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Beschreibung

Exekutive Funktionen sind jene Fähigkeiten des Menschen, die das eigene Denken und Handeln steuern, aber auch die eigenen Emotionen regulieren. Bei Kindern sind die exekutiven Funktionen noch nicht voll ausgeprägt, allerdings beeinflussen sie bereits entscheidend die Lernleistungen und die sozial-emotionale Entwicklung. Viele Befunde aus den Bereichen der Psychologie, Kognitiven Neurowissenschaften und Pädagogik sprechen dafür, dass den exekutiven Funktionen eine Schlüsselrolle sowohl hinsichtlich des Lern- und Schulerfolges als auch in Bezug auf Verhaltensauffälligkeiten und Störungen wie ADHS zukommt. Im vorliegenden Band werden erstmals die zentralen Texte aus Europa und den USA vorgelegt und in den hiesigen Bezugsrahmen eingeordnet. Zudem wird in diesem State-of-the-Art-Werk dargestellt, wie der konkrete Transfer in die pädagogische und schulische Praxis vollzogen werden kann. Die zweite, erweiterte Auflage zeichnet sich durch weit über 150 Praxisbeispiele zum Training exekutiver Funktionen, zum Erwerb von Willensstärke und Selbstkontrolle und zur Ausbildung der Selbstregulationsfähigkeit in der Familie aus. Mit Beiträgen von Roy F. Baumeister, Monika Brunsting, Adele Diamond, Armin Emrich, Torkel Klingberg, Walter Mischel, Daniel Siegel, Manfred Spitzer, Philip David Zelazo und vielen anderen mehr.

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Seitenzahl: 654

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Exekutive Funktionen und Selbstregulation

Exekutive Funktionen und Selbstregulation

Sabine Kubesch (Hrsg.)

Sabine Kubesch

Herausgeberin

Exekutive Funktionen und Selbstregulation

Neurowissenschaftliche Grundlagen und Transfer in die pädagogische Praxis

2., aktualisierte und erweiterte Auflage

Geschützte Warennamen (Warenzeichen) werden nicht besonders kenntlich gemacht. Aus dem Fehlen eines solchen Hinweises kann also nicht geschlossen werden, dass es sich um einen freien Warennamen handelt.

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Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Kopien und Vervielfältigungen zu Lehr- und Unterrichtszwecken, Übersetzungen, Mikroverfilmungen sowie die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Anregungen und Zuschriften bitte an:

Hogrefe AG

Lektorat Psychologie

Länggass-Strasse 76

3000 Bern 9

Schweiz

Tel: +41 31 300 45 00

E-Mail: [email protected]

Internet: http://www.hogrefe.ch

Lektorat: Dr. Susanne Lauri

Herstellung: Daniel Berger

Druckvorstufe: punktgenau GmbH, Bühl

Umschlagabbildung: © iStock/Christopher Futcher

Umschlag: Claude Borer, Riehen

Druck und buchbinderische Verarbeitung: Finidr s.r.o., Cˇeský Teˇšín

Printed in Czech Republic

2., aktualisierte und erweiterte Auflage

© 2014 Verlag Hans Huber, Hogrefe AG, Bern

© 2016 Hogrefe Verlag, Bern

(E-Book-ISBN_PDF 978-3-456-95624-4)

(E-Book-ISBN_EPUB 978-3-456-75624-0)

ISBN 978-3-456-85624-7

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Anmerkung:

Sofern der Printausgabe eine CD-ROM beigefügt ist, sind die Materialien/Arbeitsblätter, die sich darauf befinden, bereits Bestandteil dieses E-Books.

Dieses Dokument ist nur für den persönlichen Gebrauch bestimmt und darf in keiner Form vervielfältigt und an Dritte weitergegeben werden. Aus Sabine Kubesch – Exekutive Funktionen und Selbstregulation (ISBN 978345675624) © 2014 Verlag Hans Huber, Hogrefe AG, Bern © 2016 Hogrefe Verlag, Bern

Inhalt

Hinweise zur 2. Auflage

VorwortSabine Kubesch

„Muss das so heißen?“Katja Weidner

Von der Forschung ins Klassenzimmer und aufs SpielfeldSabine Kubesch und Sonja Hansen

Teil 1

Wissenschaftliche Grundlagen zur Bedeutung und Förderung exekutiver Funktionen und der Selbstregulation

Adele Diamond

Biologische und soziale Einflüsse auf kognitive Kontrollprozesse, die vom präfrontalen Kortex abhängen

Manfred Spitzer

Geld und Glück, Karies und Kriminalität

Roy F. Baumeister

Wo ein Wille ist …

Sabine Kubesch

Entwicklung, Testung und neuronale Korrelate „kalter“ und „heißer“ exekutiver Funktionen

Clancy Blair

Stress und die Entwicklung von Selbstregulation im Armutskontext

Philip David Zelazo und Kristen E. Lyons

Das Potenzial frühkindlichen Achtsamkeitstrainings: Neurowissenschaftliche Perspektive auf entwicklungsbezogene und sozial-kognitive Prozesse

Torkel Klingberg

Training und Plastizität des Arbeitsgedächtnisses

Sabine Kubesch

Der Sport macht’s!

Adele Diamond und Kathleen Lee

Interventionen, die sich bei der Entwicklung exekutiver Funktionen bei 4- bis 12-jährigen Kindern als hilfreich erwiesen haben

Teil 2

Transfer der wissenschaftlichen Erkenntnisse in die pädagogische Praxis

Katrin Hille

Exekutive Funktionen – Häufig gestellte Fragen von Lehrkräften

Ross W. Greene

Kinder machen ihre Sache gut, wenn sie können

Markus Karr

ADHS und ADS in der Schule Informationen und Empfehlungen eines Kinder- und Jugendpsychiaters

Janina Eberhart

Pädagogische Konzepte zur Förderung der exekutiven Funktionen und der Selbstregulation von Kindern und Jugendlichen

Marie Ottilie Frenkel

Achtsamkeitstraining in der Schule

Daniel J. Siegel

Blick ins Gehirn. Das Gehirn in Ihrer Hand

Andrea Liebers, Sabine Kubesch und Sonja Hansen

Stopp oder es kracht! Die Drei aus Hirnschmalz

Elena Bodrova und Deborah J. Leong

Selbstregulation: Eine Basis für frühes Lernen

Walter Mischel

„Selbstkontrolle kann man lernen“

Verena Hofer, Sabine Kubesch und Sonja Hansen

„Weit entfernt von Bullerbü“. Förderung der Selbstregulation – Tipps für Eltern

Center on the Developing Child, Harvard University

Exekutive Funktionsfähigkeiten üben und verbessern – von der frühen Kindheit bis ins Jugendalter

Susan E. Gathercole und Tracy P. Alloway

Arbeitsgedächtnis verstehen.Ein Leitfaden fürs Klassenzimmer

Monika Brunsting

Exekutive Funktionen und Lernschwierigkeiten oder: Wo ist denn hier der Regisseur?

Jutta Maurach und Roland Bauer

Exekutive Funktionen im offenen Mathematik- und Deutschunterricht in Grundschulen – am Beispiel von Einstern und Einsterns Schwester

Darya Lenz und Stefan Zöllner-Dressler

Wege zur Förderung exekutiver Funktionen im instrumentalen und allgemeinen Musikunterricht

Thomas Bannenberg

Yoga. Eine Bewegungspause

Armin Emrich

„Mein Verhalten muss auch in der Niederlage ein positiv konstruktives, ein selbstreguliertes Verhalten sein“

Die Herausgeberin

Die Autoren

Sachwortverzeichnis

Hinweise zur 2. Auflage

In der zweiten Auflage des Herausgeberbandes wurden bereits enthaltene Texte der ersten Auflage teilweise aktualisiert und weitere Texte in das Buch aufgenommen. Mit einem Artikel von Roy F. Baumeister und einem Interview mit Walter Mischel sind zwei Beiträge renommierter Wissenschaftler aus dem Bereich der Willensforschung hinzugekommen. Durch zwei weitere Texte wurde der Praxisteil des Buches gestärkt: In der Übungssammlung vom Center on the Developing Child der Harvard University und einem Beitrag zur verhaltenstherapeutischen Förderung sind zahlreiche Übungen und praktische Hinweise beschrieben, mit denen exekutive Funktionen und die Selbstregulation über die gesamte Entwicklungsspanne in Krippe, Kindergarten, Schule und im häuslichen Umfeld gefördert werden können. Ein Wissensposter, das einen Überblick über die spannende Geschichte der Erforschung exekutiver Funktionen liefert, leitet den Theorieteil des Buches ein.

In den Texten dieses Buches wird aus Gründen der sprachlichen Vereinfachung und der besseren Lesbarkeit auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichwohl für beiderlei Geschlecht.

Vorwort

Sabine Kubesch

Die exekutiven Funktionen und die Fähigkeit zur Selbstregulation sind entscheidend für den Lernerfolg und in diesem Zusammenhang vergleichbar bedeutsam wie die Intelligenz. Gleichzeitig beeinflussen sie wesentlich die sozial-emotionale Entwicklung der Kinder und Jugendlichen. Die Erkenntnisse, die Monat für Monat in den wichtigsten nationalen und internationalen wissenschaftlichen Fachzeitschriften in den Bereichen Medizin, Psychologie, Pädagogik und Neurowissenschaft dazu publiziert werden, machen deutlich, wie wichtig es ist, dass diese Erkenntnisse in Kindergärten und Schulen, aber auch in Familien und in den Freizeitbereich Einzug halten und dort umgesetzt werden. All diejenigen, die Kinder in ihrer Entwicklung und beim Lernen begleiten, sollten über die Bedeutung und Förderung der exekutiven Funktionen und der Selbstregulation informiert sein.

Bereits vor etwa zwanzig Jahren erfuhren die Leser der New York Times (NYT), dass das Arbeitsgedächtnis vom präfrontalen Kortex beeinflusst wird. Seitdem wird in dieser weltweit wichtigsten Tageszeitung regelmäßig über die exekutiven Funktionen berichtet. In der Online-Ausgabe ist zu lesen, dass das Stirnhirn im REM-Schlaf (engl. Rapid Eye Movement) „offline“ geht, dass Wutattacken von den exekutiven Funktionen beeinflusst werden und dass bei jugendlichen Amokläufern die Tatsache eine Rolle spielen kann, dass ihr Stirnhirn noch nicht ausgereift ist. Aber auch zur Frage des Lernerfolgs werden seit dem Jahr 2001 Millionen Leser der NYT über die Bedeutung und Förderung der exekutiven Funktionen und der Selbstregulation informiert: zu förderlichen Aspekten der Mehrsprachigkeit und des Sports, zur Bedeutung des kindlichen Spiels, zum Zusammenhang von exekutiven Funktionen und ADHS und zum negativen Einfluss schneller Zeichentrickfilme.

Im deutschsprachigen Raum und in den öffentlichen und politischen Diskussionen dieser Länder sind diese Erkenntnisse noch nicht in einem vergleichbaren Ausmaß angekommen. Das verdeutlicht der Beitrag „Muss das so heißen?“ von Katja Weidner. Die Rektorin einer Heidelberger Grundschule beschreibt auf unterhaltsame Weise, dass die etwas umständliche Bezeichnung „exekutive Funktionen“ bislang immer wieder zu Missverständnissen und dadurch häufig zu Irritationen führt. Gleichzeitig geht aus ihrem Artikel hervor, dass dieses Konstrukt wichtige Hilfestellungen bietet, sobald ein ausreichendes Hintergrundwissen vorhanden ist. Mit diesem Beitrag wollten wir einer wichtigen Zielgruppe des Buches, den Lehrern, eine Stimme geben und auf die nachfolgenden Texte neugierig machen.

Der durchgängig illustrierte Beitrag „Entwicklungsgeschichten“ von Sabine Kubesch und Sonja Hansen gibt einen kurzen Überblick über die Erforschung der exekutiven Funktionen. Der Weg reicht zurück ins 19. Jahrhundert und führt von Läsionsstudien an Tier und Mensch zur Hightech-Forschung im neurowissenschaftlichen Labor an gesunden Personen bis aufs Spielfeld und ins Klassenzimmer der Schule von heute.

Das Buch ist in zwei Teile gegliedert. Im ersten Teil werden wissenschaftliche Grundlagen zu den exekutiven Funktionen und der Selbstregulation vermittelt. Im zweiten Teil wird aufgezeigt, wie die wissenschaftlichen Erkenntnisse in die pädagogische Arbeit übertragen werden können. Dabei zeigt sich, wie vielfältig Pädagogen in ihrem jeweiligen Handlungsfeld zur Förderung der exekutiven Funktionen und der Selbstregulation von Kindern und Jugendlichen beitragen können.

Die wissenschaftlichen Grundlagen werden von zwei Beiträgen der nordamerikanischen Wissenschaftlerin Adele Diamond umrahmt. Diamond ist Professorin für Development Cognitive Neuroscience an der University of British Columbia in Vancouver. Sie gilt als eine der weltweit führenden Wissenschaftlerinnen auf diesem Forschungsgebiet und befasst sich seit vielen Jahren mit Entwicklungsprozessen der exekutiven Funktionen und der Selbstregulation. In ihrem ersten Beitrag beschreibt sie biologische und soziale Einflüsse auf kognitive Kontrollprozesse (exekutive Funktionen), die vom Stirnhirn, dem präfrontalen Kortex, beeinflusst werden. Diese haben Implikationen sowohl für klinische Störungen wie ADHS als auch für Bildungsprozesse. Erkenntnisse dieses einleitenden Beitrages ziehen sich durch das gesamte Buch: Exekutive Funktionen und die Selbstregulation können mit einfachen Methoden und Materialien in alltäglichen Situationen gefördert werden. Der Artikel macht bewusst, wie wichtig das Spiel, der Sport und die musischen Fächer für die Ausbildung exekutiver Funktionen sind. Gemeinsam mit Kathleen Lee vom Development Cognitive Neuroscience Lab der University of British Columbia führt Diamond in ihrem zweiten Beitrag aus, welche Programme in der Kindheit nachweislich positiv auf die exekutiven Funktionen und die Selbstregulation einwirken.

Eine der wichtigsten Untersuchungen zu Selbstkontrolle und Selbstdisziplin stammt aus einer neuseeländischen Langzeitstudie. Die Ergebnisse dieser Studie werden von Manfred Spitzer, Professor und Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik und des ZNL TransferZentrums für Neurowissenschaften und Lernen an der Universität Ulm in seinem Beitrag „Geld und Glück, Karies und Kriminalität. Selbstkontrolle fürs Leben und Überleben“ detailliert dargestellt. Den Lesern wird bewusst gemacht, wie wichtig es ist, in der Kindheit die Selbstregulation zu fördern, denn die kindliche Selbstregulation hat weit über die Schulzeit hinaus Einfluss auf Bildung, Gesundheit, Wohlstand und soziale Sicherheit. Wenn Schulen die Kinder auf das Leben vorbereiten wollen, dann müssen sie die Selbstregulation der Kinder fördern!

Roy F. Baumeister ist einer der international bekanntesten Sozialpsychologen. In seinem Beitrag zeigt er, dass Willenskraft und Selbstdisziplin eine wesentliche Grundlage für Glück und Erfolg darstellen. Wird Willenskraft beansprucht, ermüdet diese. Gleichzeit kann sie durch regelmäßige, niedrig dosierte Übungen zur Selbstkontrolle gestärkt werden. Willenskraft lässt sich trainieren wie ein Muskel, so bringt es Baumeister auf den Punkt.

Als Nächstes gibt Sabine Kubesch, Geschäftsführerin und Leiterin von INSTITUT BILDUNG plus, einen kurzen Überblick über die Entwicklung und Testung sowie zu den neuronalen Korrelaten sogenannter „heißer“ und „kalter“ exekutiver Funktionen. Während man bei abstrakten Entscheidungsprozessen in neutralen Situationen von „kalten“ exekutiven Funktionen spricht, ordnet man „heiße“ exekutive Funktionen risikoreichen Entscheidungsprozessen und motivational und emotional bedeutsamen Situationen zu. Die Untersuchungsergebnisse zu den in diesem Beitrag dargestellten Testverfahren belegen, dass sich die Entwicklung „heißer“ exekutiver Funktionen langsamer vollzieht als die Entwicklung „kalter“ exekutiver Funktionen. Dies entspricht der Erfahrung, dass Heranwachsenden die Selbstregulation in einem neutralen Kontext leichter und früher gelingt als in einer emotional herausfordernden Situation.

Clancy Blair, Psychologieprofessor an der New York University, beschreibt in seinem Beitrag „Stress und die Entwicklung von Selbstregulation im Armutskontext“ die Auswirkungen von psychosozialem Stress auf die kindliche Entwicklung und auf neuronale Netze, die exekutive Funktionen und Selbstregulation beeinflussen. Anhaltender Stress in der frühen Kindheit beeinträchtigt die Aktivität von Stressreaktionssystemen. Dies kann die Selbstregulation negativ beeinflussen. Blair macht deutlich, welchen Einfluss Bildungseinrichtungen haben, den negativen Folgen von frühem Lebensstress entgegenzuwirken, der im Armutskontext häufiger auftritt. Dieses Wissen sollte Pädagogen Mut machen! Die Förderung der Selbstregulation kann in Bildungseinrichtungen auch dann gelingen, wenn Kinder aus sozial schwierigen Verhältnissen stammen. Gelingt die Förderung, profitieren davon alle Kinder – besonders aber Kinder aus sozial schlechter gestellten Schichten.

Philip David Zelazo, Professor am Institute for Child Development der University of Minnesota, und Kristen Lyons, Professorin an der Abteilung Psychologie der Metropolitan State University in Denver, zeigen in ihrem Beitrag, welches Potenzial in einem frühkindlichen Achtsamkeitstraining steckt. Ein Achtsamkeitstraining kann die Entwicklung von Selbstregulation fördern, indem Top-down-Prozesse (regulierte) über den präfrontalen Kortex gestärkt und Bottom-up-Prozesse (automatische) wie Stress und Angst abgeschwächt werden.

Torkel Klingberg, Professor für kognitive Neurowissenschaft am Karolinska Institut in Stockholm, befasst sich in seinem Beitrag mit dem Training und der Plastizität des Arbeitsgedächtnisses. Das Arbeitsgedächtnis galt lange Zeit als nicht trainierbar. Wie in allen hoch innovativen Wissenschaftsbereichen besteht hier nach wie vor ein erheblicher Forschungsbedarf. Bereits auf Grundlage der vorliegenden Studien wird deutlich, dass die Arbeitsgedächtniskapazität durch Training beeinflussbar ist. Ein Training des Arbeitsgedächtnisses hat darüber hinaus u.a. für die Aufmerksamkeitsleistung wichtige Transfereffekte. Klingberg zeigt auf, dass diese Erkenntnisse für schulische Lernleistungen und damit für den Bildungsbereich von Bedeutung sind.

Das Arbeitsgedächtnis und weitere exekutive Funktionen werden auch durch körperliches Training positiv beeinflusst. Auf die vielfältigen Effekte von Sport und Bewegung auf exekutive Funktionen, Selbstregulation, Lernleistung und sozial-emotionale Lernprozesse geht Sabine Kubesch in ihrem Beitrag „Der Sport macht’s!“ ein. Er ist ein Plädoyer für mehr Sportunterricht und außerunterrichtliche Sportangebote an den Schulen.

Der Praxisteil beginnt mit einem Beitrag von Katrin Hille, Direktorin des ZNL TransferZentrums für Neurowissenschaften und Lernen an der Universität Ulm. Basierend auf einem intensiven Austausch mit Vertretern aus der Praxis gibt sie Antworten auf häufig gestellte Fragen von Lehrkräften zu den exekutiven Funktionen.

Im Umgang mit Kindern und Jugendlichen, die größere Probleme mit der Selbstregulation haben, ist eine wertschätzende Haltung die zentrale Voraussetzung dafür, um mit ihnen an ihrer Selbstregulationsfähigkeit arbeiten zu können. In dem Artikel „Kinder machen ihre Sache gut, wenn sie können“ macht Ross Greene, Professor für Psychiatrie an der Harvard University, bewusst, dass kein böser Wille dahintersteckt, wenn sich Kinder und Jugendliche „herausfordernd“ verhalten. Er zeigt auf, wie wichtig und hilfreich es ist, hinter das Verhalten zu blicken und zu erkennen, welche kognitiven Fähigkeiten gefördert werden müssen, damit die Heranwachsenden ihr Handeln besser steuern können.

Kinder und Jugendliche mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) haben besonders große Schwierigkeiten mit der Selbstregulation. Markus Karr, Oberarzt im Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst des Kantons Zürich, beantwortet in seinem Beitrag Fragen der Grundschulpädagogin Katja Weidner zu ADHS.

Nationale und internationale pädagogische Konzepte, die auf die Förderung der exekutiven Funktionen und der Selbstregulation von Kindern und Jugendlichen ausgerichtet sind, werden von Janina Eberhart vom Internationalen Zentrum Frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung am Deutschen Jugendinstitut beschrieben. Ihr Beitrag verdeutlicht, wie die Förderung in unterschiedlichen Formen umgesetzt werden kann. Dazu können eine gut strukturierte Lernumgebung, die kindgerechte Vermittlung neurobiologischer Erkenntnisse, die Anwendung von Problemlösestrategien, ein umfassendes Coaching von Eltern und Pädagogen sowie die Einbeziehung von Bewegung, Sport und Spiel beitragen.

Die Sportpsychologin und Gymnasiallehrerin Marie Ottilie Frenkel beschreibt am Beispiel eines von ihr an der Universität Heidelberg entwickelten Trainingsprogramms, wie Achtsamkeitsübungen in der Schule umgesetzt werden können.

Damit Kinder und Jugendliche lernen, über ihr Verhalten, ihr Denken und ihre Emotionen zu reflektieren, ist es hilfreich, ihnen zu erläutern, welche Prozesse sich im Gehirn vollziehen, wenn die Selbststeuerung schwerfällt. Der Beitrag von Daniel Siegel, „Blick ins Gehirn. Das Gehirn in Ihrer Hand“, veranschaulicht, wie neurobiologische Grundlagen zur Selbstregulation vermittelt werden können. Das Handmodell, das der Psychiater und Professor an der University of California entwickelt hat, hilft dabei, sich mentaler Prozesse bewusst zu werden, die an der Steuerung von Denken, Verhalten und Gefühlen beteiligt sind.

Dass man selbst Grundschulkindern neurobiologische Grundlagen zu den exekutiven Funktionen und der Selbstregulation vermitteln kann, zeigen die Ausschnitte aus dem Kinderbuch „Stopp oder es kracht!“ der Bilderbuchreihe „Die Drei aus Hirnschmalz“ von Andrea Liebers, Sabine Kubesch und Sonja Hansen.

In den folgenden Beiträgen rückt das schulische Lernen in den Mittelpunkt. Lernschwierigkeiten von Kindern basieren nicht selten auf einer mangelnden Selbstregulationsfähigkeit. Diese Kinder haben häufig Schwierigkeiten mit der Impulskontrolle und dem Belohnungsaufschub. Die beiden Psychologinnen aus Denver, Professorin Deborah Leong und Elena Bodrova, haben das Kindergarten- und Vorschulprogramm „Tools of the Mind“ entwickelt, auf das in mehreren Texten in diesem Buch eingegangen wird. Sie beleuchten gängige Mythen zur Selbstregulation, weisen auf Ursachen mangelnder Selbstregulation hin und zeigen Förderungsmöglichkeiten in Kindergärten und Schulen auf.

Um eine besondere Form der Selbstregulation, der Fähigkeit zum Belohnungsaufschub, geht es im Interview mit Walter Mischel, dem Erfinder des legendären Marshmallow-Tests. Der Psychologe erläutert, wie bedeutsam es ist, auf Belohnung warten zu können, und was wir dabei von Kindern lernen können.

Wie man Belohnungsaufschub und weitere wichtige selbstregulatorische Fähigkeiten wie Emotionsregulation, Umstellungsfähigkeit und fokussierte Aufmerksamkeit zu Hause mit den Kindern und Jugendlichen üben und lernen kann, beschreiben Verena Hofer, Sabine Kubesch und Sonja Hansen in ihrem Beitrag „Weit entfernt von Bullerbü“. Sie zeigen, dass auch Lehrer die Eltern bereits in kurzen Gesprächen, bei Elterninformationsveranstaltungen und im Rahmen von Elternabenden mit einfachen Hinweisen und Beispielen dabei unterstützen können. Dies kann sich nicht nur auf die Eltern-Kind-Beziehung und die täglichen Abläufe zu Hause positiv auswirken, sondern auch auf das Lern- und Sozialverhalten der Kinder und Jugendlichen in der Schule. Rund 100 weitere Übungsbeispiele für verschiedene Altersgruppen von 6 Monaten bis zum jungen Erwachsenenalter sind im Leitfaden des Center on the Developing Child der Harvard University beschrieben.

Susan Gathercole, Professorin an der University of York, und Tracy Alloway, University of North Florida, erläutern in ihrem Praxisbeitrag zum Arbeitsgedächtnis, warum das Arbeitsgedächtnis für schulisches Lernen wichtig ist. Sie zeigen Merkmale von Kindern mit schwachem Arbeitsgedächtnis auf und geben Tipps, wie die Förderung von Kindern mit Arbeitsgedächtnisproblemen in der Schule umgesetzt werden kann.

Monika Brunsting geht in ihrem Beitrag auf Lernschwierigkeiten ein, die mit exekutiven Funktionen in enger Verbindung stehen. Die Schulpsychologin, Psychotherapeutin und Sonderpädagogin zeigt auf, wo in der Schule exekutive Funktionen gefordert sind, wie diese erfasst werden können und welche Möglichkeiten es gibt, sie in der Schule zu trainieren.

In dem Beitrag von Jutta Maurach, Grund- und Hauptschullehrerin und Referentin für Qualitätsentwicklung und Evaluation beim Landesinstitut für Schulentwicklung Baden-Württemberg, und Roland Bauer, ehemaliger Grund- und Hauptschullehrer und Schulrat mit langjähriger Erfahrung in der Ausbildung von Lehrkräften, werden Mathematik- und Deutschaufgaben der Grundschule vorgestellt, für deren erfolgreiche Bearbeitung exekutive Funktionen eine wichtige Grundlage darstellen. Diese Beispiele machen bewusst, wie groß die Herausforderungen für Kinder beim täglichen Lernen sind, die über nicht gut ausgebildete exekutive Funktionen verfügen.

Darya Lenz, INSTITUT BILDUNG plus, und Stefan Zöllner-Dressler, Musikpädagoge und Professor an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, stellen musikalische Übungen aus dem Musikunterricht an Schulen vor, die die exekutive Funktionen der Schüler bereits implizit schulen. Darüber hinausgehend werden erste Übungen aufgezeigt, in denen exekutive Funktionen im Musikunterricht explizit trainiert werden. Trotz des auch hier bestehenden Forschungsbedarfs deutet sich an, wie eng der Zusammenhang von Musizieren und exekutiven Funktionen ist.

Erste Studien belegen die förderlichen Effekte von Yoga auf exekutive Funktionen. Thomas Bannenberg, Sozialpädagoge, Yogalehrer und Autor erfolgreicher Bücher zum Kinderyoga, demonstriert, wie Yoga in Bewegungspausen an Schulen zum Training exekutiver Funktionen eingesetzt werden kann.

Den Abschluss des Bandes bildet ein Interview mit Armin Emrich, Fachleiter Sport am Staatlichen Seminar für Didaktik und Lehrerbildung in Freiburg, ehemaliger Handballnationalspieler und Handballbundestrainer. Das Interview zur Förderung exekutiver Funktionen und der Selbstregulation im Sportunterricht zeigt eindrucksvoll, dass im Sport nicht nur die Chance liegt, Kinder und Jugendliche körperlich stark zu machen. Der Sportunterricht eignet sich in besonderer Weise auch dafür, die mentale Stärke der Heranwachsenden auszubilden. Dabei kommt den Sportlehrern eine Schlüsselrolle zu.

Die im ersten Teil beschriebenen theoretischen Grundlagen verdeutlichen, wie wichtig es ist, dass in Bildungseinrichtungen und im häuslichen Umfeld die exekutiven Funktionen und die Selbstregulation von Kindern und Jugendlichen gezielt gefördert werden. Für diejenigen Leser, die direkt in den Praxisteil des Buches einsteigen möchten, werden am Ende des Vorworts die zentralen exekutiven Funktionen Arbeitsgedächtnis, Inhibition und kognitive Flexibilität, die der Fähigkeit zur Selbstregulation unterliegen, erläutert.1

Wir wünschen viel Freude beim Lesen des Buches und bei der Umsetzung der gewonnenen Erkenntnisse. Für den Lernerfolg von Kindern und Jugendlichen und für ihr weiteres Leben ist es wichtig, dass wir mit Geduld und mit einer wertschätzenden Haltung beharrlich an der Ausbildung ihrer Selbstregulationsfähigkeit arbeiten. Das dafür notwendige Hintergrundwissen möchte dieses Buch liefern.

Eine kurze Einführung in die exekutiven Funktionen

Zu den exekutiven Funktionen zählen das Arbeitsgedächtnis, die Inhibition und die kognitive Flexibilität. Das Arbeitsgedächtnis ermöglicht es uns, Informationen kurzzeitig zu speichern und mit den gespeicherten Informationen zu arbeiten. Mithilfe der Inhibition sind wir in der Lage, spontane Impulse zu unterdrücken, die Aufmerksamkeit willentlich zu lenken und Störreize auszublenden. Die kognitive Flexibilität ist die Fähigkeit, den Fokus der Aufmerksamkeit zu wechseln, sich schnell auf neue Situationen einstellen und andere Perspektiven einnehmen zu können. Diese exekutiven Funktionen steuern im Zusammenspiel selbstreguliertes Verhalten. Sie unterstützen uns zudem dabei, Entscheidungen zu treffen, planvoll, aber auch flexibel und zielgerichtet vorzugehen, das eigene Handeln zu reflektieren und es gegebenenfalls zu korrigieren. Nur wer in der Lage ist, spontane Impulse zu unterdrücken und damit eigene Bedürfnisse für eine gewisse Zeit hintanzustellen – man spricht auch vom Belohnungsaufschub – und somit auch herausfordernde oder ermüdende Aufgaben mit Ausdauer meistert, wer sein angestrebtes Ziel nicht aus den Augen bzw. aus dem Arbeitsgedächtnis verliert, wer flexibel reagiert und sich nicht allzu leicht ablenken lässt, kann erfolgreich lernen. Damit tragen die exekutiven Funktionen auch zur Willensbildung und zu diszipliniertem Verhalten bei. Die Fähigkeit zur Selbstregulation ist folglich auch Grundlage für eigenverantwortliches und selbstgesteuertes Lernen und Arbeiten. Sie ist gleichzeitig die Basis für die Entwicklung sozial-emotionaler Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen und damit für ein friedliches Zusammenleben in der Gemeinschaft.

Arbeitsgedächtnis

Das Arbeitsgedächtnis ist trotz seiner begrenzten Speicherkapazität – von etwa durchschnittlich fünf bis sieben Elementen wie Worte, Objekte und Ziffern über einen Zeitraum von nur wenigen Sekunden – von großer Bedeutung. Es ermöglicht eine aktive Aufrechterhaltung aufgabenrelevanter Informationen, die für weitere Operationen benötigt werden, wodurch komplexe kognitive Funktionen wie die Sprache und mathematische Leistungen entstehen können. Das Arbeitsgedächtnis ist z.B. dann besonders gefordert, wenn Schüler sich die Zwischenergebnisse einer Kopfrechenaufgabe merken, längere Sätze verstehen und mehrere Anweisungen befolgen sollen („Schlagt das Buch auf Seite 23 auf und bearbeitet die Aufgaben 4a bis 4c. Anschließend …“). Ein gut funktionierendes Arbeitsgedächtnis ermöglicht es daher, sich an eigene Handlungspläne und an Instruktionen anderer Personen besser zu erinnern, wodurch auch Handlungsalternativen verstärkt berücksichtigt werden können.

Abbildung 1: Arbeitsgedächtnis

Inhibition

Die Inhibition unterstützt situationsangemessenes Verhalten. Vielfach bedeutet dies, nicht ständig von äußeren Bedingungen, den eigenen Emotionen oder fest verankerten Verhaltensweisen beeinflusst zu sein, sondern zielgerichtet und flexibel zu handeln. Durch die Fähigkeit, Verhalten zu hemmen, gelingt es, diejenigen Aktivitäten oder Handlungen zu vermeiden, die einem angestrebten Ziel oder dem aktuellen Kontext entgegenstehen. Mit einer guten Inhibition fällt es also leichter, sich nicht ablenken zu lassen, den Computer nicht einzuschalten, sondern mit den Hausaufgaben zu beginnen oder einen Konflikt mit Worten und nicht mit Fäusten auszutragen.

Abbildung 2: Inhibition

Kognitive Flexibilität

Die kognitive Flexibilität ermöglicht es, den Fokus der Aufmerksamkeit zu wechseln und sich schnell auf neue Anforderungen einstellen zu können. Sie beschreibt zudem die Fähigkeit, Personen und Situationen aus neuen Perspektiven zu betrachten und zwischen diesen Perspektiven zu wechseln. Eine gut ausgebildete kognitive Flexibilität hilft, offen für die Argumente anderer zu sein, aus Fehlern zu lernen und sich auf neue Lebenssituationen und Arbeitsanforderungen schneller und besser einstellen zu können.

Abbildung 3: Kognitive Flexibilität

1 Inhalte und Abbildungen stammen aus: Kubesch, S. (2013). Förderung exekutiver Funktionen und der Selbstregulation im Sport. PFiFF-Lehrwerk. Heidelberg: VERLAG BILDUNG plus.

„Muss das so heißen?“

Katja Weidner

Das fragte mich neulich eine Kollegin in der Gesamtlehrerkonferenz und ergänzte: „Immer wenn ich diesen Begriff exekutive sowieso höre, denke ich an Tote“. Andere pflichteten ihr sofort bei. Unterbrechung – Gelächter – Gemurmel. Das kam mir bekannt vor. Das kenne ich doch aus dem Unterricht? Ich war gerade dabei, mein Kollegium über einen möglichen pädagogischen Tag zum Thema Förderung von exekutiven Funktionen im Unterricht zu informieren und darauf einzustimmen. Eine andere Kollegin nahm den verloren geglaubten Faden wieder auf und schmetterte mir entgegen: „Das ist doch nichts Neues, das machen wir doch schon immer.“ Ich atmete einmal tief durch, schob meinen „Frust“ beiseite und erklärte, dass man in der Gehirnforschung exekutive Funktionen als geistige Fähigkeiten bezeichnet, die das menschliche Denken, Fühlen und Handeln steuern. Eben ausführende Funktionen. Nicht zu verwechseln mit einer Exekution!

Ja, in gewisser Weise machen wir das schon immer, doch bin ich erleichtert, endlich das Kind beim Namen nennen zu können. Häufig stellte ich mir die Frage, warum intelligente Schülerinnen und Schüler in meinem Unterricht über „Kleinigkeiten“ stolpern und ihnen so der Weg zum erfolgreichen Lernen verwehrt bleibt. Wochenplaneinführungen werden da zum unüberwindbaren Hindernis. Manche Kinder reagieren äußerst nervös auf mehrteilige Arbeitsanweisungen und steigen gedanklich schon gleich am Anfang aus.

Bei einigen Kindern scheitert es daran, dass sie spontane Impulse kaum unterdrücken können, da ist jeder plötzliche Reiz wichtiger als das Ziel, eine Aufgabe zu Ende zu bringen. Auf eine Frage der Lehrerin sind Antworten wie „Kann ich kleine Pause machen?“ oder „Wann bekommen wir Essenspause?“ an der Tagesordnung. Aber auch Ausrufe wie „Ich will jetzt lieber Nintendo spielen, das ist mir zu anstrengend!“ verwundern mich nicht mehr.

Ein paar Kinder schlendern plötzlich ziellos durchs Klassenzimmer. Sie haben wohl ihr vorher gefasstes Ziel aus den Augen verloren. Wo wollten sie eigentlich hin? Es fällt ihnen schwer, Prioritäten zu setzen. Lehrerinnen bemerken oft, dass diese Kinder in Freiarbeitsphasen besonders häufig auf die Toilette müssen.

Manche Kinder fallen in der großen Pause durch unbeherrschtes Verhalten auf. Da ist die Stopp-Regel auf dem Schulhof schnell vergessen, wenn die Emotionen überkochen. Diese Kinder haben auch oft Umstellungsprobleme im Unterricht, zum Beispiel von Stillarbeit zu Freiarbeit, von bewegter Pause zu konzentrierter Mitarbeit im Unterricht. Es fällt ihnen schwer, sich auf neue Arbeitsanweisungen einzustellen, aus Fehlern zu lernen oder sich in andere Menschen hineinzuversetzen.

Bei solchen Verhaltensauffälligkeiten oder Lernproblemen geschieht es schnell, dass der Verdacht ADS/ADHS geäußert wird. In meiner Zeit als Lehrerin in München verfolgte ich entsetzt den schlagartigen Anstieg von medikamentös eingestellten – vermeintlichen ADHS – Kindern in den dritten und vierten Klassen. Vielleicht hätte man einigen dieser Kinder schon mit einem gezielten Training exekutiver Funktionen helfen können.

Nun bin ich erleichtert, eine Begründung für diese Phänomene in der Hand zu haben, um auf die Handlungsweisen meiner Schülerinnen und Schüler zielgerichteter reagieren zu können und von vornherein in meine Planung miteinzubeziehen.

Aber mein Kollegium lässt das Thema scheinbar auch nicht los. Vor kurzem spricht mich eine Kollegin im Lehrerzimmer an: „Übrigens habe ich eine Freundin gefragt, was sie wohl unter dem Begriff exekutive Funktionen verstehen würde.“ Ich ahne nichts Gutes, denn die Kollegin fängt schon an zu grinsen. „Meine Freundin meinte, das hätte sicher etwas mit Bestrafung zu tun.“

Von der Forschung ins Klassenzimmer und aufs Spielfeld

Sabine Kubesch und Sonja Hansen

Das Wissensposter wurde entwickelt für: Kubesch, S. (2016). Sport im Fokus. Exekutive Funktionen trainieren. Mentale Stärke ausbilden. Leistung optimieren (im Druck). Heidelberg: VERLAG BILDUNG plus.

Teil 1

Wissenschaftliche Grundlagen zur Bedeutung und Förderung exekutiver Funktionen und der Selbstregulation

Biologische und soziale Einflüsse auf kognitive Kontrollprozesse, die vom präfrontalen Kortex abhängen2

Adele Diamond

Einleitung

Exekutive Funktionen (EF, auch als kognitive Kontrollfunktionen bezeichnet) sind die Voraussetzung für logisches Denken und die Fähigkeit zum Problemlösen und wären, wenn sie „automatisiert ablaufen“ würden, unzureichend oder noch mangelhaft. Sie hängen von einem neuronalen Schaltkreis ab, bei dem der präfrontale Kortex (PFC) eine wichtige Rolle spielt, und werden durch Schädigungen oder Dysfunktionen des PFC beeinträchtigt. Sie sind von entscheidender Bedeutung für psychische Gesundheit, schulische Leistungen und Erfolg im Leben. Die drei zentralen exekutiven Funktionen, auf denen komplexere (wie logisches Denken) aufbauen, sind (1) inhibitorische Kontrolle (einem starken Drang, etwas Bestimmtes zu tun, widerstehen und stattdessen etwas besonders Notwendiges oder Angemessenes tun, z.B. seine Aufmerksamkeit auf etwas fokussieren, diszipliniert eine Aufgabe zu Ende bringen, Selbstkontrolle ausüben und nichts sozial Unverträgliches sagen oder tun); (2) Arbeitsgedächtnis (Informationen im Gedächtnis behalten und mit ihnen arbeiten: Ideen gedanklich verändern; Verbindung herstellen zwischen dem, was man gerade erfährt, hört oder liest, und dem, was man früher erfahren, gehört oder gelesen hat, und eine Wirkung mit der vorausgegangenen Ursache in Zusammenhang bringen); und (3) kognitive Flexibilität (imstande sein, die Perspektive zu wechseln oder den Aufmerksamkeitsfokus zu verlagern; eingefahrene Denkbahnen verlassen, um neue Wege der Problemlösung zu finden) (Diamond, 2006; Huizinga et al., 2006; Lehto et al., 2003; Miyake et al., 2000).

Sowohl Biologie (Gene und Neurochemie) als auch Umwelt (z.B. Schulprogramme) modulieren die Funktionsweise des präfrontalen Kortex und beeinflussen somit exekutive Funktionen. Das Dopaminsystem im PFC mit seinen besonderen Eigenschaften ist verantwortlich dafür, dass der präfrontale Kortex anfällig ist für Umwelteinflüsse und genetische Variationen, die sich andernorts kaum auswirken, und einige dieser Variationen scheinen Männer und Frauen unterschiedlich zu beeinflussen. Inwieweit dies bei Störungen wie ADHS und PKU (Phenylketonurie, angeborene Stoffwechselstörung) relevant ist, wird in den folgenden Abschnitten diskutiert; und es geht um die Frage, wie Genotyp und Geschlecht Einfluss nehmen können, welche Umwelt besonders förderlich ist.

Durch die Erkenntnisse aus der Gehirnforschung werden manche bildungsbezogene Überlegungen auf den Kopf gestellt. „Gehirnbasiert“ bedeutet nicht unveränderbar oder unveränderlich. Exekutive Funktionen hängen vom Gehirn ab, können aber durch geeignete Aktivitäten verbessert werden. Der präfrontale Kortex ist erst im frühen Erwachsenenalter voll ausgereift (Gogtay et al., 2004), doch exekutive Funktionen können schon im ersten Lebensjahr und sicherlich bis zum Alter von vier bis fünf Jahren verbessert werden. Neuroplastizität ist nicht nur ein Merkmal des unreifen Gehirns. Der präfrontale Kortex bleibt selbst bis ins hohe Alter plastisch, und exekutive Funktionen können in jedem Alter verbessert werden. Im Vergleich zu früheren Generationen hinken heutzutage viele Kinder – unabhängig von ihrer Herkunft – wichtigen EF-Fertigkeiten hinterher (Smirnova, 1998; Smirnova & Gudareva, 2004), doch diese Fertigkeiten können ohne Hinzuziehung von Experten und ohne großen Aufwand verbessert werden. Untersuchungen zeigen, dass oft aus Lehrplänen verdrängte Aktivitäten (wie Spielen, Sportunterricht und musische Aktivitäten) eher dazu beitragen, exekutive Funktionen zu verbessern und Schulleistungen zu steigern, als den Schulerfolg zu behindern. Solche Strategien können auch Probleme abwenden helfen, bevor Beeinträchtigungen exekutiver Funktionen, z.B. ADHS, diagnostiziert werden, und dramatische Auswirkungen auf den weiteren Lebensverlauf von Kindern haben. Durch die frühe Verbesserung zentraler EF-Fertigkeiten werden Kinder auf einen erfolgreichen Weg gebracht. Wenn dagegen Kinder bei Schuleintritt diese Fertigkeiten noch nicht entwickelt haben, kann ihre Laufbahn dadurch eine negative Richtung einschlagen, die zu ändern extrem schwierig und teuer sein kann.

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