Fairytale gone Bad 1: Die Nacht der Blumen - Michaela Harich - E-Book
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Fairytale gone Bad 1: Die Nacht der Blumen E-Book

Michaela Harich

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Beschreibung

Eine geheimnisvolle Puppe und ein Wintergarten, in dem nachts Blumen tanzen. Als Emma mit ihrer Familie von der Großstadt aufs Land zieht, ist sie überzeugt, schon bald vor Langeweile sterben zu müssen. Doch kaum betritt sie die Villa, muss sie feststellen, dass Langeweile ihre kleinste Sorge ist, denn nichts ist, wie es zu sein scheint. Merkwürdige Ereignisse häufen sich, die düstere Vergangenheit des Hauses offenbart sich Emma und fordert ihren Preis. Emma muss sich der Bedrohung stellen, um ihre Familie und vor allem sich selbst zu retten. Bekannte Märchen auf eine ganz neue Art nacherzählt - nichts für kleine Kinder! Die Gebrüder Grimm würden im Grab rotieren ... In der Reihe FAIRYTALE GONE BAD erscheinen: 1: Die Nacht der Blumen - von Michaela Harich 2: Der Flug der Krähen - von Stephanie Kempin 3: Das Zeitalter der Kröte - von Faye Hell 4: Die Schwefelbraut - von M. H. Steinmetz

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Seitenzahl: 169

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Fairytale

gone bad

Michaela Harich

Die Nacht der Blumen

Fairytale

gone bad

Michaela Harich

Die Nacht der Blumen

© 2019 Amrûn Verlag Jürgen Eglseer, Traunstein

Herausgeberin der Reihe: Michaela Harich

Umschlaggestaltung: Viktoria Lubomski Design

Alle Rechte vorbehalten

ISBN TB – 9783958693852Printed in the EU

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter http://dnb.d-nb.de abrufbar

1 19

Inhaltsverzeichnis
Titel
Impressum
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18

Prolog

Ein Ast schlug ihr ins Gesicht, hinterließ einen tiefen Kratzer. Ihr Atem ging stoßweise. Sie war am Ende ihrer Kräfte, doch sie musste durchhalten. Noch war sie nicht am Ziel angekommen. Die kalte Nachtluft strich über ihre erhitzte Haut, auf der ein leichter Schweißfilm lag. Hinter sich konnte sie ihre Verfolger deutlich hören. Dass ihre Schritte laut durch den Wald hallten und dem Mob den Weg wies, war ihr bewusst. Doch umgekehrt konnte sie sie ebenfalls hören und bekam eine ungefähre Ahnung, wie weit sie noch entfernt waren.

Und weit war das nicht. Wenn sie nicht bald ein Versteck fand, würden sie sie haben.

Plötzlich verfing sich ihr Schuh und sie flog der Länge nach hin. Der harte Boden presste ihr die Luft aus der Lunge und durch den Aufprall tanzten Sterne vor ihren Augen. Mühsam rappelte sie sich wieder auf, ignorierte den Schmerz. Die Schritte kamen näher, sie hatte nicht mehr viel Zeit. Das fahle Mondlicht, das durch die Baumkronen tanzte, half ihr nicht sonderlich, sich zurechtzufinden. Ihr Herzschlag beschleunigte sich, als die Schritte näher kamen. Sie hatte nur noch eine Möglichkeit - sie musste ein Versteck finden. Ihr Blick wanderte herum. Nichts schien geeignet. Bäume, umgestürzte Stämme, Büsche - nichts, was wirklich als Versteck geeignet wäre. Außer dieser große Rosenstock, über dessen Wurzeln sie gestolpert war. Die schneeweißen Rosen schienen zu leuchten. Vorsichtig näherte sie sich den Blüten, vergessen waren ihre Verfolger. Die Blütenblätter übten eine Faszination auf sie aus. Ihre Hand näherte sich den Rosen. Ein Flüstern, vom Wind getragen, erreichte und umschmeichelte sie. Sie neigte den Kopf, lauschte den Worten. Unter dem Zauber der Blumenhob sie ihren Arm und drückte ihr Handgelenk an den Stamm, genau auf die spitzesten Dornen.

Der Schmerz war kurz und brennend. Sie drückte ihr Handgelenk etwas fester dagegen, spürte, wie die Haut durchstochen wurde. Lautlos, nur für sich in ihrem Geist, wiederholte sie die Worte, die der Wind ihr ins Ohr wisperte. Eine seltsame Ruhe überkam sie und als die ersten Blutstropfen über den Stamm liefen, nahm sie ihren Arm weg und trat zurück. Das Mondlicht ließ das Blut glitzern, ein faszinierend morbider Kontrast zu den Blüten.

»Da ist sie! Haben wir dich endlich, Hexe!« Ihre Verfolger waren hinter ihr erschienen, ohne dass sie es gemerkt hatte. »Schnappt sie euch! Jetzt kann sie uns nicht mehr entkommen. Jetzt wird sie brennen! Bringt sie zurück zum Dorf. Der Scheiterhaufen wartet auf sie!«

Als sich Hände um ihre Arme schlossen und sie nach hinten drehten, um sie zu fesseln, nahm sie es hin. Ein Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. Der Tod konnte sie nicht mehr erschrecken. Der Wind hatte ihr erzählt, dass der Tod erst der Anfang bedeuten würde.

Kapitel 1

Die herrschaftliche Villa lag verborgen im Wald. Ein breiter, gepflasterter Weg führte hinauf zur großen eisenbeschlagenen Tür. Blumen säumten den Weg. Die frisch getünchte Fassade funkelte im Sonnenlicht. Die großen Bogenlichtfenster waren blank geputzt. Der Springbrunnen vor dem Eingang, auf einer Grünfläche, die in den Wald führte, war ebenfalls der Form der Blüten nachempfunden. Eine Kutsche, gezogen von dunklen Pferden, fuhr die gepflasterte Straße entlang, die Einfahrt hinauf. Das Rattern der Räder und das Schnauben der Rösser waren die einzigen Geräusche, die den Zauber, der um das Haus zu liegen schien, brachen. Als die Kutsche schließlich zum Stehen kam und der Kutscher vom Bock sprang, flog die Tür schon auf, bevor er überhaupt die Hand danach ausstrecken konnte. Ein junges Mädchen, nicht älter als zehn Jahre, sprang heraus und stand mit offenem Mund staunend vor dem Haus. Ihre Familie kletterte einer nach dem anderen aus der Kutsche, bis alle versammelt vor der Villa standen. Der Kutscher half dem Diener der Familie, die Koffer und Habseligkeiten zu entladen, während die Eltern ihre Kinder nur mühsam im Zaum halten konnten. Gerade die einzige Tochter der Familie schien begierig zu sein, das Anwesen zu erkunden.

»Mama, Mama! Gehört das alles uns?« Das kleine Mädchen tanzte um ihre Familie herum. Unwillkürlich musste der Kutscher lächeln. Dann fiel sein Blick auf die Fassade, die so unschuldig und rein von der Sonne erhellt wurde. Er kannte die Geschichten um das Anwesen, wusste, was vor dreißig Jahren hier geschehen war und worauf das Haus stand. Er würde hier nicht wohnen wollen. Aber vielleicht waren das auch wirklich nur Geschichten, die die Gräueltaten von damals nicht in Vergessenheit geraten lassen sollten. Doch das war nicht seine Angelegenheit. Er, für seinen Fall, würde der Familie nur das Beste wünschen und zusehen, so schnell wie möglich hier wegzukommen.

Lili hüpfte um ihre Eltern herum. Das neue Zuhause war riesig. Hier würde sie sicher ihr eigenes Pony bekommen und sie sah jetzt schon, dass es viel zu entdecken gab. Der Rest der Dienerschaft war schon lange vorher angereist und würde die nun abgeladenen Gepäckstücke ins Haus schaffen.

»Mama, Mama, darf ich hinein?« Lili konnte es wirklich kaum erwarten, ihr neues Zuhause zu erkunden. So viele Zimmer - vielleicht hatten die vorherigen Bewohner etwas vergessen? Vielleicht waren auf dem Dachboden noch Schätze, die es zu entdecken galt? Lili konnte es kaum erwarten, hinaufzustürmen – und wenn sie ihre Brüder ansah, schien es ihnen ähnlich zu gehen. »Mama, bitte! Jack und Tom wollen doch sicher auch alles anschauen. Worauf warten wir denn noch?«

»Lili, bitte benimm dich. Papa wird den Kutscher bezahlen und dann werden wir warten, bis Berthold und Magda uns empfangen. Du kennst die Regeln der Etikette, Kind.«

Lili verzog bei den Worten ihrer Mutter das Gesicht. Ja, die Etikette der Gesellschaft, diese strengen, engen Reglen, die sie immer wieder aufs Neue ärgerten, waren ihrer Mutter heilig. In sechs Jahren würde man sie als Debütantin in die Gesellschaft einführen, dabei wollte sie das nicht. Sie wollte kein Mitglied einer Gesellschaft sein, die einem jeglichen Spaß raubte oder verbat – allerdings ahnte sie, dass ihr Mitspracherecht beschränkt war. Also hatte sie beschlossen, die Zeit bis dahin ausgiebig zu nutzen. Ein strenger Blick ihrer Mutter sorgte dafür, dass sich Lili brav neben ihre Brüder stellte, auch wenn sie dabei ungeduldig auf den Zehenspitzen wippte. Etwas zog sie an, etwas in diesem Haus. Sie konnte es sich nicht erklären, aber es drängte sie hinein.

»Lili, bitte! Benimm dich!«, zischte ihre Mutter, während sie noch immer warteten.

»Warum denn? Sie lassen uns warten und hier ist niemand, der uns sehen kann. Mama, bitte! Das ist doch lächerlich.«

»Hör auf deine Mutter, Liliana«, ertönte die Stimme ihres Vaters und Lili verdrehte die Augen. Es war einfach völlig lächerlich. Sie warteten einfach für nichts und wieder nichts. Magda und Berthold waren nun wirklich nicht die feine Gesellschaft, die sie beurteilen und verurteilen würden.

»Lili, ...«, begann sie, doch bevor ihre Mutter sie erneut tadeln konnte, öffneten sich die großen Türen des Herrenhauses und die beiden Bediensteten, auf die sie gewartet hatten, traten heraus. Mit einem Klatschen deutete Berthold der restlichen Belegschaft an, herauszuwuseln und sich um die Habseligkeiten zu kümmern, während Lili es nicht länger aushielt. Sie rannte ins Haus, ohne darauf zu achten, was ihr hinterhergerufen wurde. Wie von Zauberhand geführt, stieg sie zielsicher die Treppen zum Dachboden hinauf, viele Stockwerke nach oben, und stieß die Tür auf. Sonnenlicht drang durch einige Ritzen und ließ den Staub in der Luft tanzen. Lili stand schwer atmend im Türrahmen und sah sich um. Eine seltsame Ruhe breitete sich in ihr aus. Ihr Blick wanderte durch den Raum, betrachtete Kisten und vergilbten Leinen, die über den Möbeln lagen. Staub tanzte durch das Sonnenlicht. Langsam ging sie auf die vielen Truhen zu, die vergessen in einer Ecke standen. Im Halbkreis angeordnet, so dass man sich bequem in die Mitte setzen konnte und jede Truhe im Blick hatte. Lili öffnete die Mittlere, Staub flog empor, ein modriger, aber auch zugleich trockener, warmer Duft stieg ihr entgegen. Ein kleines Kästchen aus dunklem Holz lag darin. Vorsichtig nahm sie es heraus und setzte sich damit auf den Boden. Sachte strich sie über den Deckel, bevor sie ihn anhob. Eine kleine Porzellanpuppe kam zum Vorschein, weich gebettet auf Samt, gekleidet in ein weiß-schwarzes Kleidchen mit Spitze und Schühchen. Das dunkle Haar war zu einem Zopf geflochten, in dem kleine Mini-Rosen steckten. Die weiße Haut bildete einen starken Kontrast zu den blutroten Lippen. Lili zögerte, wagte zuerst nicht, die Ruhe der Puppe zu stören. Dann nahm sie sie vorsichtig in die Hände und hob sie aus der Schachtel. Sie wog schwer in ihrer Hand und doch bereitete es ihr wenig Mühe, die Schachtel festzuhalten und hochzuheben. Es schien, als wäre sie beweglich und doch steif. Ein einziger Widerspruch in sich. Als sie sie aufrecht hinstellte, öffnete sie die Augen und Lili hielt für einen Augenblick den Atem an. So dunkle, tiefe Augen hatte sie noch nie gesehen - und sicher nicht bei einer Puppe erwartet. Mit einem Lächeln strich sie über die Wangen, die sich unter ihren Fingern lebendig anfühlten.

»Du bist so schön!«, murmelte sie leise. Ihre Stimme klang in ihren Ohren laut, zu laut für die Stille des Dachbodens – und das schlechte Gewissen überkam sie, die Ruhe der Puppe gestört zu haben. Vorsichtig hielt Lili sie mit einer Hand hoch, während sie sich in den Schneidersitz setzte und die Puppe sanft bettete. Lili neigte den Kopf und betrachtete das Gesichtchen ruhig und ohne jegliches Gefühl.

***

»Lili!« Jack war seiner Schwester gefolgt, wenn auch nicht sofort. Die Angst vor seinem Vater hinderte ihn daran. Doch als sie endlich ins Haus gingen, hielt ihn nichts mehr. Seine Schwester war schon immer rebellisch und aufgeweckt gewesen, aber so seltsam wie heute hatte sie sich noch nie aufgeführt. Und er brannte darauf, herauszufinden, wieso. Kaum hatte er das Haus betreten, beschlich ihn ein seltsames Gefühl. Nicht nur, weil es so groß und mächtig war, sondern weil irgendetwas nicht damit zu stimmen schien. Vielleicht war es auch einfach nur das Unbekannte, das ihn beklommen machte. Sein Blick wanderte über das Treppenhaus und überlegte, wo seine Schwester hingeflitzt sein könnte. Keller oder Dachboden - beides war verlockend für jemanden wie sie. Lili liebte Geheimnisse und hatte immer gehofft, in einem Keller oder einem Dachboden einen Schatz zu finden. Ob er in ihrem Alter auch so kindisch gewesen war?.

Schmunzelnd stieg er die Treppen hinauf und wanderte durch die Gänge der Etagen. Das Haus war noch größer, als es von außen den Anschein hatte. Allerdings schien die Architektur linear zu sein, so dass man sich wenigstens nicht verlaufen konnte. Es war ihm, als wäre ein viereckiger Raum mitten ins Stockwerk gesetzt worden und die anderen Räume sowie der Gang darum herum gebaut. Wenn man die Treppe, die im inneren Viereck versteck in der Wand lag – genau so, dass man auch an ihr vorbei gehen konnte, wenn man nicht wusste, dass es sie gab -, lief man einfach im Viereck. Jack war sicher zwei oder dreimal an ihr vorbei gelaufen, bis er sie entdeckt hatte. Wer wohl die Zimmer direkt in der Mitte bewohnt hatte? Waren es Bedienstetenquartiere? Hausmädchen, die schnell bei ihren Herren sein mussten? Jack brannte darauf, die Geheimnisse dieses Hauses zu erkunden, doch zuerst musste er sich um Lili kümmern. Wenn er sie nicht rechtzeitig zum Essen brachte, war der Zorn seiner Eltern ihm gewiss. Schnell sprang er die Stufen hinauf und wandte sich nach rechts. Doch da war keine Treppe. Beinahe wäre er gegen eine Wand gelaufen. Jack taumelte etwas zurück, sah sich um. Auch auf der anderen Seite der Treppe war kein weiterer Aufstieg. Was ging hier vor sich? Misstrauisch ging er den Korridor entlang, immer wieder nach links und rechts schauend. Irgendwo musste doch noch eine Treppe sein, immerhin hatte das Haus drei Stockwerke! Die konnten sich doch nicht einfach in Luft auflösen! Frustriert stützte er sich mit einer Hand an der Wand ab, genau zwischen zwei imposanten, wenn auch protzigen Wandleuchtern. Es klickte, er stolperte, als die Wand nachgab und die Vertäfelung sich ein wenig nach hinten drückte. Und nun verstand er. Das war der versteckte Treppenaufgang für die Dienstbotenquartiere. Damit niemand sah, wo sie herkamen und wo sie hingingen. Da er die Gerüchte um die Herrschaften der Herrenhäuser kannte, nahm er an, dass es zum Schutz der Tugend der Mägde dienen sollte, und zollte dem Architekten des Hauses insgeheim Tribut. Man konnte sich hier auch sicher bestens vor Eindringlingen und anderem verstecken, da war er sich sicher. Langsam stieg er die Stufen hinauf, suchte mit der Hand nach einem Schalter an der Wand. Doch das einzige Licht, das das Treppenhaus erhellte, kam aus dem unteren Stockwerk. Die düstere Atmosphäre half nicht, sein Unbehagen zu besänftigen. Stattdessen verstärkte es sich. Jacks Herz schlug wild in seiner Brust, Angstschweiß rann ihm über den Rücken. Das ungute Gefühl verstärkte sich mit jedem Schritt. Nicht nur, dass er in die Privatsphäre der Dienstboten eindrang, da war er sich sogar sicher, er hatte auch das Gefühl, nicht willkommen zu sein. Der Dienstbotentrakt war schlicht, einfach. Kerzen glommen an den Wänden, erhellten den Korridor nur spärlich. Es schien eine Art Aufenthaltsraum zu sein, der auch gleichzeitig als Korridor fungierte. Und in der Raummitte befand sich eine Wendeltreppe. Jack ging näher an die Stufen, sah hinauf. Eine große Holztür versperrte den Weg zum Dachboden. Vorsichtig stieg er hinauf, die Hand fest um das Geländer geklammert. Die Stufen wackelten, die Treppe schwankte - Jacks Herz drohte zu implodieren. Die Tür war verschlossen, egal, wie sehr er am Griff rüttelte. Lili konnte nicht hier drin sein, oder? War sie eingesperrt?

»Lili? Lili, bist du da drin?« Jacks Stimme überschlug sich vor Angst. Die Treppe schien noch mehr zu schwanken. »Lili! Bitte! Sag doch was! Bist du in Gefahr? Hast du dich eingeschlossen? Brauchst du Hilfe?«

Plötzlich gab der Griff nach und die Tür schwang auf. Jack wäre beinahe gestürzt, so sehr überraschte ihn das. Auf den Händen landend fand er sich auf dem Dachboden wieder. Staub kitzelte in seiner Nase und als er sich umsah, hatte er das Gefühl, nicht allein zu sein. Eine Präsenz schien sich unweigerlich gegen seinen Geist zu drücken, doch Jack schüttelte den Kopf. Wenn sie hier erst einmal Fuß gefasst und sich ein Zuhause geschaffen hatten,, würden sich seine Hingespinste auch erledigt haben. Seine Fantasie spielte ihm einen Streich, er sollte weniger Gruselromane lesen.

»Lili? Lili, bist du hier?« Er wagte nicht seine Stimme zu mehr als einem Flüstern zu erheben. Sonnenlicht fiel durch das Dach, Staub tanzte in der Luft, es war warm, ein wenig modrig und doch fröstelte es ihn. Die Holzlatten des Bodens knarrten, auch wenn er sich Mühe gab, leise zu sein. Er hatte das Gefühl, jedes laute Geräusch würde ihn in Schwierigkeiten bringen. »Lili?«

»Jack?« Leise, kaum hörbar. »Jack, was willst du denn hier?«

Jack seufzte erleichtert und ging weiter. Lili war hier. Nicht länger darauf bedacht, leise zu sein, ging er mit großen Schritten über den Boden, in die Richtung, in der er seine Schwester vermutete.

»Jack, sei leise. Du störst ihre Ruhe. Das ist nicht nett, das mag sie gar nicht.« Irrte er sich oder klang ihre Stimme tadelnd?

»Wessen Ruhe? Von wem sprichst du?« Jack kam näher und blinzelte. Seine Schwester saß inmitten von Truhen, eine menschenähnliche Figur auf dem Schoß und funkelte ihn böse an. Eine Puppe! Er traute seinen Augen nicht. Noch nie hatte sich Lili für so etwas interessiert und jetzt, saß sie auf dem Dachboden und spielte mit einer ihr fremden Puppe. Irgendetwas stimmte hier doch ganz und gar nicht!

»Na, ihre!« Sie deutete auf das Püppchen. »Du kannst doch nicht einfach so rücksichtslos hier eindringen und solch einen Lärm verursachen! Das ist so rücksichtslos von dir!«

»Rücksichtslos? Alles klar.« Jack schüttelte den Kopf. »Lili, nimm die halt mit. Aber unsere Eltern warten auf dich. Sie wollen dir dein Zimmer zeigen und dann mit uns zu Mittag essen. Du weißt, wie Mama reagiert, wenn wir uns verspäten oder sie warten lassen. Du kannst ja immer wieder hier hoch kommen, wenn du willst, auch wenn du vielleicht mit Magda oder Berthold darüber sprechen solltest.«

»Sie hat gesagt, ich darf immer hier her kommen. Ich muss niemanden um Erlaubnis fragen! Niemanden außer sie.« Lili beugte sich nach vorne, schien der Puppe etwas zuzuflüstern, bevor sie sich in einer fließenden, eleganten Bewegung erhob, die ihre Mutter stolz gemacht hätte. »Gut, gehen wir.«

»Du nimmst die echt mit?« Jack konnte es nicht glauben.

»Ja. Hast du doch selbst vorgeschlagen.« Lili tänzelte an ihm vorbei, die Puppe an ihre Brust gedrückt. Jack folgte ihr verwirrt.

Kapitel 2

Lilis seltsames Verhalten irritierte die ganze Familie, das konnte Jack deutlich beim Essen sehen. Nicht nur, dass sie die Puppe auf einen Stuhl neben sich gesetzt hatte, sie sprach auch ständig mit ihr. Lautlos, so dass niemand etwas davon mitbekam. Seine Schwester musste mehr unter dem Umzug leiden, als sie alle gedacht und erwartet hatten. Lili war wie ausgewechselt, seit sie das Haus betreten hatte, und er sorgte sich um sie. Sie war nunmehr das stille Mädchen, das seine Mutter immer hatte haben wollen, anstatt der aufgeweckte Wildfang, der sie gewesen war. Das konnte doch nicht alles mit dieser Puppe zusammen hängen? Jack wollte und konnte das nicht glauben.

»Lili, Schatz, bitte konzentriere dich auf die am Tisch Anwesenden. Das gehört sich nicht. Und heute Abend lässt du bitte die Puppe auf deinem Zimmer. Wo hast du dieses Spielzeug überhaupt gefunden?« Die Stimme seiner Mutter hatte einen leichten Tonfall, ein wenig sanft, so als wolle sie Lili nicht gegen sich aufbringen. Bedrückten sie etwa die gleichen Befürchtungen, die ihn quälten? Dass Lili den Umzug einfach nicht verkraftete? Dabei war doch Lili die, die am ehesten Freundschaften knüpfen konnte, einfach, weil sie so aufgeweckt und lebensfroh war. Doch davon war nichts mehr zu sehen. Sie wirkte abwesend, in sich gekehrt - nicht wie sie selbst. Jack stocherte in seinem Essen herum, blickte immer wieder zu Lili hinüber.

»Jack! Bitte. Du stichst auf deine Kartoffeln ein, als wären sie niederträchtige Feinde. Benimm dich!«, tadelte ihn sein Vater und er konnte nicht anders, er musste einfach sehen, wie Lili reagierte. Die Lili, die er kannte, würde jetzt normalerweise grinsen und ihm zuzwinkern. Doch die Lili, die ihm jetzt gegenübersaß, hielt den Blick gesenkt und aß in kleinen Häppchen. »Jack! Was habe ich dir gerade gesagt?«

»Verzeihung, Vater.« Automatisch setzte er sich aufrechter hin. Noch nie hatte er ein Essen mit der Familie als so unangenehm empfunden.

Nach einer gefühlten Ewigkeit durften sie aufstehen. Ihre Eltern hatten ihnen eine Stunde gegeben, um sich in ihren neuen Zimmer einzurichten, danach wollten sie mit ihnen das Geländer erkunden.

Sein Vater hatte sicher alles über die Flora und Fauna vorbereitet und würde dem Personal genügend Zeit geben, alles auf- und einzuräumen. Wenn es etwas gab, was sein Vater stets zur Perfektion tat, dann war es planen. Alles musste genau so ablaufen, wie er es sich vorgestellt hatte. Jack ließ Lili nicht aus den Augen, die graziös aufstand, die Puppe in den Arm nahm und mit einem Knicks das Esszimmer verließ. Jack lief ihr hinterher.

»Lili! Lili, was ist denn mit dir los?« Er hatte sie schnell eingeholt. Damenhaft kleine Schritte, hoch erhobenes Haupt - es war ihr nicht möglich, sich schnell fortzubewegen. »Lili, seit wann verhältst du dich so, wie Mama es möchte?«

Lili ignorierte ihn. Wie eine Miniaturausgabe ihrer Mutter stieg sie die Treppen hinauf und verschwand in einem Zimmer, das sie als ihres ansah. Zumindest deutete auch alles darauf hin, dass es ihr zugeteilt worden war, denn ihre Sachen standen darin. Sie setzte sich auf das Bett und die Puppe auf ihren Schoß. »Jack, es gehört sich nicht, im Zimmer einer Dame zu sein, ohne von ihr die Erlaubnis bekommen zu haben.«