Falsche Annahme - Renate Amelung - E-Book

Falsche Annahme E-Book

Renate Amelung

0,0

Beschreibung

Wieder wurde in Düsseldorf ein Mädchen tot aufgefunden, das dritte Mädchen und es gibt keine Indizien, die auf Zusammenhänge deuten, wenn man vom Alter absieht, und es ist nicht das letzte Mädchen im pubertierendem Alter das gefunden wird. Ein bekannter Psychologe, Elias Emilan soll das Ermittlerteam bei der Such dem Täter unterstützen. Die Kommissarin und ihr Team sind nicht erfreut über diese Entwicklung. Aus Argwohn wird Annäherung, aber auch Verachtung und es kristallisiert sich ein schwerwiegender Verdacht gegen den Psychologen heraus. Ein Verdacht den das Team auch wieder verwirft um ihn abermals aus der Schublade zu holen. Das Ermittlerteam ist uneins, außer in einem Punkt: Der Emilian ist selbst ein Durchgedrehter Typ Das ist er wirklich, denn sein Wissen transportiert er nicht gerne. Exzentrisch wie er ist taucht er.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 344

Veröffentlichungsjahr: 2016

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Renate Amelung

Falsche Annahme

Kriminalroman

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36

37

38

39

Impressum neobooks

1

Die Sonne blinzelt durch das frische Grün des Laubwaldes. Ihre Strahlen legen sich dampfend auf den feuchten Waldboden Rebecca Eden’s Mokassins gehen eine feste Verbindung mit dem schweren Boden ein. Sie schaut die kleine Schlucht hoch und seufzt über den verdorbenen Sonntag. Die Vögel zwitschern ihr Hochzeitkonzert, flattern aufgeregt von Baumwipfel zu Baumwipfel. Es verspricht ein schöner Tag zu werden. In wenigen Stunden erstickt der Grafenberger Wald an Spaziergängern die es aus den wintermuffigen Wohnungen in die ersten Frühlingssonnenstrahlen treibt. Zuerst kommen die Jogger, eifrig dem Trimm-Pfad folgend, ihrer jugendlichen Figur nachrennend, oder vor dem Herzinfarkt voraneilend. Eins ist ihnen gemeinsam, sie scheuchen die Urbewohner des Waldes von den Lichtungen zurück in ihre Verstecke. An diesem friedlich wirkenden Morgen erwacht der Wald auf andere Weise.

Der Deckel wird von zwei Männern in schwarzen Anzügen auf den schlichten Sarg gelegt und abtransportiert. Der Fotograf nickt, schießt noch ein paar Aufnahmen. In einer Stunde werden die Bilder bei Rebecca Eden auf dem Schreibtisch liegen. Der Obduktionsbericht wird frühestens Montag da sein, aber die Kommissarin kennt das Ergebnis schon. Todesursache durch strangulieren, starke Kampfspuren und trotz gegenteiligem Erscheinungsbild keine Vergewaltigung. Die Spurensicherung wird ebenso wenig mit Neuerungen aufwarten. Der Fundort ist nicht der Tatort und die Kleine besucht dieselbe Schule wie die anderen beiden Opfer. Ganz offensichtlich bedient sich da eine Bestie wie in einem Kaufhaus in dem noblen Mädchen-Pensionat. Verdammt, es ist das dritte junge Mädchen! Es muss etwas geschehen. So kommt sie nicht weiter! Sie wird das Angebot des Staatsanwalts annehmen und die Psychologin mit einbeziehen, auch wenn es ihr nicht passt wie Doktor Lachmann die Dame in den höchsten Tönen lobt. Vermutlich ist sie seine neueste Favoritin, gar die blonde Walküre mit der sie ihn vor einiger Zeit zufällig beim Griechen traf. Lachmann wirkte an dem Abend nicht sehr glücklich über die Entdeckung. Schade, sie hatte der Dame nicht in ihr Gesicht sehen können. War sie attraktiv? Auf jeden Fall nicht mehr ganz jung, da er sie noch aus Studienzeiten kannte und dies ist gut so für die künftige zusammen Arbeit, denkt Rebecca Eden.

Rebecca Eden begutachtet nochmals alle Details an der Fundstelle, es ist vergebens. Wirklich nichts, auch keine Fußabdrücke die auf einen Täter hinweisen. Es ist ihr ein Rätsel. Da macht sich Jemand nicht die Mühe eine Leiche zu verstecken und hinter lässt trotzdem keine Indizien. Hier ist nichts was ihr einen Hinweis gibt. Bedächtig zieht sie das Handy aus der Tasche, gibt die Zahlenkombination von Staatsanwalt Lachmann ein, stoppt jedoch den Vorgang. Den schweren Schritt kennt sie. Schnaufend im Dauerstress mit seinem Heuschnupfen tritt Lachmann neben sie.

“Na, was ist jetzt mit meinem Angebot?”, fragt Lachmann.

Mist, muss er jetzt danach fragen, wo sie es tun wollte! Alle Vorsätze sind zum Teufel. “Guten Morgen, Herr Staatsanwalt”, sagt sie betont höflich.

“Mojen! Emilian ist eine Kapazität, das solltest du, nicht ausschlagen.”

Schon wieder, sie hasst seine rheinische Eigenart die Menschen überall und bei Jedermann beim Vornamen zu nennen sobald er per Du mit ihnen ist, so wie sie sein Frau Eden kannst du, machst du, gehst du, hasst. Rheinischer Schwachsinn an den sie sich nur schwer gewöhnt. Hier geht es nicht um persönliches, sondern um drei Kinder die ihr Leben gelassen haben. Da muss ihr jedes probate Mittel recht sein und über dem eigenen Ego stehen. “Rufen Sie die gute Dame an!”

“Wie bitte, was meinst du Frau Eden?”, fragt Lachmann.

“Ihre Doktor Elisa. Sagen Sie, sie soll sich beeilen, oder besser nicht.”

“Äh...” Er lacht. “Frau Eden, Frau Eden!” Die schwarzen Türen des verhangenen Mercedes schließen. “Verzeihung, ist nicht angebracht. Doktor Emilian wird dir gefallen, Frau Eden. Aber ich kann schlecht. Ich darf daran erinnern, es ist Sonntag, und noch in aller Herrgottsfrühe, da kann ich Emilian schlecht aus dem Bett schmeißen.”

Aha, selbstredend das Bett aus dem er kam und in das er beabsichtigt gleich wieder reinzusteigen, denkt Rebecca Eden und sagt barsch, “für mich auch!”

“Was?”, will Lachmann wissen.

“Sonntag! Und verdammt früh für einen dienstfreien Tag! Hören Sie, ich war von der Idee nicht sonderlich angetan, aber jetzt soll sie ihren Allerwertesten zusammenrotten und schleunigst im Präsidium erscheinen. Ich hoffe sie ist nicht zimperlich!”

“Ach, Frau Eden, dass ich es nicht vergesse, Doktor Emilian hat alle Befugnisse und ist mir unterstellt.

“Prima, und keine Pflichten nehme ich an.” Abrupt wendet sie sich ab und steigt in ihren Dienstwagen. Glaubt er etwa ihr macht es Spaß? Sie ärgert sich, was ist der wirkliche Grund warum man ihr eine Wanze in den Pelz setzt? Und sie stimmt leichtsinnig zu. Ihre Qualifikation kann es nicht sein, ihre Aufklärungsrate liegt über dem Durchschnitt. Nur ein einziger Fall lagert zäh auf ihrem Schreibtisch, der tote Gärtner. Gleich am Montag wird sie den Akt bei Seite schieben. Was wird ihre Tochter Gerrit sagen, wenn sie merkt, dass wieder ein Sonntag geplatzt ist? Wie hat sie sich die Arbeit mit einer Psychologin an ihrer Seite vorzustellen? Müssen die nicht selbst alle bei ihrem Kollegen auf die Couch? Hoffentlich ist es keine Klatschbase. Sie wird ihr mit dezidiertem Desinteresse begegnen oder auf bilaterale Entspannungspolitik in Nimmer Land umlenken, aber sich nie in die Karten schauen lassen. Rebecca Eden greift zum Telefon. “Eden.”

“Hallo Robert, schön, dass du im Land bist, kannst du deine Tochter heute abholen?”

“Sicher Rebecca. Will sie das denn?”

“Robert...”

“Aha, deine Arbeit, geht vor. Rebecca, komm zurück zu mir, dann brauchst du diesen blöden Job nicht machen. Ich meine 18 Jahre Ehe sind doch kein Pappenstiel...” Rebecca hält das Handy angewidert mit ausgestreckter Hand und lässt die Blubbermaschine ausklingen.

“Wir haben da genug drüber diskutiert! Holst du Gerrit nun ab?”

“Ja! Wir haben nicht diskutiert. Du bist sang und klanglos in diese winzige Wohnung gezogen.”

“Verdammt Robert, wir haben wochenlang geredet, wir haben 5 Jahre gestritten, genau seit ich wieder arbeite.”

“Du brauchst ja auch nicht arbeiten!”, mault Robert Eden.

“Du hast dich in deiner Wortwahl vertan, ciao Robert und danke.” Mistkerl, Frauen sollen ihre Arbeitsplätze den Männern überlassen ist seine Divise und es stimmt sie heute noch übellaunig trotzdem sie seit einem Jahr von ihm geschieden ist und das Sorgerecht für die 17-jährige Tochter Gerrit hat. Rebecca geht die wenigen Schritte zum Wagen, der auf der Ernst Poensgen Allee gegenüber dem Polizeisportverein parkt. Ohne den Berufsverkehr wird sie in ein paar Minuten im Präsidium sein.

2

Elisa betritt den Frisiersalon als einer der letzten Kunden am Samstag. Es ist ein schwerer Gang. Sein ganzes Leben trug er das Haar lang, nun muss der Zopf ab. Für Christine wird er ihn opfern, besser für alle Christinen die er je trifft und ihn interessieren. Der Schnitt mit der Schere ist der Schnitt durch sein Leben.

Seine glücklose Kindheit machte ihn zu dem was er ist. Ruhelos auf der Suche nach einer besseren Welt, immer mit Rat und Tat zur Seite. Der sich auf die Maxime gesetzt hat jedem Kind eine Zukunft zu geben, zurückzugeben. Im eigenen Überlebenskampf hat er gelernt zu überleben, ein feines Ohr, Gespür dafür zu entwickeln was in anderen Menschen vorgeht und so Katastrophen zu erahnen.

Die Tür klimpert nervig in das Schloss. Binnen Sekunden, die ihm wie eine Ewigkeit vorkommen und Raum zur Flucht lassen, rauscht ein Farbkasten auf zwei Beinen um den mit Duftwässerchen gefüllten Raumteiler.

“Waschen, Föhnen, Legen?”, fragt die junge Dame.

Sie wird wissen was zu tun ist. Er nickt ergeben. Mühelos bugsiert sie seine verstimmten 88 Kilogramm bei 1-Meter-88 auf einen der Marterstühle. Hebelt ihn unsentimental in den Abgrund. Sie fasst in seine Mähne, streift sie nach hinten, ihr Griff prüfend.

“Ganz nett”, sagt sie, “ein schöner Fasson Schnitt, wo arbeiten Sie? Ich mein darf es etwas Modernes sein?”

“Nein!”, sagt Elisa energisch.

“Dann zeige ich Ihnen etwas.” Geschwind wirbelt sie mitschwingenden Hüften, unter dem kurzen Rock davon und lässt ihn allein mit seinem Spiegelbild. Sie kommt auf den Absätzen zurück geklappert. Das Musterbuch landet auf seinem Schoß. Traummänner lächeln ihn an. Nein! Nie wird er so wie diese Sonnyboys lächeln.

“Sind Sie neu in der Gegend?”

“Nein, ich bin der Typ den ihr nicht mögt!”

“Der mit dem Renault.” Elisa weiß wie unbeliebt er mit dem alten, stinkenden Sportwagen ist, wenn er spät in der Nacht nach Hause fährt und sein röhrender Auspuff die Bauern in Hamm aus dem Schlaf reißt. Kappes-Hamm nicht zu verwechseln mit der Stadt in Westfalen, sondern ein Stadtteil von Düsseldorf. Eingeschlossen von der Südbrücke, die lange die südlichste Möglichkeit der Rhein-Querung nach Neuss darstellte und von der Eisenbahnbrücke im Norden. Den Westen begrenzt der Rhein mit einem Hochwasserdeich auf dem sich vier Wassersportvereine etabliert haben. Den Osten verbindet die Straßenbahn-Linie 708, mit der Endstation, wie an einem Faden mit der Stadt. Bis Ende der sechziger Jahre lebte man hier wie in einem Dorf mit Ackerbau, denn die Natur ließ einst einen Klecks fruchtbare Erde aus der Kölner Bucht hier fallen. Im innersten seines Herzens war jeder Einwohner in dieser Enklave ein Hammer und kein Düsseldorfer, selbst der Dialekt trennte die Menschen. Hier übersetzt man nicht alle Tassen im Schrank mit ‘ne Äz am rollen. Sie hießen Schmitz, Knell, Esser, Leuchten, Röckrath und, und, und es schien als bliebe es so. Bis der erste Gemüsebauer ein Mietshaus errichtete. Bald erkannten auch andere, dass Mietbücher bequemer sind als Feldarbeit und der Bau-Boom hielt Einzug in die Idylle, so blieben nur wenige Höfe erhalten.

Warum die Friseuse wenig später ein ansehnliches Trinkgeld von Elisa bekommt wird ihr ein Rätsel sein, aber sie hofft er kommt wieder und sie steigt eines Tages mit in den blauen Zweisitzer.

Elisa schnappt nach Luft als er wieder auf dem Bleek, dem Marktplatz der früher als Bleichplatz diente, draußen vor dem Salon steht.

Bei leichtem Nieselregen tritt er zu Fuß den Heimweg an, biegt um die Ecke zur hohlen Gasse ‘Auf den Kampen’, erleidet knapp einen Herzstillstand der in Herzjagen umschlägt. Christine! Es kann nur Christine sein die auf den Stufen vor seiner Haustür sitzt. Er beschleunigt und stockt nach wenigen Metern. Diese blutjunge Frau kennt er nicht. Die ganze Kartei seiner Probanden geht er wie im Diavortrag durch.

Direkt vor ihm erhebt sie sich, lächelt, schaut auf ein Foto. “Hast dich kaum verändert, Onkel Elisa.”

“Onkel?”, fragt er verdutzt.

“Ja, also bei der Taufe war ich etwas zu klein um mir dein Gesicht einzuprägen, bis zum zehnten Lebensjahr hast du Steiftiere geschickt, dann kamen Bücher, ich habe sie gelesen, zu meiner Konfirmation hast du zu gesagt, bist aber nicht erschienen. Das hast du dann mit einem Schein erledigt. Zur Abi-Feier hast du dich auch freigekauft und zum Studienbeginn in Düsseldorf bist du dran, lieber Patenonkel.”

“Lea?”, fragt Elisa.

“Meinen Namen weißt du noch!”, bemerkt sie fröhlich. “Also Mama hat sich die Finger wund gewählt, aber der Herr Doc-Seelen-Klempner ist nicht erreichbar. Hast die E-Mail nicht bekommen, oder den Brief?”

“Doch, jetzt, glaube ich”, sagt Elisa. Prosaisch langt er in die einen Spalt offenstehende Briefkastenklappe in der Tür. Nicht die feine Art des Briefträgers, aber in dieser Enklave Dorf mitten in der Landeshauptstadt von Nordrhein-Westfalen ist alles möglich.

“Egal ich bin hier, und wohne bei dir. Mama meint Wohngemeinschaften sind nichts für Töchter. Sie hat da so ihre Erfahrung aus der eigenen Studienzeit. Hast du damals nicht mit ihr in einer WG gewohnt?”

Unwillkürlich setzt er den Rechenmechanismus graue Zellen in Gang derweil er den hübschen Windfang betrachtet. Es ist Quatsch er weiß doch wie alt sie ist, genau zwei Jahrzehnte und mit ihrer Mutter, Freja lebte er vor einem viertel Jahrhundert in der WG.

“Was ist nun, willst du mich nicht hereinbitten? Ich habe eine lange Fahrt hinter mir”, sagt Lea. Elisa starrt sie noch immer regungslos an. Er versucht zu begreifen, was da für eine Verantwortungslawine auf ihn zukommt.

“Was ist nun? Dir hat es die Sprache verschlagen und Mama hat behauptet dein Redefluss sei das Zuverlässigste an dir. Ach, keine Angst sie hat mich gewarnt. Du lebst mit einer viel zu jungen Frau zusammen. Und sie wundert sich, dass die Lütte es schafft dich so an die Kandare zu nehmen. Ich werde schon nicht in deine Privatsphäre brechen.”

“Bei euch Ostfriesen wird noch getrommelt”, sagt Elisa. Er zieht den Schlüssel aus der Hosentasche und öffnet die Haustür. “Hast du kein Gepäck?”

“Doch, und wie”, antwortet sie, und schlüpft flugs durch den schmalen Spalt. “Wie lebt denn so ein Seelen-Heiler? Ups, du ziehst um?”

Elisa antwortet nicht, kickt mit dem Fuß die Tür hinter sich zu.

“Du renovierst?” Wie eine Ballerina wirbelt sie über die blanken Holzdielen, streift mit der Hand über den Ledersessel, bückt sich, nimmt einige Bücher kontrollierend in die Hand, sie rümpft die Nase, Fachliteratur, ein Blick aus dem großen Fenster zum Innenhof, sie geht auf ihn zu legt die Hände auf seine breiten Schultern. “Das sieht verdammt nach Krise aus.”

Elisa sinkt stöhnend mit geschlossenen Augen in seinem Sessel und zieht die Beine an, er rollt sich wie ein Igel zusammen. Verdammte Osterferien, es waren doch nur 3 schlichte Wochen die er weg war. Nur 3 Wochen im Dienste der gestrauchelten Jugend.

“Und nun?”, fragt Lea.

Auf der Stelle schlägt er die Augen auf, spürt bleierne Müdigkeit und weiß, dass die Zukunft Unruhe bringt.

Lea ist nicht müde zu kriegen. Sie hat die Großstadt in sich aufgesogen. Aber sie hat auch akzeptiert, dass Elisa nicht die ganze Altstadt an einem Abend mit ihr durchstreift. Schließlich ist seine Stimmung nicht gerade auf dem Höhepunkt angelangt, aber in dem irischen Pub wo sie den Lachs zu Abend aßen und danach darteten fand er sein Lächeln endgültig wieder. Einige Male musste sie ihn an fremde Personen die er gut kannte ausleihen, aber das dauerte nie so lange dass Langeweile aufkam. Die halbe Nacht verbrachten sie so. Jetzt hockt sie mit ihm vor dem knisternden Kamin und sie blicken in die lodernden Flammen. Elisa sagt, “ich hatte das ganze Wochenende nur für uns eingeplant, und sie haut einfach ab.” Elisa nimmt die Pfeife und stopft den Tabak.

“Du hast geplant! Ein Wochenende! Das reicht einer Frau nicht. Beim nächsten Mal planst du besser und beziehst sie ein”, sagt Lea.

“Nächstes Mal! Es gibt kein nächstes Mal.”

“Okay, sie ist weg, aber wahrscheinlich hat sie nicht dich geliebt, sondern die Situation. Ein Doc mit Namen hat seine Reize. Vermutlich bist du zufällig ganz nett im Bett. Das dauert, aber es hört irgendwann auf zu brennen in der Brust. Verdammt Elisa, warum hast du Christine nicht mit einbezogen in diesen Bootstörn? Ich mein einfach mitgenommen.”

“Sie hasst Wasser und primitives Bootsleben. Es war verflucht eng auf den Kähnen und es hat nicht eine private Minute gegeben. Außerdem ist es wahnsinnig schwer auf so engen Raum, wenn man sich nicht hundertprozentig mag und respektiert und das kann man nicht mit einer wild zusammengewürfelten Gruppe Jugendlicher.”

“Was für Kähne? Was für Jugendliche?”

“Charterboote, zwei Boote, je zwei Betreuer und 18 gescheiterte junge Leben. Autodiebe, Misshandelte, Streunende, Süchtige Jungen und Mädchen. Die ersten Tage waren verflucht schwer, bis sie sich aneinander gewöhnt hatten. Timo kam nicht mit Susanne klar, Susanne hasst den aufdringlichen Lars, Lars weiß nicht dass die Dusche von jedem benutzt werden soll und dass man sie so hinter lässt dass man es kann, Benjamin diskutiert jede Handlung so lange aus bis das Boot herrenlos auf dem Kanal treibt, Lasse kann plötzlich nicht mehr schwimmen und sieht nicht ein warum er helfen soll, Janine lässt die Koteletts auf dem Grill verkohlen, in der Bar in Trèbes gibt es kein einziges Glas mehr, der Schleusenwärter von Carcassonne hat keinen Sonnenschirm mehr, die Bank im Vorschiff ist gebrochen, der Tampen am Heck suchte am ersten Tag das Weite, der Billardtisch in dem kleinen Gartenlokal von Roubia ist manipuliert, ein Griff in die Fahrtenkasse, Biggi ist über die Landstraße abmarschiert und Spüldienst übernimmt sowieso keiner.”

“Mein Gott, Elisa wie stehst du das durch?”

“Gut! Ich habe mit Lea in Trèbes beim einem Glas des teuersten Hausweins um die Gunst unserer Schützlinge gebuhlt und wir durften anschließend die von den Kids eigenhändig mit schamroten Kopf zurückgebrachten Gläser wieder auf das Boot tragen und die gespendeten Erinnerungsstück austeilen; der Wein war bezahlt. Wir haben uns in die Prärie gelegt und die Kids ausgehungert und dem Täter die Möglichkeit gelassen das Geld anonym in die Kasse zurückzulegen.“

„Hat er?“

“Er hat es mir gegeben und sich entschuldigt, er hat sich eine Strafe ausgesucht und der Spüldienst war erledigt. Als ich mit meiner Kollegin von der Post zurückkam, war unser Boot weg, die Bande lag im Gras und hat geschlafen, keiner hat bemerkt wie der Pott sich selbstständig machte. Sie haben mich den Kanal lang rennen lassen. Da lag das Schiff, friedlich festgemacht, sie hatten die sechsfach Schleuse schon alleine gemeistert. Wir haben mit der Klampfe unseren eigenen Song gedichtet und den Text auf ein weißes T-Shirt für jeden drucken lassen. Susanne und Lars saßen Abend für Abend beieinander. Ich habe mein Wissen über Verhütung preisgegeben. Auf dem neuen Sonnenschirm des Schleusenwärters steht jetzt Coca-Cola, ich machte mir keinen Kopf wo der he kam. In einem Dorf am Kanal haben die Bewohner uns zum Osterfeuer eingeladen, ein riesiger Scheiterhaufen auf dem Platz am Ufer, Getränke und die längste Grillwurst die ich je sah umsonst. Anschließend habe ich einen Grundkurs in Fische füttern geleitet und mir ein Aspirin reingeschoben. Biggi saß an der ersten Schleuse und heulte, keiner nannte sie mehr einen Rotfuchs. Es gibt ein paar Berufswünsche und angestrebte Schulabschlüsse. Beim Abschied auf dem Bahnhof gab es Tränen und ausgetauschte Adressen und für mich eine Pfeife, sie ist nicht besonders gut, aber es schmeckt verdammt gut. Es war anstrengend und es war verflixt schön.”

“Es muss wunderbar sein mit dir, wenn man nicht mit dir verbandelt ist.”

“Mm...?”

Jäh dazwischen das Telefon. Elisa, sieht auf die Uhr, fast noch Nacht. “Ja.”

“Elisa, es ist so weit, ich brauche dich!”

“Sofort, Rolf?”

“Sofort!”

3

Hinter ihrem jungen Kollegen Karsten Möller fährt Rebecca direkt nach der zweiten Tatortbesichtigung auf den Innenhof des Präsidiums. Da steht auch schon die junge Bettina Kämpf, dritte Kollegin in dem Team, auf dem Parkplatz. Rebecca zweifelt sehr an Bettina’s Qualifikation zur angehenden Inspektorin. Bettina lebt allein und ist in ihrer Freizeit vehement auf der Suche nach einem heiratslustigen Homo sapiens. Berthold Blume fehlt noch.

“High, Rebecca”, sagt Bettina.

“Hallo!”

“High, die Damen”, grüßt Karsten flapsig. Er stöhnt gewaltig hinterher. “Wette, es gibt wieder keine brauchbaren Spuren.”

“Trefflich!”, sagt Rebecca.

“Und was machen wir jetzt?”, fragt Bettina.

“Wo ist Blümchen?”, erkundigt sich Rebecca.

“Der steckt sicher wieder im Kölner Nachtleben fest; ist schließlich Sonntag”, antwortet Karsten. Er geht voran durch den Eingang des alten Backsteinbaus. Nicht gerade sehr elegant für eine Landeshauptstadt. Kein Wort fällt auf dem Flur. Der Verdruss löst sich erst als sie das Zimmer der Soko 9350 betreten haben.

“Stimmt das, Lachmännchen droht mit Verstärkung?”, fragt Karsten.

“Ja”, antwortet Rebecca knapp, und versucht ihre Zweifel runter zu würgen.

“Sie ist sogar schon da habe ich gehört”, trällert Bettina.

“Was!? Hat die am Sonntag nichts Besseres zu tun, als auf Abruf zu stehen?”, fragt Rebecca. So schnell, dass passt ihr im Moment nicht, obwohl sie vor wenigen Minuten anders dachte.

“Hast du dir Mal die Konsequenzen überlegt, wenn die unserem Lachmännchen abends beim Bettgeflüster alles erzählt was wir hier am Tag verzapfen?”, sagt Karsten.

“Ja, habe ich. Ihr werdet euch einfach wie Gentlemans benehmen.”

“Schade, ein Mann wäre mir lieber”, sagt Bettina.

“Nö, ‘nen Blondchen ist völlig okay”, verbessert Karsten.

“Ich schätze dir geht es um die schwingenden Hüften, Ziege im Haus lockt Böcke”, sagt Rebecca.

“Ein männlicher Hintern wäre Berthold lieber”, verbessert Karsten. “Berthold würde sicher mit gespreizten Arschbacken die Treppe vor ihm hochgehen, wenn er wüsste, dass er damit auf indirektem Wege über Lachmann seine Karriere anschieben kann.”

“He, hm...!”

“Wer ist das?”, fragt Rebecca. Würdigt aber dem fremden Mann an der breiten Fensterfront wenig Beachtung nachdem sie schemenhaft seine olivfarbene Trekking-Hose und den schwarzen Rollkragenpullover in ihr fotografisches Gedächtnis aufgenommen hat. Da blitzt das Bild nochmals. Da war noch etwas, eine Geste! Ein Funken grünes in seinen Augen die er sofort niederschlug und dabei flink die Hände aus den Hosentaschen zog, das lange Strickzeug fällt runter wie ein Vorhang über die großen aufgesetzten Taschen. Sie geht zum Fenster und entdeckt den blauen Lieferwagen. Die Rostlaube ziert eine schäbige Aufschrift: Richrath, Klempnermeister der Mann für alle Fälle. Sie mustert den Mann für alle Fälle. So brachial mit einer Spirale in der Hand kann sie ihn sich nicht vorstellen.

“Der ist ja immer noch da!”, sind die Worte die Berthold Blume beim Eintreten begleiten. “Fangen Sie endlich an! Das Waschbecken ist da in der Ecke, an die Arbeit! Es wird aber auch Zeit, dass die Kacke repariert wird.”

Gut, wenn es so üblich ist in diesem Mausoleum und man ihn nicht anders beachtet, dann folgt eben der Grundkurs am verstopften Abflussrohr. Analog eine geniale Gelegenheit des unbefangenen Kennenlernens. Und befangen ist er. Sein alter Freund Rolf Lachmann hätte ihn warnen dürfen, auf eine attraktive zierliche Kommissarin war er nicht gefasst. Dabei könnte er nicht ausdrücken was ihn so stark beeindruckte. Mit ruhigen Schritten nähert sich Elisa dem Objekt. Der modrige Schmant und die Aussicht auf schmutzige Hände weckt nicht gerade sein Interesse. Angewidert rümpft er die Nase, krempelt die Ärmel hoch, dann nimmt er den Eimer zur Hand, hockt sich unter das Waschbecken. Er löst dank seiner Kräfte den Flansch des Abflussrohrs mühelos, schüttelt sich abstoßend die Brühe von der Hand und muss doch mit dem Finger im Rohr stochern, um die Verstopfung zu lösen.

“Falschen Beruf gelernt, wenn ihm, dass was ausmacht”, sagt Karsten.

“Berthold, du schwingst dich an den Computer und druckst alle Fakten die wir haben vierfach, nein fünffach aus, und dann setzen wir uns in Klausur und arbeiten das Punkt für Punkt nochmals durch”, sagt Rebecca.

“Wer bekommt das fünfte Exemplar?”, fragt Bettina.

“Wer wohl?”, sagt Rebecca.

“Die Couch-Doc”, stöhnt Berthold, dann flucht er, “Scheiße! Der Drucker spinnt. Frisst das Papier mit einem Mal statt es sauber einzeln einzuziehen. Auf die Art hat er mir schon 100 Blatt verkotzt.”

4

Elisa schraubt den Abfluss zusammen. Stellt den Eimer in die Ecke und wäscht sich die Hände und sucht das Handtuch vergebens. Er streift das Wasser von den Händen und krempelt die Ärmel ganz langsam wieder runter. Rebecca sieht ihn verwundert an. Will er nicht endlich verschwinden? Mit ein paar Schritten steht Elisa am Schreibtisch, schaut auf den Drucker und legt den kleinen Hebel um von Umschlagformat auf Din A 4. Der Drucker benimmt sich anständig. Elisa grinst.

“Klempner am Drucker, ich spinne”, sagt Berthold.

“Handwerker kommen auch nicht um den Fortschritt herum”, sagt Elisa, “im Handwerk hat man schon mit dem Computer gearbeitet da haben Sie allesamt noch im Zehnfingersuchsystem auf der alten Adler gehämmert und die Tippfehler mit Tip-ex kaschiert.”

“Eine Frage, sind Sie der Chef?”, will Berthold wissen.

“Sozusagen, mein eigener Chef”, antwortet Elisa.

“Schade, dann kann ich mich nicht beschweren”, knurrt Berthold.

“Wer will sich beschweren?”, fragt Staatsanwalt Lachmann.

“Niemand”, sagt Rebecca.

“Und, Frau Eden, wie bist du mit ihm zurechtgekommen?”

“Gut das Wasser läuft wieder einwandfrei ab.”

“Das Wasser!?” Lachmann stutzt verwundert.

“Ja das Wasser im Spülbecken”, bestätigt Elisa.

“War der Klempner schon da? Ich versteh nicht, heute ist Sonntag”, sagt Lachmann.

“Elisa was hast du vor?”, fragt Rolf Lachmann.

“Stimmt es ist Sonntag!”, murmelt Rebecca. Oh verflucht! Lachmann duzt nie im Leben einen Klempner. Was ist alles gesagt worden? Der ausgewachsene Pfadfinder schmunzelt viel zu frech. Es wäre an der Zeit ihre Selbstverteidigungsübungen aufzufrischen und ihm das Grinsen aus dem Gesicht zu holen. Sie wirft ihre Vorstellung von hornbrilliger Psychologin über den Jordan und wandelt in handlicher Bursche im vollen Harnisch. Nur bitte, wie klärt sich dies jetzt auf?

“Auffallend!”, bekräftigt Bettina. Und rückt ihre Bluse zu recht.

“Kaffee trinken wäre gut”, sagt Elisa und schaut dabei in erstaunte Gesichter.

Rebecca tritt Bettina unauffällig auf die Füße und hemmt somit die Befehlsaufnahme, die Kaffeemaschine in Gang zu setzen. Machtübernahme von einem Mann in ihrem Reich und Macho freie Zone kommt nicht in Frage.

“Nun Frau Eden, wie schaut es denn aus mit einem Tässchen, für Herrn Doktor Emilian und mich?”, fragt Lachmann.

“Nur Emilian!”, betont Elisa zähneknirschend. Und nun will er endlich den Händedruck dieser Frau spüren. “Frau Eden, Frieden?”

“Herr Emlian, richtig?”, sagt Rebecca.

“Richtig!”, bestätigt Elisa.

“Also Herr Emilian, wenn Sie die Spielregeln beachten.” Sie reicht ihm die Hand und verbucht dabei die ersten Übertretungen. Der Händedruck erweist sich als zu fest und er tritt bedrohlich unter die Meter-Grenze, sein Aftersave kribbelt in ihrer Nase. Minutenlange Sekunden treffen sich ihre Augenpaare. Sie hatte vorhin richtig gesehen, moosgrün, warm und sensibel.

Rasch schiebt sie Bettina vor. “Frau Kämpf.” Bettina hat ihr süßestes Lächeln parat und startet gleich zur Kaffeemaschine durch.

“Herr Blume und Herr Möller”, sagt Rebecca.

“Und jetzt?”, fragt Elisa.

“Und jetzt”, sagt Rebecca, geht um den Tisch herum und gibt Elisa den Stapel frisch ausgedruckter Unterlagen. “Ich denke Sie lesen das und wenn Sie dann Fragen haben können wir das besprechen danach zeige ich Ihnen etwas.”

“Ich denke ich lese es nicht.”

“Aha, wie war das mit den Spielregeln?”, fragt sie.

“Ich kann es nicht lesen.”

“Sind Sie Analphabet?”

“Nein, fast blind, heute”, sagt Elisa.

“Und Morgen?”

“Habe ich meine Brille dabei.”

“Okay, dann kommen Sie mit!”

“Und der Kaffee?”, will er wissen. Erntet einen Tötungsblick und eilt ihr schnell hinterher. Im Türrahmen prallt er fast mit Rebecca zusammen. “Es war der Gärtner.”

“Wie bitte?”, fragt sie.

“Der Gärtner, es war immer der Gärtner, selbst wenn er es nicht war, auch in dem Fall Gärtner, er war es.”

Hilfesuchend schaut sie zurück in die Runde ihrer Kollegen die mit ebensolchen betretenen Mienen dastehen. Nur Lachmann schmunzelt und freut sich über den Kaffee den Bettina austeilt.

“Ich habe die Akte gelesen als ich auf Sie gewartet habe”, sagt Elisa, “es ist bestimmt der Gärtner. Er hat sich selber umgebracht und hat die Tat so fingiert, dass man Direktor Hauser verdächtigt, aus Rache und wenn Sie ihn schon nicht verhaften so wird es doch seinem Ansehen schaden.”

“Moment, ich denke Sie können heute nicht lesen!”

“Ich kann mich schlecht wieder mit Ihrer Lupe da hinsetzen, das schadet den Augen und meinen Nerven.”

Rebecca Eden bleibt auf der Stelle stehen, grübelt, schwenkt um. “Sie bleiben einen Moment hier auf dem Gang, ich komme gleich!” Die Anweisung ist unmissverständlich, dass er nicht anders kann und Folge leistet. Rebecca verschwindet hinter der nächsten Tür. “Hallo Bernd.”

Bernd schaut erstaunt auf. “Also, so schnell sind wir nicht Rebecca”, sagt Bernd. “Spurensicherung ist keine Sache von Minuten, das ist filigrane Arbeit.”

Das stört sie wenig. “Der Fall Gärtner.”

“Gärtner!? Wie kommst du jetzt auf den?”

“Gärtner! Kann er sich selbst hingerichtet haben?”

“Also nach Sachlage der Dinge wäre es sicher möglich, aber wieso...”

“Danke, dann will ich, dass ihr die Spuren dahingehend gründlich untersucht. Geht noch Mal raus und nehmt alles unter die Lupe, stellt es nach weiß der Geier was und packt alles in einen schönen satten Bericht den ihr mir kommende Woche vorlegt, ciao, Bernd!” Sie hört ihn beim Verlassen des Raums fluchen, dann warnt sie Elisa Emilian, “bleiben Sie dastehen, ich habe Sie nicht vergessen!”

Sie betritt ihr Büro, lächelt Lachmann so lange gekünstelt an, bis er die Tasse abstellt und das Terrain verlässt. “Wolltest du nicht eine Blindenführung in die Gerichtsmedizin machen?”, fragt Karsten.

“Ja, kommt noch. Der Bachmann ist doch geständig”, stellt Rebecca fest.

“Ja. Was willst du damit jetzt?”, fragt Bettina.

“Den Vorgang aus der Schublade holen. Bettina, du schreibst den Bericht neu und fuschelst ihn um. Du gehst zurück bis zu dem Zeitpunkt bevor das Alibi von Bachmann zusammenbricht, baust ein paar nette kleine Verwirrungen ein und druckst das Dokument schön groß aus. Und drapierst es unauffällig, auffällig auf deinem Schreibtisch. Ich will, dass man, Mann, die Akte ohne Alterssichtigkeitsbrille lesen kann, wenn man nicht gerade mit der Nase drauf hängt. Die Arme scheinen mir lang genug.”

Bettina rollt mit den Augen. “Er hat ein verdammt langes Fahrgestell, und was viel wichtiger ist, er ist Junggeselle!”

“Bettina!”, zischt Rebecca. “So und jetzt scheuch ich den Mann in die Kältekammer, damit er weiß, dass er keinen Spaziergang durch die Polizeischule, Abteilung hungrige Damen vor sich hat.”

“Er hat einen schönen Arsch! Den Bericht schreib ich”, sagt Berthold.

“Berthold! Übrigens ich hatte nicht den Eindruck, dass er auf den G-Punkt fixiert ist. Ach, ist egal wer ihn schreibt, Hauptsache Glatteis!”, sagt Rebecca.

“G-Punkt?”, fragt Bettina.

“Das ist, wenn du deinem Liebsten den kleinen Finger in den.... Lass dir das von Berthold erklären, er profitiert vom G-Punkt”, sagt Karsten.

“Schluss jetzt!”, sagt Rebecca, “und Berthold, wenn er zurück ist wird er einen starken Kaffee benötigen. Ich werde dafür sorgen, dass er sein Frühstück nicht vergisst.”

“Rebecca, musst du ihm gleich am ersten Tag beibringen wie wenig du vom starken Geschlecht hältst?”, mahnt Berthold.

“Ja, das kann er nicht früh genug wissen! Er muss nicht denken, dass er sich hier breitmachen kann, weil er ein Busenfreund von Lachmann ist. Karsten und Bettina ihr geht zu den Eltern der Toten.”

“Was?” “Wir?”

“Jetzt müsste Emilian da draußen langsam Wurzeln schlagen. Na warte Bursche, du wirst mich achten lernen!”, sagt Rebecca, “wollen Mal sehen ob wir zusammen Kirschen essen können.”

“Mir scheint das werden Piemont Kirschen, MON CHÈRI”, trällert Berthold.

Er steht tatsächlich noch brav auf dem Parkett, denkt Rebecca. Er hat also in der Kinderstube gelernt zu gehorchen und sie hätte, aus welchen Gründen auch immer gerne gewusst wo seine Wiege stand. Wie vorhin zieht Elisa die Hände aus den Hosentaschen. Die Geste wirkt genau wie vor einigen Minuten erotisch auf Rebecca, ohne zu wissen woher diese Erscheinung stammt. Flinken Schrittes geht sie an ihm vorbei und merkt, dass er im Schlepptau hängt. Brav, mein Lieber! Ein Seitenblick, reizvolles Profil, kecke gerade Nase, markantes Kinn. Möglicherweise ist er ja okay! Jedenfalls erlaubt ihm sein Rhythmusgefühl ihr Tempo exakt aufzunehmen.

“Hat Staatsanwalt Doktor Lachmann mit Ihnen gesprochen?”

“Ja, ziemlich genau.”

“Dann sagen Sie mir warum Männer das tun!”, fordert Rebecca.

“Kann ich nicht!”, antwortet er prompt.

“Sie sind doch ein Mann, dann müssen Sie mir doch die Vorgänge in diesen Hirnen erklären können. Was ich nicht verstehe ist, warum dieser Schweinehund sich nie an den Mädchen vergeht.”

“Ist das Leid nicht schlimm genug? Müssen sie noch aufgerissen werden und diese Pein ertragen?”

“Hoppla! Kommen Sie mir nicht auf einfühlsam!” Sie bleibt stehen und sieht in fordernd an. “Und wenn es ein Impotenter ist.”

“Glaube ich nicht.”

“Nein! Ist doch möglich. Ich mein es törnt ihn an und wenn er die Mädchen soweit hat fällt er zusammen wie Badeschaum. Der Spaß ist vorbei und er bringt die Kleine aus Verdruss über seinen Mangel um. Ist Ihnen das noch nie passiert?”

“Jemand umbringen?”

“Der Süße versagt zum schrumpeligen Wurmfortsatz.”

“Gelacht hat das Biest”, sagt Elisa.

“Und keine Erhärtungsversuche?”

“Das geht jetzt aber tief!”

“Pardon, ist mir so rausgerutscht”, sagt Rebecca.

“Ich habe an Mord gedacht, ab das tut ‘Mann’ doch nicht. Das ist nicht der Stoff aus dem ein Mord besteht. Der Stoff liest sich eher so; was vereint eine Frau und eine Fahrkarte? Einmal gelocht für immer entwertet, die unreine Gretel muss sterben wie bei Goethes Faust.”

“Schön dann sind Sie wieder bei der Wahrheit!” Rebecca schmunzelt, dabei muss sie das gütige Gesicht ihrer Mutter aufgesetzt haben. Er wirkt müde und doch hellwach.

“Könnten Sie ihr weibliches Sturmgepäck: Schnatterzunge, Lästermaul bei unserer Arbeit zu Hause lassen?”

“Kommen Sie! Ist das der Ausflug Ihrer Intelligenz an die Öffentlichkeit?”, fragt Rebecca.

“Stellen Sie mir eine Betriebsanleitung aus und sparen Sie solange ich noch lerne mich darin zurechtzufinden mit Ihren wundermilden Fouls. Kämpfen Sie nicht für eine Postemanzipation, wo die ersten Verfechterinnen der Frauenbewegung sich längst mit ihren Büchern eine goldene Nase verdient haben und von dem Geld nach Griechenland, Malediven oder Jamaika fliegen und sich da von einem richtigen Mann der Emanzipation nicht schreiben kann durch, vergessen Sie es, ...weil es hier keine Männer mehr gibt, außer solche die nachts ihre Stiefmütterchen bepinkeln. Im Sitzen!”

“Wo verbringen Sie Ihren Urlaub, in THAILAND! Doktor <emilian, was habe ich von Ihnen zu erwarten?”

“Nichts! Ich vernachlässige meine Privat-Praxis und halte mich im Hintergrund während Sie Ihre Arbeit tun, und werde wohl erzogen meinen Finger heben, wenn ich glaube mich mitteilen zu müssen. Und lassen Sie bitte den Titel weg! Ich habe ihn gemacht, weil es sein musste und nun steht er auf einem unbedeutenden Messingschild und auf Visitenkarten, das ist mehr als ich verkraften kann.”

“Doc-Landliebe in Wollsocken. Keine Sorge Vater Staat bezahlt, an statt Ihrer sozialpenetranten Politikerfrauen auf der Liege.”

“Das kann er nicht, dafür bin ich zu teuer.”

Elisa bleibt stehen. Das ist nicht nur ein muffiger alter Bau mit kleinen fast quadratischen Fenstern, sondern auch ein technisches Museum mit Erlebniseffekt. Er zeigt auf den Paternoster. “Muss ich da rein?”

“Nein, erste Tür. Gehen Sie voraus!”

“Was wird das?”, fragt Elisa.

“Gerichtsmedizin, ich meine Sie fangen da an wo alles anfängt!”

Elisa schluckt. “Muss das sein?”

“Bröseln Ihnen gleich die tönernen Füße weg?”

“Emanzenpipapo”, flüstert Elisa. “Ich weiß nicht was es ist, aber ich schlage vor, wir beginnen nochmals, und zwar ganz ruhig und mit Akzeptanz ohne anstrengende Programme scheinheiliger Schmeicheleien.”

“Okay, wer bezahlt Sie?”, fragt Rebecca.

“Der Regierungspräsident.”

Rebecca will die Tür öffnen, doch er hat die Klinke schon in der Hand. Sie rempeln heftig aneinander. Trottel, denkt sie. Elisa legt schützend den Arm auf ihre Schulter, Rebecca weicht mit dem Rücken an die Zarge. Das war ein fataler Fehler, er hat seine Hand am Türrahmen abgestützt und versperrt ihr den Weg. Es wäre ihr ein leichtes ihre Giftzähne in seinen Bizeps zu verbeißen und ihn allemal aus dem Verkehr zu ziehen. Es ist ihr wieder viel zu eng und er riecht verteufelt gut, aber er riskiert auch seinen warmen Tenor. “Das sind dann doch Steuergelder”, sagt sie, und schlupft unter seinem Arm durch.

“Ne, du, ab dem Vierzigsten...”, sagt eine weibliche Stimme.

Elisa Emilian ist über vierzig und unterdrückt die animalische Lust seiner rechten Hand über ihren Rücken zu gleiten, über ihren Po zu streichen, möglicherweise sich von dem Hauch ihrer erahnten Dessous erotisieren zu lassen.

“Ab vierzig sind sie megaout, ich habe doch keine Lust erst stundenlang an seinem Gemach zu manipulieren bis er startklar ist.”

“Ein Junger will immer und kann öfter.”

“Ein Alter kann länger.”

“Bedingt!”

Von der Kacheloptik ernüchtert, mit Druck in der Magengrube folgt Elisa Rebecca Eden. Der süßliche Geruch des Todes kriecht ihm in die Nase, setzt Erinnerungen frei, die Durchblutung seines Gehirns lässt merklich nach. Durch Watte hört er seinen Namen, fremde Namen die er sich in dem Zustand nicht merken kann. Er würgt. Der Lachs von gestern Abend verlangt nach einem Schluck Wasser. Besser ein Wodka, dann hält er hoffentlich das Maul. Wieder sein Name.

“Erst 13 Jahre.” Die Pathologin öffnet die Metallklappe in der Wand. In seiner Augenhöhe saust der Schubkasten aus dem Kühlschrank, wird barsch abgebremst. Der Kopf des jungen Mädchens fällt auf die Seite. Elisa eilt aus der Szene, rennt den Gang runter, erwischt unbestimmt wo eine Tür mit zwei Nullen drauf und tritt ein, irgendwo muss er mit der Galle im Mund bleiben. Die Handtasche saust knapp an seiner Schläfe vorbei dabei überfällt ihn schriller Zickengesang. Elisa schluckt bitter und wendet sich ab.

Türen am Sonntag sollst du meiden, sinniert Rebecca. Das ist bisher der heftigste Zusammenstoß mit diesem blassen Mann. Einem Impuls folgend streift sie Elisa sanft über die Wange. Das Ergebnis ist wie erwartet etwas rau? Sie eskortiert ihn an die frische Luft und organisiert ein Glas Wasser. Sie bereut den Entschluss der Pathologin Doktor Miller das winzige Zeichen gegeben zu haben so unsanft verfahren zu sein.

“Wann haben Sie gelernt zu wollen was Sie tun?”, fragt Elisa.

“Und, Sie, wann haben Sie es gelernt?”

“Bringen Sie mich zurück, ich will das Mädchen noch einmal sehen!”, fordert Elisa.

“Nein, vielleicht kommen Sie mit einem Foto auch zurecht.” Rebecca schaut auf die Uhr, wenn Bernd so zuverlässig ist wie sonst müssen die auf dem Schreibtisch liegen. “Bettina kocht einen ausgezeichneten Kaffee. Den können Sie sicher vertragen.”

Berthold sitzt wie erwartet vor dem Rechner und tippt unermüdlich.

Karsten hat eine besorgte Mimik aufgesetzt, während Bettina warmherzig lächelt und Elisa mit dem Aufputsch versorgt und ihm einen Stuhl anbietet. Rebecca nimmt gleich die Fotos zur Hand.

“Keine Parallelen, absolut nichts außer, dass sie auf der gleichen Schule waren und Hanna Nöll wie die Tote Nummer 3 Leonie Schmied erwürgt worden sind.”

“Mit viel zu kleinen Händen”, sagt Elisa. “Was Leonie Schmied betrifft. Ich glaube nicht, dass ihre Pathologin das als Todesursache in ihren Bericht schreibt. Es ist nie der gleiche Typ, sehr blond oder sehr Rot, das gefällt mir nicht.”

“Gut”, flüstert Rebecca. Sie dreht eine Schleife und tritt an das Fenster. Löcher in die Luft gucken war schon immer eine hervorragende Gedankenstütze. Der blaue Renault Rapid weckt wieder ihre Aufmerksamkeit. Im Augenwinkel sieht sie Emilian mit der Lupe hantieren und sein Kaffeebedarf ist außerordentlich hoch. Das stört Bettina nicht, die eifrig um ihn herum wuselt.

“Also fassen wir zusammen was es nicht gibt an Fakten”, sagt Karsten.

Rebecca übernimmt das Wort, “Jasmin haben wir an der Lauswardh gefunden. Da treibt die Strömung des Rheins alles an was zwischen Flehe und dem Düsseldorfer Hafen ins Wasser fällt. Das hat der Schäfer ausgesagt. Er hat selbst schon seine Lämmer da wiedergefunden und eine Menge brauchbarer Gegenstände. Es könnte also ein Unfall gewesen sein.“

Berthold steht auf und marschiert auf den Stadtplan an der Wand zu. Sein Finger fährt das rechte und linke Rheinufer in besagtem Planquadrat ab. Er schüttelt den Kopf. “Da ist nirgends ein Ufer an dem ein 13-jähriges Mädchen ins Wasser stürzt.”

“Was ist mit dem Neusser Hafen gegenüber”, wirft Bettina ein.

“Nichts, da ist keine Strömung außer die der Schiffsschrauben. Da dümpel ‘se ewig auf der Stelle”, belehrt Berthold.

“Außer”, sagt Elisa, “die Pritsche des Düsseldorfer Rudervereins.”

“Sie wird auch von den Germanen benutzt”, wirft Bettina ein.

“Was?”, stutzt Berthold. “Das ist doch unwichtig.”

“Die hatten 1960 die Goldmedaille in Rom”, bemerkt Bettina.

Berthold zeigt ihr einen Vogel. “Jedenfalls ist das Ding manchmal so glatt, dass es einem Eistanz gleichkommt. Und da schwimmse nit einfach ans Ufer. Bei dem Wasserstand ist an der Stelle verdammter Druck.”

“Dann ist aber auch oberhalb Flehe die Jücht überspült, dass bedeutet die Kleine kann auch in Benrath ins Wasser gekommen sein. Das bringt uns nicht weiter”, seufzt Rebecca. „Dazu hätte ich gerne Arndt von Kleist von der Wasserschutzpolizei gesprochen, aber der hat sich vom Acker gemacht.“

“Eher vom Kahn“, meinte Berthold.

“Sie kennen von Kleist?“ fragt Elisa.

“Ja. Schwer zugänglicher Bursche, aber äußerst kompetent was den alten Vater Rhein betrifft. Und Sie, kennen ihn auch?“

“Ich habe ihn kennen gelernt. Sehr gut sogar. Man kommt an ihn ran.“

“Lassen Sie mich raten. Nach dem Unfall, bei dem seine Frau starb, musste er bei Ihnen auf die Couch.“

“Korrekt.“

“Und war er an dem Unfall schuld?“

“Sie haben gestritten, wie so oft. Sie hat ihm ins Lenkrad gegriffen. Das ist doch bekannt.“

Rebecca zuckt mit den Schultern. “Sie meinen er ist eine ehrliche Haut.“

“Absolut.“

“Und das Geld aus dem Raub?“

“Er hat die Motoryacht vor der holländischen Grenze gestellt, mehr nicht.“

“Kurz danach hat er sich ein Segelboot gekauft und ist ausgestiegen.“

Elisa lacht. „Nein, von Kleist, niemals.“

“Karsten, Bettina, solltet ihr nicht die Eltern benachrichtigen?”, fragt Rebecca dazwischen.

“Nun, wir haben gedacht, wo wir doch neuerdings unter uns einen Spezialisten beheimaten...”, druckst Karsten.

“Ja, da ist es doch nur selbstverständlich, dass er das übernimmt”, bekräftigt Bettina, “Herr Doktor Emilian wird das doch sicher sehr einfühlsam erledigen können.”

Freundlich lächelnd kommt Rebecca auf Bettina zu, an welche Einfühlsamkeit Bettina dachte steht in ihren glänzenden Augen.

“Außerdem wohnen die Eltern in der Eifel, also, wenn Doktor Emilian das nicht übernimmt schicken wir einen Kollegen”, sagt Berthold, “ich würde mich natürlich zur Verfügung stellen ihn, Herrn Emilian, wenn sie mich benötigen, aber lieber würde ich noch Mal raus gehen in den Grafenbergerwald und meine Nase in den Boden stecken und wenn ihr mich nachher oben im Gehege des Wildparkes unter den Trüffelschweinen suchen müsst.”

“Telefon! Geh ran Karsten!”, sagt Rebecca.

“Warum ich?”

“Weil es auf deinem Schreibtisch steht und ich noch darüber nachdenke wo der Klempner nun wirklich steckt”, antwortet Rebecca. Berthold greift über den Tisch und hebt ab.” Ja - selbstverständlich - ja - ja - ach du dicke Scheiße!” Der Hörer sinkt vom Ohr, Berthold sieht Elisa an und streckt ihm den Hörer entgegen. “Für Sie.”

“Emilian, ja, ich komme!” Er legt auf, rafft alles zusammen was man ihm bereitstellte und sagt kurz, “addio! Ich melde mich wenn ich das durchgeackert habe.” Seine Visitenkarte klatscht auf den Tisch. Elisa verlässt den Raum. Rebecca sieht ihn wenig später in den Rapid steigen, unweigerlich schüttelt sie den Kopf. “Was war das für ein Auftritt jetzt?”

“Oh Scheiße, Scheiße!”, wiederholt Berthold.

“Berthold, wir wissen es.”

“Dem haben irgendwelche Leute sein Streetworker-Café in den frühen Morgenstunden abgefackelt.”

5