Mondblume - Nelia Gapke - E-Book

Mondblume E-Book

Nelia Gapke

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Beschreibung

Kasachstan, 1980. Aigul, eine junge Frau, die von wahrer Liebe träumt, muss gegen ihren Willen den Mann heiraten, den ihre Eltern für sie auserkoren hatten. Sie ist erst achtzehn Jahre alt und hat andere Pläne für ihre Zukunft, als von einem Mann, der ihr völlig fremd ist, abhängig zu werden und sich seinem Willen zu unterwerfen. Da sie ihrem Schicksal nicht entgehen kann, beschließt sie zu kämpfen, um ihre Unabhängigkeit auch in der Ehe zu bewahren. Das Leben bringt sie unerwartet mit einem Mann zusammen,der ihr seine Liebe gesteht und sie aus ihrer scheinbar unglücklichen Ehe erlösen möchte. Kann Aigul ihre strenge, sittenbezogene Erziehung vergessen und sich auf seine Liebe einlassen oder gibt es da noch einen anderen Grund, der sie an ihren Ehemann bindet?

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Seitenzahl: 584

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Nelia Gapke

Mondblume

Die Wege des Lebens

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Epilog

Impressum neobooks

Prolog

Danksagung

Meinen besonderen Dank möchte ich an meinen Engel, Elina, richten, ohne deren Motivation und Unterstützung dieses Buch wahrscheinlich gar nicht entstanden wäre. Danke an Karen und Tonja, für ihre hilfreichen Anstöße und Vorschläge.

Danke an meinen ältesten Sohn, für seine Geduld mit mir und seine Vorschläge.

Für die Freude an der Weitergabe von Informationen danke ich meinen Schwiegereltern, meinen Eltern und meinen Geschwistern.

Mondblume

Die Wege des Lebens

Mondblume

Kapitel 1

Kasachstan 1980

Aigul stand reglos am Fenster, das Gesicht ausdruckslos, der Blick in die Ferne gerichtet. Konnte das, was morgen geschehen würde, wirklich ihr passieren? Sie lebte schließlich im zwanzigsten Jahrhundert und man schrieb das Jahr neunzehnhundertachtzig!

„Was stehst du so da, Mädchen?! Es gibt noch jede Menge zu tun!”

Aigul schreckte zusammen und fuhr herum. Sie war so in ihre Gedanken versunken gewesen, dass sie nicht gehört hatte, wie ihre Großmutter hereingekommen war.

„Los, an die Arbeit mit dir!“

Das runzelige Gesicht der alten Frau hatte einen strengen Ausdruck, der keinen Ungehorsam duldete. Ein Fünkchen Hoffnung glimmte jedoch noch in Aiguls Herzen. Vielleicht ließ sich ihre Großmutter doch noch umstimmen und vielleicht war noch nicht alles endgültig verloren?

Sie lief auf die alte Frau zu, fiel vor ihr auf die Knie und griff nach ihrer Hand.

„Apa (kasachisch Großmutter), bitte ...”, Aigul schluckte krampfhaft und blickte flehend zu ihrer Großmutter hoch, „bitte Apa, lass das nicht zu! Ich kenne ihn doch gar nicht und ich liebe ihn nicht. Alle sagen, er ist böse. Er sieht so furchtbar aus, er...”

Der Blick ihrer Großmutter ließ sie verstummen. Ihre Augen füllten sich mit hilflosen Tränen und sie hatte das Gefühl an dem riesigen Kloß in ihrem Hals ersticken zu müssen.

„Schande über dich! Wie kannst du auch nur daran denken, von mir so etwas zu verlangen? Ich wäre die Letzte, die es würde verhindern wollen!”

Sie funkelte Aigul mit ihren schmalen schwarzen Augen an und riss ihre Hand los, an die sich Aigul immer noch klammerte.

„Steh auf und bring dich in Ordnung, bevor dich jemand so sieht!”, ihr Blick wurde etwas weicher, aber die Stimme blieb hart, „Den Bund kann keiner mehr aufheben, eure beiden Eltern sind tot. Nasar ehrt unsere alten Bräuche und akzeptiert sein Schicksal, den seine Eltern für ihn bestimmt haben und das solltest du auch tun!”

Die alte Frau drehte sich um und ging zur Tür. Es schmerzte sie sehr ihre Enkeltochter so unglücklich zu sehen. Am liebsten wäre sie zurückgeeilt und hätte ihre kleine Taube in die Arme geschlossen, hätte ihrer kleinen Aigul die Tränen aus dem Gesicht gewischt und sie vor Allem beschützt, was ihr Kummer bereitete. Aber das konnte sie nicht. Sie konnte ihre Kleine nicht vor dem Bund der Ehe beschützen, schließlich musste jede Frau einmal heiraten. Außerdem würde sie sich freuen, noch erleben zu können, ihre Urenkel im Arm zu halten. Sie war immerhin schon siebenundsechzig und wer wusste schon, wie lange es der Allmächtige noch gut mit ihr meinte.

*

Aigul rannen immer noch langsam die Tränen über die Wangen. Sie stand wieder am Fenster und sah zu, wie ihre beiden Onkel gerade eines der Lämmer packten und es hinters Haus brachten, um es dort zu schlachten. Als sie mit dem Lamm das Fenster passierten, blickte das Lamm plötzlich Aigul direkt in die Augen. Es war als ob sie beide das gleiche Leid teilten. Sie hatten beide keine Wahl, sie mussten sich ihrem Schicksal fügen. Aigul drehte sich hastig vom Fenster weg, denn sie glaubte in den Augen des Lamms Tränen gesehen zu haben. Das Tier wusste, dass es sterben würde, aber es konnte sich nicht wehren. War sie denn auch ein wehrloses Lamm, mit dem man alles machen konnte, ohne Rücksicht auf ihre Gefühle, Wünsche und Träume zu nehmen? Sie schniefte und wischte sich energisch die Tränen von den Wangen. Sie war kein Lamm! Sie war eine junge, intelligente Frau und sie würde sich wehren! Aber wie? Was konnte sie tun? Ihre Großeltern blieben seit zwei Wochen, seit sie es ihr mitgeteilt hatten, hart und ließen nicht mit sich reden. Sie war sich anfangs so sicher gewesen, dass ihre Großeltern sie verstehen würden, aber das taten sie leider nicht. Sie musste nun einen Ausweg aus dieser Situation finden, bevor es zu spät war. Ihr Glück und ihre Freiheit standen auf dem Spiel!

Aigul verließ die Küche und eilte in ihr Zimmer. Sie musste nachdenken. Es musste einfach einen Ausweg geben! Auf ihrem Bett lag ihr schönes Hochzeitskleid ausgebreitet. Es war schneeweiß, mit langen weiten Ärmeln aus zarter Spitze. Es stand ihr sehr gut und passte wie angegossen, als sie es am Abend zuvor anprobiert hatte. Die Tante ihres Bräutigams hatte es für sie genäht, sie war, wie es aussah, sehr geschickt im Nähen. Die beiden Schmuckstücke waren aber die weiße, eng anliegende Weste, die reich mit goldenen und silbernen Ornamenten bestickt war und Aiguls schmale Taille betonen sollte und der spitze, reich verzierte Hut. Aigul nahm den danebenliegenden weißen Schleier und presste ihn an ihre Brust. Der Schleier hatte noch ihrer Mutter gehört. Ihre Großmutter war gestern Abend zu ihr ins Zimmer gekommen und hatte ihr den Schleier, mit den Worten `Der wird dir genauso gut stehen, wie damals deiner Mutter` feierlich überreicht. Aigul seufzte unglücklich und ließ den Schleier wieder auf das Bett gleiten. Sie musste noch heute Abend weg, es war ihre letzte Chance dem Schicksal zu entrinnen, das sie sich nicht ausgesucht hatte. Aber zu wem könnte sie denn gehen? Zu keinem aus ihrer Verwandtschaft, das stand fest. Sie würden sie sofort wieder zurück zu ihren Großeltern bringen. Nadja!! Aiguls Herz schlug schneller. Aber ja, sie könnte zu ihrer Freundin Nadja gehen. Sie war ihre beste Freundin und würde ihr helfen. Nadjas Eltern würden es bestimmt auch verstehen. Sie waren Russen und hielten nichts von arrangierten Hochzeiten, wie das bei Kasachen leider immer noch üblich war. Die beiden waren bereits seit zwanzig Jahren glücklich verheiratet und durften damals ihren Lebenspartner selbstständig und aus Liebe wählen.

Aigul fragte sich, was ihre Eltern sich wohl dabei gedacht hatten, als sie sie noch als kleines Mädchen diesem Nasar versprochen hatten. Sie konnte sich an ihre Eltern kaum erinnern. Sie war fünf Jahre alt gewesen als sie bei einem Busunglück ums Leben kamen. Ihr älterer Bruder, Murat, war damals sieben gewesen. Aigul vermisste ihn sehr. Er diente seit über einem Jahr bei der Armee und hatte nicht mal zu ihrer Hochzeit frei bekommen.

„Aigul! Wo steckst du?”

Aigul seufzte tief und eilte wieder in die Küche, woher Großvaters ungeduldige Stimme kam.

„Hier bin ich Ata (kasachisch Großvater). Was brauchst du denn?”

Der Großvater sah ihr eindringlich ins Gesicht und schnaubte verächtlich.

„Ihr Frauen! Aus euch wird man nicht schlau. Ihr seid andauernd am Heulen, auch wenn ihr euch freuen solltet.”

Er zeigte mit seinen blutverschmierten Händen in Richtung Vorratskammer.

„Hol mir schnell eine große Schüssel für die Innereien und dann kannst du deiner Großmutter beim Brotbacken helfen. Sie ist auch nicht mehr die Jüngste.”

*

Aigul wartete bis es im Haus ganz still geworden war. Es war schon spät, bereits kurz vor Mitternacht. Sie war müde, denn es hatte den ganzen Tag viel zu tun gegeben. Morgen würden viele Gäste kommen, dafür wurde im Hof ein großes Zelt aufgespannt. Es wurden zwei Lämmer geschlachtet, viel gekocht und gebacken. Aber sie würde morgen nicht dabei sein. Sie nahm ihre Tasche und schlich leise zum Fenster. Um durch die Tür herauszukommen, müsste sie am Schlafzimmer ihrer Großeltern vorbei, also würde sie lieber durch das Fenster ihres Zimmers verschwinden. Sie öffnete vorsichtig das Fenster und zögerte einen Moment. Draußen war es ganz still, nur das Zirpen der Grillen war zu hören. Sie atmete tief die warme Nachtluft ein und blickte in den Himmel. Der Mond leuchtete hell und schien ihr zuzulächeln. Ja, es war die richtige Entscheidung zu fliehen. Sie hoffte nur, dass ihre Großeltern ihr irgendwann verzeihen würden. Sie warf ihre Tasche auf die Erde, setzte sich auf die Fensterbank und schwang ihre Beine rüber. Erschrocken fuhr sie zusammen und schrie leise auf, als Jemand sie am Arm packte.

„Na, mein Täubchen, ist dir etwas aus dem Fenster gefallen, als du frische Luft schnappen wolltest?”, fragte Onkel Jessim leise lachend.

Er hob ihre Tasche vom Boden auf und drückte sie ihr in die Hände. Jetzt lachte er nicht mehr, in seiner Stimme hörte sie nur Verachtung.

„Versuch ja nicht wegzulaufen! Wir halten schon seit Tagen ein Auge auf dich. Du wirst keine Schande über deine Familie bringen! Und jetzt geh schlafen, damit du morgen schön hübsch für deinen Bräutigam aussiehst.”

Verzweiflung, Hilflosigkeit und Trauer übermahnten sie, als sie das Fenster wieder von innen schloss. Warum war das Leben nur so grausam zu ihr? Und wenn es einen Vater im Himmel gab, warum ließ er dann nur so etwas zu?! Schluchzend warf sie sich auf ihr Bett und vergrub das Gesicht in den Kissen.

*

Sie musste wohl irgendwann im Morgengrauen eingeschlafen sein, denn sie wurde von lauten Stimmen im Haus geweckt. Langsam drehte sie sich auf den Rücken und starrte verloren auf die weiß getünchte Decke. Es blieb ihr nichts weiter übrig, als sich in ihr Schicksal zu fügen. Sie war eben doch nur ein wehrloses Lamm.

Die Tür in ihr Zimmer ging leise auf und ihre Großmutter kam lächelnd herein. Als sie Aigul sah, schlug sie sich erschrocken mit der Hand auf den Mund.

„Oh, Allmächtiger! Wie siehst du denn aus?! Deine Augen sind ganz geschwollen. In zwei Stunden kommt schon dein Bräutigam!”

Sie verdrehte die Augen zur Decke, drehte sich um und verließ eilig das Zimmer, um gleich darauf mit einem nassen Tuch und einer kleinen Schüssel wieder zu kommen.

„Hier, das hilft bestimmt”, sagte sie und legte Aigul das nasse Tuch behutsam auf die Augen.

Das Tuch war angenehm kühl und tat Aiguls geschwollenen Augen gut.

„Du wirst heute eine sehr schöne Braut sein”, sagte die Großmutter und strich ihr zärtlich über die Haare.

„Ich will noch keine Braut sein, Apa“, erwiderte Aigul müde. „Ich bin erst achtzehn und ich möchte Medizin studieren. Wozu habe ich mir sonst so viel Mühe in der Schule gegeben? Die Aufnahmeprüfung für das Studium habe ich auch schon geschafft.”

Sie nahm sich das Tuch von den Augen und blickte ihre Großmutter traurig an.

„Antworte mir bitte, Apa, soll das alles umsonst gewesen sein?”

Die alte Frau senkte den Blick und starrte auf ihre Handflächen.

„Etwas Bildung hat noch keiner Frau geschadet”, meinte sie ohne den Blick zu heben. „Du kannst ja deinen Ehemann um Erlaubnis fragen. Er hat bestimmt nichts dagegen, dass seine Frau Ärztin werden möchte. Nasar ist ein rücksichtsvoller und kluger Mann.”

Aigul schnaubte und legte das Tuch wieder auf ihre Augen. Nach einer Weile meinte sie leise: „Du glaubst doch selber nicht was du sagst, Apa.”

Die Großmutter sah ihre Enkeltochter an und seufzte. Sie war so jung, so schön und noch voller Träume. Aber das Leben bestand nicht nur aus Träumen. Eine Frau brauchte einen Ehemann und Kinder. Und Nasar würde bestimmt ein guter Mann für ihre kleine Taube werden.

*

Aigul wusste nicht, wie sie den Tag bis hierher überstanden hatte. Das ganze Theater um die Brautleute, die Worte im Standesamt, die ihr nicht über die Lippen wollten. `Ja, ich will`, sie wollte aber nicht! Sie wollte sich losreißen und wegrennen, sich in Luft auflösen und einfach nicht mehr da sein! Es kam ihr alles wie ein schrecklicher Traum vor, der nicht enden wollte. Aber den ganzen Anwesenden schien es absolut nichts auszumachen, dass die Braut gegen ihren Willen zu einer Ehe mit einem ungeliebten Mann gezwungen wurde. Nein, sie feierten, aßen, tranken und waren fröhlich, wie bei einer Liebesheirat.

Sie spürte einen Blick auf sich und drehte den Kopf. Nasar stand etwas weiter von ihr entfernt mit den anderen Männern und hielt ein Glas Kumys (ein alkoholisches Getränk, das aus Pferdemilch zubereitet wird) in der Hand. Er war, so schien es ihr, größer und stattlicher, als alle anderen Männer, die hier anwesend waren. Er hatte fast schulterlanges, schwarzes, glänzendes Haar. Ein paar Locken fielen ihm ins Gesicht und bedeckten einen Teil von der hässlichen Narbe, die sein Gesicht verunstaltete. Die Narbe zog sich über sein rechtes Auge und verschloss es zur Hälfte, schlängelte sich in einem Zickzack über seine Wange bis zu seinem rechten Mundwinkel und zog diesen leicht nach unten. Das verlieh seinem Gesicht einen recht grimmigen Ausdruck. Nachdenklich musterte er sie gerade von oben bis unten. Als ihre Blicke sich kurz trafen, zuckte sein linker Mundwinkel leicht nach oben und er hob, mit einem Kopfnicken in ihre Richtung, sein Glas.

Aigul spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht schoss und ihr auf einmal noch heißer wurde, als es eh schon war. Es war ein sehr heißer Tag gewesen, was für einen Julitag im südlichen Kasachstan ganz normal war. Jetzt, in der Nacht kühlte sich die Luft langsam ab, aber Aigul hatte für dieses Wetter einfach zu viel an. Das lange Kleid mit den langen, wenn auch luftigen Ärmeln und dann noch die Weste. Sie hatte schon den ganzen Tag in ihren Sachen geschwitzt, doch jetzt wurde es ihr von Nasars Blick wieder so heiß, wie in der Mittagssonne. Sie wandte sich hastig ab und sah sich um. Sie war müde, ihr war heiß und sie hatte Kopfschmerzen. Der Wunsch in ihr wurde immer größer, endlich dem ganzen Theater zu entfliehen, endlich auf ihr Zimmer und einschlafen, um in ihrem alten Leben wieder aufzuwachen und diesen Albtraum hinter sich zu lassen. Wenn sie sich nun vorsichtig davon stehlen würde, würde es bestimmt keiner von den Leuten merken. Die waren sowieso viel zu sehr damit beschäftigt, die Reste des Essens zu verputzen, ihre Geschichten zu erzählen und dabei weiter reichlich Kumys zu trinken.

Nasar leerte mit einem Zug sein Glas und stellte es auf den Tisch. Ungläubig musste er zusehen, wie seine frisch angetraute Ehefrau im Haus verschwand. Zu seiner Erleichterung schien es niemand von den Anwesenden bemerkt zu haben, dass die Braut sich ohne den Bräutigam von der Hochzeitsfeier entfernt hatte. Nicht, dass er heute Nacht noch unbedingt seinen Pflichten als Ehemann nachkommen wollte, dazu war noch genug Zeit. Aber ein Brautpaar sollte schon zusammen das Fest verlassen. Gemächlich, ohne Aufsehen zu erregen, begab er sich auf das Haus zu. Es gab schon mehr als genug Aufregung und Gerede von der Seite der Verwandtschaft, denn er hatte darauf bestanden die üblichen kasachischen Bräuche bei einer Hochzeit, die tagelang andauerten, außer Acht zu lassen und die Hochzeit nur auf den einen Tag der eigentlichen standesamtlichen Trauung zu beschränken. Es war schon hart genug für ihn einen ganzen Tag lang die Blicke und Sprüche der Leute zu ertragen. Es tagelang mitmachen zu müssen und im Mittelpunkt zu stehen, war etwas, was er gar nicht leiden konnte. Er hasste es überhaupt von den Leuten angestarrt zu werden. Er konnte es auch den Frauen nicht verübeln, die Aigul im Laufe des heutigen Tages mit mitleidigen Blicken bedacht hatten. Er wusste welche Wirkung er mit seinem entstellten Gesicht auf die Frauen hatte. Vielleicht hätte er sich wirklich von der Verlobung lösen sollen und Aigul damit die Chance geben, einen Mann zu heiraten, der nicht verunstaltet war. Aber verdammt, er hatte es vor einem Jahr vorgehabt! Er war damals hergekommen, mit der festen Absicht, die Verlobung aufzulösen. Er wollte mit Aiguls Großeltern reden und ihnen klar machen, dass er nichts von dem Versprechen hielt, das seine Eltern vor langer Zeit gegeben hatten. Es wäre für die altgläubigen Großeltern von Aigul natürlich ein Schlag gewesen, aber das war ihm damals egal gewesen. Doch dann hatte er Aigul kennengelernt. Sie war sehr hübsch, aber das war nicht das Ausschlaggebende gewesen. Sie hatte etwas an sich gehabt, was ihn dazu gebracht hatte seine Meinung zu ändern. Sie war ganz anders, als die anderen jungen Frauen, die er kannte. So unbeschwert, voller Energie und Lebensfreude und so erfrischend natürlich. Sie hatte den Tisch gedeckt und abgeräumt, ihre Großeltern umschwirrt, wie ein Schmetterling. Sie hatte geredet, gelacht und auch ihn zum Lachen gebracht. Sie hatte nicht nach seiner Narbe gefragt, was die meisten Leute taten, die ihn zum ersten Mal sahen. Sie schien nicht einmal zu bemerken, dass sein Gesicht entstellt war. Sie wusste damals natürlich nicht, wer er war. Er war für sie nur ein Gast ihrer Großeltern gewesen. Sie hatte ihn mit ihrer Heiterkeit und ihrer zarten Schönheit verzaubert. Er war damals noch bis spät in die Nacht geblieben. Nachdem Aigul schon längst im Bett war, saßen er und ihre Großeltern noch lange und sprachen über alles Mögliche, nur nicht über das Auflösen der Verlobung.

Kapitel 2

Jemand rüttelte unangenehm an Aiguls Schulter.

„Wach auf, mein Täubchen! Dein Ehemann möchte schon bald fahren.”

„Nein, Apa. Lass mich bitte. Ich bin noch so müde“, murmelte Aigul ohne ihre Augen zu öffnen, drehte sich auf die andere Seite und drückte ihr Ohr mit dem Kissen zu.

„Das glaube ich dir aufs Wort!”, erwiderte die Großmutter leicht ungeduldig. „Heute Nacht hat kaum einer von uns geschlafen. So sind Hochzeiten eben. Und jetzt raus aus dem Bett! Sonst fährt Nasar noch ohne dich weg. Er macht einen sehr ungeduldigen Eindruck.”

„Oh ja! Er soll ruhig ohne mich fahren. Ich bleibe einfach hier!”

Die Großmutter lachte verhalten und zog Aigul das Kissen weg.

„Das würde dir so passen. Du bist jetzt eine verheiratete Frau und ab nun bleibst du dort, wo auch dein Mann bleibt.”

Aigul richtete sich auf und rieb sich die Augen. Dann sah sie ihre Großmutter leicht gequält an.

„Apa, ich habe Angst vor ihm. Könntest du nicht ...”, sie biss sich auf die Unterlippe und sah ihre Großmutter flehend an, „könntest du vielleicht mit mir mitkommen?”

Wenn ihre liebste Apa mitkommen würde, würde alles nur halb so schlimm werden. Sie ergriff Großmutters Hand und drückte diese an ihre Wange.

„Bitte, Apa! Nasar wird ganz bestimmt nichts dagegen haben.”

Die Großmutter setzte sich neben Aigul aufs Bett und nahm ihre Enkeltochter in die Arme. Zärtlich strich sie ihr über die Haare und hielt nur mit Mühe die Tränen zurück.

„Mein kleines Täubchen“, sagte sie leise, nahm Aiguls Gesicht in beide Hände und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. „Mein liebes Mädchen, du brauchst keine Angst zu haben. Nasar ist ein guter Mann. Und außerdem kann ich hier nicht weg, das weißt du. Ich kann den Hof und den Garten nicht deinem Großvater alleine überlassen. Ich komme dich dann aber bald besuchen.”

*

Nasar und der Großvater saßen draußen unter dem Apfelbaum und unterhielten sich über etwas. Großvater erblickte Aigul als erster.

„Na, da bist du ja, mein Kind. Komm und gib deinem Großvater noch einen Kuss zum Abschied.”

Aigul sah wie Nasar ihr kurz zunickte und es schien, als würde sein linker Mundwinkel sich leicht nach oben bewegen. War das ein Lächeln? Sie nickte ihm steif zurück, ging zu ihrem Großvater und umarmte ihn liebevoll. Sie drückte ihm auf beide Wangen einen Kuss und trat dann einen Schritt zurück.

„Apa hat mir versprochen, dass ihr mich bald besuchen kommt. Ihr müsst sehr bald kommen! Ich werde euch sehr vermissen!”, ihre Stimme zitterte leicht.

Der alte Mann räusperte sich leicht bewegt.

„Nun, wenn Apa es versprochen hat, dann kommen wir natürlich. Aber ihr, Kinder, sollt eure Großeltern auch nicht vergessen.”

Nasar verstaute Aiguls Koffer im Kofferraum seines weißen Lada, verabschiedete sich dann von den Großeltern und stieg in den Wagen.

Aigul umarmte ihre Großmutter und ließ sie erst los, als sie den Motor des Wagens anspringen hörte. Sie ging zum Wagen, sich nach ihren Großeltern umblickend. Gern hätte sie sich noch von ihrer Freundin, Nadja, verabschiedet, aber da es noch so früh war, war es mehr als wahrscheinlich, dass Nadja noch schlief. Sogar Bol, der Hund, schlief noch friedlich in seiner Bude und kam nicht, um Aiguls Hände zum Abschied abzulecken. Der Kloß in Aiguls Hals wurde immer größer und sie kämpfte verzweifelt mit den Tränen, als sie auf dem Beifahrersitz Platz nahm und sie losfuhren. Sie wollte nicht, dass Nasar ihre Tränen sah, sonst hielt er sie womöglich noch für einen Schwächling und das war sie ganz und gar nicht! Sie hatte vor zu kämpfen. Nur weil sie eine Frau war, hatte keiner das Recht über ihr Leben zu bestimmen, auch nicht ihr Ehemann.

Aigul winkte eifrig ihren Großeltern zu, bis sie nicht mehr zu sehen waren. Sie schluckte weiterhin ihre Tränen runter, was sie ihre ganze Willenskraft kostete. Langsam merkte sie, wie die Traurigkeit wich und immer mehr der Wut Platz machte. Sie ballte ihre Hände im Schoß zu Fäusten zusammen und biss ihre Zähne zusammen. Warum hat der Allmächtige sie nur als Frau auf die Welt kommen lassen?! Wie gern wäre sie doch ein Mann gewesen. Frauen hatten es in dieser Welt verdammt schwer! Die Männer waren immer im Recht und die Frauen hatten zu gehorchen, ganz gleich welche Wünsche, Träume oder Bedürfnisse sie hatten. Warum ließen die Frauen sich das gefallen? Nur weil sie den Männern physisch unterlegen waren?

Ihre Großmutter hatte gesagt, Nasar wäre nicht so wie die anderen Männer. Er wäre ein kluger und rücksichtsvoller Mann und hätte nichts gegen eine gebildete Frau. Verstohlen blickte sie zu Nasar herüber, aber da sie nur seine rechte, vernarbte Gesichtshälfte sehen konnte, konnte sie Apas Worte nicht wirklich als überzeugend empfinden. Schwer seufzend wandte sie sich ab und sank tiefer in den Sitz.

Sie fuhren gerade aus dem Dorf heraus. Aktschi, das Dorf in dem sie geboren und aufgewachsen war, war mit den knapp zweitausend Einwohnern nicht sehr groß. Aber nichtdestotrotz gab es hier ein Einkaufszentrum, ein kleines Kinotheater, einen Kindergarten und eine Grund- und Mittelschule. Es war schon sehr viel für so ein kleines Dorf. Aigul kannte hier jede Straße, jedes Haus und fast jeden, der hier wohnte. Sie seufzte abermals schwer. Das alles hier würde sie schrecklich vermissen.

*

Nasar hörte Aigul schon wieder schwer aufseufzen und umklammerte fester das Lenkrad. Konnte sie nicht wenigstens ein bisschen Freude zeigen? Er kam sich bereits, wie der Schaitan (kasachisch Teufel) vor, der ein unschuldiges Mädchen zur Heirat gezwungen hatte und dieses jetzt mit Gewalt in seine Hölle verschleppte. Ein bitteres Lächeln umspielte seinen Mund. Wahrscheinlich sah Aigul die ganze Sache aus genau dieser Perspektive.

Unwillkürlich tauchte das Bild vor seinen Augen auf, wie sie vor ein paar Stunden ganz in weiß gehüllt auf ihrem Bett schlafend lag. Unschuldig, zart und schön, wie eine Mondblume in der Nacht. Er hatte kaum den Blick von ihr abwenden können, es nicht wirklich fassen können, dass sie nun wirklich ihm gehörte, seine Frau. Er musste zusehen, dass seine Blume nicht zerbrach. Etwas von ihrem Strahlen von vor einem Jahr hatte sie schon eingebüßt. Dass er dazu beigetragen hatte, wusste er und das tat ihm Leid.

Im Wagen herrschte insgesamt eine recht bedrückte Stimmung. Keiner von den beiden sprach auch nur ein Wort. Aigul sah es nicht ein, warum sie irgendetwas sagen sollte, wo sie doch am liebsten aus dem Auto gesprungen und zurückgelaufen wäre. Und Nasar schien, seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, irgendwelchen unerfreulichen Gedanken nachzuhängen.

Die Straßen waren holprig und der Wagen wippte hin und her. Die Schaukelei und das gleichmäßige Summen des Motors wiegten Aigul schon bald in den Schlaf.

*

Etwas strich leicht über ihre Wange. Aigul öffnete benommen die Augen und blickte in Nasars Gesicht, das nur einige Zentimeter von ihrem entfernt war. Unwillkürlich schrie sie auf und zuckte von ihm weg. Sie musste sich wohl im Schlaf an seine Schulter gelehnt haben, wie dumm von ihr! Sein Gesicht, seine Lippen waren so nah gewesen, als hätte er vorgehabt sie zu küssen. Ihr Herz hämmerte aufgeregt. Das letzte, was sie jetzt wollte, war mit diesem Mann, der ihr Leben kaputt zu machen versuchte, Küsschen auszutauschen. Er sollte ja die Finger von ihr lassen! Er war nur auf dem Papier ihr Ehemann und so würde es bleiben! Sie richtete sich kerzengerade auf und sah nach draußen.

Sie hielten im Hof, vor einem kleinen Haus. Waren sie etwa schon angekommen? Fragend blickte sie zu Nasar. Sein Gesichtsausdruck sah so traurig, beinahe schmerzerfüllt aus, dass sie auf einmal Mitleid mit ihm bekam. Sollte sie zu ihm etwas Nettes sagen? Was konnte sie ihm denn sagen? Doch schon hatte sich sein Gesichtsausdruck geändert und sie sah Ärger in seinen Augen aufblitzen.

„Wie lange willst du hier noch sitzen? Steig endlich aus, wir sind längst da!”, fuhr er sie schroff an, sprang aus dem Auto und knallte die Tür hinter sich zu.

Aigul zuckte zusammen und ihre Augen füllten sich augenblicklich mit Tränen. Sie schluckte und biss ihre Lippen zusammen. Die letzten Wochen war sie ständig nur am Heulen. Seit ihre Großmutter ihr mitgeteilt hatte, sie würde Nasar alsbald heiraten müssen, hörte der Tränenfluss nicht auf. Was würde sie nur für die Zeit, vor diesen Wochen geben! Sie war so glücklich und unbeschwert gewesen. Und jetzt? Sie schniefte und wischte sich die Tränen weg. Und was war mit diesem Mann überhaupt los? Erst hatte er sie erschreckt, indem er so nah an ihr Gesicht rankam, dann hatte er so traurig geguckt, dass sie Mitleid mit ihm bekommen hatte und schon im nächsten Moment hatte er sie ohne einen Grund angeschrien.

Sie holte tief Luft, öffnete die Wagentür und stieg aus. Nasar verschwand gerade mit ihren Koffern im Haus.

*

Nasar biss sich schmerzhaft auf die Unterlippe und stellte die Koffer auf dem Boden des Schlafzimmers ab. Was war er doch für ein Idiot! Wieso hatte er sie nur angebrüllt?! Hatte er sich nicht vorgenommen gehabt, behutsam mit ihr umzugehen? Aber sie hatte ihm mit ihrem Verhalten wehgetan und er hatte sich gerächt. Zuerst hatte ihm ihr Zurückschrecken, als wäre er der Leibhaftige persönlich, einen Stich ins Herz versetzt. Und dann hatte ihr mitleidiger Blick ihn noch mehr angekratzt. Aber konnte er denn etwas anderes von ihr erwarten, so wie er aussah? Er wusste doch, wie die Leute, insbesondere Frauen, auf sein Gesicht reagierten, solange sie ihn nicht kannten. Aber ihre Nähe, der Duft ihrer Haut und das lockende Verlangen ihren leicht geöffneter Mund zu küssen ließen ihn alles vergessen. Sie hatte im Schlaf so verdammt süß ausgesehen! Verstimmt fuhr er sich mit der Hand übers Gesicht und seufzte schwer. Es wird nicht einfach werden, aber es war ihm trotzdem jede Mühe wert.

*

Aigul fröstelte, denn es war sehr frisch, trotz der strahlenden Sonne. Sie hatte keine Ahnung wie lange sie gefahren waren und wo sie jetzt waren. Apa hatte gesagt, Nasar wohne in Issyk. Diese Stadt war etwa fünfunddreißig Kilometer von Aktschi entfernt. Aber sie waren nicht in Issyk, soviel stand fest. Weit und breit waren keine anderen Häuser zu sehen, sondern nur Berge, wunderschöne grüne Berge mit hohen, majestätischen Tannen. Auf dem saftig grünen Gras glitzerten die Tautropfen, wie kostbare Perlen in der Sonne und irgendwo in der Nähe war das Rauschen des Wassers zu hören.

Aigul sog tief die frische Luft ein, die ganz anders roch, als unten in der Steppe. Aktschi war von weiten, von der sengenden Sommersonne ausgebrannten Steppen umgeben. Die Luft war dort staubig und trocken. Hier war sie dagegen so herrlich frisch und würzig.

Das Haus sah schon ziemlich alt aus. Das Dach war mit grauen Schieferplatten gedeckt und die graue Fassadenfarbe, vermutlich war sie mal weiß gewesen, blätterte bereits an einigen Stellen von den Wänden ab. Stellenweise fehlte sogar der Putz und gab den Blick auf die roten Ziegelsteine frei. Die Fenster waren recht klein, doch irgendwie passte dieses leicht verwahrloste Haus in diese üppig grüne Berglandschaft mit dem strahlend blauen Himmel. Es hatte etwas malerisches, ja etwas nostalgisches an sich.

Nasar erschien in der Tür und lehnte sich an den Rahmen. Sein Gesichtsausdruck war jetzt etwas freundlicher als vorhin.

„Du kannst ruhig hereinkommen. Ich habe für uns schon Tee aufgesetzt.”

Er löste sich von dem Türrahmen und ging auf sie zu. Sie machte unwillkürlich zwei Schritte zur Seite. Doch er marschierte an ihr vorbei zum Wagen und holte die restlichen Sachen aus dem Kofferraum. Als er vollbeladen wieder an ihr vorbeiging, zuckte er nur mit den Achseln.

Bevor er wieder im Haus verschwand, rief er ihr über die Schulter zu: „Nur zu deiner Kenntnis, ich beiße keine kleinen Mädchen!”

Der Sarkasmus in seiner Stimme war nicht zu überhören. Aigul kam sich auf einmal albern und unreif vor. Sie stand hier und hatte doch tatsächlich Angst ins Haus reinzugehen. Sie reckte den Kopf, straffte ihre Schultern und ging festen Schrittes auf das Haus zu. Eingebildeter Affe! Er würde noch früh genug merken, dass sie kein kleines Mädchen mehr war. Sie war erwachsen und ihm ein ebenbürtiger Gegner!

Die Eingangstür führte in eine kleine dunkle Diele. An der linken Wand waren einige Kleiderhacken angebracht auf denen Regenkleidung und eine dicke Wolljacke hing. Darunter standen ein paar Männerschuhe, unter anderem auch Wanderstiefel und hohe Gummistiefel. Durch die nächste Tür trat Aigul in ein nicht sehr großes, aber wohnliches Zimmer. Den Möbeln nach zu urteilen, war es das Wohnzimmer. Die Wände hier waren hellblau gestrichen und sahen, im Gegensatz zu den äußeren Wänden des Hauses, viel gepflegter aus. In einer Ecke des Zimmers stand ein alter blauer Diwan, an der gegenüberliegenden Wand befand sich eine Holztruhe. Vor dem Fenster standen ein runder Tisch mit einer bunten Tischdecke und vier Holzstühle. In der Mitte des Raumes lag ein alter, dunkelblauer Teppich mit geschwungenen Ornamenten. Aus dem Nebenraum war Geschirrgeklapper zu hören, das musste wohl die Küche sein.

„Leider gibt es hier keinen Fernseher, da ich mich hier nur selten aufhalte.”

Aigul zuckte zusammen und fuhr herum. Nasar stand im Türrahmen und sah sie ernst an.

„Wenn du aber einen Fernseher haben möchtest, kann ich einen besorgen.”

Aigul schüttelte den Kopf. Es war ihr ganz egal, ob es hier einen Fernseher gab oder nicht. Sie hatte nicht vor, hier lange zu bleiben. Spätestens Ende August würde sie hier weg sein, denn dann begann ihr Studium.

„Dahinter ist das Schlafzimmer”, meinte Nasar mit einem Kopfnicken zur anderen Tür. „Ich habe deine Koffer dort abgestellt. Im Schrank ist noch genug Platz für deine Sachen. Aber bevor du mit dem Auspacken anfängst, solltest du etwas essen. Du siehst ganz blass aus.”

„Danke! Ich habe keinen Hunger.”

Nasars linker Mundwinkel zuckte leicht nach oben.

„Du hast gestern den ganzen Tag nichts von dem leckeren Essen auch nur angerührt. Also, Mädchen, du bewegst jetzt deinen süßen Hintern freiwillig in die Küche und isst ordentlich was oder ich sehe mich gezwungen, dir nachzuhelfen!”

Er trat einen Schritt auf sie zu, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. Aigul blickte ihn an und schnaubte verächtlich.

„Was willst du machen? Mich etwa schlagen?“

Doch sie wartete seine Antwort nicht ab, sondern ging erhobenen Hauptes an ihm vorbei. Es war besser, es nicht darauf ankommen zu lassen, denn physisch war er ihr mit Sicherheit überlegen. Außerdem hatte sie tatsächlich einen Riesenhunger. Ihr Magen fühlte sich bereits an, als wäre er ihr am Rücken festgewachsen.

Die Küche war recht klein und die Wände im selben hellblauen Ton, wie auch das Wohnzimmer, gehalten. In der linken Ecke stand ein gemauerter Ofen, auf der gegenüberliegenden Seite ein Gasherd, daneben ein Geschirrschrank und etwas weiter ein kleiner Kühlschrank. Neben der Küchentür befand sich ein Waschtisch mit einem kleinen Spiegel. Der kleine eckige Esstisch und die zwei Holzstühle standen direkt vor dem Fenster.

Der heiße Tee, den Nasar bereits in die Pialas (kleine Schalen) eingegossen hatte, duftete köstlich.

Aigul nahm am Tisch Platz und langte nach dem Fladenbrot und einem großen Stück Kasy (gekochte Pferdewurst mit Knoblauch). Sie beschloss lieber zu essen und bei Kräften zu bleiben, um gegen diesen Mann ankommen zu können.

Nasar setzte sich ihr gegenüber und nahm nur ein Stück Kurt (stark gesalzener, getrockneter Käse). Er trank seinen Tee und knabberte an dem Käse, ohne Aigul aus den Augen zu lassen. Sie versuchte sich von seinem Blick nicht sonderlich stören zu lassen und aß einfach weiter.

„Kannst du eigentlich kochen?”, unterbrach Nasar nach einiger Zeit das Schweigen.

„Mhm”, gab sie kauend zur Antwort.

Nachdem Aigul das Brot und die Wurst bewältigt hatte, angelte sie sich ebenfalls ein Stück Kurt und blickte zu Nasar.

„Wo sind wir hier?”

Diese Frage ließ ihr seit der Ankunft keine Ruhe. Es war kein schönes Gefühl, nicht zu wissen, wo man sich befand.

„In Podgornaja.”

Er sagte das so ruhig, als ob es selbstverständlich war, dass sie wusste, wo dieses Podgornaja war. Es ärgerte Aigul, ihn nochmal fragen zu müssen, aber leider wurde sie aus seiner Antwort nicht schlauer als vorher.

„Das sagt mir leider gar nichts. Wo ist das denn genau?”

Nasar erhob sich und goss Aigul noch etwas Tee nach.

„Iss ruhig noch etwas. Es ist genug da. Deine Großmutter hat Proviant für ein paar Tage eingepackt.”

Leicht verärgert blickte sie zu ihm hoch.

„Du hast meine Frage nicht beantwortet.”

„Ach ja, entschuldige bitte. Wir sind in der Nähe von Issyk und der Ort hier heißt Podgornaja.”

Aigul sah ihn misstrauisch an. Wieso war dieser Mann jetzt auf einmal so freundlich zu ihr? Vorhin hat er sie noch angebrüllt und nun spielte er einen fürsorglichen und höflichen Ehemann.

„Wir sind hier etwa vier Kilometer von dem Zentrum Issyks entfernt und liegen etwas höher, als die Stadt selbst”, erklärte er und reichte ihr die Schale mit Kurt. „Hinter der Straßenbiegung stehen noch ein paar Häuser, dort wohnt auch meine Großmutter.” Er machte eine kurze Pause, bevor er weitersprach. „Sie ist schon zweiundachtzig Jahre alt und kann nicht mehr alleine wohnen. Deshalb ist sie zu meiner Tante, ihrer Tochter, gezogen. Bis vor drei Jahren hat sie noch hier in diesem Haus gewohnt.”

Nasars plötzliche Redseligkeit machte Aigul völlig sprachlos. Er saß da, trank seinen Tee und plauderte. Führte er etwas im Schilde oder war er vielleicht doch nicht so schlimm, wie die Leute über ihn redeten? Nun, wie dem auch sei, sie sollte lieber auf der Hut sein. Vorsicht hatte noch keinem geschadet. Nasar stellte seine Piala ab und erhob sich vom Tisch.

„Ich muss jetzt kurz weg. Habe einiges zu erledigen, bin aber bald wieder zurück. Du kannst dich in der Zwischenzeit hier etwas umsehen und deine Sachen auspacken.”

Aigul nickte nur stumm.

In der Tür drehte Nasar sich noch einmal um und wies mit der Hand auf die kleine Tür neben dem Heizofen hin.

„Das Wasser zum Waschen und Kochen steht in den Eimern im Vorratsraum. Das Wasser zum Trinken steht in Flaschen dort auf dem Kühlschrank. Die Toilette ist leider draußen, hinterm Haus.”

Damit war er verschwunden.

Aigul atmete erleichtert auf. Sie hatte nicht gemerkt, wie angespannt sie die ganze Zeit in seiner Anwesenheit gewesen war. Sich nicht mehr beobachtet zu fühlen, tat gut. Sie aß ihr Stück Kurt auf, räumte vom Tisch ab, spähte in den Küchenschrank, um zu sehen, wo sich was befand und sah sich auch den Vorratsraum an. Dort entdeckte sie in einer Ecke eine Zinnwanne, die groß genug war, um sich darin, wenn auch im Sitzen, baden zu können.

Als nächstes ging sie durch das Wohnzimmer zu der Schlafzimmertür. Das Zimmer war, wie nicht anders erwartet, auch in dem hellblauen Ton gestrichen. Es war nicht sehr groß, aber für ein Schlafzimmer ausreichend. Auf der linken Seite stand ein großer Kleiderschrank, daneben ein großes Regal mit Büchern und am Fenster ein Tisch und ein Stuhl. Auf dem Tisch lagen Bücher und mehrere Papierstapel. Auf der rechten Seite stand ein großes Holzbett. Da es das einzige Bett im Haus war, würde sie wohl auf dem Diwan schlafen müssen. Es würde sowieso nur vorübergehend sein, da sie in ein paar Wochen weg sein würde. Es hatte auch nicht viel Sinn ihre Sachen in den Schrank zu packen, wenn sie dann jedes Mal in sein Schlafzimmer müsste, um etwas zu holen. Also transportierte sie ihre Koffer ins Wohnzimmer und schob sie unter den Diwan. Dann schritt sie interessiert zum Bücherregal im Schlafzimmer. Einige der Bücher davon waren Lehrbücher der Tierheilkunde, der Menschenheilkunde, der Erdkunde, sowie zwei Lexikonbände über die Tier- und Pflanzenwelt Kasachstans. Zu ihrer Freude gab es aber nicht nur Lehrbücher, sondern auch jede Menge Unterhaltungsliteratur. Kasachische, russische, aber auch weltberühmte Schriftsteller, wie Jack London, J. F. Cooper, Shakespeare und noch einige andere waren vertreten. Sie lächelte, langweilig würde es ihr hier nicht werden. Apa hatte zu ihr gesagt, Nasar wäre ein gebildeter Mann. Wenn er diese ganzen Bücher gelesen hatte, dann hatte Apa wohl rechtgehabt.

Sie beschloss sich auch im Hof etwas umzusehen. Sie ging hinaus und musste wieder über die Schönheit der sie umgebenden Natur staunen. So viel Grün gab es unten, in ihrem Dorf, nur im Frühling, wenn die Sonne ihre volle Stärke noch nicht erreicht hatte.

Sie ging weiter in den Garten und bemerkte unter dem Apfelbaum eine Hundehütte. Diese war allerdings leer. Schade! Sie hätte sich über einen Hund gefreut.

Der Garten war ziemlich groß. Hier gab es mehrere Apfel- und Birnenbäume, Süß- und Sauerkirschen und einen Aprikosenbaum. Aigul pflückte ein paar reife Aprikosen und schritt weiter zu der Holzbank, die am äußeren Ende des Gartens stand. Von hier aus hatte man einen guten Überblick, da dieser Teil des Gartens etwas höher lag als das Haus. Die Straße war von der Einfahrt bis zur Biegung zu sehen und man sah auch den Fluss dahinter. Das musste der Issyk-Fluss sein.

Aigul seufzte. Wie schön wäre es jetzt, wenn Nadja hier wäre. Mit ihr konnte sie über alles reden. Sie waren von klein auf die besten Freundinnen gewesen, waren zusammen in den Kindergarten und später zur Schule gegangen und wollten nun auch zusammen Medizin studieren. Vorausgesetzt, das Nasar es ihr erlauben würde. Bei dem Gedanken stieg in ihr wieder Ärger über die Ungleichstellung der Frauen in der Gesellschaft auf. Das Geräusch eines fahrenden Autos riss Aigul aus ihren unerfreulichen Gedanken. Der weiße Lada tauchte auf der Straße auf, bog in die Einfahrt ein und blieb vor dem Haus stehen. Nasar stieg aus dem Auto und ging zu der hinteren Wagentür. Als er diese öffnete, sprang ein großer Hund heraus. Es war ein deutscher Schäferhund. Der Hund sprang an Nasar hoch und wedelte eifrig mit dem Schwanz. Nasar sagte etwas zu dem Hund, lachte und tätschelte ihn hinterm Ohr. Nun ließ er den Hund los und ging in Richtung Haus.

Aigul erhob sich von der Bank. Mit gemischten Gefühlen durchquerte sie langsam den Garten, unsicher, wie das Tier auf sie reagieren würde. Der Hund musste sie bemerkt haben, denn er reckte den Kopf und blickte mit gespitzten Ohren in ihre Richtung. Er bellte zwei Mal und lief ihr dann mit einem neugierigen Blick entgegen. Bei ihr angelangt, blieb er stehen, schnüffelte kurz an ihren Beinen und blickte dann schwanzwedelnd zu ihr hoch. Aigul streckte vorsichtig die Hand aus, um ihn zu streicheln, doch der Hund gab einen vergnügten Ton von sich und leckte ihre Hand ab. Aigul lachte fröhlich auf, ging in die Knie und umarmte den Hund. Dieser freute sich und nutzte die Gelegenheit, um ihre Wange ebenfalls abzulecken.

Nasar, der die Szene beobachtete, traute seinen eigenen Augen nicht. Sein Hund, der jeden anknurrte, den er nicht kannte, begrüßte Aigul wie eine alte Freundin! Aber es war schön, Aigul lachen zu hören und sie so ausgelassen und fröhlich zu sehen. Nasar trat näher an die beiden heran und grinste. Sein Hund benahm sich wie ein Welpe und ließ sich von Aigul streicheln und kraulen.

„Er heißt Muchtar.”

Aiguls Gesichtsausdruck veränderte sich augenblicklich und sie versteifte sich.

„Ein schöner Name”, erwiderte sie kühl.

Es ärgerte Nasar, dass sie mit ihm umging, als wäre er ihr Feind. Warum zeigte sie seinem Hund gegenüber so viel Zuneigung und ihm gönnte sie nicht einmal ein kleines Lächeln?

Keiner sagte nun mehr ein Wort. Muchtar blickte unschlüssig von einem zum anderen und wedelte immer noch mit dem Schwanz.

Aigul wusste nicht, wieso Nasar sie jetzt schon wieder so verärgert ansah und fragte sich, was sie wohl falsch gemacht hatte. Hätte sie seinen Hund nicht streicheln dürfen?

„Wir essen bei meiner Tante und meiner Großmutter zu Abend. Sie haben uns eingeladen.”

Damit drehte Nasar sich abrupt um und stampfte zum Haus. Muchtar sah ihm nach, gab ein leises Jaulen von sich und blickte dann zu Aigul, als könnte er sich nicht entscheiden, zu wem er halten sollte. Er schaute nochmal in Nasars Richtung und sah, wie dieser gerade im Haus verschwand. Schwanzwedelnd drehte er sich nun Aigul voll zu und blickte sie erwartungsvoll an. Aigul lächelte und kraulte ihn hinterm Ohr.

„Na, Muchtar, du willst bestimmt spielen, nicht wahr?“

Sie beugte sich vor, hob einen kleinen Stock auf und warf ihn in Richtung Wiese, die sich hinter dem Garten erstreckte. Muchtar preschte sofort los und Aigul lief ihm nach.

Nasar sah durch das Wohnzimmerfenster zu, wie die beiden auf der Wiese herumtollten, wie Aigul lachte und sich von Muchtar die Wange ablecken ließ. Er würde sie schon noch dazu bringen, auch zu ihm nett zu sein! Er war jetzt ihr gesetzlicher Ehemann und könnte sie dazu zwingen, ihre ehelichen Pflichten zu erfüllen. Er seufzte. So wollte er es aber nicht. Sie sollte ihn lieb gewinnen und von ihm genauso bezaubert sein, wie er von ihr. Also war Geduld angebracht, obwohl das nicht unbedingt seine Stärke war. Er wendete sich vom Fenster ab und ging ins Schlafzimmer. Seufzend setzte er sich an den Tisch, in der Hoffnung, die Arbeit würde ihn von seinen trüben Gedanken ablenken. Er blätterte ein paar Unterlagen hin und her, packte diese aber bald wieder beiseite. Er sah nur Aiguls Gesicht vor seinen Augen. Mal schien sie ihn anzulächeln, dann blickte sie wieder traurig und angsterfüllt. Er stand auf und ging wieder zum Fenster.

Vielleicht war er einfach zu alt für sie? Sie war erst achtzehn und er bereits vierundzwanzig. Er hätte ihr natürlich noch ein paar Jahre Zeit lassen können, doch seit er sie letztes Jahr gesehen hatte, ging sie ihm nicht mehr aus dem Kopf. Und wer weiß, wenn er ihr noch Zeit gelassen hätte, hätte sie sich womöglich in einen anderen Mann verliebt und diesen dann auch noch geheiratet. Sie waren zwar einander versprochen gewesen, doch die alten Bräuche wurden schon lange nicht mehr so gepflegt, wie früher. Er hatte ohne Zweifel selbstsüchtig gehandelt, aber er würde versuchen, ihr ein guter Ehemann zu sein. Und er würde sie dazu bringen, seine Gefühle zu erwidern, das schwor er sich.

*

Beim Mittagessen herrschte absolutes Schweigen. Nasar war in seine Gedanken vertieft und Aigul wusste nicht, worüber sie hätte reden können, außer, dass sie froh war Muchtar hier zu haben. Er erinnerte sie an ihren Hund, Bol. Zwar war Bol nur ein Mischling, aber genauso klug und verspielt, wie Muchtar.

Nach dem Mittagessen ging Nasar ins Schlafzimmer und setzte sich wieder an seinen Schreibtisch.

Aigul sah sich im Haus um und überlegte, was sie machen könnte. Viel Auswahl stand ihr nicht zur Verfügung. Vorsichtig machte sie ein paar Schritte Richtung Schlafzimmer und lugte durch die Türöffnung hinein. Nasar machte einen sehr beschäftigten Eindruck, daher zögerte sie ihn zu stören. Sie blieb an der Schwelle ins Zimmer stehen und räusperte sich. Da er nicht reagierte, wusste sie nicht, ob sie es nicht lieber lassen sollte, aber da ihr keine andere Beschäftigung einfallen wollte, traute sie sich doch.

„Gehören die ganzen Bücher hier dir?”, fragte sie.

Nasar drehte den Kopf und sah Aigul im Türrahmen stehen. Er blickte sie fragend an. Aigul wurde verlegen und rieb sich die Hände.

„Hm ... dumme Frage nicht wahr?”

„Das habe ich nicht gesagt”, erwiderte er lächelnd und erhob sich.

Sie machte automatisch einen Schritt zurück und sah, wie Nasars Miene sich wieder verfinsterte.

„Entschuldige, ich wollte dich nicht stören”, stammelte sie und war im Begriff zu flüchten.

„Du störst überhaupt nicht”, entgegnete er ruhig. “Im Gegenteil, deine Gesellschaft ist mir willkommen.”

„Ich wollte nur ... einige der Bücher würden mich interessieren. Ich wollte deshalb fragen ...”, sie verstummte und bereute es, ihn gestört zu haben. Lieber hätte sie draußen mit Muchtar spielen sollen, als hier unter diesem finsteren Blick rot zu werden.

Am liebsten hätte Nasar sie jetzt gepackt und sie solange geküsst, bis die Angst aus ihren Augen verschwunden wäre und sie ihn nicht mehr, wie ein verängstigtes Reh anblickte. Seine innere Stimme riet ihm jedoch, sich zu beherrschen und nichts zu überstürzen, sonst würde er ihr womöglich noch mehr Angst einjagen, anstatt ihre Zuneigung zu gewinnen.

„Was mir gehört, gehört jetzt auch dir. Ich möchte, dass du dich hier zu Hause fühlst, Aigul. Wenn du etwas haben willst, dann brauchst du mich nicht zu fragen. Nimm es dir einfach.”

Er wies dabei mit der Hand auf das Bücherregal und setzte sich wieder hin, um Aigul nicht mehr ansehen zu müssen. Sonst würde er sich nicht mehr zurückhalten können und sie doch noch küssen.

„Danke!”, sagte sie knapp, ging eilig zum Regal, nahm sich eins von den medizinischen Büchern heraus und eilte damit aus dem Haus.

Endlich im Hof angelangt atmete sie erleichtert auf. Sie verlangsamte ihren Schritt und wunderte sich über sich selbst. Sie benahm sich in seiner Nähe, wie ein dummes Kind. Sie war doch sonst nicht so! Sie war selbstsicher, höflich und freundlich im Umgang mit anderen Menschen. In Nasars Gegenwart war dies leider nicht der Fall. Sie seufzte schwer. Und mit diesem Mann wird sie ihr ganzes Leben verbringen müssen?! Das würde ja die reinste Folter werden.

Muchtar sprang um sie herum und wedelte mit dem Schwanz. Aigul tätschelte ihn hinterm Ohr und drückte ihm einen Kuss auf den Kopf. Muchtar nutzte die Gelegenheit und leckte wieder ihre Wange ab. Aigul wischte sich die Wange ab und lachte.

„Du bist ja noch schlimmer, als mein Bol! Ich bin so froh, dass du hier bist!”

Der Hund bellte einmal, als Antwort. Aigul lachte und ging zu der Bank. Muchtar folgte ihr und war sichtlich enttäuscht, als sie sich hinsetzte und das Buch aufschlug. Er platzierte sich zu ihren Füßen, legte seinen Kopf auf die Vorderpfoten und blickte traurig zu ihr hoch.

„Ja, ich weiß. Du willst wieder spielen. Aber das müssen wir etwas verschieben. Ich möchte jetzt erst mal gerne lesen.”

*

„Aigul? Wir müssen jetzt los. Sonst wird das Abendessen womöglich noch kalt”, rief Nasar.

Er stand im Hof, die Arme vor der Brust verschränkt. Muchtar öffnete die Augen und richtete sich auf. Aigul war so in die Lektüre vertieft gewesen, dass sie die Zeit vergessen hatte. Die Sonne stand schon ziemlich tief am Horizont und es war auch schon kühler geworden. Sie klappte das Buch zu, erhob sich und ging zum Haus. Sie hatte keine große Lust jetzt noch irgendwohin zu fahren und erst recht nicht mit Nasar. Stattdessen hätte sie sich lieber in ein kuscheliges, weiches Bett verkrochen und mindestens zwanzig Stunden lang geschlafen.

„Zieh dir lieber noch was über”, wandte Nasar sich an sie, als sie an ihm vorbeiging. „Wenn wir zurückgehen, wird es wesentlich kühler sein als jetzt.”

„Gehen wir etwa zu Fuß?”

„Ja. Es ist nicht weit von hier. Etwa eine Viertelstunde die Straße hinauf.”

Aigul nickte und verschwand im Haus. Sie ging in die Küche zum Waschtisch und blickte prüfend in den Spiegel. Zufrieden schnitt sie sich eine Grimasse und ging ins Wohnzimmer, legte das Buch auf den Tisch und holte aus einem der Koffer ihre warme, grüne Strickjacke. Diese passte ganz gut zu ihrem knielangen, mintgrünen Baumwollkleid, das sie anhatte.

Auf dem Hinweg zu Nasars Verwandten liefen sie schweigsam nebeneinander, nur Muchtar sorgte für etwas Unterhaltung. Nasar warf den Stock und Muchtar holte diesen, jedes Mal mit großer Begeisterung, wieder.

Die Straße schlängelte sich bergauf am Issyk-Fluss entlang. Der Fluss war von hier aus gut sichtbar und man hörte das Rauschen des Wassers. Bäume, unter anderem auch Obstbäume säumten den Wegesrand. Hinter der Straßenbiegung wurden endlich die Häuser sichtbar, es waren nicht mehr als zehn. Sie standen ziemlich weit auseinander, doch mit den Scheunen und Ställen ergaben sie das Bild, eines kleinen Bergdörfchens. Das Gackern der Hühner und der Enten wurde hörbar, sowie auch die Stimmen der Kinder, die draußen mit Spielen beschäftigt waren.

Muchtar spitzte die Ohren, als er Hundegebell hörte.

„Na los, ab mit dir! Lauf und spiel mit deinen Freunden!”, sagte Nasar und versetzte dem Hund einen leichten Klaps auf den Rücken.

Muchtar sah ihn glücklich an und preschte los in Richtung des Hundegebells.

„Siehst du das Haus dort, mit dem blauen Tor?” Nasar wies mit dem Finger die Richtung. “Etwas abseits?”

Aigul nickte, als sie das Haus mit den Augen fand.

„Da wohnt meine Tante.”

Das Tor stand offen und sie gingen gleich in den Hof hinein. Eine grauhaarige, alte Frau kam ihnen lächelnd entgegen. Sie war klein und sehr dünn doch ihre schwarzen Augen glitzerten lebhaft.

„Mein Junge! Schön, dass ihr gekommen seid!”

„Guten Abend, Apa!”

Nasar lächelte und umarmte seine Großmutter. Diese machte sich jedoch sofort frei aus seiner Umarmung und sah ihn gespielt streng an.

„Willst du mir wohl deine Frau vorstellen?!”

„Aber gern”, meinte er grinsend. „Das ist Aigul und das ist meine Großmutter”, mit diesen Worten trat er ein Stück beiseite.

„Komm her, Töchterchen, und lass dich umarmen”, sagte die Großmutter strahlend und breitete ihre Arme aus.

Aigul lächelte und ließ sich von der alten Frau herzlich umarmen. Die Großmutter nahm Aiguls Gesicht in beide Hände und musterte sie eingehend.

„Hübsch bist du Mädchen, eine richtige Schönheit!”

Aigul lächelte und errötete leicht.

„Eins sage ich dir gleich, mein Kind, du bist hier immer willkommen”, sagte die Großmutter mit einem warmen Blick und drückte Aigul einen Kuss auf die Stirn.

„Danke, Apa!”

Aigul war von der herzlichen Begrüßung gerührt. Und sie wusste schon jetzt, dass es unmöglich war, Nasars Großmutter nicht zu mögen.

Eine Frau und ein Mann, beide auch schon etwas älter, kamen aus dem Haus auf sie zu. Nasar stellte sie ebenfalls vor.

„Das ist mein Onkel Bulat und meine Tante Gulnara. Und das ist meine Frau, Aigul.” Die Worte ´meine Frau´ betonte er besonders.

Beide umarmten Aigul und hießen sie ebenfalls in der Familie willkommen.

„So, und nun kommt bitte alle zu Tisch. Wir wollen das Essen nicht kalt werden lassen”, sagte Tante Gulnara und ging als erste voran.

Nasar legte seinen Arm um Aiguls Schultern und führte sie ins Haus. Sie hätte gern gegen seine Umarmung protestiert und sich sofort von seinem Arm befreit, aber sie ließ es sich gefallen. Seine Verwandten hatten sie so gefühlvoll aufgenommen und sie wollte einfach die herzliche Atmosphäre nicht stören. Sie schwieg und spielte die fügsame Ehefrau.

Der Abend verlief sehr schön. Die Großmutter bedauerte es sehr, nicht bei der Hochzeit dabei gewesen zu sein. Ihr Herz hatte ihr wieder mal einen Strich durch die Rechnung gezogen und sie musste statt zur Hochzeit zu fahren, von Bulat und Gulnara zum Arzt gebracht werden.

Obwohl Aigul nicht wirklich hungrig gewesen war, hatte sie doch eine Menge gegessen. Eine volle Schale Plow (asiatisches Reisgericht mit Lammfleisch und Mohrrüben) mit Nachschlag und zum Tee noch mehrere Baursaki (in Öl gebackene Hefeteigbällchen) mit Honig. Es war auch unmöglich nicht zu essen, denn die Großmutter und Tante Gulnara schienen ein ´Ich habe keinen Hunger mehr´ nicht zu akzeptieren. Außerdem schmeckte das Essen wirklich gut und die heimelige und ausgelassene Atmosphäre ließ Aigul sich fast wie zu Hause fühlen.

„Iss ruhig mehr, mein Kind. Männer mögen weiche Frauen, an die sie sich ankuscheln können”, sagte Apa leise zu Aigul und zwinkerte ihr schmunzelnd zu.

Aigul errötete leicht und hoffte, dass Nasar nichts gehört hatte. Sie warf ihm einen Seitenblick zu und wurde jetzt richtig rot, denn er blickte sie an und grinste zufrieden. Aigul senkte schnell ihren Kopf, damit niemand ihre flammendroten Wangen sehen konnte. Das war doch die Höhe! Jetzt würde sie mit Absicht nichts mehr essen, sonst kommt dieser Mann noch womöglich auf falsche Gedanken!

Es war schon ziemlich spät, als sie endlich nach Hause aufbrachen. Muchtar war schon vor einer Weile aufgetaucht und hatte sich ebenfalls mit Leckerbissen verwöhnen lassen. Nun lief er gut gelaunt nebenher.

Der Himmel war klar und der Mond erleuchtete schwach den Weg. Nur das Rauschen des Flusswassers und das Zirpen der Grillen durchbrachen die nächtliche Stille.

Fröstelnd zog Aigul ihre Strickjacke fester um sich zusammen, die Luft hatte sich inzwischen empfindlich abgekühlt. Unversehens stolperte sie und wäre hingefallen, hätte Nasar sie nicht aufgefangen. Er legte nun seinen Arm beschützend um ihre Schultern. Aigul versuchte sich aus seiner Umarmung zu befreien, doch Nasar hielt sie mit Nachdruck fest. Es ärgerte sie, dass er sich so benahm, doch sie unterließ das Kräftemessen. Solange es nur die harmlose Umarmung war. Außerdem fühlte sich sein Arm auf ihren Schultern angenehm warm an.

Nasar blieb plötzlich stehen und wies mit dem Finger in den Himmel: „Da, siehst du das Flugzeug?”

Aigul blickte in die Richtung, in die Nasar zeigte und sah einen Stern, der blinkte und sich langsam bewegte.

„Ja, sieht aus wie ein Stern der blinkt”, meinte sie.

„Wenn ich daran denke, dass die Menschen noch bis vor achthundert Jahren dachten, die Erde sei eine Scheibe und der Himmel wölbe sich wie eine Halbkugel darüber und jetzt ist es für uns absolut selbstverständlich, dass Flugzeuge durch den Himmel fliegen und Raumschiffe das Weltall durchstreifen.”

„Nun, die Menschen haben sich in den letzten Jahrhunderten eben weiterentwickelt.”

„Allerdings, das haben sie”, erwiderte er. “Aber findest du, dass man diese Entwicklung tatsächlich als Weiterentwicklung bezeichnen kann?”

Aigul dachte kurz nach, bevor sie antwortete. Es gefiel ihr, dass Nasar ihre Meinung hören wollte. Längst nicht alle Männer, die sie kannte, interessierten sich für die Meinung einer Frau.

„Ich sehe es auf jeden Fall als positiv. Der Fortschritt in der Technik ermöglicht es den Menschen Dinge zu tun, die ohne die Technik undenkbar wären.”

„Weißt du, Aigul, früher habe ich auch nur die Erfolge der Technisierung gesehen. Leider gibt es auch die andere Seite des technischen Fortschritts, nämlich die fortschreitende Zerstörung der Natur. Die Industrie schert sich nicht darum, was mit der Umwelt geschieht. Es geht immer nur um mehr Produktion und um mehr Gewinne, mehr Geld und mehr Macht. Doch zu welchem Preis, das haben die meisten Menschen noch nicht erfasst oder übersehen es mit Absicht. Sie begreifen leider nicht, dass sie langsam aber sicher an dem Ast sägen, auf dem sie sitzen.”

Aigul schwieg und dachte über seine Worte nach. Aus dieser Sicht hatte sie die menschliche Entwicklung noch nie betrachtet. Stand es denn wirklich so schlimm um die Umwelt? Sie wusste es nicht. Sie hatte sich bis jetzt nicht dafür interessiert.

Sie waren mittlerweile zu Hause angekommen. Nasar schloss die Haustür auf und machte in der Diele das Licht an.

Aigul beugte sich zu Muchtar, strich über sein Fell und kraulte ihn hinterm Ohr. Sie wusste, dass sie Zeit schindete, denn es behagte ihr nicht, ins Haus reinzugehen und mit diesem Mann die Nacht zu verbringen. Als es noch hell war, sah die Sache irgendwie weniger bedrohlich aus.

„Lass uns ins Bett gehen, Aigul. Du bist sicherlich genauso müde, wie ich.”

Aiguls Herz fing augenblicklich an zu pochen und sie hörte Alarmglocken in ihrem Kopf. Was war da mit ´uns´ und ´ins Bett gehen´? Sie dachte nicht einmal daran! Lieber würde sie die Nacht hier draußen neben Muchtars Hütte verbringen!

Nasar nahm sie an der Hand und zog sie sanft ins Haus.

„Keine Angst, du siehst Muchtar schon morgen wieder.”

Er machte die Tür, ohne ihre Hand loszulassen, hinter ihnen zu und zog sie durch das Wohnzimmer direkt ins Schlafzimmer. Panik erfasste Aigul. Sie riss ihre Hand los und machte auf dem Absatz kehrt, um aus dem Schlafzimmer zu laufen, doch Nasar war schneller. Er packte sie am Handgelenk und wirbelte sie herum. Mit einem Schwung landete sie in seinen Armen.

„Lass mich sofort los!”, schrie sie und stemmte sich gegen seine Brust.

Doch er ließ nicht los, sondern presste sie noch fester an sich. Sie versuchte sich zu befreien, doch es war vergebens.

„Bitte, lass mich sofort los!”

Ihre Stimme zitterte teils vor Ärger, teils vor Angst. Sie blickte ihm ins Gesicht und hielt inne. Er sah aus, als würde er sich noch kaum beherrschen können und jeden Augenblick in schallendes Gelächter ausbrechen. Wut stieg in ihr hoch. Dieser Affe amüsierte sich auf ihre Kosten! Sie machte den Mund auf, um ihrer Empörung Luft zu machen, doch bevor sie etwas sagen konnte, senkte er den Kopf und küsste sie auf den Mund. Sie versuchte sich zu wehren, doch er hielt sie weiterhin fest im Griff.

Sein Kuss war fordernd, seine Lippen fühlten sich heiß an. Resigniert gab Aigul ihren Widerstand auf und ließ es über sich ergehen. Scheinbar war sie ihm wehrlos ausgeliefert. Zu ihrer Verwirrung empfand sie seinen Kuss jedoch nicht so abstoßend, wie sie erwartet hätte. Fand sie ihn sogar angenehm? Die Berührung seiner Lippen löste auf jeden Fall etwas in ihr aus, was sie nicht beschreiben konnte.

Nasar spürte, wie Aigul sich leicht entspannte und wurde etwas zärtlicher. Sachte strich er mit dem Mund über ihre Oberlippe, wanderte zu ihrer Unterlippe, umfasste diese und sog leicht daran. Behutsam liebkoste er die Ecken ihres Mundes und knabberte vorsichtig an ihren weichen Lippen.

Aigul überließ sich dem ungewöhnlichen Gefühl, dass in ihrem Bauch ein Kribbeln hervorrief. Ihre Knie fühlten sich seltsam weich an und Empfindungen noch nicht gekannter Art durchströmten ihren Körper. Sie stemmte sich nicht mehr von ihm ab, sondern ließ ihre Hände locker auf seiner Brust liegen. Ihre Augen waren geschlossen und sie verlor jegliches Zeitgefühl. Sie spürte nur die zärtlichen Berührungen seiner Lippen und seinen warmen Atem an ihrem Mund. Ein fremdartiges Gefühl der Wonne durchströmte ihren Körper. Es war so neu für sie und doch so betörend schön. Sie wollte noch ein bisschen mehr und berührte zaghaft mit der Zunge seine Unterlippe. Nasar stöhnte auf und sein Atem ging schneller. Sein Körper reagierte sofort auf ihre Erwiderung. Er packte sie an den Hüften und drückte sie fester an sich.

Aigul riss erschrocken die Augen auf und stemmte sich mit beiden Fäusten gegen seine Brust. Er ließ sie so abrupt los, dass sie das Gleichgewicht verlor und rücklings stolperte. Nasar fing sie auf und bewahrte sie in letzter Sekunde vor der unsanften Landung auf dem Boden. Er zog sie hoch und stellte sie wieder auf die Füße. Seine Augen glänzten und er grinste.

„Diesen Kuss warst du mir seit gestern schuldig!”

Sie wusste, was er meinte. Als die Standesbeamtin sie gestern bei der Trauung zu einem Kuss aufgefordert hatte, hatte Aigul ihm ihre Wange hingehalten. Die Leute hatten angefangen zu lachen. Nasar hatte auch gelacht und sie einfach auf die Wange geküsst.

„Wie wär´s noch mit einem Gutenachtkuss?”, fragte er mit einem verschmitzten Lächeln.

„Vergiss es!”, zischte sie, drehte sich um und lief aus dem Zimmer.

In der Küche machte sie die Tür hinter sich zu und schob den kleinen Riegel vor. Ihr Herz klopfte aufgeregt. Sie ging zum Waschtisch und blickte in den Spiegel. Ihre Haare waren etwas zerzaust, ihre Wangen gerötet und ihre Augen glänzten. Sie berührte mit den Fingerspitzen ihre Lippen, die leicht angeschwollen waren. So war also ein Kuss? Eigentlich recht schön, doch die Gefühle, die dieser Kuss in ihr ausgelöst hatte, waren irgendwie beängstigend. Sie behielt immer gern die Kontrolle über sich selbst, aber der Kuss hatte ihren Verstand leicht benebelt und irgendwie auch ihren Willen gelähmt. Nasar schien sie auf jegliche Weise aus der Bahn zu werfen. Sie musste sich sammeln. Sie wollte sich keine Schwächen erlauben. Dazu brauchte sie Kraft und vor allem ausreichend Schlaf. Sie war todmüde.

Sie wandte sich vom Spiegel ab und ging in den Vorratsraum. Dort holte sie die Zinnwanne und einen großen Kochtopf, den sie mit Wasser füllte und auf den Gasherd zum Wärmen stellte.

Nachdem sie ihre Zähne geputzt und sich gewaschen hatte, öffnete sie leise die Tür.