Hannes Petrischak
Gartensafari
Der heimischen Naturauf der Spur
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© 2022, oekom verlag Münchenoekom – Gesellschaft für ökologische Kommunikation mbHWaltherstraße 29, 80337 München
Alle Fotografien: © Hannes PetrischakLektorat: Lena DenuInnenlayout & Satz: Ines SwobodaKorrektorat: Maike Specht
E-Book: SEUME Publishing Services GmbH, Erfurt
Alle Rechte vorbehaltenISBN 978-3-96238-768-6
INHALT
Einleitung
Mit Wildbienen in den Frühling starten
Am Nistplatz der Mauerbienen•Bestäuber an Obstbäumen•Die Vielfalt der Sandbienen•Ein echter Riese: die Blauschwarze Holzbiene
Viel besser als ihr Ruf: Wanzen
Massenversammlungen am Lindenbaum•Die Vielfalt der Baumwanzen•Bunte Gegenspieler: Wanzenfliegen•Maskierte Strolche an der Hauswand•Auf dem Holzweg in die weite Welt: die Nordamerikanische Kiefernwanze•Wanzenparadies Gartenteich
Erlebnisse am Pfaffenhütchen: Eine Naturgeschichte rund um Blüten und Blattläuse
Schwebfliegen als Blütenbesucher und Blattlausräuber•Der Lebenszyklus der Hain-Schwebfliege•Nützling mit unerwünschten Nebeneffekten: der Asiatische Marienkäfer•Hornissen, Taghafte, Krabbenspinnen: Kuriositäten im Nahrungsnetz des Pfaffenhütchens•Grasmücken fallen ein•Gespinstmotten
Ein Leben für den Nachwuchs: Vogelbeobachtungen rund ums Haus
Die Amsel: »der« Gartenvogel•Weitere Drosseln im Garten•Stare leben gesellig•Spatzen folgen dem Menschen•Sommer in der Stadt: Mauersegler•Pure Eleganz: Schwalben•Zittern und Knicksen: Rotschwänze•Meisen lieben Nistkästen•Ein Erdspecht auf Ameisensuche•Kulturfolger mit Köpfchen: Rabenvögel
Maikäfer, flieg: Im Frühling erobern Käfer den Garten
Mai- und Junikäfer•Glanzpunkte auf Blüten: Rosenkäfer•Blütenböcke, Widderböcke, Sägeböcke•Noch mehr Leben im Totholz: Balkenschröter und Prachtkäfer•Hübsch, aber unbeliebt: Rebenstecher und Lilienhähnchen•Mittsommerschauspiel: Leuchtkäfer•Räuber im Gartenteich
Die Wunderwelt der Schmetterlinge
Zitronenfalter: der Erste im Jahr•Kohlweißlinge und ihre Gegenspieler•Karstweißling: Sturm und Drang aus dem Süden•Überraschung im Kräuterbeet: Schwalbenschwanzraupen•Von Brennnesseln zum Sommerflieder: Kleiner Fuchs und Tagpfauenauge•Bunte Falter in der Gartenwiese•Die Zugvögel unter den Schmetterlingen•Schwärmer: Anmutungen von Kolibris und Schlangen•Eulen bei Tag und Nacht•Das kuriose Leben eines Spinners
Gefährdete Gartengäste: Amphibien und Reptilien
Im Klammergriff: Erdkröten•Frösche im Gartenteich•Feuersalamander zu Besuch•Schlängelnde Raritäten: Ringelnatter und Blindschleiche•Sonnenplätze gesucht: Zauneidechsen
Sympathieträger im Garten: Eichhörnchen und Igel
Verfolgungsjagden durchs Geäst•Schmatzend durch das Unterholz
Sommerbienen
Der Rasen wird zur Wiese ...•Hosenbienen•Zottelbienen•Löcherbienen•Expansiv und sozial: die Gelbbindige Furchenbiene•Territorial: Wollbienen•Glockenblumen gesucht•Blattschneiderbienen•Flauschige Hummelmännchen•Schlusspunkt im Bienenjahr: die Efeu-Seidenbiene
Zu Unrecht gefürchtet: Wespen
Grabwespen: Einzelgänger auf Insektenjagd•Bienenjagende Grabwespen•Sandknotenwespen jagen Rüsselkäfer•Sandwespen tragen Raupen durch den Garten•Fliegen im Visier: die Kotwespe•Auch Lehmwespen erbeuten Raupen•Lästige Besucher an der Kaffeetafel: Deutsche und Gemeine Wespe•Friedliche Langkopfwespen•Nützlicher Riese: die Hornisse•Hüllenlos: Feldwespen•Wespen und Menschen
Auf gläsernen Schwingen: Spektakuläre Fluginsekten
Schwebfliegen•Skorpionsfliegen•Kamelhalsfliegen•Florfliegen•Die wundersame Verwandlung der Ameisenlöwen•Großlibellen•Kleinlibellen
In jedem Winkel ein Netz: Spinnen
Spinnen als häusliche Mitbewohner•Beutefang mit Radnetzen•Weberknechte aus dem Süden
Freunde der Finsternis: Im Reich von Asseln und Tausendfüßern
Asseln und Asseljäger•Doppel- und Hundertfüßer•Überraschung: die Kinderstube der Ohrwürmer
Schnecken: mit oder ohne Haus
Das Liebesspiel der Weinbergschnecken•Die Variabilität der Bänderschnecken•Schädliche und nützliche Nacktschnecken
Gut getarnt: Heuschrecken
Heupferd und Strauchschrecke: unsichtbare Sänger•Als blinder Passagier von Stadt zu Stadt: die Südliche Eichenschrecke
Treffpunkt Futterplatz: Vögel im Winter
Die ganze Finkenschar•Besondere Meisen•Vielfalt am Futterhaus: Von Weihnachtsvögeln bis zu »grauen Mäusen«•Geschichten von Ausbreitung und Verstädterung: Tauben•Exoten aus der Taiga
Tipps für eine naturnahe Gartengestaltung
Literatur
Dank
Vielfalt ist unsere Natur: die Heinz Sielmann Stiftung
Einleitung
Es ist Anfang Juni. Im Blumen- und Kräuterbeet direkt am Rand unserer Terrasse blüht ein Ziersalbei in voller Pracht. Er wimmelt nur so von Wildbienen. Mit der Kamera kann ich in kurzer Zeit Garten-Wollbiene, Garten-Blattschneiderbiene und Stahlblaue Mauerbiene wunderschön im Profil ablichten – typische, attraktive Garten-Wildbienen. Auch eine noch zu später Zeit fliegende Rostrote Mauerbiene ist dabei, so scheint es. Doch die Betrachtung der Fotos irritiert: Die kleinen »Hörner« im Gesicht dieser Biene fehlen, und die Behaarung wirkt insgesamt kräftiger und etwas dunkler. Es handelt sich um die Östliche Felsenmauerbiene. Sie ist sehr selten, gilt nach der Roten Liste Deutschlands sogar als stark gefährdet und fliegt vor allem an felsigen Hängen. In Berlin und Brandenburg – unser Garten liegt im Berliner Umland – lebt sie aber auch auf innerstädtischen Brachen und in Gärten. Ihre Nester formt sie aus zerkautem Pflanzenmaterial in Vertiefungen von Felsen und Mauern.
1 Feldsperlinge (Passer montanus) zieht es seit einigen Jahren aus der immer lebensfeindlicheren Feldflur verstärkt in unsere Gärten.
Jeder Aufenthalt in einem strukturreichen Garten kann sich also zu einer kleinen Safari entwickeln und spannende Überraschungen bieten. Je genauer und je häufiger wir hinschauen, desto tiefere Einblicke gewinnen wir in ökologische Zusammenhänge: Komplexe Nahrungsnetze werden deutlich. Warnung, Tarnung und Täuschung spielen eine große Rolle im täglichen Überlebenskampf, im Garten nicht weniger als in Wald und Flur. Große jahreszeitliche Wanderbewegungen von Vögeln oder Schmetterlingen lassen sich im Garten oft gut nachvollziehen. Ebenso erleben wir den menschengemachten Wandel der Natur, zu dem Verschleppungen von Arten und Klimawandel beitragen – Fernimporte und südliche Arten breiten sich aus, andererseits werden einige vertraute Arten durch den Verlust von Nistmöglichkeiten und Nahrung insgesamt immer seltener.
Die in diesem Buch dokumentierte Vielfalt an Tieren stellt nur einen kleinen Ausschnitt des Artenspektrums dar, das es zu entdecken gilt. Natürlich wird man nicht jede hier gezeigte Art in jeden Garten locken können, denn allein schon geografische Regionen, Höhenlagen und Bodenverhältnisse bieten ganz unterschiedliche Voraussetzungen. Naturnah gestaltete Gärten sind jedoch überall Keimzellen einer artenreichen Stadt- und Dorfnatur. Sie bieten insbesondere den zahlreichen Kulturfolgern, zu denen sich viele Arten entwickelt haben, eine Heimat. Dennoch können sie die Zerstörung wertvoller Lebensräume durch unsere großflächig monotone, intensive Landnutzung nicht kompensieren. Daher bleiben neben dem naturfreundlichen Gärtnern ein nachhaltigerer Konsum und der zivilgesellschaftliche Einsatz für mehr Natur- und Artenschutz von größter Bedeutung.
2 Überraschende Begegnung: die stark gefährdete Östliche Felsenmauerbiene (Osmia mustelina) an Salbeiblüten im Garten.
Mit Wildbienen in den Frühling starten
Sobald die ersten Frühblüher wie Krokusse und Traubenhyazinthen im Garten erblühen und die Blütenknospen von Obstbäumen aufspringen, sind sie zur Stelle: Die Gehörnte und die Rostrote Mauerbiene (Osmia cornuta und Osmia bicornis) suchen hier Pollen und Nektar. Sie zählen zu den ersten Insekten des Jahres. Schon an milden, sonnigen Tagen im Februar und März tauchen zunächst die Männchen auf. Sie sind zierlicher als die Weibchen und tragen eine bürstenartige, helle Gesichtsbehaarung. Manchmal kann man beobachten, wie sie sich an alten Bohrlöchern an einer Hauswand postieren. Hier warten sie auf schlüpfende Weibchen, um sich mit ihnen zu paaren. Die Weibchen der Gehörnten Mauerbiene, deren Flugzeit sich von März bis Anfang Mai erstreckt, erinnern mit ihrem leuchtend orangeroten Pelz auf dem Hinterleib entfernt an Hummeln. Die Rostrote Mauerbiene erscheint einige Tage oder Wochen später und ist vorwiegend während der Monate April und Mai aktiv. Sie ist etwas weniger auffällig rostrot behaart. Bei beiden Arten tragen die Weibchen zwei kurze, nach vorn gerichtete »Hörner« im Gesicht, was sich in ihren wissenschaftlichen Artnamen (cornuta und bicornis, von lateinisch cornu – Horn) widerspiegelt. Die Gehörnte Mauerbiene ist in Norddeutschland deutlich seltener als im Süden, breitet sich aber derzeit stark aus.
1 Ein Weibchen der Gehörnten Mauerbiene (Osmia cornuta) an einer Apfelblüte.
2 Dieses Männchen der Gehörnten Mauerbiene, erkennbar an der kräftigen, hellen Gesichtsbehaarung und den langen Fühlern, trinkt Nektar an Rosmarinblüten.
Am Nistplatz der Mauerbienen
Den Pollen sammeln die Mauerbienen in der Bauchbürste, also in den Haaren auf der Bauchseite des Hinterleibs, die deshalb je nach aufgesuchter Futterpflanze leuchtend hell- bis dunkelgelb gefärbt ist. Durch ihre eifrige Sammeltätigkeit sind sie gute Bestäuber. Man kann diese Arten problemlos am Haus und im Garten ansiedeln, indem man ihnen Nisthilfen anbietet: Bambusröhrchen, in Holz gebohrte Löcher und ähnliche Hohlräume werden – sofern sie nach Süden ausgerichtet sind – meist sehr schnell besiedelt. Denn die Weibchen suchen solche Hohlräume, um darin linienförmig hintereinander Nistzellen anzulegen. Diese Zellen werden mit Pollen und Nektar verproviantiert, jeweils mit einem Ei belegt und mit Wänden aus Lehm voneinander getrennt. Abschließend wird das Nest mit einem Lehmpfropf verschlossen. Die Rostrote Mauerbiene ist nicht sehr wählerisch in der Form der Hohlräume für die Anlage ihrer Nester – sie nutzt manchmal sogar Türschlösser oder Pfeifen.
3 Ein Männchen der Rostroten Mauerbiene (Osmia bicornis) wartet auf schlüpfende Weibchen an einem alten Bohrloch an einer Hauswand.
Aus den Eiern schlüpfen nach wenigen Tagen Larven, die den Vorrat in ihrer Zelle auffressen. Wenn sie ausgewachsen sind, spinnen sie in ihrer Nistzelle einen Kokon, in dem sie sich im Frühsommer verpuppen. Ab dem Spätsommer liegen die geschlüpften Bienen in ihren Kokons und warten auf den nächsten Frühling. In den äußeren Zellen haben sich aus unbefruchteten Eiern Männchen entwickelt, die zuerst die Nester verlassen werden.
4 Das Weibchen der Rostroten Mauerbiene sammelt Pollen und Nektar an der Apfelblüte und trägt so zur Bestäubung bei.
Doch nicht in allen Fällen entwickeln sich Mauerbienen in den Nistzellen, denn es gibt eine ganze Reihe von Futterparasiten und Parasitoiden, die es entweder auf den Nahrungsproviant oder die Bienenlarven selbst abgesehen haben. An den Nestern der Rostroten Mauerbiene etwa halten sich häufig kleine Taufliegen mit roten Augen auf, die der Art Cacoxenus indagator angehören. Wenn ihre Larven zahlreich vom Pollenvorrat fressen, verhungern die Bienenlarven. Der Trauerschweber (Anthrax anthrax) schleudert seine Eier im Flug in Richtung der Bienennester; seine Larven sind ihre tödlichen Gegenspieler. Auch die hübschen Bienenkäfer der Gattung Trichodes suchen gezielt Bienennester zur Eiablage auf. Ihre Larven fressen Pollen, Bienenlarven und -puppen.
Weibchen der Gehörnten Mauerbiene an einer Nisthilfe aus Bambusröhren
5 Nach der Rückkehr von einem Sammelflug wird zunächst der Nektar aus dem Kropf in die Brutzelle abgegeben. Der gelbe Pollen ist in der Bauchbürste erkennbar.
6 Anschließend dreht sich das Weibchen um und streift mit den Beinen den Pollen von der Bauchbürste ab.
7 Blick in die offene Nistzelle, die schon mit reichlich Pollen verproviantiert ist.
8 Mit einem Lehmklümpchen ist das Weibchen am Nesteingang gelandet und beginnt mit dem Verschluss der Niströhre. Zahlreiche weitere Bambusröhren sind bereits mit Lehmpfropfen verschlossen.
SAFARI-TIPP
Bröckelnde Mauerfugen und alte sonnen-beschienene Lehmwände sind dort, wo es sie noch gibt, besonders wertvolle Nistplätze für Wildbienen! Vom Frühling bis zum Spätsommer lassen sich hier faszinierende Beobachtungen machen, etwa von Mauer-, Löcher- und Blattschneiderbienen.
Gegenspieler von Wildbienen, die man häufig im Umfeld der Nistplätze antrifft
9 Die Taufliege Cacoxenus indagator lauert an den Nestern der Rostroten Mauerbiene.
10 Der Trauerschweber (Anthrax anthrax) ist an seiner dunklen Färbung leicht zu erkennen.
11 Der Gewöhnliche Bienenkäfer (Trichodes apiarius).
So können an den Nistplätzen der Mauerbienen viele interessante Insekten beobachtet werden. Aufgrund der Vielzahl an Nistzellen, die eine Mauerbiene im Laufe ihres Lebens anlegt, gelingt es jedoch immer genügend Bienenlarven, ihre Entwicklung erfolgreich zu vollenden und sich in summende Frühlingsboten zu verwandeln.
12 Eine Stahlblaue Mauerbiene (Osmia caerulescens) beim Blütenbesuch an der Saatwicke (Vicia sativa).
Später im Frühling, von Mai bis Juni, erscheint noch eine weitere hübsche Mauerbienenart im Garten: Die Stahlblaue Mauerbiene (Osmia caerulescens). Ihre Weibchen schillern an Kopf und Körper blau, was je nach Lichteinfall mehr oder weniger stark zum Ausdruck kommt. Die Bauchbürste ist schwarz. Männchen schimmern auffallend golden, haben grüne Komplexaugen und sind auf dem Thorax kräftiger rotbraun behaart. Auch die Stahlblaue Mauerbiene nimmt gern Nisthilfen an: Bambusröhren, Schilfhalme (auch in Reetdächern), Käferfraßgänge in Totholz, verlassene Nester anderer Wildbienen und Lehmwespen, Hohlräume in Mauern oder Pflanzenstängeln zählen zum Spektrum der Nistplätze. Die Weibchen legen Linienbauten mit bis zu sieben Brutzellen an und verschließen das Nest mit Pflanzenmörtel, also zerkautem Pflanzenmaterial. Die grünen Nestverschlüsse geben dann einen deutlichen Hinweis auf die Anwesenheit dieser Mauerbiene, die Pollen und Nektar bevorzugt an Lippen- und Schmetterlingsblütlern sammelt. Daher kann man sie oft an Salbei oder verschiedenen Klee- und Wickenarten beobachten.
13 Das Weibchen der Stahlblauen Mauerbiene schaut aus seinem Nesteingang in einer abgeschnittenen Brombeerranke heraus.
14 Der grüne Nestverschluss aus Pflanzenmörtel ist kennzeichnend für die Stahlblaue Mauerbiene.
SAFARI-TIPP
Leere Schneckenhäuser im Garten können der Zweifarbigen Schneckenhaus-Mauerbiene (Osmia bicolor) im Frühling als Nistplatz dienen: Von unterschiedlichen Blütenpflanzen trägt sie Pollen und Nektar ein, legt ein Ei dazu und verschließt das Haus mit einem Pfropf aus Steinen und Querwänden aus zerkautem Pflanzenmaterial. Anschließend dreht sie das Schneckenhaus mit der Öffnung nach unten und gräbt gegebenenfalls Erde beiseite, damit die Mündung glatt mit dem Boden abschließt. Zum Schluss trägt sie wie ein Hubschrauber trockene Halme oder Kiefernnadeln herbei, mit denen sie ihr Schneckenhaus vollständig bedeckt. Auch die Goldene Schneckenhaus-Mauerbiene (Osmia aurulenta), die beispielsweise in Berlin recht häufig ist, besiedelt leere Schneckenhäuser – sogar solche von Weinbergschnecken. Sie bewegt und bedeckt das Haus allerdings nicht, nachdem sie es verschlossen hat. Es kann sich also lohnen, einfach ein paar leere Schneckenhäuser im Garten auszulegen!
15 Das Weibchen der Zweifarbigen Schneckenhaus-Mauerbiene (Osmia bicolor) inspiziert ein leeres Schnirkelschneckenhaus.
16 In einem unglaublichen Kraftakt trägt die Zweifarbige Schneckenhaus-Mauerbiene abgestorbene Pflanzenhalme fliegend herbei, um damit ihr Schneckenhausnest zu verbergen.
17 Dieses Weibchen der Goldenen Schneckenhaus-Mauerbiene (Osmia aurulenta) hat Teile des Schneckenhauses mit grünem Pflanzenmörtel beklebt.
Bestäuber an Obstbäumen
Obstbäume sind bei Bienen sehr beliebt. Von Ende März bis Anfang Mai erblühen Pflaumen, Kirschen, Apfel- und Birnbäume – oft summt und brummt es hier wie im Bienenstock. Die Honigbiene (Apis mellifera) ist an dieser Stelle aber nur eine unter vielen Bienenarten. Man erkennt sie an ihrer bräunlich grauen Färbung mit den verwaschenen, hellen Querstreifen auf dem Hinterleib. Außerdem sammelt sie den Pollen feucht, also bereits mit Nektar vermischt, in wachsenden Klumpen an der Außenseite der Hinterschienen. Eine körbchenartige Struktur mit festen, kranzförmig angeordneten Haaren bildet hier den Sammelapparat.
18 Diese Arbeiterin der Honigbiene (Apis mellifera) hat bereits viel Apfelblütenpollen gesammelt.
Dieses Merkmal teilt sie sich mit einer nah verwandten großen Wildbienengattung, die in Deutschland insgesamt 41 Arten umfasst: die Hummeln. Sie haben als Bestäuber auch deshalb eine große Bedeutung, weil sie schon bei sehr niedrigen Temperaturen fliegen können. Da sie in der Lage sind, ihre Körpertemperatur sogar bei Außentemperaturen unter 10 Grad Celsius durch das Zittern ihrer Flugmuskulatur konstant über 35 Grad zu halten, fliegen sie nicht nur sehr zeitig im Jahr, sondern auch bei Schlechtwetterperioden – was für die Bestäubung der Obstblüte von großer Bedeutung sein kann. Die Königinnen suchen oft schon im März einen geeigneten Platz für ihr Nest. Besonders beeindruckend sind die riesigen Dunklen Erdhummeln (Bombus terrestris), die dicht über dem Boden durch den Garten fliegen und intensiv Mauselöcher inspizieren, denn Mäusenester zählen zu ihren bevorzugten Nistplätzen. Auch Vogelnistkästen können ausgewählt werden, vor allem von Steinhummel (Bombus lapidarius), Wiesenhummel (Bombus pratorum) und Baumhummel (Bombus hypnorum). Manchmal dienen auch Hohlräume in Wandverkleidungen, Rollladenkästen, Dachböden, Eichhörnchennester oder Komposthaufen als Nistplatz. Die Ackerhummel (Bombus pascuorum) – vielleicht unsere häufigste Hummelart überhaupt – ist besonders flexibel hinsichtlich der Auswahl ihres Nistplatzes. Die Gartenhummel (Bombus hortorum) trägt zwar den Garten im Namen, ist aber von unseren häufigen Hummelarten die seltenste. Sie hat ein lang gezogenes Gesicht und einen besonders langen Rüssel.
19 Erdhummeln sind leicht an zwei gelben Querbinden und dem weißen Körperende erkennbar. Allerdings können im Garten drei äußerlich meist nicht eindeutig unterscheidbare Arten auftreten: Dunkle Erdhummel (Bombus terrestris), Helle Erdummel (B. lucorum) und Kryptarum-Erdhummel (B. cryptarum).
20 Die Ackerhummel (Bombus pascuorum), an ihrer orangenen und grauen Behaarung meist gut erkennbar, besucht regelmäßig blühende Apfelbäume.
Hummeln formen ihre Brutzellen im Nest aus Wachs. Zu Beginn legt die Königin einen Vorrat von Pollen und Nektar in einer Kammer ab, in der sich die ersten Larven gemeinschaftlich ernähren. Danach versorgt die Königin sie bis zur Verpuppung mit neuer Nahrung. Außerdem wärmt sie ihre Brut. Neben der Brutzelle steht separat ein mit Nektar gefülltes Wachstöpfchen, das die Königin selbst als Nahrungsreserve nutzt. Nach dem Schlüpfen der ersten Arbeiterinnen übernehmen diese nun vielfältige Aufgaben des Bauens und der Versorgung. Hummeln bilden also im Sommerhalbjahr Völker, die je nach Art auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung zwischen 50 und 600 Individuen umfassen können. Das ist allerdings nicht vergleichbar mit den Staaten der Honigbiene, in denen sich 50.000 Arbeiterinnen tummeln können.
21 Die Gartenhummel (Bombus hortorum) ist durch drei gelbe Querbinden und ein weißes Hinterende gekennzeichnet.
22 Diese Baumhummel (Bombus hypnorum, typische Farbfolge: Braun – Schwarz – Weiß) sammelt Pollen und Nektar an Kiwiblüten im Garten.
23 Blühende Himbeeren im Garten locken Wiesenhummeln (Bombus pratorum) an. Eine oder zwei gelbe Querbinden und eine rote Hinterleibsspitze sind kennzeichnend.
24 Steinhummeln (Bombus lapidarius), hier eine Arbeiterin an Wilder Resede, zählen in Ortschaften ebenfalls zu den weitverbreiteten Arten. Sie sind schwarz, die letzten Segmente des Hinterleibs jedoch leuchtend rot behaart.
Die Vielfalt der Sandbienen
Viele der weiteren Wildbienen, die im Frühling im Garten erscheinen, zählen zur Gattung der Sandbienen (Andrena). Sie alle graben ihre Nester solitär in den Boden. Von einem Nistgang, der in die Tiefe führt, zweigen einige Seitengänge ab, an deren Ende die Brutzellen liegen, die mit einem Nektar-Pollen-Gemisch bevorratet, mit einem Ei belegt und anschließend verschlossen werden. Die Nesteingänge liegen manchmal recht auffällig auf sandigen Wegen oder in Blumenbeeten, oft aber auch versteckt zwischen Grasbüscheln. Sandbienen haben lange Haare an den Hinterbeinen, die zusammen mit Teilen der Körperbehaarung als Sammelbürste dienen. Die Pollenkörner werden trocken gesammelt. Den Nektar transportieren Sandbienen ähnlich wie Mauerbienen im Kropf.
25 Eine Rotschopfige Sandbiene (Andrena haemorrhoa) sammelt an einem Apfelbaum.
Die Sandbienen-Männchen sind recht zierlich und tragen kaum spezifische Merkmale, weshalb eine Bestimmung ohne Präparation und optische Hilfsmittel (Binokular) meist nicht möglich ist. Die Weibchen sind auch nicht in allen Fällen gut zu unterscheiden, vor allem wenn es sich um recht einheitlich graubraun behaarte Arten handelt. Aber zum Glück gibt es einige häufige charakteristische Vertreter – zum Beispiel die Rotschopfige Sandbiene (Andrena haemorrhoa). Sowohl der Thorax (die »Brust« als mittlerer Körperabschnitt) als auch die Spitze des Hinterleibs sind kräftig fuchsrot behaart, der Hinterleib ist ansonsten glänzend schwarz. Diese hübsche Biene besucht viele unterschiedliche Blüten, ist aber wohl an fast jedem blühenden Obstbaum zu finden. Noch auffälliger ist die Fuchsrote Sandbiene (Andrena fulva) gefärbt, die im frisch geschlüpften Zustand auf der gesamten Oberseite leuchtend rotbraun behaart ist. Unterseite, Kopf und Beine sind hingegen tiefschwarz gefärbt. Sie ist bekannt dafür, dass sie gern die Blüten von Johannisbeeren aufsucht. Schwarz-grau ist hingegen die Aschgraue Sandbiene (Andrena cineraria) gemustert: Quer über den pelzig grau behaarten Thorax zieht sich ein breiter schwarzer Streifen; der schwarze Hinterleib glänzt leicht bläulich.
26 Die Fuchsrote Sandbiene (Andrena fulva) sucht gerne die Blüten der Roten Johannisbeere auf.
Einen metallischen Schimmer zeigt auch die recht große Erzfarbene Sandbiene (Andrena nigroaenea), die hinter dem schwarzen Kopf auf dem Thorax und auch auf dem größten Teil des Hinterleibs hellbraun behaart ist. Ihr sieht die kleinere Zweifarbige Sandbiene (Andrena bicolor) ähnlich, die im zeitigen Frühjahr viele Frühblüher aufsucht und dann im Sommer noch einmal in einer zweiten Generation eine Vorliebe für Glockenblumen zeigt.
27 Eine Aschgraue Sandbiene (Andrena cineraria) auf Löwenzahnblüten.
28 Hier trinkt eine Erzfarbene Sandbiene (Andrena nigroaenea) Nektar an Pfaffenhütchen.
Zwei weitere Sandbienen mit breiten hellen Querbinden auf dem Hinterleib sind häufige Frühlingsboten im Garten: die Gewöhnliche Bindensandbiene (Andrena flavipes) mit hellbraunen Binden und die Weiße Bindensandbiene (Andrena gravida) mit namensgebenden weißen Binden. Beide sind sich sehr ähnlich und nur im Falle frisch geschlüpfter, noch nicht verblasster Exemplare gut zu unterscheiden. Allerdings zeigt sich die Gewöhnliche Bindensandbiene im Sommer noch einmal in einer zweiten Generation. Sie kann sehr zahlreich auftreten.
29 Eine Zweifarbige Sandbiene (Andrena bicolor) ruht an ihrem Nistplatz.
30 Die Weiße Bindensandbiene (Andrena gravida) am Löwenzahn.
SAFARI-TIPP
Wer Sandbienen das Leben im Garten erleichtern will, sorgt neben einem reichhaltigen Blütenangebot von möglichst einheimischen Kräutern, Stauden und Gehölzen auch für Bereiche mit vegetationsfreiem, unversiegeltem sandigem oder sandig-lehmigem Boden. Mit etwas Glück siedelt sich hier eine Sandbienenkolonie an.
Am Nistplatz kann man verfolgen, wie zu Beginn der Flugzeit zunächst die Männchen schlüpfen und dicht über dem Boden auf und ab patrouillieren – stets bereit, sich zur Paarung auf ein schlüpfendes Weibchen zu stürzen. Später tragen die Weibchen unermüdlich Pollen und Nektar ein. Über kurz oder lang stellen sich auch spezifische Kuckucksbienen ein: Etwa ein Viertel der gut 570 heimischen Bienenarten sammelt selbst keinen Pollen, sondern dringt in die Nester von anderen Bienenarten, ihren Wirtsbienen, ein. Wenn ein Weibchen in der fremden Brutzelle angekommen ist, in der sich nahrhafter Larvenproviant befindet, entfernt es das Ei der Wirtsbiene und legt stattdessen ein eigenes Ei ab. So wächst die eigene Larve wie im Schlaraffenland heran. Eine typische Kuckucksbiene ist die schwarz-gelb gezeichnete Gemeine Wespenbiene (Nomada fucata), die sich in den Nistkolonien der Gewöhnlichen Bindensandbiene aufhält.
31 Ein Weibchen der Gewöhnlichen Bindensandbiene (Andrena flavipes) ist mit Pollen beladen zum Nistplatz zurückgekehrt.
32 Zwei Männchen der Gewöhnlichen Bindensandbiene warten am Nistplatz auf schlüpfende Weibchen.
33 Die Gemeine Wespenbiene (Nomada fucata) ist eine Kuckucksbiene. Sie inspiziert den Nistplatz der Gewöhnlichen Bindensandbiene sorgfältig.
Ein echter Riese: die Blauschwarze Holzbiene
An den ersten milden, sonnigen Tagen im Februar oder März brummt sie oft schon durch den Garten: die Blauschwarze Holzbiene (Xylocopa violacea). Mit einer Körperlänge von rund 2,5 Zentimeter zählt sie zu unseren größten und auffälligsten Insekten. Sie ist tiefschwarz gefärbt, im Sonnenlicht schimmern Körper und Flügel bläulich. Obwohl sie auf den ersten Blick bedrohlich wirken kann, geht von ihr keinerlei Gefahr aus. Die Weibchen können zwar theoretisch stechen, doch die stattlichen Bienen sind friedlich und furchtsam und wehren sich nur im äußersten Notfall. Außerdem wirkt das Gift all unserer Wildbienen, sofern sie mit ihrem Stachel die menschliche Haut überhaupt durchdringen können, viel schwächer als das der Honigbiene.
34 Hier betreibt die Blauschwarze Holzbiene »Nektarraub«: Mit ihrer spitzen »Zunge« hat sie die Blütenröhre des Gartengeißblatts seitlich durchbohrt, um auf kurzem Weg an den Nektar zu gelangen.
Holzbienen lieben nektarreiche Blüten, an denen sie ihre Energiereserven auftanken können. Dafür kommen sie auch in den Kräutergarten. Dort wird Rosmarin, der im zeitigen Frühling blüht, von ihnen, aber auch von anderen Wildbienen besonders geschätzt. Die Männchen suchen im Frühling jedoch vor allem nach Weibchen, mit denen sie sich paaren können. Die Weibchen patrouillieren bald darauf auffällig an Hauswänden, Bäumen und anderen aufrechten Strukturen entlang, denn sie suchen nun Nistplätze. Diese finden sie in abgestorbenen sonnenbeschienenen Baumstämmen, die noch nicht zu morsch sind, manchmal aber auch in Zaunpfählen oder Holzbalken. In das Holz nagen sie nun in stundenlanger Arbeit mit ihren kräftigen Kiefern fingerdicke, manchmal meterlange Gänge hinein.
35 Eine Blauschwarze Holzbiene (Xylocopa violacea) im Frühling an blühendem Rosmarin.
36 Nestbau: In das Holz eines abgestorbenen Apfelbaums nagt diese Blauschwarze Holzbiene ihren Nistgang.
SAFARI-TIPP
Holzbienen fliegen auf große Blüten. Wicken, Blauregen, Gartengeißblatt und Muskatellersalbei sind sehr beliebt. In Kombination mit hartem Totholz von Laubbäumen an sonnigem Standort sind diese Pflanzen ein ideales Mittel, die prächtigen Riesen in den Garten zu locken.
Den Pollen sammelt die Blauschwarze Holzbiene in den Haarbürsten der Hinterbeine, aber auch im Kropf. In den Holzgängen legt sie Nistzellen an, in denen sie jeweils eine zähe Pollenmasse als Proviant für ihren Nachwuchs hinterlegt. Dann legt sie ein Ei dazu. Die Trennwände der Nistzellen werden aus Holzstückchen und Speichel errichtet. In den Nistzellen wachsen die Larven schnell heran, verpuppen sich, und schon im Juli schlüpft die nächste Bienengeneration. Zu diesem Zeitpunkt leben die Mütter häufig noch. Nur selten können bei solitären Wildbienen die Generationen wie bei dieser Art einander begegnen.
37 Eingepudert: Die Blauschwarze Holzbiene sammelt nun Pollen am Gartengeißblatt, um damit Nahrungsvorräte für ihre Larven anzulegen.
Holzbienen sind sehr wärmeliebend. In den Tropen und Subtropen sind sie sehr artenreich vertreten – als einzige Wildbienen haben sie sogar die Galapagosinseln besiedelt, wo die Galapagos-Holzbiene (Xylocopa darwinii) ein wichtiger Bestäuber für viele Pflanzen ist. In Deutschland war die Blauschwarze Holzbiene lange Zeit auf die warmen Flusstäler und ähnliche Tieflagen im Süden beschränkt, hat ihr Areal aber in den letzten Jahren stark nach Norden ausgedehnt und wurde inzwischen immer wieder auch in Norddeutschland nachgewiesen. Sofern Totholz und ein großes Blütenangebot verfügbar sind, besiedelt sie sehr gern Gärten, ansonsten findet man sie auf Streuobstwiesen, an Waldrändern oder sonnigen Hängen.
38 Dieses frisch geschlüpfte Männchen der Blauschwarzen Holzbiene, erkennbar an den s-förmig gebogenen und nahe der Spitze orange geringelten Fühlern, trinkt Nektar an Lavendel im Garten.
Lange Zeit galt sie als einzige Holzbienenart Deutschlands. Im äußersten Südwesten, in der südlichen Oberrheinebene, insbesondere am Kaiserstuhl, zeigt sich jedoch inzwischen regelmäßig die sogar noch etwas größere verwandte Xylocopa valga, die als Südliche oder Östliche Holzbiene bezeichnet wird. Die Weibchen beider Arten sind im Gelände nicht voneinander unterscheidbar. Die Männchen der Blauschwarzen Holzbiene haben an den Fühlerspitzen allerdings orangefarbene Ringe, während die Fühler der Männchen von Xylocopa valga ganz schwarz gefärbt sind.
Viel besser als ihr Ruf: Wanzen
Mit dem Namen »Wanze« verbinden die meisten Menschen nichts Positives. Wanzen sind aber eine große, vielgestaltige Insektengruppe und für Menschen fast alle völlig harmlos – bis auf die als Blutsauger gefürchteten Bettwanzen und einige als Krankheitsüberträger berüchtigte tropische Raubwanzen. Im Garten lassen sich zahlreiche verschiedene Arten mit spannenden Verhaltensweisen entdecken.
1 Bereits Mitte Februar heizen sich unzählige Feuerwanzen (Pyrrhocoris apterus) in der Vorfrühlingssonne an einem Lindenstamm auf.
2 Diese Feuerwanze saugt an einer zu Boden gefallenen Lindenfrucht.
Massenversammlungen am Lindenbaum