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Olivia ist eine wunderschöne Blondine, die nur einen Traum hat: Sie möchte Model werden. Das gefällt ihrem Freund Paul gar nicht. Als sie ein Casting gewinnt und einen Vertrag von einer Modelagentur bekommt, entscheidet sie sich für das Modelbusiness und gegen Paul. Sie erlebt die Eigenheiten des Modelgeschäfts. Nach einiger Zeit bleiben die Aufträge aus und ihre Schulden wachsen. Es beginnt ihr Abstieg über den Escort-Service in die Prostitution. Wird es ihr gelingen den Teufelskreis zu durchbrechen und ihr Glück zu finden?
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Seitenzahl: 319
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Gerhard Wolff
O für Olivia
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Olivia und Paul
Das Model
Das Escort-Girl
Auf der Straße
Nach Hause
Werbung
Impressum neobooks
1
„Hallooooooo! Es geschehen noch Zeichen und Wunder!“, rief der Mann Olivia mit strahlendem Lachen und glänzenden Augen zu und verstellte ihr den Weg. „Du bist genau das, wonach ich mir die Augen aus dem Kopf gucke!“
Olivia blieb entgeistert stehen und ihr Freund Paul verzog ärgerlich die Miene. Er sah Olivia fragend an.
„Das ist die billigste Anmache, die mir je untergekommen ist!“, meinte diese verwirrt und mit entschuldigendem Blick zu Paul.
„Blonde, lange Haare, ein wunderbar flaches Gesicht mit einer kleinen Stupsnase und vollen, sinnlichen Lippen, diese herrliche Figur, vielleicht ein bisschen zu muskulös, aber doch noch zierlich genug und dann die Beine, diese herrlich langen Beine. Ein Gedicht, kann ich da nur noch sagen. Ideale Maße. Genau das, was ich suche!“, schwärmte der Mann und musterte Olivia von oben bis unten.
Olivia war es gewohnt, wegen ihrer Schönheit angesprochen zu werden, aber die Aufdringlichkeit dieses Mannes war so extrem, dass ihr ängstlich zu Mute wurde. Außerdem fand sie es unmöglich, dass er sie wie ein Stück Vieh auf dem Markt betrachtete.
Auch Paul hatte die Nase voll. „Sie ist meine Freundin, dass du es nur weißt. Also lass die Anmache und verzieh dich!“
Der Mann schüttelte den Kopf. „Das ist ein Missverständnis. Das ist keine Anmache!“ Er zeigte auf ein Schild, das hinter ihm an einem Stand hing und auf dem „New Models“ stand. „Ich bin von einer Modelagentur. Und wir suchen ständig neue Gesichter!“ Er drückte den beiden einen Flyer in die Hand, in dem sie irritiert herumzublättern begannen.
Während der junge Mann, der sich mit Robby vorstellte, weiter auf sie einredete, wurde ihnen bewusst, was er von ihnen wollte.
„Wir suchen neue Gesichter, die wir dann an unsere Kunden vermitteln. Und du siehst so gut aus, dass ich mir fast sicher bin, dass du nur so in Aufträgen schwimmen wirst. Versprochen!“
Olivia sah ihn nun schon mit leuchtenden Augen an. „Das ist ja toll! Findest du nicht auch?“
Paul verzog die Miene und war wenig begeistert. „Das kommt davon, wenn man zu so einem Quatsch geht. Ich wollte gleich nicht mit.“
Sie hatten nämlich beschlossen, diesen Samstagnachmittag auf der größten Lifestyle-Messe Londons zu verbringen, danach essen zu gehen und schließlich noch in einer Diskothek abzutanzen.
„Gott sei Dank haben wir das getan. Wenn ich nur daran denke, dass ich beinahe mit dir auf die Handwerkermesse gegangen wäre!“
„Das hätte wenigstens etwas für meinen Beruf gebracht. Und für unseren gemeinsamen Traum!“
Sie hatten beschlossen, sich in ihren Berufen auf einer Farm auf dem Land selbstständig zu machen. Paul war Schreiner und Olivia Physiotherapeutin.
„Das hier ist auch ein Traum von mir, das weißt du!“, konterte Olivia und wandte sich fasziniert Robby zu.
Dieser bemerkte es und hielt ihr einen Vortrag über den Ablauf ihrer Bewerbung bei „New Models“. Er wies auf den Flyer hin, um ihr zu erklären, wo sie sich bewerben sollte. „Da werden deine Daten aufgenommen, Bilder von dir gemacht, du erhältst eine Sedcard, auf der alles Wichtige von dir zu sehen ist und du wirst in Mappen und Files eingeordnet, die unseren Kunden vorgelegt werden. Zieh was Tolles an, richte dir die Haare raffiniert her und schminke dich einigermaßen. Dann werden wir dich als Model unter Vertrag nehmen, das garantiere ich dir!“
„Toll!“, rief Olivia und wäre Robby fast um den Hals gefallen vor Glück. „Das ist schon immer ein Traum von mir!“
Robby wich zurück und lächelte vorsichtig.
Paul sah beide böse an.
„Schau halt nicht so, Paul!“, flehte Olivia. „Freu dich doch mit mir. Das ist doch der einzige Traum, den ich wirklich habe!“
„Ich dachte, unsere Farm auf dem Land, unsere Familie mit Kindern wäre dein Traum. Meiner ist es jedenfalls!“
„Das ist ja nicht aufgehoben, nur aufgeschoben. Aber diese Chance, die sich mir hier bietet, die muss ich nutzen. Und vielleicht verdiene ich ja auch ganz gut, jedenfalls viel mehr, als als Physiotherapeutin!“ Sie sah den Modelscout unsicher an.
„Wenn man so scharf aussieht wie du, dann verdient man `ne ganze Menge Kohle. Da kannst du sicher sein!“ Er strahlte sie mit breitem Lachen an. „Gib mir deine E-Mail-Adresse, dann melden wir uns bei dir und laden dich zu einem Casting ein!“
Olivia diktierte sie ihm.
„Du siehst wirklich fantastisch aus!“, wiederholte er und warf immer wieder einen Blick auf sie.
„Jetzt reicht es aber wirklich mit der Anmache!“, knurrte Paul ärgerlich, um von seinem eigentlichen Problem abzulenken.
Robby trat sicherheitshalber einen Schritt zurück. „Vergiss doch das blöde Gequatsche von der Anmache!“, flötete er. „Wenn hier jemand Angst haben muss, dann dein Mädchen, wenn du verstehst, was ich meine. Du bist nämlich auch ein ganz schön scharfer Typ. Groß, schlank, schwarze Haare, nur dein Gesicht ist nicht schön genug für ein Model. Aber ich stehe auf Unvollkommenheit und kleine Makel. Das macht mich richtig scharf.“ Er sah Paul verführerisch an.
Da sahen die beiden, dass sie fortkamen.
2
„And the winner is … !“ Der Moderator des Wettbewerbs machte eine Pause, um die Spannung des Publikums zu steigern. Er schaute mit überlegenem Lächeln hinunter zu den Zuschauern, die noch vor wenigen Minuten ihre Favoriten lautstark und mit tumultartigen Szenen unterstützt hatten.
Nun Aber kurz vor der Verkündung der Siegerin, war es totenstill in der Diskothek geworden.
Der Moderator zeigte mit seiner Hand nochmals auf die Models, die neben ihm aufgereiht standen, alle in Bikini und mit Highheels und einer Nummer um ihren Oberkörper. „Werfen Sie noch einmal einen Blick auf diese unglaublichen Geschöpfe! Leider kann nur eine die Siegerin sein!“, hauchte er in das Mikrofon und steigerte so erneut die Spannung.
Das Publikum atmete gemeinschaftlich tief durch.
„And the winner is … !“ Kurzer Blick ins Publikum. „Olivia!“
Lauter Jubel brach in der Ecke aus, in der Paul und Olivias Freunde saßen. Die Fotografen nahmen Olivia in ihren Focus und ein Blitzlichtgewitter brach los. Die Fans der anderen Models stießen zunächst einen Seufzer der Enttäuschung aus, dann applaudierten sie aber angemessen.
„O – li – vi- a, O – li – vi- a!“, skandierten Paul und Olivias Freunde und Freundinnen.
Immer wieder brach Applaus und Jubel der Fans aus, als die Reihenfolge der Sieger genannt wurde. Am Ende waren alle aufgestanden und klatschten und jubelten begeistert. Olivia stand da, sah sich ungläubig in dem großen Raum der Diskothek um, konnte ihr Glück nicht fassen und lächelte selig in alle Richtungen.
Ihre Freunde waren nach vorne an die Bühne gestürzt und riefen ihr begeistert Glückwünsche zu, die sie aber in all dem Lärm nicht verstand, nur erahnen konnte. Dann skandierten sie wieder ihren Namen.
„O – li – vi- a, O – li – vi- a!“
Sie lächelte und versuchte zu begreifen, was geschehen war. Sie stand da und versuchte sich zu erinnern, wie es dazu gekommen war.
Eine Freundin hatte ihr den Flyer des Schönheitswettbewerbs in der Diskothek „Fire“ mitgebracht.
„Wow! Das ist der angesagteste Club weit und breit.“
„Da musst du mitmachen!“, hatten ihre Freunde gedrängt, obwohl sie nicht hätte gedrängt werden müssen.
Sie hatte sich angemeldet, war zu einer Vorauswahl eingeladen und gemustert worden. „Schöne, blonde, lange Haare, schöne Augen, schönes Gesicht, endlos lange Beine und eine tolle Ausstrahlung!“, hatten die Veranstalter gemeint und ihr dann das Ticket zur Teilnahme zusammen mit einem Infoflyer in die Hand gedrückt.
Wochenlang fieberte sie dem Termin entgegen, erledigte ein tägliches Beauty-Programm, übte eine Choreografie ein und hungerte, um noch ein bisschen abzunehmen, was ihr aber nicht gelang.
„Muss das denn wirklich sein?“, hatte Paul genervt gefragt.
„Freust du dich denn gar nicht für mich?“
„Doch, aber ist das alles nicht ein bisschen übertrieben?“
„Paul, ich brauche jetzt deine bedingungslose Unterstützung, verstehst du das denn nicht. Wenn du mich wirklich liebst, musst du mich unterstützen. Du musst mir Mut machen und mir dabei helfen, meine Unsicherheit loszuwerden. Ich brauche dich jetzt, verstehst du denn nicht?“
„Also gut, ich unterstütze dich, ich unterstütze dich!“, seufzte er und sah sich einen Baumarktkatalog mit den neuesten Geräten an. Er versprach ihr zähneknirschend seine Hilfe.
Und so saß er geduldig neben ihr, wenn sie sich eine Beautypackung aufs Gesicht legte, unterhielt sich mit ihr bei entspannender Musik und blätterte leise in seinen Katalogen. Er joggte mit ihr, damit sie abnahm und aß danach allein in der Küche, während sie im Wohnzimmer hungerte. Sie zeigte ihm ihre Choreografie und er beriet sie dabei, so gut das jemand konnte, der keine Ahnung davon hatte.
„Danke, Paul!“, meinte sie und das war sein Lohn.
Dann war der Tag der Entscheidung da. „Jetzt ist es soweit!“, stammelte sie mit zitternder Stimme.
„Versprich dir nicht zu viel!“, hatte er gemeint und gehofft, dass sie nicht gewinnen würde.
„Was soll das heißen, findest du, dass ich nicht hübsch bin?“
„Nein, nein, nein! Ich möchte nur nicht, dass du nicht zu enttäuschst bist, wenn du nicht gewinnst“, umschiffte er gerade noch das Fettnäpfchen. „Ich meine nur, dass vielleicht noch andere schöne Mädchen da sind!“
Sie warf ihm einen bösen Blick zu und er schüttelte nur den Kopf über seine Dummheit.
Aber dann war es doch so, wie er vermutet hatte. Als Olivia die Umkleideräume der Diskothek betrat, war sie baff, wie viele hübsche Mädchen vor den Schminkspiegeln saßen und sich herrichteten. Eine Frau fragte sie nach ihrem Namen, hakte sie in einer Liste ab, reichte ihr eine Nummer, die sie an ihrem Bikini anheften sollte und zeigte ihr den Spiegel, wo sie sich herrichten sollte. Sie musste einen Augenblick warten, bis das Mädchen fertig war, das an ihrem Spiegel saß und beobachtete die anderen Mädchen, von denen einige nochmals ihre Choreografie übten.
„Mein Gott, Paul hatte Recht. Hier wimmelt es ja von schönen Mädchen!“, dachte sie. Sie war es gewohnt, dass sie in ihrem Freundeskreis immer nur als die absolut Schönste bezeichnet worden war. Und nun erkannte sie, dass sie hier nur eine von vielen war. Hier waren alle schön, umwerfend schön.
Dann setzte sie sich und begann mit zitternden Händen, sich zu schminken.
„Willst du dich herrichten oder hier herumgaffen?“, meinte das Mädchen, das schon als nächste auf ihren Spiegel wartete, lakonisch.
Da wurde ihr bewusst, dass sie mit ihrer Vorbereitung nicht weiterkam, weil sie alles um sie herum faszinierte, überraschte und erschreckte.
„Die hält hier schon die ganze Zeit den Betrieb auf!“, zischte ein anderes Mädchen.
„Kommt wohl vom Land! Da nimmt man sich Zeit!“
„Grade so sieht sie aus!“, bestätigte das Mädchen, das neben ihr am Spiegel saß und die sie, nach Olivias Meinung, noch gar nicht angesehen haben konnte.
Olivia machte sich schnell zurecht. Dann musste sie mit den anderen auf die Bühne: Vorstellung, Choreografie, Interview und alles unter tosendem Applaus und Jubel der Fans. Und dann die Verkündung der Siegerin, die Nennung ihres Namens. Sie konnte es nicht fassen, begriff nicht, was mit ihr geschehen war. Dann das Blitzlichtgewitter der Fotografen, sie zuckte mit den Augen, zwang sich zu einem Lächeln, sah ihre Freunde, sie lachten und winkten und sie winkte zurück. Sie suchte Paul und entdeckte ihn schließlich. Er stand nachdenklich vor der Bühne.
Der Besitzer der Diskothek kam auf sie zu und überreichte ihr und den anderen Gewinnerinnen ihre Preise. Natürlich wieder unter Jubel und Applaus der Fans. Dann nahm er Olivia in den Arm und küsste sie auf die Wange. „Du hast verdient gewonnen!“, meinte er anerkennend. „Und ich glaube, du wirst deinen Weg als Model machen. Ich mache das nicht zum ersten Mal und kenne mich aus. Du wirkst einfach extrem frisch! Such dir eine gute Agentur und du wirst Erfolg haben, glaub mir!“
„Das werde ich!“, versicherte sie und dachte an den Model-Scout.
Sie konnte sich aber nicht wirklich freuen. Sie sah nur Paul, der nachdenklich und mit ernstem Gesicht an der Bühne stand.
3
„Was ist denn jetzt schon wieder los? Wo rennst du denn jetzt schon wieder hin?“, rief Paul überrascht aus, richtete sich in Olivias Bett auf und sah ihr nach wie sie aus dem Schlafzimmer in ihr Wohnzimmer stürzte.
„Eine Mail ist gekommen, hast du das nicht gehört?“
Paul verzog die Miene und schüttelte verständnislos den Kopf.
Sie hatten einen schönen Sonntagnachmittag verbracht, waren in der Sonne an der Themse entlangspaziert, hatten in einem kleinen Café gesessen und sich unterhalten und Pläne geschmiedet. Als es Abend geworden war, waren sie in Olivias Wohnung gegangen und hatten auf dem Sofa bei einer Tasse Tee geschmust. Dann hatte Paul sie auf die Arme genommen, hatte sie in ihr Schlafzimmer getragen und begonnen, sie auszuziehen. Plötzlich war sie dann aufgesprungen und an ihren Laptop gelaufen. Paul stand aus dem Bett auf und folgte ihr ins Wohnzimmer.
„Das ist ja ein Kompliment für mich: Die Frauen fliehen vor mir!“
Olivia winkte ab. „Ach rede keinen Unsinn! Du bist der Beste von allen, o.k.?“
Paul runzelte die Stirn. „Warum rennst du dann davon, wenn ich so unwiderstehlich bin?“
Sie starrte eine Weile gebannt und wie elektrisiert auf den Monitor ihres Laptops, schwieg, ignorierte ihn völlig, dann plötzlich sackte sie in sich zusammen, legte ihren Kopf in die Arme und schluchzte, ohne zu weinen. „Oh nein, das kann doch nicht wahr sein!“
Paul trat schnell zu ihr hin und nahm sie besorgt in den Arm. „Was ist denn, Liebstes?“
Sie schüttelte den Kopf und zeigte sprachlos auf den Laptop, in dem ihr E-Mail-Center aufgeschlagen war. „Eine Weinwerbung!“
Er blickte abwechselnd auf ihr E-Mail-Center und dann auf sie und verstand immer noch nichts. „Nun gut! Du trinkst keinen Wein. Aber so schlimm ist das doch auch nicht!“
Sie sah ihn kopfschüttelnd an. „Begreifst du denn gar nichts, du Idiot! Ich warte auf eine Mail von der Modelagentur, die mir sagt, ob und wann ich zu einem Casting oder zur Vorstellung kommen soll!“
Sie bemerkte, wie Paul bei dem Wort „Idiot“ zusammengezuckt war und besann sich. „Entschuldige, ich wollte dich nicht beleidigen!“ Sie streichelte ihm übers Haar. „Aber du begreifst gar nicht, was gerade in mir vorgeht!“
Er hatte ihr schon verziehen und sah sie stirnrunzelnd an.
Sie sah ihn an, erkannte, dass er tatsächlich nichts begriff oder ihre Sehnsüchte noch nicht realisiert hatte, sie vielleicht nicht ernst genommen hatte und sprudelte schließlich los. „Ich warte auf die Einladung von der Agentur des Modelscouts, der mich angesprochen hat, du erinnerst dich, ich warte darauf, dass sie mich zu einer Vorstellung einladen, verstehst du, egal wann, völlig egal, nur eingeladen werden, eingeladen werden zur Vorstellung, denn wenn das geschieht, glaube mir, wenn das geschieht, dann werde ich es schaffen, diese Gelegenheit lasse ich mir nicht entgehen, eine solche Gelegenheit werde ich mir nicht entgehen lassen, das schwöre ich bei Gott!“
Sie machte eine Pause und schnappte nach Luft.
„Wow!“, grinste Paul. „So viel an einem Stück habe ich dich noch nie reden hören!“
Sie blickte ihn nachdenklich an und ihr wurde klar, dass er immer noch nichts begriff, dass sie emotional auf ganz unterschiedlicher Wellenlänge waren. „Ich weiß nicht, ob du mich wirklich verstehst. Ich glaube, du verstehst mich nicht, Paul.“
Er drehte abwartend den Kopf. „Erklär es mir!“, meinte er immer noch lächelnd.
Sie machte eine Pause und überlegte, wie sie es ihm klarmachen konnte, ohne ihn zu verletzen. „Das ist mein Traum, Paul!“
„Dein Traum?“
„Ja, ja, ja, es ist mein Traum!“, antwortete sie leidenschaftlich und wie aus der Pistole geschossen und zwang sich, wieder langsam zu sprechen. „Das ist mein Traum!“
„Was denn bitte genau!“, schmunzelte er und streichelte sie zärtlich.
„Ich will Model werden, Paul. Ich will in diesem Leben nichts Anderes mehr, als ein Model zu werden. Das ist mein absoluter Lebenstraum.“
Er lachte. „Sei nicht kindisch! Das ist sicher ein interessanter Beruf, aber doch kein Traum!“
„Es ist mein Traum, Paul, mein einziger Lebenstraum!“
„Sag nicht so was, Olivia!“, bat er sie nun ernst. „Du weißt, dass ich andere Träume habe, Träume, von denen ich dachte, dass sie auch deine sind, echte Träume.“
„Ach und du entscheidest, was ein echter und ein unechter Traum ist!“
„Lass doch die Haarspalterei!“
„Das ist keine Haarspalterei! Das ist eine ernste Sache, Paul!“
Er erhob sich von der Stuhllehne und stellte sich vor ihr auf. „Ich dachte, wir hätten andere Träume. Du hast doch immer zugestimmt, wenn ich davon gesprochen habe, dass wir uns eine Farm kaufen und auf dem Land selbstständig machen wollten. Du hast mir immer das Gefühl gegeben, dass dir das auch das Wichtigste ist.“
Sie sah ihn mit ernstem Gesicht an. „Das war es auch, Paul. Aber jetzt habe ich etwas Neues gefunden, das mir im Augenblick jedenfalls wichtiger ist!“
Er blickte enttäuscht zu Boden. „Und ich? Bin ich für dich auch nicht mehr am Wichtigsten?“
Sie stand auf, ging zu ihm hin und streichelte seine Haare! „Du bist der Wichtigste und wirst es immer bleiben!“, versuchte sie ihn zu trösten.
„Wenn`s wahr ist!“
Sie umarmte ihn und sah ihm tief in die Augen. „Dummkopf!“, hauchte sie und küsste ihn.
Dann zuckte sie zusammen. Eine neue E-Mail war gekommen. Sie ließ ihn los und setzte sich wieder vor ihren Laptop. „Ach verdammt, bloß eine Mitteilung von meiner Versicherung!“, seufzte sie enttäuscht.
Sie bemerkte gar nicht, wie er sich anzog.
„Ich glaube, ich sollte denen nicht nur meine E-Mail-Adresse schicken!“, überlegte Olivia. „Ich schicke denen auch noch ein Foto von mir. Vielleicht werden sie dann auf mich aufmerksam!“ Sie öffnete einen Ordner auf ihrem PC, der nur Fotos von ihr enthielt.
„Mmmhh? Welches nehm ich nur. Es muss schließlich einschlagen!“
Sie hatte keinen Blick mehr für ihn. Da ging er.
4
„Was soll das denn? Ich dachte, wir gehen schick essen und dann noch ins Kino?“, meinte Paul verdutzt.
Er wollte Olivia wie besprochen abholen und schön ausführen, weil er eine Lohnerhöhung bekommen hatte. Doch dann kam alles anders, Olivia hatte plötzlich andere Pläne.
„Stell dir vor, was passiert ist!“, rief sie begeistert und zerrte ihn in ihre Wohnung. „Stell dir nur vor, was passiert ist!“
Er hatte zunächst das Schlimmste befürchtet, spürte aber gleich die freudige Erregung Olivias und freute sich sofort mit ihr, ohne eine Ahnung davon zu haben, was geschehen sein könnte. „Hast du den Jackpot gewonnen?“, fragte er scherzhaft.
„Besser, viel besser!“, jubelte sie. Sie zog ihn durch die ganze Wohnung bis zu ihrem Schreibtisch. „Stell dir vor, die Modelagentur hat mich zu einem Casting eingeladen!“ Sie zeigte auf ihr E-Mail-Center in ihrem Laptop.
Paul verzog die Miene und sah sie kritisch an. „Das schicken die bestimmt an alle, die sie anquatschen!“, sagte er ärgerlich.
„Freust du dich denn nicht?“
Er sah sie nachdenklich an. „Ich weiß nicht, ich weiß nicht, ob das das Richtige ist!“
Olivia sah ihn einen Augenblick verärgert an. Dann hatte sie die Begeisterung wieder gepackt. „Das ist sicher das Richtige, Paul! Das ist mein Lebenstraum, begreif doch!“
Er sah sie immer noch kritisch an, aber sie war nicht mehr zu bremsen. „Sieh nur, hier wird genau gesagt, was mit mir gemacht wird: Ich kann bei einem Casting teilnehmen. Und sie nehmen meine Maße, machen Fotos von mir, erstellen eine Sedcard und nehmen mich in ihre Kartei auf.“
„Toll!“, meinte er ärgerlich.
„Und dann haben sie mir hier eine Liste mit Verhaltensweisen mitschickt, mit denen man sein Aussehen verbessert, vor allem Ernährungshinweise, damit man abnimmt!“
„Du musst nicht abnehmen, Olivia, du hast eine tolle Figur!“ Er lehnte sich von hinten an sie und ergriff ihre Brüste. „Du hast alles, was man braucht. Alles ist so, wie es sein soll!“
„Nicht, wenn man ein Model sein will. Du weißt, dass ich zu dick und zu muskulös bin. Ich muss dringend abnehmen!“
Er schüttelte den Kopf. „Findest du nicht, dass du übertreibst. Du sitzt ständig über Modezeitschriften und analysierst die Models, du isst nur noch Salat, du joggst, bis dir schwindelig wird, du bist ständig auf der Waage oder vor dem Spiegel, ist das nicht alles hoffnungslos übertrieben?“
Sie sah ihn verständnislos und immer wütender an. „Du begreifst einfach nicht, dass es mir wirklich wichtig ist mit dem Modeln. Es ist mein Lebenstraum, Paul. Und wenn du mich wirklich liebst, dann verstehst du mich endlich und unterstützt mich mit all deiner Kraft!“
Er biss sich auf die Lippen, damit er nichts Falsches sagte. Er überlegte, was er tun sollte. „Also gut!“, meinte er schließlich. „Ich hab´s verstanden! Ich verspreche dir, dass ich dich mit all meiner Kraft unterstützen werde. Ich liebe dich schließlich!“
Sie sah ihn aus strahlenden Augen an und küsste ihn leidenschaftlich. „Danke Paul, danke, danke, danke!“ Sie tanzte im Wohnzimmer herum und er betrachtete sie lächelnd.
„Können wir jetzt endlich gehen?“
Sie hielt inne und sah ihn an. „Wohin?“
„Wohin?“ Er stutzte. „Wir sind zum Essen verabredet. Ich habe einen Platz bei unserem Lieblingsgriechen bestellt!“
Sie schien aus allen Wolken zu fallen. Dann schüttelte sie ungläubig den Kopf. „Das kann doch nicht wahr sein!“, begann sie. „Wenn es nicht so lächerlich wäre, könnte ich total verärgert sein!“
Er stutzte wieder.
„Ich muss abnehmen, Paul! Ich muss dringend und schnell einige Kilos abnehmen. Und zwar jetzt, jetzt, jetzt, wenn ich die Chance auf eine Modelkarriere haben will! Begreifst du das denn nicht, verdammt noch mal!“
Er war überrascht von der Heftigkeit und Erregung, mit der sie ihn anging. Er dachte angestrengt über das nAch was sie ihm zu erklären versuchte. Er stand verdutzt vor ihr und überlegte. „Und was, was heißt das nun für heute Abend?“
Sie klopfte ihm mit der Faust leicht an seinen Kopf. „Das heißt, dass wir hier zuhause essen. Ich habe einen schönen Salat vorbereitet. Danach können wir dann noch ins Kino gehen, aber nirgendwohin, wo man etwas zu essen bekommt. Ich will den Abend dafür nutzen, keine weiteren Kalorien mehr zu mir zu nehmen. Dann habe ich morgen früh ein Pfund weniger!“
Er schüttelte verständnislos den Kopf und verzog die Miene, als er den Salat auf dem Esstisch sah. „Und den Tisch beim Lieblingsgriechen?“
„Sagst du einfach ab, mein Lieber! Sag ihn einfach ab!“
5
Olivia huschte die U-Bahn-Treppe hoch, blieb kurz stehen, um sich der Adresse zu vergewissern, entdeckte Straßennamen und Hausnummer, zeigte dann für sich selbst mit dem Finger den richtigen Weg, spurtete über eine schmale Straße, um dem Regen zu entkommen und stand vor dem Haus, in dem sich die Agentur befand. Sie blieb vor einer großen Leuchtreklame stehen, auf der der Name der Agentur vorüberlief. „New Models“ las sie.
Dann trat sie ein und fuhr mit dem Fahrstuhl in die oberste Etage. Die Glastür zur Agentur öffnete sich automatisch, als Olivia an sie herantrat. Sie ging hinein, blieb stehen und sah sich gespannt um.
„Wow!“, murmelte sie begeistert.
Im gleichen Augenblick erfasste sie das Gefühl puren Lebens, denn sie wurde eingehüllt in ein Durcheinander aus Stimmen, Geräuschen und die Bewegungen hektisch herum laufender Menschen. Der Kopf schwirrte ihr von so viel Chaos, aber sie wurde von einer nie gekannten Euphorie erfasst.
„Wow!“, entfuhr es Olivia wieder.
Die Agentur bestand aus einem großen Empfangsraum, in deren Mitte eine riesige, weiße Ledersitzgruppe stand, auf der mehrere umwerfend gut aussehende und besonders dünne Mädchen saßen und darauf warteten, dass sie für das Fotoshooting aufgerufen wurden. Der Raum war überfüllt mit Mädchen, die sich um die riesige, weiße Polsterecke drängten, sie saßen sogar auf den Lehnen oder auf dem Boden, viele lehnten an den Wänden. Alle sahen so gut aus, dass Olivia wie immer sofort an sich zu zweifeln begann.
„Wow!“, meinte sie wieder.
Aber dann schüttelte sie sich wie immer und sagte sich, dass sie es schon schaffen würde.
Vom Empfangsraum aus gingen einige Türen in verschiedene andere Zimmer, an denen Schilder hingen, auf denen Begriffe wie „Visagistin“, „Hairstylist“ und „Fotoshooting“ , „Maße“ sowie „Archiv“ standen. An der Türe des einen Raums hing ein Schild mit der Aufschrift „Sedcards“ an einer anderen Türe das Schild „Chefin“, an einer „Booker“.
„Irre!“, flüsterte sie vor sich hin und blieb mit offenem Mund stehen.
Nachdem sich Olivia orientiert hatte, bewegte sie sich in Richtung einer Theke hinter der Sofaecke und vor den anderen Räumen, auf der auf einem Messingschild „Anmeldung“ stand. Sie steuerte darauf zu, blieb aber dann an den Headsheets der Models, also der Bildergalerie der Mädchen, die für die Agentur schon gearbeitet hatten, stehen.
„Wow!“, entfuhr es ihr wieder. „Die sind hier alle unter Vertrag!“ Sie erkannte viele Mädchen, die sie schon in den verschiedensten Zeitschriften gesehen hatte. „Wow!“, überlegte sie. „Wenn man es hier schafft, dann hat man es wohl geschafft!“
Olivia wollte weiter zur Anmeldung, wurde dann jedoch wieder von den Eindrücken so ergriffen, dass sie erneut wie eine Statue da stand und in den Raum starrte, in dem so viel Leben war, wie sie es noch nie erlebt hatte.
„Hi!“, meinte jemand hinter ihr und sie fuhr herum. Ein gut aussehender, großer, schlanker und blonder Mann strahlte sie mit breitem Lächeln an.
„Ha, hallo!“, antwortete Olivia überrascht.
„Ich bin Kevin, der Executive Assistent der Agentur.“ Er grinste über beide Backen. „Das heißt nichts weiter, als das Mädchen-für-Alles .“ Er grinste noch mehr.
„Gut zu wissen!“, entfuhr es ihr.
„Es gibt hier eine ganze Menge zu wissen, das ist sicher!“
Sie nickte erschrocken. Sie atmete tief durch. „Hoffentlich kapier ich das alles!“, dachte sie unsicher wie ein kleines Kind.
„Aufgeregt?“
„Äh, äh … “, stammelte Olivia.
„Wohl sehr aufgeregt!“
Sie nickte nur.
„Brauchst du nicht!“ Er legte beruhigend seine Hand auf ihre Schulter. „Das schaffst du schon.“
Sie blickte ihn dankbar an.
„Du hast dich wohl für das Casting gemeldet?“
„Ich wurde eingeladen!“, betonte Olivia.
„So, so!“, meinte er spöttisch. „Und hast du auch schon eine Sedcard?“
„Leider noch nicht!“
„Na dann, dalli, dalli!“, schmunzelte Kevin.
„Ich mach ja schon!“
Sie grinsten um die Wette.
„Am besten du meldest dich zuerst für das Casting an und verwendest die Fotos dann für deine Sedcard. Da schlägst du zwei Fliegen mit einer Klappe.“
„Gute Idee!“
„Ich habe nur gute Ideen!“
„Angeber!“
„Stimmt!“, meinte er und hob entschuldigend die Hände.
Sie grinste ihn strahlend an. Da merkte sie, dass sie mit ihm flirtete, musste an Paul denken, tat einen Schritt zurück und versuchte, sachlich zu werden.
Er musterte sie. „Du hast übrigens gute Chancen, unser Fitness-Girl zu werden!“
„Ehrlich?“ Sie hing schon wieder an seinen Lippen und strahlte ihn an.
Er nickte, um sein Urteil zu bestätigen. „Du bist nicht so ganz hager, sondern hast auch ein bisschen Muskelmasse. Na ja, wir werden sehen.“ Er begutachtete sie von oben bis unten.
„Toll!“, dachte sie. „Ich werde das Fitness-Girl!“
„Wenn du mal was brauchst, wende dich ruhig an mich.“
„Mach ich!“ Sie spürte, dass sie ihn schon wieder anstrahlte, er sagte aber auch lauter Sachen, die sie glücklich machten, da war ihr Paul egal. Es ging ja schließlich hier nur ums Business.
„Da drüben ist unsere Anmeldung. Setz dich aber erst zu den anderen Girls und hör zu, was ich zum Casting zu sagen habe. Es geht gleich los!“
Olivia nickte und stolperte durch den Raum zu einer Fensterbank, wo sie sich zwischen zwei Mädchen drängte, die ihr giftige Blicke zuwarfen.
Immer wieder öffnete sich die Tür der Agentur und neue Mädchen strömten herein, eines schöner als das andere. Olivia wurde immer kleiner und unsicherer. Die Mädchen erschienen ihr alle so schön wie Prinzessinnen und alle wirkten selbstsicherer als sie. Einen Augenblick überlegte sie, wie immer, ob sie nicht lieber gehen sollte, aber in diesem Moment trat Kevin in den Mittelpunkt des Raumes und klatschte laut in die Hände.
„Zuhören, Ladies!“, rief er mit lauter Stimme. „Ich habe einige Infos zum Casting für euch!“
Im Nu war es totenstill im Raum.
„Ich habe hier die Casting-Sheets für unser Casting zum Fitness-Girl!“ Er wedelte mit einem Stapel Zettel in der Luft herum und die Blicke der Mädchen richteten sich sehnsüchtig auf sie. „Den muss jede von euch genau ausfüllen.“
Die Mädchen gierten mit ihren Blicken nach den Zetteln. Einige drängten sich heran und wollten schon einen nehmen.
Kevin trat einen Schritt zurück und wehrte sie mit der Hand ab. „Wenn ihr ihn ausgefüllt habt, geht ihr zur Anmeldung! Die ist dort drüben!“, fuhr er fort.
Die Köpfe der Mädchen flogen wieder in die Richtung, in die Kevin zeigte.
„Hinter dem Schreibtisch sitzt Pauline.“
Pauline winkte zu den Mädchen herüber.
„Ihr gebt euren Casting-Bogen bei ihr ab. Dann erhaltet ihr die Nummer. Diese Nummern werden der Reihe nach aufgerufen und bestimmen die Reihenfolge, wie ihr drankommt.“
Kevin machte eine kleine Pause, um sicherzustellen, dass das alle verstanden hatten.
„Das Casting findet in dem Raum mit der Aufschrift „Fotoshooting“ statt!“
Man spürte, dass die Mädchen am liebsten so schnell wie möglich dahin gestürzt wären.
„Aber immer der Reihe nach!“, hielt sie Kevin davor zurück. „Zuerst werdet ihr vermessen!“, grinste er und zeigte auf das Zimmer mit der entsprechenden Aufschrift. „Einfach anklopfen und eintreten!“
Die Mädchen folgten seinem Zeigefinger mit der Hand.
„Danach müsst ihr in den Raum dort drüben zu Allesandro, dem Mann, der bereits mit Kamm und Föhn bereit steht. Er ist unser Hairstylist. Er heißt gar nicht Allesandro, aber er will, dass ihn alle so nennen. Also nennt ihn so, wenn ihr eine tolle Frisur wollt!“
Er lachte und die Mädchen lachten sicherheitshalber ebenfalls über seinen Witz.
„Danach geht´s ins Zimmer daneben zu Angie. Sie ist unsere Visagistin und richtet euch für die Fotos her.“
Die Köpfe der Mädchen fuhren in ihre Richtung und Angie winkte.
„Dann geht´s weiter zu Mario.“
Kevin zeigte auf einen Mann mittleren Alters, der lässig im Türrahmen zu einem Nebenzimmer lehnte und sich die Fingernägel zu säubern schien. Er sah nicht auf, als ihn die Mädchen betrachteten.
„Er organisiert alles um die Aufnahmen herum, die dort in dem Zimmer stattfinden. In dem Zimmer wartet unser Kamerateam auf euch, unser Fotograf, unser Beleuchter und unser Requisiteur. Dort entstehen eure Fotos.“
Er machte wieder eine Pause und wartete auf Fragen.
„Im Grunde müsst ihr euch nur von einem Zimmer ins andere hangeln. Den Rest machen wir!“ Er strahlte. „Fragen?“
Die Mädchen strahlten wieder sicherheitshalber zurück. Aber niemand sagte etwas, weil alle so schnell wie möglich Fotos machen wollten.
„Wenn eure Fotos im Kasten sind, könnt ihr nach Hause gehen. Wir fügen sie eurer Datei bei. Der Kunde, für den wir sie anfertigen, sieht sich dann alle an und sucht das Fitness-Girl aus. Die Siegerin bekommt Nachricht von uns und nur sie. Wenn ihr in den nächsten zwei Wochen keine Nachricht bekommt, dann hat es leider nicht geklappt. Alles klar?“
Die Mädchen nickten.
„So und nun sollte es losgehen – aber zuhören, noch etwas!“
Dieses Mal stöhnten die Mädchen laut auf, denn sie wollten endlich die Anmeldeformulare.
„Letzter Hinweis, ich versprech es!“, versuchte Kevin die Mädchen zu beruhigen.
Wieder wurde es totenstill.
„Wer eine Kopie seiner Sedcard dabei hat, gibt sie beim Casting ab. Ihr wisst, dass wir von euch auch Dateikarten anlegen, auf die wir für andere Projekte zurückgreifen.“ Kevin machte wieder eine Pause, damit Ruhe einkehren sollte. Dann fuhr er fort. „Wer noch keine Sedcard hat, geht im Anschluss an das Casting in das Zimmer mit der Aufschrift Sedcard und lässt sich dann da mit den Fotos vom Casting oder mit mitgebrachten Fotos eine Sedcard erstellen.“
„Weiß ich doch schon!“, meinte Olivia besserwisserisch und einige der anderen Mädchen sahen sie misstrauisch an wegen ihres Wissensvorsprungs.
„Ein Rat von mir!“ Kevin grinste die Mädchen frech an. „Nehmt lieber die von uns. Unser Fotograf ist besser als euer Freund, glaubt mir!“
„Mach ich ja, mach ich ja!“, murmelte Olivia zu sich selbst.
„Und noch ein Tipp!“
„Oh nein!“ Die Mädchen schrien vor Aufregung auf.
„Ihr kommt alle dran, also stürzt euch nicht wie verdurstete Rinder zum Wasser. Hier sind die …!“
Kevins Worte waren sinnlos und gingen im tosenden Ansturm der Mädchen auf die Casting-Sheets unter. Kevin war kaum noch zu sehen, so wild stürmten die Mädchen auf ihn ein. Er hatte Mühe, sein Gleichgewicht zu halten.
Olivia staunte mit offenem Mund über das Gedränge und ärgerte sich, dass sie wieder nicht schnell genug war und gleich darauf am Ende der Reihe stand. „Verdammt, ich bin vielleicht eine Schlafmütze!“
Ein Mädchen neben ihr hatte ihre Worte gehört. „Bist wohl zum ersten Mal da?“
Olivia nickte.
„Ich heiße Jenny!“
„Olivia!“
„Erwarte nicht zu viel!“, meinte Jenny. „Es ist nicht alles Gold, was glänzt!“
„Wie meinst du das?“
„Es sind ungefähr 50 Mädchen hier und nur eine kann das Fitness-Model werden. Die Chancen zu gewinnen sind gering. Ich war schon oft da und es hat nie geklappt. Sei nicht traurig, wenn du nicht gewinnst, das wollte ich sagen!“
„Danke!“
Die Sheets wurden Kevin förmlich aus den Händen gerissen. Er wich dem Ansturm der Mädchen mit geschickten Bewegungen aus, um nicht erdrückt zu werden. „Keine Angst, keine Angst, jede von euch bekommt einen Zettel. Wenn die Zettel nicht reichen, dann kopiere ich noch welche nach!“
Die Mädchen atmeten auf.
„Falls der Kopierer nicht kaputt ist!“
Die Mädchen stöhnten entsetzt auf und stürmten wieder auf ihn ein.
Olivia und Jenny kamen erst ziemlich am Schluss an die Zettel. Olivia bemerkte, dass sie keinen Stift dabei hatte und ärgerte sich über sich selbst. Sie sah ein Mädchen fragend an, das ihren Zettel ausfüllte.
„Vergiss es!“, meinte die und wandte sich ab.
„Kannst meinen haben, wenn ich fertig bin!“, versprach Jenny.
„Danke!“
Nachdem Jenny fertig war, füllte Olivia noch ihr Casting-Sheet aus. Sie war überrascht über die vielen Details, die anzugeben waren. Größe, Körpergewicht, Konfektionsgröße, BH, Schuhgröße, Kopfweite, Narben, Piercings, Tattoos, Kameraerfahrung, Führerschein, Teilnahmeerlaubnis der Eltern bei Minderjährigen. Einige Eingabefelder musste Olivia leer lassen.
„Weiß ich auch nicht!“, kicherte Jenny und zeigte auf leere Zeilen in ihrem Sheet.
„Hoffentlich schmälert das nicht unsere Chancen.“
„Wenn schon!“ Jenny zuckte mit den Schultern. „Dann klappt es halt beim nächsten Mal.“
Olivia sah sie überrascht an.
„Wir sind leider die letzten!“
Jenny zuckte die Achseln. „Wenn schon, alle kommen dran!“
„Ja, aber ich habe mich mit Paul, das ist mein Freund, zum Essen verabredet!“
„Tja, das wird wohl nicht klappen!“ Jenny zeigte auf die Schlange vor der Anmeldung.
Olivia nickte. Sie kramte ihr Handy heraus und sendete die SMS an Paul. „Er wird enttäuscht sein!“
„Glaub mir, wenn du in diesem Business erfolgreich sein wirst, dann wird er sehr oft enttäuscht sein!“
Olivia sah auf und schaute nachdenklich drein.
6
„Name?“, fragte Pauline routinemäßig, als Olivia schließlich an der Reihe war.
Sie nannte ihren Namen. „Ich bin eingeladen worden!“, meinte sie bedeutungsvoll. Sie legte das Schreiben auf die Theke.
Das Girl von der Anmeldung beachtete die Einladung gar nicht. „Was meinst du, wie viele Mädchen hier täglich auftauchen, die eingeladen wurden.“
„So?“, fragte Olivia ein bisschen enttäuscht.
Das Empfangsgirl bemerkte es. „Sedcard hast du wohl noch nicht?“
„Die mache ich hier beim Casting!“ Olivia schwenkte begeistert ihren Anmeldebogen. „Meinen Sie, ich habe gute Chancen?“
„Sicher!“ Pauline verzog die Miene ohne sie anzusehen, nahm eine Nummer und schüttelte den Kopf. „Die Hoffnung stirbt zuletzt!“, fuhr sie noch fort.
Olivia verstand sie und versuchte, sich zu beruhigen.
„Nun bist du so ziemlich die letzte. Da musst du halt warten. Hier hast du deine Nummer!“ Sie gab Olivia die Nummer. „Setz dich zu den anderen Mädchen und warte, bis du aufgerufen wirst.“
Olivia drehte sich um und betrachtete nochmals die anderen Mädchen. Hier saßen wirklich sehr viele Mädchen herum. Sie ging zur Sitzecke, um Platz zu nehmen, aber die Girls rutschten nicht zusammen und so musste sie stehen.
„Sehr nett!“
Als ein Platz frei wurde, stürzte sie sich auf das Sofa, weil ihr schon die Beine wehtaten.
„Pass doch auf, du Trampel!“, schnauzte sie ein Mädchen an, das sie aus Versehen beim Setzen berührt hatte.
„Tschuldigung!“, rutschte es ihr heraus und sie ärgerte sich im gleichen Moment über die aggressive Art des Mädchens und dafür, dass sie sich bei dieser Zicke entschuldigt hatte.
Auch hier musste sie noch lange warten. Sie überlegte, wer alles vor ihr war und achtete genau darauf, wer nach ihr gekommen war, da immer noch weitere Mädchen in die Agentur strömten. Tatsächlich wurde jedoch ganz gerecht die Reihenfolge der Nummern beachtet.
„Was glotzte denn so blöde?“, fragte sie ein Mädchen.
Tatsächlich hatte Olivia das Mädchen gemustert, aber das taten alle hier. Die Girls betrachteten alle ihre Konkurrentinnen mit neidischen Blicken.
Olivia schwieg und versuchte, irgendwo anders hinzuschauen, als auf die Mädchen, aber es gelang ihr nicht. Es war total interessant, die vielen verschiedenen Typen zu vergleichen und schließlich machten das auch die anderen, rechtfertigte sich Olivia vor sich selbst.
Endlich wurde ihre Nummer aufgerufen.
„Na endlich!“, entfuhr es ihr.
Das Empfangsgirl warf ihr einen unfreundlichen Blick zu. Olivia biss sich auf die Lippe.
Pauline zeigte ihr, wohin sie gehen sollte. „Hier hinein, zum Maße nehmen!“
Olivia ging in das Zimmer und wurde von oben bis unten von einer schicken Dame im Minirock vermessen. „Ein bisschen zu dick!“, meinte die Frau, die sie unter die Lupe nahm. „Du solltest einige Kilos abnehmen, sonst hast du keine Chance!“
Olivia verzog verlegen die Miene. „Geh jetzt zum Hairstylisten!“, meinte die Frau.
„O.K.!“ Olivia ging in das Zimmer.
Der Hairstylist strich ihre Haare zurecht und befestigte es mit Spray. „Gelungen!“, meinte er schließlich zufrieden und schickte sie zur Visagistin.
„Schönes Gesicht!“, meinte diese bewundernd. Dann richtete sie ihr das Make-up und schickte sie in das Fotozimmer.
„Komm schon, komm schon!“ Der Fotograf packte sie am Arm und zerrte sie auf eine Bank. Dort musste sie verschiedene Posen einnehmen und der Fotograf schoss unaufhörlich ein Bild nach dem anderen.
„Ein bisschen mehr Leidenschaft, mehr Ausdruck!“, rief er ihr geschäftig zu. „Du willst doch auf dich aufmerksam machen. Bisher können wir noch kein einziges Foto für die Kampagne gebrauchen!“, meinte er, obwohl er schon eine ganze Reihe von Fotos geschossen hatte.
„Drama, Baby, Drama!“, rief er ihr zu. „Mehr Action! Du willst doch unvergleichlich sein!“
Er gab ihr weitere Anweisungen, was sie zu tun hatte und sie versuchte, alles so gut wie möglich umzusetzen, befolgte seine Befehle, verzog ihre Miene und verbog ihren Körper.
„Schon besser, Baby!“, rief er etwas freundlicher. „Aber es fehlt dir noch der X-Faktor!“
„X-Faktor?“
„Das besondere Etwas, Baby! Der Grund, warum man dich buchen sollte und nicht die anderen Girls!“
Sie gab ihr Bestes.
„Noch besser, ja, ja, jetzt hast du es!“ Er fotografierte unaufhörlich. „Hätte ich nicht gedacht, dass das noch was wird.“
Sein Lob freute sie so sehr, dass sie ganz aus sich herausging.
„Klasse, klasse, fuck, das ist Klasse!“, rief er fast schon enthusiastisch und fotografierte weiter.
Jetzt ließ sie sich ganz unter seinen freudigen Rufen der Bewunderung gehen.
„Es reicht!“, meinte er schließlich. „Wir haben genug!“
Sie fiel zufrieden in sich zusammen.
Der Fotograf schickte sie in den Raum mit der Aufschrift „Sedcards“.
