Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Sofie hat dem Tod bereits ins Auge geblickt und ihre Situation scheint ausweglos zu sein. Doch das Leben meint es gut mit ihr und schenkt ihr eine zweite Chance. Sofie ist Andres nicht nur für ihr Leben dankbar, sondern auch für das Zuhause, das er ihr gegeben hat. Aus ihrer Dankbarkeit zu ihm erwächst etwas Größeres, doch sie muss ihre Gefühle verstecken, denn es spricht zu viel gegen ihre Liebe zu ihm.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 418
Veröffentlichungsjahr: 2015
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Nelia Gapke
Eva Sofie
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
EVA SOFIE
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Epilog
Danksagung
Impressum neobooks
Ein Roman von Nelia Gapke
Texte: © Copyright by Nelia Gapke
[email protected] Rechte vorbehalten. Tag der Veröffentlichung: 12.03.2015 Bilder: © Copyright by www.1zoom.net
„Laura? Laura, bist du da?“
Sofie streifte ihre Ballerinas ab und schloss die Eingangstür hinter sich. Barfuß lief sie durch den Flur, spähte ins Wohnzimmer, in die Küche und lief dann hoch die Treppe hinauf zum Schlafzimmer ihrer Schwester. Schwungvoll öffnete sie die Tür, die geschlossen war.
„Ach, hier bist du! Wieso antwortest du denn nicht ...“, betroffen hielt Sofie inne, als sie die Situation erfasste. „Verzeihung …“, stammelte sie rot vor Verlegenheit und machte die Tür schnell wieder zu.
„So ein Mist! Wieso platzt deine Schwester einfach so in dein Schlafzimmer herein, ohne anzuklopfen?!“
Christian rollte sich an den Bettrand und erhob sich. Laura griff nach ihrem T-Shirt und streifte es sich eilig über.
„Wirklich blöd gelaufen“, meinte sie noch leicht atemlos und griff nach ihrer Jeans. „Eigentlich sollte sie erst in einer Stunde nach Hause kommen.“
„Du solltest ihr ein paar Manieren, wie zum Beispiel dasAnklopfen, beibringen!“
„Ach, lass gut sein, Christian. Sie konnte doch nicht wissen, was wir hier treiben.“
„Ja, nimm sie nur wieder in Schutz!“
Er stopfte sein Hemd in die Hose und sah Laura missbilligend an. „Du verwöhnst sie nur und nimmst sie andauernd in Schutz.“
„Sie ist ja auch meine kleine Schwester.“
Laura stellte sich auf die Zehenspitzen und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. „Was bin ich doch nur für ein schlechtes Vorbild für meine kleine Schwester“, meinte sie seufzend. „Wie soll ich Sofie das jetzt nur erklären?“
„Sie ist doch kein kleines Kind mehr und weiß, was die Leute so tun, wenn sie verliebt sind.“
Laura lächelte und umarmte ihn.
„Andere Leute ja, aber nicht ihre Schwester und nicht vor ihren Augen.“ Sie drückte ihm einen Kuss in die Halsgrube und blickte ihm dann in die Augen. „Wir sollten das nächste Mal vorsichtiger sein und die Tür lieber abschließen. Jetzt wäre es aber besser, wenn du nach Hause fahren würdest. Ich muss mit Sofie reden.“
„Nein, das sehe ich überhaupt nicht ein. Es ist unser letzter Urlaubstag“, protestierte er und drückte sie an sich. „Du kannst von mir aus mit ihr reden, aber dann unternehmen wir noch was zusammen. Ich kann ja, solange ihr plaudert, nach draußen, eine rauchen gehen.“
Sie schmunzelte.
„Überredet. Welche Unternehmungen schweben dir denn so vor?“
Er senkte seinen Kopf, küsste sie ausgiebig auf den Mund und drückte ihren Körper fest an sich. Dann hob er den Kopf und blickte sie amüsiert an.
„Natürlich möchte ich das beenden, was ich vorhin angefangen habe.“
„Oh, du bist einfach unmöglich!“, entrüstete sie sich spielerisch und versuchte sich aus seiner Umarmung zu befreien.
Er lachte und ließ sie frei.
*
Die Tür in Sofies Zimmer war zu und Laura klopfte leise an.
„Herein!“
Laura öffnete die Tür und trat ins Zimmer.
„Hättet ihr nicht die Tür abschließen können?!“, fuhr Sofie gleich ihre Schwester empört an.
„Hättest du nicht anklopfen können?“, verteidigte sich Laura.
„Das mache ich wohl besser in Zukunft!“
„Bist du jetzt eingeschnappt? Es tut mir wirklich leid. Du hättest eigentlich später aus der Schule nach Hause kommen müssen.“
„Wir hatten früher Schluss. Liebst du ihn?“
Laura nahm auf dem Bett, neben Sofie Platz.
„Ich glaube, ich war noch nie so verliebt“, antwortete sie verträumt.
„Nicht einmal in deinen ersten Freund, hieß er nicht Marten?“
Laura lachte und schüttelte den Kopf.
„Nein, nicht einmal in Marten.“
Sofie seufzte.
„Dann muss es wohl wirklich ernst sein.“
„Ist es auch. Ich kenne ihn zwar erst seit vier Monaten, aber mir kommt es vor, als habe ich ihn schon immer gekannt. Weißt du, Christian ist irgendwie anders, als die Männer, die ich bis jetzt gekannt habe. Er weiß immer genau was er will und bekommt es auch immer. Er ist so selbstsicher, was kein Wunder bei seinem Aussehen ist. Denn ich finde, dass er sehr gut aussieht und einen schönen, männlichen Körper hat“, schwärmte Laura.
„Das mit seinem Körper will ich gar nicht wissen und verfalle nicht in Details. Ich hatte für heute schon genug Erotik“, unterbrach sie Sofie.
Laura lachte und umarmte ihre Schwester.
„Wenn du erst einen Mann kennenlernst, der dir gefällt, dann werden dich solche Details sogar sehr interessieren. Verzeihst du mir das von vorhin?“
Sofie zuckte mit den Schultern.
„Viel habe ich sowieso nicht gesehen, also vergiss es einfach und flieg zu deinem Angebeteten.“
Laura drückte ihrer Schwester einen Kuss auf die Wange.
„Ich hab dich lieb!“
Christian steckte seinen Kopf durch die halboffene Tür.
„Habt ihr nun genug geplaudert? Ich habe Hunger.“
Laura erhob sich und eilte auf ihn zu.
„Dafür müssen wir erst einmal einkaufen gehen. Unser Kühlschrank ist absolut leer.“
„Laura?“
Laura drehte sich um und sah ihre Schwester fragend an.
„Du hast doch morgen einen kurzen Tag und ich habe um zwölf schon Schluss. Kannst du mich dann nach der Arbeit von der Schule abholen? Vielleicht können wir gleich irgendwo essen gehen und meinen Schulabschluss feiern?“
Laura schüttelte bedauernd den Kopf.
„Das wird leider nicht klappen, Sof. Ich habe morgen nachmittags Fortbildung.“
Sofie seufzte.
„Schade.“
„Wenn du willst, kann ich dich abholen“, bot Christian sich an. „Ich bin sowieso vormittags in der Stadt und fahre dann mittags nach Hause. Ich könnte dich dann im Vorbeifahren hier absetzen.“
Sofie überlegte kurz und zuckte dann mit den Schultern.
„Wenn es dir nichts ausmacht?“
Christian nickte.
„Dann ist es abgemacht.“
Das Schulgebäude war bereits abgeschlossen und der sonnendurchflutete Schulhof war, bis auf die beiden wartenden jungen Frauen, leer. Sofie und Tina, Sofies Schulfreundin, standen an das Treppengeländer gelehnt und warteten darauf, dass sie abgeholt wurden. Christian verspätete sich und Tinas Vater auch.
„Ist schon irgendwie seltsam, dass die Schulzeit nun vorbei ist und die ganze Klasse in verschiedene Richtungen verstreut wird.“
Sofie sah Tina von der Seite an und zuckte mit den Schultern.
„Einmal im Jahr werden wir die meisten aus der Klasse beim Klassentreffen sehen. Aber du hast recht, nach zwölf Jahren Schule ist es sogar irgendwie traurig, dass alles nun vorbei ist.“
„Und du willst wirklich Lehrerin werden, Sofie?“
Sofie nickte zustimmend und Tina blickte sie zweifelnd an.
„Echt, hattest du nicht genug von den ganzen Lehrern hier in der Schule?“
Sofie lachte.
„Das schon, aber ich mag eben gern Kinder und ich möchte ja auch in der Grundschule unterrichten. Da sind sie noch klein und süß.“
„Süß? Das sehe ich anders. Die Bälger von unseren Nachbarn sind richtige Satansbraten, null mit süß.“
„Du findest Buchhaltung interessant und ich Kinder. Buchhaltung wäre für mich sterbenslangweilig. Jedem eben das Seine.“
Sofie sah Christians Wagen vor den Schulhof fahren.
„Ich werde abgeholt. Mach´s gut, Tina!“
Sofie umarmte ihre Freundin und sie gaben sich gegenseitig auf beide Wangen ein Küsschen.
„Wir sehen uns nächsten Samstag, beim Abschlussball!“
Sofie hob ihre Tasche von den Stufen auf und lief durch den Schulhof zum Auto.
Christian setzte seine Sonnenbrille ab und sah, wie Sofie sich von ihrer Freundin verabschiedete und dann auf den Wagen zuging. Sie gab schon eine recht gute Figur ab, in ihrem weißen Volant-Röckchen und der himmelblauen, enganliegenden Kurzarmbluse. Sie war schlank, sogar etwas zu schlank für seinen Geschmack. Er mochte eher Frauen mit breiteren Hüften und mehr Busen. Aber dafür hatte Sofie schöne, lange Beine, die in ihrem kurzen Rock gut zur Geltung kamen. Ihre hübsche, lange blonde Mähne fiel ihr in Wellen über die Schultern und sie hatte ein niedliches Gesicht. Im Großen und Ganzen ein recht süßes Ding. Er stieg aus und ging um den Wagen herum.
Laura hatte Recht, Christian sah wirklich schneidig aus, mit den modern geschnittenen blonden Haaren, dem türkisfarbenen Hemd mit der passenden Krawatte und der gutsitzenden Hose. Es imponierte Sofie irgendwie, vor Tinas Augen, von so einem Mann, mit einem tollen Wagen, abgeholt zu werden.
Christian begrüßte sie mit einem festen Wangenkuss und öffnete vor ihr die Beifahrertür. Den Wangenkuss fand sie zwar etwas übertrieben, aber dass er sich wie ein Gentleman benahm, gefiel ihr.
„Vielen Dank!“, sagte sie lächelnd und nahm auf dem Beifahrersitz Platz.
Sie winkte Tina lächelnd zu und diese winkte zurück. Tinas verwirrter Gesichtsausdruck amüsierte Sofie. Sollte Tina doch denken, was sie wollte. Neidisch war sie garantiert!
„Entschuldige, dass ich spät dran bin. Hat alles etwas länger gedauert, als geplant“, meinte Christian entschuldigend, als sie losfuhren.
Sofie zuckte mit den Schultern.
„Kein Problem. Obwohl ich mir schon überlegt habe, zum Bahnhof zu gehen. Aber da Tina auch auf ihren Vater warten musste, bin ich noch geblieben.“
„Na los, zeig endlich dein Zertifikat“, forderte Christian sie auf.
Sofie holte ihr Abschlusszertifikat aus der Tasche und zeigte es ihm stolz.
„Das zweitbeste aus der Klasse!“
„Sehr schön! Hast du wirklich gut gemacht!“
Sofie lächelte strahlend, erfreut über sein Lob, und steckte das Zertifikat wieder in die Tasche.
„Jetzt werde ich Lehramt studieren“, meinte sie frohgelaunt. „Ich denke an die Fächer Kunst und Mathematik. Das waren meine Lieblingsfächer während der ganzen Schulzeit.“
„Lehramt?“, er schüttelte entschieden den Kopf, „Wäre überhaupt nichts für mich. Mag nämlich keine Kinder.“
Sofie lachte hell und er sah sie irgendwie seltsam an.
„Du siehst schön aus, wenn du lachst“, sagte er und musterte sie durchdringend.
Sofie wurde sofort ernst.
„Danke für das Kompliment, aber spar es dir lieber für Laura auf.“
„Ich weiß selber was ich tun oder lassen soll! Außerdem war es kein Kompliment, sondern eine Feststellung.“
Sofie schwieg. Irgendwie gefiel ihr sein Ton nicht. Hatte er einen schlechten Tag gehabt? Er hätte sie ja nicht abholen brauchen, sie wäre auch mit dem Bus nach Hause gefahren. Er hatte sich doch selber angeboten?!
Sie fuhren eine Weile schweigend, nur die Radiomusik tönte leise aus den Lautsprechern. Christian fuhr zu schnell, doch sie sagte lieber nichts. Sie waren längst aus der Stadt heraus und würden bald schon zu Hause sein.
„Wo fährst du denn hin? Wir hätten hier abbiegen sollen!“, rief Sofie aus. „Jetzt kannst du erst an der nächsten Kreuzung wenden oder es mitten auf der Straße tun!“
Sie blickte sich um und sah, wie sie sich immer weiter von der Kreuzung entfernten, bis sie komplett aus ihrem Blickfeld verschwunden war. Sie fuhren absolut in die entgegengesetzte Richtung und das mit viel zu hoher Geschwindigkeit. Christian legte seine Hand auf ihr Knie und tätschelte es leicht.
„Keine Sorge, Sof. Ich fahre schon richtig. Möchte dich heute nämlich an einen malerischen Ort, in der Nähe von Lavassaare, entführen. Du bist da bestimmt noch nie gewesen. Es wird dir dort gefallen. Habe auch eine Flasche Sekt und ein paar Knabbereien im Kofferraum. Dein glänzender Schulabschluss muss doch schließlich gefeiert werden.“
Sie ergriff ihn am Handgelenk und entfernte, leicht angeekelt, seine Hand von ihrem Knie.
„Was erlaubst du dir eigentlich?!“, fuhr sie ihn an.
„Entschuldige, war nur so eine Geste.“
Aus seiner Stimme war jedoch keine Reue heraus zu hören. Er musterte sie mit einem Blick, der durch ihre Kleidung zu sehen schien. Sie zog aus einem Reflex heraus den Rock etwas weiter herunter und verschränkte nervös die Arme vor ihrer Brust. Die Situation gefiel ihr ganz und gar nicht. Wieso war sie nur nicht mit dem Bus gefahren? Dann hätte sie sich den ganzen Ärger ersparen können. Christian schien wie ausgewechselt zu sein und das machte sie mehr als nervös. Sie überlegte, was sie tun könnte. Ihn anflehen, sie nach Hause zu bringen? Würde das etwas nützen? Verzweifelt blickte sie sich um. Mit rasender Geschwindigkeit entfernten sie sich immer weiter von zu Hause weg. Sie sah bereits das Ortsschild von Audru an ihnen vorbeifliegen. Sie waren demnach schon über zwanzig Kilometer von ihrem zu Hause entfernt. Und da Christian in unvermindertem Tempo weiter raste, musste dieses Lavassaare noch weiter weg liegen. Sie war noch nie in Lavassaare gewesen und wollte es auch nicht. Zumindest nicht jetzt und nicht mit Christian!
„Fahr jetzt einfach wieder zurück und bring mich nach Hause, hörst du?! Ich will mit dir nirgendwohin! Du sollst meine Schwester an malerische Orte entführen und nicht mich!“
„Schon wieder sagst du mir, was ich tun soll. Vielleicht finde ich aber nicht nur deine Schwester nett, sondern auch dich? Hast du schon mal daran gedacht?“
Er strich mit seinen Fingern über ihren Oberarm und fuhr dann über ihre Schulter und ihren Hals zu ihrer Wange.
„Du bist so ein Schwein! Nimm sofort deine Hände von mir weg oder ich springe aus dem Auto!“
Christian lachte schallend und gab noch mehr Gas.
„Das machst du nicht! Das könnte tödlich für dich enden.“
„Du fährst schon die ganze Zeit viel zu schnell. Hast du etwa getrunken? Du bist doch sonst nicht so ein Idiot?!“
„Ja, ich habe etwas getrunken, na und?! Willst du mir schon wieder sagen, ich hätte es nicht tun sollen, da ich ja am Steuer bin? Selber hast du aber auch nicht bessere Manieren! Platzt in die Schlafzimmer von anderen Leuten herein, ohne anzuklopfen!“ Er legte seine Hand auf ihr Knie und streichelte es langsam. „Hat dir vielleicht gefallen, was du gestern gesehen hattest?“
„Ich habe nicht gewusst, was für ein Arschloch du bist!“, sagte sie verächtlich und versuchte seine Hand von ihrem Bein zu entfernen.
„Du solltest etwas netter zu mir sein, Sof. Ich sage dir doch du gefällst mir. Gefalle ich dir denn nicht?“
Er sah sie mit einem Blick an, von dem ihr übel wurde. Seine Hand strich langsam ihren Oberschenkel hoch und fuhr unter ihren Rock. Sie versuchte wieder seine Hand wegzuzerren, doch er war stärker und behielt seine Hand auf ihrem Oberschenkel. Ohne ihr Bein loszulassen, bremste er abrupt und bog nach links in einen Waldweg ab.
„Sei doch nicht so störrisch, Sof. Es gefällt dir doch auch. Wir könnten mit dir ein bisschen Spaß haben und einen netten Nachmittag verbringen. Laura bräuchte nicht einmal etwas davon zu erfahren.“
Ihr Herz klopfte und ihr war ganz übel. Er fuhr mit der Hand zwischen ihre Oberschenkel und berührte ihren Slip.
„Lass mich sofort in Ruhe! Wenn Laura nur wüsste, was du für ein Schwein bist!“, schrie sie und fing an auf ihn einzuhauen.
Der Wagen machte einen Schlenker und prallte gegen einen Baum. Sofie wurde hart nach vorne, gegen den Sicherheitsgurt geschleudert. Die Luft blieb ihr kurze Zeit weg und ihr wurde schwarz vor Augen. Als sie wieder zu Atem kam, sah sie Christian vor dem Wagen stehen und mit einem erzürnten Blick den Schaden begutachten. Er blickte durch die Frontscheibe zu ihr und sein Blick verhieß nichts Gutes. Sie musste hier schnell weg, denn er kam schon um das Auto herum. Sie öffnete die Tür, stieg schnell aus und rannte los, doch er war schon nach ein paar Metern bei ihr und packte sie am Arm.
„Das wirst du mir bezahlen, du blöde Ziege!“
Er zog sie mit Schwung an sich, so dass sie gegen seine Brust knallte. Mit einem harten Griff presste er sie fest an sich. Sie schrie und versuchte sich zu befreien. Er hielt sie mit dem einen Arm fest und mit dem anderen packte er sie an den Haaren. Kräftig zog er ihren Kopf nach hinten und zwang sie zu einem Kuss. Er schmeckte scheußlich nach Alkohol und nach Zigaretten. Sie wehrte sich. Schlug mit den Fäusten auf seinen Rücken ein und versuchte ihm ihren Mund zu entziehen, doch er verstärkte seinen Griff in ihren Haaren und sie stöhnte auf vor Schmerz. Sein Kuss war brutal, ihre Lippen schmerzten und sie schmeckte Blut. Er griff unter ihren Rock und versuchte ihren Slip herunter zu ziehen. Sein Griff in ihren Haaren lockerte sich etwas, sie nutzte den Moment, drehte ihren Kopf und biss mit ganzer Kraft in seinen Unterarm. Er heulte auf und schleuderte sie mit beiden Armen von sich weg. Sie prallte mit voller Wucht auf dem Erdboden auf, schlug dabei mit dem Kopf gegen etwas Hartes und eine erlösende, alles um sie herum verschlingende Dunkelheit senkte sich über sie.
Christian begutachtete die blutende Bisswunde an seinem Unterarm und sein Zorn wurde noch größer. Er machte einen Schritt auf Sofie zu, die seltsam unbeweglich am Boden lag, und blieb dann wie angewurzelt stehen. Eine leuchtendrote Blutlache breitete sich neben ihrem Kopf aus und wurde mit jeder Sekunde immer größer. Ihre Augen waren geschlossen und aus ihrem Gesicht war jedes Leben gewichen. Er versuchte zu realisieren was geschehen war, trat an ihren Körper heran und drehte ihn um. Aus der klaffenden Wunde an ihrem Hinterkopf pulsierte das Blut.
„Verdammte Scheiße!“, fluchte er und blickte auf den so ungünstig daliegenden, großen Stein.
Krampfhaft überlegte er, was er jetzt tun sollte. Einen Krankenwagen rufen? Und was, wenn sie bereits tot war? Wie lange bekam man für einen Mord oder Totschlag? Er wollte doch nur ein bisschen Spaß mit der süßen Schwester von seiner Freundin haben. Sie war so hübsch und so jung. Und nun lag sie bleich, wie eine Leiche da und bewegte sich nicht mehr.
Er musste hier schnellstmöglich verschwinden! Er sah sich hektisch um, weit und breit war niemand zu sehen. Der Wald war still und nur die Libellen schwirrten über der Wasseroberfläche des Sees hin und her. Sie hatte nicht einmal die Schönheit dieses Ortes gesehen. Es hätte ein so schöner Nachmittag werden können, wenn sie keine unnahbare Jungfer gespielt hätte! Nun es half alles nichts. Sie war tot und er musste weg.
Eilig lief er zum Wagen, stieg ein und wollte losfahren, als sein Blick auf ihre Tasche vor dem Beifahrersitz fiel. Er griff nach der Tasche, wühlte darin, bis er das Handy gefunden hatte, stieg aus und warf es in den See. Er wollte auch schon die Tasche wegschmeißen, doch überlegte es sich anders, stieg wieder in den Wagen und fuhr los. Nachdem er bereits auf der Hauptstraße ein paar Kilometer gefahren war, bog er wieder in eine Seitenstraße ab, stieg aus und warf die Tasche ins Dickicht.
***
Laura sah in der Küche und im Wohnzimmer nach.
„Sofie? Wo bist du?“
Sie lief die Treppe hoch, aber auch im Obergeschoss war niemand da. Wo sie wohl stecken mochte? Laura lief wieder nach draußen, doch als sie ihre Schwester auch im Garten nicht entdecken konnte, ging sie wieder hinein und wählte Sofies Nummer. Ihr Handy schien leider aus zu sein, also wählte sie Christians Nummer. Dieser ging zum Glück gleich ran.
„Hallo Christian, gut, dass ich wenigstens dich erreiche. Wo bist du denn gerade und wo ist Sofie?“
„Hallo, mein Schatz. Ich bin noch im Büro und werde es heute nicht mehr zu dir schaffen.“
„Oh, das ist schade. Aber kannst du mir sagen, wo Sofie ist? Ich denke, du wolltest sie heute von der Schule abholen?“
„Ich habe keine Ahnung, wo sie ist. Ich hatte mich mittags verspätet gehabt und niemanden mehr an der Schule angetroffen. Ich nehme an, Sofie ist mit dem Bus nach Hause gefahren und ist vielleicht bei irgendeiner Freundin oder so.“
„Ja, du hast Recht. Sie ist vielleicht einfach noch unterwegs und vermutlich ist bei ihrem Handy der Akku leer gegangen“, sie schwieg einen Moment, „Wirst du denn morgen vorbei kommen können? Morgen bist du doch nur bis Mittag im Büro?“
„Nein, wahrscheinlich nicht. Mein Auto ist kaputt und ich wollte es morgen zu Arno in die Werkstatt bringen. Außerdem habe ich morgen Abend noch ein Geschäftsessen mit einem wichtigen Kunden.“
„Wirklich schade. Ich werde dich vermissen. Sieh bitte zu, dass du dir den Sonntag für uns frei hältst, ja?“
„Ich versuche es, mein Schatz. Ich liebe dich.“
„Ich liebe dich auch. Bis Sonntag!“
Laura legte auf und wählte abermals Sofies Nummer, doch wieder erfolglos. Es sah Sofie gar nicht ähnlich, dass sie von zu Hause wegblieb, ohne Laura Bescheid zu sagen, wo sie war. Aber wenn ihr Akku leer war, konnte sie ja gar nicht anrufen.
*
Christian hörte sein Handy läuten und sein Herz setzte für einen Moment aus. Hatten sie Sofies Leiche schon gefunden? Hatte jemand doch sein Auto gesehen und das Kennzeichen aufgeschrieben? Tausend Gedanken gingen ihm durch den Kopf, bevor er sein Handy in die Hand nahm. Er blickte auf Lauras Nummer und atmete einmal tief durch, bevor er ranging.
„Hallo, Laura. Ist etwas passiert?“
„Christian, es tut mir leid, dass ich dich geweckt habe, aber Sofie ist immer noch nicht aufgetaucht und ihr Handy ist entweder aus oder ihr Akku ist wirklich leer. Es ist bereits ein Uhr nachts! Sie ist noch nie so lange weggeblieben, ohne mir Bescheid zu sagen. Ich weiß nicht was ich machen soll?!“
„Mein Gott, Laura. Sie ist achtzehn und lange kein Kind mehr. Vielleicht feiert sie mit ihren Freunden den Schulabschluss und ihr Handy hat keinen Empfang oder wie auch immer. Geh jetzt ins Bett und versuche zu schlafen. Du musst ja schließlich morgen noch arbeiten. Sofie wird schon irgendwann wieder auftauchen.“
„Ach, wennduwenigstens hier bei mir gewesen wärst“, sie machte eine Pause, „Ich mache mir Sorgen um Sofie, aber wahrscheinlich hast du Recht und es geht ihr gut. Ich versuche jetzt wirklich zu schlafen. Entschuldige noch mal, dass ich dich geweckt habe.“
„Kein Problem. Geh jetzt einfach schlafen und ich lege mich auch wieder hin.“
Christian legte auf und strich sich mit der Hand langsam übers Gesicht. Er hätte beim Mittagessen doch nicht so viel Alkohol trinken sollen und sich nur mit Laura begnügen, anstatt Sofie zu begrapschen. Dann hätte er jetzt auch nicht bei jedem Anruf und jedem Geräusch an der Eingangstür zusammenzucken müssen. Er schüttelte energisch den Kopf. Es war nichts mehr zu ändern, es war geschehen und Sofie hatte selber Schuld daran. Sie hätte ihn nicht beißen sollen, dieses Biest. Er sah sich die Wunde am Unterarm an. Eine gute Ausrede dafür musste er sich noch für Laura ausdenken.
Er ging zur Bar und goss sich noch einen Cognac ein. Er sollte aufhören sich unnötig Sorgen zu machen und versuchen tatsächlich zu schlafen. Wenn Sofies Leiche gefunden werden sollte, würde keiner wissen, wer sie war. Er hatte schließlich dafür gesorgt, dass ihr Handy und ihre Papiere nicht bei ihr waren. Nur wenn jemand seinen Wagen gesehen und das Kennzeichen aufgeschrieben hatte, dann wäre er dran. In diesem Fall hätte er aber schon etwas von der Polizei hören müssen, oder? Nun, vielleicht hatte er doch Glück gehabt und würde ungeschoren davonkommen. Sofie war tot. Ihr war jetzt alles egal, aber er lebte und er wollte auf keinen Fall in den Knast!
Andres setzte sich an den Bettrand, zog die Schublade des Nachtischschränkchens auf, in dem seine Socken lagen und zog ein Paar heraus. Silvie umarmte ihn von hinten und strich zärtlich mit den Handflächen über seinen nackten Bauch und seine Brust.
„Bleib doch noch ein bisschen im Bett, Liebling. Draußen ist es doch so ungemütlich“, bettelte sie und schmiegte ihre Wange an seinen Rücken.
„Für dich ist es ungemütlich, aber für Neli ist es perfekt. Sie mag es durch den Matsch zu laufen.“
Silvie verzog das Gesicht.
„Dann macht sie den ganzen Boden wieder schmutzig und ihr Fell stinkt so widerlich, wenn es nass ist.“
Andres lachte.
„So etwas muss man in Kauf nehmen, wenn man sich einen Hund anschafft.“
„Manchmal glaube ich, dass du deine Hündin mehr liebst, als mich“, beschwerte sie sich schmollend und war gezwungen ihn loszulassen, da er sich vom Bett erhob.
„Wieso? Du könntest doch mitkommen. Ein schöner Spaziergang an der frischen Luft vor dem Frühstück, ist eine feine Sache.“
Er schlüpfte in seine Jeans und ging dann zum Schrank. Zog einen warmen Pullover heraus und streifte sich diesen über. Silvie streckte sich und gähnte.
„Nein, danke. Gestern wäre ich vielleicht mitgekommen, da war es warm und es schien die Sonne. Heute nieselt es, ist dunkel und kalt.“
Andres zuckte mit den Achseln.
„Wie du willst. Bin spätestens in einer Stunde wieder da, dann können wir frühstücken.“
Er ging aus dem Schlafzimmer, die Treppe herunter und goss sich in der Küche ein Glas kalte Milch ein. In einem Zug trank er es aus und wischte sich den Milchbart mit dem Handrücken ab.
„Neli! wo bleibst du, altes Mädchen?“
Die Collie Hündin kam, über den Holzboden schlitternd, aus dem Flur eilig angelaufen. Er ging in die Hocke und kraulte ihren Hals und hinter ihren Ohren.
„Uns beide stört das miese Wetter nicht, nicht wahr?“, meinte er leise zu ihr und versetzte der Hündin einen leichten Klaps auf das Hinterteil. „Los, wir gehen heute zum Waldsee.“
Die Hündin lief zur Eingangstür und er folgte ihr. In der Diele streifte er sich die Regenjacke über, zog seine Wanderstiefel an und legte das Handy und die Hausschlüssel in die Jackentasche.
Draußen war es wirklich frisch, man konnte sogar den Dampf vom eigenen Atem sehen. Der feine nebelartige Nieselregen überzog die Landschaft mit einem glänzenden Film. Es war weit und breit noch keine Menschenseele zu sehen. Wer wollte auch bei diesem Wetter, an einem Samstag so früh aus dem Bett, außer er musste zur Arbeit oder besaß einen Hund, der reichlich Auslauf brauchte.
Sie liefen eine Weile neben der kaum befahrenen Straße her und bogen dann nach rechts in einen Waldweg ab, der zum Waldsee führte. Neli jagte einer Bachstelze nach, die hochflog, als sie näher kamen. Der Vogel gewann jedoch immer mehr an Höhe und die Hündin gab ihr Unterfangen alsbald wieder auf.
„Na los, Neli, tob dich ein bisschen aus!“, rief Andres.
Er bückte sich, hob einen Stock auf und warf ihn soweit er konnte. Die Hündin preschte los, die aufgeweichte Erde mit den Pfoten hinter sich her schleudernd. Stolz brachte sie ihm den Stock wieder und blickte ihn erwartungsvoll an. Er lobte sie und tätschelte ihren Hals, bevor er den Stock aufhob und diesen wieder warf. Neli preschte abermals los, blieb jedoch in einiger Entfernung stehen, bellte kurz, lief ein paar Schritte, duckte sich und schnupperte, richtete sich wieder auf und bellte erneut.
„Was hast du denn wieder gefunden, Neli? Etwa einen Igel?“, rief Andres.
Die Härchen an seinem ganzen Körper richteten sich auf, als er näher kam und sah, was seine Hündin gefunden hatte. Eine Frau lag bewegungslos am Wegrand und es sah beinahe aus, als wäre sie tot. Ihr Gesicht war bleich, ihre Lippen bläulich angelaufen. Ihre Haare und ihre knappe Kleidung waren komplett durchnässt und zum Teil mit Schmutzspritzern übersät. Auf ihrem Hinterkopf erblickte er eine verkrustete Wunde. Seine Hände zitterten leicht, als er eilig sein Handy herauszog und die Nummer des Rettungsdienstes eintippte.
„Medizinischer Rettungsdienst. Was kann ich für Sie tun?“, meldete sich eine Frauenstimme am anderen Ende.
Andres schilderte der Frau knapp die Situation und die Lage des Ortes.
„Haben Sie versucht die Person anzusprechen?“, fragte die Frau nach.
„Nein, sie sieht aber auch nicht so aus, als ob sie nur schlafen würde, sondern eher, als wäre sie schon tot!“
„Können sie sehen oder hören, ob sie atmet?“
Andres beugte sich über die Frau, doch ihr Brustkorb schien sich nicht zu bewegen, er hörte auch keine Atemzüge. Er hielt seine Hand an ihre Nase und meinte einen leichten, warmen Hauch an den Fingern wahrzunehmen.
„Ich bin mir nicht sicher, ich versuche nach ihrem Puls zu fühlen.“
Er überwand das mulmige Gefühl in seinem Bauch und berührte die kalte, schlaffe Hand der Frau. Da er am Handgelenk nichts ertasten konnte, griff er an ihren Hals.
„Ich glaube einen leichten Pulsschlag zu fühlen.“
„Sehr gut. Bleiben Sie bitte vor Ort, falls die Sanitäter oder die Polizei Fragen an Sie haben sollten. Ein Krankenwagen ist bereits zu Ihnen unterwegs.“
Andres legte auf und steckte das Handy in seine Hosentasche. Seine Hündin stand daneben und blickte ihn abwartend an.
„Wir müssen noch ein Weilchen hier warten, Neli.“
Er blickte wieder zu der jungen Frau auf dem Boden. Wie lange sie wohl schon hier lag? Es hatte die ganze Nacht geregnet und die Luft war kalt. Er zog seine Jacke aus und breitete diese über den Körper der Frau aus. Die Minuten verstrichen und es kam ihm, wie eine Ewigkeit vor, bis er den Krankenwagen endlich in den Waldweg einbiegen sah, dicht von einem Polizeiwagen gefolgt.
*
Andres sah zu, wie die Sanitäter die junge Frau kurz untersuchten, sie dann auf eine Trage luden und eilig in den Krankenwagen trugen.
„Lebt sie?“, wollte er wissen.
Der Sanitäter sah ihn ernst an.
„Das Mädchen lebt, ist aber in keiner guten Verfassung. Sie muss so schnell wie möglich ins Krankenhaus.“
Andres´ Herz machte unwillkürlich einen Satz. Seine Hündin hatte also doch keine Leiche gefunden! Als er den kaum wahrnehmbaren Puls gefühlt hatte war er sich nicht sicher gewesen. Doch die junge Frau lebte!
Die Tür ging zu und der Krankenwagen fuhr fort.
„Kennen Sie die junge Frau vielleicht?“, fragte der ältere Polizist.
„Nein, ich habe sie heute zum ersten Mal gesehen. Glauben Sie, es war ein Verbrechen?“
„Das kann man nicht ausschließen. Zwar lag sie direkt neben einem Stein und hätte gestolpert und mit dem Kopf gegen den Stein gefallen sein können. Aber es könnte auch jemand nachgeholfen haben. Wir warten auf jeden Fall die genaue ärztliche Untersuchung ab. Leider gibt es keine Hinweise auf die Identität des Mädchens. Es wäre wirklich von Vorteil gewesen, wenn man wüsste, wer sie ist. Ich werde auf jeden Fall die nähere Umgebung absuchen lassen, vielleicht finden wir noch etwas, was uns einen Hinweis auf ihre Identität liefern könnte. Ansonsten hoffe ich, dass das Mädchen überlebt und uns bald selbst erzählen kann, was sich zugetragen hat.“
Andres nickte.
***
Laura trat durch die Tür der Polizeiwache und ging durch den Flur zu dem Glaskasten, in dem ein junger Polizist saß und etwas in den Computer eintippte.
„Guten Morgen“, grüßte Laura.
Der Polizist, in dem Glaskasten, blickte auf.
„Guten Morgen. Was kann ich für Sie tun?“
„Meine Schwester ist verschwunden. Ihr ist bestimmt etwas Schlimmes zugestoßen!“
„Wie alt ist Ihre Schwester und wie lange ist sie weg?“
„Sie ist achtzehn und ist gestern nicht mehr nach Hause gekommen.“
„Und Sie glauben wirklich, dass ihr etwas zugestoßen ist? Haben Sie einen Grund zu dieser Annahme?“
„Natürlich habe ich einen Grund. Sie sagt mir immer Bescheid, wo sie ist. Aber seit gestern ist ihr Handy die ganze Zeit aus und sie ruft auch selbst nicht an. Das sieht ihr gar nicht ähnlich. Ihr ist garantiert etwas zugestoßen!“
„Gut. Gehen Sie bitte weiter den Flur entlang, das zweite Büro rechts. Dort können Sie bei meinem Kollegen alle Angaben machen. Ich sage ihm Bescheid.“
Laura bedankte sich und ging den ihr gewiesenen Weg. Sie war verzweifelt und hoffte, dass die Polizei ihr helfen und nach Sofie suchen würde. Sie klopfte an die Tür und trat ein.
„Guten Morgen“, begrüßte sie der etwas ältere Polizist, mit einem Vollbart und buschigen Augenbrauen, der am Bürotisch saß. „Nehmen Sie bitte Platz.“
Laura setzte sich dankend auf den Stuhl, dem Polizisten gegenüber.
„Mein Kollege sagte mir, ihre Schwester wäre verschwunden?“
„Ja, sie ist gestern nicht mehr nach Hause gekommen und hat sich seitdem nicht mehr gemeldet. Ich kann sie auch nicht erreichen, da ihr Handy aus zu sein scheint.“
„Wie alt ist Ihre Schwester und wo war sie zuletzt, bevor sie verschwunden ist?“
„Sie ist achtzehn und sie war zuletzt in der Schule. Ich habe gestern Abend ihre ganze Klasse angerufen und erfahren, dass ihre Schulfreundin, Tina, sie als Letzte gesehen hat. Sie sagt, dass meine Schwester von einem jungen Mann, den sie gut zu kennen schien, nach der Schule abgeholt wurde. Seitdem hat sie niemand mehr gesehen.“
„Kennen Sie den jungen Mann, mit dem sie weggefahren war? War das vielleicht ihr Freund?“
Laura schüttelte verneinend den Kopf.
„Sie hatte keinen Freund. Zumindest hat sie mir nie etwas von einem Freund erzählt.“
„Kennt diese Tina vielleicht den Mann?“
Laura schüttelte abermals den Kopf.
„Das habe ich sie auch schon gefragt, aber sie kennt ihn nicht. Sie meint, dass Sofie, meine Schwester, mit dem Mann Küsschen ausgetauscht hatte und dann zu ihm in den Wagen gestiegen war. Tina konnte mir das Gesicht des Mannes nicht beschreiben, da sie weiter weg stand. Die Automarke des Wagens konnte sie mir auch nicht nennen, sie hat gar nicht darauf geachtet, da sie sich nichts dabei gedacht hat.“
Der Polizist sah sie direkt an.
„Ich kann leider nicht viel für Sie tun. Ihre Schwester ist erwachsen und kann tun, was sie will. Außerdem ist sie freiwillig zu dem Mann ins Auto gestiegen. Wenn Sie Ihnen nichts von ihrem Freund erzählt hat, dann wollte sie es anscheinend nicht. Und dass sie sich bei Ihnen nicht meldet, ist auch allein ihre Entscheidung.“
„Nein, Sie verstehen mich nicht!“, entgegnete Laura leicht aufgebracht, „Sofie ist ganz bestimmt etwas zugestoßen! Wir haben ein gutes Verhältnis zueinander und ...“
„Beruhigen Sie sich bitte“, unterbrach sie der Polizist. „Ich kann Sie sehr wohl verstehen. Sie machen sich Sorgen um ihre jüngere Schwester, doch verstehen Sie mich bitte auch. Es sieht nicht danach aus, dass ihre Schwester gegen ihren Willen von zu Hause wegbleibt. Wenn kein Verbrechen vorliegt, ja es nicht einmal einen Verdacht dafür gibt, dann kann ich leider nichts tun. Wir klären nämlich keine familiären Angelegenheiten, sondern bekämpfen Verbrechen. Sie können natürlich Ihre Schwester bei uns als vermisst melden. Bei Erwachsenen leiten wir jedoch nur dann eine Fahndung ein, wenn eine Vermutung vorliegt, dass die Person in Gefahr oder möglicherweise bereits Opfer einer Straftat geworden ist. Andernfalls geht die Polizei grundsätzlich davon aus, dass jeder Erwachsene seinen Aufenthaltsort frei wählen kann, ohne seine Angehörigen und Freunde zu informieren. Dies mag für Sie sonderbar klingen, doch steht jedem dieses Recht zu – auch Ihnen.Vielleicht ist Ihre Schwester frisch verliebt und denkt im Moment gar nicht an ihre Familie? Ich werde ihre Daten aufnehmen, doch das nützt nur dann etwas, wenn Ihre Schwester inirgendeinen Delikt verwickelt werden sollte. Mehr kann ich leider für Sie nicht tun.“
Laura war den Tränen nahe, als sie die Polizeiwache verließ. Was sollte sie nur tun? Konnte es wirklich sein, dass Sofie etwas vor ihr verheimlicht hatte? Aber warum sollte sie das? Sie hatten sich doch immer gut verstanden und nie irgendwelche Geheimnisse voreinander gehabt. Was sollte sie nur ihren Eltern sagen, falls sie anrufen sollten? Sollte sie ihnen erzählen, dass Sofie verschwunden war? Oder vorerst doch lieber nicht, damit sie sich nicht unnötig Sorgen machten? Vielleicht würde Sofie ja schon bald wieder auftauchen. Das hoffte Laura sehr. Sie fühlte sich für ihre Schwester verantwortlich und hatte ein schlechtes Gewissen, dass sie nicht gut genug auf sie aufgepasst hatte.
***
Die Dame an der Information des Pärnu Krankenhauses legte den Telefonhörer auf und blickte Andres fragend an.
„Guten Tag. Wie kann ich Ihnen helfen?“
„Guten Tag“, grüßte er zurück. „Ich wollte gern wissen, wo ich das junge Mädchen, das hier gestern schwer verletzt eingeliefert wurde, finden kann?“
„Wie ist der Name des Mädchens?“
„Das weiß ich leider nicht. Ich hatte sie verletzt im Wald gefunden und hatte daraufhin den Krankenwagen gerufen.“
„Einen Moment, ich frage in der Notfallaufnahme nach.“
Sie wählte am Telefon eine Nummer und unterhielt sich kurz mit jemandem.
„Die junge Frau wurde noch gestern nach Tallinn in die Spezialklinik geflogen“, sagte sie, nachdem sie den Telefonhörer wieder aufgelegt hatte.
„Könnten Sie mir bitte die Adresse der Klinik geben?“
„Ja, natürlich.“
Die Frau notierte die Adresse auf einem Zettel und reichte ihm diesen mit einem freundlichen Lächeln. Andres bedankte sich und ging zu seinem Wagen. Bis Tallinn waren es etwa einhundertdreißig Kilometer und er würde in ungefähr eineinhalb Stunden da sein. Er wollte gerne wissen, wie es der jungen Frau ging.
*
In der Zentralklinik von Tallinn angekommen, ging Andres gleich zur Information und erkundigte sich nach der gestern eingelieferten, jungen Frau. Auch hier wurde nach dem Namen des Mädchens gefragt.
„Den Namen der jungen Frau kenne ich leider nicht. Ich habe sie mit einer Kopfverletzung im Wald gefunden und habe daraufhin den Krankenwagen gerufen. Sie wurde gestern aus Pärnu hier eingeflogen.“
„Ach,diesejunge Frau meinen Sie. Sie liegt auf der Intensivstation und da können Sie leider nicht hinein. Sie können allerdings mit Doktor Ulven reden, wenn er noch in seinem Büro ist. Zweite Etage, den Gang entlang und dann die zweite Tür rechts.“
Andres bedankte sich und ging den ihm beschriebenen Weg. Doktor Ulven war zum Glück noch in seinem Büro, doch er konnte ihm zum Zustand des Mädchens noch nicht viel sagen.
„Die junge Frau hat ihr Bewusstsein noch nicht erlangt. Sie hat eine geschlossene Schädelfraktur und ein schweres Hirn-Trauma erlitten. Es war ihr Glück gewesen, dass sie sie gefunden haben, denn noch ein paar Stunden hätte sie höchstwahrscheinlich nicht überlebt. Sie hatte viel Blut verloren und war bereits stark unterkühlt.“
„Wird sie es schaffen?“, fragte Andres besorgt. Irgendwie war es ihm wichtig, dass dieses Mädchen am Leben blieb. Er hatte sie gefunden, sie gerettet, doch es wäre alles absolut sinnlos gewesen, wenn sie sterben sollte.
„Es ist schwierig, eine allgemeine Aussage über die Prognose bei einem Schädel-Hirn-Trauma zu treffen, da eventuelle Folgen vom Ausmaß der Verletzung abhängen. Es stehen noch einige Untersuchungen an. Es wäre auch eine Hirnblutung nicht auszuschließen. Kommen sie am besten in ein paar Tagen wieder, dann werde ich Ihnen schon mehr sagen können.“
Andres bedankte sich bei dem Doktor und verabschiedete sich von ihm.
Draußen vor seinem Wagen zögerte er kurz, zog dann sein Handy heraus und wählte die Nummer seiner Mutter.
„Hallo, Andres! Dass du dich auch mal von alleine bei mir meldest?!“
„Hallo, Mutter. Ich bin gerade in Tallinn und da habe ich mir gedacht, du hättest vielleicht Zeit und Lust mit mir irgendwo einen Kaffee zu trinken?“
„Das wäre schön. Komm doch einfach bei mir vorbei.“
„Nein, lass uns lieber in ein Café gehen. Ich kann dich abholen.“
„Mein Mann ist nicht zu Hause, also kannst du mich ruhig in meiner Wohnung besuchen.“
Andres schloss das Auto auf.
„Also gut. Bin dann in circa zehn Minuten bei dir.“
*
Andres zögerte kurz und betätigte dann die Klingel an der Wohnungstür. Einige Sekunden später ging die Tür auf und seine Mutter trat lächelnd auf ihn zu. Perfekt gestylt, wie immer, und von einer duftenden Parfümwolke umgeben, umarmte sie ihn und blickte ihm dann ins Gesicht.
„Es ist schön dich wieder zu sehen, mein Junge! Wie lange ist es her, dass du mich zuletzt besucht hast? Drei, vier Monate?“
Andres sah sie ernst an.
„Du könntest mich doch auch besuchen.“
Sie schnitt eine Grimasse.
„Das würde ich, wenn da nicht der Drachen, mit dem Namen Milvi wäre!“
Andres lachte.
„Sag bloß, du hast Angst vor Tante Milvi?“
Sie schnaubte.
„Natürlich habe ich keine Angst vor ihr. Aber ihre feindlichen Blicke und ihre spitzen Bemerkungen empfinde ich einfach als sehr störend. Und wenn sie sich wenigstens nicht ständig bei dir aufhalten würde.“
„Sie kommt nur vorbei, um die Kuh zu melken.“
„Ich hatte beim letzten Mal als ich da war den Eindruck, als würde sie sich den ganzen Tag bei dir aufhalten. Sie hat mir immer noch nicht verziehen, dass ich ihren Bruder damals verlassen habe und einen anderen geheiratet habe. Aber genug davon. Lass uns auf die Terrasse gehen. Ich bringe gleich den Kaffee.“
Andres nahm auf einem der Stühle, auf der Terrasse Platz und blickte sich um. Die Terrasse war recht geräumig und man hatte von hier eine schöne Aussicht. Das Wetter war heute etwas freundlicher und im Moment blickte sogar die Sonne zwischen den Wolken durch. Seine Mutter kam mit der Kaffeekanne und zwei Tassen in der Hand heraus.
„Ist es nicht schön, mitten in der Stadt eine große Wohnung, mit einer so hübschen Terrasse zu haben?“
„Ja, ihr habt euch, im Vergleich zu der anderen Wohnung, wirklich verbessert.“
Seine Mutter schenkte den Kaffee ein und setzte sich Andres gegenüber hin.
„Ich warte immer noch auf die Nachricht von eurer Verlobung“, sagte sie und reichte ihm den Kaffee.
Er nahm die volle Tasse dankend entgegen und blickte sie etwas verwundert an.
„Silvie kann sich nicht einmal entschließen zu mir zu ziehen und du redest von einer Verlobung?“
„Nun, wenn du ihr einen Heiratsantrag machen würdest, dann würde es bestimmt die ganze Sache beschleunigen.“
„Ich finde es okay so, wie es gerade ist.“
Die Mutter blickte ihn streng über den Rand ihrer Tasse an.
„So einfach ist es für euch Männer, was? Hauptsache, ihr habt jemanden, der euer Bett wärmt und alles andere interessiert euch nicht. Deine Freundin wünscht sich aber mehr von eurer Beziehung. Sie möchte eine Familie und Kinder.“
Andres hob spöttisch die Augenbrauen.
„Hat sie dir das erzählt?“
„Ja, das hat sie.“
Andres schnaubte abfällig.
„Sie kommt nicht einmal mit meiner Hündin klar und dann will sie noch Kinder haben?“
„Was hat ein Hund mit einem Wunsch nach Kindern zu tun? Silvie beschwert sich sowieso, dass du ihr deine Hündin andauernd vorziehst.“
„Telefoniert ihr etwa miteinander?“
„Ja, das tun wir und zwar regelmäßig. Ich mag Silvie und würde sie gern als deine Frau sehen. Du bist schon achtundzwanzig und solltest dir mal langsam ernste Gedanken über deine Zukunft machen. Dein Vater hatte seinerzeit viel zu lange gewartet und war schon viel zu alt gewesen, als er endlich geheiratet hat. Und du konntest ja sehen, wozu ihn das geführt hat. Je älter man wird, desto schwerer wird es, sich auf einen anderen Menschen einzulassen. Man rostet sozusagen ein und wird weniger flexibel in Bezug auf eine Beziehung.“
Andres seufzte innerlich. Hätte er gewusst, dass seine Mutter ihn wieder mit dem leidigen Thema belästigen würde, wäre er doch lieber gleich nach Hause gefahren.
„Genug von mir, Mutter. Wie geht es dir denn?“, fragte er, um das Gespräch in eine andere Richtung zu bringen.
Sie zuckte mit den Schultern.
„Es geht mir eigentlich ganz gut, abgesehen davon, dass ich alleine in dieser Wohnung hause und mein Mann geschäftlich durch Europa herumreist. Wäre nicht meine Arbeit gewesen, hätte ich mit ihm mitkommen können, aber kündigen wollte ich auf keinen Fall. In meinem Alter würde ich so eine gute Stelle nicht wieder bekommen können.“
Andres nippte an seinem Kaffee und hörte seiner Mutter noch eine Weile zu, bevor er sich wieder verabschiedete. Der Pflichtbesuch war getan und nun konnte er wieder einige Monate verstreichen lassen.
„Ich verstehe dich einfach nicht, Andres!“, regte sich Silvie auf. „Wieso willst du morgen wieder ins Krankenhaus? Du hast doch schon den letzten Sonntag dafür vergeudet. Ich habe mich auf unser gemeinsames Wochenende gefreut! Wieso bist du nicht einfach während der Woche hingefahren?“
„Während der Woche hatte ich keine Zeit, das weißt du“, entgegnete Andres und erhob sich von der Couch. „Ich fahre morgen hin, weil ich wissen möchte, wie es dem Mädchen geht. Am Telefon wollten sie mir keine Auskunft geben. Und außerdem kannst du morgen mitkommen, wenn du den Sonntag mit mir verbringen willst. Wir könnten, nachdem wir das Mädchen im Krankenhaus besucht haben, durch Tallinn spazieren und dort irgendwo essen gehen.“
Silvie erhob sich ebenfalls von der Couch, trat an ihn heran und legte die Arme um seinen Nacken.
„Möchtest du denn eigentlich noch, dass ich zu dir ziehe?“, fragte sie und blickte ihm prüfend ins Gesicht. „Du hast in letzter Zeit nicht mehr davon gesprochen.“
Er legte die Hände um ihre Taille und erwiderte ihren Blick.
„Ich habe keinen Spaß gemacht, als ich es dir angeboten habe. Allerdings werde ich Neli behalten, sie ist mir zu sehr ans Herz gewachsen.“
Silvie zog einen Schmollmund.
„Du weißt, dass sie mich nicht mag und die Antipathie beruht bei uns beiden auf Gegenseitigkeit.“ Sie streichelte mit den Fingerspitzen zärtlich seinen Nacken. „Wahrscheinlich wollen wir dich einfach nicht mit der jeweils anderen teilen.“
„Neli ist keine Frau, also brauchst du mich mit ihr auch nicht zu teilen. Du solltest dich mit ihr endlich anfreunden. Sie ist ein kluger Hund und spürt, dass du sie nicht magst.“
Sie zuckte mit den Schultern.
„Vielleicht versuche ich es ja. Ich konnte einfach noch nie Tiere gut leiden und die Tiere mich ebenfalls nicht.“
Sie konnte überhaupt nicht verstehen, wieso er an dieser Hündin so festhielt, wo doch sie, seine Freundin, ihm viel wichtiger sein müsste. Genau das war wohl der Grund, warum sie noch nicht endgültig bei ihm eingezogen war. Und zwar nicht der Hund selbst, sondern die Tatsache, dass dieser Hund scheinbar einen höheren Stellenwert für Andres hatte, als sie selbst.
*
Nach der Auskunft der Dame an der Information des Klinikums, wurde die junge Frau bereits auf eine normale Station verlegt und durfte besucht werden.
„Geh du nur ruhig hin“, meinte Silvie zu ihm. „Ich warte im Café, vor dem Krankenhaus, auf dich.“
„Gut, wie du möchtest. Ich bleibe nicht lange weg.“
Auf der Station für Traumatologie erkundigte Andres sich im Schwesternzimmer nach dem Mädchen. Eine junge Krankenschwester sah ihn etwas überrascht an.
„Kennen Sie die junge Frau etwa?“
„Nun, nicht direkt. Ich hatte sie vor einer Woche verletzt im Wald gefunden und wollte sie jetzt gern besuchen.“
„Ach, Sie sind also ihr Lebensretter?“
„Könnte man sagen, ja.“
Die Krankenschwester nickte ihm freundlich zu.
„Kommen Sie bitte mit, ich begleite Sie zu ihrem Zimmer.“
Er folgte ihr über den Flur. An einem der Zimmer blieb die Schwester stehen, klopfte leise an und öffnete dann die Tür.
„Schläfst du nicht? Ich habe nämlich einen Besucher für dich.“ Sie trat zur Seite, damit Andres eintreten konnte. „Sprechen sie aber nicht so laut. Unsere junge Patientin ist noch empfindlich, was laute Geräusche angeht“, sagte sie leise zu ihm und machte die Tür hinter ihm wieder zu.
Im Zimmer herrschte ein Halbdunkel, denn das Fenster war zur Hälfte mit den Vorhängen zugezogen. Das Mädchen saß halb liegend im Bett und sah, trotz des schwachen Lichts, sehr blass aus.
„Hallo! Ich bin Andres“, sagte er gedämpft und trat näher an das Bett heran.
Sie musterte ihn durch halbgeschlossene Lider. Wer war dieser Andres? Sollte sie ihn kennen? Wusste er vielleicht, wer sie war? Gehörte er zu ihr? Er sah gut aus, war groß und breitschultrig. Er trug einen Dreitagebart und seine dunkelbraunen kurzen Haare waren verwuschelt gestylt. Seine ausdrucksvollen, dunklen Augen sahen sie freundlich an.
„Kennen wir uns?“, fragte sie vorsichtig.
„Nicht direkt“, entgegnete er. „Ich habe dich verletzt und bewusstlos im Wald gefunden. Ich darf dich doch duzen?“
Sie zeigte ein schwaches Lächeln und zwei süße Grübchen zeigten sich auf ihren Wangen.
„Mich duzen hier alle, also kannst du das auch tun“, erwiderte sie. „Du bist also derjenige, der mich gerettet hat?“
Er zog den danebenstehenden Stuhl an das Bett heran und setzte sich hin.
„Nun, gerettet haben dich eigentlich die Ärzte. Ich habe dich nur gefunden, sogar genauer gesagt, meine Hündin. Dann habe ich nur noch den Krankenwagen gerufen.“
„Dann danke ich dir, dass du den Krankenwagen gerufen hast. Deiner Hündin kann ich leider nicht danken.“
Sie hatte eine angenehme melodische Stimme und ein hübsches Lächeln.
„Gern geschehen. Neli kannst du später danken, wenn es dir besser geht“, erwiderte er.
„Wer ist Neli?“
„Meine Hündin.“
Sie lächelte wieder schwach.
„Ach so, sie heißt also Neli …“, sie schwieg und ihr Gesicht bekam einen gequälten Ausdruck, „ich … ich kenne meinen Namen nicht.“
Er sah sie verdutzt an.
„Was soll das heißen, du kennst deinen Namen nicht?“
Sie zog leicht die Schultern hoch und sah ihm ernst in die Augen.
„Ich weiß eigentlich gar nichts. Nicht wer ich bin, nicht wo ich wohne und nicht ob ich irgendwelche Angehörigen habe. Ich weiß auch nicht, warum ich alleine und verletzt im Wald lag. Die Polizei war hier und hat mich nach dem Unfallhergang befragen wollen“, ein bitterer Zug legte sich um ihren Mund, „ich konnte denen jedoch absolut nichts sagen.“
Andres musterte ihr trauriges Gesicht.
„Weißt du denn wirklich überhaupt nichts?“
„Leider nein. Zumindest nichts, was vor meinem Krankenhausaufenthalt hier war.“
War das normal, dass sie sich nicht erinnern konnte? Würde dieser Zustand anhalten oder würde er bald vorbei gehen? Andres nahm sich in Gedanken vor, mit Doktor Ulven darüber zu reden.
„Wie nennt dich denn das Krankenhauspersonal?“
Sie lächelte leicht.
„Ich bin die junge Dame aus dem Zimmer elf.“
Andres nickte.
„Und wie geht es dir allgemein?“
„Seit drei Tagen bin ich auf der normalen Station. Hier ist es viel angenehmer, da es viel leiser ist, als auf der Intensivstation. Laute Geräusche und helles Licht wirken sich verstärkend auf meine Kopfschmerzen aus, deshalb haben sie mich in ein Einzelzimmer verlegt. Es ist zwar schön still hier, aber dafür auch langweilig. Ich freue mich immer, wenn die Visite kommt oder die Krankenschwestern nach mir sehen. Alleine kann ich leider noch nicht aufstehen, da ich nicht schwindelfrei bin.“ Sie machte eine Pause und blickte ihm offen in die Augen. „Es ist schön, dass du mich besuchst.“
Andres erwiderte ihren Blick.
„Wenn du möchtest, dann besuche ich dich wieder. Vielleicht am Mittwoch?“
„Das würde mich sehr freuen.“
Andres erhob sich und drückte leicht ihre Hand, an der kein Tropf angeschlossen war.
„Jetzt muss ich leider gehen. Brauchst du vielleicht irgendetwas? Soll ich dir am Mittwoch etwas mitbringen?“
Sie zögerte und er sah ihrem Gesicht an, dass sie sich nicht traute.
„Los, raus mit der Sprache! Was brauchst du?“
