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In diesem Falllesebuch geben verschiedene Psychotherapeut:innen einen Blick hinter die Kulissen ihrer Praxis. Der Schwerpunkt der Falldarstellungen liegt dabei weniger auf der Diagnostik und der Ebene der Interventionen als vielmehr darauf, eine individuelle Geschichte zu erzählen, die sich aus dem Zusammenspiel von Patient:in und Psychotherapeut:in webt. Dadurch gewährt jeder Beitrag nicht nur Einblicke in die Lebenswelt der Patient:innen, sondern auch in die persön-liche Herangehensweise und Perspektive der Therapeut:innen und zeigt die Vielfalt des existenzanalytischen Ansatzes. Das Buch bietet eine spannende und menschliche Perspektive auf die Psychotherapie, die sowohl Fachleuten als auch Laien wertvolle Erkenntnisse und neue Perspektiven eröffnet.
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Seitenzahl: 297
Veröffentlichungsjahr: 2025
Claudia Reitinger (Hg.)
Falllesebuch Existenzanalyse
Die Herausgeberin
Dr.inClaudia Reitinger ist Philosophin, Biologin, Psychotherapeutin und Ausbildnerin für Existenzanalyse in freier Praxis in Salzburg. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Anthropologie psychotherapeutischer Schulen, der Phänomenologie und der angewandten Ethik.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Alle Angaben in diesem Fachbuch erfolgen trotz sorgfältiger Bearbeitung ohne Gewähr, eine Haftung der Herausgeberin, der Beitragsautor:innen oder des Verlages ist ausgeschlossen.
1. Auflage 2025
Copyright © 2025 Facultas Verlags- und Buchhandels AG
facultas Universitätsverlag, Stolberggasse 26, 1050 Wien, Österreich
www.facultas.at, [email protected]
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und der Verbreitung sowie der Übersetzung, sind vorbehalten.
Umschlagbild: © Kateryna Kovarzh – iStock
Lektorat: Theresa Gapp
Satz: Wandl Multimedia-Agentur
Druck und Bindung: Facultas Verlags- und Buchhandels AG
Printed in Austria
ISBN 978-3-7089-2538-7 (Print)
ISBN 978-3-99111-956-2 (E-Pub)
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Existenzanalyse – ein kurzer theoretischer Überblick
2.1 Das Prozessmodell
2.2 Das Strukturmodell
3 Fallbeispiele
3.1 Ein Potpourri von Erlebnissen aus der psychotherapeutischen Praxis
Birgit Adenbeck
3.2 Chris – dem Borderlinegefängnis entkommen
Rupert Dinhobl
3.3 Mona – im Boxring gegen das Selbst
Mario Fartacek
3.4 Gift und Galle
Michael Lindenbach
3.5 „Ich habe Angst, aus dieser Welt zu fallen“
Christian Probst
3.6 Die Arbeit mit dem existenzanalytischen Aufstellungsbrett EAAB 2.0 – Frau H.
Esther Purgina
3.7 Personale Momente – die Wirkung der psychotherapeutischen Begegnung
Cristina Reinisch
3.8 Sandra – der weite Weg aus dem Eispalast
Claudia Reitinger
3.9 Elisabeth – ein kleiner Schritt in Richtung Freiheit
Anna Schuler
3.10 Dominik – am Puls des Lebens
Caroline Sigwald
3.11 Gerlinde – „Ich weiß, dass ich nie mehr nach Hause kann, aber ich kämpfe und überlebe, damit ich wieder nach Hause komme“
Albert Wandl-Radakovits
3.12 Michaela
Rafael Zink
3.13 Aus der unverschuldeten Unmündigkeit in ein verantwortetes Leben kommen – klinische und allzu menschliche Betrachtungen in der Arbeit mit jungen Menschen
Ingo Zirks
4 Abschließende Gedanken
5 Angaben zu den Autor:innen
Stichwortverzeichnis
1 Einleitung
Die Idee, ein existenzanalytisches Falllesebuch herauszugeben, ist durch meine Tätigkeit als Lehrsupervisorin entstanden. Seit einigen Jahren begleite ich Ausbildungskandidat:innen auf ihren ersten Schritten in der Praxis. Es ist schön zu sehen, wie sich angehende Therapeut:innen im Laufe ihrer Supervision entwickeln, diagnostisch immer klarer werden, unterscheiden können, wann sie vom phänomenologischen, verstehensorientierten „Anfragen“ auf die Ebene der Interventionen wechseln, zu welchem Zeitpunkt eine Konfrontation wichtig ist und wann ein empathisches Beisein.
Zu Beginn erlebe ich alle „Neulinge“ unsicher und gleichzeitig als sehr motiviert und freudig. Jetzt geht es wirklich los in der Praxis, aber: Kann ich das überhaupt? Ein therapeutisches Gespräch führen – wie geht das genau? Worauf muss ich achten? Was kann ich in diesem Setting falsch machen? Was, wenn der/die Patient:in nach dem Erstgespräch nicht mehr kommt? Wie führt man überhaupt einen therapeutischen Prozess? Wieso verändert sich so wenig? Und: Gibt es ein Buch, in dem ich Fallverläufe nachlesen kann?
Da es nur wenige detaillierte Darstellungen von existenzanalytisch geführten therapeutischen Prozessen gibt, habe ich im vergangenen Jahr Kolleg:innen darum gebeten, mir Fallverläufe ihrer Patient:innen zusammenzustellen, um sie gemeinsam veröffentlichen zu können. Die Vorgabe war, eine besonders berührende Fallgeschichte vorzustellen und dabei weniger auf die Diagnostik und die Interventionen einzugehen als auf das Narrativ. In unterschiedlicher Hinsicht ist daraus eine sehr bunte Sammlung entstanden. Gut die Hälfte der Beiträge ist von Ausbildner:innen in Existenzanalyse, der andere Teil von Psychotherapeut:innen in Ausbildung unter Supervision verfasst worden. Die Fallgeschichten decken eine große Bandbreite von unterschiedlichen psychischen Erkrankungen, Altersgruppen und Lebenswelten ab.
Ich möchte mich an dieser Stelle zuerst bei allen Patient:innen bedanken, die sich mit ihrer Geschichte zur Verfügung gestellt und der Veröffentlichung zugestimmt haben, und ebenso bei allen Therapeut:innen, die ihre je eigene Arbeitsweise offengelegt haben.
Namen und bei Bedarf auch Eckdaten von Patient:innen wurden zur Anonymisierung geändert.
2 Existenzanalyse – ein kurzer theoretischer Überblick
Die Existenzanalyse ist eine phänomenologisch orientierte Psychotherapierichtung, die bei der Behandlung von Patient:innen beim subjektiven Erleben des jeweiligen Menschen ansetzt und dieses zunächst in einer nicht interpretativen Weise verstehen möchte. Das heißt, dass in der Gesprächsführung versucht wird, die Welt des Gegenübers durch eine offene Haltung zu erschließen, damit sie dem Gegenüber im Laufe des therapeutischen Prozesses selbst durchsichtig wird und er/sie zunehmend verstehen kann. Neben dieser grundlegend phänomenologischen Haltung gibt es zwei Modelle, an denen sich die Diagnostik und die Interventionen orientieren: das Prozessmodell (vgl. Längle 2016, 124 ff.) und das Strukturmodell (vgl. Längle 2016, 82 ff.).
2.1 Das Prozessmodell
Im Zentrum der Methode der Personalen Existenzanalyse steht der Begriff der Person. Der Personbegriff wird in der existenzanalytischen Anthropologie relational verstanden, das bedeutet, dass das Personsein durch das In-Beziehung-Stehen konstituiert wird, und zwar im doppelten Sinn: in Bezug auf die Außenwelt und in Bezug auf die Innenwelt.
Man kann den Menschen anhand seines Wesens als „offen für innere und äußere Realität“ ansehen. Weil diese Offenheit zum Wesen des Menschen gehört, kann sich die Person der Welt wie auch sich selbst gegenüber nie ganz verschließen. Man kann den Menschen als Verbindungsstelle eines „Innen“ mit einem „Außen“ ansehen (Längle/Holzhey-Kunz 2008, S. 94). Die Person bildet somit die Schnittstelle zwischen Außen- und Innenwelt und ist beeindruckbar davon, was ihr aus der Welt entgegenkommt. Das, was in der Außenwelt geschieht, findet Resonanz in der Innenwelt. In Bezug auf die Innenwelt kann der Mensch als Person gleichzeitig auf Distanz zum emotional Erlebten gehen und damit in Beziehung treten. Diese doppelte Offenheit und das Verstehen des subjektiv Bedeutsamen bilden die Grundlage einer authentischen Lebensführung. Mit anderen Worten: Etwas von der Welt kommt dem Menschen entgegen und löst bestimmte Emotionen aus. Weil der Mensch dies gleichzeitig wahrnehmen und dazu in Distanz treten kann, ist es ihm möglich, von einem bloßen Reagieren in ein Verstehen darüber zu kommen, was ihn „von der Welt“ erreicht hat: Gutes oder Schlechtes, Ärgerliches oder Freundliches, Trauriges oder Schönes. Da der Mensch aus existenzanalytischer Perspektive Handlungs- und Entscheidungsfreiheit besitzt, ist es ihm möglich, zum Erlebten Stellung zu nehmen und sein Leben nach seinen subjektiven Werten auszurichten und diesen gemäß zu handeln. Gelingt es dem Menschen, zu spüren, was für ihn gut und wertvoll ist, kann sich ein Gefühl von Stimmigkeit und Sinnhaftigkeit einstellen. Letztlich zielt eine existenzanalytische Psychotherapie darauf ab, eine innere Zustimmung zu dem, was man tut oder lässt, zu finden. Anthropologisch gesehen bedeutet das, dass der Mensch als Person einen Freiheitsspielraum für die eigene Lebensgestaltung besitzt und damit auch die Verantwortung dafür trägt, sein Leben auf Basis seiner momentanen Lebensbedingungen zu gestalten.
Die Methode der Personalen Existenzanalyse beschreibt den Prozess, in dem sich dieser dialogische Austausch mit der Welt vollzieht. Etwas kommt mir von der Welt entgegen (beispielsweise ein Stau auf der Autobahn). Die Situation enthält subjektiv gesehen bestimmte Informationen (aufgehalten werden, eingesperrt sein etc.), löst Emotionen (Ärger, Stress, Enge usw.) und eine Antwort in Bezug darauf aus, was sich in einem selbst manifestiert hat (die Zeit nutzen, um endlich wieder einmal einen Freund anzurufen, die Spur von links nach rechts wechseln und andere Autofahrer:innen schneiden, weinen; auf das Lenkrad schlagen und sich in der Opferrolle sehen, aufgrund des Gefühls, eingesperrt zu sein; eine Panikattacke bekommen etc.).
Dieser Prozess läuft ständig in uns ab. Indiziert ist die PEA in der Praxis, wenn es Störungen in diesem natürlichen Ablauf gibt, durch die die Verbindung zu sich selbst verloren geht und kein autonomes Handeln mehr möglich ist. Das Ziel der PEA ist es, von einem psychodynamischen Reagieren zu einem authentischen Handeln bzw. zu einer authentischen Stellungnahme zu kommen. Mögliche Blockaden können die Fähigkeit der emotionalen Beeindruckbarkeit betreffen, das Ausagieren von Emotionen, sich in fixierten Schutzreaktionen zeigen oder in einer Schwäche in Bezug auf den Ausdruck selbst.
Schritte der PEA
Die PEA wird in vier Abschnitte gegliedert: PEA-0, PEA-1, PEA-2, PEA-3 (vgl. Längle 2013, 71 ff.; Längle 2016, 124 ff.)
PEA-0: Deskription: Beim ersten Schritt der PEA geht es darum, eine konkrete Situation wahrzunehmen und zu beschreiben. Was ist der Fall? Wie ist es dazu gekommen? In welchem Zusammenhang steht die Situation?
PEA-1: Eindruck: Hier wird der Eindruck des Sachverhalts gehoben. Der Eindruck besteht aus dem ersten Gefühl, dem dazugehörigen Impuls und dem phänomenalen Gehalt. Der Eindruck ist passiv, rezeptiv, er widerfährt mir in erster Linie. Als „phänomenaler Gehalt“ wird die Botschaft bezeichnet, die eine Situation für den Menschen hat. Was ist da angekommen? Was sagt es mir? Was war das erste Gefühl? Was hätte ich spontan, ganz ohne zu überlegen, am liebsten getan?
PEA-2: Verstehen und Stellungnahme: In diesem Schritt ändert sich die Blickrichtung hin zum Erlebten. Im Sinne der Selbstdistanzierung tritt der Mensch aus dem unmittelbar Gefühlten heraus, wird zum Betrachter bzw. zur Betrachterin der Situation und versucht, die eigenen Gefühle und Impulse zu verstehen. Was ist es, das mich so wütend macht? Kann ich mich in meinem Erleben verstehen? Was daran bleibt unverstanden? Handelt es sich um eine Situation, in der auch andere beteiligt sind, gehört neben dem Selbstverständnis auch das Verstehen des anderen dazu. Wie verstehe ich, dass meine Partnerin am Wochenende nichts mit mir unternehmen möchte, aus ihrer Sicht?
Die konkrete Situation wird dann in einen breiteren Kontext ihrer Wertbezüge gestellt und bewegt sich auf folgende Frage hin: Stimmt es für mich, dass ich so und nicht anders reagiert habe? Über das Spüren des Stimmigen in Bezug auf die Situation und sich selbst kommt der Mensch zu einem Urteil. Was halte ich davon? Was hätte ich gerne getan? Wie kann ich handeln, sodass es für mich richtig ist?
PEA-3: Ausdruck: Auf Basis dessen, was für mich richtig ist, geht es in einem letzten Schritt darum, dies auch in der Welt zu realisieren. Wem gegenüber möchte ich wann was genau sagen? Wie möchte ich jetzt ganz konkret handeln? Was sind die Konsequenzen? Der Ausdruck unterscheidet sich von einem psychodynamischen Ausagieren dadurch, dass er mit dem Menschen selbst, der Welt, den Wertbezügen und den anderen emotional und kognitiv abgestimmt ist. „Ausdruck“ bedeutet nicht immer, dass es tatsächlich darum geht, zu handeln, es kann auch um eine innere Haltung gehen, die einer Situation adäquat ist.
2.2 Das Strukturmodell
Die existenzanalytische Anthropologie beschreibt vier Grunddimensionen des Menschen, die als strukturelle Tatsachen verstanden werden und dem Leben zugrunde liegen (vgl. Längle 2008, 26 ff.; Längle 2013, 71 ff.; Längle 2016, 75 ff.). Diese beziehen sich auf (1) die Welt mit ihren Bedingungen und Möglichkeiten, (2) das Leben bzw. das Erleben von Vitalität und Emotionalität, (3) das eigene Personsein und (4) das Sich-Entwerfen im Zuge einer sinnvollen Zukunftsgestaltung.
Da der Mensch in ständiger Auseinandersetzung mit diesen Bedingungen steht und um deren Erhaltung bemüht ist, werden die Grunddimensionen auch als Grundmotivationen bezeichnet.
Als Motivationen erscheinen die vier Grunddimensionen der Existenz als (1) Motivation zum physischen Überleben und zur Daseinsbewältigung, (2) Motivation der psychischen Lebenslust und zum Werterleben, (3) Motivation zur Authentizität und zur Gerechtigkeit, (4) Motivation zum existenziellen Sinn.
Ist eine der Grunddimensionen (subjektiv) bedroht, setzen psychodynamische Copingreaktionen ein, um die jeweilige Bedingung aufrechtzuerhalten oder abzusichern. Im Gegensatz zum authentischen Handeln laufen diese automatisch ab. Copingreaktionen sind per se nicht problematisch, sondern erst dann, wenn sie den Handlungsspielraum des Menschen grundsätzlich oder in bestimmten Situationen so weit einschränken, dass sie keinen Spielraum für personales Handeln ermöglichen. Psychische Erkrankungen werden als fixierte Copingreaktionen verstanden, die den Menschen so weit einengen, dass dieser seinen Zustand als leidvoll erlebt. Die Copingreaktionen sind spezifisch für die jeweilige Grunddimension und können jeweils in vier Stufen eingeteilt werden: in eine Grundbewegung, eine paradoxe Bewegung oder einen paradoxen Aktivismus, einen Aggressionstyp und einen Totstellreflex. So kann umgekehrt anhand der Copingreaktionen auf die jeweils bedrohte Grunddimension geschlossen werden.
Das Prozess- und das Strukturmodell sind insofern verschränkt, als dass man anhand der PEA auch Defizite in den Grundmotivationen sichtbar machen kann.
Grunddimension 1: Die Welt als faktische Realität und Möglichkeitsraum
Die erste Dimension menschlicher Existenz betrifft die Faktizität. Es ist die einfache Tatsache des Daseins in einem konkreten Umfeld. Der Mensch findet sich immer schon in der Welt vor, hier gelten bestimmte Naturgesetze. Er lebt unter bestimmten Bedingungen, die seinen Möglichkeitsspielraum aufspannen und begrenzen. Es geht darum, das Gegebene zu erfassen und anzunehmen, um das Leben auf dem Boden der Realität gestalten zu können.
Die existenzielle Grundfrage, die sich in Bezug auf die Welt als Faktizität stellt, lautet:
Ich bin da – aber kann ich sein?
Die Voraussetzungen, um da sein zu können, sind Raum, Schutz und Halt zu haben. Raum braucht der Mensch auf physischer und psychischer Ebene. Wir brauchen Orte, an denen wir uns aufhalten können, die wir uns aneignen, sowohl im Sinne eines Zuhauses als auch im Sinne von Wirkräumen. Schutz erleben wir vor allem dadurch, dass wir angenommen wurden und werden. Je selbstverständlicher wir dieses Angenommensein in unserer Biografie erfahren haben, desto aufgehobener und sicherer fühlen wir uns. Halt erfahren wir in allem, was uns Stabilität gibt, in Routinen, Ritualen, stabilen Beziehungen, Werthaltungen.
Fühlt sich der Mensch in diesem basalen Seinkönnen bedroht, setzen bestimmte Copingreaktionen ein. Spezifisch für die erste Grundbedingung sind die Flucht und die Vermeidung. Denken wir beispielsweise an Situationen, in denen wir uns subjektiv bedroht fühlen und ängstigen, ist unser erster Impuls, der Situation entkommen zu wollen. Sind Flucht oder Vermeidung nicht möglich, beginnen wir, im Aktivismus dagegen anzukämpfen. Hierzu zählt beispielsweise auch das zwanghafte Verhalten, bei dem nach einer Sicherheit gesucht wird, die es im Leben so nicht gibt.
Der Aggressionstyp, der der ersten Grundbedingung entspricht, ist der Hass. Er zielt auf Vernichtung des anderen ab. Ist es nicht möglich, der Situation zu entkommen oder dagegen anzukämpfen, sind wir der Situation ohnmächtig ausgeliefert und Formen des Totstellreflexes setzen ein. Dabei handelt es sich um Formen des Erstarrens, Schweigens, Stillhaltens bis hin zum Schock. Wir sitzen dann wie eine Maus vor der Schlange und sind handlungsunfähig.
Menschen, die zu wenig Sicherheit und Stabilität in ihrer Biografie erlebt haben, leiden unter einer basalen Verunsicherung. Sie erleben die Welt selbst als wackelig und unsicher, weil es an einem grundlegenden Vertrauen fehlt. Die spezifischen Störungen sind alle Formen von neurotischen Ängsten und zwanghaftem Verhalten, bei dem versucht wird, gegen die Unsicherheit des Lebens anzukämpfen.
Grunddimension 2: Das Leben – die Wertseite der Welt und das In-Beziehung-Sein
Die zweite Grunddimension zielt auf die Fähigkeit des Menschen ab, Werte fühlen zu können, die damit zusammenhängenden Emotionen zu spüren und Vitalität zu erleben. Dem Menschen geht es nicht bloß um ein kognitives Erfassen des Faktischen, sondern auch um ein emotionales Wahrnehmen seines Lebens, der Geschehnisse und Begegnungen in der Welt.
Die Fähigkeit, die Welt emotional erfassen zu können, ist abhängig vom Spüren des Grundwerts des eigenen Lebens. Je mehr der Mensch das Leben im Allgemeinen und sein Leben im Speziellen als wertvoll erlebt, desto mehr ist es ihm möglich, Wertvolles in der Welt wahrzunehmen und sein Leben danach auszurichten.
Die existenzielle Grundfrage, die sich in Bezug auf das (eigene) Leben stellt, lautet:
Ich lebe – aber mag ich es, zu leben?
Die Voraussetzungen, um davon, was uns in der Welt begegnet, emotional berührt zu werden, sich der Welt wirklich zuwenden zu können, sind Nähe, Zeit und Beziehung.
Um sich von Dingen, Menschen oder Erlebnissen emotional berühren lassen zu können, ist es notwendig, der Welt gegenüber offen zu sein und die Dinge an sich herankommen zu lassen. Erst dadurch entstehen Emotionen, Freude, Trauer, Wut, Enttäuschung und das faktische Dasein wird lebendig und bunt. In der Distanz bleibt man kalt und unberührt. Dabei spielt auch die Zeit eine wesentliche Rolle: Im Vorbeilaufen, in der Hast, in der Eile zieht die Welt an uns vorbei. Wir werden von dem, was uns umgibt, nur wenig bis gar nicht berührt. Im Verweilen kann sich der Raum eröffnen, in dem wir mit unserer Umgebung in Beziehung treten und das Leben spüren können. Der Beziehungsaspekt umfasst dabei sowohl die wirkliche Bezogenheit auf die Welt und auf die anderen als auch die Beziehung, die wir zu uns selbst haben.
Wenn man das Leben und die Welt nicht als gut erlebt und nicht mag, setzt als erste Copingreaktion der Rückzug ein: Von einem Leben, das es nicht gut mit uns meint, ziehen wir uns lieber zurück, äußerlich oder innerlich. Wir bleiben zu Hause, halten uns aus Beziehungen heraus, werden gleichgültig, „igeln uns ein“. Diesen Wertverlust versuchen wir durch Leistung auszugleichen. Wenn wir nicht spüren, was für uns gut und wertvoll ist, wird die emotional gefühlte Basis des Lebens durch Leistung kompensiert, um nicht ganz leerzulaufen und einen Handlungsgrund zu besitzen. Der entsprechende Aggressionstyp ist die Wut, die nicht auf Vernichtung abzielt, sondern darauf, wieder in Beziehung zu kommen. Zieht sich beispielsweise ein:e Partner:in aus der Beziehung zurück, so möchte die Wut den bzw. die andere:n Partner:in erreichen und aufrütteln, um die Beziehungslosigkeit zu beenden. Der Totstellreflex resultiert in einer Passivierung – man ist erschöpft vom Leisten und/oder geht in die Resignation.
Menschen, die zu wenig Nähe und Wärme erfahren haben und/oder deren Leben von Traumatisierungen und Schicksalsschlägen gezeichnet ist, empfinden dieses nur selten als gut und wertvoll. Die entsprechende Störung ist die Depression, in der die Beziehung zum Leben grundsätzlich verloren gegangen ist und das Werterleben somit gestört wurde. Ebenso kann die gestörte Beziehung zum Leben in eine Sucht führen, durch die – zumindest kurzfristig – Wärme, Lebendigkeit und positive Gefühle erzeugt werden.
Grunddimension 3: Das eigene Personsein – die Authentizität und Individualität
Die dritte Dimension menschlicher Existenz bezieht sich auf das eigene Selbstsein relational zur Welt und zu anderen. Ich bin als Person in der Welt – mit meiner Unverwechselbarkeit und Einzigartigkeit, durch die ich mich von anderen unterscheide. In Bezug auf eine konkrete Situation gilt es, das Authentische zu finden und es vor den anderen vertreten zu können. Längle bezieht sich hier auf den vagen Begriff des Spürens, des Gewissens als Kompass und der inneren Zustimmung als Grundlage von authentischen Entscheidungen und Handlungen.
Die existenzielle Grundfrage, die sich angesichts der anderen stellt, berührt den Bereich der Ethik: Ich bin ich – darf ich so sein? Habe ich das Recht, so zu sein, wie ich bin? Um das Eigene zu finden und es auch leben und vertreten zu können, sind Beachtung, Gerechtigkeit und Wertschätzung Voraussetzungen. Als Menschen sind wir immer schon dem Blick der anderen ausgesetzt, erleben Zustimmung, Ablehnung oder Gleichgültigkeit für unser Verhalten. Um uns selbst kennen und vertreten zu können, brauchen wir die Beachtung von anderen. Durch dieses Gesehenwerden kann sich ein stabiles Selbstbild entwickeln, wir lernen, Grenzen zu setzen und das Eigene vom Fremden zu unterscheiden. Um einen stabilen Selbstwert zu entwickeln, reicht es nicht aus, von anderen lediglich gesehen zu werden, man muss in dem, was man ist, auch wertgeschätzt und gerecht behandelt werden. Erst durch diese Wertschätzung für das eigene Selbst, die eigenen Gedanken und Gefühle wird es möglich, eine respektvolle Beziehung zu sich aufzubauen und die eigenen Bedürfnisse, das eigene Denken und Handeln ernst zu nehmen.
Wenn das Selbstsein bedroht ist, setzt als Grundbewegung die Copingreaktion des Auf-Distanz-Gehens ein. Wir witzeln, werden kühl und schnippisch oder wenden die Aufmerksamkeit nach außen. Als Aktivismus kennen wir die Rechtfertigung, das Abwerten eines anderen oder die Besserwisserei. Hat ein Mensch grundsätzlich keinen oder einen nur sehr schlechten Bezug zu sich selbst, finden wir hier auch die Copingreaktionen des Ständig-beschäftigt-Seins, der Umtriebigkeit und Sprunghaftigkeit. Die entsprechenden Aggressionstypen sind der Ärger, der Zorn oder der Trotz, um sowohl eine Grenze zu anderen zu ziehen als auch auf sich aufmerksam zu machen. Der Totstellreflex führt von gekränktem Rückzug über Verbitterung bis hin zu Lähmung, Spaltung und Dissoziation. Menschen, die in ihrer Entwicklung übersehen wurden, gelernt haben, sich im Außen zu orientieren und zu wenig Wertschätzung erhalten haben, zeigen unterschiedliche Schwächen in Bezug auf den Selbstwert. Sie sind schüchtern, leicht kränkbar, finden schwer ihre eigene Position, nehmen sich in ihren Bedürfnissen nicht ernst oder haben Schwierigkeiten in der Grenzsetzung. Als klinische Störungsbilder finden sich hier unterschiedliche Persönlichkeitsstörungen, histrionische oder narzisstische Akzentuierungen der Persönlichkeit.
Grunddimension 4: Die Zukunft – die Sinndimension
Die vierte Dimension basiert auf dem Freiheitsspielraum zwischen Faktizität und dem Entwurf einer Zukunft. Aufgrund der Unbestimmtheit der Existenz sind wir Menschen mit der Frage konfrontiert, wie wir unser Leben gestalten möchten und in welchem größeren Kontext – im Sinne eines Lebensentwurfs – eine bestimmte Handlung steht. Dabei gilt es einerseits, zu spüren, welche Richtung das Leben – auf dem Boden der momentanen äußeren Möglichkeiten und der eigenen Fähigkeiten – nehmen soll, andererseits, zu erkennen, was die momentanen Anfragen bezogen auf ganz konkrete Situationen im Leben sind. In dieser Grunddimension geht es weniger um die philosophische Frage nach einem allgemeinen Sinn des Lebens, sondern darum, zu erspüren, wie man das eigene Leben so gestalten kann, um es als subjektiv sinnvoll zu erleben.
Die existenzielle Grundfrage, die sich aus dem Zusammenspiel von Freiheit, Faktizität und Zukunft ergibt, lautet: „Es gibt mich, aber wofür will ich mein Leben einsetzen?“ Um zu einem sinnerfüllten Leben zu gelangen, braucht der Mensch dreierlei: ein Tätigkeitsfeld, einen Strukturzusammenhang und einen Wert in der Zukunft. Um in der Welt fruchtbar zu werden, benötigen wir zuerst einen Platz, an dem sich unsere Fähigkeiten entfalten können und der uns entspricht: die Familie, den Beruf, bestimmte Interessensgebiete, Engagement in Vereinen oder für Dinge, die uns wichtig sind. Mit unserem Handeln entwerfen wir uns, unsere Handlungen bekommen Bedeutung. Alles, was wir tun, ist in einen größeren Kontext eingebettet. Dieser kann von außen vorgegeben sein oder von uns selbst geschaffen werden. Wenn ich beispielsweise – so, wie jetzt gerade – an einem Buch über Traumverstehen arbeite, so kann mir diese Tätigkeit einerseits an sich Freude bereiten, andererseits steht sie in einem größeren Zusammenhang. Sie steht im Kontext meiner therapeutischen Arbeit und lässt mich durch eine strukturierte Reflexion meine eigene Vorgehensweise besser verstehen. Sie führt mich zu einer intensiven Auseinandersetzung mit anderen phänomenologischen Ansätzen des Traumverstehens und ist darauf ausgerichtet, von anderen gelesen zu werden. Das bedeutet, ich bin mit meinem Schreiben auch auf einen Wert in der Zukunft ausgerichtet, die dritte Voraussetzung dafür, um die eigene Aktivität als sinnvoll zu erleben. Wert und damit Sinn erhalten Tätigkeiten also nicht bloß dadurch, dass wir sie als intrinsisch wertvoll erleben, sondern vor allem dadurch, dass wir auch den Strukturzusammenhang als gut und wertvoll beurteilen.
Wird der Mensch in seinem Bedürfnis nach einer sinnvollen Existenz frustriert, setzen verschiedene Copingmechanismen ein. Die Grundbewegung ist, sich in einem provisorischen Leben einzurichten und darauf zu warten oder zu hoffen, dass das wirkliche Leben irgendwann doch beginnen wird. Im Aktivismus beginnen wir, die Dinge aufzuschieben, es wird versucht, das, was als sinnlos erlebt wird, kognitiv umzudeuten (Idealisierung, Zielfixierung) oder sich Ersatzbefriedigungen (Macht, Lust, Konsum) zu suchen. Der spezifische Aggressionstyp beim Sinnlosigkeitserleben ist der Zynismus, der Sarkasmus oder der Vandalismus. Im Totstellreflex wird das nihilistische Lebensgefühl verallgemeinert. Fehlen die Voraussetzungen für eine subjektiv sinnvoll erlebte Existenz, dann stellen sich Gefühle von existenzieller Leere, Frustration oder Langeweile ein, die auch den Boden für Suchterkrankungen bereiten können.
Literatur
Längle, A. (2016). Existenzanalyse. Existentielle Zugänge der Psychotherapie.
Längle, A. (2013). Lehrbuch zur Existenzanalyse. Grundlagen.
Längle, A. & Holzhey-Kunz, A. (2008). Existenzanalyse und Daseinsanalyse.
3 Fallbeispiele
3.1 Ein Potpourri von Erlebnissen aus der psychotherapeutischen Praxis
Birgit Adenbeck
3.1.1 Unerwartete Begegnung
Es ist ein heißer Sommernachmittag, für die nächste Stunde ist ein Erstgespräch im Kalender eingetragen. Müdigkeit schleicht sich ein. Wenn es so heiß ist, fällt das Konzentrieren schwer. Das Wochenende steht auch schon vor der Tür. Die Fenster meiner Praxis lassen mich direkt zum Stadtplatz blicken, es kommen Musikant:innen einer Blasmusikkapelle aus einer benachbarten Ortschaft und platzieren ihre Stühle, Notenständer und Musikinstrumente. Es herrscht reges Treiben, schräge Töne erklingen beim Ausprobieren der Instrumente. Es wird geprobt.
Bei mir läutet es an der Tür, ich öffne. Ein Mann mit fahrigem Blick steht vor mir, um die dreißig, groß und schlank. Ich bitte ihn herein, er geht schnurstracks zum Sessel, so als wäre er schon einmal hier gewesen, und nimmt Platz. Ich schließe das Fenster und beginne routiniert mit dem Erstgespräch. Als es im Raum stiller wird, bemerke ich: Irgendetwas ist da jetzt, ich kann es nicht einordnen und ich werde hellwach. Der Mann will mir aus Vorsichtsgründen nicht verraten, was er beruflich macht, er arbeite in einem hochsensiblen Bereich. Er schildert mir eindringlich, worunter er leidet: Sein Kopf sei nicht mit seinem restlichen Körper verbunden, er spüre seine Hände und seine Beine nicht. Er habe nur einen Kopf. Er schlägt sich auf die Oberschenkel: „Das da gehört nicht zu mir, ist nicht mit mir verbunden!“ Sein vorheriger Psychotherapeut habe während der Stunden auf die Wand geblickt und ihm dadurch gezeigt, dass es ihn nicht interessieren würde, was er erzählt. Gut, das werde ich nicht machen. Immer wieder höre ich dieselben Fragen: „Haben Sie mit so was überhaupt Erfahrung?“, „Können Sie sich vorstellen, wie schrecklich das ist, was ich habe?“, „Was habe ich?“
Ich spüre einen gruseligen Schauer in mir, mir wird kalt. Draußen beginnt der Eröffnungsmarsch, ich höre die Musik. Ich höre Menschen reden und Geschirr klappern im Kaffeehaus unter meiner Praxis, ein Lachen. Im Raum ist es schwül und mir ist kalt. Jemand sitzt mir gegenüber und erzählt losgelöst immer dasselbe, eindringlich, in aggressivem Ton:
„Ich glaube, Sie haben ja überhaupt keine Erfahrung damit“, „Wissen Sie, was ich meine?“ „Wissen Sie, was ich habe?“, Wissen Sie, was ich damit meine?“, „Können Sie sich das vorstellen?“ Misstrauen allem gegenüber dominiert in der sich wiederholenden Erzählung des Mannes, Isolation, Ausgrenzung, nicht verstanden zu werden.
Alle sind böse, ich auch? Ich bin ganz mit mir selbst beschäftigt: „Wie komme ich hier weg?“, „Was passiert da gerade?“ Die Musik, die Kälte, die stechenden Blicke, die Aggressivität und mein Erleben des Gefangenseins verdichten sich in mir. So, Ende, ich kann das nicht mehr aushalten: „Ja, Sie haben recht, damit habe ich keine Erfahrung und es ist furchtbar, was Sie erleiden müssen.“ Ich spüre, wie die Anspannung von mir abfällt. Der Mann steht auf und wir verabschieden uns fast freundlich. „Dann suche ich woanders Hilfe.“ Ich bringe ihn zur Tür und sperre ab. Ich bleibe verstört zurück.
Draußen ist Applaus zu hören, der Beginn des nächsten Musikstücks. Ich schaue aus dem Fenster und mit Mühe setze ich mich wieder zusammen, ordne meine Gedanken, werde mir bewusst, wer ich bin. Wie schön wäre es, wenn jetzt ein mir vertrauter Mensch hier wäre. Im Nachklang habe ich großes Mitgefühl mit diesem Mann. So in der Welt sein zu müssen, ist furchtbar. Für eine kurze Zeit habe ich mitgelebt.
3.1.2 Zwei Stimmen
Eine mir unbekannte Nummer erscheint am Display meines Handys. Normalerweise nehme ich nicht ab, wenn ich die Nummer nicht kenne, und warte, ob jemand auf die Mobilbox spricht. Diesmal gehe ich ran. Ich weiß nicht, wer da gerade mit mir spricht, ich habe den Namen nicht verstanden: „Meine Frau ist bei Ihnen in Therapie. Sie sagt, sie hat zwei Stimmen im Kopf, die ihr Gegenteiliges befehlen.“ Der Mann ist sehr aufgebracht und redet viel und schnell, als würde er wissen, dass er nur kurz Zeit hat, um alles zu sagen. Ich weiß noch immer nicht, um wen es sich handelt. „Ich darf Ihnen keine Auskunft geben. Sie wissen, die Psychotherapie unterliegt der Verschwiegenheit.“ „Ja, ja, ja, das weiß ich alles, aber es ist wichtig. Ich mache mir solche Sorgen. Das ist doch eine Schizophrenie und ihre Oma hatte das auch. Das liegt in der Familie.“ Jetzt weiß ich, dass es sich um den Mann von Frau F. handelt. „Ich kann Ihre Frau fragen, ob sie es sich vorstellen kann, dass Sie einmal zu einer Sitzung mitkommen?“ „Aber Sie müssen etwas machen, Medikamente will sie nicht nehmen. Sie verhält sich ganz komisch und diese Stimmen, das ist doch schizophren!“ „Okay, ich werde mit Ihrer Frau besprechen, was Sie mir gesagt haben, noch besser wäre es, wenn Sie das heute selbst tun.“
Ich frage mich nach dem Telefonat, ob ich etwas übersehen haben könnte, eigenartig ist sie schon irgendwie, Frau F. In zwei Wochen haben wir den nächsten Termin. Ich sehe meine Aufzeichnungen durch, ob irgendetwas auf eine Schizophrenie hindeuten könnte. Abgeflachte Affekte, Mangel an Initiative, Passivität, karge, sich wiederholende Gesprächsinhalte – trifft zu. Gut, dass ich sie wiedersehen werde und mit ihr darüber sprechen kann.
In der nächsten Stunde klärt sich das Rätsel auf: Frau F. hat sich in jemanden verliebt, sie wollte es mir schon länger sagen, aber es war ihr peinlich. Es handelt sich um einen Klienten von mir, die beiden haben sich im Stiegenhaus meiner Praxis getroffen und es hätte sozusagen „wie ein Blitz eingeschlagen“. Als Erklärung für ihr verändertes Verhalten ihrem Mann gegenüber sagt sie ihm, dass sie Stimmen höre. Die eine Stimme sagt „bleib!“, die andere sagt „geh!“ Sie ist übrigens geblieben.
3.1.3 Mahlzeit
Frau L. kommt in ihrem schönsten Sonntagsgewand in meine Praxis, sogar mit Hut. Sie wusste nicht, wie das Wetter werden wird, daher hat sie eine leichte und eine etwas wärmere Jacke dabei. Sie ist Mitte fünfzig und kommt nicht sehr oft in die Stadt. Sie trägt eine dicke Strumpfhose, darüber Socken und Sandalen, denn obwohl die Sonne scheint, kann es auch frisch sein. Damit sie auch pünktlich zum Termin erscheint, hat sie ihr Nachbar mitgenommen, der um acht Uhr mit seiner Arbeit beginnt. Unser Termin ist um elf Uhr. Bevor sich Frau L. setzt, holt sie eine Zeitung aus ihrer Tasche und breitet sie sorgfältig auf dem Sessel aus: „Damit nichts durchgeht, ich will nichts schmutzig machen in Ihrer Wohnung, Frau Doktor.“
So sitzen wir uns gegenüber, Frau L. auf den oberösterreichischen Nachrichten und ich, etwas staunend, ohne Zeitung auf dem Sessel. Sie erzählt aus ihrem Leben, das sehr beschwerlich klingt und von Schicksalsschlägen und viel Arbeit geprägt ist. Beim Verabschieden fragt sie mich, ob ich denn jetzt Mittagspause machen würde. „Nein, ich fange ja meist erst gegen zehn Uhr an, zu arbeiten“, erkläre ich. „Also das geht keinesfalls“, entgegnet sie, „Sie müssen ja etwas essen, Frau Doktor.“
In den nächsten Stunden kommt sie ganz selbstverständlich mit einem Korb wieder, in dem sich Essen in Rex-Gläsern befindet, sorgfältig abgedeckt mit einem Geschirrtuch. Faschierte Laibchen, Püree, Kartoffelgulasch, Rindsschnitzel, Kuchen. Ich bedanke mich höflich und erwähne, dass dies wirklich nicht nötig sei. Sie besteht darauf, denn immerhin würde ich ihr zuhören und das sei anstrengend – und sie würde ja ohnehin für die ganze Familie kochen. Da würde es auf eine Portion mehr oder weniger auch nicht ankommen. Das Mittagessen sei wichtig. Nur esse ich nicht gerne zu Mittag, dafür abends und eigentlich bin ich auch etwas heikel, was mitgebrachtes Essen betrifft, das sage ich ihr aber nicht. So tauschen wir jede Stunde – begleitet von Dankesworten – Essen gegen Blumen, Honig, Obst aus meinem Garten. Dieser Tausch ist mir sehr lieb geworden und wird mir immer in Erinnerung bleiben.
3.1.4 Schaufensterpuppe
In der Kinderpsychotherapie dürfen die Kinder selbst entscheiden, was in den Stunden gemacht wird. In den Volksschulen ist das Spiel „Tat oder Wahrheit“ wieder angesagt. Michelle, ein neunjähriges Mädchen, will unbedingt Tat oder Wahrheit mit mir spielen. Ich winde mich, da ich weiß, was dabei alles auf mich zukommen kann: „Dieses Spiel kann man mit Freunden und Freundinnen viel besser spielen als mit Erwachsenen, ich mag dieses Spiel nicht …“ Michelle lässt nicht locker: „Aber du hast ganz am Anfang gesagt, ich darf bestimmen, was wir machen.“
Ja, das stimmt leider, denke ich mir. Ich sollte mich wohl daran halten, aber ich will nicht. Ich habe ja auch was zu bestimmen und spielen macht nur Spaß, wenn es beiden gefällt. Ich kenne Michelle seit ihrem fünften Lebensjahr und weiß, egal, was sie macht, ihr Motto lautet: ganz oder gar nicht. Nun sind nein sagen und dabei bleiben keine großen Stärken von mir und ich antworte: „Okay, aber nur diese eine Stunde und nur Tat – ohne Wahrheit.“
Ich habe nicht vor, mein Beziehungsleben und meine Jugendjahre mit Michelle zu besprechen, wonach sie mich sicher fragen würde. Meine Ideen zum Thema Tat sind harmloser Natur: ein Handstand bei der Tür, zwei Minuten auf einem Bein stehen, wie ein Zombie durch den Raum gehen etc. Ich bekomme jedoch andere Aufgaben. So verkleidet mich Michelle mit rosaroter Perücke, Hexenhut, dicker Brille, Federboa und Zauberstab und stellt mich in die Auslage meiner Praxis, die früher ein Geschäft war. Ich soll wie eine Schaufensterpuppe dastehen und Passant:innen erschrecken. Michelle stellt sich draußen hin und gibt mir ein Zeichen, wenn jemand vorbeikommt. Zum Glück kommen an diesem grauen Novembertag nur wenige Fußgänger:innen vorbei. Ich sehe Michelle, wie sie vor Freude auf und ab hüpft, lacht, strahlt und aufgeregt gestikuliert, wenn sich jemand nähert. Ich stehe verkleidet in der Auslage meiner eigenen Praxis und mache mich lächerlich. Zaghaft bewege ich mich, wenn jemand vorbeigeht. Michelle lenkt die Passant:innen mit ihrem Lachen und Deuten ab und zu von mir ab, darüber bin ich froh.
Nach vielen Jahren meldet sich Michelle wieder bei mir. Sie sei jetzt Mutter geworden, ihr Freund habe sich getrennt und es ginge ihr sehr schlecht. Wir begegnen uns wieder, als wäre keine Zeit vergangen: „Weißt du noch, Michelle, als du mich wie einen Kasperl verkleidet und in die Auslage gestellt hast?“ Sie lacht und meint: „Genau deshalb will ich wieder zu dir und nicht zu irgendwem.“ Na dann hat es sich doch gelohnt, mich damals lächerlich zu machen.
3.1.5 Reingefallen
Ich übernehme einen Klienten mit einer gerichtlichen Weisung zur Psychotherapie. Er ist Mitte zwanzig, stammt aus einer bekannten Unternehmerfamilie und wurde wegen ein paar kleinerer Betrugssachen verurteilt. Ein „kleiner Betrüger“ – besser als ein Sexualstraftäter oder jemand, der eine andere schlimme Gewalttat verübt hat. Der junge Mann hat große Ziele, die jedoch nicht verwirklicht werden, da ihm immer wieder „das schnelle Geld“ in die Quere kommt. Spielautomaten manipulieren, im Casino betrügen, Investoren für Projekte, die niemals umgesetzt werden, gewinnen. Mir wird auf charmante Art immer wieder mitgeteilt, er sei hier völlig fehl am Platz. Ich werde in ein Weltbild eingesponnen, indem Nehmen vorherrscht und soziale Regeln und Gesetze nicht gelten. Dazu kommen schwierige Familienverhältnisse, Unverständnis und Ausgrenzung durch die Eltern, dann jedoch wieder viel Unterstützung, wenn es aus deren Sicht in die richtige Richtung gehen könnte. Ein junger Mann, dem nie etwas zugetraut wurde und der als Verlierer abgestempelt wurde, erfolglos in allem, was er macht. Mir werden Stunde für Stunde dieselben Geschichten erzählt. Eine Konfrontation mit den Delikten geht ins Leere, da ja alles ganz anders war und andere Schuld an der Misere sind. Das Gericht hat eine klassische Fehlentscheidung getroffen. Ohne dass es mir bewusst wird, habe ich zugelassen, dass mein Klient einen Fuß bei mir in die Tür stellt, jetzt hat er freie Fahrt. Ich beginne, sein Weltbild gutzuheißen. Es ist ja nicht so schlimm, ein bisschen betrügen, es betrifft ja Menschen, die ohnehin genug Geld haben. Er hatte es ja wirklich schwer mit seiner Familie. Die Stunden werden zu Plaudereien über dies und jenes. Die Geschichten, die ich höre, interessieren mich immer mehr. Was für eine spannende, glitzernde Welt!
In einer anderen Psychotherapiestunde meint der Klient, dass er großen Hunger hätte, und fragt, ob ich schon einmal Burger gegessen hätte. Damals gab es Burger nur bei McDonald’s oder in schicken Hotels und noch nicht in jedem zweiten Lokal. So sehe ich mich in der Lobby eines Fünfsternehotels sitzen, am Tisch zwei Burger mit selbst gemachten Pommes und diversen Saucen, mir gegenüber sitzt kein kleiner Betrüger, sondern ein aalglatter Blender mit oberflächlichem Charme und feinsten manipulativen Fähigkeiten. Aus meiner Dämmerung erwacht, frage ich mich: „Was zum Himmel mache ich hier und wie bin ich hierhergekommen?“
Der Appetit ist mir vergangen und ich lasse den ohne Zweifel ausgezeichneten Burger fast zur Gänze zurückgehen. Wir verabschieden uns vor dem Hotel und jeder geht seiner Wege. Ich sehe den Mann nie wieder. Er schafft es, dank guter Kontakte, dass seine gerichtliche Weisung zur Psychotherapie vom Gericht aufgehoben wird.
3.1.6 Fluchthelferin
