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Emil ist ein unglückliches Kind - und das, obwohl er von seinen Eltern über alles geliebt, verwöhnt und beschützt wird.
Doch gerade diese "Liebe" nimmt dem Sechsjährigen die Luft zum Leben. Er fühlt sich in seinem aufgeräumten Kinderzimmer wie in einem Gefängnis. Emil weiß zwar, dass er als Diabetiker gewisse Regeln einhalten muss - aber muss er deswegen auf alles verzichten, was Kindern Spaß macht? Mit dem Rad herumsausen, so schnell wie der Wind! Brüllen und schreien, wenn eine Schneeballschlacht tobt! In Pfützen springen und schmutzig nach Hause kommen!
Ja, Emil will es allen zeigen, dass er auch ein normaler Junge ist. Und so macht er sich eines Morgens auf, um die Welt zu erobern. Aber eins hat der kleine Junge vergessen: das lebensnotwendige Insulin ...
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Seitenzahl: 106
Veröffentlichungsjahr: 2022
Cover
Einmal sein wie andere Kinder
Vorschau
Impressum
Einmal sein wie andere Kinder
Ein zuckerkranker Junge und die große Sehnsucht nach Unbeschwertheit
Von Nicole Darius
Emil ist ein unglückliches Kind – und das, obwohl er von seinen Eltern über alles geliebt, verwöhnt und beschützt wird.
Doch gerade diese »Liebe« nimmt dem Sechsjährigen die Luft zum Atmen. Er fühlt sich in seinem aufgeräumten Kinderzimmer wie in einem Gefängnis. Emil weiß zwar, dass er als Diabetiker gewisse Regeln einhalten muss – aber muss er deswegen auf alles verzichten, was Kindern Spaß macht? Mit dem Rad herumsausen, so schnell wie der Wind! Brüllen und schreien, wenn eine Schneeballschlacht tobt! In Pfützen springen und schmutzig nach Hause kommen!
Ja, Emil will es allen zeigen, dass er auch ein normaler Junge ist. Und so macht er sich eines Morgens auf, um die Welt zu erobern. Aber eins hat der kleine Junge vergessen: das lebensnotwendige Insulin ...
Emil träumte. Er war ein Zirkusakrobat. Elf Meter hoch schwebte er über den Köpfen der Zuschauer, die jetzt nur noch bunte Punkte auf Holzbänken waren. Winzig klein und keine brummigen Erwachsenen. Er, Emil, war der Star.
Sprung und zack – ein Salto mortale nach dem anderen – ohne Netz und ohne Halteseil. Das Publikum applaudierte, steigerte sich in einen wahren Begeisterungstaumel. Noch einmal. Sprung und zack! Sprung und zack! Fast wäre er am Fänger vorbei gewirbelt! Das war gerade noch einmal gut gegangen. Und die Leute staunten! Was für ein Held! Er, Emil, war der gefeierte Star des legendärsten Zirkus der Welt!
»Emil!« Die Rufe wurden lauter. »Emil, mach sofort die Tür auf! Hörst du, Emil? Mach die Tür auf! Bitte! Du hast mich ausgesperrt! Der Schlüssel steckt!«
Emil träumte. Jetzt war er ein Dompteur. Der Zentralkäfig in der Mitte der Manege trennte ihn vom Publikum im Zirkuszelt. Er war allein, stand zwischen Tigern, Löwen und Leoparden. Ein Tusch. Er verneigte sich. Sein Körper glänzte braun, und er hatte Muskeln, die man unter seinem knappen Glitzeranzug sah. Die Menge hinter den hohen Gittern hielt den Atem an, als er seine Nummer begann. Er war der Held, er war der König der Manege ...
»Emil, hörst du mich?« Das Trommeln an der Tür und die Stimme seiner Mutter wurden lauter, ängstlicher. »Du brauchst dein Insulin! Du bist schon eine halbe Stunde über der Zeit. Emil, mach auf!« Jetzt fing sie an zu schmeicheln. »Emil, du bist doch schon ein großer Junge. Du kriegst auch keinen Ärger. Es kann jedem mal passieren, dass man die Tür zuwirft. Aber du musst mir jetzt aufmachen!«
Emil träumte. Jetzt war er ein Feuerschlucker und zog alle und jeden in seinen Bann. Ein wahres Feuerwerk flammte aus seinem Mund und schoss in die Manege. Die Flammen schlugen um sich, wurden höher und höher. Frauen, Männer und Kinder schrien auf. Die Flammen erreichten jetzt beinahe die Zirkuskuppel. Die Sirenen der Feuerwehr heulten. Die Menschen sprangen auf, standen auf den Sitzen, hielten sich ängstlich umschlungen. Emil schlug Flammen, machte das herrlichste Feuer, das die Welt je gesehen hatte. Die Feuerwehrmänner stürmten in die Manege, schleppten einen langen Schlauch.
Emil hob nur die linke Braue, lächelte sie überlegen an, löschte das Feuer mit einem Hauch und fragte: »Was soll denn die Aufregung, Männer?«
Das Publikum tobte. Emil war der Held. Emil war der Star des Zirkus.
In diesem Moment wurde er aus seinen Träumen gerissen und in die Gegenwart zurück geschleudert. Seine Mutter hatte den Schlüsseldienst geholt und stand vor seinem Bett, in dem er es sich gemütlich gemacht hatte. In den weichen Kissen ließ es sich so schön träumen. Und wenn Emil träumte, sah und hörte er nichts.
Sie hatte den verhassten Insulinpen in der Hand, dessen Nadel Emil in diesem Moment überdimensional groß erschien. Nachdem sie bei ihrem Sohn den Blutzucker gemessen hatte, strich sie über die Einstichstelle am Oberschenkel und stach zu. Wie immer hatte er das Gefühl, von einer Hornisse gestochen zu werden. Das war nichts im Vergleich zu dem kleinen Stich zuvor am Finger. Er zuckte zusammen.
»Warum hast du nicht aufgemacht?«, fragte Sabrina Schwarz vorwurfsvoll.
Die Angst war ihr noch anzusehen.
»Wieso aufgemacht?« Emil verstand nicht.
Er war sechs Jahre alt, aber für sein Alter sehr klein und sehr zart. Die übergroßen Augen wirkten in dem blassen Gesicht fast so golden wie das lockige Haar.
Sabrina nahm ihren Sohn in die Arme und wiegte ihn zärtlich. Emil ließ es geschehen. Er war zu schwach, um sich gegen seine energische Mutter zu behaupten. Und Sabrina wurde sehr energisch, wenn es darum ging, ihren Sohn zu umarmen und zu küssen.
»Du hast mich ausgesperrt, du kleiner Schatz«, tadelte sie und versuchte, ruhig zu werden. »Ich wollte nur schnell zum Briefkasten die Post holen. Den Schlüssel hab ich stecken lassen.«
»Es war kalt«, antwortete Emil. »Da hab ich einfach die Tür zugemacht.«
»Mein Liebling, was hätte nicht alles passieren können?«
Sie wagte nicht, es sich auszumalen. Emil brauchte das Insulin so notwendig. Er war Diabetiker.
»Aber das mit der Spritze kann ich doch auch allein machen.«
Emil versuchte, zum hundertsten Mal seiner Mutter klarzumachen, dass er kein Baby mehr war, sondern ein fast großer Junge von sechs Jahren.
»Nein, nein«, antwortete sie hastig und legte die Lippen leicht auf sein dunkles Strubbelhaar. »Damit warten wir noch ...«
»Aber wenn ich in die Schule gehe ...«
»Wenn du in die Schule gehst, dann können wir darüber reden.«
»Dann müssen wir darüber reden«, betonte Emil und sah sie sehr ernst an. »Ich möchte in die Schule gehen, Mami. Wann darf ich endlich?«
Die Schule. Sabrina und Gregor Schwarz weigerten sich, ihren Sohn dieser feindlichen Welt auszuliefern, die in ihren Augen so gar nicht wusste, wie sie mit einem Diabetiker umzugehen hatte. Außerdem hatten sie dann keine Kontrolle mehr darüber, was und wann Emil aß. Ein Leben nach Stunden- und Diätplan, das war das Leben eines Zuckerkranken, auch wenn er erst sechs Jahre alt war.
♥♥♥
»Sie müssen Emil zu mehr Selbstständigkeit erziehen«, forderte Gustav Ahrens, der Hausarzt, jedes Mal.
»Aber doch nicht mit sechs!«, erwiderte Sabrina dann.
»Doch, gerade mit sechs Jahren!«
Gustav Ahrens war ein Mann, der auffiel. Er war groß und hatte einen gewaltigen Bauchumfang. Außerdem liebte er alles Glitzernde. So funkelte ein riesiger Kristallleuchter von der Decke seines Sprechzimmers, und es glitzerte an seinem Handgelenk, an seinen Fingern und an seinem Hals. Ein Umstand, der ihn vor allem bei Babys sehr beliebt machte.
»Emil muss endlich lernen, für seine Krankheit Verantwortung zu übernehmen. Oder wie lange wollen Sie noch mit der Einschulung warten?«
Noch eine Ewigkeit!, hätte Sabrina ihm am liebsten geantwortet, doch sie hatte geschwiegen.
»Mami, darf ich heute mit Luca Rad fahren gehen?«
»O Gott! Radfahren!« Sie war entsetzt, auf welche Ideen Emil in letzter Zeit kam. »Du darfst dich nicht überanstrengen, das weißt du genau. Warum lädst du Luca nicht einfach zu uns ein. Ihr könnt im Garten spielen ...«
Da kann ich dich wenigstens im Auge behalten, setzte sie in Gedanken hinzu.
»Luca hat keine Lust, zu uns zu kommen«, antwortete Emil traurig. »Bei uns gibt es nie Schokolade oder Kakao. Immer nur die blöden Diätsachen!«
Jetzt war er wütend, und wenn Emil wütend war, wollte er nichts mehr von dieser blöden Welt sehen. Er versteckte den Kopf unter dem Kissen und schimpfte vor sich hin.
Sabrina stand auf und seufzte.
Es war schwer für Emil, das sah sie ja ein. Aber er war das einzige Kind, das sie und Gregor hatten, und er würde das einzige Kind bleiben. Sie konnte keine Kinder mehr bekommen. Vor einem Jahr war ihr die Gebärmutter entfernt worden. Endometriose, eine Versprengung und Wucherung der Gebärmutterschleimhaut, war die Diagnose gewesen. Nach Entfernung der Endometriose-Herde waren die Wucherungen schnell wieder nachgewachsen, die Entfernung der Gebärmutter war unumgänglich gewesen.
»Mami!« Emil tauchte wieder aus seiner Kissenhöhle auf. »Bitte, lass mich Rad fahren, biiitte!«
»Weißt du was?«, entgegnete Sabrina lächelnd. Sie hatte noch eine Überraschung für Emil und zog sie jetzt wie ein Zauberkünstler aus dem Ärmel. »Wir gehen morgen in den Zirkus. Na, was sagst du dazu?«
Emil sah sie groß an und fing dann an zu strahlen, ganz langsam, ganz vorsichtig, als könne er sein Glück noch nicht fassen.
»In den Zirkus?«, fragte er andächtig. »Ehrlich in den Zirkus?«
»In den Zirkus!«, wiederholte Sabrina und gab ihm einen Kuss.
Mit einem Satz sprang Emil auf und fing an, auf seinem Bett herum zu hopsen. Offensichtlich verwechselte er es mit einem Trampolin.
»Emil!«, schrie Sabrina auf. »Lass das, dein Zucker! Du darfst dich nicht überanstrengen, hör sofort auf damit. Sonst gehen wir nicht in den Zirkus!«
Emil hielt mitten in der Bewegung inne, blieb einen Moment stocksteif stehen und sank dann förmlich in sich zusammen. Eben noch spitzbübisch und frech, wirkte er jetzt wieder klein, krank und zart.
»Ja, Mami«, antwortete er leise und freute sich den ganzen Tag über bis zum Abend nur noch leise.
Der Zirkus! Seit zwei Tagen schien nach zwei langen Regenwochen die Sonne wieder. Und mit der Sonne war der Zirkus gekommen. Die bunten Wagen waren an Emils Kinderzimmerfenster vorbeigerollt. Er hatte die Elefanten gesehen, die den Rüssel in den Wind steckten und trompeteten. Er hatte die Ponys gesehen und den Clown Pierino, der mit den Kindern am Straßenrand seine Späßchen trieb. Poppäa, das Nilpferd, Kamele, Pferde und ... und ... und ...
Emil hatte sich die Nase am Fenster platt gedrückt und den Atem angehalten. Der Zirkus!
Die Mami hatte ihn aber nicht auf die Straße gelassen ...
»Da ist jetzt viel zu viel Trubel, Emil«, hatte sie erklärt und den Kopf geschüttelt.
Wie sehr hatte Emil die anderen Kinder beneidet. Luca, Bruno, Chris, Tommi – alle durften dabei sein. Nur er musste wieder einmal zu Hause bleiben.
Ja, Emil war immer ein Außenseiter, und deshalb hatte er mit den Jahren sehr viel Fantasie entwickelt. Irgendwann in diesem Sommer war Reginald bei ihm eingezogen. Er hatte sich eine ganze Weile nicht zwischen Reginald, Hugo und Seppi entscheiden können. Doch dann hatte er seine Wahl getroffen. Reginald hatte von diesem Tag an die Ehre, in seinem Zimmer zu wohnen.
Reginald war eine Fantasiegestalt, die in Emils Kopf entstanden war und alles durfte, was ihm selbst versagt blieb. So stand auch an dem Tag, als der Zirkus kam, Reginald draußen bei den anderen Kindern. Später hatte er Emil alles erzählt. Reginald war Emils engster Vertrauter und bester und einziger Freund.
Die anderen Kinder wollten alle nicht mit Emil spielen, weil ständig seine Mutter dabeistand und sagte: »Seid nicht so wild! Seid vorsichtig! Passt auf Emil auf! Ihr wisst doch, Emil ist krank!«
Sie war wie ein erhobener Zeigefinger, der über ihren Köpfen schwebte. Nur wenn Emil mit Reginald spielte, sagte sie nichts, denn Reginald nahm auf Emil Rücksicht. Vielleicht lag es aber auch nur daran, dass Reginald unsichtbar war.
Es wurde Abend. Sabrina kam, maß den Blutzucker und spritzte Emil die Abenddosis Insulin. Dann schüttelte sie noch einmal das Kopfkissen auf, deckte Emil zu und gab ihm einen Kuss.
»Freust du dich schon auf den Zirkus?«, fragte sie sanft.
»Ja, wir freuen uns schon sehr«, antwortete Emil.
Sabrina ging aus dem Zimmer.
Warum, um alles in der Welt, sprach Emil in letzter Zeit immer von sich selbst in der Mehrzahl?
Natürlich konnte Sabrina nicht wissen, dass sie jetzt zwei Söhne hatte. Den zarten, scheuen Emil und den starken, rauflustigen Reginald – sie hatte Reginalds Einzug verpasst.
Emil träumte. Er hörte das Trompeten der Elefanten, hörte das Brüllen der Affen und das Wiehern der Pferde, und er sah sich wieder hoch oben auf dem Drahtseil einen Fuß vor den anderen setzen.
»Gute Nacht, Reginald«, sagte er und rückte ein Stück zur Wand, damit der Bruderfreund auch genug Platz im Bett hatte.
Stille.
»Tut mir leid, dass du morgen nicht mit in den Zirkus darfst«, fuhr Emil sein abendliches Zwiegespräch fort. »Aber diesmal bin ich halt dran.«
Stille.
Und dann ein: »Ist schon in Ordnung, Emil, gute Nacht.« Es waren Worte, die nur Emils Ohren hörten und auch nur dann, wenn sie zuckerkrank und sechs Jahre alt waren, wie Emil sich auszudrücken pflegte. Man musste schon etwas Besonderes sein, um dieses »Ist schon in Ordnung, Emil, gute Nacht«, zu verstehen.
»Ach, wenn es doch schon morgen wäre!«
Emil seufzte und war kurze Zeit später eingeschlafen. Er träumte ...
♥♥♥
Zunächst war es ein Morgen wie alle anderen. Emil bekam wieder einen Stich in den Finger, das Insulin in den Oberschenkel, dann sein Frühstück, das nach ernährungsphysiologischen Gesichtspunkten zusammengestellt war.
