Falsches Paradies: Oder der Albtraum beginnt - Nicole Ropella - E-Book

Falsches Paradies: Oder der Albtraum beginnt E-Book

Nicole Ropella

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Beschreibung

Zwei beste Freunde machen gemeinsam Urlaub. Was als Traumurlaub beginnt, Segeltörn in der Südsee, endet - so scheint es - in der Katastrophe. Nach einem Segelunfall finden sie sich gerettet auf einer paradiesischen Insel wieder. Während Nick sofort merkt, das hier etwas nicht stimmt, will sein Freund Julian, dies nicht wahr habe. Erst als sein Freund Nick nachts verschwindet, gibt ihm das zu denken. Aber wird er ihn rechtzeitig im Regenwald finden? Oder fällt er einem grausamen Verbrechen zum Opfer?

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Seitenzahl: 285

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Nicole Ropella

Falsches Paradies:

Oder der Albtraum beginnt

Abenteuer-Thriller

Impressum

Texte: © 2025 Copyright by Nicole Ropella

Umschlaggestaltung: © 2025 Copyright by Juliana

Nicole Ropella

c/o Block Services

Stuttgarter Str. 106

70736 Fellbach

Herstellung: epubli – ein Service der neopubli GmbH,

Köpenicker Straße 154a, 10997 Berlin

Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung: [email protected]

Danksagung

Ich möchte mich bei allen Menschen bedanken, die dieses Buch haben entstehen lassen.

Zuallererst will ich meiner Mutter, meinem Lebensgefährten und meinem Bruder danken. Ohne den Freiraum, den ihr mir gegeben habt, die entscheidenden Hinweise und die Geduld wäre all dies nie möglich gewesen.

Auch meinen Freunden Ulrike und Thorsten gilt mein Dank. Sie haben unermüdlich als Testleser fungiert und meine geistigen Ergüsse gelesen. Das ein oder andere Mal wurde ich von ihnen ermutigt, weiterzumachen, wenn es mir sinnlos erschien. Unterstützung haben sie dabei von Klaudia und Marion bekommen. Vielen Dank! Es hat mir viel bedeutet!

Danken möchte ich auch Sam. Ohne ihn hätte ich nie angefangen zu schreiben. Danke für die Ermutigung.

Ein weiteres Dankeschön geht an die wundervolle Juliana, die das tolle Cover erstellt und der Geschichte den letzten Schliff verliehen hat.

Ein herzlicher Dank gilt allen Lesern, deren Begeisterung und Interesse mich zu neuen Geschichten inspiriert.

Alle Personen, Ereignisse und Handlungen in diesem Werk sind frei erfunden. Etwaige Übereinstimmungen mit realen Personen, lebend oder verstorben, sowie tatsächlichen Ereignissen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Teil 1

1 Nick Fischer

Erst zehn Uhr – und die Minuten kriechen heute wie Kaugummi. Noch zwei Stunden bis zur Mittagspause und dann nochmal vier bis zum Feierabend. Ich kann den Feierabend heute gar nicht erwarten. Nach der Arbeit schnell nach Hause, duschen, etwas essen und die letzten Sachen zusammenpacken.

„Nick! Steh nicht rum und träum vor dich hin! Die Arbeit macht sich nicht von alleine! Sei froh, dass ich dir sechs Wochen Urlaub gegeben habe!“

„Ja, ja, ich mach ja schon”, murmel ich.

Heute kann mein Chef aber auch nerven. Eigentlich liebe ich meine Arbeit. Ich bin Kfz-Mechatroniker, aber heute driften meine Gedanken immer wieder ab. Wenn alles zu Hause erledigt ist – den Ersatzschlüssel haben meine Eltern schon gestern bekommen – fahren Julian, mein bester Freund, und ich mit dem Zug nach Frankfurt. Von dort startet unser Nachtflug nach Singapur. Morgen Nachmittag sollen wir dort sein und abends geht es nach Auckland. Übermorgen Mittag sind wir in Auckland und von dort geht es nachmittags ins Paradies nach Samoa. Eigentlich dauert der Flug nur ca. 24 Stunden, aber wir fliegen quasi in die Zukunft. Zurück dann in die Vergangenheit. Schon ziemlich verrückt.

In Samoa angekommen, werden wir uns unseren Traum, auf den wir jahrelang hingespart haben, erfüllen. Wir werden dort ein Segelboot übernehmen und ca. fünf Wochen durch die Südsee kreuzen. Na ja, nicht ganz allein, ein Skipper ist mit dabei. Kurze Hosen, T-Shirts, keine warmen Pullover. Es wird herrlich! Es hat uns beide harte Überzeugungsarbeit bei unseren Chefs gekostet, dass wir sechs Wochen Urlaub am Stück bekommen.

„Nick! Wie oft soll ich es dir noch sagen? Sonst kannst du die Zeit nachher dranhängen!“

„Ist ja schon gut!“

Endlich ist es so weit, die Wohnungstür fällt hinter mir ins Schloss. Irgendwie habe ich die letzten Stunden auf der Arbeit hinter mich gebracht. Am Bahnhof werde ich Julian treffen.

Jetzt sitzen wir seit einer Stunde im Zug und malen uns die Tour in den schönsten Farben aus. Eigentlich witzig, dass wir beste Freunde sind. Wahrscheinlich wären wir nie Freunde geworden, hätte Julian mich im Kindergarten nicht vor den anderen Kindern in Schutz genommen. Wegen meines Gewichts wurde ich dort ständig gehänselt. Kinder können sehr gemein sein.

Wir könnten gegensätzlicher nicht sein, aber vielleicht ist es genau das, was uns verbindet. Julian ist groß, schlank und muskulös, während ich klein und mit Bauchansatz bin. Ok, der Bauchansatz kommt von meiner Liebe zum Bier. Julian hingegen rührt überhaupt keinen Tropfen Alkohol mehr an, seitdem er mit 18 unter Alkoholeinfluss einen Motorradunfall selbst verschuldet hat. Um über meine bleiche Hautfarbe hinwegzutäuschen, bin ich ziemlich stark tätowiert. Julian braucht nur von der Sonne zu hören, dann ist er braun.

Ich habe einen lockigen blonden Wuschelkopf, unter dem meine blauen Augen hervorblitzen. Ein Grübchen ziert mein Kinn. Julian hingegen hat dunkelbraune, kurze Haare, dunkle Augen und einen Dreitagebart. Ich könnte locker so weitermachen. Die einzige Gemeinsamkeit, die mir spontan einfallen will, ist das Alter. Wir sind beide 25.

Inzwischen sind wir am Frankfurter Flughafen angekommen. Unsere Vorfreude steigt ins Unermessliche, als wir für den Flug nach Singapur eingecheckt haben.

Eigentlich hatte ich gedacht, durch die Aufregung sowieso nicht schlafen zu können, aber da habe ich mich getäuscht. Die ganze Aufregung, das gedimmte Licht, die Schnarchgeräusche der anderen Passagiere, die sanften Turbulenzen … das alles lässt mich bald einschlafen. Gegen 4.30 Uhr rüttelt Julian mich an der Schulter:

„Was ist?“, knurre ich ihn verschlafen an. Mein Kopf fühlt sich schwer an.

„Schau, der Sonnenaufgang!“

Sofort bin ich hellwach.

Der Himmel, dort, wo die Sonne über den Horizont kommt, ist bereits von einem hellen Blau durchzogen. Jetzt geht alles gefühlt viel zu schnell. Eben noch war der Horizont in ein kräftiges Orange getaucht, jetzt erscheint schon die Sonne. Das kräftige Orange verblasst in ein zartes Rosa – und schon ist das Spektakel vorüber. Da wir Richtung Osten fliegen, ist die Sonne schon bald komplett am Himmel und das Farbenspiel ist vorbei.

Ich muss danach erneut eingenickt sein, denn ich werde wieder von Julian wachgerüttelt.

„Du bist aber auch eine Schlafmütze! Wir landen gleich!“

Jetzt bin ich offiziell verwirrt. Ist nicht gerade erst die Sonne aufgegangen? Ach ja, ich habe die Zeitverschiebung total verdrängt.

„Wir können am Flughafen bleiben oder in die Stadt fahren. Wir könnten uns das … anschauen … oder – hallo? Hörst du mir überhaupt zu?“ Julians Euphorie wird durch mich abrupt gebremst.

„Sorry, was hast du gesagt? Können wir nicht einfach am Flughafen bleiben?“ Ich bin mit meinen Gedanken schon am Ziel.

„Wenn du meinst. Es gibt hier auch viel zu erkunden. Wir könnten zum Jewel Changi, dort gibt es den größten Indoor-Wasserfall, oder in den Schmetterlingsgarten oder einen der vielen Gärten besuchen …“

Meine Begeisterung scheint mir ins Gesicht geschrieben zu sein, denn Julian sagt jetzt:„Wir können auch einfach in einen Ruhebereich oder ein Restaurant gehen.“

Okay, vielleicht sollte ich jetzt so etwas sagen wie: ‚Klar, lass uns etwas unternehmen!‘ Aber Ruhebereich und Restaurant hören sich sehr gut an. Ich bin einfach nur fertig und froh, wenn wir da sind.

2 Julian Braun

Vielleicht war es ein Fehler, diese Reise mit Nick zu machen. Wir sind einfach zu verschieden – ich will alles sehen und erleben, während er nur das Nötigste tut. Sobald etwas anstrengend klingt, winkt er ab. Ich habe ihn unzählige Male ins Fitnessstudio locken wollen – ohne Erfolg. Trotzdem sind wir beste Freunde, fast wie Brüder. Wenn’s drauf ankommt, ist auf Nick Verlass, egal, wie viel es ihn kostet.

„Also gut, lass uns einen schönen Ruhebereich in der Nähe eines Restaurants suchen und dort auf unseren

Weiterflug nach Auckland warten“, sage ich also.

„Lass mich mal schauen, in Terminal 3 gibt es einen wunderbaren Ruhebereich und ein Restaurant in der Nähe. Sollen wir den nehmen? Wir sollen in Terminal 1 ankommen, der Fußweg dauert 10–20 Minuten.“ Schlage ich Nick vor.

„Das hört sich gut an.“

„Auf dem Flughafengelände werden verschiedene geführte Touren angeboten.“

„Fängst du schon wieder damit an? Ich habe da keinen Bock drauf! Ich will nur meine Ruhe!“

„Lass mich doch einfach ausreden! Wenn du unbedingt deine Ruhe haben willst, hast du ja sicherlich nichts dagegen, wenn ich alleine gehe!“

Langsam reicht mir sein Gemaule. Ich hatte mir diesen Urlaub so anders vorgestellt – leicht, frei, nicht so verkrampft und angespannt.

Die nächsten Minuten verbringen wir in eisigem Schweigen. So etwas ist noch nie vorgekommen. Nachdem wir gelandet sind und in der riesigen Halle von Terminal 1 stehen, versuche ich es ein letztes Mal.

„Dort geht es zu Terminal 3 und dem Ruhebereich geradeaus zum Jewel mit den Führungen.“

Ohne ein weiteres Wort schwenkt Nick in Richtung Terminal 3. Okay, davon werde ich mir nicht den Spaß verderben lassen. Wir sind über sechs Stunden hier, und die will ich nicht mit Warten verbringen. Ich werde ihn schon finden. Also wende auch ich mich ab, Richtung Jewel. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie Nick stehen bleibt und mir verwirrt nachschaut, bevor er weitergeht. Wahrscheinlich hatte er damit gerechnet, dass ich nachgebe und hinterherkomme, so wie ich es immer tue. Aber diesmal nicht.

Ich streife durch den Singapur Airport, bestaune Wasserfälle und Gärten – und merke bei jedem Schritt, dass Etwas fehlt. Nick. Früher als geplant mache ich mich auf die Suche nach ihm. Ich finde ihn schlafend auf einer Liege. Ein Teil von mir will ihn einfach schlafen lassen – der andere hofft, dass das kein Vorgeschmack auf die nächsten sechs Wochen ist.

„Nick, wach auf! Wir haben noch ca. eine Stunde, bis wir einchecken müssen. Wollen wir noch etwas essen gehen?“ Ich versuche, ganz normal zu sein und unsere kleine Auseinandersetzung nicht mehr anzusprechen. Im Prinzip war es ja auch nichts.

Nach dem Essen gehen wir zum Check-in und haben Glück, dass er auch in Terminal 3 ist. Unser Flug von Singapur nach Auckland dauert auch wieder fast neun Stunden und geht über Nacht. Mittlerweile bin auch ich ziemlich fertig und schlafe sofort ein.

Gegen Mittag Ortszeit landen wir in Auckland. Wieviel Uhr wir in Deutschland haben oder welchen Tag? Ich weiß es nicht mehr. Ich bin froh, dass es hier ruhiger ist, und bin dieses Mal mit einem Ruhebereich einverstanden. Allerdings scheint Nick jetzt ausgeschlafen zu haben. Er ist jetzt wieder der Alte, so wie ich ihn kenne.

Ich versuche jetzt, mich mit Kaffee wachzuhalten, denn wenn wir ankommen, wird es schon dunkel sein. Je näher man dem Äquator kommt, desto kürzer ist die Dämmerungsphase. Selbst wenn wir pünktlich um halb vier abheben und wir vier Stunden brauchen, ist es in Apia auf Samoa dunkel. Dort geht die Sonne ca. um 18:07 Uhr unter und spätestens um halb acht ist es stockfinster. Langsam fange ich an, mich zu fragen, ob der Urlaub die Anstrengung der An- und Abreise wert ist. Aber hey – dafür bin ich am anderen Ende der Welt. Zum Segeln.

Unser Flieger hat zu allem Überfluss Verspätung. So heben wir erst um fünf am Nachmittag ab. Es wäre ja auch zu schön gewesen, wenn alles geklappt hätte. Nach endlosen Kontrollen und Verzögerungen bei der Gepäckausgabe erreichen wir endlich um 23 Uhr unser Hotel.

Eigentlich hatte ich gedacht, jetzt nicht mehr schlafen zu können, aber während Nick sich noch ein Bierchen genehmigt, schlafe ich sofort ein. Morgen beginnt das Abenteuer – hoffentlich gemeinsam, nicht jeder für sich.

3 Nick

Endlich sind wir da. Aber Julian hatte wohl recht, als er in Singapur lieber etwas unternahm, statt wie ich einfach nur herumzuhängen. Jetzt schläft er friedlich – und ich bin hellwach. Da hilft auch das Bier nicht. Na ja, die Chance habe ich verpasst. Ich setze mich mit meinem Bier vor die kleine Hütte auf eine Bank. Im Hellen hätte man einen wundervollen Blick auf das Meer gehabt, jetzt sieht man nur ins Finstere und kann sich das Wasser vorstellen. Wenn nicht ab und zu ein Plätschern zu hören wäre, könnte man fast glauben, das Meer wäre verschwunden. Von zu Hause bin ich es gewohnt, dass es immer etwas Licht gibt, aber hier ist es pechschwarz – so still und fremd, dass mir kurz unbehaglich wird.

Ich muss eingeschlafen sein, denn ein energisches Rütteln an der Schulter weckt mich und der Duft von frischem Kaffee zieht mir in die Nase. Verschlafen öffne ich die Augen und blicke Julian ins Gesicht, der mit einer Tasse Kaffee vor mir steht. Natürlich – er ist schon wieder frisch geduscht und topfit. Typisch Julian.

„Hey, du Schlafmütze! Heute beginnt unser Urlaub so richtig!“, meint er gut gelaunt.

„Wie kann ein Mensch am frühen Morgen so gute Laune haben? Wie spät ist es überhaupt? Der Himmel ist noch so verdächtig rosafarben!“,erwidere ich mürrisch.

„Okay, ich muss gestehen, es ist erst zwanzig nach sechs. Aber gleich geht die Sonne auf!“ Julian ist völlig euphorisch, so als wäre es etwas Besonderes, dass die Sonne aufgeht.

„Und dafür weckst du mich? Als ob sie nicht jeden Tag aufgehen würde!“ Jetzt bin ich offiziell sauer.

„Hast du es denn vergessen? Hier geht die Sonne an jedem Tag als Erstes auf! Und ich finde, an unserem ersten Tag sollten wir das sehen.“

Eigentlich bin ich ganz froh, dass Julian mich geweckt hat. Ich muss ziemlich verrenkt geschlafen haben, mir tut alles weh. Aber das sag ich ihm natürlich nicht – er würde nie aufhören, zu grinsen. So trinke ich, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, den Kaffee und bewundere mehr oder weniger den Sonnenaufgang.

Nachdem ich auch geduscht und angezogen bin, laden wir unser Gepäck in den für heute angemieteten Wagen. Wir fahren zum Hafen von Apia. Nach dem Frühstück, hoffentlich in einem netten Café, wollen wir unseren Skipper treffen und an Bord gehen. Zum Glück sind wir fündig und beobachten beim Frühstück das Treiben im Hafen. Langsam macht sich auch bei mir Urlaubsstimmung breit. Ungeduldig wie immer machen wir uns frühzeitig auf den Weg zum Treffpunkt.

Angekommen am Segelhafen sehen wir nur einen Mann, der zwischen den Booten den Steg entlanggeht und am Ende ein Boot mit Lebensmitteln belädt. Sollte das unser Mann sein? Irgendwas an der Szene fühlt sich seltsam an. Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden.

„Hallo!“, rufe ich.

Der Mann dreht sich um und kommt mit schlurfendem Schritt auf uns zu. Als er näherkommt, sehe ich, dass er nicht mehr so jung zu sein scheint. Seine Haut ist wettergegerbt und ledrig, braun gebrannt, sein Gesicht runzelig. Unter seiner Schirmmütze kommen einzelne graue Strähnen hervor. Als er den Mund zum Sprechen öffnet, sehe ich, dass etliche Zähne fehlen.

„Seid Ihr die zwei jungen Männer, die heute kommen sollen?“ Als er jetzt spricht, klingt seine Stimme kratzig, fast wie Schleifpapier – ein Ton, der sofort unter die Haut geht und mich frösteln lässt.

„Ich denke, das sind wir! Wir sind hier um 10:00 Uhr mit einem Jim verabredet und haben einen Segeltörn für fünf Wochen gebucht.“ Bevor ich Julian an die Seite nehmen kann, um ihm meine Bedenken mitzuteilen, sprudelt es aus ihm heraus.

„Ich bin Jim. Herzlich willkommen auf Samoa!“ Ich weiß nicht, warum, aber als er lächelt, läuft mir ein kalter Schauer über den Rücken.

„Folgt mir, das Boot steht ganz am Ende.“

Ich dränge das beklemmende Gefühl zur Seite. Wahrscheinlich hat er uns nur ordentlich über den Tisch gezogen. Ich will jetzt den Urlaub genießen. Je näher wir dem Boot kommen, desto mehr steigt die Spannung. Alle zweifelnden Gedanken sind vergessen und beim Blick in Julians Augen sehe ich die gleiche Aufregung.

„Das ist es! Die Bella Maria!“

Etwas verwirrt über den Namen klettere ich an Bord.

„Falls euch der Name wundert: Ich komme ursprünglich aus Italien und meine Mutter hieß Maria. Lasst uns unter Deck gehen, ich zeige euch, wo ihr schlaft und euer Gepäck unterbringen könnt.“

In der Mitte des Bootes befindet sich das Ruder mit einer gepolsterten Sitzbank, die das Ganze umrundet. Ein Dach schützt vor der Sonne und am Ende befindet sich der Niedergang ins Bootsinnere. Wir folgen Jim und steigen langsam hinab. Ich habe mir zwar Bilder und Videos angeschaut, aber das hier ist schon etwas anderes. Und auf keinen Fall zu vergleichen mit dem Boot, auf dem wir gelernt haben. Links der Treppe befindet sich die innere Navigationsecke und rechts eine Miniküche. Geradeaus sind links und rechts Bänke und in der Mitte jeweils zwei Bretter, die zum Tisch hochgeklappt werden können. Die Wände sind mit hellem Holz verkleidet und die Decke ist weiß. Der Boden ist mit einem hellen Laminat oder Parkett mit Maserung ausgelegt. Alles in allem wirkt das Boot überraschend freundlich – fast zu freundlich für den ersten Eindruck seines Besitzers.

Weiter hindurch befinden sich ein Waschbecken und eine Toilette. Daran angrenzend ist unsere Kabine, wenn man es denn so nennen will. An den Wänden ist viel Stauraum für unsere wenigen Sachen vorhanden.

„Meine Kabine befindet sich im Heck, dort ist auch der Motor untergebracht. Ich werde jetzt mit der Beladung fortfahren. Richtet euch ein und wenn ihr so weit seid, kommt an Deck.“ Damit unterbricht er meine Gedankengänge. Und da ist es wieder! Jedes Mal, wenn er spricht, läuft mir ein Schauer über den Rücken. Und ich kann nicht sagen, warum!

4 Julian

Endlich ist es so weit und es geht los! Ich spüre, wie mein Herz schneller schlägt. Wie lange haben wir diesen Moment herbeigesehnt! Ich schaue Nick an, und ich glaube, ihm geht es genauso. Wir haben unsere wenigen Sachen in der Kabine verstaut und sind wieder an Deck in der Hoffnung, dass es bald losgeht. Das Wetter ist auf unserer Seite. Die Sonne scheint von einem fast wolkenlosen Himmel. Nur vereinzelte Schäfchenwolken haben sich verirrt. Und die Wärme legt sich angenehm auf meine Haut. Es weht ein laues Lüftchen und es ist angenehm warm. Das Wasser im Hafenbecken liegt still und klar wie ein Spiegel vor uns. Vereinzelt dringen Stimmen spielender Kinder zu uns, und man hört das Klappern von … ja, von was eigentlich? Egal, ich bin einfach nur glücklich und genieße den Moment, von dem ich so lange geträumt habe.

Jim hat uns schon an Deck mit drei Sektgläsern erwartet. Eigentlich trinke ich ja nicht, aber ich glaube, heute werde ich eine Ausnahme machen. Jim reicht jedem von uns ein Glas.

„Ich wünsche uns Mast- und Schrotbruch! Auf eine schöne Fahrt, die Ihr nie vergessen werdet!“ Mit funkelnden Gläsern stoßen wir an und besprechen den Verlauf der Fahrt. Unser Ziel ist Papeete auf Tahiti, von wo aus unser Flug zurückgeht. Aber bis dahin ist zum Glück noch Zeit. Wir wollen über die Cookinseln nach Französisch-Polynesien segeln und unterwegs kleine Abenteuer erleben. Die reine Segelzeit dorthin beträgt 8–12 Tage, je nach Wind und Wetter. Also bleibt genug Zeit, verschiedene Inseln anzulaufen. Ganz in meine Gedanken versunken, habe ich gar nicht gemerkt, dass Jim die Leinen gelöst hat und wir langsam, vom leisen Brummen des Motors getragen, Richtung offenes Meer fahren.

Man merkt sofort, dass man den sicheren Hafen verlassen hat. Wo eben die Wasseroberfläche noch spiegelglatt war und man sanft geschaukelt wurde, sind die Wellen inzwischen fordernder. Das Boot unter unseren Füßen erwacht zum Leben. Die Sicherheit des Hafens liegt hinter uns, nur noch der offene, weite Ozean. Jim hat die Segel gesetzt, in die der Wind jetzt fährt. Wir durchschneiden die Wasseroberfläche wie ein Messer, das durch Butter gleitet. Samoa hinter uns wird immer kleiner und beim Anblick der Weite vor mir wird die Ehrfurcht in mir riesengroß. Ich freue mich auf das gemeinsame Abenteuer mit Nick.

Drei Tage sind wir nun schon unterwegs – und noch immer kein Land in Sicht. Irgendwie hatte ich mir die Fahrt anders vorgestellt. Nick scheinbar auch, er ist immer schlecht gelaunt. So kenne ich ihn irgendwie gar nicht. Auch Jim ist ziemlich wortkarg, was die Situation nicht erträglicher macht. Jim sagt nichts und von Nick bekommt man eine brummende Antwort, wenn man ihn anspricht. Ich hoffe, wir erreichen bald Land – vielleicht hellt das seine Laune etwas auf. Von unserem Segelschein konnten wir bisher auch keinen Gebrauch machen, da Jim alles alleine macht und sich bei der Navigation nicht in die Karten schauen lässt. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Zum Abendessen serviert uns Jim heute – wie er sagt – einen ‚Spezialdrink‘. Er soll angeblich die Stimmung heben und die bösen Geister vertreiben. Irgendwie schon merkwürdig, dieser Typ, aber wir tun ihm den Gefallen und trinken das Gebräu artig. Todmüde kriechen wir in unsere Kojen. Kaum liege ich, falle ich in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Am nächsten Morgen werde ich mit einem Brummschädel wach und mache mich auf den Weg an Deck, um dort einen Kaffee zu trinken, wie jeden Morgen. Ich schaue mich um, dort ist keine Spur von Jim. Ich haste die Treppe wieder runter und schaue in seiner Kabine nach. Auch dort ist er nicht. Ich rede mir ein, dass ich Gespenster sehe. Wahrscheinlich ist er nur auf der Toilette. Ich klopfe an. Nichts. Ich klopfe nochmal. Wieder nichts. Vorsichtig öffne ich die Tür, dort ist niemand. Im Innern des Bootes ist er nicht. Nochmal nach oben. Dort ist er auch nicht. Sollte er über Bord gegangen sein? Langsam steigt Panik in mir hoch. Ich schaue ringsum auf dem Wasser, aber wie wahrscheinlich ist es, dort jemanden zu finden? Nick! Ich muss ihn wecken!

„Nick! Wach auf!“ Rufe ich aufgeregt und schüttele ihn.

„Was ist denn verdammt?! Kann man nicht mal in Ruhe ausschlafen? Arg, mein Kopf tut weh.“ Nick hält sich mit beiden Händen den Kopf.

„Jim ist weg!“, schreie ich aufgeregt.

„Wie weg?“ Nick ist mit einem Schlag hellwach.

„Ich habe das ganze Boot abgesucht, innen wie außen. Keine Spur von ihm.“

Nick schlüpft in seine Shorts. „Lass uns nochmal schauen, du draußen, ich drinnen.“

„Ich glaube zwar nicht, dass es etwas bringt, aber okay.“ Erwidere ich resigniert.

Nach nur wenigen Minuten brüllt Nick von unten:

„Julian, komm schnell! Das musst du sehen!“

Ich beeile mich, unter Deck zu kommen.

„Was ist denn?“,frage ich.

„Schau“, sagt Nick und tritt zur Seite. Zu sehen ist nur eine winzige Öffnung. Bei jeder Welle dringt etwas Meerwasser ein.

„Und? Ich sehe nichts.“ Was soll hier sein? Ich bin verwirrt.

„Das ist es ja! Bis gestern war hier der Motor. Sein Bett sieht auch nicht aus, als hätte er darin geschlafen. Ich glaube, er ist schon länger weg und nicht über Bord gegangen. Sag mal, hast du auch Kopfschmerzen?“ Jetzt, wo Nick es sagt, fällt es mir auch auf. Merkwürdige Kopfschmerzen, die ich normalerweise nie habe. „Ja. Ob in dem Spezialdrink K.-o.-Tropfen waren?“ Warum sollte Jim uns etwas in den Drink tun? Ob es am Ende gar nicht sein Boot ist. Jetzt aber langsam, es wird bestimmt eine einfache Erklärung geben.

„Merkwürdig ist es schon. Lass uns die Karten checken, wo wir sind.“ Nick behält wie immer einen kühlen Kopf. Kein hektisches Getue, erstmal alles abklären.

„Hier ist nichts mehr, alles weg!“ Langsam wird auch Nick nervös. „Auch das Funkgerät ist rausgerissen! Ist oben beim Ruder etwas?“

„Nein, hier ist auch nichts mehr!“ Verzweiflung macht sich in mir breit. „Warum macht er das?“

„Ich weiß es nicht. Aber den Kopf in den Sand stecken bringt uns jetzt nicht weiter! Hast du letztes Jahr aufgepasst, wie man ohne Geräte navigiert?“ Das ist typisch Nick, auf ihn kann man sich in solchen Situationen verlassen.

„Nick! Du musst sofort nach oben kommen! Was ist das?“, rufe ich panisch.

„Was ist denn?“

„Schau …!“

Eine schwarze Wolkenwand zieht unaufhaltsam auf uns zu, durchzuckt von Blitzen, begleitet von fernem Grollen. Vor ein paar Minuten war nichts zu sehen, nur ein paar Schäfchenwolken am ansonsten blauen Himmel.

„Schnell, lass uns die Segel reinholen und uns selbst unter Deck begeben. Zu dumm, dass das Funkgerät weg ist. So weiß niemand, wo wir sind! Nick hat jetzt die Führung übernommen – und ich bin dankbar. Wahrscheinlich würde ich sonst noch immer draußen stehen und die Wolkenwand anstarren. So sind wir damit beschäftigt, die Segel einzuholen.

Der Seegang hat inzwischen zugenommen und ich falle gegen die Wand. Ein Blick in den Himmel verheißt nichts Gutes! Mittlerweile ist das Unwetter direkt über uns. Blitze zucken über den pechschwarzen Himmel, dicht gefolgt von ohrenbetäubendem Donnern. Der Himmel öffnet seine Schleusen und der Regen prasselt auf uns herunter und vermischt sich mit dem Meer. Unser Boot stemmt sich mit aller Kraft gegen die meterhohen Wellen, mir kommt der Vergleich mit einer Nussschale in den Sinn und ich muss grinsen. Mehr als einmal drohen wir, über Bord gespült zu werden. Ich muss gestehen, nie im Leben hatte ich solche Angst wie jetzt. Irgendwie hatte ich mir unseren Segeltörn in der Südsee anders vorgestellt. Ich blicke Nick in die Augen und sehe die gleiche Panik, wie ich sie fühle.

„Wir schaffen es nicht mehr unter Deck! Lass uns versuchen, uns festzubinden!“ Brüllt Nick gegen den Sturm, Sekunden bevor der Mast ihn trifft und er über Bord gespült wird.

Einen Moment bin ich wie erstarrt, aber mein Überlebenswille siegt: Ich muss zusehen, dass ich mich festbinde. Wie sollte ich Nick helfen? Ich werde vom schlechten Gewissen zerfressen. Wir haben immer alles gemeinsam gemacht. Es ging alles so wahnsinnig schnell.

Welle um Welle peitscht heran. Jetzt rollt eine gigantische auf uns zu. Wird sie das Boot verschlingen? Fast senkrecht fährt es hinauf. Kurz bevor es den Wellenkamm erreicht hat, überschlägt es sich und fällt rückwärts ins Wasser. Wie in Zeitlupe sehe ich alles und denke, dass das das Ende ist und das Festbinden vielleicht doch keine gute Idee war. Schon werde ich von dem Boot unter Wasser gedrückt. Zum Glück ist das Seil lang genug, um unter dem Boot herauszutauchen. Aber das bringt auch nicht viel. Kaum schnappe ich nach Luft, als schon die nächste Welle über mir bricht. Völlig erschöpft schließe ich die Augen. Ich kann nicht mehr.

Als ich die Augen wieder öffne, liege ich in einem weichen Bett. Wo bin ich? Ich setze mich auf, nur um mich direkt wieder hinzulegen. Mir ist so schwindelig. Beim nächsten Versuch bin ich etwas vorsichtiger und siehe da, es funktioniert. Langsam schaue ich mich um und stelle mit Erleichterung fest, dass Nick auch in einem Bett liegt. Seinen Kopf ziert allerdings ein Verband. Wir sind in einer kleinen Hütte, die nicht wirklich über Fenster oder eine Tür verfügt. Bis auf die Türöffnung ist die Hütte ringsum halbhoch mit Brettern verkleidet. Das Dach besteht aus Palmwedeln. Außer unseren Betten gibt es noch einen kleinen Schrank, zwei Stühle und einen Tisch. Durch die offenen Fenster sehe ich andere Hütten und dahinter den Regenwald. In der anderen Richtung glitzert der Pazifik am Horizont. Nichts dort draußen erinnert an das schreckliche Unwetter. Stimmen nähern sich der Hütte.

„Hallo, wie ich sehe, sind zumindest Sie wach. Ich bin Clay und das ist unser ‚Arzt‘ Galen. Ich habe Sie beide nach dem Sturm am Strand gefunden und zu unserem Arzt gebracht. Sie sind soweit in Ordnung und brauchten bzw. brauchen noch etwas Ruhe.“

„Und … und Nick?“

„Er hat eine Kopfverletzung. Mehr können wir sagen, wenn er aufwacht. Wir haben Ihnen einen Krug mit frischem Kokoswasser, Süßkartoffeln und Ananas mitgebracht.“

Schon sind sie wieder weg, dabei habe ich noch so viele Fragen. Sie waren beide ziemlich groß, muskulös und braungebrannt. Der sich selbst Clay nannte, hatte kurze braune Haare und Augen, wohingegen der Arzt etwas längere blonde Haare und blaue Augen hatte. Wie ein typischer Surfer halt, so stell ich ihn mir zumindest vor. Was hatten sie an? Keine Ahnung, genau wie der Name des Arztes ist es weg. Vorsichtig stehe ich auf und schlurfe zu dem Tisch, um etwas zu trinken, als ich aus Nicks Richtung ein Stöhnen vernehme. Bei der Aktion, mich schnell zu drehen, um zu ihm zu eilen, wird mir wieder schwindelig. Bevor ich falle, stütze ich mich im letzten Moment an der Tischkante ab. Etwas vorsichtiger gehe ich jetzt rüber zu Nicks Bett.

„Ey Kumpel, kannst du mich hören?“ Frage ich ihn leise.

Nick schlägt die Augen auf und schaut mich verwirrt an. Oh nein, sollte er etwas abbekommen haben? Aber meine Sorge ist unbegründet.

„Wo sind wir? Wo ist das Boot? Autsch, mein Kopf tut verdammt weh.“

„Auf irgendeiner Insel. Wir sind in einen Sturm gekommen. Erinnerst du dich? Warte, ich hole uns etwas zu

trinken.“ Vorsichtig gehe ich zurück zum Tisch und fülle die zwei Gläser mit Kokoswasser.

„Irgendwie hatte ich gehofft, der Sturm war ein Albtraum. Aber jetzt, wo du es sagst … das letzte, woran ich mich

erinnere ist, dass der Mast gebrochen ist und mir direkt auf den Kopf gefallen ist.“

„Da würde mir auch der Kopf wehtun. Hier, trink etwas. Wir hatten verdammtes Glück – dass wir noch leben und gefunden wurden. Der Mast ist dir auf den Kopf gefallen, dann wurdest du über Bord gespült. Ich dachte, ich sehe dich nie wieder.“ Bei diesen Worten muss ich mit dem Kloß in meinem Hals kämpfen und sehe, dass Nick damit kämpft, die Augen geöffnet zu lassen.

„Draußen ist es schon fast ganz dunkel, lass uns schlafen und morgen weitersprechen.“ Ich drehe mich zu Nick um und sehe, dass er schon wieder schläft.

5 Nick

Ich wache auf und sehe – nichts. Bin ich blind? Und wo bin ich? Ich versuche, mich aufzurichten, lasse es aber gleich wieder bleiben. Mein Kopf fühlt sich an, als würde darin ein Orkan toben. Mit den Händen taste ich nach meinem Kopf und fühle so etwas wie eine Bandage. Warum habe ich eine Bandage am Kopf?

Aus der Dunkelheit vernehme ich regelmäßige Atemzüge. Zum Glück gibt es etwas Mondlicht, so dass ich die Umrisse von Julian erkennen kann. Ich wage einen zweiten Versuch, mich aufzurichten – diesmal vorsichtiger. Auf der Bettkante bleibe ich einen Moment sitzen. Der Orkan in meinem Kopf ist zwar noch da, aber weniger. Als mir nicht mehr schwindelig ist, stehe ich vorsichtig auf und tapse Richtung Ausgang.

Eigentlich will ich mich nur kurz neben der Hütte erleichtern, als ich plötzlich gedämpfte Stimmen höre. Meine Neugier ist geweckt und ich schleiche vorsichtig in die Richtung, aus der die Stimmen kommen. Ich weiß nicht, warum ich mich anschleiche, aber etwas sagt mir, dass es besser ist, kein Geräusch zu machen.

Ein Blick in den Nachthimmel zeigt mir das Kreuz des Südens und beim Blick in die andere Richtung erkenne ich die nördliche Krone. Verdammt, was ist los mit mir? Ich kann mich nicht mehr an die restlichen Sternbilder erinnern. Wo sind meine Astronomiekenntnisse hin? Na ja, zumindest befinden wir uns noch auf der Südhalbkugel. Wo kommt denn der Gedanke her?

Inzwischen habe ich mich einer Hütte genähert, in der zwei Männer am Tisch sitzen, Karten spielen und trinken. Wie die vielen leeren Flaschen zeigen, wohl nicht zu wenig. Eine Öllampe steht auf dem Tisch und taucht die ganze Szene in ein unheimliches Licht. Die ganze Szenerie erinnert an eine Wache in einem alten Film. Woher habe ich auf einmal diese wirren Gedanken? Ich sollte besser zurück in mein Bett gehen. Ich mache mich auf den Weg zurück zu unserer Hütte und bleibe wie angewurzelt stehen, als die zwei weitersprechen: „Diesmal hat Jim übertrieben – das wäre fast schiefgegangen.“

Irgendetwas sagt mir der Name Jim, aber was? Schnell will ich weitergehen, dabei übersehe ich einen

vertrockneten Palmwedel, auf den ich trete. „Was war das?“ Das Gespräch verstummt und anstelle dessen tanzen jetzt die Lichter zweier Taschenlampen über den Weg. „Das war bestimmt nur einer dieser komischen Flughunde. Lass uns weiterspielen, du schuldest mir noch eine Revanche!“ Mit diesen Worten drehen sie sich um und verschwinden in der Hütte. Erleichtert atme ich auf und mache mich auf den Weg zurück ins Bett.

Ein Sonnenstrahl, der sich durch die Palmwedel stiehlt, weckt mich. Julian ist bereits wach und macht sich mit Heißhunger über das frische Obst her.

„Guten Morgen! Ich dachte schon, du wirst gar nicht mehr wach!“ Gut gelaunt schaut er mich an.

„Guten Morgen.“ brummle ich. Wie kann man nur morgens so gut gelaunt sein?

„Wie geht es dir heute? Was macht der Kopf? Hast du Schmerzen?“ Wie aus einem Maschinengewehr kommen die Fragen. Ich habe gar keine Möglichkeit, zu antworten.

„Clay war gerade hier und hat uns frisches Obst gebracht. Galen kommt gleich und schaut sich deinen Kopf an.“

„Wer zum Teufel ist Clay und wer ist Galen?“ Julian scheint sich ja schon bestens auszukennen.

„Clay hat uns gefunden und Galen ist der Arzt“,erklärt Julian.

„Wie gefunden? Und was ist mit meinem Kopf?“ Jetzt bin ich sichtlich verwirrt.

„Das habe ich dir doch schon gestern erzählt. Wir sind in einen Sturm gekommen, und du hast den Mast auf den Kopf bekommen, bevor du über Bord gegangen bist. Clay hat uns am Strand gefunden.“ Er klingt leicht genervt, aber ich kann mich wirklich nicht erinnern.

Ein großer, braungebrannter Typ mit blonden, langen Haaren kommt auf unsere Hütte zu.

„Da kommt jemand. Kennst du den?“,flüstere ich Julian zu.

„Das ist der Arzt Galen.“

„Hallo ihr zwei! Schön, dass du wach bist. Ich bin Galen, der Arzt hier – ich möchte mir deinen Kopf ansehen.“ sagt dieser jetzt zu mir und kommt auf mich zu. „Wie geht es dir denn? Ist dir übel? Hast du Kopfschmerzen?

Schwindel?“ Muss er so viele Fragen auf einmal stellen?

„Ich habe Kopfschmerzen und mir ist schwindelig. Sonst geht es mir gut.“

„Okay, hier hast du ein paar Tabletten gegen die Schmerzen. Du solltest dich 1–2 Tage schonen und viel schlafen. Probleme mit dem Gedächtnis hast du nicht?“

„Nein.“ Irgendetwas hindert mich daran, ihm die Wahrheit zu sagen. Ich sehe das Fragezeichen in Julians Gesicht, aber er sagt nichts. Galen nimmt jetzt den Verband ab und schaut sich meinen Kopf an.

„Soweit sieht alles gut aus. Das brauchst du nicht mehr“, sagt er und deutet auf den Verband.

„Du warst zwar bewusstlos, aber da du nur ein paar Kopfschmerzen hast und dir etwas schwindelig ist, hast du zum Glück nur eine leichte Gehirnerschütterung. Anders würde es aussehen, wenn du Probleme mit deinem Gedächtnis hättest. Ihr könnt also ruhig runter zum Strand gehen, aber bleibt nicht so lange in der Sonne. Mittag gibt es in dem länglichen Gebäude im Ortskern.“

„Und wie wissen wir, wann es so weit ist?“ Julian spricht aus, was ich denke.

„Glaubt mir, ihr werdet es wissen“, sagt er mit einem Augenzwinkern – und verschwindet.

Als er außer Hörweite ist, wendet sich Julian mit einem empörten Ausdruck an mich. „Warum hast du ihm nicht von deinen Gedächtnisproblemen erzählt? Da ist bestimmt nicht mitzuspaßen! Ich mache mir Sorgen um dich!“

Erstaunt schaue ich Julian an. Dass er sich Sorgen um mich macht, habe ich jetzt nicht gedacht. Wobei, wäre es andersrum, würde ich mir die auch machen. Eigentlich wollte ich Julian von heute Nacht erzählen, aber das lass ich besser. Ich bin mir auch nicht mehr sicher, ob ich das Ganze nicht nur geträumt habe. So sage ich nur zu ihm: „Bitte behalte es für dich!“

„Aber nur, wenn du mir versprichst, es zu sagen, falls es schlimmer wird.“ Jetzt schaut er mich fast wie meine Mutter an.