Ewige - Barbara Wegener - E-Book

Ewige E-Book

Barbara Wegener

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Beschreibung

In einer fernen Dimension überwinden Dämonen die Barriere zwischen den Welten. Sie wollen auf der Erde die Auserwählte finden, die allein in der Lage ist, ihre geplante Invasion zu verhindern. Derweil führt Beverly ein gutbürgerliches Familienleben. Das ändert sich schlagartig, als sie eines Nachts erfährt, dass sie dazu bestimmt ist, die Welt vor den Dämonen zu retten. Ein gefährliches Abenteuer beginnt.

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Seitenzahl: 297

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EWIGE

_____________

Fantasyroman

 

von

Barbara Wegener

 

 

Impressum:

Cover: Karsten Sturm-Chichili Agency

Foto: Fotolia

© 110th / Chichili Agency 2014

EPUB ISBN 978-3-95865-163-0

MOBI ISBN 978-3-95865-164-7

 

Urheberrechtshinweis:

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form 

(durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) 

ohne schriftliche Genehmigung des Autors 

oder der beteiligten Agentur „Chichili Agency“

 reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme 

verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Prolog

Zwei rote Monde tauchten das Lager in ein beklemmendes Dämmerlicht. Es war endlich soweit. In dieser Nacht würde das Weibchen sich zusammen mit einem Diener auf den Weg machen. Sie war fast zwei Köpfe größer als die beiden Männchen und auch ihre grünen Hautschuppen leuchteten heller im fahlen Licht der Monde. Natürlich würde ein Weibchen gehen. Ihre Magie war stärker und sie war für diese Aufgabe bestens vorbereitet. Aber zunächst wollte sie sich noch stärken. Zwei Schendal liefen diensteifrig zwischen den mit Ramphorenhaut bedeckten braunen Zelten und dem Lagerfeuer hin und her, brachten Schalen mit verschiedenen Speisen und Getränken, die ihnen wortlos von den drei Abyssern abgenommen wurden.

„Was glaubst du, wie lange du brauchen wirst?", fragte eines der Männchen und sein Blick ruhte ehrfürchtig auf ihr. Ihm war die große Ehre bewusst, hier mit ihr speisen zu dürfen. Und bald würde das Weibchen dafür sorgen, dass die neue Welt erobert werden konnte.

„Das wird nicht lange dauern. Unser Spitzel wird mir Morgen Informationen geben, wie ich diese Auserwählte finden kann. Das wird ein Kinderspiel." Sie schnaubte verächtlich. „Was für minderwertige Kreaturen."

„Du hat Recht", antwortete das Männchen, das ihr gegenüber am Feuer saß und sich genüsslich eine Scheibe rohes Rhamphorenfleisch in den Mund schob. „Es gibt nur wenige unter ihnen, die über Magie gebieten. Und die, die es können, verbergen sich." Das Weibchen schloss kurz ihre Augen. „Ich spüre, dass der Spalt zwischen den Welten fast so weit aufgerissen ist, dass ich hinüberwechseln kann. Du!", schrie sie einen der kleinen Schendal an und zeigte mit ihrer Krallenhand auf den kleinen Dämon. „Hol unser Gepäck. Es geht los."

Der Schendal nahm seine langen, behaarten Arme beim Gehen zur Hilfe und eilte zu einem der Zelte. Er wollte seine Herrin auf keinen Fall erzürnen. Augenblicke später erschien er mit zwei großen Lederbündeln, die er sich auf seinen Rücken geschnürt hatte. Gemeinsam traten sie an den See, in dessen Mitte der Spalt zwischen den Welten immer weiter aufklaffte.

Neubrandenburg

Beverly wuchtete zwei schwere Tüten, in denen sich die Einkäufe fürs Wochenende befanden, aus ihrem grünen BMW-Kombi.

Es war wieder einmal mehr geworden, als beabsichtigt. Sie seufzte. Aber an einigen der Sonderangebote konnte sie einfach nicht vorbeigehen.

Sie stellte die bunten Plastiktüten neben den Wagen auf den Betonboden der Garage ihres Einfamilienhauses und drückte auf die Fernbedienung. Ein leises Klicken ertönte und die Türen des Wagens waren verschlossen.

Seit zwei Jahren hatte sie die Möglichkeit, zuhause zu arbeiten. Das Anwaltsbüro, für das sie als Sekretärin arbeitete, schickte ihr ihre Arbeit ins Haus und ließ die bearbeiteten Akten auch wieder abholen. So sparte die Kanzlei einen Computerarbeitsplatz und sie konnte ihre Zeit frei einteilen und zwischendurch ihre Hausarbeit erledigen.

Es war ein heißer Sommernachmittag. Nur vereinzelte Schäfchenwolken zeigten sich am ansonsten hellblauen Himmel.

Beverly sah auf ihre viereckige Cartier-Uhr aus Gold. Ihr Mann Florian hatte sie ihr im letzten Jahr zum 15. Hochzeitstag geschenkt, kurz nachdem er zum Oberstaatsanwalt befördert worden war.

Noch eine Stunde, dann würde Dennis vom Schwimmtraining nach Hause kommen. Zeit genug, um das Abendessen vorzubereiten.

Dennis war neun Jahre alt und besuchte die vierte Klasse der Grundschule „Uns Hüsung" in Neubrandenburg. Er war eine wahre Wasserratte. Beverly war sich sicher, bei einer Kontrolle seiner Hände wären Schwimmhäute zwischen seinen Fingern zu finden.

Sie nahm die Tüten vom Boden auf und verließ die Garage.

Das Rolltor der Garage war fast geschlossen, als die Haustür plötzlich aufschwang und Florian mit besorgter Miene erst zu ihr herübersah und dann die Straße aufmerksam absuchte.

Wieso war ihr Mann jetzt schon zuhause?

Warum sah er so beunruhigt aus?

Sie dachte an die letzten Wochen zurück. Florian hatte sich äußerst merkwürdig verhalten. Er schlief unruhig, träumte schlecht, aß sehr wenig, ließ sich von ihr immer erklären wie sie sich ihren Tagesablauf vorstellte, wollte wissen wohin sie gehen wollte und mit wem.

Sie erklärte sein Verhalten mit dem Stress, den seine Arbeit momentan mit sich brachte.

Na, einen Vorteil hatte sein frühes Erscheinen. Sie brauchte den schweren Einkauf nicht alleine ins Haus tragen.

„Wo warst du? Du hast mir heute Morgen nicht gesagt, dass du zum Einkaufen willst. Ich habe mir Sorgen gemacht”, fuhr er sie merkwürdig gereizt an.

„Was hast du denn jetzt schon wieder? Muss ich jetzt über alle meine Schritte Rechenschaft ablegen? Ich bin doch kein kleines Kind. Hilf mir lieber. Die Hähnchen müssen schnell in die Gefriertruhe. Bring sie bitte gleich runter!"

Beverly war etwas verärgert. Trotz allem Verständnis für seine berufliche Situation fand sie, dass ihr Mann jetzt etwas zu weit ging.

Gemeinsam brachten sie alles ins Haus. Beverly drückte Florian den Transportbeutel mit den beiden Hähnchen in die Hand und er stieg die Kellertreppe hinab, um die gefrorenen Lebensmittel zu verstauen.

Beverly stellte die Taschen auf den Küchentisch und ließ sich dann erschöpft vom Einkauf und der Hitze des Tages erst einmal auf einen Küchenstuhl nieder.

Ihre Beine schmerzten und sie streifte die Schuhe ab. Ah, die kühlen Fliesen des Küchenfußbodens waren eine Wohltat für ihre geschwollenen Füße.

Mit ihren 47 Jahren fühlte sie sich heute sehr, sehr alt. Früher hätte mir die Sommerhitze bestimmt nichts ausgemacht, dachte sie und nahm sich vor, sich für einige Minuten unter den riesigen Sonnenschirm auf die Terrasse zu legen.

Florian kehrte in die Küche zurück. Er trug eine schwarze Stoffhose und ein weißes Hemd, dessen Ärmel er bis über die Armbeugen hochgeschoben hatte. Die oberen zwei Knöpfe hatte er geöffnet und die obligatorische Krawatte hing an der Garderobe.

Beverly fand, dass er trotz seiner 49 Jahre noch sehr sportlich und jugendlich aussah. Zumindest jugendlicher, als sie sich im Augenblick fühlte.

„Tut mir leid", sage er und reichte ihr eine kühle Dose Cola light aus dem Kühlschrank. „Ich wollte dich nicht anschreien."

Er trat hinter sie und massierte liebevoll ihren Nacken.

„Ich hab mir einfach nur Sorgen gemacht, weil du nicht hier warst und keiner unserer Freunde wusste, wo du dich aufhältst."

Beverly drehte sich verärgert herum. „Du hast hinter mir her telefoniert? Was soll das denn schon wieder?"

„Sei bitte nicht wieder böse auf mich, aber man hört in letzter Zeit so viel von Überfällen und solchen Sachen. Ich bin wahrscheinlich überängstlich. Vergessen wir die ganze Sache, ja?"

Sie sah ihrem Mann zu, wie er die Lebensmittel in den Küchenschränken verstaute.

„Weist du was? Wir lassen uns heute eine Pizza kommen. Dann musst du nicht jetzt noch in der heißen Küche stehen und kannst dich einmal ganz und gar verwöhnen lassen. Was hältst du davon?"

„Das ist die beste Idee seit Tagen", antwortete Beverly erfreut. Sie strahlte ihren Mann über das ganze Gesicht an. Ihr Ärger über sein Verhalten war fürs Erste verflogen.

„Na, komm leg dich ins Wohnzimmer auf die Couch. Ich werde mich um Dennis Hausaufgaben kümmern, bestelle das Essen, decke den Tisch und du kannst ganz entspannt lesen." Er küsste sie sanft auf die Stirn.

„Das ist lieb von dir. Ich werde die Krimis, die mir Sylvana empfohlen hat, endlich lesen. Aber bei dem schönen Wetter gehe ich wohl doch lieber auf die Terrasse."

Beverly wollte sich gerade auf den Weg dorthin machen, als Florian erschrocken rief: „Nicht auf die Terrasse! Bleib bitte im Haus!"

Beverly drehte sich um und sah ihren Mann verwirrt an.

„Was ist denn jetzt schon wieder daran auszusetzen, dass ich mich bei dem schönen Wetter auf die Terrasse setze? Du hast doch irgendetwas? Ist etwas los? Du benimmst dich in letzter Zeit wirklich sehr merkwürdig."

„Aber Schatz, nichts ist los! Ich möchte nur nicht, dass du dir einen Sonnenbrand holst wenn du beim Lesen einschläfst. Bitte, tu mir den Gefallen und bleib im Haus, ja?"

Beverly zuckte mit den Schultern. Sie fühlte sich zu wohl bei der Aussicht den restlichen Nachmittag nur zu entspannen und sich ganz und gar den Krimis zu widmen, als dass sie Lust hatte mit ihm zu streiten.

„Na schön, wenn dein Seelenheil davon abhängt, bleibe ich halt drinnen", seufzte sie, legte sich auf die Couch, nahm ihren eBook-Reader, klickte auf den Krimi Haruspex von Tina Sabalat, den ihr ihre Freundin schon vor Monaten ans Herz gelegt hatte und begann zu lesen:

„Sams Atem stockte, er erbleichte stärker – wahrscheinlich stellte er sich bildhaft vor, wie ich ihn umbrachte, aufschlitzte und wirre Worte in sein freigelegtes Gedärm murmelte. Dieser Gedanke ließ auch mich leicht schwindeln und ich beschloss, uns beide zu erlösen…“

Nach einer Weile hörte Beverly Dennis das Haus betreten. Anscheinend hatte Florian ihm gesagt, dass er sie nicht stören soll, denn Dennis lief ganz leise hoch in sein Zimmer.

Schön, wenn mich meine Männer heute mal verwöhnen wollen, mir soll es recht sein, dachte sie und klickte auf den nächsten Krimi. Meret Vacano III von Andrea Meyer.

„Carlos rollte mit den Augen. Tränen liefen ihm die Schläfen hinunter. Ich strich ihm mit dem Latexhandschuh über die Stirn. „Es ist gleich vorbei“, sagte ich sanft. Das satte Gelb vermischte sich im Schlauch mit dem Rot zu einem Sonnenuntergangsorange. Aus Carlos Lunge stiegen Blasen durch die Farbe nach oben. Als nächstes nahm ich Lila…“

Die Krimis waren wirklich gut. Sylvana hatte nicht zu viel versprochen.

Beverly vergaß vollkommen die Zeit.

Erstaunt blickte sie auf, als Florian vor ihr stand, um sie zum Essen in die Küche zu holen. Sie hatte noch nicht einmal gehört, dass der Pizzabote geklingelt hatte. Dennis war dabei den Küchentisch zu decken, als sie die Küche betrat.

Mein Gott, hab´ ich unseren Hochzeitstag vergessen? Nein der war schon im Juni. Die Geburtstage sind auch schon vorbei…

„Hat irgendjemand ein schlechtes Gewissen? Haben wir etwas zu feiern, oder wieso werde ich heute von meinen beiden Männern so verwöhnt?"

„Können wir dir nicht auch mal ohne besonderen Anlass etwas Gutes tun?" Florian lächelte verschmitzt.

„Sicher könnt ihr das. Ich freue mich riesig."

Sie wollte sich setzen und Dennis rückte ihr, wie ein vollendeter Gentleman, den Stuhl zurecht.

„Wisst ihr, wir machen das jetzt jeden Tag. Ich pflege mich und ihr macht die Hausarbeit."

Sie stibitzte eine lange, grüne Peperoni von Florians Teller.

„Typisch! Reicht man ihr den kleinen Finger, will sie gleich die ganze Hand! He, das ist meine Peperoni. Du hast deine eigene."

„Du weißt doch: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Und, schon vergessen? Ich werde heute von euch verwöhnt."

Während Florian mit seinen Augen rollte, schob Beverly genüsslich ein Stück Pizza in ihren Mund.

Sie fand, dass der Tag ruhig so weiter gehen konnte. Mit Heißhunger verschlang sie ihr Abendessen.

„Sind die Hausaufgaben schon fertig?", wollte sie nach einiger Zeit wissen.

„Alles erledigt. Papa hat sie kontrolliert. Ach so, morgen muss ich 4 Euro für den Wandertag nächste Woche mitnehmen. Nicht vergessen."

„Ich leg dir das Geld in die Federtasche. Wo geht’s denn hin?", fragte Florian.

„Wir fahren mit dem Zug nach Burg Stargard. Dort machen wir dann Picknick und gehen in den Tierpark. Das wird bestimmt ganz lustig. Ich nehme noch etwas Kleingeld mit. Dann kann ich Ziegenfutter aus dem Automaten ziehen. Mein Freund Tu sagt, das kitzelt, wenn die Ziegen einem das Futter aus der Hand lecken."

Er hatte sein Abendessen bis auf den letzten Krümel vertilgt.

„So, bist du mit deiner Pizza fertig? Dann waschen, Zähne putzen, beten und ab ins Bett mit dir."

Dennis gab seinen Eltern einen Gutenachtkuss und lief nach oben. Sie hörten den Wasserhahn im Badezimmer rauschen.

„Hast du Stress im Büro? Du benimmst dich in letzter Zeit so merkwürdig." Beverly sah ihren Mann forschend an.

Florian wand sich unter ihrem Blick.

„Es ist nichts. In ein paar Tagen ist alles wieder normal. Versprochen! Willst du noch etwas lesen, oder fernsehen?", wich er ihr aus.

Beverly lies es seufzend dabei bewenden.

„Ich glaub ich rauch noch eine Zigarette und geh dann auch schlafen. Ich hab zwar den ganzen Nachmittag auf der Couch gelegen, aber diese unerträgliche Hitze macht einen ganz fertig. Was ist mit dir?"

„Ich muss noch eine Akte bearbeiten und komm dann auch nach oben." Er gab Beverly einen Kuss und verließ den Raum.

Sie zündete sich eine Zigarette an, räumte Teller, Gläser und Besteck in die Spülmaschine, faltete die Pizzaschachteln zusammen und drückte sie in den Müllbeutel.

„Schatz, kannst du morgen vor der Arbeit noch den Müll raus bringen?", rief sie ihrem Mann zu.

Aus dem Arbeitszimmer war ein Murmeln zu hören, dass sie als Zustimmung deutete.

Die Küche war aufgeräumt, die Zigarette aufgeraucht und Beverly begab sich ins obere Stockwerk.

Im Bad wusch sie sich, putzte sich die Zähne und zog ihr kurzes, hellblaues Nachthemd an. Gähnend verließ sie das Badezimmer und sah, dass unten im Arbeitszimmer noch Licht brannte. „Mach nicht mehr so lange!", rief sie nach unten.

„Ich komme gleich hoch, nur noch ein paar Seiten", hörte sie ihn sagen.

In Dennis Zimmer war das Licht gelöscht. Sie blickte durch den Spalt der Kinderzimmertür, sah ihren Sohn friedlich schlafen, schloss leise die Tür, ging ins Schlafzimmer und legte sich in ihr Bett.

Erste Begegnung

Es war tiefste Nacht, als Beverly durch ein Geräusch geweckt wurde.

Dunkelheit umgab sie.

Die rot leuchtenden Ziffern ihres Radioweckers zeigten zwei Uhr an. Sie lag still da und lauschte angestrengt ins Dunkel.

Wieder dieses Geräusch.

Diesmal konnte sie es eindeutig als eine Stimme identifizieren.

Ihre linke Hand fuhr langsam zum Bett ihres Mannes herüber. Es fühlte sich warm an, aber das Bettlaken war zurückgeschlagen.

Florian lag nicht mehr neben ihr.

Beverly stand auf und zog ihren langen, blauen Morgenmantel über. Sie öffnete die Schlafzimmertür.

Im Haus war es stockdunkel.

Aus dem Kinderzimmer hörte sie das leise Schnarchen ihres Sohnes.

Wieder Stimmen.

Im Untergeschoss schienen sich mehrere Personen leise zu unterhalten. Eine rätselhafte Unruhe breitete sich in ihr aus.

Wer kommt denn mitten in der Nacht zu Besuch, fragte sie sich erstaunt.

Sie schlich leise zur Treppe, um Dennis nicht zu wecken.

Die Leute schienen sich über etwas sehr aufgeregt zu unterhalten.

„Ist ein Irrtum definitiv ausgeschlossen?", hörte sie Florian leise flüsternd fragen.

„Du kennst die bisherigen Teile der Prophezeiungen selbst. Es gab nur mehr zwei Möglichkeiten.

Entweder Beverly oder Sybille.

Vor einer viertel Stunde haben wir den letzten Teil erhalten. Es gibt keine Zweifel, dass es sich bei der gesuchten Person um deine Frau handelt", antwortete ihm leise ein ihr unbekannter Mann.

Was war das denn nun?

Was sollte dieses Gerede von einer Prophezeiung?

Wer glaubte denn an so was?

Und diese Prophezeiung sollte ausgerechnet von ihr handeln?

Beverly war verwirrt. Sie lauschte weiter, um näheres zu erfahren.

„Du solltest deine Frau sofort wecken. Wir müssen sie schnellstens an einen sicheren Ort bringen. Sollte der Inhalt der Prophezeiung bekannt werden, ist sie in größter Gefahr!"

Beverly stand wie vom Donner gerührt da.

Ich bin in Gefahr?

Was soll dieser Unsinn?

Ihr Herz pochte wild, als wollte es jeden Augenblick herausspringen. Sie hörte weiter mit angehaltenem Atem zu.

„Aber Horst, wie stellst du dir das vor. Soll ich sie wecken und sagen: Hallo, mein Schatz. Ach übrigens, ich bin ein Zaubermeister, die Welt ist in Gefahr und du bist die Einzige, die sie retten kann. Also zieh dich schnell an. Wir müssen hier verschwinden, weil böse Dämonen nach deinem Leben trachten."

„Ich hab auch keine Ahnung, wie du ihr das beibringen kannst. Aber es muss schnell geschehen. Sie könnten jeden Augenblick hier sein."

Beverly beugte sich vor, um die merkwürdigen Besucher sehen zu können.

Die Treppenstufe, auf der sie stand, begann wegen der Gewichtsverlagerung zu knarren.

Sofort war es im Wohnzimmer still.

Starr vor Schreck blickte sie nach unten.

„Hallo, Beverly!"

Florian sah vom Wohnzimmer zur Treppe herauf.

„Komm doch zu uns. Keine Angst! Hier sind nur Freunde. Hast du gehört, worüber wir hier gesprochen haben?"

Er betätigte den Lichtschalter.

Im Licht der Wohnzimmerlampe erkannte Beverly neben Florian noch drei Männer und eine Frau, die um den Esstisch standen.

Irritiert stellte sie fest, alle die gleiche Kleidung trugen - schwarze Rollkragenpullover, schwarze Stoffhosen und schwarze Schuhe. Alle waren in lange, schwarze Umhänge gehüllt, deren Kapuzen sie zurückgeschlagen hatten. Merkwürdigerweise machte die Kleidung den Eindruck, als wenn es sich um eine Uniform handelte.

Sie ging auf ihren Mann zu.

„Was ist hier los? Was machen diese wildfremden Leute mitten in der Nacht in unserem Wohnzimmer? Und was soll das Gerede von einer Prophezeiung von Zaubermeistern und Dämonen? Und wieso soll ich in Gefahr sein? Was soll dieser Unsinn?"

Beverlys Stimme klang verärgert. Sie war verwirrt, müde und langsam fühlte sie eine unerklärliche Panik in sich aufsteigen.

„Komm her, Liebling. Mir wäre lieber gewesen, wenn du das Ganze in anderer Form erfahren hättest. Aber, so unglaublich sich das auch für dich anhören mag, es stimmt alles, was du gehört hast."

„Sag mal spinnst du? Du erwartest doch nicht ernsthaft von mir, dass ich solch einen Blödsinn glauben soll!"

Beverlys Stimme wurde immer lauter.

Sie ging auf Florian zu, als von der Treppe her das Geräusch kleiner, nackter Füße, die die Treppe herunter liefen, zu ihnen drang.

„Mama, Papa. Ihr seid so laut. Ihr habt mich geweckt."

Dennis stand mittlerweile auf der untersten Treppenstufe und rieb sich schlaftrunken die Augen.

„Jetzt ist auch noch der Kleine wach geworden. Na, bravo! Und morgen geht er unausgeschlafen zur Schule. Das war ja wohl eine Meisterleistung."

Beverly konnte ihren Zorn nicht mehr zurückhalten.

„Schatz, was ich dir vorhin gesagt habe, ist die Wahrheit. Es ist gut, dass Dennis jetzt wach ist. Wir müssen hier alle schnellstens verschwinden."

Florian nahm Dennis, der mittlerweile neben ihm stand, in den Arm und wandte sich wieder an Beverly: „Komm bitte zu mir und leg deine Arme um mich. Bitte!"

„Ich werde nichts dergleichen tun. Ich bringe jetzt Dennis nach oben und leg mich auch ins Bett. Und ich möchte, dass deine Freunde umgehend verschwinden." Sie streckte Dennis ihre Arme entgegen.

In diesem Augenblick zerbarst eine Scheibe des Wohnzimmerfensters mit ohrenbetäubendem Knall. Ein roter Blitz fraß sich durch den Raum und traf den neben Beverly stehenden Mann direkt in die Brust.

Mit schreckensgeweiteten Augen starrte Beverly auf das klaffende, rauchende Loch, das der Blitz hinterlassen hatte. Aus der Wunde im Oberkörper des Mannes spritzte Blut auf den blauen Teppichboden, als seine weit aufgerissenen Augen langsam erstarben, den starrem Blick auf sie gerichtet.

Florian stürzte auf seine Frau zu und sah sie flehend an.

Beverly legte wie in Trance ihre Arme um seinen Hals und im nächsten Augenblick versank die Umgebung um sie herum in einem wirbelnden Farben- und Lichtermeer.

Zaubermeister

Von einem Moment zum nächsten war alles vorbei.

Beverly senkte vor Angst zitternd ihre Arme und sah sich erstaunt um.

Sie war nicht mehr in ihrem Wohnzimmer, sondern stand in einer riesigen Halle. Der Boden war mit hellem Marmor ausgelegt. Von der Decke erleuchtete ein gewaltiger Kristalllüster die Umgebung mit Hunderten von Kerzen.

Ein überwältigender Anblick.

Die Wände der Halle waren mit dunklem Eichenholz getäfelt. Eine breite, geschwungene Treppe führte in eine höhere Etage.

Beverly sah auf der rechten und linken Seite der Halle jeweils zwei hohe, geschlossene, hölzerne Flügeltüren. Direkt gegenüber der Treppe befand sich eine große, gläserne Eingangstür. Ein stürmischer Wind peitschte Regen gegen die daneben liegenden Fenster.

Aber - wie konnte das sein? Gerade war die Nacht doch noch sternenklar.

Florian übergab Dennis an die dunkel gekleidete Frau und sprach: „Bring ihn bitte nach oben ins Bett. Ich glaube, er hat von alldem nichts mit bekommen. Er wird sofort weiterschlafen."

Beverly blickte ihnen nach, wie sie sich nach oben begaben und in einem langen, schummrigen Gang verschwanden. Florian ergriff ihre Hand und willenlos ließ sie sich durch eine der Türen auf der linken Seite der Treppe führen. Die zwei Männer folgten ihnen.

An der Stirnseite des Raumes, den sie betraten, verbreiteten baumdicke, prasselnd brennende Holzscheite in einem riesigen, aus Feldsteinen gemauerten Kamin, eine gemütliche Wärme. Dunkelrote schwere Samtvorhänge verdeckten die Fenster. Auch hier spendete ein mit Kerzen bestückter Kronleuchter ein angenehmes Licht.

Der Raum war mit einer antiken, imposanten ledernen Sitzgruppe und einem dunklen ausladenden Eichentisch ausgestattet. Bücherschränke mit dicht aneinander gereihten, dicken, alten Folianten reichten auf den übrigen Seiten des Zimmers bis an die stuckverzierte Decke.

Fünf Personen, die genauso gekleidet waren wie die nächtlichen Besucher, standen am Kamin und sahen sie neugierig an. Plötzlich kam sich Beverly in ihrem Nachthemd und dem Morgenmantel ziemlich deplatziert vor.

Ein großer Mann, den Beverly auf etwa 60 Jahre alt schätzte, kam auf sie zu. Er hatte kurz geschnittenes, eisgraues Haar und einen kräftigen Körperbau. Um den Hals trug er, im Gegensatz zu den anderen Personen eine lange, schwere Goldkette, an deren Ende ein großes, rundes Amulett befestigt war, in das Zeichen eingraviert waren, deren Bedeutung Beverly nicht bekannt war.

„Ist alles gut gegangen?“ Er blickte die Neuankömmlinge mit seinen stahlblauen, hellwachen Augen fragend an. „Ihr seht bestürzt aus. Was ist geschehen?"

„Wir hatten unseren Auftrag erfüllt und Zaubermeister Benning gerade über den letzten Teil der Prophezeiung informiert. Seine Frau und sein Sohn waren bereits anwesend, als ein Attentat auf uns verübt wurde. Zaubermeister Horst Wohlrat wurde von einem Energieblitz getroffen. Er hat es nicht geschafft. Wir selbst konnten gerade noch entkommen."

Erschüttert lauschten die Anwesenden dem Bericht.

„Wir konnten Beverly und ihren Sohn unversehrt hierher bringen. Britta bringt den Jungen soeben ins Bett", ergänzte ein anderer Magier den Bericht.

Florian nahm Beverlys Arm und sie ließ sich von ihm zu einem der Sessel führen, setzte sich und starrte vor sich hin. Sie beugte sich vor und stützte den Kopf auf ihre Hände.

Beverly stand unter Schock. Sie saß zusammengesunken da, nicht in der Lage sich zu rühren. In ihrem Kopf drehte sich alles.

Was ist nur geschehen? Das kann doch alles nicht wahr sein. Sie bemerkte noch nicht einmal, dass Florian sich neben sie auf die Armlehne setzte.

„Hier, trink das. Dann wird es dir bald besser gehen."

Er reichte ihr ein mit einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit gefülltes Glas. Beverly nahm es mit zitternden Händen entgegen. Fragend und den Tränen nahe, sah sie ihren Mann an.

„Du wirst gleich alles erfahren. Bitte beruhig dich erst einmal. Trink. Das wird dir gut tun." Er blickte zu seiner Frau, die wie ein Häufchen Elend in dem ausladenden Sessel saß.

Beverly wirkte, als hätte man alle Lebensenergie aus ihr herausgepresst und nur noch die äußere Hülle zurückgelassen. Dunkle Schatten lagen unter ihren geschwollenen Augen. Florian bemerkte, wie seine Frau mühsam nach Fassung rang und kurz davor war, schluchzend zusammenzubrechen.

Gehorsam nahm sie einen Schluck aus dem Glas. Die Flüssigkeit brannte in ihrer Kehle, verbreitete aber ein warmes Gefühl in ihrem Magen. Sie schloss die Augen und versuchte ihre Ängste zu verdrängen und mit tiefen, gleichmäßigen Zügen ruhig zu atmen. Langsam kam sie wieder zu sich.

„Was, was ist da gerade geschehen? Ist der Mann tot? Wieso? Was wollt ihr von mir?" Tränen kullerten über ihre Wangen.

„Ich sollte uns erst einmal vorstellen." Der Mann mit der schweren Goldkette kam zu Beverly herüber und sprach mit beruhigender Stimme auf sie ein.

„Ich bin Darius Dragon. Wir sind eine Gemeinschaft von Magiern."

Er bemerkte, dass Beverly zusammenzuckte.

„Ich verstehe, dass dir das unglaublich vorkommt, aber Magie gibt es wirklich. Schon seit tausenden von Jahren leben wir Magier im Verborgenen zwischen den Menschen. Wir offenbaren uns ihnen nur selten. Normalerweise hättest du nie erfahren, dass dein Mann Florian einer von uns ist. Doch die Ereignisse zwingen uns dich einzuweihen. Ah, Britta. Schläft der Junge?" Er wand seinen Kopf der Frau zu, die soeben eingetreten war.

„Schläft wie ein Murmeltier. Er war zum Glück in der Wohnung noch nicht ganz wach und hat deshalb nichts gesehen. Wir müssen uns keine Sorgen machen."

„Sehr schön." Die Andeutung eines Lächelns umspielte seinen Mund.

"Also, wo war ich stehen geblieben? Ach ja. Die Magie. Neben dieser Welt existieren noch weitere Welten. Ich meine hier nicht andere Planeten, sondern Parallelwelten. Normalerweise haben wir keinen Kontakt zu ihnen. Es gibt aber einige Bruchstellen, die es ermöglichen von einer zur anderen Welt zu wechseln. Die Bewohner einiger dieser Welten sind - nun sagen wir einmal - uns nicht wohl gesonnen und trachten danach, uns zu vernichten. Auch sie besitzen magische Kräfte."

Beverly hörte ihm wie gebannt zu. Sie spürte die hypnotische, beruhigende Wirkung, die von seiner ruhigen, aber bestimmten Stimme ausging.

„Die Menschen bezeichnen diese Wesen als Dämonen. Es ist schon mehrfach vorgekommen, dass Dämonen die Kluft zwischen ihrer und unserer Welt durch Spalten überwunden haben. Vor langer Zeit ist es gelungen diese Spalten mit magischen Siegeln zu verschließen. Doch vor einiger Zeit begann eines der Siegel zu brechen. Leider reichen unsere magischen Fähigkeiten nicht aus, das Siegel zu erneuern oder den Spalt anderweitig zu verschließen. Und deshalb bist du nun hier."

„Selbst wenn ich das alles glauben würde, was ihr mir da erzählt habt. Wie soll ausgerechnet ich da irgendetwas tun können? Ich beherrsche keine Magie. Ich verstehe überhaupt nichts mehr", hauchte sie mit bebenden Lippen und unterdrückte nur mit Mühe ein Schluchzen.

Alle Blicke waren auf sie gerichtet. Ihr war unbehaglich zumute.

„Es gibt ein uraltes Ritual durch das eine Person in den Kreis der Magier aufgenommen werden kann. Normalerweise erhält diese Person von jedem, der bei der Zeremonie anwesenden Großmeister, einen kleinen Teil seiner Fähigkeiten übertragen. Die Voraussetzung für das Gelingen der Übertragung ist, dass diese Person noch nie magische Fähigkeiten besessen hat. Nun können wir dir natürlich nicht die notwendige Menge Magie übertragen um den Spalt endgültig zu verschließen. Es gibt aber eine Gruppe mächtiger Wesen, die wahrscheinlich dazu in der Lage ist. Es sind körperlose Wesen, die von uns die Ewigen genannt werden. Diese Ewigen gaben uns in einer Prophezeiung bekannt, dass sie bereit wären das Ritual durchzuführen. Du wurdest von Ihnen auserwählt."

„Es muss sich hier um einen Irrtum handeln. Wieso soll ich gemeint sein. Ich habe gehört, dass Florian auch nicht davon überzeugt war, dass ich diese Person bin."

„Nun, die Prophezeiung bestand aus mehreren Teilen. Es wurde uns mitgeteilt, dass es sich bei der gesuchten Person um eine Frau handelt. Diese Person hat keine magischen Fähigkeiten. Ihr Wohnsitz liegt in Norddeutschland, sie ist mit einem Zaubermeister verheiratet und hat einen neunjährigen Sohn."

„Aber da wird es doch nicht nur mich geben, auf die diese Beschreibung zutrifft", unterbrach Beverly ihn aufgeregt.

„Da hast du Recht. Es kamen zwei Personen in Frage, du und Sybille, die Frau von Zaubermeister Christian Reißig. Heute Nacht erreichte uns der letzte Teil der Prophezeiung. Man nannte uns den genauen Geburtszeitpunkt und Geburtsort der Person. Die vorbestimmte Person wurde am 25. April 1964 um 02.35 Uhr in Gelsenkirchen, Deutschland geboren. Beverly, es besteht kein Zweifel daran, dass du die Auserwählte bist."

„Ich kann so etwas nicht. Ihr müsst diese Ewigen noch einmal kontaktieren. Bitte, ich möchte das nicht", protestierte Beverly leise, dann versagte ihr die Stimme. Sie zerfloss in Tränen, und diesmal war sie nicht in der Lage diese zurückhalten, sie konnte nur dasitzen in ihrem Elend.

Florian legte seine Finger tröstend auf die Hand seiner Frau. „So leid mir das auch tut, und du weißt, dass ich dir diese Aufgabe nicht zumuten würde, wenn es eine andere Möglichkeit gäbe, aber du musst es tun. Ich flehe dich an. Wenn du das Siegel nicht erneuerst, werden die dämonischen Horden über uns herfallen und die Welt, so wie wir sie kennen, wird aufhören zu existieren. Du bist die einzige Person, die uns retten kann."

Er drückte fest ihre Hand.

„Wir alle werden dich unterstützen so gut wir nur können. Bitte denk auch an Dennis. Er hat doch sein ganzes Leben noch vor sich."

Beverly sah Florian lange in die Augen, alles war so unwirklich geworden.

„Wie soll es nun weitergehen?", sie hörte sich verzagt an.

„Morgen früh treffen unsere Großmeister hier ein. Das Ritual wird dann ganz genau besprochen und all deine Fragen werden beantwortet. Jetzt gehen wir alle erst einmal zu Bett. Das wird ein langer und anstrengender Tag und wir werden unsere Kräfte noch brauchen."

„Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass ich jetzt schlafen kann." Noch immer zitterte sie am ganzen Körper.

„Nun, dann werde ich mit etwas Magie nachhelfen müssen. Es ist wichtig, dass du ausgeruht bist."

Florian half ihr aus dem Sessel und führte sie die Treppe hinauf in ein gemütliches Zimmer.

„Wie ich sehe, hat Sabine dir etwas zum Anziehen besorgt. Deine Sachen werden in den nächsten Tagen hergebracht. Wir müssen vorsichtig sein, damit unsere Spur hierher nicht verfolgt wird. So, nun leg dich ins Bett. Die Nacht ist sowieso schon kurz genug."

Gehorsam zog sie ihren Morgenmantel aus und legte sich auf das Bett, das erstaunlich bequem war. Florian lächelte sie an, deckte sie mit einem weichen Laken zu und strich zärtlich über ihr Haar. Eine wohlige Wärme breitete sich in ihrem Körper aus und sie sank in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Kein Traum

Die warme Morgensonne ließ Beverly langsam erwachen. Fröhliches Vogelgezwitscher drang zu ihr.

Was für ein eigenartiger Traum, dachte sie und behielt die Augen noch einen Weile geschlossen.

Merkwürdig, dass ich mich an alles so genau erinnern kann. Wenn ich Florian davon erzähle lacht er mich bestimmt aus. Er und ein Zaubermeister. Ich soll die Welt retten. Eine Nummer kleiner ging es wohl nicht? Ich wusste gar nicht, dass ich so eine blühende Phantasie habe. Ein Psychiater hätte wahrscheinlich seine helle Freude an mir.

Sie kuschelte sich noch einmal kurz in ihr warmes Kopfkissen, reckte sich und öffnete die Augen.

Erschrocken setzte sie sich auf. Ich bin nicht in meinem Schlafzimmer! Beverly blickte sich im Zimmer um. Sie lag alleine in einem Doppelbett. Das Bett neben ihr war leer, aber eindeutig benutzt.

Ein Kleiderschrank, zwei Stühle, ein Sessel und eine Kommode bildeten die übrige Einrichtung des Raumes. Zwei Türen führten hinaus.

Wo befand sie sich? Sollte…

Sie stieg aus dem Bett und zog ihren Morgenmantel über, der auf einem Bügel am Kleiderschrank hing.

Eine der Türen öffnete sich langsam. Florian betrat das Zimmer, sah, dass sie aufgestanden war und lächelte ihr zu.

„Na, wie geht es dir heute Morgen? Gut geschlafen?"

Er war mit einer schwarzen Hose, einem schwarzen Rollkragenpullover, schwarzen Schuhen und einem schwarzen Umhang bekleidet.

Es traf Beverly wie ein Schlag, als sie erkannte, dass es sich bei ihren Erinnerungen nicht um einen bösen Traum handelte. Beverly wurde es schwindelig und sie wankte.

„Hallo, vorsichtig, vorsichtig, mein Schatz."

Florian stützte sie, ging mit ihr zum Fenster und öffnete es. „Atme tief durch die Nase ein und dann langsam durch den Mund wieder aus. So ist es gut. Na, ist es nun besser?", fragte er besorgt.

„Ich hab im Badezimmer etwas zum Anziehen für dich hingelegt. Wenn du erst einmal geduscht und ordentlich gefrühstückt hast, wirst du dich wie neugeboren fühlen."

„Ich glaube nicht, dass ich auch nur einen Bissen runter bringen werde", erwiderte Beverly und blickte ihn mit angsterfüllten Augen an.

„Ist das alles wirklich geschehen? Ist dieser Mann heute Nacht wirklich umgebracht worden? Versucht man tatsächlich auch mich zu töten? Ich kann das einfach nicht glauben."

„Leider ist es wirklich geschehen. Wir sind auch alle bestürzt darüber." Florian nahm sie liebevoll in seine Arme. Beverly spürte, wie seine Stärke auf sie überging und ihre Angst langsam schwand.

Eine ganze Weile standen sie einfach nur so da.

Hoffentlich vergeht dieser Augenblick nie, dachte sie bei sich, wohl ahnend, das die nächste Zeit noch sehr viel Angst und Schrecken bereithalten würde.

Es klopfte an der Tür.

Widerwillig lösten sie sich von einander.

„Herein!", rief Florian und die Tür öffnete sich.

Beverly erkannte in dem Mann, der nun eintrat, einen guten Freund. Auch er trug die gleiche Kleidung wie Florian.

„Hallo, Kleines!", rief Lars, ein Arbeitskollege und Freund ihres Mannes. Beverly beschloss sich über nichts mehr zu wundern.

„Ich hab grad alles erfahren. Das muss ja schrecklich gewesen sein. Tut mir leid, dass wir dich nicht schonender auf alles vorbereiten konnten."

Dann an Florian gewandt: „Ich soll ausrichten, dass die Großmeister euch in einer Stunde erwarten. Ihr solltet schnellstens zum Frühstück runter kommen. Ich warte im Speisezimmer auf euch."

Lars drückte Beverly kurz freundschaftlich und verließ den Raum.

„Er hat Recht. Wir müssen uns beeilen." Florian führte sie ins Badezimmer. „Hier sind frische Handtücher und alles, was du sonst noch brauchst. Die Kleider hab ich über den Stuhl gelegt. Ich bin nebenan. Ruf mich, wenn noch etwas fehlen sollte. Mach bitte schnell."

Beverly duschte schnell heiß und dann eiskalt, um die schrecklichen Bilder der Nacht aus ihren Gedanken zu vertreiben. Nachdem sie sich abgetrocknet und die Zähne geputzt hatte, zog sie die hier anscheinend übliche schwarze Kleidung an und begab sich dann mit ihrem Mann in das Speisezimmer im Erdgeschoss.

Um einen langen Esstisch hatte sich eine Gruppe von zehn Personen versammelt und frühstückte.

„Hallo, Mama! Hast du auch so gut geschlafen wie ich?" Dennis stürmte auf seine Mutter zu und umarmte sie. „Ich weiß gar nicht mehr, wie ich hierher gekommen bin. Aber ich hab hier ein tolles Zimmer. Da ist ein Fernseher mit Videorekorder, viele Spiele und Bücher und hier sind noch mehr Kinder. Die Jana sagt, dass wir heute alle zusammen etwas unternehmen wollen. Ich brauche heute nicht zur Schule. Ist das nicht toll? Wir wollen in ein anderes Land fahren. Aber ich hab vergessen wie es heißt. Na egal. Das wird bestimmt richtig aufregend. Ich hab einen riesigen Hunger. Komm, setz dich neben mich."

Von Dennis Unbekümmertheit angesteckt setzte Beverly sich zu ihm und ließ sich eine Tasse Kaffee einschenken.

Florian nahm ihr gegenüber Platz.

„Hier hab ich ein Brötchen mit Honig für dich", er zeigte drauf und fügte hinzu, als er ihren ablehnenden Blick sah, „du musst etwas essen. Bitte tue es mir zu liebe."

Beverly nahm das Brötchen entgegen und biss ohne Appetit hinein.

„Wo bringt Ihr Dennis hin?" Sie blickte Florian bang an.

„Die Großmeister haben beschlossen die Kinder der sich hier im Einsatz befindenden Magier an einen sicheren Ort zu schicken. Es wäre zu gefährlich sie hier zu lassen. Du hast ja gestern gesehen, was geschehen kann. Wir wollen die Kinder keiner Gefahr aussetzen."

Ein Stich ging durch ihr Herz als sie an den Toten dachte. Nein, es war wohl besser, wenn Dennis sich so weit wie nur möglich von ihr entfernt aufhielt.

„Keine Sorge. Die Kinder werden gut beschützt. Es sind auch mehrere Lehrer dabei, so dass sie keinen Unterrichtsstoff versäumen."

Wider Erwarten hatte es Beverly geschafft ihr Brötchen zu verzehren. So gestärkt verließ sie mit den anderen Erwachsenen das Speisezimmer und begab sich mit ihnen in die Eingangshalle. Bei Tageslicht betrachtet erschien sie ihr noch beeindruckender. Das durch die Glastür hereinflutende Licht ließ erkennen, wie groß sie war. An zwei gegenüberliegenden Wänden waren große Spiegel angebracht, die diesen Eindruck noch verstärkten.

Lars gesellte sich zu ihnen.

„Die Großmeister sind bereits im Konferenzraum. Sie beraten schon eine ganze Weile. Wir drei werden bald hereingerufen. Hier, ich glaube, wir haben noch Zeit für eine Zigarette."

Er reichte ihnen eine Packung Lucky Strike und sein Feuerzeug.

„Du bist also auch so ein Magier", bemerkte Beverly. Sie war erstaunt, dass sie diese Tatsache nicht zu beunruhigen schien. Aber nach all den Vorkommnissen der letzten Stunden überraschte sie anscheinend überhaupt nichts mehr.

Lars schmunzelte. „Ja, so ein Magier bin ich auch. Aber du darfst dir das ganze nicht vorstellen wie in den Märchen oder wie bei Harry Potter. Wir arbeiten nicht mit Zauberstäben und so einem Zeug. Du bist zum Beispiel gestern mit einer Art von Teleportation hierher gelangt. Wir benötigen für die Magie nur unsere geistigen Fähigkeiten und nicht irgendwelchen Firlefanz."