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Das Buch ist die Fortsetzung von Evolution 5.0 – Mutation Als Sam und Vilca sich endlich aus dem zugebombten Bunker, in dem sie Schutz suchten, befreien können, ist nichts mehr so wie vorher. Die Welt wird von Computeralgorithmen regiert, die unbarmherzig ein gnadenloses Selektionsprogramm durchziehen. Für Sam könnte es kaum schlimmer kommen. Er wird vom Geheimdienst erpresst, von Freunden hintergangen und von seiner Ex gejagt. Wem kann er noch vertrauen? Zu allem Überfluss verfolgt seine Geliebte ihre eigenen Ziele. Ist ihre Liebe stark genug, um zwischen all den Fronten eine gemeinsame Zukunft zu erschaffen? Und welche Rolle werden Vilcas neu entdeckte übernatürliche Fähigkeiten dabei spielen? Am Ende stellt sich für Sam und Vilca die Frage, ob sie bereit sind, für ihre Vision der Evolution alles zu geben. Notfalls auch ihr Leben. Packender Zukunftsthriller um die Gefahren der "künstlichen Intelligenz".
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Seitenzahl: 619
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Mutation 5.0
Selektion
Autor: Roy O’Finnigan
Beginn: 30.3.2012
40 Zeilen pro Seite, 65 Zeichen pro Zeile
»Jede entsprechend weit fortgeschrittene Technologie
ist von Magie nicht zu unterscheiden.«
Zitat: Arthur Clarke
1. Kleiderordnung4
2. Unerwartete Entdeckungen10
3. Forschungsobjekt18
4. Befreit?25
5. Recherchen29
6. Wegelagerer34
7. Generalprobe38
8. Verhaftet42
9. Erpressung53
10. Flucht56
7. Waldgöttin83
8. Rettung90
9. Wiedersehen98
13. Zukunftsvision108
14. Risiken114
15. Rekrutierung128
16. Wolkengärten135
17. Geheimauftrag138
18. Eröffnungszug142
19. Freundschaften auf die Probe gestellt153
20. Cyberkrieg161
21. Verrat171
22. Enthüllungen178
23. Ein neuer Deal183
24. Geschickt eingefädelt187
25. Eheversprechen190
26. Auftrag195
27. Racheplan198
28. Anwerbung202
29. Überzeugungsarbeit208
30. Cybergames216
31. Hochzeitsvorbereitungen220
32. Semperoper226
33. Flitterwochen232
34. Verhör255
35. Super Mario266
36. Kinderwunsch270
37. Ausflug276
38. Operation Sea Wasp279
39. Entführung286
40. Orakel295
41. Verstärkung306
42. Bluebird314
43. Die Prophezeihung der Sphinx316
44. Hilferuf343
45. Epilog345
1. Kleiderordnung 4
2. Unerwartete Entdeckungen10
3. Forschungsobjekt18
4. Befreit?25
5. Recherchen29
6. Wegelagerer34
7. Generalprobe38
8. Verhaftet42
9. Erpressung53
10. Flucht56
7. Waldgöttin83
8. Rettung90
9. Wiedersehen98
13. Zukunftsvision108
14. Risiken114
15. Rekrutierung128
16. Wolkengärten135
17. Geheimauftrag138
18. Eröffnungszug142
19. Freundschaften auf die Probe gestellt153
20. Cyberkrieg161
21. Verrat171
22. Enthüllungen178
23. Ein neuer Deal183
24. Geschickt eingefädelt187
25. Eheversprechen190
26. Auftrag195
27. Racheplan198
28. Anwerbung202
29. Überzeugungsarbeit208
30. Cybergames216
31. Hochzeitsvorbereitungen220
32. Semperoper226
33. Flitterwochen232
34. Verhör255
35. Super Mario266
36. Kinderwunsch270
37. Ausflug276
38. Operation Sea Wasp279
39. Entführung286
40. Orakel295
41. Verstärkung306
42. Bluebird314
43. Die Prophezeihung der Sphinx316
44. Hilferuf343
Klank! Aya verzieht den Mund, lässt die Spitzhacke auf den Boden poltern und betrachtet das Ergebnis. Obwohl sie mit voller Kraft zuschlug, zeigt sich die Ragnoceritpanzerung wenig beeindruckt. Außer einem kleinen Kratzer ist nichts zu sehen.
Neben ihr hämmert ihr Freund mit wuchtigen Hieben auf das widerspenstige Material ein. Sein nackter Oberkörper glänzt vor Schweiß. Selbst er bricht nur kleine Brocken heraus. Immerhin! Sie bemerkt, dass er innehält und ihre Arbeitsleistung begutachtet.
»Noch ein paar Schläge und du hast das nächste Stück herausgeschlagen.«, versucht er sie aufzumuntern.
»Wohl eher Splitter.«, seufzt Aya. Neidisch wirft sie einen Blick auf die Muskeln ihres Freundes. »Ich glaube, es nützt uns allen mehr, wenn ich Sam helfe etwas zu erfinden, das uns beim Graben hilft. Mein Beitrag zu unserer Befreiung lässt sich in einem Kaviardöschen zusammenkratzen.«
»Mag sein, aber erst bringst du deine Schicht zu Ende. So wie alle anderen auch.«, gibt sich der Bodybuilder streng.
Sie funkelt ihren Freund an.
»Das ist doch Zeitverschwendung!«
Urs wirft einen prüfendenden Blick auf die zartgebaute Chinesin.
»Ganz und gar nicht. Die körperliche Tätigkeit ist gut für dich. Glaub mir, wenn wir draußen sind, wirst du für die Kraft und Kondition, die du dir hier holst, dankbar sein.«
Aya prüft ihre Oberarmmuskulatur.
»Das ist ungerecht. Seit Wochen quäle ich mir einen ab und das Ergebnis ist kaum der Rede wert. Ich bin genetisch einfach anders veranlagt. Mehr Kopfarbeiterin als körperlich. Ich glaube, Sam braucht mich dringender im Labor als hier. Ich verstehe nicht, dass er nicht schon längst eine Maschine gebaut hat, die uns die Arbeit abnimmt.«
»Weil wir dafür nicht die nötigen Materialien haben und weil es eine Ewigkeit dauert, einen Tunnelbohrer mit einem Nanoprinter zu drucken. Das weißt du doch.«, erinnert Urs an die Tatsachen. »Immerhin hat er unsere Werkzeuge mit einer Diamantschicht gehärtet. Sonst würden wir gegen diese synthetische Panzerung auf Basis von Spinnenseide und Keramik rein gar nichts ausrichten.«
»Ich weiß.«, seufzt Aya. »Aber neun Monate lang diese Schufterei halte ich nicht aus. Ich fürchte, ich sterbe vorher an Erschöpfung. Es muss einfach einen leichteren Weg geben.«
Urs lächelt seine Freundin aufmunternd an.
»Keine Angst, du stirbst nicht daran. Im Gegenteil. Die Veränderungen an deinem Körper machen sich gut.« Er zwinkert ihr zu und betrachtet demonstrativ ihren Po, bevor er fortfährt. »Und jetzt genug geschwätzt. Reiß dich zusammen. Unsere Schicht ist noch längst nicht zu Ende.«
Die Chinesin schaut ihn eine Weile nachdenklich an. Dann greift sie zu ihrer Spitzhacke, stößt einen Kampfschrei aus und schlägt mit aller Kraft zu.
***
»Bist du überhaupt nicht müde?«
Sam schüttelt den Kopf. Er weiß, dass seine Assistentin Enola lediglich aus Höflichkeit fragt. Er hat sie schließlich selbst erschaffen und ihr unbeschränkten Zugriff auf seinen Körperzustand gegeben. Die Daten bestätigen, dass ihn die Grabarbeiten wenig belasten. Er ist durch die jahrelangen Sportaktivitäten mit Vilca gewöhnt, seinen Körper bis an die physischen Grenzen zu beanspruchen.
Der Erfinder betrachtet die künstliche Intelligenz neben sich. Ihre virtuelle Existenz hat es in sich. Gewisse Teile ihres Körpers trotzen der Schwerkraft wie in einem Superheldinnen-Comic. Weder die Kurven noch der Lederfetisch sind Teil ihrer ursprünglichen Programmierung. Wenigstens durften die roten Haare, die kupferfarbene Haut und die violett getönte Brille bleiben. Der unfreiwillige Schöpfer der Sexbombe seufzt. Innerhalb weniger Jahre hat das selbstlernende Computerprogramm eine eigene Persönlichkeit, Vorlieben und Macken entwickelt, die so weder geplant noch vorhersehbar waren.
»Zieh dir endlich was Ordentliches an. Wie oft soll ich dir noch sagen, dass das bei mir nicht wirkt?«
Enola zieht einen Schmollmund.
»Sei doch nicht so prüde. Wir sind schließlich allein.«
Das stimmt. Sam sitzt in dem kleinen Aufenthaltsraum des Bunkers, den er zu seinem Labor erklärt hat. Allein. In der realen Welt ist das quadratische Zimmer funktionell und spartanisch eingerichtet. Die Wände kahl. Der Erfinder hatte weder Lust noch Muße, sich mit der Ausgestaltung des Raums in der wirklichen Welt zu befassen. Stattdessen gestaltete er sein eigenes Holovers als eine Lichtung an einer Flussbiegung. Enola und er sitzen sich gegenüber, jeder auf einem Holzstamm. Ein blauer Schmetterling ruht mit ausgebreiteten Flügeln auf einer Sommerfliederrispe und lässt sich von der Sonne wärmen. Anfangs hatte er keinen Namen. Bis Vilca in Sams Leben trat. Sie hat ihn Morpheus getauft.
Sam verleiht seinem Befehl mit stahlharter Mine Nachdruck. Enola schmollt noch mehr, gehorcht letztendlich und verhüllt ihren Körper mit einem hochgeschlossenen Kleid in Schwarz mit Goldbestickung. Auf den ersten Blick durchaus gesellschaftsfähig, bei genauerem Hinsehen regen sich Zweifel. Er beschließt die Allüren seiner Assistentin zu ignorieren und sich wieder auf seine Arbeit zu konzentrieren. Er deutet auf einen Holzstab, der im Gras liegt.
»Mach dir lieber Gedanken darüber, wie viel Akkukapazität wir in diesen Wanderstab integrieren können.«
Enola erstarrt für ein paar Sekunden. Dann legt sie los.
»Es kommt natürlich auf die Größe an. Die wiederum hängt von der Konstitution der Person ab, die ihn benutzt. Was Aya gut in der Hand liegt, ist für Urs nicht mehr als ein besserer Zahnstocher. Dann kommt es noch auf die Stabilität an. Soll er im Notfall auch als Waffe dienen? Welches Holz steht uns zur Verfügung? Ideal wären Hasel, Schwarzdorn oder Esche. Die sind langfaserig, elastisch und nicht zu schwer. Wir haben nur Buche und Ba...«
Sam unterbricht sie mit einem Blick an die Decke.
»Enola! Bitte, komm zum Punkt.«
Die KI hält die Luft an und mustert ihren Meister über den Rand ihrer Brille.
»Na schön. Neun Kilowatt in einem kleinen Stab für Aya und elf in einem der Urs‘ Konstitution entspricht. Den Rest kannst du in der Dokumentation nachlesen, die ich für dich produziert habe.«
Der Erfinder greift sich das Blatt Papier, das sie ihm hinhält und wirft einen Blick darauf. Zehn Kilowatt für einen mittleren Stab. Das reicht für sieben Tage und vier Stunden, bei großzügigem Einsatz der elektronischen Hilfsmittel. Er nickt zufrieden.
»Nicht schlecht. Damit sind wir autark. Das gibt uns ausreichend Bewegungsfreiheit für das Leben nach der EMP-Katastrophe. Das hoffe ich zumindest.«, fügt er nachdenklich hinzu.
Enola runzelt die Stirn.
»Ich frage mich, was dich zu dieser Hoffnung veranlasst. Wir haben keine Ahnung, wie viel Schaden die elektromagnetische Strahlung der im Weltall gezündeten Atombomben angerichtet hat. Je nach Verfügbarkeit der elektrischen Infrastruktur ist unser Bewegungsradius im schlimmsten Fall auf eine Woche im Umkreis unseres Bunkers beschränkt.«
Sam reibt sich das Kinn.
»Zumindest solange wir die Annehmlichkeiten von digitalen Assistenzsystemen, Kommunikation und Nanobots genießen wollen.«, stimmt er zu. »Wenn es wirklich so schlimm ist, müssen wir uns mit diesen Hilfsmitteln ganz besonders vor dem Neid der anderen Menschen in Acht nehmen. Umso wichtiger ist es, sie unauffällig in unsere Kleidung und Alltagsgegenstände zu integrieren.«
»Ich verstehe! Da bieten sich so Sachen an wie Minirechner in Amulette oder Gürtel, Transceiver und Antennen in Hüte, Akkus in Wanderstäbe und Nanobots in Halsketten einzubauen.«
Sam reißt die Augen auf und staunt seine Assistentin an.
»Super Idee! Ich möchte, dass du sofort mit der Planung beginnst.«
Der Erfinder wundert sich über Enolas verwirrten Gesichtsausdruck. Hatte sie etwa ihren Vorschlag ironisch gemeint? Nachdenklich schüttelt er den Kopf.
***
Mit Enolas Hilfe setzt Sam seine Ideen in die Tat um. Nur wenige Wochen nach ihrem Gespräch im Labor, ist er bereit für eine Demonstration vor seinen Freunden. Er präsentiert seine komplette Ausrüstung vor versammelter Mannschaft. Es gibt gleich Abendessen und der Tisch ist schon gedeckt. Das Aufenthaltsraum-Holovers liefert diesmal leise Sirtaki-Musik, blau gestrichene Stühle und eine Tischplatte aus Treibholz. Sogar ein knorriger Olivenbaum ragt in den Nachthimmel auf und rundet das Tavernenambiente ab.
Stolz und selbstbewusst betritt er das Lokal. Urs schaut ihn mit großen Augen an und lacht schallend los. Auch die anderen stimmen schnell ein. Vilca versucht noch eine Weile krampfhaft sich auf kichern zu beschränken, gibt dann aber auf und prustet lauthals los.
»Schön, dass ich euch so erheitern kann.«, bemerkt Sam frustriert. »Würdet ihr bitte die Güte aufbringen mir zu erklären, was hier so lustig ist?«
Vilca müht sich, ihr Lachen zu unterdrücken. Nach einer Weile gelingt es ihr auch. Danach sieht sie ihrem Geliebten in die Augen. Sie gibt ihr Bestes, ihre Stimme ernst klingen zu lassen:
»Du siehst aus wie Gandalf, der Kunterbunte.« Bei der letzten Silbe ist ihre Ernsthaftigkeit dahin und sie bricht mit den anderen wieder in schallendes Gelächter aus. Tränen laufen über ihre Wangen.
Sam unterdrückt einen Fluchtimpuls. Er stammelt eine Erklärung, bei der Worte wie »Funktion wichtiger als Mode«, »begrenzter Kleiderfundus« und »praktischer Nutzen« vorkommen, die aber im allgemeinen Gelächter untergehen. Schließlich schweigt er und presst die Zähne aufeinander.
»Schicker Hut.«, kommentiert Paul. »Wenn Gandalf so zu Saruman gegangen wäre, hätte der sofort einen schweren Farbschock bekommen, wär' freiwillig aus seinem Turm geflohen und hätte Mittelerde schnurstracks auf immer und ewig verlassen.«
»Hoppla!«, Urs schafft es gerade noch rechtzeitig, Aya festzuhalten, bevor sie vor Lachen unter den Tisch rutscht.
»Also, das wird mir jetzt zu bunt hier. Hört auf zu lachen.«, ruft Sam, aber keiner hört auf ihn.
»Mir ist auch schon ganz kunterbunt.«, presst Vilca, mühsam beherrscht zwischen zwei Lachern hervor.
Nun gerät Urs seinerseits in Gefahr unter den Tisch zu rutschen. Aya versucht, ihn zu halten, aber angesichts der Körpermasse ihres Freundes wirken ihre Anstrengungen eher wie eine Geste.
»Jetzt reicht’s!«, donnert Sam, um das Gelächter zu übertönen. »Ich bin hier nicht euer Cyberwitzard.« Er stößt mit seinem Stab so heftig auf den Boden, dass der ganze Raum dröhnt und die Blätter des Olivenbaums zittern.
Dann aktiviert er seine Nanobots und lässt sie den Tisch hochheben. Er schwebt kurz und fällt danach mit einem lauten Rumms herunter. Das Geschirr und die Gläser klirren empört wegen der groben Behandlung. Immerhin erlangt er damit die Aufmerksamkeit seiner Freunde. Das Lachen reduziert sich zu einem Kichern.
Endgültig ruhig wird es, als er seinen bodenlangen Umhang in einer schwungvollen Bewegung um sich schlingt und verschwindet. Na ja, nicht ganz. Sein Gesicht schwebt wie von Geisterhand getragen in der Luft. Selbst der Hut ist weg. Zu guter Letzt lässt Sam noch das Essen von der Küche hereinschweben. Es gibt gefüllte Weinblätter, Pitabrot, Schafskäse, Gyros und Bauernsalat. Der Duft der Speisen wird vom Knoblauchodem des obligatorischen Tsatsiki in die hinterste Ecke gedrängt.
»Beeindruckende Vorstellung!«, kommentiert Urs schließlich. »Vor allem das mit dem Tarnmantel. Wie hast du das gemacht?«
»Ah, das möchtest du gerne wissen. Vorhin hast du mich noch ausgelacht. Ich hoffe, dir ist nun klar geworden, wie wichtig meine Arbeit für uns ist. Wie dem auch sei. Das System besteht aus einer Unzahl winziger Kameras und Leuchtdioden. Es stellt auf dem Mantel den Hintergrund aus dem Blickwinkel des Betrachters dar. Es ist allerdings nicht perfekt. Wenn mehrere Leute aus verschiedenen Richtungen darauf schauen, dann muss die Elektronik entscheiden, für welche Person man unsichtbar sein soll. Für alle anderen stimmt dann die Abbildung des Hintergrunds nicht mehr.«
»Wow!«, zeigt sich der Bodybuilder beeindruckt. »Sag bloß, du hast die gesamte Technik dafür in dem bunten Zeugs da untergebracht?«
Der Ausdruck sorgt sofort wieder für ein allgemeines Grinsen und Kichern. Immerhin, bemerkt Sam, ist es jetzt kein schallendes Gelächter mehr.
»Ja, die Energieversorgung für die Nanobots und den Computer für das Holovers befinden sich in meinem unauffällig aussehenden Wanderstab. Der Rechner ist in einem Medaillon, das ich um den Hals trage. Die Kette dafür besteht aus Nanobots und die Antennen für die Funkverbindungen habe ich in den Hut integriert. Die Form von Gandalfs Kopfbedeckung ist dafür optimal.«
Er nimmt das Teil ab und betrachtet es nachdenklich.
»Naja, so ungefähr.«, gibt er schließlich zu. »Das ist aber nicht entscheidend. Hier habe ich etwas Neues ausprobiert. Das Besondere daran ist die Oberfläche. Sie besteht aus einer Schicht mit negativem Lichtbrechungsindex.«
»Dann müsste er aber immer unsichtbar sein.«, bringt Urs seine Fachkunde zum Ausdruck.
Sam wirft dem Bodybuilder einen kühlen Blick zu.
»Das ist nicht nur ein einfaches Metamaterial, das das Licht um die Kleidung herumleitet. Man kann es mit einem elektrischen Puls aktivieren und deaktivieren.«
»Geil!«, lobt Paul. »Das ist besser als der Tarnumhang von Harry Potter. So etwas habe ich noch nie gesehen. Wie hast du das gemacht?«
Ein Lächeln stiehlt sich auf Sams Gesicht. Die bewundernden Blicke seiner Freunde sind die Genugtuung für ihren vorangegangenen Spott.
»Das bleibt mein Geheimnis. Ich verrate nur so viel: Ohne Nanoprinter wäre es nicht möglich, so ein Material herzustellen.«
»Das will ich auch haben!«, kommt es von seinen Freunden unisono.
Nur Vilca ist noch nicht ganz zufrieden.
»Aber an deinem Styling müssen wir noch arbeiten. So lasse ich dich nicht aus dem Bunker und unter die Leute.«
»Puh.«, stöhnt Sam. Mit einem wohldosierten Schwung aus dem Handgelenk lässt er die Tür hinter sich ins Schloss fallen. Verschwitzt und erschöpft sinkt er auf den nächstbesten Stuhl nieder. Er greift nach der Wasserflasche auf dem Plastiktisch und trinkt den Rest mit einem Schluck aus.
Der Bunkerbesitzer sieht sich in ihrer kleinen Suite um. Die Einrichtung ist schlicht, funktionell und auf das Nötigste reduziert. Auch farblich wenig stimulierend. Erst jetzt wird ihm bewusst, dass seine Augmented Reality abgeschaltet ist.
»Enola, aktiviere CERP!«
»Das möchte ich lieber nicht.«, antwortet seine künstlich intelligente Assistentin. »Vilca hat mich vorhin gebeten sie abzuschalten.«
»Wieso? Sie ist doch gar nicht da. Vilca, bist du da?«, erkundigt er sich vorsichtshalber.
Keine Antwort. Zu sehen ist auch nichts von ihr. Um ganz sicher zu sein, müsste er ins Schlafzimmer gehen. Dazu ist er zu erschöpft. In Gedanken geht er den Tagesplan seiner Freundin durch. Ihre Tunnelgrabschicht endete vor vier Stunden. Danach gab sie Kampfsporttraining. Urs hatte tägliches Training für jeden durchgesetzt, inklusive Aya und trotz deren Proteste. Damit müsste sie mittlerweile aber fertig sein.
»Enola, wo ist Vilca?«
»Das darf ich dir nicht sagen. Hab etwas Geduld. Sie wird sich gleich bei dir melden. Möchtest du in der Zwischenzeit ein Bier?«
Sam betrachtet seine Assistentin. Mit einem eleganten Kostüm in Grau macht sie auf Business-Frau. Lediglich die violette Brille, ihr Markenzeichen, passt nicht so recht zu der biederen Garderobe. Er versucht aus ihrer Körpersprache oder Miene einen Hinweis auf den Verbleib seiner Freundin zu lesen, aber seine Sinne finden an dem makellosen Auftritt keinen Anhaltspunkt. Ihr Gesichtsausdruck ist neutral wie die Schweiz.
»Hey, was soll das? Du bist meine Assistentin, nicht ihre.«
»Ja, schon. Möchtest du wirklich kein Bier? Es steht im Kühlschrank und hat die perfekte Temperatur. Leider kann ich es dir nicht bringen. Mich gibt es ja nur virtuell. Ich hätte ja schon längst einen Roboter beauftragt, aber in unserem Bunker gibt es keinen. Hol dir eins. Danach bist du doch immer so schön entspannt.«
Dazu zeigt sie auch noch einen Werbespot. Der Erfinder runzelt die Stirn. Die Reklame zeigt Wirkung. Er stemmt sich von seiner Sitzgelegenheit hoch, stöhnt und schlurft zum Kühlschrank. Er ist prall gefüllt mit Lebensmitteln.
»Wenigstens darüber brauchen wir uns keine Sorgen zu machen. Die Vorräte reichen für die nächsten fünfzig Jahre.«, brummt er. »Wird aber wenig nützen, wenn wir vorher aus lauter Langeweile sterben.«, führt er sein Selbstgespräch fort.
Sam zuckt schließlich mit den Schultern, greift sich eine Flasche, ploppt sie auf und nimmt einen langen Schluck. Gerade, als er dem prickelnden Nass nachspürt, wie es kühl seine Kehle hinab rinnt, bemerkt er ein Ziehen an seinem Bewusstsein. Er schafft es gerade noch, sich auf die Couch zu legen. Eine Sekunde später findet er sich auf einer Klippe wieder.
Er schaut hinunter. Wellen branden gegen die Felsen. Da unten kocht und brodelt es. Sein Blick wandert zum Horizont. Cyclone - so nennt er sich in der virtuellen Welt - begutachtet das Panorama. In diesem Holovers gibt es nur das Meer und die Felsklippe auf der er sich befindet. Er versucht aufzustehen und merkt, dass an seinem Körper etwas anders ist. Cyclone stutzt. Im ersten Moment ärgert er sich über die aufgezwungene Gestalt. Sein Avatar besteht normalerweise aus einer Lederhose mit Fransen, nacktem Oberkörper und langen schwarzen Haaren, die im Nacken zusammengebunden sind. Jedenfalls nicht aus einem Fischschwanz! Dann weiten sich seine Augen. Jetzt versteht er, wessen virtuelle Welt das ist und wo Vilca sich herumtreibt. Ein Gedanke drängt sich ihm auf, der ihn grinsen lässt.
»Na warte, ich habe auch eine Überraschung für dich.«, verkündet er und stürzt sich die Klippe hinab. Luftblasen markieren seine Eintauchspur, als er die Wasseroberfläche durchbricht.
Phire beobachtet ihren Freund, wie er unter Wasser auf sie zu schwimmt. Sie ist voller Erwartungen und gespannt, wie Cyclone reagieren wird. Ohne etwas zu sagen, küsst er sie, fasst sie bei den Handgelenken und legt sie ihr auf den Rücken. Sie spürt, wie sich etwas darum schlingt und ihre Hände fesselt. Es fühlt sich weich an, ist aber unnachgiebig wie ein Stahlseil.
Ihre erste Reaktion ist, die Verschnürung zu analysieren und aufzulösen. Schnell verwirft sie den Gedanken. Sie wollte Abwechslung von der täglichen Routine. Ein Abenteuer. Jetzt ist es da. Gespannt auf die neue Erfahrung beschließt sie mitzuspielen.
Phire spürt ihren Gefühlen nach. Die Fesseln machen sie wehrlos und sie ist ihm ausgeliefert. Trotzdem breitet sich eine wohlig kribbelnde Wärme in ihrem Körper aus. Sie genießt das Gefühl, sich ihm völlig hinzugeben. Ihm zu vertrauen. Sie betrachtet sein Gesicht. Sie kann den Blick nicht mehr von ihm abwenden, obwohl sie Gefahr läuft, in seinen Augen für immer zu versinken. Heute will sie sich darin verlieren und es ist ihr egal, was danach passiert. Irgendwie wird er sie schon wieder zurückbringen. Das ist jetzt sein Problem.
Er hat dunkelblaue Augen, genauso wie das geheimnisvolle Blau der Tiefsee. Die Farbe passt perfekt zu ihrer Umgebung unter Wasser. Die Sonne scheint leicht schräg auf die Wasseroberfläche und bricht sich darunter in Abertausenden glitzernden Sonnenstrahlen, die über dem Paar eine riesige Kuppel aufspannen. Lichtfinger brechen an der Oberfläche und schreiben unregelmäßige Wellenmuster aus flüssigem Licht auf ihre Körper. Im Schutz des Lichtdoms schweben die Liebenden eng umschlungen. Sie, eine Nixe mit smaragdgrünen Augen, blonden Haaren und rötlich schimmernder Haut, er ein Nix, durchtrainiert und mit schulterlangen schwarzen Locken.
In ihrer Umgebung tummeln sich Fische in allen Farben des Regenbogens. Auch silberne und goldene blitzen da und dort auf. Unter ihnen öffnet sich ein Abgrund aus dunkler werdendem Blau, der in die lichtlosen Tiefen des Meeres hinabführt. Niemand vermag zu ergründen, was sich dort unten verbirgt.
Langsam gleitet sein Mund ihren Hals entlang tiefer zu ihren Brüsten, während seine Hände ihre Pobacken umklammern. Seine Lippen und seine Zunge liebkosen ihre Brustwarzen für eine Weile, bis er spürt, wie ihre Nippel steif und fest werden. Dann gleitet er noch tiefer, bis er schließlich dort anlangt, wo sich die zentrale Weiblichkeit ihres Avatars im Holovers manifestiert. Sie hätte ihn gerne mit ihren Händen berührt, aber die Fesseln lassen es nicht zu.
Phire muss sich damit abfinden, dass er mit ihr machen kann, was er will. Es gibt kein Entrinnen. Unfähig etwas tun zu können, konzentriert sie sich umso mehr auf ihre Gefühle. Gerade das intensiviert ihre Empfindungen auf eine Art, wie sie es noch nie erlebte. Sie kostet die gesteigerte Reaktion ihres Körpers auf seine Zärtlichkeiten ungeniert aus.
Heißes Blut schießt in ihren Unterleib und die Erregung ergreift vollständig Besitz von ihr. Pure Lust breitet sich in ihr aus. Ihr Herz schlägt heftiger und auch ihr Atem beschleunigt sich. Unwillkürlich macht sie ein paar Schläge mit ihrer Schwanzflosse. Aber auch dadurch kann sie ihm nicht entkommen. Er folgt ihr und windet ein Band aus Wasser um ihre beiden Körper, um sie aneinanderzubinden.
Der Nix zögert den entscheidenden Moment hinaus, obwohl sie schon längst bereit ist, ihn zu empfangen. Sie kann ihre Erregung kaum mehr aushalten. Aber sie ist gezwungen, sich seinem Willen zu unterwerfen. Dann endlich macht er einen leichten Schlag mit seiner Schwanzflosse, um sein Gesicht wieder auf ihre Höhe zu bringen und sie zu küssen. Dabei legt er seine Hände sanft auf ihren Hals und Nacken.
Phire spürt seine Erregung. Als der Nix sich mit ihr vereint, durchfährt ein Stromstoß ihren Unterleib. Süße, heiß-brennende Lust breitet sich in ihrem ganzen Körper aus. Dann legt er eine Hand auf den Rücken knapp über ihren Po und drückt sie fest an sich. Gleichzeitig beugt er sich nach vorne, legt seine andere Hand mit sanftem Druck auf ihre Stirn und zwingt sie so, ihren Rücken und Kopf so weit zurückzubiegen, dass sie geradewegs in die geheimnisvolle Finsternis unter ihnen schaut.
Die Nixe gibt sich seinem Willen hin. Als sie kopfüber in den Abgrund schaut, breitet sich ein Kribbeln in ihrem Bauch aus, das sie aus ihrer Kindheit kennt. Es ist das Gefühl, aus einer sicheren Position heraus einer Gefahr ins Auge zu sehen. Sie weiß, solange er sie festhält, kann ihr nichts passieren. Dann beginnt er zu schwimmen und mit ihr im Arm in den Abgrund abzutauchen. Dabei kommen seine Stöße im Rhythmus der immer kräftiger und schneller werdenden Flossenschläge.
Cyclone spürt, wie Phires Erregung mit jeder Bewegung zunimmt. Sie hat die Augen geschlossen und stöhnt lustvoll bei jedem Schlag, mit dem sie nach unten gleiten. Je tiefer sie tauchen, umso dunkler wird es um sie herum. Phires Haare bilden einen wallenden Schleier, während sie dem Abgrund entgegenschwimmen.
Der Wasserdruck steigt stetig, aber ihre Nixenkörper sind damit vertraut. Das zunehmende Gewicht auf ihren Körpern kann ihnen nichts anhaben. Je finsterer es um sie herum wird, umso mehr fluoreszierende Meerestiere kommen zum Vorschein. Sie schwimmen auf einen mitternachtsblauen Himmel zu, der übersät ist mit Sternen, die majestätisch ihre Leuchtspuren über das Firmament ziehen.
Als er kaum noch ihr Gesicht sehen kann, drückt der Nix leicht mit seiner Hand auf ihren Rücken. Willig folgt sie seinem Befehl. Sie legt ihren Kopf in den Nacken und biegt ihren Rücken durch, so dass sie langsam in einem großen Bogen kurvend, beginnen wieder nach oben zu schwimmen.
Der Nix ist durch und durch erregt. Seine Hände ruhen auf ihren Pobacken. Es reizt ihn, wie sich ihr Gesäß unter seinen Händen im Rhythmus seiner Stöße hin und her bewegt. Ihre Oberkörper liegen eng aufeinander. Die Fesseln halten sie zusammen. Deutlich spürt er, wie ihre Brustwarzen gegen seinen Oberkörper drücken. Und er fühlt die Hitze auf seiner Haut, die von ihrem erregtem Körper ausgeht.
Mittlerweile sind sie wieder innerhalb der Lichtkuppel angekommen und kurz vor ihrem Höhepunkt. Er drückt sie noch fester an sich. Ihr Herz schlägt so heftig, dass er es spüren kann. Mit schnellen und kräftigen Flossenschlägen treibt er sie beide weiter nach oben und kurz vor Erreichen der Wasseroberfläche explodiert er.
Er erlebt ein Feuerwerk aus Lichtern und Farben und hätte platzen können vor Ekstase. Phire schreit gleichzeitig mit ihm auf. Mit dem Höhepunkt seines Orgasmus vermischen sich seine Gefühle mit ihren und sie werden eins. Er spürt, wie sich sein Samen in seinen Schoss ergießt - und ist kurz verwirrt.
Sie beglücken sich mit einem gemeinsamen Orgasmus und keiner kann mehr sagen, welche Empfindungen die eigenen sind oder die des Anderen. Sie hatten sich auf dem Höhepunkt ihres Liebesaktes noch nie so ineinander verloren. Nach einer Weile löst er die Fesseln und sie schlingt die Arme um seinen Körper. Cyclone und Phire treiben bewegungslos durch das Wasser, während sie zusammen ihre gemeinsamen Gefühle auskosten.
Es ist seltsam, Phire ins Gesicht zu blicken und zur selben Zeit sich selbst zu sehen. Noch verrückter ist es, gleichzeitig zu fühlen, was das Streicheln ihrer Brüste bei ihm auslöst und wie sie darauf reagiert. Irgendwie scheint die Übertragung zu den symbiotischen Nanobots in ihren Gehirnen durcheinandergekommen zu sein.
Im Moment verschwendet er keinen Gedanken weiter darauf, sondern genießt einfach diese sensationellen Emotionen. Schließlich beginnt ihr kollektiver Orgasmus abzuebben und langsam kehrt jeder in seinen eigenen Körper zurück. Cyclone empfindet die Trennung als einen großen Verlust und er kann in Phires Augen sehen, dass es ihr genauso geht.
Die beiden gleiten angetrieben von leichten Flossenschlägen noch eine Weile durchs Wasser und genießen das wohltuende Gefühl der Erschöpfung nach dem so intensiv empfundenen Glücksmoment. Widerstrebend verlassen sie das Holovers und kehren in die Realität zurück.
Später fragt Vilca:
»Was war das? Passiert das in der wirklichen Welt jetzt auch?«.
»Weiß nicht.«, grinst er. »Machen wir ein Experiment, dann wissen wir es.«
»Moment, Mister Lee, nicht so schnell.«, wehrt Vilca die Annäherungsversuche ihres Freundes ab.
Sam merkt gleich am Tonfall seiner Geliebten, dass das kein Nullachtfünfzehn-Akt wird. Er glaubt zu ahnen, was sie vor hat. Allerdings will er es ihr nicht ganz so leicht machen.
»Wieso nicht? Sonst kann es dir doch auch nicht schnell genug gehen.«
Vilca schüttelt den Kopf.
»Du bist das letzte Mal ziemlich kreativ gewesen. Weißt du, ich habe da auch ein paar Ideen.«.
»Oh, ich verstehe. Soll ich schon mal ein paar Schnüre holen?«
Vilca schüttelt wieder den Kopf.
»Wir brauchen keine Schnüre. Ich werde dich mit meiner Stimme fesseln.«
»Das ist aber nichts Neues. Von deiner Stimme war ich von Anfang an gefesselt.«
Vilca grinst, während sie sich langsam von ihm entfernt und sich auf das Bett setzt.
»Das freut mich zu hören,aber so habe ich das nicht gemeint. Du musst tun, was ich sage und du darfst auch nur das tun, was ich dir erlaube.«
Sam ist nicht überrascht. Im Gegenteil. Er hat erwartet, dass sich Vilca nach ihrem gemeinsamen Liebesabenteuer im Holovers etwas ausdenkt, um sich für die Fesseln zu revanchieren. Er ist gespannt, was jetzt kommt.
»Na gut, ich habe keine Ahnung, womit ich das verdient habe,«, tut er unschuldig, »aber für dich, meine Liebste, tue ich alles.«
Vilcas Lächeln wird immer breiter.
»Hmmmmmm«, summt sie lange. »Mal sehen, was du so drauf hast. Zieh dich aus!«
Sam will gerade anfangen, sein Hemd aufzuknöpfen, als sie ihn unterbricht.
»Nicht so. Ich will einen Striptease sehen. Und wehe, du turnst mich nicht an.«
Dabei schnippt sie mit den Fingern. Sofort ändert sich die Beleuchtung, passend zu ihrem Vorhaben. Sie hat auch die entsprechende Musik dafür vorbereitet. You Can Leave Your Hat On von Randy Newman. Eine Karaoke-Version. Vilca singt selbst und ahmt dabei die Stimme von Joe Cocker nach. Sinnlich räkelt sie sich auf dem Bett. Sie genießt es, dass Sam das ausführen muss, was der Liedtext vorgibt.
Ihr Freund spielt mit und legt eine Weltklasse-Show hin. Die Sängerin ist zufrieden mit dem, was ihr geboten wird. Auf dem Nachttisch ihres Bettes liegt ein Hut, den sie Sam zuwirft, nachdem er sein letztes Kleidungsstück abgelegt hat. Ungeniert betrachtet sie ihn eine Weile und fordert dann:
»Und jetzt zieh mich aus.«
Ihr Freund gehorcht. Vilca bleibt auf dem Bett liegen und genießt es, wie er ihre Bluse und den Rock aufknöpft und seine Hände über ihren Körper gleiten lässt, um sie auszuziehen.
Als sie völlig nackt auf der Matratze liegt, befiehlt sie ihm, sich mit auf dem Rücken verschränkten Armen vor das Schlafmöbel zu stellen. Danach küsst sie seinen Hals und arbeitet sich an seinem Körper entlang langsam bis zur realen Manifestation seiner Männlichkeit vor. Diesmal sind sie nicht im Holovers und Vilca ist sich der Tatsache, dass sie den echten Sam vor sich hat, mehr als bewusst. Sie spürt, wie sich seine Erregung immer weiter steigert und genießt das Gefühl, die Macht zu haben, ihn bis zum Äußersten stimulieren zu können ohne, dass er sich wehren kann. Dabei beobachtet sie ihn.
Für Sam wird es fast unerträglich. Er hat Vilca versprochen, ihren Befehlen zu gehorchen, aber jetzt steht er kurz vor dem Höhepunkt. Trotzdem muss er noch immer still stehen und darf sie nicht berühren. Sam stöhnt und vibriert am ganzen Körper. Vilca spürt sein Dilemma und hört auf. Sie wendet sich von ihm ab und streckt sich auf das Bett.
»Küss mich.«, fordert sie ihn auf.
Sam will sie umarmen, aber sie unterbricht ihn.
»Hände weg, nur küssen!«
Dann deutet sie nacheinander an diverse Stellen ihres Körpers, wo sie liebkost werden möchte. Als Sam sieht, welche Reaktionen das bei ihr auslöst und wie ihre Erregung zunimmt, beschließt er sich diese Stellen genau zu merken. Schließlich setzt sie sich auf und befiehlt ihm, sich auf das Bett zu legen und die Beine auszustrecken. Dann setzt sie sich mit dem Rücken zu ihm auf seinen Schoß. Während Vilca beginnt ihre Hüfte sanft hin und her zu bewegen, dreht sie sich zu ihm um und sagt:
»Du darfst mich jetzt berühren.«
Sie genießt es, in dieser Stellung uneingeschränkt die Kontrolle darüber zu haben, wie es weitergeht. Diesmal bestimmt sie über das Tempo und er muss sich anpassen. Genussvoll führt sie sich und ihn zum gemeinsamen Höhepunkt. Als es schließlich so weit ist, explodiert in ihrem Kopf ein Feuerwerk aus Gefühlen, Lust und Farben. Sie spürt, wie sich ihr Samen in ihren Schoss ergießt und ist verwirrt.
Wieder erleben die beiden einen vereinten Orgasmus. Keiner kann mehr sagen, welche Empfindungen wem gehören. Es ist genauso wie im Holovers. Ein kollektiver Höhepunkt in der realen Welt ist doch unmöglich, denken sie. Doch für eine genauere Analyse ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt. Sie können und wollen nichts weiter tun, als ihren gemeinsamen Gefühlen zu folgen, sie bis zuletzt auszukosten und zu warten, bis sie wieder in ihre eigenen Körper zurückgefunden haben.
Viele Minuten später liegen Vilca und Sam eng aneinander gekuschelt im Bett. Die Sängerin ist die Erste, die das Schweigen bricht.
»Sam, es ist wieder passiert.«
»Ja, es war wunderschön.«.
Vilca hebt den Kopf.
»Sam, das ist nicht normal. Wir müssen das untersuchen.«
»Jetzt gleich? Warte noch einen Moment. Ich bin noch nicht wieder bereit.«
Die Sängerin setzt ein empörtes Gesicht auf und zwickt ihn in den Arm.
»Du nimmst mich überhaupt nicht ernst! Diesmal ist es in der Realität passiert! Im Holovers ist das noch etwas anderes, aber in der wirklichen Welt? Das macht mir Angst! Was ist, wenn wir in unsere Körper nicht mehr zurückfinden? So schön das mit dir zusammen ist, mir ist es lieber, wenn ich ich bleiben kann und meine Orgasmen als Vilca alleine erlebe.«
Sam schaut ihr in die Augen. Sie meint es ernst und er checkt endlich, dass sie vielleicht tatsächlich ein ernstes Problem haben.
»Du hast Recht. Es ist wirklich ein schönes Gefühl gewesen, aber andererseits war es auch eigenartig, gleichzeitig mich und dich in meinem Körper zu spüren. Es ist irgendwie vertraut und doch fremd. Eigentlich hätte das nicht passieren dürfen. Wir haben die symbiotischen Nanobots so konstruiert, dass eine direkte, vollständige und unkontrollierte Verbindung zwischen zwei Gehirnen niemals hätte stattfinden können. Selbst, wenn beide Menschen das wollten.«
Vilca nickt.
»Weißt du, als wir geistig vereinigt waren, hast du mein innerstes Ich berührt. Den Kern meines Wesens. Das …, das hat sich beinahe angefühlt, wie ich mir eine Vergewaltigung vorstelle. Zum Glück warst du es. Das machte es erträglich, weil ich dir vertraue. Aber es war irgendwie aufgezwungen, weil ich nichts dagegen machen konnte. Ich war dem schutzlos ausgeliefert. Nicht auszudenken, wenn es jemand anderes gewesen wäre. Es macht mir Angst Sam, dass man so tief in meinen Geist eindringen kann.«
Sam grübelt. Sie hat recht. Im Grunde erging es ihm genauso. Es ist einfach passiert, ohne, dass er etwas hätte machen können. So schön der Moment war, hatte diese Verschmelzung doch etwas Gewaltsames an sich. Auch er hatte gespürt, wie sie sein wahres Wesen berührt hatte.
»Wir werden morgen der Sache nachgehen. Ich hoffe nur, dass durch den EMP die symbiotischen Nanobots oder unsere Holoports keinen Schaden genommen haben.«.
Vilca sieht ihn überrascht an. An sowas hat sie überhaupt nicht gedacht.
»Jetzt hast du es geschafft, dass ich mir noch mehr Sorgen mache.«.
»Das brauchst du nicht.«, beruhigt Sam sie, als er sie in die Arme nimmt und sie küsst. »Ich, der Erfinder dieser Technologie, bin ja bei dir.«
»Das ist unglaublich.«, wiederholt Sam zum dritten Mal.
Vilca sitzt zusammengekauert auf der Liege in der Krankenstation und vergräbt ihr Gesicht in den Händen.
»Bitte überprüfe es noch einmal. Das kann nicht sein. Mach ein anderes Ergebnis. Irgendwie. Bitte!«, fleht sie, ohne aufzublicken.
Sam setzt sich neben das Häuflein Elend, legt seinen Arm um Vilca und drückt seine Freundin an sich. Als Reaktion erhält er lautstarkes Schluchzen.
»Warum ist bei mir immer etwas abnormal? Ich will kein Monster sein. Ich möchte normal sein. Nichts weiter. Einfach nur normal.«
Er versucht, seine Freundin zu beruhigen. Da er nicht weiß, was er sagen soll, beschränkt er sich erst einmal darauf, ihr sanft über den Rücken zu streicheln. Das Ergebnis der Untersuchung verwirrt ihn. Biologisch ist es unmöglich, aber die Fakten sind eindeutig. Es gibt nur eine logische Schlussfolgerung.
»Du bist etwas Besonderes. Gerade deswegen mag ich dich so, Sternchen. Ich liebe dich, wie du bist.«
»Das sagst du nur so. Gib zu, du hast Angst vor mir.«, erwidert sie unter Tränen.
»Ich? Angst? Aber ganz und gar nicht. Wieso denn?«
»Frag nicht so blöd. Weil ich Gedanken lesen und es nicht kontrollieren kann.«, schreit sie aufgebracht. Vilca reißt sich los und springt auf.
»Verstehst du denn nicht? Ich bin der einzige Telepath auf Erden. Wenn sich das rumspricht, wird alle Welt wissen wollen, wie das funktioniert. Sie stecken mich in ein Labor und nehmen mich auseinander, testen und analysieren mich, bis sie es herausgefunden haben.«
Vilca ist völlig aus dem Häuschen.
»Du weißt doch, wie das läuft. Für die bin ich kein Mensch, sondern nur ein Forschungsobjekt. Andere Menschen werden entweder Angst vor mir haben oder verlangen, dass ich Gedanken für sie lese. So will ich nicht leben. Lieber sterbe ich.«
Bevor Sam reagieren kann, stürmt Vilca aus dem Labor und knallt die Tür hinter sich zu. Da er lediglich einen Schritt hinter ihr ist, prallt er im vollen Lauf gegen die Tür und holt sich eine blutige Nase. Vor lauter Sorge um seine Geliebte nimmt er den Schmerz nicht wahr. Eine Blutspur hinter sich her ziehend rennt er seiner Freundin nach. Als er die Tür zu ihrer Suite erreicht, ist sie bereits abgeschlossen.
»Sternchen, mach auf!«, ruft Sam und klopft an die Tür.
»Oh Gott, was ist denn hier passiert?«
Aya steht hinter ihm. Er dreht sich zu ihr um.
»Sam, du blutest ja. Was ist geschehen? Habt ihr euch gestritten?«
»Nein! Vilca ist ... Sie hat ...« Sam unterbricht sich und starrt auf seine blutige Hand. Erst jetzt nimmt er die Verletzung seiner Nase wahr. Er schaut Aya verwirrt an. Diese schüttelt den Kopf.
»Ich hole den Verbandskasten.«
Sie ist schon ein paar Schritte gegangen, als er sich in Bewegung setzt. »Ich komme besser mit.« Sam beschleunigt und schließt auf.
»Was ist denn passiert?«, fragt sie besorgt, als sie auf gleicher Höhe sind.
»Hast du zufällig ein Tuch oder so etwas? Meines ist bereits total durchnässt.«
Die Samariterin reicht ihm ihr Taschentuch.
»Soll ich mit ihr reden?«
»Auf keinen Fall!«, erwidert er scharf.
Aya zuckt vor Schreck zusammen.
»Entschuldigung, ich habe es ja nur gut gemeint.«
»Das ist sehr freundlich von dir.«, ergänzt Sam ruhiger. »Aber das ist eine Sache zwischen Vilca und mir. Das müssen wir beiden unter uns ausmachen.«
Sam eilt voraus und erreicht die Krankenstation vor der Chinesin. Er verschwindet darin, ohne ihr eine Chance zu geben mitzukommen. Perplex steht sie vor der verschlossenen Tür.
»Sam, was ist denn los mit dir? Lass mich dir wenigstens helfen, deine Nase zu verarzten.«
»Nicht nötig.«, ertönt es von drinnen.
Die Chinesin bleibt skeptisch.
»Wie du meinst. Mein Angebot steht. Du weißt ja, wo du mich findest. Der Bunker ist zwar geräumig, aber hier ist noch keiner verloren gegangen.«
»Ich weiß dein Angebot zu schätzen, liebe Aya.«, sagt er freundlich. Durch die Tür klingt seine Stimme gedämpft. »Wenn es geht, wäre ich jetzt gerne einen Moment alleine. Ich hoffe, du verstehst das.« Mit einem Klick verriegelt er die Tür von innen.
»Schon gut, ich habe verstanden.«
Sie schüttelt den Kopf und wendet sich ab. Auf dem Weg in den Gemeinschaftsraum achtet Aya sorgfältig darauf, nicht in die Blutspuren zu treten.
Sam sieht sich im Labor um. Auf keinen Fall darf Aya den Raum so sehen. Beinahe jedes Gerät hatten sie eingesetzt, um ihre Denkorgane zu untersuchen. Sämtliche Bildschirme zeigen Gehirnscans. In einer Ecke schwebt eine dreidimensionale Darstellung von Vilcas Gehirn mit einer Unzahl Analysedaten. Zum Vergleich daneben das von Sam.
Nachdem er seine Nase mit einer Kompresse versorgt hat, beginnt Sam alle Spuren ihrer Aktivitäten zu löschen und räumt die Station auf. Er lässt sich Zeit. Sein Verstand läuft auf Hochtouren. Wie kann er seiner Liebsten helfen?
***
»... sieht übel aus. Ich glaube, die beiden hatten Streit. Da müssen die Fetzen geflogen sein. Sam hat ordentlich was abbekommen. Wie ...?« Vilca stockt der Atem, als sie das hört. Was ist passiert, fragt sie sich. Wieso weiß Aya davon? Sam hat doch nicht ...
»Vilca, da bist du ja!«, ruft die Sprecherin aus dem Gemeinschaftsraum.
Dort sitzen sie locker versammelt und starren sie an. Aya und Urs aneinandergekuschelt auf der Couch und Paul in einem Ledersessel. Alle gut versorgt mit Knabberzeug und Drinks. Wie im Kino, mit ihr auf der Leinwand als böse Nebendarstellerin, die gerade der beliebten Hauptdarstellerin den Geliebten ausgespannt hat. Zu allem Überfluss dröhnt auch noch Say My Name von Destinys Child aus dem Lautsprecher.
»Wir haben uns schon Sorgen um dich gemacht.«
Die Sängerin würde am liebsten im Boden versinken. Nachdem sie entdeckt wurde, ist es zu spät sich zu verstecken.
»Sorgen um mich? Wieso?«
Vilca gibt sich Mühe, gelassen zu wirken. So aufgewühlt fällt ihr das nicht leicht. Gerade hatte sie sich so weit beruhigt, dass sie sich in der Lage fühlte, mit ihrem Freund über ihr Problem sachlich zu sprechen. Sie bedauert, nicht besser aufgepasst zu haben. Sie weiß doch, dass der Weg zurück zur Krankenstation am Gemeinschaftsraum vorbeiführt. Schlauer wäre gewesen, sich vorbeizuschleichen. Am besten mit einem von Sams Tarnmänteln.
»Vilca, Sams blutende Nase ist nicht zu übersehen. Komm, setz dich zu uns und erzähl was passiert ...«
»Blutende Nase?« Es dauert einen Moment, bis sie kapiert. »Ihr glaubt doch nicht, dass ich ...?« Nach Auswertung der auf sie gerichteten Blicke fügt sie frustriert hinzu: »Doch, das tut ihr.«
Dann sprintet sie los. Wenige Sekunden später klopft sie hektisch an die Tür, hinter der sie ihren Freund vermutet. Ihr Herz pocht bis zum Hals.
»Wer ist da?«, tönt es von innen.
»Sam, ich bin’s«, flüstert sie. »Mach auf!«
Vilca glaubt, Schritte zu hören, die sich nähern. Sie schaut sich um, der Gang ist leer. Noch.
»Schnell!«, fügt sie hinzu.
Endlich öffnet er die Tür. Vilca saugt scharf die Luft ein, als sie die blutgetränkte Kompresse sieht, die er sich vor die Nase hält. Dann drängelt sie sich an ihm vorbei in die Krankenstation.
***
»Glaubst du, es hat etwas mit den Symbots zu tun?«, fragt Vilca später, nachdem sie die Nase ihres Freundes verarztet hat.
Sam liegt flach auf der Behandlungsliege, um die Blutung zu reduzieren. Vilcas Frage nach seiner Erfindung beschäftigt ihn. Nach Faktenlage gibt es in ihrem Gehirn keine Symbots. Dafür veränderte Neuronen. Mit diesen Neuronen kann sie sich entweder über einen Computer ins Cybernet einklinken oder am Holoport vorbei direkt mit anderen Symbots kommunizieren. Das hatte er nicht vorgesehen. Dadurch wird eine unmittelbare Verbindung von Gehirn zu Gehirn ermöglicht, die ihr erlaubt, Gedanken zu lesen. Sam zieht die Augenbrauen hoch.
»Du bist besser in Biologie als ich. Du kennst die Antwort.«
Resignierend sinkt die unfreiwillige Telepathin in einen Stuhl.
»Natürlich.«, seufzt sie. Vilca sucht nach Worten. »Sam, du hast doch sonst immer so geniale Einfälle. Du hast die Symbots erfunden. Hast du denn gar keine Idee, wie man das wieder rückgängig machen kann?«
Die Frage kommt überraschend für Sam. Er überlegt, sie schaut ihn erwartungsvoll an.
»Ich fürchte nicht. Die Symbots sind so designt, dass sie sich an die Nervenzellen im Gehirn anbinden. Ihre Aufgabe ist, elektrische Signale per Funk zwischen den Neuronen und dem Holoport zu übertragen. Der wiederum verbindet sich mit dem Cyberspace. Bei dir haben sich die Neuronen verändert. Symbots und Neuronen sind zu einer Einheit geworden. Ich wüsste nicht, wie man das rückgängig machen kann.«
»Ich auch nicht.«, gibt sie zu. »Aber vielleicht kann man es blockieren?«
»Du meinst die Verbindung zwischen deinen Neuronen und den Symbots eines anderen Gehirns?«
»Genau, das ist es.« Hoffnung keimt in den smaragdgrünen Augen auf.
Sam steht auf und geht zu Vilca.
»So einfach geht das nicht. Ich fürchte, du musst lernen damit zu leben.«
»Das will ich aber nicht. Ich ...«
»Doch das willst du.«, sagt er bestimmt.
»Wieso? Nein, will ich nicht.«, trotzt Vilca mit verschränkten Armen zurück.
»Was ist so schlimm daran?«
»Ich habe Angst davor ausgegrenzt zu werden, wenn das bekannt wird. Ich will als Mensch angesehen und behandelt werden. Nicht als ein exotisches Ausstellungsstück oder so etwas.«
Der Erfinder lächelt sie aufmunternd an.
»Bisher wissen nur wir beide davon. Von mir wird ganz gewiss nie jemand davon erfahren. Außerdem, wer hat gesagt, du musst mit einem Schild um den Hals herumrennen, wo draufsteht »Ich kann Gedanken lesen« ?«
»Niemand.«, bestätigt sie. »Aber solange ich das nicht kontrollieren kann ...«
»Genau das ist der Punkt.« Sein Lächeln wandelt sich zu einem schelmischen Grinsen. Genüsslich macht er sich an ihrer Bluse zu schaffen.
»Hey«, warnt sie. »Das ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt. Ich bin nicht in der Stimmung für sowas.«
Vilca greift nach seinen Händen, um sie zu stoppen.
»Sternchen, entspann dich! So verkrampft kann ich dich nicht trainieren.«
»Mich trainieren?« Vilca ist ein einziges Fragezeichen.
Sam küsst ihre Hände. Seine Lippen arbeiten sich zu ihrer Ellenbeuge hoch.
»Hör auf«, kichert sie. »das kitzelt.« Sie zuckt, entwindet sich aber nicht seinem Griff.
»Möchtest du nicht lernen, deine Gabe zu kontrollieren?«
Vilca überlegt. Ihr Gesicht spiegelt ihre Gefühle wider. Sam wartet geduldig, bis sie antwortet. »Wenn es keine Möglichkeit gibt, das abzuschalten, dann muss ich ja wohl. Also ja.«
»Na dann, lass uns anfangen.«
»Gut, wenn du meinst. Aber wieso darf ich dafür meine Bluse nicht anlassen?«, beschwert sie sich.
»Die brauchst du nicht für das Training. Den Rock übrigens auch nicht.«
»Samuel Niyol Lee! Jetzt aber mal ernst. Was hast du mit mir vor? Nach Telepathietraining sieht das nicht gerade aus.«
»Doch! Genau so steht es im Handbuch!«
»Welches Handbuch? Das Kamasutra ist wohl kaum der richtige Ratgeber für Telepathen.«
Nachdem er Vilca vollständig entkleidet hat und bei ihr der Groschen immer noch nicht gefallen ist, beginnt Sam lasziv sein Hemd auszuziehen.
»Auf Seite eins des Kamasutra steht: »Man bringe die Telepathin in den Zustand, der sie befähigt Gedanken zu lesen.« Bei dir heißt das bekanntermaßen starke Erregung.«
Endlich geht sie auf ihn ein.
»Ach, so meinst du das. Du glaubst also im Ernst, du darfst mit mir eine Sexorgie nach der anderen veranstalten und kannst das ungeniert als notwendiges Training deklarieren?«
Sie wirft ihm einen Blick zu, der nach Sams Meinung mehrere Interpretationen zulässt. Der Telepathietrainer entscheidet sich für die Variante: Da bin ich aber gespannt, was du dir alles einfallen lässt, damit mir dabei nicht langweilig wird.
»Genau, mein Blondchen.«
»Vorsicht, mein Lieber. Wut ist auch ein Zustand starker Erregung.« Vilcas Augen funkeln.
Sam entledigt sich demonstrativ seiner Hose. »Das kannst du dir nicht leisten.«
»Wart’s ab«, warnt sie.
»Nein. Denk an dein Image. Im Moment glaubt hier jeder, du hättest mich geschlagen.«
»Vorsicht! Ist der Ruf erst ruiniert, ...«
»... lebt sich’s gänzlich ungeniert.«, beendet Sam die Redensart. Mit diesen Worten fällt sein letztes Kleidungsstück. »Also, was ist jetzt? Meldest du dich freiwillig zum Telepathietraining oder muss ich dich erst fesseln und knebeln?«
Vor ihnen erstreckt sich ein Krater. Sams Schätzung nach hat er fast einhundert Meter Durchmesser und ist mindestens zehn Meter tief. Die Oberfläche des Trichters ist größtenteils glatt und sieht aus wie schmutziggraues Glas. Um den Kessel herum breitet sich ein Trümmerfeld aus. Alles ist kahl. Nur hier und dort ragt ein verkohltes Stück Holz oder bizarr verformtes Metall zwischen nacktem Stein und blanker Erde empor. Erst in gebührendem Abstand vom Krater wagt sich wieder vereinzelt etwas Grünes in die braun-graue Ödnis. Je weiter man von der Einschlagstelle wegschaut, desto mehr Vegetation ist zu sehen.
»Wow!«, staunt Urs. »Seht euch das an. Der Bunkerbrecher hat wirklich einen starken Eindruck hinterlassen.«
Aya schaut suchend hinab. »Vom Eingangsbereich ist nichts zu sehen. Wo ist er hin? Hat es ihn weggeschleudert?«
»Ich glaube, er ist verdampft.«, erklärt Paul. »Zu schade, dass wir davon keine Bilder haben.«
»Verdampft?«, fragt Aya mit großen Augen.
»Vielleicht auch geschmolzen.«, spekuliert Vilca.
»Oder beides.«, fügt Sam hinzu. »Vielleicht erst geschmolzen und dann verdampft.«
Sam schaut auf die Stelle, aus der sie gerade gekrochen kamen. Ein enges Loch zu ihren Füßen im oberen Drittel des Kraters. Aya bemerkt seinen Blick.
»Tja, nachdem von dem ursprünglichen Bunkereingang nichts mehr da ist, müssen wir wohl oder übel einen neuen bauen.«
»Ja, am besten einen mit Vordach.«, bemerkt Paul.
»Wozu das denn?«, erkundigt sich Vilca interessiert.
»Na, damit ich meinen Schaukelstuhl auf der Veranda aufstellen kann.«
Urs betrachtet ihn von der Seite, um herauszufinden, wie ernst es ihm damit wirklich ist.
»Um den ganzen Tag auf diese Ödnis zu blicken? Da kann ich mir was Besseres vorstellen. Ich bin neugierig. Kellinghusen ist die nächste Stadt. Bis dahin sind es circa fünfundvierzig Minuten Fußmarsch von hier. Wer kommt mit mir mit?«
»Ich.«, ertönt es einstimmig.
Sam kratz sich hinter dem Ohr.
»Leute, ich kann ich ja verstehen, dass jeder neugierig ist und aus erster Hand erfahren möchte, wie es nach dem EMP weiterging. Zwei müssen aber hierbleiben, um den Bunker zu bewachen.«
Er macht eine Pause, um zu sehen, wer sich meldet.
»Na schön.«, brummt er kurze Zeit später. »Die Liste der Freiwilligen ist zu kurz. Dann entscheidet das Los.«
Die Gewinner sind Sam, Vilca und Urs. Die Ausrüstung ist schnell zusammengestellt: eine Brotzeit, Trinkwasser und etwas Geld. Alles passt in einen Rucksack, den Urs schultert. Sie entscheiden sich für unauffällige Wanderkleidung. Funktionell aber kein Hightech-Schnickschnack, der womöglich Begehrlichkeiten weckt. Sam übergibt jedem einen seiner speziellen Wanderstäbe. Der Himmel ist bewölkt, es sieht aber nicht nach Regen aus. Die Datenbank des Bunkers liefert eine detaillierte Wegbeschreibung.
»Also, wir gehen in den Ort rein, sehen uns kurz dort um und kehren wieder zurück zum Bunker. Keine langen Gespräche. Wenn jemand fragt, wir kommen aus Hamburg und haben Freunde in Flensburg besucht. Verstanden?«
Nach dieser Ansage machen sie sich auf den Weg. Je weiter sie vom Krater wegkommen, desto dichter wird die Vegetation. Schließlich erreichen sie einen Viehzaun aus Maschendraht. Dahinter erstreckt sich eine Weide mit Kühen. Urs drückt den obersten Draht herunter und steigt darüber. Vilca und Sam flanken.
»Ich vermute, dass der Weidebesitzer einen Zaun gezogen hat, damit seine Kühe nicht in den Trichter fallen.«, verkündet Urs.
»Ja, vermutlich ist der ganze Trichterbereich umzäunt.«, pflichtet Sam bei. Seine Gedanken sind jedoch gerade woanders. Er sucht etwas. »Hier müsste eigentlich der Feldweg sein.«
»Ist er auch.«, meldet sich Vilca, die weitergegangen war. »Direkt vor mir. Ziemlich zugewuchert.«
Wie im Plan eingezeichnet, führt der Feldweg nach ein paar Kilometern zu einer Straße. Sie folgen ihr bis Kellinghusen in Sichtweite gerät. Ohne anzuhalten, gehen sie weiter. Sam fixiert die ganze Zeit mit zusammengekniffenen Augen ihr Ziel. Schließlich bleibt er stehen.
»Hey Leute, täusche ich mich oder ist das da vorne tatsächlich ein Wachhäuschen mit Schranke?«
Urs beschattet seine Augen mit der Hand.
»Hm, sieht in der Tat so aus. Was hat das wohl zu bedeuten?«
»Das bedeutet, dass wir vorsichtig sein müssen.«, erklärt Vilca. »In diesem Zusammenhang ist mir gerade aufgefallen, dass uns auf der ganzen Strecke nicht eine einzige Person begegnet ist. Und kein einziges Fahrzeug auf der Straße. Höchst merkwürdig, findet ihr nicht?«
»Allerdings!«, pflichtet Sam bei. »Jetzt, wo du das sagst, fällt es mir auch auf. Trotzdem bin ich dafür weiterzugehen. Wenn wir uns die Sache nicht aus der Nähe anschauen, werden wir nie erfahren, was los ist.«
An der Schranke angekommen, halten sie zwei Wachposten mit vorgehaltenen Gewehren auf. Die hatten sie schon von Weitem nicht aus den Augen gelassen. Beide stellen eine Miene zur Schau, mit der Arminius unbewaffnet sämtliche Römer aus Germanien hätte vertreiben können, schätzt Sam. Einer von ihnen trägt eine schwarze Hose und eine Feldjacke mit Tarnmuster. Der andere ist ähnlich gekleidet. Seinen Kopf bedeckt eine verwaschene Mütze, die vor langer Zeit einmal rot war. Die Dorfbewacher lassen sie mit erhobenen Händen der Reihe nach vortreten und durchsuchen sie nach Waffen.
Sam nutzt die Zeit sich umzuschauen. Es herrscht reges Treiben. Ihm fällt auf, wie viel Grün zu sehen ist. Wo es geht, stehen Töpfe oder Tröge mit Nutzpflanzen. Die Menschen sind entweder zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs. Dazwischen stechen ein paar Fuhrwerke heraus, die von Pferden oder Ochsen gezogen werden. Er hebt die Augenbrauen, als er realisiert, dass die meisten davon ehemalige LKWs oder Transporter sind, vor die man die Tiere gespannt hat.
»Woher kommt ihr und was wollt ihr hier?«, knurrt der mit der Mütze, als die Durchsuchung beendet ist. Die Mündung seiner Waffe zeigt nach unten, aber sein Finger bleibt am Abzug. »Wir verkaufen keine Lebensmittel und keinen Treibstoff an Fremde.«, stellt er klar.
Den Bartstoppeln nach, hat er sich mindestens seit einer Woche nicht mehr rasiert. Dem Geruch nach, dürfte das letzte Bad noch deutlich länger zurückliegen, urteilt Sam.
»Wir sind von dem EMP in Flensburg überrascht worden und jetzt auf dem Weg zurück nach Berlin. Wir hatten gehofft, in diesem Dorf einen sicheren Platz für die Nacht zu finden und wenn möglich Lebensmittel kaufen oder eintauschen zu können.«
Sam hält sich mit seiner Erklärung an das, was sie auf dem Weg hierher abgesprochen hatten.
»Habt ihr eine Lebensmittelkarte?«, will der Wachposten wissen.
Sam schüttelt den Kopf.
»Niemand bekommt Essen oder Unterkunft ohne Lebensmittelkarte. Und wer keine Unterkunft nachweisen kann, kommt hier nicht rein.«
Der andere Wachposten tritt zurück und hebt sein Gewehr. Sam runzelt die Stirn. Nacheinander betrachtet er die beiden.
»Und wie bekommt man eine Lebensmittelkarte?«
»Ihr könnt euch im Rathaus registrieren lassen. Aber dazu müsst ihr eine Unterkunft und Arbeit hier im Ort nachweisen können.«
Sam spürt, wie sein Geduldsfaden eine kritische Spannung erreicht.
»Das ist doch Unsinn, wie soll man eine Unterkunft und Arbeit bekommen, wenn ihr die Leute nicht mal ins Dorf lasst? Ihr braucht keine Angst haben, dass wir euch zur Last fallen. Wir können für alles, was wir benötigen bezahlen.«
Der Wachposten studiert Sam eine Weile.
»Wir brauchen keine Fremden. Und euer Geld interessiert uns nicht. Das hat keinen Wert hier. Wenn ihr etwas zum Eintauschen habt, könnt ihr euer Glück auf dem Markt versuchen. Aber heute ist kein Markt. Kommt morgen wieder.«
Mehr sagt er nicht. Sam wartet noch ein paar Sekunden, aber die beiden Wachposten machen keine Anstalten, noch mehr zu sagen. Ihre Körperhaltung hingegen spricht Bände. Verschwindet, wenn ihr keinen Ärger haben wollt. Wortlos gibt Sam seinen Freunden ein Zeichen, dreht sich um und marschiert mit ihnen im Schlepptau davon. Nachdem sie außer Hörweite sind, macht Urs seinem Unmut gehörig Luft.
»Du hättest mich reden lassen sollen. Mich hätten die nicht so einfach abgewiesen. Ich hätte ihnen gewaltig den Marsch geblasen. Man kann hungrige Reisende, die Schutz suchen, doch nicht so einfach abweisen. Wovor haben die denn Angst? Vor uns etwa? Das ist ja lächerlich.«
Vilca schaut nachdenklich auf das Dorf zurück.
»Doch Urs, die haben Angst vor uns. Offensichtlich sind Lebensmittel knapp und rationiert. Jeder Fremde, den sie in ihr Dorf lassen, bedeutet etwas weniger für alle. Geld kann man nicht essen. Deshalb hat es keinen Wert für sie.«
»Stimmt!«, gibt Sam ihr Recht. »Wir kommen morgen wieder. Bis dahin überlegen wir uns, was wir ihnen zum Tausch anbieten wollen, damit sie uns hineinlassen. Offenbar hat sich die Welt gewaltig verändert. Wir müssen unbedingt mehr darüber herausfinden.«
Am frühen Morgen des nächsten Tages genügt eine Flasche Schnaps, um in die Stadt zu kommen. Nichts weiter. Sam gibt sie dem Wächter, der immer noch so grimmig dreinblickt wie gestern. Der deutet ein Nicken an und lässt die Flasche in den Tiefen seines Wachhäuschens verschwinden. Danach müssen sie sich trotzdem registrieren lassen, aber die Formalität besteht lediglich aus einem Namenseintrag in einer Liste. Nicht einmal ihre Ausweise will man sehen. Es ist Markttag und der Andrang ist beachtlich. Deshalb fallen die drei Fremden nicht auf.
In Kellinghusen angekommen, statten sie zuerst dem Markt einen Besuch ab. Die Auswahl an Lebensmitteln ist übersichtlich, die Qualität schlecht und die Menge überschaubar. Dafür gibt es umso mehr Menschen, die alles Mögliche an Kleidung, Werkzeugen, Büchern, Alkohol, Zigaretten, Porzellan und vieles mehr mitgebracht haben und nun versuchen, dafür möglichst viele Nahrungsmittel zu bekommen. Sehr erfolgreich sind sie damit nicht. Die wenigen Anbieter sind eindeutig im Vorteil.
Es gibt auch einen Stand mit Treibstoffen und Öl. Sam beobachtet das Treiben dort für eine Weile und stellt fest, dass die paar, die an dieser Verkaufsbude etwas mitnehmen, alle mit Gold bezahlen.
Danach erkunden die Freunde den Gasthof Zur Post. Mit sicherem Gespür besorgt sich Urs beim Wirt an der Theke gegen Gold einen Oldesloer Kümmel, wählt einen Tisch mit zwei Bauern aus, stellt die Flasche darauf und fragt, ob sie sich dazusetzen dürfen.
Die Kleidung der Bauern ist abgetragen, ungewaschen und sie riechen nach Kuhstall. Sam schätzt ihr Alter auf einen niedrigen Sechziger-Wert. Einer von ihnen hat einen Bart. Beide sind abgemagert und haben den typischen Haarkranz älterer Männer. Er betrachtet sie und stutzt. Sam fragt sich, was mit ihnen nicht stimmt. Während er noch darüber grübelt, ist Urs fleißig beim Einschenken. Der Bärtige starrt ihn an. Er deutet mit dem Finger auf ihn.
»Trägst du etwa einen Holoport?«
So wie der Landwirt ihn anschaut, sträuben sich Sams Nackenhaare. Deshalb beschließt er, vorsichtig zu sein.
»Nein, ich habe keinen Holoport. Wie kommst du darauf?«
»Hm, ich dachte, ich hätte da was gesehen.«
Er steht auf, beugt sich über den Tisch zu Sam und inspiziert dessen Kopf von links und rechts. Sam rührt sich nicht und lässt ihn gewähren. Er verlässt sich auf sein sündteures Hochtechnologie-Holoport, das mit einer Schicht aus Metamaterial überzogen ist, die das Licht herumleitet. Es ist unsichtbar. Man müsste schon in den Haaren herumtasten, um es zu finden. Der Bauer erweckt den Eindruck, genau das zu tun. Da bekommt Sam unerwartet Rückendeckung.
»Lass ihn in Ruhe, Elias. Der Typ sieht ganz und gar nicht danach aus. Und die anderen auch nicht.«
Elias dreht sich dem Sprecher zu. Dabei fällt sein Blick auf die vollen Schnapsgläser. Sofort verändert sich sein Ausdruck. Es wirkt, als würde er aus einer anderen Welt zurückkehren. Seine Hand greift nach dem Oldesloer Kümmel und hält ihn fest.
»Du hast recht, Noah. Der sieht tatsächlich nicht so aus. Ich weiß auch nicht, was ich glaubte, da gesehen zu haben. Das liegt alles an dem verfluchten Cyber-Blackout. Seit dem ist nichts mehr so, wie es sein sollte. Ich bin nicht der Einzige, dem das Gehirn hin und wieder einen Streich spielt.«
Er schüttelt den Kopf. Dann hebt er das Glas und leert es in einem Zug. Noah beeilt sich gleichzuziehen. Urs schenkt nach.
»Es wäre auch dumm, so einen Holoport zu tragen.«, brummt Elias hinterher. »Abgesehen davon, dass er nicht funktioniert, ist er auch verboten. Die Einzigen, die das dürfen, sind die von Militär und Polizei.«
»Und die Spitzel.«, ergänzt Noah.
»Spitzel? Welche Spitzel?«, fragt der Bärtige. »Ich habe noch nie einen gesehen. Du etwa?«
Noah kratzt sich am Kinn.
»Nein, aber es muss welche geben.«
Elias zuckt mit den Schultern und leert auch das zweite Glas in einem Zug. Noah zögert, dann zieht er gleich.
»Wieso muss es welche geben?«, erkundigt sich Urs betont beiläufig. Gleichzeitig schenkt er wieder ein.
»Na, weil die alles wissen.«
»Ach so.«, antwortet Urs. »Das ist aber nichts Neues. Es gab schon immer welche, die alles wissen. Es kommt darauf an, was mit dem Wissen passiert.«
»Genau das ist das Problem.«, stimmt Elias zu und kippt den dritten Kümmerling hinunter.
»Genau!«, pflichtet Noah bei und leert auch sein Glas.
Danach fließen die Informationen in Strömen. Die beiden erweisen sich als wahre Goldgrube für die Art von Auskünften, hinter denen Sam, Urs und Vilca her sind.
Eine gute Stunde später wissen sie Bescheid. Die Menschen teilen die Zeit in vor und nach dem Cyber-Blackout ein. Der weltweite elektromagnetische Impuls hat, wie erwartet, zu einem Totalausfall der Kommunikation, der Energie- und der Informationsversorgung geführt. Auch das Chaos danach, die Plünderungen und Gewalttaten überraschen sie nicht. Erstaunlich ist allerdings, wie schnell das Militär und die Polizei eingegriffen und Recht und Ordnung wieder hergestellt hatten. Sie verfügen über funktionierende Infrastruktur, Treibstoff, Kommunikationsgeräte und Fahrzeuge. Sie scheinen alles zu wissen, haben detaillierte Informationen über jeden einzelnen, wissen über seine Vorlieben und Schwächen Bescheid und wo er zu finden ist.
Das Militär und die Polizei übernahmen zuerst die Kontrolle über die Lebensmittel- und die Energieversorgung. Beides wird über entsprechende Berechtigungsscheine zugeteilt. Um diese zu bekommen, muss man sich verpflichten, die zugewiesenen Tätigkeiten und Arbeiten auszuführen. Die Erfüllung wird streng kontrolliert. Wer über dem Soll liegt, bekommt etwas mehr, aber das Soll ist für viele so hoch angesetzt, dass kaum eine Chance besteht, es zu erreichen. Wer darunter liegt, bekommt entsprechend weniger. In der Praxis bedeutet das, man hat zu wenig zum Leben.
Keiner kann dem System entrinnen. Fast alle Versuche, Lebensmittel oder Treibstoffe zu stehlen oder um das Kontrollsystemherum etwas für sich abzuzweigen, scheitern. Jeder, den sie erwischen, wird streng bestraft.
Die Bauern können sich nicht erklären, wie das alles möglich war. Insbesondere verstehen sie das System der Zuteilung nicht. Für die Mehrheit ist es einfach, das zugewiesene Soll zu erfüllen, aber für viele andere ist es praktisch ausgeschlossen. Sich darüber zu beschweren oder zumindest eine Erklärung zu bekommen, ist unmöglich. Wer das Soll nicht erfüllt, wird einfach sich selbst überlassen, was in vielen Fällen einem Todesurteil gleichkommt. Besonders in den Großstädten hat kaum jemand etwas übrig, um mit anderen teilen zu können.
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Zurück im Bunker erzählen die drei von ihrem Ausflug in das Dorf. Aya und Paul hören gespannt zu. Sie nehmen die Informationen einfach auf, ohne Fragen zu stellen. Nachdem Sam seinen Bericht beendet hat, schauen sie sich eine Weile nachdenklich an. Urs ist der Erste, der das Schweigen bricht.
»Ich hätte nie gedacht, dass das Militär und die Polizei die Situation so schnell in den Griff bekommen. Es klingt fast so, als wären sie auf diesen EMP vorbereitet gewesen. Anders kann ich mir das nicht erklären.«
»Das kann nicht sein.«, widerspricht Paul. »Mir ist kein Katastrophenszenario für diesen Fall bekannt.«
Vilca zuckt nur mit den Schultern.
»Mir auch nicht, aber das muss beileibe nicht heißen, dass es nicht doch eins gibt.«
»Und was machen wir jetzt?«, fragt Aya.
Urs entscheidet sich für das Nächstliegende.
»Erst mal abendessen.«
Aya rollt mit den Augen. »Du denkst auch immer nur an das eine.«
