Familien-Erinnerungen von Gustav Scharschmidt -  - E-Book

Familien-Erinnerungen von Gustav Scharschmidt E-Book

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Beschreibung

Im Dezember des Jahres 1900 blickte Gustav Scharschmidt im Alter von 69 Jahren auf sein Leben und die damit verbundene deutsche Geschichte der verstrichenen Jahrzehnte zurück. Entstanden ist ein einzigartiges und bewegendes zeitgenössisches Portrait des Lebens der einfachen Menschen im 19. Jahrhundert und der Auswirkungen von Politik und gesellschaftlichem Umbruch auf eben diese Leben.

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Seitenzahl: 134

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Familien-Erinnerungen

von

Gustav Scharschmidt

geboren 14.12.1831

Aufgezeichnet im Dezember 1900

Übertragen und bearbeitet von

Ilse Sonnenschein geb. Scharschmidt

*27.11.1906 †Mai 2001

Herausgegeben und bearbeitet von

Inhalt

Einleitung

Vorwort der Enkelin

Vorwort des Ururenkels und Herausgebers

Meine Vaterstadt

Mein Vaterhaus

Das Jahr 1848

Die Bewegung 1858-1870

In Stollberg 1870

Meine Vorfahren

Mein Vater

Meine Mutter

Meine Geschwister

1. Amalie Auguste Wilhelmine

2. Laura

3. Karl

4. Karl Wilhelm

5. Richard Wilhelm

6. Laura Otilie

7. Emil Oskar

8. Waldemar

9. Ottilie

10. Alwine Hulda

11. Eugenie Selma

12. Ottilie Clementine

Meine Lebensgeschichte

Schluss

Impressum

Einleitung

Ein Jahrhundert - reich an Entdeckungen, Erfindungen, Kolonie Erwerbungen in fremden Erdteilen, an gewaltigen politischen Ereignissen, wie die Niederwerfung Napoleons I, die Besiegung Frankreichs und Napoleons II, die Entstehung des deutschen Reiches, die Schaffung einer deutschen Flotte - naht seinem Ende.

Alle diese Entdeckungen, Erfindungen und Ereignisse haben unserem deutschen und unserem engeren Vaterland, Sachsen, einen allgemeinen Wohlstand gebracht, gegenüber der großen Armut, wie sie in den letzten Jahrhunderten bis in die Mitte dieses Jahrhunderts herrschte.

Der Handwerker und Arbeiterstand kann sich jetzt zu seiner Lebensführung einen Aufwand gestatten, der sogar dem bemittelten Bürger in früherer Zeit ganz unmöglich war. Die Lebensweise aller Stände kann gegen damals in Bezug auf Nahrung, Wohnung, Verkehr und Schutz eine behäbige, üppige genannt werden.

Der Bürger ist zu Wohlstand gelangt und errichtet sich in den Umgebungen der Städte prächtige Landhäuser mit Garten und Parkanlagen. Ackerbaudörfer verschwinden in der Nähe der Großstädte vom Boden um schönen Villenorten Platz zu machen.

Der Verkehr zu Land und See hat sich durch die Dampfkraft so gestaltet, dass der ärmere, ebenso wie der reiche Mann eine Reise unternehmen kann. Durch die Dampfkraft werden die Lebensmittel in so ausreichendem Maße beschafft, dass ein Teuerungs- und Notstandsjahr nun zu den Vorgängen der Vergangenheit gezählt werden darf.

Es ist mir vergönnt gewesen, einen großen Teil dieses Jahrhunderts zu durchleben; auch einige Jahrzehnte der Armut und der tiefsten Entbehrungen habe ich mit tragen dürfen.

Auf den Wunsch meines lieben Sohnes versuche ich, meine Erlebnisse, so wie sie mir im Gedächtnis haften geblieben sind, niederzuschreiben.

Diese Erinnerungen widme ich einzig und allein meinem Sohn, sie sind nur für ihn bestimmt.

Vorwort der Enkelin

Ich möchte diese Aufzeichnungen der Nachwelt, also meinen Nachkommen weitergeben. Ich werde solche Abschnitte auslassen, von denen ich annehme, dass mein Großvater sie nicht für andere Zeitgenossen bestimmt hat. Alles was für die Charakteristik dieser Zeit zwischen dem Dezember 1831 und 1900 interessant ist, möchte ich erhalten.

Da die Lebenserinnerungen in deutscher Schrift niedergelegt sind, sind sie für meine Enkel und auch schon meine Kinder nicht lesbar, aber wichtig zu erkennen, wie damals gelebt wurde, und dankbar für das heutige Leben zu sein; zu begreifen, dass jede Generation ihre Zeitschwächen erkennen muss und versuchen, die Qualität des Lebens zum Guten zu wandeln.

Dieses Buch ist durch eigenartige und kriegsbedingte Umstände aus einer Mülltonne, von einer fremden Frau meinem Vater gesandt worden, da sie ihn durch seine leitende Tätigkeit bei der Firma Krupp in Essen dem Namen nach kannte. Daraus nahm ich auch die Erlaubnis, sie abzuschreiben und meiner Familie zugänglich zu machen. Ich habe sie auf dem wirren Weg meines Lebens wie einen Schatz bewahrt und hoffe, dass auch meine Kinder und Enkel in diesen Aufzeichnungen ein Vermächtnis sehen.

Ilse Sonnenschein, geb. Scharschmidt

Vorwort des Ururenkels und Herausgebers

Schon als ich die Aufzeichnungen meines Ururgroßvaters vor ungefähr 20 Jahren zum ersten Mal gelesen habe, war ich fasziniert von seiner Schilderung der Lebensumstände im 19. Jahrhundert. Wenn überhaupt, dann kennt man diese Zeit als Abfolge von Fakten in Geschichtsbüchern. Aber darüber, wie die Menschen in dieser Zeit gelebt und ihre Gegenwart wargenommen haben, erfährt man selten etwas und wenn, dann nur in zusammenhanglosen Bruchstücken.

Dieses Buch dagegen beinhaltet die Lebenserinnerungen meines Ururgroßvaters, die er im Dezember des Jahres 1900 im Alter von 69 Jahren aufzeichnete. Es sind also keine Tagebuchaufzeichnungen, aber aus meiner Sicht macht gerade diese zurückblickende Betrachtung einen wesentlichen Reiz dieses Erinnerungen aus, denn seine Lebenserfahrung ermöglichte es ihm, die auch uns heute noch bekannten historischen Ereignisse dieser Zeit zu kommentieren und mit seinem Lebenslauf zu verknüpfen.

Neben dem Rückblick auf geschichtsträchtige Begebenheiten schildert das Buch vor allem auch das tägliche Leben und Überleben der Menschen im vorvorigen Jahrhundert, beginnend mit den Vorfahren Gustav Scharschmidts bis zu seinem Lebensabend. Und auch hier wird immer wieder die geschichtliche Entwicklung deutlich und lebendig, z.B. als der Übergang von Kleinstaaten zu einem vereinten Deutschland mit dem Fall der Zollgrenzen sich direkt auf das Leben der Familie Scharschmidt auswirkt.

Vor kurzem fiel mir über meine Eltern das Dokument mit diesen Aufzeichnungen wieder in die Hände. Und da die moderne Technik das Erstellen und Veröffentlichen von Büchern heutzutage so viel einfacher machen, entschied ich mich, es einer größeren Leserschaft zugänglich zu machen, denn ich glaube, dass viele diese Lebensgeschichte als einen interessanten Einblick in die damalige Zeit sehen werden.

Gerade auch für junge Menschen, für die Bildung, Krankenversicherung, Elektrizität, fließend Wasser, Internet, Handy und vieles mehr heutzutage selbstverständlich scheinen, kann dieses Buch vielleicht ein lesenswertes Fenster in eine frühere Zeit darstellen.

Meine Bearbeitungen dieses Buches beschränken sich auf Formatierungen und Korrekturen von Fehlern, die bei der manuellen Übertragung aus dem Altdeutschen durch meine Großmutter entstanden sind – damals gab es noch keine Computer mit Rechtschreibkorrektur, sondern nur eine einfache Schreibmaschine. Und die mittlerweile wohl fast verlorene Fähigkeit, handgeschriebene deutsche Schrift zu entziffern.

Außerdem habe ich einige der im Text erwähnten historischen Personen und Begebenheiten mit Endnoten versehen, die auf weiterführende Informationen im Internet verweisen, so dass interessierte Leser die entsprechenden Themen vertiefen können.

Ich widme dieses Buch meiner Großmutter Ilse Sonnenschein, geborene Scharschmidt, die das Manuskript bewahrt und für die Nachwelt verfügbar gemacht hat.

Elmar Sonnenschein

Juni 2014

Stadtplan von Chemnitz um 1885

Meine Vaterstadt

Chemnitz zählte im Jahre 1830 eine Bevölkerung von 12.000 Köpfen. Der Ort hatte noch ziemlich das Aussehen einer mittelalterlichen Festungsstadt. Bis zum Jahr 1845 war der innere Stadtteil von einer starken Mauer mit festen Türmen fast vollständig umgeben und dadurch von den Vorstädten getrennt.

Außerhalb der Mauer befand sich der etwa 20 m breite und 6 m tiefe Wall, oder Stadtgraben, der nur an den Hauptstraßen, sowie nach der Bürgerschule und dem Stadttheater zu, ausgefüllt war.

An einigen Eingängen zur inneren Stadt standen noch die finsteren Warttürme, großenteils jedoch ohne Torflügel, die ich nur noch an dem Tore nach dem Kastberge gesehen habe. Diese Flügel wurden des Abends geschlossen.

Von Wasser angefüllt habe ich den Stadtgraben trotz seiner Tiefe nie gefunden. Nur in der Mitte floss das sich sammelnde Wasser in einer schmalen Vertiefung ab. An manchen Stellen waren von den Besitzern der Nachbargrundstücke Gemüse- und Blumenbeete angelegt, die ihm ein freundliches Aussehen verliehen. Stufen führten dazu hinüber.

Jeder Stadtturm hatte seinen Namen. Der nahestehende war das Chemnitzer Tor und stand am Ausgang zur Annaberger Straße. Die anderen nannte man das Nicolai-Kloster und Johannis-Tor. Nach diesen Benennungen hatten die Teile der äußeren Ringstraße um den Stadtgraben herum ihre Namen, wie der Chemnitzer Nicolai-Kloster und Johannis-Graben erhalten und heißen wohl noch so.

Die Räume in den Türmen wurden zu Gefängnissen verwendet, ein Gefängniswärter wohnte in einem Häuschen außerhalb des Turmes. Das Tor nach dem Kastberge zu hatte keinen Turm.

Die Ausfüllung des Stadtgrabens durch Schutt ging in den 30er und 40er Jahren nur schrittweise vor sich, sie ruhte oft lange Zeit. Erst später, als Privatgebäude in den Graben gebaut wurden, wurde die Zuschüttung eifriger betrieben.

Über den Chemnitzfluß führten hölzerne Brücken, die nach der Zwickauerstraße war mit Wänden und Dach versehen, man nannte sie die „hohle Brücke". Über den Gablenzbach nun, zwischen der inneren Stadt und der Dresdner Straße befand sich eine steinerne Brücke mit einem Bogen, über den man von der einen Seite hinauf und auf der anderen Seite hinunter gelangte. Da die Brücke schmal war und nur ein Fuhrwerk passieren konnte, so mag es oft zwischen den sich begegnenden Geschirren langen Aufenthalt gegeben haben. Dieser Übelstand wurde in der Mitte der 40er Jahre durch einen neuen Straßen- und Brückenbau beseitigt.

Die Vorstädte waren rings von einem Stangenzaun umgeben, der an den Landstraßen mit einem mächtigen Lattentor abschloss. Diese Tore, wie diejenigen, die nach den Feldern Zugang boten, wurden für die Nacht verschlossen. Wächter öffneten auf Verlangen.

In rauer Jahreszeit waren die Straßen der Vorstädte besonders schmutzig, im Winter watete man bis über die Knie im Schnee. Kinder, die frühzeitig zur Schule gingen, mussten sich durch den tiefen Schnee Bahn treten und kamen mit erfrorenen und nassen Beinen am Ziel an. Nur wenige Hausbesitzer reinigten am späten Tage den Fußweg, die unbewohnten Strecken blieben ungebahnt.

Der Schnee blieb liegen bis er im Frühjahr wegtaute. Man kann sich daraus ein Bild machen, in welchem Zustand sich die Straßen bei Tauwetter befanden. Einen milden Winter gab es in meiner Jugendzeit nicht, alle zeichneten sich durch große Kälte und Massenschnee aus. Das wusste man nicht anders.

Zur Straßenbeleuchtung wurde Rüböl verwandt. Die Laternen hingen über der Mitte der Straße an geteerten Seilen und wurden zum Reinigen und Anzünden herunter und hinauf gedreht.

Pflaster gab es nur auf den Straßen der inneren Stadt, es war aber so mangelhaft, dass bei schlechtem Wetter der Schmutz und die Wasserpfützen genügten, wenn man sich gar einmal recht „amüsieren" wollte.

Sogenannte Schulen waren wenige vorhanden. Sie befanden sich in Privatwohnungen und wurden freiwillig und infolgedessen schwach besucht. Wenn ein Kind keinen Sechser erlegen konnte, durfte es nicht am Unterricht teilnehmen. Diesen gaben Privatlehrer, die nebenbei eine Professur betrieben. Die Schulstunden werden wohl meist mit Prügeln der Kinder seitens der Lehrer ausgefüllt worden sein, denn Prügel stand als Erziehungsmittel in hohem Ansehen.

Aber Pestalozzi hatte ein halbes Jahrhundert hindurch nicht umsonst gekämpft und gelitten, seine Lehren brachen sich endlich Bahn. Man erkannte, dass die Bildung des Volkes, zunächst der Kinder, eine Notwendigkeit der Zeit sei und man forderte Bildung.

Überall wurden Volksschulhäuser errichtet, auch Chemnitz begann mit dem Bau einer Bürgerschule, die an Ostern 1831 eröffnet wurde. Sie schien den damaligen Chemnitzer Bürgern ein Riesenbau zu sein und für einige Zeiten auszureichen. Sie steht in der Nähe des wohl um dieselbe Zeit erbauten Stadttheaters und ist gleich wie dieses auf dem zugefüllten Stadtgraben errichtet.

Alle Kinder wurden nun schulpflichtig. Ein Schuldirektor mit dem Namen Pause (sic!), sowie die nötigen Lehrer wurden von der Stadt angestellt und besoldet.

Meine ältere Schwester war eines derjenigen Kinder, die in das neue Schulhaus bei der Eröffnung einzogen. Das Gebäude war im Hinblick auf zu erwartende Zunahme der Bevölkerung auf Mehrbedarf berechnet. Es waren wohl kaum die Hälfte der Zimmer von Kindern besetzt.

Besser gestellte Eltern schickten ihre Kinder in die sogenannte lateinische Schule, die sich hinter der Stadtkirche in einem hohen schwarzen Gebäude befand. Dieses Haus war und blieb schwarz, nie ist der Abputz erneuert worden. Auf dasselbe drang das ganze Jahr hindurch nie ein Sonnenstrahl hinter der Kirche hervor. Ernst und düster, diesen Eindruck dürften auch die Schulzimmer gemacht haben. Von hier aus konnten die Schüler eine höhere Schule und die Universität besuchen.

Eine einzige Apotheke, die Adler Apotheke, stand am Hauptmarkt.

Altertümlich und finster waren die Fleischergeschäfte, die nicht etwa am Äußeren des Hauses durch ein Schild kenntlich gemacht waren. Im höchsten Falle wurde ein Teil des geschlachteten Tieres an die Haustüre gehängt. Verkaufsläden gab es nicht.

Wenn man seinen Bedarf an Fleischwaren decken wollte, ging man in den Hausflur des Fleischers, klopfte oder rief; worauf der Meister oder die Meisterin mit einem Küchenlämpchen erschien; dann ging es den langen, finsteren Hausflur hinunter, eine schwarze Türe wurde aufgeschlossen und man betrat einen stockfinsteren Raum ohne Fenster, in dem ein übler Fleischdunst herrschte, jeder Luftzugang war abgeschlossen.

Bei dem matten Schein des Lämpchens erblickte man an den Wänden und auf dem Hackstock einige Würste und Fleischstücke, von denen das Gewünschte abgeschnitten wurde. An Wurst gab es nur Blut- und Leberwurst, selten Bratwurst. Gewiegtes, rohes Fleisch zu essen kannte man damals noch nicht. Nicht zu jeder Zeit waren beim Bäcker oder Fleischer Waren zu bekommen.

Der Stadtrat machte allwöchentlich in der amtlichen Zeitung bekannt, welcher Meister oder Bürger in der laufenden Woche das Backen, das Schlachten, das Brauen hatte. In meiner Schulzeit gab es nur einige Gasthöfe, Schankwirtschaften sind erst später entstanden.

Manche Bürger hatten das Recht, sich in der Stadtbrauerei Bier zum Verkauf brauen zu lassen. Deren Namen wurden, wie oben bemerkt, vom Stadtrat bekannt gemacht. Von ihnen holte man sich seinen Bierbedarf. Das nannte man „Ruheschank“, weil die Bürger der Reihe nach zum Ausschank berechtigt waren.

Dass sie die Erlaubnis zum „Gästesetzen“ hatten, glaube ich nicht. Der Braubürger machte sein Recht dadurch bekannt, dass er an seinem Haus eine Stange mit einem Fässchen an der Spitze anbrachte. Es gab zu jener Zeit nur eine Sorte, also nur einfaches Bier. Schnaps war natürlich auch zu haben, es wird daher in der alten guten Zeit verhältnismäßig ebenso viel „Trinker“ gegeben haben wie jetzt.

Butter und Eier lieferten die Bauersfrauen vom Lande einmal wöchentlich in die Familien, oder verkauften sie an den Markttagen des Sonnabends auf dem Hauptmarkt. Im Winter war kein Ei zu haben, denn das Verfahren der Aufbewahrung von dem Verderben ausgesetzten Lebensmitteln war nicht bekannt. Die Milch wurde von den Viehwirtschaften in der Umgebung herbeigeholt.

Den Personenverkehr vermittelten nach den größeren Städten die 2- und 4-spännigen Postwagen, die Diligence und Journaliere genannt wurden. Später kamen Lohnkutscher mit großen Personenwagen hinzu, die weit billiger beförderten als die Post. Reiche Leute fuhren Extrapost. Frachtwagen, denen oft 12 und mehr Pferde vorgespannt waren, beförderten die Güter im Lande und ins Ausland.

Der Handelmann mit seiner Last auf dem Rücken, der die Jahrmärkte besuchende Handwerker, der Schiebböcker mit Kirschen, Pflaumen, Preißelbeeren, Pöklingen oder Rußbutter und andere Leute, die eine Reise unternahmen und nicht in der Post fahren konnten oder wollten, sie alle waren auf ihre Füße angewiesen, belebten die Landstraße und machten tagelange Märsche.

An vielen Stellen führten die Straßen durch Hohlwege, die in den Winterhalbjahren schwer zu befahren waren und in denen Wagen und Pferde sitzen blieben und warteten bis nach und nach so viel Pferde angelangt waren, dass es möglich wurde durch vorspanne die Wagen aus dem Morast herauszuziehen.

Für die mittelalterlichen Raubritter mögen allerdings diese Hohlwege von großem Vorteil gewesen sein, denn sie konnten von oben dem Waren führenden Kaufmann bequem auflauern und ihm Hab und Gut durch Überfall abnehmen.

Wurden die Landstraßen schlecht, so beschüttete man lange Strecken mit geschlagenen Steinen. Das zusammenfahren dieser Steine durch eiserne Walzen kannte man nicht. Durch die verkehrenden Wagen wurde die Straße in mehreren Wochen wieder glatt, für die Pferde war es natürlich eine fürchterliche Lästerei.

Die Frachtfuhrleute trugen eine weiß-rote Zipfelmütze, darüber den Zylinderhut; ein blaues Hemd mit roter Stickerei über den Unterkleidern; und über den Leib war die gefüllte Geldkatze geschnallt, an der ein Täschchen mit dem kleinen Gelde sich befand.

In den Gasthöfen wurden diese Leute gut bewirtet, es war Sitte, dass ihnen der ganze Braten in der Pfanne zur beliebigen Verteilung vorgesetzt wurde. Zu einem Frachtwagen gehörten je nach der Bespannung 6 und mehr Fuhrleute.

Die Gastwirte an den Hauptstraßen sind in jener Zeit reiche Leute geworden. Seit die Eisenbahnen den Verkehr der Landstraßen an sich gezogen haben, sind diese Gasthöfe vereinsamt und nur auf den Besuch aus den nächstliegenden Ortschaften angewiesen.