Hillarys Stern - Gerhard Wolff - E-Book

Hillarys Stern E-Book

Gerhard Wolff

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Beschreibung

Hillarys Traum ist es Kinderbuchzeichnerin zu werden, da sie sehr gut zeichnen und malen kann und so Geschichten erzählen will. Aber ihre Umwelt hält ihren Traum für brotlose Kunst und eine nutzlose Begabung. So wird Hillary immer wieder daran gehindert, ihrem Stern zu folgen. Bis zu einem bestimmten Nachtspaziergang. Danach weiß Hillary, was sie will.

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Seitenzahl: 193

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Gerhard Wolff

Hillarys Stern

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Die Irrungen

Der Stern

Impressum neobooks

Die Irrungen

Hillarys Stern

Roman von G. J. Wolff

Reihe Philosophico

Urheberrechtlich geschütztes Material

Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutsche Nationalbibliographie,

detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über epubli.de abrufbar.

© 2017

Gerhard Wolff,

[email protected]

Herstellung und Verlag: epubli.de

Titelfoto: Brice Portolano

Gewidmet der Kinderbuchautorin

Hillary Robinson

Träume

1

Die ersten warmen Strahlen der Frühlingssonne fielen mild durch die Scheiben und verwandelten das Klassenzimmer in einen sonnendurchfluteten Raum. Da es bereits die letzte Unterrichtsstunde und also fast Mittag war, dösten einige Kinder schon vor sich hin. Die Schüler der sechsten Klasse hatten Kunstunterricht, ihre Pinsel fuhren immer träger über den Zeichenblock, manche starrten zum Fenster hinaus, die Klasse war von der geleisteten Arbeit müde.

Auch Mrs Robinson war müde. Sie drohte am Pult einzuschlafen. Als es ihr auffiel, raffte sie sich auf, stand auf und stellte sich vor die Klasse hin. „Die Stunde wird gleich zu Ende sein und wir werden gleich aufräumen müssen. Deshalb bitte ich euch jetzt, nochmals schnell im Kreis zusammen zu kommen, damit ihr eure Werke zeigen und wir sie besprechen können!“

Die Schüler hörten mit dem Malen auf, packten in der einen Hand ihren Block und ergriffen mit der anderen ihren Stuhl. Gleich darauf saßen sie im Sitzkreis und auch Mrs Robinson hatte sich mit ihrem Stuhl dazugesetzt. Nun zeigten die Kinder ihre Bilder, das Thema hieß „Mein Frühlingserlebnis“, und sie erklärten ihre Kompositionen.

Schließlich kam ein Mädchen namens Hillary an die Reihe. „Mein Bild heißt: „Der Frühling macht die Herzen warm“!“, meinte sie und hielt ihr Bild hoch.

Mrs Robinson zog die Augenbrauen hoch, als sie Hillarys Bild sah und auch die anderen Kinder sahen auf, ihre Müdigkeit war im Nu verflogen.

Hillarys Bild unterschied sich von den Bildern der anderen Schüler, das fiel allen auf. Nicht nur, dass es viel sauberer und ordentlicher gemalt war, nicht nur, dass es eine viel interessantere Komposition hatte, nein, es stellte nicht nur einen Aspekt des Frühlings dar, wie bei ihren Mitschülern, einen bekannten Aspekt des Frühlings eben, Blumen, eine Wiese, blühende Büsche, Bäume oder Bienen und Vögel. Nein, Hillarys Bild erzählte Geschichten. Und es war Geschichten der Freude, der Lebensfreude, der Liebe zum Leben. Die Klasse und Mrs Robinson starrten auf Hillarys Bild und betrachteten es interessiert.

„Was, was geschieht denn da alles?“, wollte plötzlich ein Mädchen wissen.

„Ja, ja, erzähl uns, was da passiert!“, forderte sie Mrs Robinson spontan auf und bemerkte an sich ein Gefühl, das sie und auch die Schüler stets bei Hillarys Bildern empfanden, Begeisterung, es war Begeisterung.

„Also, in meinem Bild, da zeige ich die verschiedensten Menschen und alle werden durch den Frühling glücklich gemacht!“, begann Hillary. Nun fuhr sie mit ihrem Finger über das Bild und erläuterte die einzelnen Situationen. „Der Frühling ist die Zeit des Aufbruchs, der Wärme, der Hoffnung!“, meinte sie schließlich. „Der Frühling macht die Menschen nicht nur glücklich, weil er die Pflanzen erblühen lässt. Er lässt auch die Menschen erblühen. Nach dem kalten Winter gibt er ihnen die Wärme zurück, auch die Wärme in ihren Herzen. Und nun sind sie wieder da, ihre Gefühle und machen alle glücklich.“

Mrs Robinson saß sprachlos da. Die Kinder saßen sprachlos da. Aber alle verstanden, was Hillary meinte. Sie sahen bewundernd zu Hillary, obwohl sie es inzwischen gewohnt waren, von ihren Bildern verzaubert zu werden. Aber sie bemerkten es nicht bewusst, freuten sich unbewusst auf sie. Da läutete es. Die Klasse und Mrs Robinson hatten alles um sich herum vergessen.

„Oh je!“, rief Mrs Robinson. „Legt schnell eure Bilder auf die Fensterbretter. Und räumt schnell noch euren Platz auf. Tut mir leid, dass wir nicht rechtzeitig fertig geworden sind.“

Die Kinder stürzten durcheinander, räumten schnell ihren Platz und ihre Bilder auf, packten ihre Sachen und stellten sich zur Verabschiedung auf.

„Hillary, ich möchte dich noch kurz sprechen!“, meinte Mrs Robinson schließlich und verabschiedete dann die Klasse.

Die Kinder stürmten zur Türe hinaus. Hillary schlich vorsichtig zu ihrer Lehrerin. Unsicher betrachtete sie diese, sie befürchtete, wegen irgendetwas geschimpft zu werden.

Aber es kam anders. Mrs Robinson legte ihr die Hand auf die Schulter und lächelte sie an. „Du hast uns schon viele tolle Bilder präsentiert, Hillary!“; meinte sie. „Aber das war das schönste und das interessanteste Bild, das ich je in meinem Unterricht gesehen habe“, begann sie. „Du bist wirklich begabt. Du kannst prima zeichnen, das kannst du wirklich.“ Sie nickte. „Bleibe auf jeden Fall an diesem Hobby dran! Das ist etwas, was du wirklich kannst.“ Sie dachte nach. „Vielleicht kannst du ja mal Kunstmalerin werden. Da muss man Tassen bemalen und solche Sachen.“

„Ich möchte Kinderbücher zeichnen!“, überraschte Hillary sie da. „Ich leihe mir aus der Bücherei immer Kinderbücher aus. Und ich möchte auch solche Kinderbücher zeichnen. Ich möchte Geschichten in schönen Bildern erzählen!“ Sie sah die Lehrerin mit leuchtenden Augen an.

Diese stand sprachlos und mit offenem Mund vor ihr. „Verstehe!“, meinte sie schließlich. „Wie auch immer!“ Sie hob den Zeigefinger. „Bleib bei deinem Traum! Lebe deinen Traum, denn ohne ihn wirst du nicht glücklich werden!“ Sie nickte nochmals. „Und wenn es dein Traum ist, Kinderbücher zu zeichnen, dann zeichne Kinderbücher!“

Damit entließ sie Hillary und lächelte ihr liebevoll nach.

2

„Mama, Mama!“, rief Hillary und stürzte die Stufen zu ihrer Lodge hinauf, in dem sie die Mutter vermutete.

Ihre Eltern betrieben ein kleines Hotel in den waldreichen Bergen, unweit der kleinen Stadt, in die Hillary in die Schule ging. Der Schulbus holte sie jeden Morgen an der Kreuzung des Waldweges zur Lodge und der Hauptstraße ab und ließ sie dort nach der Schule auch wieder aussteigen. Ein paar Schritte musste Hillary dann noch am Bach entlang bis zur Lodge gehen. Sie liebte diesen Weg, liebte die Einsamkeit dieses Ortes, die Stille, die es ihr erlaubte, ganz in ihren Gedanken zu versinken und sich allerhand Geschichten auszudenken, Geschichten, die in Bildern vor ihr auftauchten, Bilder, die sie zeichnen wollte, was sie oft auch tat, wenn sie nach dem Mittagessen in ihrem Zimmer saß.

Als sie oben angelangt war, riss sie freudig die Türe auf und stürmte in die Küche, wo die Mutter noch für die Gäste kochte. Auch ihr Vater war da, der ihrer Mutter bei der Vorbereitung des Mittagessens für die Gäste half. Bei seinem Anblick fuhr sie immer erschrocken zusammen. Ihr Vater war sehr streng und sie ging ihm aus dem Weg, wenn sie konnte. Die Eltern schienen in Hektik. Sie begrüßte die Eltern, die sie wegen ihres Stresses kaum beachteten. Sie blieb kurz stehen, dann hatte sie sich gefangen und war wieder guter Stimmung. Sie grüßte die Eltern, kramte dann ihre Transportmappe aus der Büchertasche und nahm die Zeichnung heraus. „Seht nur, seht doch nur!“, meinte sie freudig und legte sie auf die Anrichte. „Das habe ich heute gezeichnet. Und Mrs Robinson fand es wunderbar. Ist das nicht toll?“

Ihre Eltern reagierten ganz anders, als sie erwartet hatte. „Nimm bitte die Zeichnung vom Tisch!“, bat sie ihre Mutter ärgerlich. „Siehst du nicht, dass wir zu tun haben? In wenigen Minuten kommen die Gäste zum Mittagessen und wir sind noch nicht fertig. Ich habe mich mit der Kochzeit verschätzt. Oder vielleicht ist der Ofen kaputt. Wie auch immer, weg damit, wir brauchen den Platz!“

„Es wäre vernünftiger, wenn du uns ein bisschen bei unserer Arbeit unterstützen würdest, als den ganzen Nachmittag in deinem Zimmer zu sitzen und diesen Quatsch zu zeichnen!“, knurrte sie der Vater wie immer an.

„Aber Mrs Robinson findet meine Zeichnungen wirklich gut! Wirklich, wirklich gut!“, rief Hillary nun ebenfalls verärgert aus. „Und ihr werft nicht einmal einen Blick darauf!“

Die Mutter hielt kurz inne und sah sie fragend an. In den Händen hielt sie Lebensmittel, die sie auf dem Vorbereitungstisch bearbeiten wollte. Da packte der Vater ihre Zeichnung, faltete sie achtlos zusammen und stopfte sie in die Büchertasche zurück. „Wir haben jetzt keine Zeit dafür, versteh doch!“

„Ihr habt nie Zeit!“ Hillary stampfte ärgerlich auf den Boden.

„Hillary!“, rief die Mutter aus. „Hilf uns oder geh uns aus dem Weg. Am besten du gehst auf dein Zimmer. Du stehst uns eh nur im Weg und bist zu nichts nütze. Essen gibt es, wenn die Gäste gegessen haben.“

„Und wieder nur das, was die Gäste übrig lassen!“, maulte Hillary und schlich davon. „Und warm ist es dann auch nicht mehr!“

„Meinst du ich koche für dich auch noch extra!“, rief die Mutter ihr hinterher. „Sieh doch mal, wieviel Arbeit wir hier haben! Verstehst du denn gar nichts, Kind? So klein bist du doch wirklich nicht mehr!“

Hillary begriff, dass sie nur an sich gedacht hatte und nicht an die viele Arbeit der Eltern. Es tat ihr leid. Aber sie sehnte sich danach, dass ihre Eltern auch einmal ihre Bilder bewunderten. Das war noch nie vorgekommen, dafür hatten sie weder Zeit noch Verständnis. Nur Mrs Robinson lobte ihre Fähigkeiten. Aber das war zu wenig. Sie sehnte sich so sehr nach einem guten Wort der Eltern. Aber das war bisher ausgeblieben.

„Undankbares Ding!“, brummte ihr der Vater noch hinterher.

3

„Hillary, wo bist du?“, rief Ron, Hillarys Vater und stürmte in die Küche, wo die Mutter das Abendessen vorbereitete. „Wo ist denn die verdammte Göre?“

Samantha, Hillarys Mutter, zuckte jedes Mal zusammen wegen der Schärfe und Lautstärke ihres Mannes. Und auch seine stets mürrische Art verunsicherte sie. Sie atmete tief durch, um ihre Nerven unter Kontrolle zu bringen. Sie überlegte, wie sie ihn beruhigen konnte, ohne es ihm zu deutlich zu sagen, denn es hätte ihn erst Recht aufgeregt, wenn man ihm widersprochen oder ihn zu belehren versucht hätte. „Ich, ich weiß nicht genau!“, log sie vorsichtig, denn sie wusste sehr wohl, was ihre Tochter tat. „Vielleicht ist sie in ihrem Zimmer und macht noch Hausaufgaben oder sie muss lernen“, vermutete sie gegen besseres Wissen. Sie ahnte auch, dass ihn das nicht beschwichtigen würde, denn er wusste ebenso gut, wie sie, womit sie sich beschäftigte, denn diese Situation ereignete sich nicht zum ersten Mal, sie kannten sich alle, so wie man die Menschen um sich herum kennt, wenn man eine gewisse Zeit, erst Recht, wenn man Jahre miteinander verbringt.

Also gab sich Ron gleich selbst die Antwort. „Wahrscheinlich hockt das dumme Ding wieder in ihrem Zimmer und malt irgendeinen Unsinn!“, brüllte er so laut, dass Samantha wieder zusammenzuckte. Verzweiflung durchfuhr sie und die Ohnmacht, nichts bewirken und nichts ändern zu können überfiel sie. Ron stürzte, ohne wirklich in der Küche verweilt zu haben, weiter zu Hillarys Zimmer.

Samantha überlegte kurz, ob sie nicht doch etwas sagen sollte, ließ es dann aber, wohlwissend, dass es keinen Sinn hatte. Gleich darauf hörte sie Rons Gebrüll aus Hillarys Zimmer. Sie hielt sich die Ohren zu, aber er schrie so laut mit ihr, dass sie trotzdem alles hörte, was er schrie.

„Hockst du wieder hier und malst irgend so einen Quatsch?“, brüllte er seine Tochter an, nachdem er die Zimmertür aufgerissen hatte.

Hillary war hochgeschreckt und sah ihn aus entsetzten Augen an. Tatsächlich saß sie an ihrem Schreibtisch, der vor dem Fenster stand und wovon aus sie über das grüne, von Bergen umringte Tal mit den alten Bäumen und dem sich friedlich dahinschlängelten Bach sehen konnte, eine Idylle, die ihr half, sich in die Geschichten und Stimmungen ihrer Bilder hineinzuträumen. Nun wurde sie unsanft aus diesen Träumen herausgerissen. Ron brüllte auf sie ein, sie ließ ihren Stift fallen, kauerte sich zusammen und riss ihre Hände zum Schutz hoch, denn er hatte sie auch schon geschlagen in seiner Wut.

„Hockst du wieder hier herum und machst diesen Mist anstatt uns bei der Arbeit zu helfen!“, schrie er sie erneut an. Dann war er bei ihrem Schreibtisch, packte ihr Bild und zerriss es, zerbrach ihren Stift, ergriff schließlich ihre Malutensilien und kippte sie in den Papierkorb. „Du bist hier nicht nur zum Vergnügen!“, brüllte er mit solcher Wut, dass sein Geifer in ihr Gesicht spritzte. „Du kannst hier nicht nur ein kostenloser Fresser sein, du musst uns schon unterstützen, du hast Pflichten, die du zu erfüllen hast!“

Sie sah ihn erschrocken an und sie fühlte sich tatsächlich schuldig. Es war ihre Aufgabe, sich um die Pferde zu kümmern, die den Gästen zum Ausreiten zur Verfügung gestellt wurde. Ihre Aufgabe war es, mit den Kindern der Gäste zu spielen oder mit ihnen auszureiten. Sie hasste diese Pflicht, die Kinder interessierten sie nicht, sie empfand nur Langeweile, wenn sie mit ihnen spielte, aber vor allem, sie hasste auch das Reiten, sie fürchtete sich vor diesen großen Tieren, obwohl sie mit ihnen aufgewachsen war. Zur Überraschung aller mochte sie Pferde nicht, was ungewöhnlich für ein Mädchen war. Aber auf einer Lodge in den Bergen gab es nicht so viele Attraktionen für Gäste und das Reiten war eine der Möglichkeiten, mit denen man sie und ihre Kinder beschäftigen konnte. Also hatten sie Pferde und jemand musste mit den Kindern ausreiten.

„Unten warten einige Kinder auf ihren gebuchten Ausritt!“, schrie der Vater weiter. „Du musst uns unterstützen, so rosig geht es uns nicht.“ Er tobte und brüllte. „Ich kann nicht auch noch Leute einstellen, dann bleibt nichts mehr für uns übrig, dann können wir hier nicht existieren. Das habe ich dir doch jetzt oft genug erklärt, oder nicht?“ Er sah sie fragend an.

„Ich weiß, Vater!“, bestätigte Hillary. „Ich weiß, ich weiß, ich habe einfach die Zeit vergessen“, meinte sie vorsichtig.

„Die Kinder haben aber nicht die Zeit vergessen!“, rief der Vater laut aus. „Die wollen reiten!“

Hillary sprang auf. „Entschuldige, Vater! Ich habe die Zeit vergessen, ich gehe sofort nach unten.“

„Zeit vergessen, Zeit vergessen!“, äffte er sie nach. „Andere Mädchen sehnen sich danach, den Nachmittag mit Pferden zu verbringen. Aber meine Tochter, eine Tochter, die auf einem Reiterhof lebt, die hat kein Interesse daran. Und alles nur wegen diesem Quatsch!“ Er zeigte auf den Papierkorb, wo ihre Malutensilien lagen. Er dachte kurz nach. „Hiermit verbiete ich dir diesen Unsinn! Jedes Mal, wenn ich dich mit dem Zeugs erwische, mache ich es von nun an sofort kaputt, bis du keines mehr hast!“

Hillary erschrak. „Bitte, bitte nicht, Vater! Es ist doch das einzige, was mir Spaß macht!“

„Spaß, wer fragt danach, ob ich oder deine Mutter Spaß haben? Wenn ich dich nochmals beim Malen erwische, zerstöre ich dein Malzeugs sofort wieder und du bekommst eine Tracht Prügel.“

„Bitte nicht, Vater!“, flehte Hillary. „Bitte lass mir meine Malsachen! Ich verspreche dir auch, dass ich meine Arbeit nie mehr vergesse.“ Sie sah ihn bittend an.

„Mach, dass du an deine Arbeit kommst!“, bellte sie Ron nach kurzer Überlegung an. „Du kriegst noch eine Chance, aber das ist dann deine letzte, da kannst du Gift drauf nehmen!“

„Danke, Vater, danke!“, meinte Hillary schnell, sprang auf und stürmte zum Stall.

„Ich bin einfach zu weich!“, hörte sie ihren Vater noch Brummen.

4

Mrs Robinson ging durch die Reihen der Schüler, betrachtete, was sie bisher gezeichnet hatten, besprach die Bilder mit ihnen und gab ihnen Tipps, was sie verbessern könnten oder wie sie weiter vorgehen sollten. Schließlich kam sie zu Hillary und blieb verwundert stehen.

„Was ist denn mit dir los?“, fragte sie überrascht. „Du hast ja noch gar nichts gezeichnet?“ Sie zog ihre Augenbrauen hoch.

Ihre Überraschung steigerte sich noch, da Hillary ihr keine Antwort gab, nur wie zur Salzsäule erstarrt vor ihr saß und sie auch nicht anblickte, nachdem sie sie angesprochen hatte. Sie saß nur leicht nach vorne gekauert auf ihrem Stuhl, bewegungslos und regungslos, und blickte ins Leere.

„Hast du keine Idee?“, fragte Mrs Robinson vorsichtig. „Oder weißt du nicht, wie du deine Idee umsetzen sollst?“

Wieder erhielt sie keine Antwort.

„Ach, mach dir mal keine Sorgen!“, rief sie dann gelassen aus. „Alle Künstler wissen mal nicht weiter. Man nennt das dann Blockade. Schriftsteller, Zeichner, alle Künstler eben.“ Sie versuchte Hillary mit einer Handbewegung zu beschwichtigen. „Da musst du dir keine Gedanken machen, das ist ganz normal!“ Sie legte Hillary die Hand auf die Schulter, um ihr ihr Verständnis auch körperlich mitzuteilen. „Und stell dir vor, ich weiß sogar, was man in so einem Fall tut?“ Sie sah Hillary lächelnd an, um dann gleich wieder eine fragende Miene zu zeigen.

Denn Hillary reagiert nicht, sie antwortete nicht, sie sah sie nicht an, sie rührte sich nicht einmal. Unbeweglich wie eine Statue, starr wie eine Leiche saß sie vor ihr und schaute verloren ins Nichts.

„Man setzt sich hin und fängt einfach an zu arbeiten“, brachte sie ihren Gedanken noch zu Ende, obwohl sie geistig schon völlig mit Hillarys Verhalten beschäftigt war. Mrs Robinson dachte einen Augenblick nach. Dann begriff sie, dass hier ein echtes Problem vorlag. Sie überlegte, was sie tun sollte, wie sie vorgehen sollte. „Hillary, ich möchte dich vor der Tür sprechen!“, befahl sie nun mit strengem Ton. Es war nicht etwa so, dass sie ärgerlich auf Hillary war, vielmehr hatte sie bemerkt, dass die Mitschüler bereits auf die Situation aufmerksam geworden waren und schon tuschelten, deshalb wollte sie die Klärung der Sache nach draußen verlegen, wo sie unbeobachtet waren. Zum anderen wollte sie sicherstellen, dass Hillary ihre Bitte als Anweisung auffasste und mit ihr auch vor die Türe ging. Also bat sie sie mit einer Handbewegung in den Gang hinaus und ging voraus.

Hillary stand auf und folgte ihr wie ein Roboter.

Mrs Robinson ermahnte die Schüler still zu sein und drohte mit einer Strafarbeit für den Fall, dass jemand störte. Da arbeiteten sie still weiter. Gleich darauf stand sie Hillary im Gang gegenüber, Hillary mit gesenktem Kopf und heruntergefallenen Schultern, ein Bild des Elends und der Hoffnungslosigkeit.

„Was ist denn los, Hillary? Was ist denn mit dir? Hast du Sorgen?“, fragte sie liebevoll.

Hillary schwieg.

Mrs Robinson fühlte, dass sie nicht aus Bockigkeit schwieg, sondern aus einer tiefen Trauer. „Bitte, sprich mit mir, Hillary! Ich will dir helfen, wenn ich kann. Aber bitte, bitte sprich mit mir!“, flehte sie.

Hillary antwortete nicht, sondern brach in Tränen aus.

Da nahm sie Mrs Robinson in den Arm und hielt sie ganz fest. Sie spürte, wie Hillarys Körper vor Verzweiflung bebte, während sie versuchte, ihr Schluchzen zu unterdrücken. So standen sie eine ganze Weile da, während Hillary schwieg und Mrs Robinson angestrengt nachdachte. Sie suchte nach Hillarys Gründen für die Trauer. Professionell checkte sie die Gründe einer solchen Situation bei Schülern durch, ihr war schnell klar, dass es Ärger oder Probleme in der Familie geben musste. „Gibt es Probleme in bei deinen Eltern? Wollen sie sich scheiden lassen?“, vermutete sie zunächst noch.

Hillary schüttelte den Kopf.

Mrs Robinson presste überrascht die Lippen zusammen und dachte weiter angestrengt nach. „Du hast Ärger mit deinen Eltern?“, vermutete sie richtig.

Hillary nickte.

Mrs Robinson konnte sich nicht vorstellen, wie man über ein Mädchen, wie Hillary, verärgert sein konnte. Sie benahm sich stets vorbildlich, war liebenswert und freundlich und hatte die besten Noten. Sie dachte lange nach, überlegte auch immer, warum Hillary gerade im Zeichenunterricht nicht gearbeitet hatte, wo sie sonst in allen Fächern wie üblich sehr gut mitgemacht hatte. Da ging ihr ein Licht auf. „Haben deine Eltern etwas gegen deine Freude am Zeichnen?“

Nun sah Hillary sie überrascht, aber auch dankbar an, dass sie es ausgesprochen hatte. Sie nickte und seufzte tief, als ob ihr ein Stein vom Herzen gefallen wäre.

Mrs Robinson überlegte, was man dagegen haben könnte, dass ein Kind als Hobby das Zeichnen ausübte. Aber sie kannte natürlich die Menschen der Gegend, die meisten Farmer, und sie begriff sofort, denn sie selbst entstammte einer Farm aus der Gegend. Rund um die Uhr arbeiten, war hier alles. Jede Art von Kunst oder Hobby wurde als sinnloses Teufelszeug abgetan. Nur die Arbeit zählte. „Du sollst mehr in eurer Lodge helfen und nicht so viel Zeit mit diesem Unsinn verbringen?“, vermutete sie wieder richtig.

Hillary betrachtete sie nun aus staunenden Augen. „Woher wissen sie denn das? Wie kommen Sie denn darauf?“

Mrs Robinson drückte sie noch fester. „Glaub mir, du bist nicht die einzige, die Träume hat oder hatte, und du bist nicht die einzige, der man sie ausgetrieben hat!“, erklärte sie mit einem bitteren Klang in ihrer Stimme. „Ich werde mit deinen Eltern reden!“, meinte sie plötzlich.

„Bitte nicht, bitte nicht!“, rief Hillary da erschrocken aus. „Wenn Sie das tun, kriege ich richtig Ärger!“

Mrs Robinson dachte nach. „Wenn ich es nicht tue, wirst du dich dein ganzes Leben ärgern, glaube mir! Man hat ganz oft im Leben Ärger, wenn man tut, was man will. Aber wenn man es nicht tut, dann hat man sein Leben verloren.“

„Bitte, bitte nicht!“, flehte Hillary sie nochmals an. „Mein Vater verprügelt mich, wenn sie das tun!“

„Ich weiß!“, sagte Mrs Robinson traurig.

Sie sahen sich beide aus hoffnungslosen Augen an.

„Auf jeden Fall gehst du jetzt da rein!“ Sie deutete auf das Klassenzimmer. „Und du beginnst sofort mit deinem Bild!“ Sie nickte. „Das ist hier nämlich deine Pflicht!“ Sie lächelte Hillary an. „Es ist halt hier so, dass deine Pflicht zufällig deine große Liebe ist. Da kann niemand etwas dagegen tun! Also rein mit dir und erfülle deinen Auftrag, aber dalli!“

Da war Hillarys Gesicht im Nu erfüllt von einem strahlenden Lächeln. Sie stürmte hinein und begann sofort zu zeichnen.

Mrs Robinson ging ebenfalls in die Klasse zurück, stellte sich ans Fenster, sah hinaus in die Richtung, wo die Farm stand, auf der sie groß geworden war, erinnerte sich an vieles, das da passiert war und dachte lange nach, was sie tun sollte.

5

„So, und das hier ist Ihr Zimmer!“, meinte Samantha und führte ein Ehepaar zu einem der Gästezimmer. Sie öffnete die Tür und blieb erstarrt stehen, als hätte sie der Schlag getroffen. Das Zimmer war weder aufgeräumt und geputzt, noch für die neuen Gäste vorbereitet. Sie schüttelte den Kopf, erholte sich jedoch schnell von dem Schrecken. „Hillary, verdammt noch mal!“, murmelte sie vor sich hin, denn inzwischen musste ihre Tochter auch beim Herrichten der Zimmer helfen. „Na warte!“

„Wie bitte?“, fragte der Mann und sah sie fragend an.

„Nichts! Nichts!“, antwortete sie und schloss eilig die Zimmertür, damit die Gäste nicht sehen sollten, wie es darin aussah.

„Ist unser Zimmer etwa noch nicht fertig?“, wollte die Frau wissen. „Ich bin nach der langen Fahrt hundemüde und will mich einfach nur noch hinlegen!“

„Das sollst du auch!“, meinte der Mann besorgt. „Ist unser Zimmer nun fertig oder nicht?“, fragte er nun in scharfem Ton.

„Leider noch nicht!“, antwortete Samantha freundlich. „Ein Versehen, wir richten es sofort her.“

„Aber wir sind müde, hundemüde!“, zitierte er seine Frau.

„Verständlich!“, versuchte Samantha zu beschwichtigen. „Bitte stellen Sie Ihre Koffer einfach ab und machen Sie es sich auf unserer Veranda gemütlich. Ich bringe Ihnen Kaffee und Kuchen. Und sehen Sie doch nur, die Sonne scheint noch so richtig schön. Sie können gerne ein Nickerchen auf unseren Liegestühlen machen. Decken sind auch da. Und ich sage Ihnen sofort Bescheid, sobald das Zimmer fertig ist.“

Die Gäste schienen nicht so recht einverstanden, fügten sich jedoch schließlich. Samantha führte sie zur Veranda, brachte ihnen Kaffee und Kuchen und die Decken. „Entschuldigen Sie mich jetzt!“, meinte sie dann in einem Ton, der nichts Gutes verhieß.