HANNES PETRISCHAK
ExpeditionArtenvielfalt
Heide, Sand & Seenals Hotspots der Biodiversität
Unter der Mitarbeit vonRalf Donat, Jörg Fürstenow, Tim Funkenberg, Jörg Müller,Peter Nitschke und Matthias Wichmann
Herausgegeben von der Heinz Sielmann Stiftung
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© 2019 oekom verlag MünchenGesellschaft für ökologische Kommunikation mbH,Waltherstraße 29, 80337 München
Umschlaggestaltung: Jorge SchmidtLektorat: Laura Kohlrausch, oekom verlagKorrektur: Maike Specht, BerlinLayout & Satz: Ines Swoboda, oekom verlag
E-Book: SEUME Publishing Services GmbH, Erfurt
Alle Rechte vorbehaltenISBN 978-3-96238-559-0
Inhalt
Füllhorn der Biodiversität – Vorwortvon Josef H. Reichholf
Expedition in heimische Gefilde
Artenvielfalt in Sielmanns Naturlandschaften
Einzigartiges Landschaftsmosaik: die Döberitzer Heide
In den größten Heideflächen Deutschlands: die Kyritz-Ruppiner Heide
Jüngstes Sielmann-Mitglied: die Tangersdorfer Heide
Wasserwelten: Groß Schauener Seen
Neues Leben nach der Kohle: Wanninchen
Faszinierende Pflanzen und Pilze in Sielmanns Naturlandschaften
Die Besenheide – zwischen Dominanz und Pflegebedürftigkeit
Die Einjährigen in der Sandheide: Nacktstängeliger Bauernsenf
Sandheiden und Sandrasen
Ein Highlight Brandenburgs: farbenprächtige Pfeifengraswiesen
Salzwiesen im Binnenland
Moose der Sandheiden und Bergbaufolgelandschaften
Ein Pilzjahr in Sielmanns Naturlandschaften
Exkurs Flechten in Sielmanns Naturlandschaften
Erlebnisse mit kleinen und großen Tieren
Raritäten in der Pfütze: Urzeitkrebse in der Döberitzer Heide
Spinnen – überraschend bunt und vielfältig
Wildbienen und Wespen – Einblicke in kuriose Lebensgeschichten
Spinner, Spanner und andere Kostbarkeiten: Schmetterlinge
Käfer als Sandplatzspezialisten
Meister des Gesangs und der Tarnung: Heuschrecken
Weitere Insekten-highlights in Sand und Heide
Von großen Käfern und alten Eichen
Ein ganz spezieller Fisch: der Europäische Schlammpeitzger
Konzerte am Gewässer: Amphibien
Geschmeidige Sonnenanbeter: Reptilien
El Dorado für Ornithologen: spektakuläre Vogelwelten
Von Wisenten, Wildpferden und Wölfen: die großen Säuger
Naturschutz in Sielmanns Naturlandschaften
Moore und Moorschutz in Wanninchen
Exkurs Neue Landschaftsgestalter: Robinie, Späte Traubenkirsche & Co.
Investitionen in die Bewahrung der Vielfalt
SchlusswortBiodiversität erleben, schätzen und schützen
Karten
Anmerkungen
Über die Autoren
Nachhaltigkeit bei oekom
Füllhorn der Biodiversität
Vorwort
Wo gibt es bei uns die größte Artenvielfalt? In Naturschutzgebieten, möchte man meinen. Ja, richtig, aber nicht in den üblichen Schutzgebieten, sondern in solchen mit besonderer Vorgeschichte, die scheinbar nicht viel mit Naturschutz zu tun hat. Militärisches Übungsgelände, früheres genauso wie bestehendes, und Tagebaufolgeflächen nehmen in Bezug auf Artenreichtum die Spitzenpositionen ein. So gut wie alles, was rar ist oder außerordentlich scheu und zurückgezogen lebt, kommt darin vor: von höchst seltenen Sandlaufkäfern, den »Wölfen« unter den Insekten, bis zu echten Wölfen, von weithin ausgestorbenen Schmetterlingen und Urzeitkrebsen bis zum Ziegenmelker, einem äußerst seltsamen Vogel, und von Orchideen und anderen reizenden Pflanzen bis zu Wisenten. Kaum zu glauben, aber es ist eine bittere Tatsache: Nirgends geht es der Natur so gut wie dort, wo Krieg gegen Menschen geübt wird, aber Friede mit der Natur herrscht; wo Panzer alles niederwälzen, was nicht rechtzeitig fliehen kann, und wo scharf geschossen wird, aber nur auf leblose Ziele. Und nirgendwo sonst kann sich Natur so gut von selbst entwickeln wie auf großen Tagebauflächen, auf denen die ganze Vorgeschichte der Bewirtschaftung durch den Abbau ausgelöscht worden ist und ungestörte Neuanfänge ablaufen können.
Was heißt das für uns, die wir an der Natur interessiert sind und ihre Erhaltung anstreben? Welche Lehren sollten wir aus der Lebensvielfalt von militärischen Übungsflächen und Bergbaufolgelandschaften ziehen? Davon handelt dieses Buch.
Allein der Blick auf die Bilder zeigt, dass es ganz Besonderes enthält: eine beeindruckende Fülle, die wirklich die Charakterisierung »Vielfalt« verdient, verbunden mit Lehrstücken zum Umgang mit der Natur; mit jenen Restflächen wenigstens, die dank der besonderen Umstände erhalten geblieben sind. Die Vernichtung des Vorhandenen wurde in Sielmanns Naturlandschaften die Basis für Neues, das doch wieder Altes ist, nämlich die Rückkehr der früher weitverbreiteten Artenvielfalt. Sowohl militärische Übungsflächen als auch Bergbaufolgelandschaften waren Sperrgebiete, die eine intensive landwirtschaftliche Nutzung verhinderten. Stark beschränkt bleibt die Zugänglichkeit der Gebiete auch heute – weshalb das so sein muss, zeigen die folgenden Kapitel. Sie zeigen aber auch, dass die großartige Artenvielfalt dieser Gebiete durchaus erlebbar ist, auf ausgesprochen attraktive Weise sogar. Denn was dort praktiziert wird, ist Naturschutz, der wirkt, aber dennoch uns Naturfreunde, die wir nicht stören wollen, nicht aussperrt. Der staatliche Naturschutz stuft uns dagegen von vornherein als Störenfriede ein, mit dem Ergebnis, dass sich immer weniger Menschen, vor allem Kinder und Jugendliche, die von diesem Aussperr- und Verbotsnaturschutz betroffen sind, für die Tiere und Pflanzen und ihre Erhaltung interessieren.
Der Artenschwund geht weiter, weil er die Falschen trifft. Längst hat er katastrophale Ausmaße angenommen. Selbst die früheren militärischen Übungsflächen und die Tagebaufolgeflächen, auf die wir in diesem Buch einen Blick werfen, sind keine glückseligen Inseln in paradiesischem Naturzustand. Düngende Stoffe, die auf dem Luftweg kommen, wirken auf sie ein. Wenn man hier nicht aktiv eingriffe, würden die offenen, besonders artenreichen Flächen daher rasch zuwachsen. Wald würde sich darauf entwickeln. Zwar wäre dieser immer noch weit artenreicher als die gepflanzten und bewirtschafteten Forste, aber ein Großteil der besonderen Arten, der echten Raritäten, würde verschwinden.
Die speziell auf die Erhaltung der Artenvielfalt ausgerichteten Pflegemaßnahmen der Heinz Sielmann Stiftung sorgen dafür, dass die Gebiete ein Zuhause für diese seltenen Arten bleiben. Ihre Naturschutzkonzepte, die auf den ehemaligen Truppenübungsplätzen der Döberitzer Heide, der Kyritz-Ruppiner Heide, der Tangersdorfer Heide, an den Groß Schauener Seen und in der Bergbaufolgelandschaft Wanninchen umgesetzt werden, beweisen, dass es sehr wohl möglich ist, die Artenvielfalt zu erhalten und weiter zu fördern. Sie gehören damit zu den Vorzeigeprojekten des Naturschutzes in Deutschland. Natürlich kosten sie Geld, viel Geld. Aber sie sind es wert; weit mehr als so manche Naturschutzaktivität, die sich lediglich als Aktionismus ohne Wirkung herausstellt – oder als Etikettenschwindel wie die Naturschutzmaßnahmen, in die EU-Agrarförderungsmittel fließen. In diesen stecken mehr Millionen als in den Projekten der Heinz Sielmann Stiftung.
Ein Weibchen des Wachtelweizen-Scheckenfalters (Melitaea athalia) in der Döberitzer Heide. HP
Warum ist das so? Die kurze Antwort lautet: Artenvielfalt braucht strukturelle Vielfalt der Landschaft(en) und »magere«, nährstoffarme Verhältnisse. Mangel ist die Grundlage der Vielfalt, Überfluss ihr Ende. Die Ausräumung der Fluren zugunsten möglichst großer, einheitlicher Produktionsflächen und Überdüngung sind die Hauptursachen für den gewaltigen Schwund der Biodiversität im letzten halben Jahrhundert. Längst übertreffen sogar die Großstädte »das Land« an Artenvielfalt und damit auch an Lebensqualität. Aber diese »Stadtnatur« kann nur einen Teil und nicht die ganze Artenvielfalt sichern. Nicht alle Arten von Tieren und Pflanzen sind in der Lage, in den Städten zu leben, auch wenn man sie dort leben ließe. Für größere und große Tierarten sind die Flächen, die es innerhalb der Städte für sie gäbe, oft einfach zu klein. Die Bergbaufolgelandschaften und die militärischen Übungsflächen sind hingegen groß genug, der Fläche nach übertreffen sie die meisten Naturschutzgebiete. Das macht sie so wertvoll. Für die Erhaltung der Artenvielfalt sind sie unentbehrlich und durch die üblichen Naturschutzgebiete nicht zu ersetzen. Diese Feststellung ist nicht übertrieben – das geht aus diesem Buch höchst eindrucksvoll hervor. Es weist den Weg zu einem nachhaltigen Naturschutz. Ich bin begeistert davon!
Josef H. Reichholf, Februar 2019
Eine Heidekraut-Sandbiene (Andrena fuscipes) an Besenheide (Calluna vulgaris). HP
Expeditionin heimischeGefilde
Drei ehemalige Truppenübungsplätze als Refugien für viele höchst gefährdete Arten, eine idyllische Seenkette und eine Mondlandschaft, die sich seit dem Rückzug der Braunkohlebagger längst in ein Naturparadies verwandelt hat – das sind Sielmanns Naturlandschaften in Brandenburg. Auf einer Fläche von zusammen über 12.000 Hektar werden hier einzigartige Lebensräume geschützt und erlebbar gemacht. Kurioserweise verdanken dabei die wertvollsten Lebensräume ihre Existenz den historischen Kräften von Panzern und Baggern.
Artenvielfalt in Sielmanns Naturlandschaften
Wer sich auf Expedition begeben möchte, um seltene Tiere und Pflanzen in einzigartigen Lebensräumen zu entdecken, muss dafür nicht nach Afrika, in den Himalaja oder an den Amazonas reisen.
In der Döberitzer Heide beispielsweise, direkt westlich von Berlin, hat man in der Wüste – so heißt dort tatsächlich ein Offenlandbereich, der früher Übungsstrecke für Panzerfahrer und damals noch viel »wüstenhafter« war – mit etwas Glück freie Sicht auf Gruppen der einst fast ausgestorbenen Wisente und Przewalski-Pferde. Im Frühling ertönt in dieser Landschaft entlang der insgesamt 55 Kilometer langen Wanderwege ein vielstimmiges Konzert von Grau- und Goldammer, Braun- und Schwarzkehlchen, Feld- und Heidelerche. Immer wieder erklingen die unverwechselbaren Rufe von Wiedehopf und Pirol.
Ebenso ein Sammelbecken für Artenvielfalt ist die skurril karge und doch reich mit Sanddünen und Wasserflächen strukturierte Landschaft, die die Braunkohlebagger in Wanninchen im Süden Brandenburgs hinterlassen haben. Im Herbst kann man hier dem Einflug der rastenden Kraniche zusehen. Manchmal gesellt sich am gegenüberliegenden Ufer vor den Augen staunender Beobachter sogar der eine oder andere Wolf dazu. Im Winter sammeln sich Singschwäne und Seeadler an den Wasserflächen der Bergbauseen.
Die Heinz Sielmann Stiftung betreut als ideelles Erbe des legendären Tierfilmers Heinz Sielmann rings um Berlin fünf solcher großflächiger Gebiete, in denen jeder Naturfreund auf seine Kosten kommt. Wer sich für Schmetterlinge begeistert, wird sich an den Argus-Bläulingen im rotviolett blühenden Meer aus Heidekraut in der Kyritz-Ruppiner Heide im Nordwesten Brandenburgs nicht sattsehen können – und manche Expedition findet schon auf den sandigen Wegen ihr Ziel, auf denen man beobachten kann, wie Wegwespen erbeutete Spinnen vergraben oder Filzbienen versuchen, in die Bodennester von Seidenbienen einzudringen.1 Sogar wer mitten im Winter in der Heide wandert, kann sich über die rot leuchtenden Rasen aus Becherflechten freuen, die eine kaum überschaubare Vielfalt an Flechtenarten auf dem Sandboden andeuten.
Die Vergangenheit der fünf Landschaften mag zunächst verwundern: Militärische Schießübungen und der Abbau von Braunkohle entsprechen nicht gerade der Idealvorstellung einer Welt mit Zukunft. Und doch haben gerade diese menschlichen Tätigkeiten ganz wesentlich die Voraussetzung dafür geschaffen, dass Arten wie der Steinschmätzer und der Eisenfarbige Samtfalter in Deutschland noch nicht ausgestorben sind. Einst waren diese Arten viel weiter verbreitet und deutlich häufiger; sie haben sogar von den menschlichen Aktivitäten in einer reich strukturierten Kulturlandschaft profitiert. Aus der heutigen intensiv genutzten, monotonen, mit Dünger und Pestiziden überfrachteten Agrarlandschaft sind sie jedoch längst verschwunden, und unzählige weitere Arten sind ebenfalls auf dem Rückzug. Unsere Landschaften werden eintöniger und stiller. Stichworte wie »Insektensterben« und das »Verstummen der Vögel« haben zwar das öffentliche Bewusstsein inzwischen zumindest teilweise erreicht, aber ein echter Wandel hat trotz vieler ermutigender Initiativen noch nicht eingesetzt.
Typische Naturbeobachtung in der Döberitzer Heide im Spätwinter: Ein Wisent stärkt sich an Baumrinde. HP
Daher wollen wir einen Blick in diese Refugien der Artenvielfalt werfen, um die Augen für das zu öffnen, was es hier zu entdecken, zu erleben und zu schützen gilt. Ein einzelnes Buch kann das natürlich nicht in vollem Umfang leisten, sondern muss sich mit Schlaglichtern begnügen. Einblicke in das Verhalten, den Lebenszyklus und die ökologischen Wechselwirkungen von Tieren, Pflanzen und Pilzen sollen dabei Zugänge zu einem besseren Verständnis und zu einem bewussteren Erleben der Natur in ihrer überwältigenden Vielfalt ermöglichen.
Bevor wir die Arten näher betrachten, seien die Stiftung und die Landschaften mit ihren bewegten Geschichten kurz selbst vorgestellt. Die Heinz Sielmann Stiftung wurde im Jahr 1994 von Heinz und Inge Sielmann gegründet. Ihre Ziele umfassen neben dem Erhalt und der Entwicklung gefährdeter Lebensräume eine Umweltbildung, bei der das persönliche Erleben der Natur im Vordergrund steht, die Sensibilisierung und Aktivierung der Öffentlichkeit für den Naturschutz sowie die Bewahrung des Naturfilmarchivs von Heinz Sielmann für eine künftige Nutzung. In »Sielmanns Naturlandschaften Brandenburg« hat die Stiftung über 12.000 Hektar Fläche für den Naturschutz gesichert. Bei den Schutzgebieten in Brandenburg handelt es sich mit der Döberitzer Heide (3.600 Hektar), der Kyritz-Ruppiner Heide (4.000 Hektar Nationales Naturerbe) und der erst im Jahr 2016 erworbenen Tangersdorfer Heide (279 Hektar) um ehemalige Truppenübungsplätze, die hochgradig munitionsbelastet sind. Die Groß Schauener Seen (1.150 Hektar) bilden eine eiszeitlich entstandene Seenkette. Wanninchen (3.300 Hektar) umfasst hauptsächlich die erwähnte Bergbaufolgelandschaft in der Niederlausitz, aber beispielsweise auch Moore und alte Laubwälder. Die Aspekte des Naturschutzes in diesen Landschaften sind sehr vielfältig; dazu zählen etwa die schrittweise Wiedervernässung von Mooren, die durch den Braunkohletagebau in Wanninchen in Mitleidenschaft gezogen wurden, die Mitwirkung von Wisenten und Przewalski-Pferden beim Erhalt einer strukturreichen Landschaft in der Döberitzer Heide und die Möglichkeiten einer zielgerichteten Landschaftspflege auf munitionsbelasteten Flächen.
Einzigartiges Landschaftsmosaik: die Döberitzer Heide
Die Naturlandschaft Döberitzer Heide liegt in direkter Nachbarschaft zu Berlin-Spandau und nördlich von Potsdam. Sie umfasst zu großen Teilen die beiden Naturschutzgebiete Döberitzer Heide und Ferbitzer Bruch und ist sowohl ein Schutzgebiet gemäß der Fauna-Flora-Habitatrichtlinie der Europäischen Union (FFH) als auch europäisches Vogelschutzgebiet (SPA, Special Protection Area). Das Gebiet gehört zum ehemaligen Truppenübungsplatz Döberitz. Die Döberitzer Heide liegt im Jungmoränengebiet der Weichselvereisung und ist hinsichtlich ihrer Relief- und Bodenstruktur sehr vielfältig: Durch das Gebiet zieht sich von Nordwesten nach Südosten eine Endmoräne aus sandig-kiesigen bis sandig-lehmigen Ablagerungen. Daran grenzt südwestlich eine eiszeitliche Schmelzwasserrinne mit dem heutigen Ferbitzer Bruch an, in der ein äußerst bedeutendes Feuchtgebiet auf Niedermoorböden liegt. Nordöstlich des Höhenzuges finden sich ebene Flächen aus Geschiebemergel, der meist von sandig-kiesigen Schmelzwasserablagerungen überdeckt wird. Darin eingebettet sind einige eiszeitlich entstandene, teils rinnenartige Hohlformen mit Mooren.2
Die ersten militärischen Aktivitäten fanden hier ab 1713 statt, was die Döberitzer Heide zu einem der ältesten Truppenübungsgelände Deutschlands macht. Nach der Ausweisung eines großen Teils des Gebiets als Truppenübungsplatz im Jahr 1895 wurde der damals vorhandene Wald fast flächendeckend abgeholzt und die in dem Gebiet liegende Ortschaft Döberitz aufgelöst. Es folgte eine fast 100 Jahre dauernde intensive militärische Nutzung durch kaiserliche Armee, Reichswehr, Wehrmacht und russische Truppen. 1936 löste sich auch die zweite auf dem Gebiet liegende Ortschaft Ferbitz infolge der Truppenplatzerweiterung auf. Zahlreiche Panzer zerpflügten das Gebiet bis Anfang der 1990er-Jahre und hielten große Sandbereiche frei von Vegetation. Durch die großen offenen Sandflächen gab es immer wieder Sandstürme, auch Brände gehörten zu den häufigen Erscheinungen. Zudem wurden regelmäßig Treib- und Drückjagden durchgeführt – die Döberitzer Heide war daher nahezu wildfrei. Es fanden Zielübungen statt, und aus Panzerausbildungsschießständen wurde mit kleinem 23-Millimeter-Rohr aus den Panzern heraus geschossen. Manöver wurden überwiegend in Bataillonsstärke abgehalten, also mit etwa 300 bis 400 Mann. Auf dem Truppenübungsplatz befanden sich außerdem eine Panzerabwehrlenkraketenschießbahn, ein Pionier- und ein Handgranatenübungsplatz, ein Lager für taktische Raketen und der älteste Militärflugplatz in Deutschland.
1992 endete schließlich die militärische Nutzung, und 2004 erwarb die Heinz Sielmann Stiftung die Döberitzer Heide. Südöstlich der Heide befindet sich noch heute ein 560 Hektar großer Standortübungsplatz der Bundeswehr.
Die Landschaft repräsentiert ein deutschlandweit wohl einzigartiges Mosaik verschiedener wertvoller Lebensräume wie Eichenwälder, Trockenrasen, Heiden, Flugsandfelder, Binnendünen, Moore, Pfeifengraswiesen, Röhrichte und Kleingewässer. Etwa die Hälfte der Fläche ist als Kernzone nicht zugänglich; in diesem umzäunten Bereich leben neben Rotwild derzeit rund 80 Wisente und 25 Przewalski-Pferde, die auf »natürliche« Art die Erhaltung der Offenlandschaft unterstützen. In der teilweise von Wanderwegen durchzogenen Ringzone wird diese Aufgabe von Schafen, Ziegen, Galloway-Rindern, Wasserbüffeln, Eseln, Aueroxen und Konik-Pferden übernommen. Ein 22 Kilometer langer Wanderweg führt um die Kernzone herum, weitgehend direkt am Zaun entlang, sodass man einen guten Blick auf die Kernzone und ihre Bewohner hat.3
Düne in der Kyritz-Ruppiner Heide. JF
In den größten Heideflächen Deutschlands: die Kyritz-Ruppiner Heide
Die Kyritz-Ruppiner Heide befindet sich in der Nähe der Städte Wittstock/Dosse, Neuruppin und Rheinsberg, direkt angrenzend an den Naturpark Stechlin-Ruppiner Land. Sie zeichnet sich vor allem durch ausgedehnte Zwergstrauchheiden mit dem dominierenden Heidekraut (Calluna vulgaris) aus. Die Landschaft ist Teil des FFH-Gebiets Wittstock-Ruppiner Heide, das bundesweit die größte Fläche des Lebensraumtyps Trockene europäische Heide umfasst (zum Vergleich: In der Lüneburger Heide gibt es davon etwa 3.000 Hektar, hier etwa 5.000 Hektar). In der Weichseleiszeit haben sich 15 bis 30 Meter dicke Sanderflächen, also von eiszeitlichen Schmelzwässern abgelagerte Sandschichten, gebildet. Nach der Eiszeit wurden bedeutsame Binnendünen aufgeweht, deren Bildungsprozesse später durch die militärische Nutzung zeitweilig sogar wieder neu aktiviert wurden, weil dabei die Vegetation entfernt wurde, die den Sand längst überwachsen und damit festgelegt hatte.
Nach Jahrhunderten wechselvoller Nutzung durch Landwirtschaft und Aufforstung mit Kiefern begannen 1942 militärische Nutzungen, bevor ab 1948 die Rote Armee hier Schießübungen abhielt. Es folgten großflächige Entwaldungen durch Abholzungen sowie durch Brände, die durch die militärischen Aktivitäten ausgelöst wurden. Nach Jahrzehnten intensiver Beanspruchung als Truppenübungs- und Bombenabwurfplatz zogen die Streitkräfte der Russischen Föderation 1993 ab. Danach plante die Bundeswehr, das Gebiet weiter als Truppenübungsplatz zu verwenden, was jedoch von Beginn an von öffentlichen Protesten begleitet wurde – 2011 löste die Bundeswehr den Truppenübungsplatz schließlich auf.
Das Gebiet befindet sich noch heute im Eigentum des Bundes. Ende 2012 erhielt die Heinz Sielmann Stiftung 4.000 Hektar im Süden des Gebietes zur Nutzung (Nießbrauch) zum Zwecke des Naturschutzes.4 Forstliche Aktivitäten und Landschaftspflege erfolgen durch den Bundesforstbetrieb Westbrandenburg; vorrangige Ziele sind dabei die Erhaltung der wertvollen Offenlandlebensräume und die Entwicklung dichter Kiefernbestände in den Randbereichen zu naturnahen Kiefern- und Laubholzmischwäldern. Aufgrund der hohen Munitionsbelastung dürfen die Flächen öffentlich nicht betreten werden; allerdings wurde nach entsprechender Munitionsberäumung ein rund 13 Kilometer langer Wanderweg freigegeben, der von den Ortschaften Neuglienicke, Pfalzheim und Rossow aus erreichbar ist und einen Aussichtspunkt (»Sielmann-Hügel«) mit Aussichtsturm beinhaltet. Von hier aus ist die Heidelandschaft eindrucksvoll erlebbar.5
Jüngstes Sielmann-Mitglied: die Tangersdorfer Heide
Die Tangersdorfer Heide liegt innerhalb des Naturparkes Feldberg-Uckermärkische Seenlandschaft im Naturschutzgebiet »Kleine Schorfheide« nahe der Stadt Lychen. Begrenzt wird die Tangersdorfer Heide im Südwesten von der Havel. Geologisch gesehen, umfasst der Bereich hauptsächlich Sander und Dünenkomplexe sowie eine glaziale Rinne, die tief in die ebene Hochfläche der sprichwörtlichen Streusandbüchse eingeschnitten ist.6
In der Vergangenheit wurde die Tangersdorfer Heide durch die Sowjetarmee intensiv als Truppenübungsplatz militärisch genutzt. Diese Nutzung begann im Jahr 1949 mit der Einrichtung eines geplanten Artillerieschießplatzes der Garnison Vogelsang.7 Dafür wurden um Tangersdorf bis 1950 auf insgesamt 3.200 Hektar Holzbodenfläche Bäume gerodet. Aus der geschaffenen Freifläche entstand schließlich ein Übungsplatz für eine Panzerdivision, sodass auf dieser Fläche durch ständige Feuer und Bodenverletzungen die Wiederbewaldung aufgehalten wurde. Große Mengen von Blindgängern und Militärschrott im Boden sind das Erbe dieser Zeit. Seit Dezember 1991 fand keine militärische Nutzung mehr statt.8
Im nördlichen Teil der Tangersdorfer Heide erstreckt sich ein in weiten Teilen monotoner Kiefernforst. Um zukünftig eine naturnahe Waldstruktur zu fördern, sollen die vorhandenen Laubbaumgruppen gefördert werden. Ziel dabei ist die Entwicklung artenreicher, strukturrreicher und stabiler Mischbestände. Eine landschaftliche Besonderheit des Gebietes ist das »Totalreservat Milten«, die so genannte Miltenrinne, ein Gewässer in einer glazialen Rinne. Das ehemals langgestreckte Gewässer ist heute streckenweise verlandet und bietet einer Vielzahl von Sumpf- und Wasserpflanzen einen Lebensraum. Auch der Biber ist in der Miltenrinne zu Hause. Er baut hier Dämme und beeinflusst so die gesamte Gewässerdynamik. Nur ein rund 60 Hektar großer Bereich der Tangersdorfer Heide war bis zum Ende der militärischen Nutzung offen gehalten worden, auf dem sich bald Zwergstrauchheiden mit Besenheide (Calluna vulgaris) angesiedelt haben. Nach inzwischen mehr als 25 Jahren konnten aber in diesen Heiden auch zahlreiche Bäume Fuß fassen. Vorwälder mit Kiefern (Pinus sylvestris), Birken (Betula pendula) und Espen (Populus tremula) etablierten sich zunehmend und drohten die Heide zu verdrängen, mit all ihren seltenen Arten. Um dieser Entwicklung entgegenzusteuern und die wertvollen Offenlandbereiche zu erhalten, wurden im Jahr 2018 auf großer Fläche die Gehölze entnommen und die überalterten Heidebestände wieder revitalisiert. Auf diese und weitere Naturschutzmaßnahmen in Sielmanns Naturlandschaften geht das Schlusskapitel dieses Buches näher ein.
Wasserwelten: Groß Schauener Seen
Die Groß Schauener Seenkette liegt rund 50 Kilometer südlich von Berlin nahe der Stadt Storkow im Naturpark Dahme-Heideseen. Einst durch Nährstoffeinträge aus Geflügelhaltung und durch intensive Fischerei geschädigt, haben sich die Flachwasserseen und ihre Uferbereiche mittlerweile zu einem echten Naturparadies entwickelt, in dem auch Heinz Sielmanns Lieblingstier, der Fischotter (Lutra lutra), heimisch ist. Von besonderem naturschutzfachlichen Wert sind die Binnensalzstellen in der Umgebung der Seen mit einer ganz speziellen Pflanzenwelt, die man sonst eher an der Nordseeküste erwartet. Seit 2001 zählen Wasserflächen und Uferabschnitte zu Sielmanns Naturlandschaften. Hinter ausgedehnten Röhrichtbeständen führt entlang des Seeufers ein rund 1,5 Kilometer langer, im Jahr 2017 neu gestalteter Naturlehrpfad durch einen außergewöhnlichen Erlenbruchwald mit fließenden Übergängen zum höher gelegenen Kiefernwald und schließlich entlang von Feuchtwiesen und Feldgehölzen zu einem hölzernen Aussichtsturm bei dem Ort Selchow. Von hier aus bietet sich ein weiter Blick über Schilf- und Wasserflächen – nicht selten zeigt sich der Fischadler (Pandion haliaetus) als Teil der überaus reichen Vogelwelt, zu der auch Rohrdommel (Botaurus stellaris) und Blaukehlchen (Luscinia svecica) zählen.
Fischotter (Lutra lutra). RD
Fischadler (Pandion haliaetus). MP
Neues Leben nach der Kohle: Wanninchen
Der Braunkohletagebau hat die Landschaft in der Niederlausitz über viele Jahrzehnte dramatisch verändert und kennzeichnet noch heute weite Teile Südbrandenburgs durch aktiven Kohleabbau oder große Sanierungsflächen. Über Jahrhunderte gewachsene Kulturlandschaft, Dörfer und ihre Bewohner sowie wertvolle Lebensräume für viele Tiere und Pflanzen mussten der Kohle weichen. War ein Tagebau ausgekohlt, begann der nächste. Mit den Erdmassen neuer Tagebaue wurden die alten verfüllt. Mit der politischen Wende und der unter marktwirtschaftlichen Bedingungen infrage gestellten Kohleförderung wurde dieses System in einigen Gebieten unterbrochen. Nun lagen riesige Flächen unsaniert brach, und eine Neuorientierung war notwendig. Die Erarbeitung von Sanierungsplänen, die sowohl die bergrechtlichen Belange als auch die künftigen Nutzungsansprüche in der Bergbaufolgelandschaft berücksichtigen, erfolgte ab Anfang der 1990er-Jahre. In Abschlussbetriebsplänen wurden die künftige Nutzung der Flächen und die dazu erforderlichen Maßnahmen festgeschrieben. Der überwiegende Teil der neuen Flächen wurde in diesem Zuge für die Land- und Forstwirtschaft rekultiviert. Vor allem an den großen Seen (Lausitzer Seenland) entwickelten sich Angebote für Naherholung und Tourismus.
Die Bergbaufolgelandschaft um Wanninchen entstand aus den beiden Tagebauen Schlabendorf-Nord (1957–1977) und Schlabendorf-Süd (1975–1991) im Nordraum des Lausitzer Reviers. Aus einer Tiefe von bis zu 40 Metern wurden dort auf einer Fläche von fast 5.800 Hektar mehr als 300 Millionen Tonnen Braunkohle gefördert. Dabei mussten sieben Ortschaften mit insgesamt 745 Einwohnern den Tagebaufeldern weichen.
1991 wurde hier die Förderung von Braunkohle eingestellt und Planungen für neue Aufschlüsse verworfen. Nun lagen riesige Flächen brach, denn eine vorgesehene Sanierung, insbesondere die Verfüllung der Restlöcher, war auf Erdmaterial neu aufzuschließender Tagebaue angewiesen – und diese waren nicht mehr vorgesehen. Mit der vorhandenen Landschaft und dem Wissen, dass durch einen geplanten Grundwasserwiederanstieg aus den Löchern große Seen und grundwassernahe Vernässungsflächen entstehen würden, mussten neue Nutzungskonzepte entwickelt werden. Große Anstrengungen wurden unternommen, um im öffentlichen Kontext eine Sanierungsplanung, also die Wiedernutzbarmachung der Flächen, zu erarbeiten.
Dank eines sehr präsenten ehrenamtlichen Naturschutzes in der Niederlausitz mit dem Wissen über naturschutzfachliche Besonderheiten und Entwicklungspotenziale dieser Landschaft gelang es durch die frühzeitige Beteiligung an der Sanierungsplanung, Naturschutzvorrangflächen zu definieren und bereits 1996 die ersten Naturschutzgebiete auszuweisen. Bewusst wurden auch die ehemaligen Bergbauflächen in das Konzept des 1997 eröffneten Naturparks »Niederlausitzer Landrücken« aufgenommen. Trotz des Engagements für den Schutz dieser ökologisch wertvollen Flächen standen jedoch zunächst die Rekultivierung, Wiedernutzbarmachung und Verwertung der Flächen im Vordergrund. Im Jahr 2000 erwarb dann die Heinz Sielmann Stiftung die ersten 772 Hektar der unsanierten Bergbaufolgelandschaft. Hier entstand die erste »Sielmanns Naturlandschaft« in Brandenburg. Neben der Artenvielfalt auf den Flächen, einer reichen Strukturvielfalt sowie Großflächigkeit, Unzerschnittenheit und Nährstoffarmut sah Heinz Sielmann hier vor allem die Möglichkeit, Naturschutz auf großen, durch Eigentum langfristig gesicherten Flächen umzusetzen. Gleichzeitig sah die Stiftung die Chance, sich als Flächeneigentümer in die bergrechtlich erforderliche Sanierungsplanung und -umsetzung mit dem Ziel einzubringen, beispielhaft eine naturschutzorientierte Sanierung zu realisieren und dabei die Strukturvielfalt zu erhalten oder neu zu schaffen.
Noch bis Ende der 1980er-Jahre war das Bild um Wanninchen von tiefen Löchern und riesigen Baggern gekennzeichnet. RD
Wie Dünen muten die alten Abraumhalden an, die für die Spezialisten unter den Tier- und Pflanzenarten neue Lebensräume bieten. RD
Durch Niederschläge entstandene Wasseransammlungen bilden die ersten aquatischen Lebensräume für einige Wasserinsekten und Amphibien. Oft sind es nur Tümpel, die als Wildschweinsuhle dienen und im Laufe des Jahres austrocknen. RD
Der Wellenschlag nagt an den Rändern der Bergbauseen und lässt strukturreiche Uferbereiche entstehen. Abbruchkanten formen die Landschaft immer wieder neu und ermöglichen Uferschwalben ideale Brutplätze. RD
Immer wieder kommt es zu Grundbrüchen in Wanninchen, bei denen Flächen wegsacken und neue Strukturen entstehen. RD
Heute stellt Sielmanns Naturlandschaft Wanninchen als einzigartiges Naturparadies mit einer Größe von über 3.000 Hektar eines der größten Naturschutzprojekte in den Bergbaufolgelandschaften Deutschlands dar. Ein Großteil der Flächen gehört strengen Schutzgebietskategorien an: 100 Prozent der Fläche liegen im SPA-Gebiet »Luckauer Becken«, 66 Prozent sind Schutzgebiet gemäß der europäischen Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH) und Naturschutzgebiet gemäß dem Bundesnaturschutzgesetz (NSG). Wanninchen umfasst vegetationslose Sanddünen, ausgedehnte Trockenrasenflächen, große Seen, Vernässungsbereiche, junge Wälder und Heckenstrukturen. Tertiäre, aus der Tiefe hervorgebaggerte Sande verhindern an vielen Stellen eine rasche Besiedlung von Pflanzenarten und verlangsamen somit die Sukzession, also die Abfolge der Neubesiedelung durch Vegetation. Steppenartige Trockenrasen, offene Sandflächen sowie unterschiedliche Sukzessionsstadien geben der Bergbaufolgelandschaft ein abwechslungsreiches Bild. Die meist extremen Standorte bilden Lebensgrundlagen für Spezialisten unter den Pflanzen und Tieren. Ein wesentliches Merkmal der Bergbaufolgelandschaft ist die enorme Dynamik der Landschaftsentwicklung: Das für die Kohleförderung bis auf 45 Meter tief abgesenkte Grundwasser ist wieder angestiegen, und es entstanden ausgedehnte Sumpfgebiete sowie Seen unterschiedlichster Strukturen. Aus einer vorbergbaulich gewässerarmen Region wurden so weite Seenlandschaften. Schon heute werden diese Seen und Vernässungsbereiche von mehreren tausend Kranichen als Rastplatz sowie von mehreren zehntausend nordischen Gänsen als Schlafplatz genutzt. Fischotter und Wolf, aber auch viele bundesweit stark gefährdete Insekten haben hier neue Lebensräume gefunden.9
Allerdings beeinträchtigen geologische Störungen die touristische Entwicklung der Flächen. Der Wiederanstieg des Grundwassers, die Struktur des Bodensubstrats sowie die Lage der Flächen in Hangneigung am Rande des Niederlausitzer Landrückens verursachen Grundbrüche und Rutschungen, bei denen oft mehrere Hektar ohne erkennbaren Auslöser mehrere Meter zusammenbrechen. Derzeit sind daher die wenigsten Flächen von Sielmanns Naturlandschaft Wanninchen betretungssicher im Sinne des Bergrechts. Grundbrüche, Bodensenkungen und Geländerutschungen verursachen regelmäßig dynamische Prozesse, die unvorhergesehen eintreten können, das Landschaftsbild stetig ändern und eine Gefahr für Besucher darstellen. Vorsorglich ist ein Großteil des Gebietes gesperrt. Ursachenermittlung, Entwicklung von Sanierungstechnologien und -umsetzung auf der Fläche werden noch mehrere Jahre in Anspruch nehmen.
Mit der Kamera in der Hand lernen Teilnehmende der Naturfotocamps, die Natur im Fokus zu erkunden. RD
Im einzigen Gebäude, das die Kohlebagger 1985 vom Dorf Wanninchen übrig ließen, befindet sich direkt am Schlabendorfer See das Heinz Sielmann Natur-Erlebniszentrum Wanninchen. Es ist zugleich das offizielle Besucherzentrum des Naturparks Niederlausitzer Landrücken. Ausstellungen informieren über die Entwicklung der Bergbaulandschaft, die Geschichte der abgebaggerten Dörfer sowie vor allem die Tier- und Pflanzenwelt der Region. Zahlreiche Exkursionen, Naturfotoseminare und Vorträge füllen den Veranstaltungskalender das ganze Jahr über. Während der Hauptsaison – zur herbstlichen Rast der Kraniche – werden eine Vielzahl von Beobachtungen und Veranstaltungen angeboten. Die Aktionstage, Camps und Erlebnisveranstaltungen der Wildnisschule richten sich vor allem an Kinder und Jugendliche. Im weitläufigen Außengelände können Reptiliengehege, Findlingsgarten, Erlebnisweiher und Moorsteg erforscht werden. Eine barrierefreie Aussichtsplattform bietet einen Panoramablick in Sielmanns Naturlandschaft Wanninchen.
Kranichcamps für Kinder und Jugendliche gehören seit vielen Jahren zu den beliebten Angeboten. Hier tauchen die Teilnehmenden in das Leben der Kraniche ein. RD
Sumpf-Knabenkraut (Orchis palustris) auf den Pfeifengraswiesen im Ferbitzer Bruch. HP
Faszinierende Pflanzen und Pilze in Sielmanns Naturlandschaften
Heidekraut prägt das Landschaftsbild in weiten Bereichen der ehemaligen Truppenübungsplätze. Dies beruht auf speziellen Anpassungen dieser Pflanze an nährstoffarme, offene Standorte. Zum besonderen Reichtum der Landschaften gehören aber auch Sandtrockenrasen, Pfeifengraswiesen und Binnensalzstellen mit zahllosen botanischen Kostbarkeiten von Sand-Strohblume über Erdbeer-Klee bis zum Sumpf-Knabenkraut. Rund ums Jahr lohnt sich auch ein genauer Blick auf die Vielfalt der Moose, Pilze und Flechten.
Die Besenheide – zwischen Dominanz und Pflegebedürftigkeit
Die Besenheide (Calluna vulgaris) gehört zur Familie der Heidekrautgewächse (Ericaceae), verholzenden Zwergsträuchern. Sie prägt im August und September mit einem prächtigen Blütenteppich das Bild weiter Flächen der Kyritz-Ruppiner, der Tangersdorfer und teilweise auch der Döberitzer Heide und ist kennzeichnend für die nach europäischem Recht zu schützenden und zunehmend gefährdeten Lebensraumtypen »Trockene europäische Heiden« und »Trockene Sandheiden mit Calluna und Genista (Dünen im Binnenland)«, in denen viele seltene und attraktive Tierarten leben.
Mitte August steht die Besenheide (Calluna vulgaris) in voller Blüte. MW
Die Blüten der Besenheide erscheinen im Spätsommer und sind in einseitswendigen, also zu einer Seite gerichteten Trauben angeordnet. Die Einzelblüten haben eine doppelte Krone aus jeweils vier rot-violetten Blütenblättern. Die äußere Krone ist, botanisch gesehen, der Kelch, der aber hier wie die eigentliche Krone gefärbt ist und diese sogar überragt. Besenheide kann bis zu einen Meter hoch und bis zu 40 Jahre alt werden. Neben dem allgemeingültigen Namen Besenheide trägt die Pflanze weitere, oft regionaltypische Namen wie zum Beispiel »Heide«, »Blutheide«, »Brüsch«, »Hei« und »Brauttreue«.
Nur sehr wenige Arten höherer Pflanzen schaffen es, sich an die nährstoffarmen und trocken-sandigen Bedingungen von Heidelandschaften anzupassen. Die Besenheide ist so ausgestattet, dass sie ihren Stoffwechsel dauerhaft unter den harten Lebensbedingungen durchführen kann. So bilden die Stängel zunächst eine Vielzahl von Haaren und verholzen schließlich. Dadurch reduzieren sie die Verdunstung und helfen, Wasser effektiv zu nutzen. Die Blätter sind klein und schuppenartig. Aufgrund einer verstärkten Außenschicht der Blätter fühlen sich diese ledrig an. Die außen liegende Zellschicht der Blätter (Epidermis) ist mit einem Festigungsgewebe untersetzt, und die abschließende Wachsschicht (Kutikula) ist besonders stark ausgeprägt. Die Spaltöffnungen, über die der Gasaustausch stattfindet, finden sich nur auf der Blattunterseite und sind in die Epidermis eingesenkt. Das Wurzelwerk der Besenheide ist sehr ausgedehnt und dringt tief in den Boden ein, um möglichst große Mengen der in der Heidelandschaft knappen Ressourcen Wasser und Nährstoffe aufnehmen zu können. An ihrer Oberfläche bieten die Wurzeln außerdem Lebensraum für Pilze, die die Stickstoffversorgung der Besenheide verbessern. Diese Form der Symbiose zwischen Pilz und Pflanze wird »Mykorrhiza« genannt.
Sehr schön ist in der Detailansicht der Blüten die Doppelkrone aus zweimal vier farbenprächtigen Blütenhüllblättern zu erkennen. MW
Die Früchte der Besenheide werden von den vergilbten Kelchblättern umschlossen. MW
Der Preis für diese umfangreiche Ausstattung der Pflanze sind für die Besenheide geringe Zuwachsraten und in besonders trockenen Jahren der Ausfall von Blüten und damit eine ausbleibende Samenproduktion. Der Gewinn jedoch ist enorm, denn auf diesen Extremstandorten gibt es kaum Konkurrenz: Die Besenheide kann offene Sandflächen nahezu vollständig besetzen.
Die bestandsbildende Dominanz der Besenheide ist aber zeitlich begrenzt, da der Vegetationstyp, in dem sie brilliert, einer dynamischen Sukzession unterliegt, also einer Abfolge verschiedener Pflanzengesellschaften. Freie Sandflächen entstehen durch drastische und seltene Ereignisse wie große Brände, Flussverlagerung, Windwurf oder durch landwirtschaftliche beziehungsweise militärische Nutzung durch den Menschen. Sind die offenen Flächen einmal vorhanden, werden sie zuerst von einigen kurzlebigen Pionierarten besiedelt. Neben den einjährigen Arten wie Bauernsenf gehört dazu das Silbergras (Corynephorus canescens).
Dieses erste Stadium dauert wenige Jahre. Die Besenheide wandert zunächst nur langsam über den Anflug von Samen ein und etabliert einzelne Pflanzen. In einem zweiten Schritt wachsen aus den Samen der ersten Besenheidepflanzen viele weitere Pflanzen, und die Besenheide wird bestandsbildend. Diese Phase kann einige Jahrzehnte andauern. Durch die Ansammlung von Humus und den Aufschluss von Nährstoffen verbessern sich in dieser Phase die Lebensbedingungen auf der Fläche auch für andere Pflanzenarten. So wandern jetzt weitere Gräser wie das Landreitgras (Calamagrostis epigejos), aber auch Kiefern und Birken ein. Gleichzeitig erreichen die einzelnen Pflanzen der Besenheide ihr Höchstalter, brechen auseinander und sterben. Die Regeneration aus Samen ist für die Besenheide wegen der veränderten Vegetation nun schwieriger. Kiefern und Birken wachsen heran und bilden als weiteres Sukzessionsstadium einen Vorwald.
Im günstigsten Fall würde die Besenheide von hier aus andere Standorte besiedeln und dort wiederum einige Jahrzehnte überdauern. In der heutigen, überwiegend intensiv vom Menschen genutzten und dabei oft mit Nährstoffen überfrachteten Landschaft finden sich solche Standorte aber fast nirgends mehr. Aus Sicht des Naturschutzes ist es darum wichtig, die Besenheide und die mit ihr im Lebensraumtyp verbundenen Arten zu erhalten und dafür die zur Verfügung stehenden Flächen so zu pflegen, dass die Besenheide dort dauerhaft existieren kann. Möglichkeiten zum Pflegen der Heide sind zum einen die Mahd der Heide, die Wachstum und Blütenbildung fördert und das Auseinanderbrechen alternder Heidebüsche verzögert. Dies ist in etwa mit dem Rückschnitt bei Obstbäumen oder Kopfweiden vergleichbar. Zwei weitere Möglichkeiten sind das »Schoppern«, eine sehr tiefe Mahd, bei der alle oberirdischen Teile und auch die Streuschicht entfernt werden, sowie das »Plaggen«, eine noch tiefere Bearbeitung, bei der der gesamte Humushorizont entfernt und der mineralische Boden freigelegt wird. Beides entzieht der Fläche Nährstoffe und fördert stärker als die einfache Mahd die Regeneration alter Heidepflanzen sowie die Etablierung neuer Heidepflanzen aus Samen.
Junge Besenheidepflanzen in der Silbergras-Flur. MW
Eine besonders spektakuläre Methode ist das kontrollierte Brennen der Heide, bei dem ebenfalls ein Großteil der oberirdischen Vegetation entfernt wird. Heidesträucher können dann ähnlich wie nach der Mahd neu austreiben. Da ein Teil der Humusschicht mitverbrennt, kann die Besenheide neue Pflanzen aus Samen bilden. Nährstoffe werden entzogen, und andere aufwachsende Gehölze wie Kiefer oder Birke werden zurückgedrängt. So wird die Bildung eines Vorwaldes verzögert.
Kontrolliert gebrannte Heidefläche in der Kyritz-Ruppiner Heide. Hier hat die Besenheide die Chance, sich zu verjüngen. MW
Sehr bewährt ist außerdem die Beweidung mit Schafen und Ziegen, die einerseits durch Verbiss das Wachstum alter Heidebüsche anregen und andererseits durch Verbiss und Tritt offenen Boden für Regeneration aus Samen schaffen. Problematisch ist, dass durch den Kot der Tiere die Nährstoffe auf der Fläche verbleiben oder sogar zusätzlich eingetragen werden. Idealerweise werden auf einer Fläche mehrere dieser Pflegemaßnahmen kleinräumig parallel oder in zeitlicher Abfolge angewandt, denn so ist für jeden Anspruch, für die Besenheide und alle mit ihr verbundenen Arten, die richtige Nische vorhanden, und die höchstmögliche Biodiversität kann erhalten werden.
Nach dem Brand keimt hier eine neue Besenheide-Pflanze aus. MW
Sandheiden und Sandrasen
So weit das Auge reicht, werden die weiten Sandheiden von Heidekraut dominiert. Doch im Mai tauchen in diesem graugrünen Meer plötzlich hellgelb leuchtende Inseln auf. Es ist der Haar-Ginster (Genista pilosa), ein charakteristischer Begleiter des Heidekrautes in der Kyritz-Ruppiner Heide. Er ähnelt in Statur und Größe dem Heidekraut und fällt eigentlich nur während seiner Blütezeit auf, wenn seine leuchtend gelben Blütentrauben zahlreiche Insekten anlocken. Da die Heide während dieser Jahreszeit für Bestäuber wenige Ziele bietet, ist der Haar-Ginster für Insekten eine hochwillkommene Nektaroase im späten Frühjahr.
In Bereichen mit tiefem lockeren Sand wie auf Dünen lichten sich die Zwergstrauchbestände. Hier haben die blaugrünen Horste des Silbergrases (Corynephorus canescens) ihren bevorzugten Wuchsort. Dank ihrer tiefen Wurzeln können sie solche extrem trockenen Standorte besiedeln. Zusätzlich leiten die borstigen Blätter und Halme der igelartigen Büschel auch spärlichsten Niederschlag oder Morgentau direkt zu den Wurzelballen. Mit diesem kunstvoll ergatterten Wasser geht das Silbergras dann sehr sparsam um: Durch Einrollen der Blätter werden die Spaltöffnungen versteckt, wodurch der Wasserverlust durch Verdunstung verringert wird. Silbergras ist in den Sandheiden ein beliebtes Futtergras für Rothirsch, Reh und Wildpferd.
Haar-Ginster (Genista pilosa) in der Kyritz-Ruppiner Heide. HP
Verschmäht werden dagegen die rauen, kieselsäurereichen Blätter der Heide-Segge (Carex ericetorum), die auch in solchen Sandrasen heimisch ist. Dieses Sauergras wächst in flachen, aufgelockerten Horsten und schiebt seine kurzen derben Blätter aus dem tief unterirdisch liegenden Wurzelstock empor. Dadurch ist es unempfindlich gegenüber der Brandpflege, die zur Erhaltung der Heidelandschaft gern angewendet wird. Auch Übersandung kann der Heide-Segge nichts anhaben. Ein weiteres Sauergras, das aus tiefen Sandschichten heraus solche Extremhabitate zu besiedeln vermag, ist die Sand-Segge (Carex arenaria). Sie wird ihres Wuchses wegen auch »Soldatensegge« genannt, denn wie in Reih’ und Glied stehen die hoch aufgeschossenen starren Triebe in immer gleichen Abständen, der Länge nach von groß nach klein angetreten. Der Grund für diese Formation ist, dass all diese Triebe aus einem geradlinig wachsenden unterirdisch kriechenden Rhizom entsandt werden. Dieser kräftige Kriechspross vermag es, viele Meter weit seitlich in Dünen einzuwandern, ohne in solchen wüstenartigen Flecken aus einem Samen heraus neu keimen zu müssen. Den gleichen Trick wendet auch das Sand-Straußgras (Agrostis vinealis) an, ein zartes Gras, das ebenfalls sehr typisch für Flugsandgebiete ist.
Viel buntblumiger als die Dünen präsentieren sich die Sandmagerrasen, die insbesondere in der Döberitzer Heide großflächig ausgeprägt sind. Leuchtend pink blühen darin gern die Heide-Nelke (Dianthus deltoides) und die Karthäuser-Nelke (Dianthus carthusianorum). Ihre Blütenfarbe lockt besonders Schmetterlinge wie zum Beispiel Dickkopffalter an, die gut auf den Kronblättern landen und den tief in der Blüte verborgenen Nektar mit ihrem langen Rüssel einsaugen können. Ein zarteres Pink haben dagegen die Blüten der Sand-Grasnelke (Armeria elongata) und der Grauen Skabiose (Scabiosa canescens). Beide Arten bilden sogenannte Köpfchenblumen – Sammelblütenstände, die aus vielen Einzelblüten zusammengesetzt sind. Bei der Grauen Skabiose sind die Kronblätter der äußeren Blüten dabei viel größer als die der inneren Blüten, was die Schauwirkung auf Insekten erhöht. Insbesondere die Schmetterlingsfamilie der Widderchen hat eine Vorliebe für Grasnelken und Skabiosen, aber auch die kurzrüsseligen Nektarinteressenten kommen hier zum Zuge. Prächtige himmelblaue Farbakzente setzen der Liegende Ehrenpreis (Veronica prostrata) und das Berg-Sandglöckchen (Jasione montana)