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Hauptschullehrer Leidters arbeitet an der Hauptschule Eselfurt. Nach dem der seiner bisherigen Schullaufbahn die Erfahrung machen musste, dass die Leistungsbereitschaft der Schüler und der Gesellschaft immer mehr nachließ, kommt er nun zur Überzeugung, dass bei Schülern und Arbeitern nicht einmal mehr die Leistungsfähigkeit vorhanden ist. Gleichzeitig verfällt das Schulgebäude stellvertretend für die Gesellschaft immer mehr. Er begreift es als seine Pflicht dem an der Stelle, an die ihn das Leben hingestellt hat, seine Aufgabe zu erfüllen und für eine Besserung der Leistungsfähigkeit zu sorgen. Wird ihm und seinen Kollegen sowie den Verantwortlichen in der Politik gelingen, den Niedergang aufzuhalten und für eine Wende zu sorgen?
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Seitenzahl: 287
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutsche Nationalbibliographie,
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© 2018
Gerhard Wolff,
Herstellung und Verlag: epubli.de
Titelfoto: Gerhard Wolff
„Na, endlich!“, meinte Lempl zu Leidters. „TOP 34, wir haben den letzten Tagesordnungspunkt erreicht. Hoffentlich gibt es nicht wieder so viel Sonstiges. Und hoffentlich nutzen das nicht wieder die üblichen Verdächtigen zur Selbstdarstellung.“
Leidters stimmte zu. „Ich hasse auch dieses ineffiziente Blabla von einigen Kollegen, vor allem Kolleginnen. Hauptsache der dumme Mund geht und man steht im Mittelpunkt. Schrecklich!“
„Gott sei Dank, ist von dir nicht mit irgend so `nem Gesülze zu rechnen. Du sagst ja nie was!“, lobte Lempl. „Kriegst ja vor Leuten den Mund nicht auf!“, grinste er Leidters an.
Dieser lächelte und ärgerte sich, wie er sich immer über Lempl ärgerte, der sich ständig als besserer Lehrer – und Mensch darstellen musste.
Es war die Anfangskonferenz der Mittelschule –eigentlich Hauptschule mit Mittlerem-Reife-Zug, aber Mittelschule gefiel den Eltern besser, so hatte sich das Kumi den Namen ausgedacht- Eselfurt. Die Lehrer saßen nun schon drei Stunden da, weil Frau Doktor Förder, die Rektorin, zu den Menschen gehörten, die gerne jedes Thema ausdiskutierten.
„Es wurde zwar schon alles gesagt, aber noch nicht von allen!“, meinte Würcher, Mathematik-, PCB- und Informatiklehrer, der neue Systembetreuer der Schule, dessen Hobby aber das Handwerk war.
„Ich muss heim!“, erklärte Lempl. „Baue doch meinem Sohn ein Haus!“ Handwerk war sein Hobby, so dass er alles selber machte, was ging. Daneben hatte er auch noch einen kleinen Bauernhof.
„Was steht an? Und welche Maschinen setzt du ein?“, wollte Würcher wissen.
Lempl und Würcher steckten die Köpfe zusammen und tuschelten. Sie bildeten zusammen mit Mark die Hilti-Fraktion an der Schule, die sich permanent nur über Technik und Handwerk unterhielten.
„Ihr könntet mal hier in der Schule tätig werden!“, schlug Leidters vor. Ist doch alles marode hier. So wie im ganzen Land eben!“
„Du und dein Land!“ Lempl schüttelte den Kopf. „Was geht mich das Land an!“
„Mir geht es immer um das Land!“
„Schön blöd! Dankt dir doch keiner!“
„Na, ja, gut wäre es schon, wenn hier endlich mal was gemacht würde!“, warf Würcher ein und besah sich das Lehrerzimmer. „Hier bröselt es ja an allen Ecken und Enden!“
„Schön blöd von Peter, sage ich!“, beharrte Lempl auf seiner Meinung.
„Wahrscheinlich!“ Leidters nippte an seinem Kaffee. „Aber so bin ich nun mal!“ Er überlegte kurz. „Und ganz so altruistisch bin ich auch nicht. Ich denke halt nur, dass es allen gut geht, wenn es dem Land gut geht!“
„Leuchtet ein!“, bestätigte Lempl. „Aber ich glaube, der Hase läuft anders: Jeder denkt nur an sich, alles geht den Berg runter und jeder schaut nur, dass die anderen die Verlierer sind und man selbst bei den Siegern ist!“
„Das wäre schade!“
„Ist aber so! Wie zum Beispiel an der Börse. Mein Vater hat immer gesagt: Die Leute sehen nur die Gewinne. Aber in Wirklichkeit sind Gewinne und Verluste gleich groß!“
Leidters dachte darüber nach.
„Bitte stellen Sie Ihre Privatgespräche noch einen Augenblick ein!“, sagte Frau Doktor Förder freundlich lächelnd, aber bestimmt.
Sie war Rektorin geworden nachdem Frau Dr. Förder in Pension gegangen war, Kurt war zu seiner großen Enttäuschung –und zur Freude aller Kollegen- trotz aller Anstrengungen, nicht Rektor geworden.
Auch einige andere Kollegen waren in Pension gegangen, aber Leidters gehörte mit seinen 59 Jahren immer noch zu jüngeren Kollegen, weil viele kurz vor der Pension standen und niemand eingestellt wurde.
„Kommen wir zum Punkt „Sonstiges“!“, meinte Frau Doktor Förder.
„Gut“, meinte Lempl. „Dann komme ich ja doch noch nach Hause!“
„Nun aber zu meinem Hauptanliegen, der Schulentwicklung!“, verkündete Frau Doktor Förder plötzlich.
„Schulentwicklung?“, fragte Lempl überrascht.
Dann führte Frau Doktor Förder ihre Überlegungen aus: Projektarbeit, Differenzierung, Schülercafé, Organisation der Ganztagesschule, …!“
Sie fing an zu dozieren und hörte, wie befürchtet, gar nicht mehr auf.
Die Kollegen saßen mit offenem Mund da.
„Wir haben es ja gleich geschafft!“, beruhigte die Rektorin.
„Dein Wort in Gottes Ohr!“, meinte Lempl.
„Na, dann wird es bestimmt nichts!“, schloss Leidters grinsend und fand gleichzeitig, dass er wieder einmal dummes Zeugs geredet hatte, nur, um einen schnellen Witz zu landen. Das war eines seiner Probleme, er redete häufig Unsinn, nur, um einen Lacher zu erzeugen.
Schließlich endete der Vortrag der Rektorin nach einer geschlagenen Stunde.
Zur Leidters Überraschung meldete sich niemand mehr zum Thema Sonstiges.
„Wollen alle heim!“, erklärte Lempl.
„Haben noch viel für den Unterrichtsbeginn zu tun!“, überlegte Leidters. Dann ging er heim.
Am Nachmittag sah er sich die Schülerakten durch und legte sich damit seine Schülerbeobachtung an: Wiederholer, Schüler aus Förderschulen, Ausländer, Aussiedler, Ritalinis, Legas und ADHSler, Autisten und Tourettis wurden in seinen Listen besonders gekennzeichnet, damit er nicht vergaß, ihre Schwächen zu berücksichtigen.
„Krankes Land!“
Seine Lebensgefährtin Sandra, die ebenfalls seinem Kollegium angehörte, saß neben ihm an ihrem Schreibtisch, arbeitete schweigend und ging nicht auf seine Kommentare ein, die sie eh schon kannte.
Leidters verstand es nicht, dass man unbedingt bestätigt haben wollte, dass sein Kind krank war. „Wenn jemand alle Krankheiten hat, dann ist er doch einfach nur furchtbar krank!“ Er schüttelte den Kopf, er verstand nicht, wie jemand freiwillig krank sein wollte und es auch noch allen mitteilen wollte.
„Treffen sich zwei Ausländer. Sagt der eine: „Ich habe AIDS gekriegt?“ Sagt der Andere: „Wo ist Antrag?“
Er studierte die Akten weiter.
„Na, ja, ich verstehe es doch!“, murmelte er. „Irgendwie Vorteile sichern, die einem gar nicht zustehen!“
Leidters übernahm eine neue neunte Klasse. Also viel Arbeit: viele neue Namen, viele neue Vorgeschichten die man kennen musste, wenn einem nichts vorgemacht werden sollte. Manche Schüler kannte er aber auch schon aus dem Fachunterricht.
Dann ein neuer Schüler an der Schule: aus Albanien.
„Ardit Spahija!“
Leidters verzog gequält die Miene. „Bis ich mir den Namen gemerkt habe, ist das Schuljahr um.“
Der Albaner war mit seiner ganzen Verwandtschaft angereist. Die Eltern arbeitslos. „Also volle Zuwanderung in das Sozialsystem! Das hilft den Renten und der Krankenkasse.“
Leidters raufte sich die Haare. „Die ganze Bande wird sich hier die Zähne richten lassen und volle Pulle Sozialhilfe kassieren. Arbeiten wollen die nur schwarz. Und der Schüler wahrscheinlich gar nicht! Und ich darf das alles bezahlen.“
„Ist das nicht zu negativ gedacht?“, fragte Sandra unbedarft.
Er sah sie vorwurfsvoll an. „Sicher nicht!“ Er holte Luft. „Es ist doch so: Unsere sind alle dumm oder krank oder beides.“ Er hob den Zeigefinger. „Aber die, also die Ausländer …“
„Die Ausländer!“, äffte sie ihn nach.
„Die Ausländer und da meine ich zum Beispiel auch die, die da an unseren Grenzen stehen …“ Er atmete schwerer und schwerer. „Bei denen ist es viel schlimmer.“
„Inwiefern?“
„Das ist so: Die Ausländer haben eine andere Ethik, als wir, jedenfalls als wir älteren Deutschen. Wir wollen arbeiten und etwas leisten.“ Er sah Sandra streng an. „Die Ausländer finden es clever, wenn sie mit möglichst wenig Arbeit, wegen mir auch mit Betrug, zu möglichst viel kommen.“
„Also Peter!“
„Es ist noch schlimmer: Außer dass sie praktisch ungebildet sind und für unseren Markt völlig unbrauchbar, wie gesagt, nur zur Ausplünderung unserer Sozial- und Krankenkassen geeignet, haben sie außerdem noch zwei Handicaps: Zum einen haben sie eine antiquierte Lebenseinstellung, eine primitive Verhaltensform aus früheren Zeiten der Menschheitsgeschichte, eine dummen Stolz, der ihnen sagt, dass man ihnen nichts befehlen darf und sie nicht gehorchen müssen. Das wirkt sich so aus, dass meine Ausländer kurz mal was arbeiten, aber dann zu keiner weiteren Arbeit mehr zu bewegen sind. Ihr Stolz verstehst du, es ist ihr Stolz. Und je weiter du geographisch von uns weg gehst, desto weiter gehst du da in der Menschheitsgeschichte zurück. Albaner sind schlimm, aber besser als Araber.“
Sie lauschte ihm mit offenem Mund.
„Und dann ist da natürlich der Islam!“
„Vorsicht, Peter, wir haben Religionsfreiheit!“
„Vorsicht? Aha, ich muss wieder politisch korrekt sein! Wie mich das ankotzt. Ich lebe in einem freien Land und darf doch nicht sagen , was ich denke.“
„Na, so schlimm ist es wohl bei dir auch nicht.“
Er achtete nicht mehr auf ihre Einwände. „Der Islam! Der Islam ist gar keine Religion, sondern eine aggressive, bösartige Ideologie, der zum Morden aufruft und die Frauen unterdrückt. Da man aus dem Koran diese Passagen nicht streichen kann, weil es ein heiliges Buch ist, ist er auch nicht reformierbar.“ Er nickte. „Deshalb bin ich ja für das Verbot des Islam und das Verbrennen aller Korane, um die Moslems von dem Bösen zu befreien, um die Moslems zu befreien!“
„Dann darfst du aber das Alte Testament nicht vergessen“, warf sie ein.
„D`accord!“ Er nickte. „Weg mit allen Büchern, die zum Bösen aufrufen.“ Wieder nickte er. „Mir dreht es jedes Mal den Magen um, wenn der Priester in der Kirche die Geschichte erzählt, wie die Israeliten die Amalekiter umgebracht haben.“
Sie nickte ebenfalls.
„Aber ich bin noch nicht beim Punkt.“
Sie sah ihn gespannt an.
„Das Schlimmste am Islam in dem von uns diskutierten Zusammenhang ist der Begriff des Kismet.“
„Kismet?“
„Während die protestantische Ethik nach Max Weber die Leistung fördert, was wir in den westlichen Ländern sehen können, verhindert der Islam die Entwicklung der Muslime. Er behindert ihre Selbstverwirklichung und Entwicklung und damit ihr Menschsein!“
„Bist du sicher?“
„Wie viele muslimische Nobelpreisträger gibt es?“ Er gab die Antwort selbst. „Keine!“
Sie dachte nach.
„Du siehst: Wir sind schon ein Land aus Unfähigen und Kranken. Aber wenn die noch alle zu uns kommen, dann gute Nacht!“
„Ich weiß nicht!“, überlegte sie.
„Lassen wir es, bleiben wir in Europa.“ Er winkte ab. „Als Bayer bezahle ich Deutschland, vor allem sexy Berlin, als Deutscher bezahle ich Europa, vor allem die toten Griechen, die ja noch Rente kassieren, die Rente für Sokrates, Platon und Aristoteles wurde jetzt ja endlich gestrichen, und als Europäer bezahle ich den Rest der Welt. Das ist meine Situation!“
Er schüttelte wütend den Kopf.
„Von mir wird erwartet, dass ich jeden Morgen meinen Dienst schön brav antrete und die Anderen zuhause auf dem Sofa liegen, sich vom Staat aushalten lassen und am Abend die Alte besteigen und so für das nächste Kindergeld sorgen!“
Ärgerlich setzte er seine Arbeit fort.
„Professionalität!“, dachte er. „Und zur Professionalität gehört das gute Vorbereitetsein!“
Er legte die Schülerbögen beiseite und ging zu Sandra, seiner Lebensgefährtin, die im Arbeitszimmer noch Unterricht vorbereitete.
Leidters war geschieden und lebte seit einigen Jahren mit einer Kollegin zusammen.
„Lass uns noch `ne Runde spazieren gehen. Der letzte Spaziergang in Frieden, bitte!“
„Gute Idee! Ich bin gerade fertig. Und es ist ja noch hell draußen!“
Sie gingen die Straße hoch in den nahe gelegenen Wald. Er schwieg nachdenklich.
„So schlimm?“, fragte sie.
„Schlimmer!“, meinte er. „Wo nichts ist, da kann man auch nichts machen!“
Sie liefen schweigend weiter.
„Das ist die Pointe an der Geschichte!“, meinte Leidters
„Po-ente, was ist denn das?“
Leidters schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Das Wort bedeutet Witz! Pointe bedeutet Witz!“ Er schüttelte ratlos den Kopf. „Und das auf der sogenannten Mittelschule!“
Der Schüler sah ihn böse an.
Leidters nahm sich zusammen und versuchte, die Sache zu überspielen.
Die Hauptschulen waren zu Mittelschulen umgetauft worden, damit die Eltern das Gefühl hatten, dass ihr Kind auf die Realschule und nicht auf die Restschule ging.
„Everythings great! Great! Great!“
Er erinnerte sich an seine Aussiedlerklassen in den 80er Jahren. Da waren auch alle an der Mittelschule. Damals dachte er, das sei ein Phänomen des Kommunismus, dass es vielleicht dort keine Dummen geben durfte. Heute war ihm klar, dass es in allen Gesellschaften so war, dass man den Forderungen der Eltern nachgab, um Ruhe zu haben.
„Hauptsache keinen Ärger! Nur niemandem was Böses oder die Wahrheit!“ „Die Leute glauben die Wahrheit eh´ nicht! Wahrheit ist ein Stück Dummheit!“, erinnerte er sich wieder an Sieger, einen Kollegen, der ihm das während seinem Referendariat geraten hatte.
Und dass so das Niveau der Gesellschaft insgesamt sank, dass dieser Prozess nicht aufzuhalten war und so alle Gesellschaften zum Untergang verdammt waren, das war allen egal.
„Und man kann sagen, was man will und reden und reden und reden: Dieser Prozess ist nicht zu stoppen.“
Die Jahre hatten ihn grauhaarig gemacht, seine einst schlanke Figur hatte sich gefüllt, schon seit seinen Jugendjahren trug er eine Brille.
„Lies bitte weiter, Jamal!“ Er versuchte die peinliche Situation einfach zu überspielen.
Der Schüler wusste zunächst nicht, wo sie waren, es dauerte Minuten, bis ihm gezeigt werden konnte, wo er weiterlesen sollte. Schließlich versuchte der Junge stammelnd aus den Buchstaben Wörter zu bilden. Die Fehler, die er dabei machte, bemerkte niemand.
„Früher wäre er ausgelacht worden!“, erinnerte sich Leidters.
Plötzlich hörte er ein Knirschen hinter sich. Er drehte sich um und erschrak. Die Leinwand, die zur Darstellung der Overheadfolie hinter ihm an der Wand befestigt war, stürzte auf ihn herunter. Er konnte nicht mehr ausweichen. Da fühlte er einen Schlag am Kopf, die Leinwand drängte ihn vom Stuhl, er fiel benommen zu Boden, die Leinwand lag auf ihm.
Die Kinder lachten und kreischten.
Er schob die Leinwand beiseite und hielt sich den Kopf.
„Schaut mal, Leidi blutet!“, rief ein Junge.
„Das ist ja besser als „Freitag der 13.““, meinte ein anderer Junge.
Leidters rappelte sich auf und sah die johlende Klasse verärgert an.
Dann ging er zum Waschbecken und wusch sich das Blut aus dem Gesicht. Er sah, dass nichts genäht werden musste.
„Ihr täuscht euch, wenn ihr meint, dass Unterricht ausfällt. Hefte raus und abschreiben des Textes!“, knurrte er.
Die Stimmung war sofort weg. Allerdings wagte es niemand, zu widersprechen.
Während die Schüler schrieben, rief er die Rektorin, vom Klassenzimmertelefon aus an und erzählte, was geschehen war.
„Was soll ich machen?“, meinte sie. „Ich sage es dem Hausmeister! Der soll es versuchen, zu reparieren! Wenigstens notdürftig!“
„Klar, für eine richtige Sanierung ist ja kein Geld da. Wird ja für jeden sozialen Scheiß rausgepulvert!“, warf Leidters ärgerlich ein und hielt sich noch ein Tuch auf die blutende Wunde.
„Die Sanierung der Schule ist ja geplant!“, warf sie verärgert ein.
„Da warten wir schon zehn Jahre drauf!“, wusste Leidters.
Da knallte sie den Hörer auf.
„In diesem Jahr habe ich wohl die Arschkarte gezogen!“, meinte er im Lehrerzimmer. „Eine richtige Arschklasse: Behinderte, Sonderschüler, Asoziale und Defektis. Und dabei habe ich nicht mal die Ganztagesklasse!“
„Was soll denn das heißen?“ empörte sich Critisch, die Englischlehrerin der Schule. „Du willst doch nicht neuesten Errungenschaften an unserer Schule in Frage stellen? Ganztag, Inklusion, wir sind Vorzeigeschule! Durch die Ganztagesschule können die Frauen arbeiten gehen. Oder bist du alter Macho etwa da dagegen?“
„Natürlich nicht. Natürlich sollen auch die Frauen arbeiten!“
Critisch sah in kritisch an.
„Ist doch gut, wenn sie neben der Hausarbeit auch noch Kohle ins Haus bringen!“, grinste er.
„Wie viele Neger brauchst du für das Putzen eines Hochhauses?“, fragte er scheinheilig.
Sie machte eine Miene, die zeigte, dass ihm nicht zu helfen war.
„Keine“, erklärte er. „Das ist Frauensache!“
Sie schüttelte den Kopf, winkte genervt ab. Dann besann sie sich. „Der Ganztag ist doch eines der großen Projekte von Frau Doktor Förder. Erinnere dich doch mal, als sie uns verkündete, dass wir Ganztagesschule werden: „Wir sind Ganztag!“ tönte sie.“
„Aufenthaltsort für Asoziale, hat sich ja wohl in den letzten Jahren herausgestellt!“
„Na, na, dass du dir damit mal nicht die Zunge verbrennst. Und überhaupt. Was sollen denn berufstätige Mütter tun?“
„Sind doch froh, dass sie ihre Kinder loshaben. Und dann haben wir die Typen an der Backe! Darum geht`s doch denen nur.“
„Sei doch still, Peter!“, bat Sandra, seine Lebensgefährtin. „Du redest dich ja um Kopf und Kragen.“
„Tu ich doch immer!“, meinte er und verzog keine Miene dabei.
„Deine Meinung zum Ganztag ist unhaltbar und nicht wahr!“, meinte Frankenstein nun, der jahrelang als Funktionär der GEW dafür gekämpft hatte.
„Leider ist es wahr“, meinte Leidters. „Die Ganztagesklasse ist immer die Gestörteste von allen. Das sagt jeder Kollege, allerdings nicht so offen wie ich, sondern hinter vorgehaltener Hand.“
Frankenstein schwieg beleidigt.
Leidters dachte nach. „Ich will noch etwas Grundsätzliches dazu sagen“, murmelte er schließlich.
„Oh, nein!“ Die Kollegen schrien auf. „Peter lässt eine seiner Erkenntnisse los. Jetzt wird es ganz schlimm!“ Sie kannten seine Theorien.
Er ließ sich nicht beirren. „Ich glaube, dass ein Kind einfach seine Mutter braucht. Nach sechs Stunden außer Haus braucht es individuelle und liebevolle Fürsorge, und die kann ihm nur die Mutter geben.“
„Aber sicher nicht die Mütter unserer Schüler!“, warf Frankenstein ein. „Die kümmern sich doch um nichts und die Kinder sitzen alleine mit einer Fertigpizza vor dem Schmuddelfernsehen! Und schau doch mal auf die Spielplätze: Die Kinder turnen unbeaufsichtigt an den Geräten und die Mütter hängen nur am Handy.“
Leidters dachte nach. „Da hast du natürlich Recht.“ Er wiegte seinen Kopf hin und her. „Dann sind sie bei uns vielleicht doch besser aufgehoben. Jedenfalls solange, bis man die Mütter repariert hat!“
Würcher, der gerade einen PC untersuchte, horchte auf. „Reparieren?“, fragte er. „Ja, in diesem Land gehört alles repariert. Und bei der Schule sollte man beginnen. Da ist doch alles kaputt und marode. Ich habe schon mit der Chefin darüber geredet, aber die interessiert sich ja nur für ihren sozialen Mist: Streitschlichter, Hausbesuche von uns Lehrern usw. Dass diese Bude hier dringend hergerichtet werden müsste, dafür fehlt ihr jeder Nerv!“
Die Kollegen nickten und Würcher schraubte am Computer weiter.
„Jedenfalls hast du keinen Ganztag und trotzdem einen Schrecklichen Haufen beieinander!“, meinte Critisch, die in Leidters Klasse Englisch gab. „Und 31 von der Sorte!“
Leidters nickte. „Sozusagen das Highlight der Woche!“ Er grinste.
Critisch verstand, dass es eine Anspielung auf das Englischbuch war.
„Hierbei handelt es sich halt einfach um den absoluten Rest. Diese Schüler konnten noch nie etwas, können nichts und werden außer „fuck“ nichts können!“, meinte sie dann. „Ich wurde mit den Worten begrüßt: „Wir können kein Englisch und wir haben es noch nie gekonnt“!“
„Selbsterkenntnis ist der beste Weg zur Besserung!“, meinte Frankenstein.
„Wo nichts ist, da gibt es auch nichts, womit man etwas bessern könnte! Die Schüler sind zu dumm für jede Sprache!“, analysierte Critisch. „Man sollte Englisch nach der sechsten Klasse nur noch als Wahlfach anbieten! Was braucht ein Metzger, Dachdecker oder Maurer Englisch?“
Leidters nickte. „Das ist aber in allen anderen Fächern dasselbe. Im Grunde müssten diese Schüler nach der Siebten entlassen werden. Die wurden schon lange genug ausgelotet. Da kommt doch nichts mehr. Nur, für diese Schüler ist in unserer hochtechnisierten Gesellschaft auch kein Platz mehr. So viele Straßenkehrer kann niemand bezahlen! Es gibt in diesem Land 600000 offene Stellen und genauso viele unbrauchbare Schulabgänger.“
Critisch nickte. „Und dann das Verhalten. Zwei Drittel deiner Schüler sind doch völlig ohne irgendeine Haltung. Existieren doch nur vor sich hin!“
„Klar: Echte Sonderschüler. Ich leiste die Arbeit von drei Sonderschullehrern und erhalte ein geringeres Gehalt als einer. Das ist clevere Finanzpolitik!“
Critisch lachte. „Na, ja, es ist halt wie immer: Deine Schüler sind dumm und faul …!“
„…dafür aber frech!“
Beide lachten. Sie mussten an Schimpf denken, der bereits im Ruhestand war, und diesen Spruch immer auf den Lippen hatte.
„Nein, ehrlich. Es ist doch eine Katastrophe mit deinen Schülern. Hoffentlich überstehst du dieses Jahr!“
Leidters wurde nachdenklich. „Hoffentlich!“
Er fasste sich in die Magengegend. Schon seit einer Woche klagte er über bisher ungekannte Magenschmerzen.
„Na, fang schon endlich an zu lesen, Thomas!” Leidters warf dem Schüler einen ärgerlichen Blick zu. „Wie lange soll ich denn noch auf dich warten?”
Seiters war erst seit ein paar Tagen in der Klasse. Er sah Leidters lächelnd an.
„Was ist, Thomas? Ich möchte mit dem Unterricht beginnen. Wir warten alle auf dich!”
Leidters sah ihn fordern an.
Einige Schüler warteten gespannt darauf, wie es weitergehen würde, die meisten bekamen die Auseinandersetzung nicht mit, weil sie sich unterhielten.
Leidters legte die Hand vor die Augen. „Wo liegt jetzt wieder das Problem?” Er sah in die Runde. Er hatte GSE in der Parallelklasse, Schreck, ihres Zeichens Lehrer, Chorleiterin und Alleinunterhalterin, erteilte dafür in seiner Klasse Musik. Das war praktisch, weil sie im Rahmen des Musikunterrichtes die Abschlussfeier und den Abschlussgottesdienst vorbereiten konnte. Dafür versuchte Leidters, den Kindern etwas über ihren Staat beizubringen.
„Das ist ganz verdammt wichtig für dich, Thomas!”, versuchte es Leidters im Guten. „Du liest aus dem wichtigsten Buch, das es in deinem Land gibt, dem Grundgesetz, unserer Verfassung.”
Der Schüler sah ihn weiter lächelnd an, dachte aber nicht daran, ins Buch zu schauen.
„Ich möchte halt, dass ihr, wenn ihr die Schule verlassen habt, wisst, welche Prinzipien in unserem Land herrschen, welche Grundrechte euch unser Land bietet, wie gut unsere demokratische Regierungsform alles einrichtet und dass ihr bereit seid, diese Demokratie für sehr gut zu halten und für sie eintretet, sie verteidigt und sie bewahrt!” Leidters war einen Augenblick lang stolz, wie schön er das den Schülern erzählt hatte. „Wie ich immer sage: Ihr lebt im besten Land der Welt.“
Die Schüler verzogen trotzig die Mienen. „Quatsch!”, meinte einer. „Es geht uns schlecht!“
„Nirgendwo auf der Welt haben die Menschen so tolle Grundrechte. Und nirgendwo ist der Ausgleich zwischen Freiheit und sozialer Sicherheit so gelungen, wie bei uns. In den USA kannst du mehr verdienen, wenn du gut bist, hast aber kaum soziale Sicherung, wenn du schlecht bist. In sozialistischen Staaten, scheint man gesicherter zu sein, jedenfalls solange, bis sie Pleite gemacht haben, was sie immer am Schluss machen, dafür hast du keine Rechte und keine Freiheit. Glaubt mir doch, ihr lebt im besten Staat der Welt. Deutschland ist das beste Land auf der Welt. Und ich möchte, dass ihr für dieses Land eintretet und dass ihr bereit seid, alles in unserem Land zu verteidigen!“
Ein Mädchen winkte ab. „Scheiße ist es hier!“
Als er in die Runde sah, wusste er, dass sie nichts begriffen hatten und es ihnen egal war. „Fressen, Saufen, Scheißen, Urinieren, Sex, Freibier, Ballermann! Das ist ihr Grundgesetz!“
Er verlor langsam die Geduld.
„Ich möchte wirklich wissen“, überlegte er, „ab welcher materiellen Lage die bereit wären, für die Befriedigung ihrer Bedürfnisse, jedes ihrer Verbrechen zu begehen.“ Er wurde ärgerlich vor Verachtung und Hilflosigkeit. „Also, lies jetzt endlich, verdammt noch mal!”, sagte er wütend.
Seiters lächelte ihn weiter mit strahlendem Gesicht an.
Leidters beugte sich nach vorne und kniff die Augen zusammen. „Du willst mich nerven, oder was?” Er zeigte mit dem Finger auf ihn.
Der Schüler lächelte weiter vor sich hin.
„Oder bist du breit?”, entfuhr es ihm mit ernstem Interesse.
Da meldete sich die Klassensprecherin.
Leidters rief sie auf.
„Herr Leidters, Thomas kann nicht lesen”, erklärte sie ihm. „Das müssten Sie aber wissen!“
Leidters sah überrascht auf. „Was soll das heißen, er kann nicht lesen?”, fragte er blöde und ärgerte sich über seine dumme Frage.
„Er kann nicht lesen. Er hat es nie gelernt.”
Leidters sah den Schüler an, als sei er ein Außerirdischer. „Jeder kann lesen!”, konterte er und staunte über seine Überraschung, denn er regte sich über etwas auf, dass er doch jeden Tag feststellte.
„Thomas nicht!”
„Dann soll er`s lernen. Er soll üben, dann lernt er `s.”
„Thomas nicht. Er hat auch einen Schein vom Arzt deswegen.”
Leidters raufte sich die Haare. „Auch das noch! Heute hat jeder für alles einen Schein!”
Die Klasse lachte. Alle waren jetzt auf den Fall aufmerksam geworden.
„Das ist nicht so besonders nett von Ihnen. Außerdem ist es rechtlich in Ordnung, dass Thomas nicht liest.”
„Natürlich!” Leidters nickte. „Rechtlich. Rechtlich ist es wieder mal in Ordnung, dass er nicht liest. In zehn Jahren ist es rechtlich zwar nicht mehr in Ordnung, aber deswegen liest er trotzdem nicht. Dann nicht, weil er einfach nicht will.”
Wieder lachte die Klasse.
„Sie sollten nicht so ungerecht sein. Sie sollten Thomas nicht bloßstellen! Sie wissen, meine Tante ...!”
Er winkte ab. „… ist Rechtsanwältin, ich weiß!“ Er entschuldigte sich beim Schüler und rief jemand anderen auf.
Der Schüler suchte mühevoll die Buchstaben zusammen und versuchte daraus Wörter zu bilden.
„Was für ein Land“, schweifte Leidters ab. „Niemand will mehr etwas arbeiten und deshalb ist kein Geld da und es bröselt an allen Ecken und ist marode. Und niemand kann mehr etwas und deshalb wird unser Know-how-Vorsprung bald weg sein. Niemand will seine Pflichten mehr wahrnehmen, aber ihre Rechte, die kennen sie und fordern sie ein. Das Land ist auf einem schlechten Weg und niemand hält es auf.“ Er schüttelte den Kopf.
Die Schüler schienen seine Gedanken zu ahnen, sie sahen ihn böse an, anstatt zu lesen.
„Können Sie mir das noch mal erklären!“, flehte der Schüler und stand vor Leidters an seinem Pult.
Leidters sah auf. Andre Kalm, der einzige in der Klasse, der sich Mühe gab, auch wenn er nicht der Begabteste war. „Natürlich!“, meinte er ruhig. „Jeder gute Junge hat Hilfe verdient!“, murmelte er. „Und jeder schlecht Junge hat Prügel verdient!“ Er sah überrascht zum Fenster hinaus und dachte über seine Erkenntnis nach.
Kalm räusperte sich. „Komme ich ungelegen?“
Leidters sah ihn an und lächelte. „Nein!“, meinte er ruhig. „Du bist genau richtig!“
Es klopfte. Plötzlich fuhren alle Köpfe herum. Die Tür ging auf. Dann ein kollektives Aufatmen, es war nur Kurt, nicht Frau Doktor Förder.
„Ich komme, weil sich die Klasse über deine Arbeitsmethoden beschwert hat. Alles von gestern, meinen sie.“
Wie immer, wenn Leidters ihn sah, musterte er ihn für einige Sekunden mit gleichzeitig verachtendem und bewunderndem Blick. Kurt und Leidters waren gleich alt, beide inzwischen Endfünfziger. Kurts Haare waren schon stark meliert und in seinem Gesicht hatten sich die Jahre ebenfalls in Falten niedergeschlagen. Aber Kurt überdeckte sie durch die Fältchen seines permanenten Dienst- und Feelwelllächelns. Seine Haut war im Sommer wie im Winter gebräunt.
„Solarium!”, wusste Leidters.
Kurt war fit. „Inline-Skaten mit Freunden, vor allem weiblichen.” Kurt genoss. „Rotweinnase, Altachtundsechziger, Toskanafraktion, Sozialist und Karriere! Wie das geht? Vorgesetzter mit dem Zeigefinger. Du machst das und du machst das und du machst das und ich bin in der Zeitung mit dem Projekt. Und dann schnell zum Surfen!”, murmelte Leidters.
„Wie bitte?”, lächelte Kurt.
Leidters sah sich dieses Lächeln mit verzerrtem Gesicht an. Das war es, was er an Kurt am meisten hasste und bewunderte. Er hatte ihn noch niemals ohne dieses Lächeln gesehen. Egal, was auch passiert war, egal, welches Problem es auch gegeben hatte. Kurt verlor niemals die Nerven, stand immer darüber, niemals erreichte man ihn wirklich, immer lächelte er. Und Leidters wusste, dass dies wohl ein Teil seiner Professionalität war, die ihm unter anderem fehlte. Leidters sah ihn böse an vor Hilflosigkeit.
„Alles klar bei dir Peter, stimmt etwas nicht?”, fragte Kurt lächelnd und machte einen Hüftschwung, für den er im ganzen Landkreis berühmt war.
Leidters schrak auf, versuchte, sich zu kontrollieren. „Alles klar bei mir!“, zwang er sich zu einem Lächeln.
„Also, dann! Was hast du zu den Vorwürfen zu sagen!“
Die Schüler schmunzelten und warteten gespannt, wie es weitergehen würde.
Leidters sah Kurt hilflos an und wusste nicht, was er sagen sollte. Kurt warf ihm einen mitleidsvoll verachtenden Blick zu und kümmerte sich nicht um ihn. Er schwieg mit einem Gefühl der Scham und ärgerte sich sofort über sich selbst deswegen.
„Ich verstehe ja, dass ihr nicht so besonders motiviert seid! Es liegt noch die halbe Woche vor euch. Aber was will man machen, das geht uns allen so!”, versuchte Kurt die Sache zu entspannen, weil er nicht wusste, was Sache war.
Nun noch Kurts strahlendes Grinsen und dann sein Hüftschwung. Leidters konnte nicht hinsehen.
Da meldete sich Corinna, eine der Helleren in der Klasse. Die Eltern waren selbst Lehrer, hatten es aber aufgegeben mit ihrer Tochter, weil sie wussten, wie faul und unverschämt sie sein konnte.
„Nicht das Biest schon wieder!”, knurrte Leidters.
„Ach, unsere ganze Unlust kommt doch nur von den veralteten Arbeitsmethoden von Herrn Leidters!”, sagte sie und unterstrich das Ganze durch ihre zarte Stimme und gespielten Trauerblick.
„Oskarverleihung!”, dachte er und horchte auf.
Kurt horchte ebenfalls auf.
„Er macht halt immer den gleichen Unterricht. Keine Freiarbeit, keine Partnerarbeit, keine Gruppenarbeit. Nichts Neues, nichts von dem, was die anderen Lehrer so machen! Keine Lerntheke, keine Lernzirkel, immer sture Bucharbeit! Wir wollen einfach mal was Modernes.”
„Damit ihr noch besser stören könnt!”
„Kein Stationen-Lernen und kein Wochenplan.” Sie heuchelte Enttäuschung und fiel in sich zusammen. „Und er will auch gar kein Projekt mit uns machen!”, schob sie noch mit Schmollmund nach.
„Und das, obwohl wir das doch in der Konferenz beschlossen haben, Peter!“, grinste Kurt heuchelnd.
„Seid doch zu dumm dafür!“, warf Leidters ein.
„Sie haben uns beleidigt!“, rief der Klassensprecher.
„Und kein gesundes Frühstück!“
Leidters wurde ärgerlich.
Aber Kurt gefiel es. Er sah die Schüler mitleidsvoll an. Dann ein Doppelhüftschwung und schon wandte er sich Leidters zu. „Peter, was sagst du zu diesem wohl berechtigten Vorwurf!”
Die Klasse schmunzelte hinter Kurts Rücken. Einige hoben anerkennend den Daumen zu Corinna.
„Und das, obwohl wir das doch in der Konferenz beschlossen haben!“, setzte er noch einen drauf.
„Hab ich doch alles ausprobiert!“, versuchte er sich nun zu rechtfertigen. „Kann man doch im Klassenbuch nachkontrollieren. Alles ausprobiert, das mache ich doch immer am Anfang des Schuljahres. Und es geht halt mit unseren Schülern immer schief. Die sind halt zu …!“ Er biss sich auf die Lippen.
Die Schüler horchten gespannt auf und lauerten wie die Geier auf jedes seiner Worte.
„Peter, Vorsicht!“, wusste auch Kurt.
Er besann sich auf jedes seiner Worte. „Gedacht ist es so, dass die Schüler alles selbsttätig machen sollen und raus kommt es so, dass der Lehrer alles machen muss und die Schüler diese freieren Formen zum Stören nutzen und nur Quatsch machen. Die wollen nicht und vor allem …“
Die Schüler lehnten sich mit grimmigen Blicken nach vorne.
Kurt sah ihn ängstlich an.
„ … können doch auch nicht! Die sind doch einfach dafür nicht geeignet. Das kannst du am Gymnasium machen, aber doch nicht bei uns.”
„Unverschämtheit!“, kommentierte Corinna. „Das ist ja eine Diskriminierung.“ Sie sah ihn böse an. „Sie wollen nicht, oder vielleicht können Sie nichts!“
Leidters wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er wusste, dass er sich um Kopf und Kragen redete, aber er konnte nicht anders.
„Das bringt doch bei denen nichts, Kurt!“, fuhr er fort, wohlwissend, dass es ihm schadete. „Die sind doch zu solch selbstständigen Unterrichtsformen gar nicht fähig. Suchen doch nur nach Wegen, um nichts arbeiten zu müssen und ausbüchsen zu können. Können das doch auch gar nicht. Nicht nur, dass sie nicht lesen, schreiben und rechnen können.“
„Dann musst du das anbahnen!“
„Haben doch keine Eigeninitiative, kein Interesse und keine Kreativität. Am Ende musst du doch als Lehrer alles selbst machen.”
„Komisch! Bei mir machen das immer die Schüler alleine!”, versicherte Kurt.
„Wer`s glaubt, wird selig!“
„Du solltest die Schüler zu mehr Selbstständigkeit erziehen!“
„Damit sie gar nicht mehr wissen, was sie tun sollen und nur noch Dummheiten machen?“
„Das dauert seine Zeit!“
Leidters sah Kurt fragend an. „Und in der Zwischenzeit hab ich hier nur Halligalli und Karneval. Brauchen doch was ganz Anderes. Klarer Arbeitsauftrag, knallharte Überwachung, knallharte Kontrolle und den Tritt in den Hintern, wie sie`s später auch kriegen auf der Baustelle. Disziplin eben! Dann klappt die Sache!”
Kurt wich entsetzt zurück, nicht ohne weiter zu lächeln. „Peter, denk doch an die Pädagogik!”
„Ich denke an nichts Anderes. Will sie zu brauchbaren Menschen und Arbeitern erziehen. Aber mit den Methoden, die Frau Dr. Förder sich wünscht, kommt es erst zu Chaos im Klassenzimmer und dann zu Chaos im ganzen Land. Jede Schicht braucht ihre eigenen Methoden!”
„Gefährliche Aussage!”, schmunzelte Kurt. „Ziemlich undemokratisch! Hast du schon mal daran gedacht, wo du doch immer an dein Land denkst!“ Hüftschwung.
„Sind psychisch anders strukturiert als du und ich. Respektieren nur die Macht. Alle komplizierteren Gedanken begreifen die nicht. Also: Abholen, wo sie stehen!”
Die Klasse raunte wütend auf.
Kurt schüttelte den Kopf. „Versuche es, Peter! Der Weg ist das Ziel.”
Er mochte Kurt nicht. Er hasste dieses Vorzeigebild eines Konrektors, zu dem sich Kurt nicht etwa selbst in vielen Jahren Berufserfahrung gemacht hatte. Nein! Kurt schien so geboren worden zu sein. Und er wusste in jedem Augenblick, was er zu sagen hatte. Und er sagte auch immer das Richtige. Er wusste, wie man mit Menschen umgehen musste, wie man sie gewann. Leidters stieß stets alle vor den Kopf.
„Das weißt du doch alles selbst, Peter! Hast du doch an der Uni, im Seminar und in Fortbildungen mitbekommen. Dann mach`s doch auch!”
„Wir müssen zurück zu den bewährten Methoden!“, erklärte Leidters. „Klarer Arbeitsauftrag, Eigenerarbeitung, Kontrolle, Korrektur und individuelle Übungsaufgaben nach genauer Analyse. Und dann das Ganze von vorne. Klarer Arbeitsauftrag und so weiter und so weiter!“
„Quatsch, die Zeiten haben sich geändert. Heute wird etwas Anderes erwartet, als früher. Selbstständigkeit, Teamarbeit …!“
„Nicht für unsere Schüler. Klarer Auftrag: Zieh diese Mauer hoch und heute Abend komme ich und kontrolliere dich. Wenn sie schief ist, reißen wir sie wieder ein und morgen machst du das Ganze nochmals!“, äffte Leidters einen Vorarbeiter auf einer Baustellen nach.
Kurt war entsetzt. „Peter, besinne dich, wandle dich oder geh in Frühpension!“, rief er vorwurfsvoll aus. „Du machst die Leute nicht fit für unser Land!“
„Und eure Methoden machen unser Land kaputt!“
Sie sahen sich böse an.
„Schluss damit!“ Kurt sprach ein Machtwort. „Du baust moderne Methoden in deinen Unterricht ein, oder du gehst in Pension!“
Leidters nickte schmollend. Er gab auf. „Also gut, ich versuch`s nochmals!“
Kurt war nicht zu fassen. „Chamäleonmäßig! Und keine Fehler! Und dieses Dienstlächeln! Und dieser Hüftschwung!”
„Kurt …!“, flehte er dann.
Kurt drehte sich um, winkte ab und wandte sich den Schülern zu. „Und euch wünsche ich noch viel Spaß bei der Arbeit!”, strahlte er die Schüler an.
Die grinsten sich eins.
Kurt lächelte sie ungeniert an.
„Wir hätten das Gespräch vielleicht besser in meinem Zimmer und nicht vor den Schülern geführt!“, meinte er plötzlich.
„Warum haben wir´s dann nicht getan!“, fragte sich Leidters.
Dann ging Kurt.
Leidters sah ihm mit einer Mischung aus Verachtung und Bewunderung, Hass und Achtung, die er sich nicht erklären konnte, nach.
Kurt schloss sanft die Türe.
Leidters fühlte die bösen Blicke der Schüler schwer auf sich lasten. „Also gut, dann versuchen wir den ganzen Kram noch einmal!“, versprach er den Schülern.
Da hörte man ein lautes Geräusch. Jemand hatte einen fahren lassen.
„Wie? Was? Was meinen Sie? Was heißt Legastheniker in der Klasse? Was ist jetzt schon wieder los?”, stotterte Leidters und sah Frau Doktor Förder verwirrt an.
„Wissen Sie nicht, was ein Legastheniker ist?” Sie sah ihn aus unerbittlichen Augen an.
„Äh, natürlich, natürlich weiß ich, was ein Legastheniker ist. Äh, das heißt, ich weiß, dass es gar keine Legastheniker gibt, ich meine doch gibt, äh ich meine ...” Er schmunzelte über seine gespielte Unwissenheit, mit der er zeigen wollte, was er von der Diskussion hielt. Er fand das Hin und Her in dieser Frage, wie bei allen Problemen, schrecklich.
Frau Doktor Förder verdrehte die Augen und zog die Stirn in Falten.
„Legastheniker?”, wiederholte er und blickte sie fragend an.
„Tun nicht so! Ihre Stärke ist das Theorienbeten und das Herumreiten auf ihnen. Das ist das einzige, was Sie können. Deswegen sind Sie ja auch falsch in dem Beruf!“
Er zuckte zusammen. Sie hatte ihn voll erwischt. „Stimmt!”, meinte er mit scheinbar trauriger Miene. „Die Theorie ist meine Stärke.“ Theorien analysieren, auswerten, beurteilen, miteinander vergleichen, waren seine Leidenschaft bis heute. „Hätte an der Uni bleiben sollen!“ Er genoss das Kribbeln im Kopf, wenn er nachdachte, spürte die Leidenschaft, die in ihm aufstieg, fühlte einen tiefen Genuss, die Wirklichkeit zu interpretieren, zurechtzurücken, zu finden und zu erkennen. „Ja, das ist meine Stärke.”
Das wussten alle, wussten alle, dass hier seine Stärke lag, dass er ihnen hier überlegen war.
„Aber Sie haben schon Recht! Was nützt mir das vor Menschen, die kaum drei und drei zusammenzählen können und deren natürlicher Lebensraum das Bierzelt ist?”
Sie schwiegen sich einige Augenblicke böse an.
„Legasthenie oder Lese-Rechtschreibschwäche?”, fragte er dann ernsthaft. Er betete die wesentlichen Ansichten zu diesem Thema herunter.
„Oh, sogar ein pädagogisches Lexikon!”
Er definierte den Unterschied und die Konsequenzen für das Zeugnis und die Schülerbehandlung.
„Siehste! Wusst ich´s doch. Theoretiker!“ Sie seufzte. „Wenn Sie sich doch lieber in Ihrer Klasse durchsetzen könnten?”, kommentierte sie spöttisch.
„Ja!“, meinte er traurig. „Aber bedenken Sie bitte, dass ich die schwierigste und die größte Klasse im Schulhaus habe!“
Sie winkte ab. „Bleiben wir bei der Legasthenie!“
Er wusste, was kam. Eltern hatten sich über ihn beschwert. Sie brachte die sogenannte Wirklichkeit ins Spiel.
„Tja, mein Lieber!”, begann sie genüsslich. Sie hatte den Leider-Leider-Blick. „Wenn Sie nur Ihr Wissen auf dem neuesten Stand hätten und es umsetzen könnten.“ Sie seufzte. „Aber daran hapert es wohl bei Ihnen gewaltig!”
„Am neuesten Stand?”
„Sie handeln jedenfalls nicht nach dem neusten Stand. Es hapert an der Umsetzung. Am Willen zur Umsetzung!”
„Nicht, dass ich wüsste!”
Sie legte wieder eine Kunstpause ein und schüttelte bedauernd den Kopf. „Die Eltern von Tobias Murkel waren bei mir.”
„Murkel!”, schaltete Leidters. „Alles klar. Strohdumm! Sechs in so gut wie allen Fächern. Hoffnungslos in Deutsch!”
„Sie haben mir erzählt, dass Sie auf Tobias Diktate immer eine dicke Sechs schreiben.”
„Bei 44 Fehlern bleibt mir nichts Anderes übrig! Ein Dummkopf in allen Fächern halt und eben auch in Rechtschreibung.”
„Da sind Sie nicht auf dem Laufenden, Leidters!”
Er sah sie fragend an.
„Legasthenie gilt nach neuesten Verordnungen nicht mehr als eine Art Schwäche oder Zeichen von Dummheit, sondern als sich verwachsende Intelligenzanzeige.”
Leidters wäre beinahe losgeplatzt vor Lachen, riss sich aber so gut er konnte am Riemen. „Murkel und Intelligenz haben so viel gemeinsam wie ein Schwein und eine weiße Tischdecke!”
„Sie sollten die Sache ernst nehmen, Leidters! Sie haben schon genug Probleme!” Sie kannte ihn so gut, wie er sie.
Er nickte und versuchte, sich auf ihre Worte zu konzentrieren.
„Sie dürfen bei Legasthenikern die Rechtschreibnote nicht mehr bewerten. Das ist die Direktive vom Kultusministerium und vom Schulamt. Daran müssen Sie sich halten.”
Leidters schüttelte den Kopf. „Der Junge hätte den Legaschein gar nicht kriegen dürfen. Er darf nicht ausgestellt werden, wenn der Schüler in allen Fächern schlecht ist. Die Rechtschreibschwäche muss ein isoliertes Phänomen sein. Murkel ist kein Lega, sondern ein Rundumdummkopf!“
„Ihre Ausdrucksweise!“ Sie heuchelte Empörung. „Wissen Sie denn nicht, dass es nun unterschiedlich begabte Kinder gibt, aber doch keine Dummen!“
„Der Junge ist in allen Fächern schwach begabt. Daher hätte er den Schein nicht kriegen dürfen! Aber dieser Schüler hat ja wohl alle Scheine. Hat ja auch Diskalkulie und ADHS und was weiß ich noch. Geht wahrscheinlich nach dem Quali gleich in die Frührente. Was soll nur aus diesem Land werden?“
Sie wusste, dass er Recht hatte. „Er hat ihn nun mal. Und deswegen müssen Sie sich daran halten! Ist das klar?“
Er wusste, dass er keine Chance hatte, deshalb nickte er.
Sie klärte ihn auf. „Die Eltern haben sich beschwert!”
