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Seit dem plötzlichen Tod ihres Mannes steht Helena Herzog allein vor den Herausforderungen des Lebens. Ihre kleine Tochter Sara ist ihr einziger Halt, ihre größte Liebe - und der Grund, warum sie jeden Tag die Kraft findet, zu kämpfen. Erst gegen die erdrückenden Vorwürfe ihrer Schwiegereltern, die sie für den Verlust ihres Sohnes verantwortlich machen - später gegen den ungerechtfertigten Verdacht, ihren Arbeitgeber um viel Geld betrogen zu haben. Als selbst ihr Chef ihr nicht mehr traut und sie vor Gericht unschuldig verurteilt wird, bricht Helenas Welt endgültig zusammen, und sie verliert die Möglichkeit, für ihre Tochter da zu sein. Doch Helena weiß, dass sie unschuldig ist! Und sie wird nicht ruhen, bis sie die Wahrheit ans Licht bringt - für sich, für Sara, und für die Chance auf ein neues Leben ...
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Seitenzahl: 107
Veröffentlichungsjahr: 2025
Cover
Wir zwei gegen den Rest der Welt
Vorschau
Impressum
Wir zwei gegen den Rest der Welt
Als man ihr das Liebste nehmen will, flieht Helena mit ihrer Tochter
Von Nicole Darius
Seit dem plötzlichen Tod ihres Mannes steht Helena Herzog allein vor den Herausforderungen des Lebens. Ihre kleine Tochter Sara ist ihr einziger Halt, ihre größte Liebe – und der Grund, warum sie jeden Tag die Kraft findet, zu kämpfen. Erst gegen die erdrückenden Vorwürfe ihrer Schwiegereltern, die sie für den Verlust ihres Sohnes verantwortlich machen – später gegen den ungerechtfertigten Verdacht, ihren Arbeitgeber um viel Geld betrogen zu haben.
Als selbst ihr Chef ihr nicht mehr traut und sie vor Gericht unschuldig verurteilt wird, bricht Helenas Welt endgültig zusammen, und sie verliert die Möglichkeit, für ihre Tochter da zu sein. Doch Helena weiß, dass sie unschuldig ist! Und sie wird nicht ruhen, bis sie die Wahrheit ans Licht bringt – für sich, für Sara, und für die Chance auf ein neues Leben ...
Nebel! Er war so dicht, dass Helena glaubte, ihn mit den Händen zerreißen zu können, damit ihr Blick wieder frei wurde. Doch der Nebel blieb, hartnäckig, schmutziggrau, wie eine Wand, die auf sie zukam, ihr die Luft nahm und sie gleichzeitig ausschloss von allem, das sie liebte.
Da vorne war Paul, verschwommen und fern. Als säße er hinter einer dieser Wände in Talkshows, mit deren Hilfe man sich vor der Öffentlichkeit verbergen konnte. Auch seine Stimme klang verzerrt. Sie konnte ihn einfach nicht verstehen.
Ein anderes Bild. Paul hinter dem Steuer. Im Wageninneren war es warm und gemütlich. Im Radio spielte leise Musik. Paul warf einen kurzen Blick in den Rückspiegel. Zwei Scheinwerfer, grell und unerbittlich, bewegten sich wie die Augen eines Raubtiers auf ihn zu. Das grelle Licht blendete Paul. Licht, überall gleißendes Licht!
Plötzlich wurde das Licht zum Feuer. Flammen schossen wie glühende Schwerter durch den Morgendunst, fielen über das Auto, fielen über Paul her, stachen zu, bis nichts mehr übrig war, außer verkohltem Metall ...
Jemand weinte. Helena wachte auf. Sie war es, die weinte. Das Kissen war nass von ihren Tränen. Sie hatte wieder einmal geträumt, von Paul und diesem entsetzlichen Unfall, wieder einmal das Nachthemd so durchgeschwitzt, dass es an ihrem Körper klebte.
Ein halbes Jahr war es jetzt her, seit die beiden Polizisten vor ihrer Tür gestanden hatten. Mit betretenen Mienen, ihrem fragenden Blick ausweichend.
»Wir haben eine schlimme Nachricht für Sie, Frau Herzog, es geht um Ihren Mann ...«
Helena hatte sofort gewusst, dass Paul tot war. Dass alles vorbei war, ihr Glück, ihre Träume, ihre Zukunft, ihr Leben. Völlig apathisch war sie gewesen, bis zu jenem Tag, an dem Pauls Eltern aufgetaucht waren und sie mit einer ganzen Palette von Vorwürfen überschüttet hatten.
»Du bist schuld am Tod unseres Sohnes. Deinetwegen hat er einen sicheren Schreibtischjob aufgegeben und ist in den Außendienst gegangen. Weil du mehr wolltest, immer mehr. Das Haus, den teuren Wagen ...«
Helena stieg aus dem Bett, schlüpfte in den Morgenmantel und betrat auf Zehenspitzen das Kinderzimmer. Sara, wie friedlich sie schlief! So klein war sie, so unschuldig sah sie aus mit ihren schlafroten Bäckchen und den langen Wimpern, die dunkle Schatten warfen.
Helena setzte sich auf die Bettkante und beobachtete ihre Tochter. Allmählich entspannte sie sich, wurde ruhiger. Sara war der einzige Sinn, den ihr Leben noch hatte. Ohne die Kleine – ihre Kehle wurde allein bei der Vorstellung eng ...
»... und das Kind bekommen wir auch!« Die schrille Stimme ihrer Schwiegermutter hatte sich wie eine Pfeilspitze in ihr Herz gebohrt. »Wir lassen nicht zu, dass du die Kleine ebenso kaputtmachst wie unseren Paul. Wir beantragen das Sorgerecht für sie, und wir kriegen es auch. Darauf kannst du dich verlassen, Helena!«
Natürlich war die Sorgerechtsklage abgewiesen worden. Keines der Argumente ihrer Schwiegermutter – Helena sei eine schlechte Mutter, vernachlässige Sara, sei nicht fähig, ein Kind zu erziehen – hatte den Richter überzeugen können. Natürlich nicht! Die Vorwürfe waren an den Haaren herbeigezogen und leicht zu durchschauen, genauso wie die Anschuldigung, sie sei schuld an Pauls Tod.
Nicht sie hatte ihn nämlich zu immer größeren Leistungen angetrieben. Das war er schon selbst gewesen. Wie ein Turbomotor in einem viel zu instabilen Wagen. Und schon bald waren die ersten Verschleißerscheinungen zu spüren gewesen. Paul war unkonzentriert, oft übermüdet und nervös.
»Liebling, im Außendienst verdiene ich das Doppelte, dann können wir uns endlich ein Haus am Stadtrand leisten. Ist doch auch für die Kleine viel gesünder. Natürlich brauche ich dann auch ein ordentliches Auto ...«
Helena hatte ihm abgeraten und ihn darauf hingewiesen, wie anstrengend es war, ständig unterwegs zu sein. Sie hatte ihm gesagt, dass sie weder ein Haus noch einen Mercedes bräuchte. Dass sie nur mit ihm und Sara glücklich sein wollte, und das ein ganzes Leben lang. Aber Paul hatte nicht auf sie gehört. Er hatte weitergemacht, immer weiter.
Er sei am Steuer eingeschlafen, hatte es im Obduktionsbericht geheißen. Kein Wunder. Sie wusste ja, dass er zehn Stunden am Steuer gesessen hatte, nur um wieder bei ihr und Sara sein zu können. Dabei hatten Regen und später Minusgrade aus der Fahrbahn eine Eisfläche gemacht.
Nein, sie war nicht schuld an Pauls Tod. Eine Zeitlang war sie sogar unglaublich wütend auf ihn gewesen, weil er sie allein gelassen, den Vorwürfen seiner Eltern und der Angst ausgesetzt hatte, Sara zu verlieren. Zorn, Trauer, Schmerz und Verzweiflung ... eine fatale Mischung, die einen lähmte und allmählich zu zerstören drohte.
Erst Sara hatte Helena schließlich aus dem Käfig geholt, in dem sie saß und dessen Tür sie selbst verriegelt hatte.
»Jetzt habe ich nicht bloß keinen Papi mehr«, hatte die Kleine sehr ernst und sehr traurig ihrem Teddybären erklärt. »Jetzt habe ich auch keine Mami mehr. Und deshalb wollen mich die Omi und der Opa von daheim wegholen. Aber ich will nicht weg! Ich will, dass alles wieder so ist wie früher. Wenigstens die Mami, weil beim Papi geht es ja nicht, der ist tot!«
Wenn Sara getobt, geschrien und um sich geschlagen hätte, wäre es einfacher gewesen. Doch die Kleine war so ernst und so erwachsen! Dabei war sie erst sechs Jahre alt. In diesem Moment hatte Helena begriffen, dass es nicht nur um sie, sondern vor allem um ihr Kind ging.
»Ich hab' dich so lieb«, flüsterte sie jetzt und strich der Kleinen vorsichtig eine Haarsträhne aus der Stirn. »Ich verspreche dir, dass ich immer für dich da bin und dich nie alleinlassen werde.«
Hätte in diesem Moment jemand zu Helena gesagt, dass sie bald gezwungen sein würde, Sara alleinzulassen, hätte sie demjenigen nur einen verdutzten Blick zugeworfen und dann kühl geantwortet, er solle keinen Unsinn reden und aus ihrem Leben verschwinden. Und damit hätte sie einen großen Fehler gemacht.
Aber es war niemand da, der sie warnte.
Deshalb gab sie Sara noch einen Kuss, ging ins Bett und blieb die restliche Nacht von Albträumen verschont.
♥♥♥
Am nächsten Morgen wurde Helena um sechs Uhr von einem penetrant schrillenden Wecker aus dem Schlaf gerissen. Schlaftrunken tappte sie ins Bad, duschte, putzte sich die Zähne, setzte Kaffeewasser auf und weckte Sara.
Ehe die Kleine in die Schule gekommen war, hatte sie regelmäßig den frühen Morgen zur Spielstunde gemacht. Zu Pauls und Helenas Leidwesen allerdings nicht in ihrem Kinderzimmer, sondern im Schlafzimmer der Eltern. An Ausschlafen war also nicht einmal an den Wochenenden zu denken gewesen.
Seit Sara jedoch aufstehen musste, hatte sie sich in eine Langschläferin verwandelt und war kaum aus den Federn zu bekommen. Auch jetzt blinzelte sie nur, vergrub das Köpfchen schnell wieder unters Kissen und rührte sich nicht.
»Spatz, aufstehen!« Helena rüttelte sie leicht an der Schulter. »Frühstück ist fertig ...«
»Hab' keinen Hunger, und außerdem hab' ich Fieber und kann nicht in die Schule gehen.«
Helena legte ihr rasch die Hand auf die Stirn, sie war kühl. Sara war wie alle Erstklässler zunächst eine begeisterte Schülerin gewesen. Endlich gehörte sie zu den Großen und durfte etwas lernen. Seit dem Tod ihres Vaters jedoch klammerte sie sich mehr und mehr an ihre Mutter. Wich keine Sekunde lang von ihrem Rockzipfel, ließ Helena kaum aus den Augen, als habe sie Angst, dass auch ihr etwas Schlimmes passieren würde, sobald sie sich auch nur für einen Moment trennen mussten.
»Sara, du hast kein Fieber. Und ich muss in die Firma. Jetzt steh schon auf, bitte!«
Sara verzog das Gesicht und schälte sich so schwerfällig aus den Kissen, als sei sie eine sehr, sehr alte Frau.
»Wenn's sein muss«, murrte sie und schlich mit gesenktem Kopf ins Badezimmer. Ihr ganzer Körper drückte Unwillen aus. »Aber ich bin wirklich krank, ganz, ganz ehrlich.«
Helena folgte ihr und nahm sie fest in die Arme. So würde sie wohl wieder zu spät zur Arbeit kommen, aber was machte das schon? Jetzt ging es um Sara, die ihren Papi so vermisste.
»Du bist nicht krank, Schatz.« Helena hauchte einen Kuss auf Saras Stupsnäschen, während sie sich auf das konzentrierte, was sie ihr sagen wollte.
Es war so schwer, die richtigen Worte zu finden. Worte, um einer Sechsjährigen etwas zu erklären, für das es keine Erklärung gab. Den plötzlichen und vor allem sinnlosen Tod ihres Papis. Aber war der Tod nicht immer sinnlos? Vor allem der eines noch jungen Menschen?
Wenn Paul krank gewesen wäre, dann hätte sie, Helena, sich wenigstens darauf einstellen können, irgendwie hineinwachsen in die ausweglose Situation. Aber wenn schon sie als Erwachsene Schwierigkeiten hatte, damit fertigzuwerden, wie erging es dann erst einem Kind?
»Bin wohl krank!«, beharrte Sara trotzig.
»Schätzchen, du bist nicht krank, nur traurig, weil dir dein Papi fehlt.«
»Papi ist gemein, und ich hasse ihn!« Das kam so unvermittelt und heftig, dass Helena zusammenzuckte.
»Warum hasst du deinen Papi, warum ist er gemein?«
»Weil er weggegangen ist und uns alleingelassen hat. Und dich hasse ich auch, weil du arbeiten gehst. Nur darum muss ich in den blöden Hort und ...« Nun weinte Sara, und ihr zarter Körper wurde von heftigen Schluchzern geschüttelt.
Ohne es zu wissen, hatte Sara ein weiteres Argument seiner Großeltern angeführt:
»Wenn die Kleine bei uns wäre, dann müsste sie nicht in den Hort. Grauenhaft, ein Kind an eine Institution abzuschieben. Das hätte es bei uns niemals gegeben. Aber du musst ja arbeiten gehen ...«
»Natürlich muss ich das, und ich bin meinem Chef dankbar, dass er aus der Halbtags- eine Ganztagsstelle gemacht hat.«
»Schon der halbe Tag war zu viel. Eine Mutter hat zu Hause zu sein und sich um ihr Kind zu kümmern.«
»Was soll das? Sara hat nur im Hort gegessen. Und für mich war es wichtig, wenigstens einen halben Tag lang zu arbeiten. Paul war ständig unterwegs und ich nicht ausgefüllt. Und jetzt muss ich ganztags arbeiten, weil euer Sohn weder mich noch die Kleine abgesichert hat.«
»Das ist ja die Höhe, Paul auch noch schlechtzumachen, ihm die Schuld dafür in die Schuhe zu schieben, dass du genusssüchtig bist, immer mehr wolltest, ihn mit der Peitsche in den Tod getrieben hast ...«
Nein, es hatte keinen Sinn, mit ihren Schwiegereltern zu sprechen. Sie waren so verbittert über den Tod ihres einzigen Sohnes, dass sie nicht mehr klar denken konnten.
Manche Menschen verdrängten ihren Kummer und ihre Trauer. Andere wiederum lebten ihre Gefühle aus, weinten und zeigten ihre Verzweiflung.
Clara und Herbert Herzog jedoch hatten einen anderen Weg gewählt: den Hass. Und er richtete sich einzig und allein gegen Helena, die unerwünschte Schwiegertochter.
Zugegeben, sie waren nie besonders gut miteinander ausgekommen. Aber Helena war inzwischen sicher, dass keine Frau Gnade vor ihren Augen gefunden hätte. Denn wie liebenswert und tüchtig sie auch gewesen wäre, sie hätte immer das Unverzeihliche getan – Clara und Herbert ihren Sohn weggenommen.
So weit so gut. Aber dass nun auch Sara den Zorn wählte, um mit dem Tod ihres Vaters fertigzuwerden, das tat Helena weh.
Sie versuchte, der Kleinen mit einfachen Worten zu erklären, dass Paul sie beide nicht absichtlich verlassen hatte, dass ihm nichts lieber gewesen wäre, als bei ihnen bleiben zu dürfen. Und sie erklärte ihr, warum sie arbeiten musste.
»Du weißt, Schatz, dass Oma und Opa gern für dich sorgen würden ...«
»Ich will aber bei dir bleiben, Mami«, schrie Sara auf. »Gib mich nicht weg, bitte! Ich geh' auch in die Schule und in den Hort ...«
»Ach, Spätzchen!« Helena drängte die Tränen zurück, die schon wieder in ihren Augen brannten. »Und ich verspreche dir, dass wir beide immer zusammenbleiben. Ich hab' dich nämlich sehr, sehr lieb.«
»Ich dich auch, Mami!« Sara schlang ihr die dünnen Ärmchen um den Hals und schmiegte sich fest an sie. »Ich hab' dich auch so lieb ...«
♥♥♥
Helena war Buchhalterin in einem mittelgroßen Textilbetrieb. Sie mochte ihre Arbeit. Denn solange sie sich mit Zahlen beschäftigte, musste sie nicht an Paul denken. Und das wiederum tat unendlich gut, entkrampfte und gab ihr die Kraft, trotz aller Sorgen weiterzumachen.
