jeweiligen Körperempfinden entsprechen und Pausen setzen, wenn sie eine brauchen.
|26|Wenn Gerd Schnack sagt: „Nicht der Stress ist es, der uns krank macht, sondern die verlorene Pause“ (Schnack, 2012, S. 15), dann ist Eutonie ein guter Weg zu lernen, sich die so wichtigen Ruhepausen zu nehmen und zu gestalten. Das sogenannte „Nachspüren“ ist fester Bestandteil jeder Eutonie-Sequenz. Es sind notwendige Pausen, um die neuen Körpererfahrungen zu integrieren. „Diese Vorgehensweise erlaubt es, dass sich aus elektrochemischen Potenzialen in unserem Nervensystem feste Strukturen, genau genommen neue Synapsen bilden“ (Bühler, 2012, S. 6), schreibt Claus Bühler, bezugnehmend auf einen Vortrag des Neurobiologen Gerald Hüther „Wie aus Erfahrungen Strukturen werden“.
Durch die Arbeit mit geschlossenen Augen wird die Aufmerksamkeit für die eigene Körpererfahrung erleichtert, da ein Nachmachen, ein Schauen auf andere, dadurch ausgeschlossen wird. Nicht die Orientierung an anderen, das eigene Spüren ist gefragt. Dadurch fällt auch der Leistungsdruck weg, der bei herkömmlichen Bewegungsmethoden (nach dem Prinzip Vormachen/Nachmachen) aufkommen kann. Gearbeitet wird hauptsächlich im Liegen, auf Matten und Decken. Die Übenden können so im Liegen die größtmögliche Entlastung erfahren, da ihr Körpergewicht über eine große Fläche an den Boden abgegeben werden kann. Sie werden verbal in ruhiger, verständlicher Formulierung angeleitet. Die verbale Anleitung dient zur Orientierung, verpflichtet aber nicht dazu, „Wort für Wort“ folgen zu müssen. Auch das wird den Übenden während der Stunden immer wieder vermittelt. Sie werden dazu ermutigt, ihre eigenen Wege zu finden. Spielerisch können sie sich auf vielfältige Weise spüren, ihre eigenen Bewegungsmöglichkeiten entdecken und erweitern.
Eutonie stellt so ein Experimentierfeld zur Verfügung, in dem die Übenden sich ausprobieren und neue Erfahrungen sammeln können. „Sie vermeidet jegliche Suggestion, sowie die direkte Einwirkung auf die Atmung, sie arbeitet vielmehr mit indirekter Einwirkung auf die vegetativen Funktionen. Ihre Pädagogik beruht auf der Freilegung des persönlichen Rhythmus jedes Schülers, durch Aufgabenstellungen, die von ihm eigene Lösungen ohne Vorbild verlangen“ (Alexander, 2012, S. 12). Für manche ist es eine Herausforderung, die eigene Weise der Bewegung zu finden, nichts vorgemacht zu bekommen, nichts abzuschauen und auch nicht korrigiert zu werden. Es irritiert, weil wir gewohnt sind, die Dinge richtig machen zu wollen bzw. zu sollen und deshalb eine klare Ansage zur Orientierung erwarten, damit wir einschätzen können, ob es „richtig“ ist, was wir tun.
„Richtig“ oder „falsch“ sind aber keine Kriterien der Eutonie in Bezug auf die Ausführung einer angeleiteten Bewegung oder einer Körperwahrnehmung. Nach Bühler (2012) geht es um die subjektive Erfahrung mit dieser Aufgabe, um das eigene Empfinden. Bühler nimmt dabei auf die Feldenkrais-Methode Bezug, der die Eutonie in vielem verwandt ist. „Falsch“ wird etwas nur, wenn wir etwas tun, womit es uns schlecht geht oder wir achtlos oder gewaltsam über unsere Grenzen gehen.
Gerda Alexander betont: „Ist es nicht von grundlegender Bedeutung für einen Schüler, wenn er bereits bei seinen ersten Versuchen in der Eutonie die Entdeckung macht, dass seine Sinneswahrnehmung, seine Welt- und Selbsterfahrung häufig völlig verschieden von denen seiner Nachbarn sind, ja sogar ihnen entgegengesetzt sein können? Dies ist weder richtig noch falsch und enthält keinerlei Wertung, sondern bedeutet einen Schritt hin zur persönlichen Eigenständigkeit und zur Anerkennung menschlicher Verschiedenheiten“ (Alexander, 2012, S. 16).
Claus Bühler beschreibt die Schwierigkeiten, mit diesen nicht-direktiven Anregungen umzugehen: „Eng verbunden damit ist der „Fallstrick“ der Selbstbewertung: Wenn ich nicht gleich verstehe, was von mir erwartet wird oder wie ich etwas tun soll, dann haben die meisten von uns die Tendenz, sich selbst in Frage zu stellen und an sich zu zweifeln“ (Bühler, 2012, S. 8). Innere Vorschriften wie: „Ich |27|muss“ und „Ich soll“ und Vorstellungen davon, wie etwas zu sein hat, sind für den Prozess der Selbstwahrnehmung hinderlich. Förderlich ist eine offene Haltung, ein gewisser Forschergeist, ein Neugierig-Sein auf das Wunderwerk des eigenen Körpers und seiner Regungen. Am besten gelingt dies in einer Haltung der vorbehaltlosen Annahme dessen, was ist. Dies gilt auch wenn das, was wahrgenommen wird, erst einmal ungewohnt, fremd oder vielleicht auch unangenehm ist. Eutonie bietet so einen Gegenpol zu vielen Methoden, die eine „Selbstoptimierung“ zum Ziel haben und den Stress, den Burnout-Gefährdete sowieso schon haben, eher verstärken.
Wenn wir Ereignisse, Situationen als schwierig oder bedrohlich einschätzen, wird unser sympathisches Nervensystem aktiviert. Das müssen nicht immer reale Situationen sein, schon die Vorstellung von Belastungen führt zu einer Erregung des sympathischen Nervensystems. Die unmittelbaren körperlichen Folgen sind ein Anstieg der „Stresshormone“, von Adrenalin und Noradrenalin, Cortisol, die Muskeln spannen sich an für „Kampf oder Flucht“, die Atmung wird schneller und flacher und die Herzfrequenz erhöht sich (siehe zum Thema Stressfolgen auch DAK-Gesundheit, 2016).
Auf den geistigen und emotionalen Ebenen macht sich die Aktivierung des sympathischen Nervensystems bemerkbar durch eine innere Spannung, die sich als Erregung, Unruhe, Gereiztheit, Angst, Ungeduld, Aggressivität, erhöhte Wachsamkeit äußern kann. Auch werden die Wahrnehmung und das Denken beeinträchtigt und eingeengt. Vorstellungen und Gedanken wenden sich eher negativen Inhalten zu. Das Erleben von zunehmenden körperlichen Beeinträchtigungen, Kraftlosigkeit und leichter Erschöpfbarkeit steigern die Beunruhigung und kann in einen „Teufelskreis“ von Dauererregung führen. Typische körperliche Symptome bei Dauer-Stress sind:
Schmerzen im Nacken-, Schulter-, und Rückenbereich (als Folge von Muskelverspannung und mangelnder Durchblutung)
Kopfschmerzen (Folgen verminderter Durchblutung im Nacken-Schulter-Bereich und Veränderung der Gefäßweite im Kopf)
Psychovegetative Beschwerden im Verdauungs- und Atembereich
Erhöhte Reiz- und Schmerzempfindung
Schlafstörungen, Nervosität
Schwächung des Immunsystems, größere Anfälligkeit für Infektionen
Schnelle Erschöpfung.
Dabei können die körperlichen Auswirkungen von Dauer-Stress leicht chronisch werden:
Andauernde Muskelverspannung, Durchblutungsstörungen, Schmerzen (besonders häufig sind chronische Rückenschmerzen)
Andauerndes hormonales Ungleichgewicht
Änderung des biochemischen Stoffwechsels im Gehirn
Erhöhter Blutdruck
Erhöhte Blutfette
Schwächung des Immunsystems
Herz-Kreislauf Beeinträchtigungen
Erschwerte Heilung von Erkrankungen.
Auch wenn viele der beschriebenen Vorgänge „autonom“ ablaufen, können wir einige Funktionen unseres vegetativen Nervensystems beeinflussen. „Über die Normalisierung der Atmung oder über die Entspannung der Muskeln haben wir gleichsam einen Zugriff zum Sympathischen Nervensystem und können seine Überaktivität samt den körperlichen Folgen vermindern“, schreibt Tausch (1996, S. 265) in seinem Buch: Hilfen bei Stress und Belastung.
Das heißt, wenn es uns gelingt, eine der körperlichen Funktionen zu normalisieren, die bei der Stressbelastung durch das sympathische Nervensystem aktiviert wurde, hat das Auswirkungen auf das gesamte System. Diese Zusam|28|menhänge sieht auch Gerda Alexander, wenn sie schreibt: „Dass Emotionen wie Angst, Hass, Neid von körperlichen Veränderungen begleitet sind und dass umgekehrt z. B. Angst durch Überspannung des Beckenbodens, der Bauch- und Zwerchfellmuskulatur ausgelöst werden kann, ist bekannt. Dass aber die Beobachtung der Körpervorgänge, besonders wenn sie durch Schulung intensiviert worden ist, messbare Veränderungen von Puls, Temperatur und Tonus bewirken, ist für die Schüler eine eindrucksvolle erste Erfahrung“ (Alexander, 2012, S. 40). Diese Erfahrung hat wiederum Auswirkung auf die seelischen Vorgänge: wir fühlen uns ruhiger, gelassener, entspannter. Die Wahrnehmung der eigenen Person und Umwelt wird besser, wir können wieder klarer denken. Vorstellungen und Gedanken wenden sich eher positiven Inhalten zu. Die Eutonie gibt uns Werkzeuge an die Hand, mit denen wir Muskulatur lösen, Tonus und Atem regulieren können. Wir sind den Reaktionen unseres vegetativen Nervensystems nicht hilflos ausgeliefert, sondern können dem „Teufelskreis“ der Dauererregung des sympathischen Nervensystems entgegenwirken.
Der Körper reagiert auf alles, was wir wahrnehmen. Der amerikanische Neurowissenschaftler Antonio Damasio (1995) bestätigte in seiner Forschung das, was Gerda Alexander beobachtete: dass der Körper messbar sowohl auf die Realität, das konkrete Erleben, als auch auf Vorstellungen reagiert. Dies geschieht meistens unbewusst. So ist die Beobachtung der Körpersignale ein gutes Instrument, herauszufinden, was wir wirklich brauchen. Der Körper kann spüren, was für ihn richtig und wichtig ist.
Die Psychologin und Mitbegründerin des Züricher Ressourcen Modells Maja Storch schreibt dazu: „Hirnforscher gehen heute davon aus, dass der menschliche Denkapparat über ein so genanntes emotionales Erfahrungsgedächtnis
