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»Sagen Sie mir eins ...« Fragend sah Antonia den attraktiven Mann an. »Warum wollen Sie sich unbedingt verloben?«
»Ich will nicht, ich muss mich verloben«, verbesserte Daniel Paquin ernst. »Die Sache ist folgendermaßen: Mein Onkel Henry ist sehr krank und weiß, dass er bald sterben muss. Aber da er mich für einen nichtsnutzigen Playboy hält, dem er nie und nimmer sein Vermögen anvertrauen würde, werde ich nur als Alleinerbe eingesetzt, wenn ich noch vor seinem Tod eine seriöse Verlobte vorweisen kann - und ich glaube, dass Sie dafür absolut geeignet sind.«
»Was macht Sie da so sicher?«, brachte Antonia mühsam beherrscht hervor.
»Die Antwort darauf ist ganz einfach«, entgegnete Daniel Paquin mit einem süffisanten Lächeln. »Sie sind nicht mein Typ - so besteht nicht die Gefahr, dass ich mich in Sie verliebe!«
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Seitenzahl: 135
Veröffentlichungsjahr: 2023
Cover
Gib doch zu, dass du mich liebst!
Vorschau
Impressum
Gib doch zu, dass du mich liebst!
Wenn aus Spiel plötzlich Ernst wird
Von Nicole Darius
Sagen Sie mir eins ...« Fragend sah Antonia den auffallend attraktiven Mann an. »Warum wollen Sie sich unbedingt verloben?«
»Ich will nicht, ich muss mich verloben«, verbesserte Daniel Paquin ernst. »Die Sache ist folgendermaßen: Mein Onkel Henry ist sehr krank und weiß, dass er bald sterben muss. Aber da er mich für einen nichtsnutzigen Playboy hält, dem er nie und nimmer sein Vermögen anvertrauen würde, werde ich nur als Alleinerbe eingesetzt, wenn ich noch vor seinem Tod eine seriöse Verlobte vorweisen kann – und ich glaube, dass Sie dafür absolut geeignet sind.«
»Was macht Sie da so sicher?«, brachte Antonia mühsam beherrscht hervor.
»Die Antwort darauf ist einfach«, entgegnete Daniel Paquin mit einem süffisanten Lächeln. »Sie sind nicht mein Typ – so besteht nicht die Gefahr, dass ich mich in Sie verliebe!«
Das Wetter war ein Albtraum. Schwarze Wolken senkten sich wie Trauerflor über die Häuser, die grau in grau erstarrt zu sein schienen. Sturmböen fegten neue Schneemassen auf die vereisten Straßen.
Der Verkehr kam fast völlig zum Erliegen. Und das in der morgendlichen Rushhour. Autoschlangen schoben sich rutschend und nervös hupend durch die Innenstadt.
Antonia war froh, als sie den Häuserdschungel endlich hinter sich gelassen hatte und die Landstraße erreichte. Allerdings wurden die Schneeverhältnisse da auch nicht besser. Im Gegenteil. Die Fahrbahn war nicht geräumt, und die junge Frau kam sich vor wie ein ungeübter Schlittschuhläufer auf blankem Eis. Obwohl sie Gaspedal, Bremse und Kupplung unter Kontrolle hatte, taten die Reifen nur selten das, was Antonia von ihnen wollte.
Dazu kamen die wirbelnden Schneeflocken, die im Scheinwerferlicht blendeten, auf der Frontscheibe zu kleinen Klumpen verschmolzen und haften blieben. Das gleichmäßige Klacken der Scheibenwischer war ebenso eintönig wie das Ticken einer alten Standuhr und ebenso einschläfernd.
Ein paar Minuten lang glitt ein Zug durch die Morgendämmerung. Eine anheimelnde Kette goldgelber Lichtvierecke.
Antonia stellte sich vor, wie gemütlich es jetzt da drin gewesen wäre. Vielleicht im Zugrestaurant, plaudernd, den Geruch starken Kaffees in der Nase, den Geschmack auf den Lippen, die Wärme brennend im ganzen Körper und die aufputschende Wirkung im Kopf. Dazu noch ein knuspriges Körnerbrötchen mit Marmelade. Sie liebte Marmeladenbrötchen, vor allem Erdbeermarmelade mit ganzen Früchten.
Antonia kramte im Handschuhfach nach einem Bonbon. Ein magerer Ersatz für die Frühstücksköstlichkeiten, von denen sie gerade träumte.
Sie hätte den Zug nach Rosenheim nehmen können. Eine Stunde Bequemlichkeit statt dieser endlosen Quälerei auf eisiger Fahrbahn. Aber dann hätte ihre Freundin Gitti sie vom Bahnhof abholen müssen, und das wiederum wollte Antonia vermeiden. Denn für Gitti, die zwei kleine Söhne hatte, bedeutete das einen mordsmäßigen Aufwand. Vor allem im Winter, wenn die Jungen erst einmal dick eingepackt werden mussten.
Außerdem war man mit dem Auto unabhängiger und beweglicher. Sehr viel beweglicher, verdammt, jetzt waren die Reifen beinahe wieder unter der Karosserie weggerutscht. Sie musste sich konzentrieren, schaltete das Radio ein und die Heizung niedriger.
Allmählich begann Antonia, sich an die Straßenverhältnisse zu gewöhnen. Blues breitete sich in melodischen Wellen im Innern ihres Wagens aus. Wie die Schwingen eines Vogels, der sich durch die Lüfte tragen ließ. Davonfliegen, das wäre jetzt schön. Nach Süden, irgendwohin, wo es warm war, die Palmen sich leise im Wind wiegten, das Meer seine eigene Melodie komponierte und Träume nicht weit fort, sondern zum Greifen nah waren.
Vielleicht sogar verliebt sein, ein klein wenig nur, denn zu einer richtigen Beziehung hatte Antonia keine Lust. Die brachte nur Ärger, Eifersucht und Alltagsnörgeleien ein. Doch gegen eine kleine romantische Liebe mit Herzklopfen und Prickeln von den Zehen- bis zur Nasenspitze hätte sie nichts einzuwenden gehabt.
»Hatschi!« Dass ihre Nase aber auch alles so wörtlich nehmen musste. »Hatschi!«
Die Hinterräder rutschten weg, und sie wachte endgültig auf. Auf der Eisdecke bildete sich ein nasser Film, der Wind heulte wie ein Rudel hungriger Wölfe und versuchte sie von der Straße zu drücken. Antonia hielt das Steuer fest und nahm etwas Gas weg.
Im Rückspiegel blendeten zu hoch eingestellte Scheinwerfer. Laserstrahlen, die sie aufs Korn nahmen. Der Sportwagen fuhr viel zu dicht auf und klebte dann wie Kaugummi an ihr.
»Idiot!«, schimpfte Antonia, wobei sie wütend in den Rückspiegel sah. »Rindvieh, Trottel!« Es tat gut, wieder einmal ihr ganzes Repertoire an Schimpfworten loszuwerden – das entspannte ungemein. »So nah aufzufahren, wenn man nichts sieht! Idiot, blöder!«
Bei guten Straßenverhältnissen hätte sie dem Fahrer einen Denkzettel verpasst und ihn ausgebremst. Stattdessen tippte sie nur leicht auf die Bremse und fuhr nach rechts. Sollte er doch überholen, der Trottel.
Als der Sportwagen jedoch tatsächlich überholen wollte, gab sie wieder Gas, fuhr nach links, weil sich die Reifen beinahe in den eingefahrenen Rillen verheddert hätten. Nun klebte der »Trottel« nicht nur an ihrer Stoßstange, sondern auch noch auf seiner Hupe.
Mein Gott, hatte sie diese Typen gefressen. Schwenkten ihre Statussymbole wie Napoleon einst die Trikolore und glaubten, jede Schlacht damit gewinnen zu können. Hoffentlich landeten sie auch alle einmal auf irgendeiner Insel, wo sie niemanden mehr belästigen und in gefährliche Situationen bringen konnten.
Antonia gab Gas. Gewann an Vorsprung. Irgendwo blitzte es, Donnergrollen, ein Wintergewitter. Antonia hasste Gewitter, war nun auch auf das Wetter wütend und gab noch mehr Gas. Der Sportwagen blieb dicht hinter ihr. Sie würde ihn aufschreiben, Anzeige erstatten. Sie schielte in den Rückspiegel, Schnee wirbelte auf, verdeckte das Nummernschild – Mist!
Seitenböen rüttelten an ihrem Wagen, als wollten sie ihn aus der Bahn werfen. Antonia bremste vorsichtig. Sie war doch nicht verrückt! Der Typ trieb sie ja an wie ein Eseltreiber sein müdes Maultier.
Der Sportwagen blieb zurück, fuhr nach links und überholte – endlich. Ihr knurrte der Magen. Sie hatte noch nicht gefrühstückt, wollte eigentlich mit Gitti frühstücken. In ihrem gemütlichen Erker und ihrer Heileweltatmosphäre.
Es tat jedes Mal gut, mit der Freundin zusammenzusitzen, aus ihrem heimeligen Familienleben Kraft zu schöpfen und dann wieder für den Einzelkampf des Singledaseins gerüstet zu sein.
Antonia fuhr jetzt siebzig Stundenkilometer. Ihr war heiß, und vom Nacken aus kroch der Schmerz hässlich und klammernd über den Hinterkopf bis zur Stirn. Sturm und Schneeregen nahmen zu. Rechts Felder, links Wald. Alles weiß, grau, eintönig.
Ein Wagen überholte sie so knapp, dass schon der Luftdruck sie zum Schlingern brachte. Verdammt, sie war noch zu jung zum Sterben. Im selben Augenblick entdeckte sie den Sportwagen. Offensichtlich von der Fahrbahn abgekommen, hing er jetzt an einer leichten Böschung, wie ein hilflos zappelnder Käfer.
Antonia spürte Schadenfreude in sich aufsteigen, unterdrückte sie, bremste vorsichtig, weil ja etwas Ernstes passiert sein konnte. Das andere Auto war weitergefahren. Natürlich, er hatte ja vorher schon keine Zeit für das Nächstliegende gehabt, und das war nun einmal, bei so einem Wetter das Tempo zu drosseln.
»Hallo, ist alles in Ordnung?«, rief Antonia. Keine Antwort. Sie warf einen Blick in das Wageninnere. Von dem Fahrer keine Spur. Sie sah sich um. Vielleicht lag er irgendwo schwer verletzt abseits. »Hallo, kann ich helfen?«
In diesem Moment tauchte eine dunkle Gestalt, sichtlich wohlbehalten, hinter einer Baumgruppe auf.
»Und ob Sie das können.« Die dunkle Gestalt entpuppte sich als ein gut aussehender, recht unbekümmert wirkender junger Mann. »Sie können sich hinters Steuer setzen, und ich versuche, den Karren wieder auf die Beine zu kriegen.« Sein Blick fiel auf ihren Wagen. Er grinste. »Ah, die Schnecke von vorhin.«
»Sind Sie in Ordnung?«, fragte Antonia sichtlich abgekühlt.
»Und ob ich das bin. Mich bringt so schnell nichts um.«
»Dann ist es ja gut«, sagte sie und schlenderte gelassen zu ihrem Auto. »Dann schaffen Sie es bestimmt, Ihren Wagen allein aus dem Schnee zu ziehen.« Sie öffnete die Wagentür.
»Spielen Sie nicht die beleidigte Leberwurst. Ihnen ist schließlich ausgleichende Gerechtigkeit widerfahren. Ich bin es doch, der im Straßengraben hängt.«
»Ich hoffe, dass Sie sich den Hintern abfrieren«, entgegnete Antonia wütend. Sie zog die Fahrertür mit einem lauten Knall zu, schnallte sich an, gab Gas und ließ den etwas fassungslos dreinschauenden Mann seelenruhig auf seinem »kleinen Missgeschick« sitzen.
♥♥♥
»Du hättest wenigstens bei einer Tankstelle halten und jemanden zu dem armen Kerl schicken können«, meinte Gitti warmherzig, wie sie nun einmal war. Sie saß wie immer entspannt auf der Eckbank ihres Esszimmers.
Von der gläsernen Fensterfront des Erkers aus wirkte sogar das Schneematschwetter gemütlich. Ein offener Bogen führte ins Wohnzimmer mit seinem alten Kachelofen, der Wärme und anheimelndes Knistern des Feuers gleichmäßig verteilte.
»Armer Kerl!«, protestierte Antonia und biss genüsslich in das Marmeladenbrötchen, nach dem sie sich während der Fahrt so sehr gesehnt hatte. »Dieser Typ hat mich in Lebensgefahr gebracht. Du ahnst gar nicht, wie gut das meiner Seele tut, hier bei dir an diesem herrlichen Frühstückstisch zu sitzen und zu wissen, dass er draußen in der Kälte friert.«
Gitti setzte ihren strengen Schulpsychologenblick auf. Ehe sie geheiratet und Kinder bekommen hatte, war sie dem Schuldienst sehr erfolgreich verschrieben gewesen.
Selbst Knirpse, mit denen die eigenen Eltern nicht fertig wurden, waren bei Gitti handzahm geworden. Und das lag nicht nur an ihrem hübschen Gesicht, dem blonden Haar und den blauen Augen, sondern an ihren außerordentlichen pädagogischen Fähigkeiten.
»Du hättest auch Raubtierdompteurin werden können«, sagte Antonia bewundernd, weil sie sich so gar nicht vorstellen konnte, auch nur mit einem Kind fertig zu werden.
»Du lieber Himmel«, antwortete Gitti, »bei deiner Einstellung werde ich wohl nie deine Trauzeugin.«
»Wirst du auch nicht«, antwortete Antonia.
Womit sie wieder beim Thema waren. Seit Jahren wollte Gitti das schaffen, was Antonias Eltern schon längst aufgegeben hatten: sie unter die Haube zu bringen.
In der heutigen Zeit standen die Heiratskandidaten zwar nicht mehr am Straßenrand, mit dem Daumen im Wind und warteten darauf, von einer netten Frau zum Traualtar geführt zu werden, aber der eine oder andere Kandidat war schon am Horizont aufgetaucht.
Aber Antonia hatte jeden in die Flucht geschlagen, ehe er noch mit Blumenstrauß und Verlobungsring um ihr zartes Händchen anhalten konnte. Sie war nun einmal ein überzeugter Single.
»Was soll ich mit einem Mann? Da könnte ich mir gleich Handschellen anlegen lassen. Wie ich damit allerdings die Unordnung bewältigen soll, die so ein Mann macht, das hat mir noch keiner verraten.«
»Es gibt Männer, die im Haushalt helfen.«
»Wo? Ich kenne nur Profidrückeberger. So nach dem Motto: Wir teilen alles. Ich sorge für den Dreck, und du schaffst ihn weg.«
»Erzähl mir mal von deinem Vater.« Gitti setzte ihren Hauspsychologenblick auf. »Wie stehen deine Eltern zueinander.«
»Gitti, du kannst mich weder therapieren noch überzeugen. Ich will nicht heiraten und damit basta.«
»Was willst du dann? Ich meine vom Leben?«
»Unabhängig sein. Ein Modeatelier aufbauen, traumhafte Kleider entwerfen, reisen ...«
»Und wie willst du das finanzieren?«
»Mir wird schon was einfallen.« So wenig sie von Männern im Allgemeinen und der Ehe im Besonderen hielt, so überzeugt war sie von sich selbst. Ihrer Meinung nach war sie ohnehin der einzige Mensch, auf den sie sich verlassen konnte. »Jetzt hab ich erst einmal meinen Schneidermeister gemacht ...«
»Und Kinder? Antonia, du wirst sehr einsam sein, wenn du alt bist.«
»Als ob ein Mann und Kinder heutzutage eine Garantie wären, dass man nie einsam sein wird. Jede dritte Ehe wird geschieden, und die Kinder? Die haben Besseres zu tun, als sich um ihre alte Mutter zu kümmern.«
»Aber du hast es zumindest versucht.«
»Ehrlich, Gitti, ich bin gern bei dir, um aufzutanken, aber nicht, um Moralpredigten zu hören.«
Gitti betrachtete Antonia lange und intensiv. Sie hatte dunkles Haar, ein anziehendes Gesicht und meergrüne Augen. Die Augen faszinierten am meisten, in ihnen kündigte sich das Unwetter schon an, ehe es in einem Wortschwall über einen hereinbrach. Aber in ihnen spiegelten sich auch Sonne, Mond und Sterne, wie ein sehr verliebter Mann es einmal ausgedrückt hatte.
»Du hast einen Dickschädel«, sagte sie schließlich.
»Mit dem ich Wände zum Einstürzen bringen kann, und deshalb, meine Liebe, finde ich auch einen Weg, um an das nötige Kleingeld für ein Modeatelier zu kommen. Und wenn er mich zur Bank führt ...«
Das war eine weitere Eigenart in Antonias Wesen. Sie verabscheute das, wovon ein großer Teil der heutigen Menschheit lebte, und sie verabscheute Bankkredite.
»Sind doch alles Halsabschneider mit ihren Zinsen. Man wird so abhängig von ihnen, dass man ohne sie nicht mal mehr zu atmen wagt. Und wenn sie einen dann so weit haben, dann schnüren sie einem die Luft ab.«
»Übersteigerte Freiheitsliebe nennt man das«, meinte Gitti.
»Ich nenne es die einzige Möglichkeit, zu überleben und ich selbst bleiben zu können.«
Gitti seufzte. Es hatte keinen Sinn, länger mit Antonia über ihre Beziehungsängste und andere Neurosen zu diskutieren. Gleich würde ihre Mutter die Buben bringen. Und Maxl und Benedikt würden Antonia mit ihrem Temperament nur noch in ihrer Überzeugung bestärken.
»Ich bin wirklich gespannt, wie du zu deinem Modeatelier kommst«, sagte sie schließlich.
»Mir wird schon was einfallen, mir ist noch immer etwas eingefallen.« Antonia lächelte, und es war ein bezauberndes, sehr zuversichtliches Lächeln.
♥♥♥
Antonia ging alles auf die Nerven. Das Wetter hatte sich noch immer nicht gebessert. Trübsinnig hingen die Wolken über den Dächern und erinnerten an bärtige alte Männer, die mit Triefaugenblick über die Vergangenheit sinnierten.
Nicht einmal das gemütliche Chaos in ihrer Wohnung, das einem gewissen System unterlag, konnte Antonia aufmuntern. Auf der rechten Seite ihres Doppelbettes stapelten sich Bücher und Modezeitschriften, vielleicht ein unbewusster Ausdruck, dass ein Mann an ihrer Seite unerwünscht war.
Auf dem Fußboden bildeten Schnittmusterbogen und Entwürfe ein unvollständiges Mosaik. Daher erforderte es eine gewisse Geschicklichkeit, vom Flur ins Wohnzimmer und vom Wohnzimmer ins Schlafzimmer zu kommen. Und da Männer sich oft wie Elefanten im Porzellanladen benahmen, durften sie Antonias Wohnung schon lange nicht mehr betreten.
In diesen tristen Wintertagen beschlich sie jedoch hin und wieder ein seltsames Gefühl. So als fehle etwas in ihrem Leben. Vor allem, wenn die Wohnung so entsetzlich still, wie in Watte gepackt, und isoliert war.
An den Sonntagen war es besonders schlimm. Da starrte sie das Telefon an, als könnte es auf subtile Beschwörungsformeln reagieren und gleich jemanden veranlassen, bei ihr anzurufen. Doch an den Sonntagen rief nur selten jemand an. Alle ihre Freundinnen hatten sich von Männerhand in Beziehungskisten stecken lassen oder waren im Hafen der Ehe gelandet. Und der Sonntag war nun einmal Familientag.
Im Sommer war das nicht so schlimm, da orientierte man sich ohnehin nach draußen. Man konnte im Straßencafé sitzen, interessierte Männer wie lästige Fliegen abwimmeln, was zumindest einen gewissen Beschäftigungswert hatte. Oder man konnte mit sich selbst über geschmacklos gekleidete Frauen lästern und sich überlegen, was man für sie entwerfen könnte.
Im Winter aber blieb nur ein sonntäglicher Sparringspartner übrig, der Fernseher. Antonia ringelte sich also auf ihrer Couch zusammen, spielte auf der Fernbedienung wie auf den Tasten eines Klaviers und entlockte ihr zwar keine Töne, aber rasch aufeinanderfolgende Bildsequenzen. Es gab jedoch keinen einzigen Film, der sie interessierte.
Ihre Augen wanderten zum Fenster. Es schneite noch immer. Rasch stand sie auf, ließ die Jalousien herunter und ringelte sich wieder auf der Couch zusammen.
Manchmal gab es schon Momente, da wünschte sie sich ... Doch gegen diese heimtückischen Augenblicke im Leben einer Singlefrau gab es ein Patentrezept, eines, dass jeden romantischen Gedanken in Sekundenschnelle wieder auslöschte: Partnerschaftsanzeigen lesen. Es war ganz schön armselig, wie halbwegs vernünftige Menschen dem vermeintlichen Liebesglück hinterherhechelten.
Antonia schlug also eines der vielen Zeitgeistmagazine auf, die in den Großstädten ihr Unwesen trieben. Was stand da?
Er, dreißig, albern, intelligent, dumm, erfolgreich, wenig Zeit, sportlich, kreativ, zärtlich, boshaft, arrogant, etc. Ich weiß nicht, warum ich die passende Frau nicht finde ...
»Ich schon«, murmelte Antonia mit diabolischem Lächeln. »Ich schon.«
Ihre Augen wanderten ein paar Zeilen weiter und stießen auf eine Anzeige, bei der man hätte schwach werden können, wenn man anfällig gewesen wäre. Zum Glück hatte sie mit diesem Problem nicht zu kämpfen.
Sinfonie der Sinne! Romantischer Solist sucht sein Pendant für ein Duett, bei dem keiner die zweite Geige spielt. Because for the world you are someone, but for someone you are the world!
Traumverloren blieben ihre Augen an der Jalousie hängen, die ihr jetzt den Blick ins Weite versperrte.
»Denn für die Welt bist du nur irgendjemand«, wiederholte Antonia leise und ließ die Worte auf der Zunge zergehen, wie sonst nur die Marmelade vom Marmeladenbrötchen. »Aber für irgendjemanden bist du die ganze Welt.«
