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Beschreibung

Thema - Die Familie in der Krise. Die strukturellen Veränderungen der Familie, ihre gesellschaftlichen und historischen Ursachen und die sozialen sowie psychologischen Folgen bewegen uns seit Jahrzehnten. Statt traditioneller Bindung gibt es eine nie dagewesene Unübersichtlichkeit, statt generationenübergreifender Kontinuität gibt es zusammengebastelte Biographien im Planungskomplex Leben. Wachsen in der Gesellschaft die Risiken, kann es auch nur die Risikofamilie geben. Die verschiedenen Erfahrungen der Autorinnen und Autoren und ihre Wahrnehmung von Familie machen dieses Buch zu einem schillernden Kaleidoskop vielfältigster Familienbande.

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Seitenzahl: 227

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Umschlaggestaltung unter Verwendung des Acryl-Bildes „Schwanensee“ von Ingrid Brandenburger

Bordesholmer Edition Band 31 2017

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Gudrun Schultz-Pohlen

Familie

Jürgen Baasch

Hebbt Hunnen en Familie?

Elisabeth Albert

Aus dem Leben des ‚Johann Niß’

Aus dem täglichen Leben einer Mäusefamilie

Das Erbe

Schlaflos

Termin beim BAMF

*

Christa Bollert

Eine Reise in die Vergangenheit

Reden ist Silber. Ist schweigen Gold?

Ingrid Brandenburger

Der Geburtstag

Nie werde ich Mama zu dir sagen

Claus

Gisela Eichholz

Ein zweites Leben

Oma und Opa Ostzone

Regina Gay

Das Kleinod

Der kleine Junge

Die Begegnung

Die Gummistiefel

Traute Lütje

Liebevolles Altern

Nachwuchs

Tödliche Gegenwehr

Unwiederbringliche Ferienzeiten

Vom Donner gerührt

Thorsten Schönberg

Das erste schwarze Schaf

Erziehung anno 2016

Noch etwas Flugente?

Bei Mutter Bond zum Kaffee

Die eierlegende Wollmilchsau

Die beste Erinnerungsapp der Welt

Nicht jedem Beispiel der Natur folgen

Reserviert

Mütter

Gartenzwerge gießt man nicht

Wie schnell vergehen bloß die Jahre

Geschenkmaximierung

Nicht im Angebot

Gudrun Schultz-Pohlen

Das ist Glück!

Unterstützung

Alles nur Fassade

Berührungen

Endlich bist du da!

Sozialarbeiterin – Perspektivwechsel

Badetag

Die Autorinnen und Autoren

Vorwort

von Jürgen Baasch

Die Familie in der Krise.

Gilt noch: Blut ist dicker als Wasser?

Die strukturellen Veränderungen der Familie, ihre gesellschaftlichen und historischen Ursachen und die sozialen sowie psychologischen Folgen bewegen uns seit Jahrzehnten. Statt traditioneller Bindung gibt es eine nie dagewesene Unübersichtlichkeit, statt generationenübergreifender Kontinuität gibt es zusammengebastelte Biographien im Planungskomplex Leben. Wachsen in der Gesellschaft die Risiken, kann es auch nur die Risikofamilie geben. Die Ausprägungen der nachfamilialen Familie sind vielfältig, es entstehen Zwischenformen, Nebenformen und Nachfolgeformen. Die Familie scheint aus der Balance zwischen Flexibilität und Stabilität gekommen zu sein. Ein Beleg dafür, dass sich der Rang der Familie im Lebensentwurf vieler Menschen seit Ende des letzten Jahrhunderts verändert hat, sind die rückläufigen Heirats- und auch Geburtenziffern. Noch ganz oben steht Familie, wenn Menschen gefragt werden, was ihnen am wichtigsten ist. Allerdings wird die Familie im sogenannten Werte-Index von Gesundheit, Freiheit und Erfolg arg bedrängt. Da überrascht es, dass bei jungen Leuten die Familie einen hohen Stellenwert hat. In der Shell Jugendstudie wurde festgestellt, dass 90 Prozent der befragten Jugendlichen ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern haben, die Familie ihnen wichtig ist. Weil das wohl immer so war und alle in eine Familie hineingeboren sind, war die Familie seit jeher auch Thema von Literatur. Man liest gerne, wie es bei anderen zugeht. Spätestens seit den Buddenbrooks sind Familienromane und Familiengeschichten im Trend. Aktuell zum Beispiel Peter Pranges „Unsere wunderbaren Jahre“. Darin erzählt der Autor die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Natürlich in Form eine Familiensaga.

In diese unübersichtliche Gemengelage hinein kam aus der Schreibgruppe der Vorschlag, als Rahmenthema für die „Schreibwerkstatt im Turm“ das Thema „Familie“ zu nehmen. Eine Familie hat ja schließlich jeder. Mehr oder weniger. Und so kamen in einem Jahr gemeinsamer Arbeit unterschiedlichste Geschichten und Texte zustande, die wir in unserem Buch „Familienbande“ vorlegen. Die verschiedenen Erfahrungen der Autorinnen und Autoren und ihre Wahrnehmung von Familie machen dieses Buch zu einem schillernden Kaleidoskop vielfältigster „Familienbande“.

‚Stammbaum’

Ingrid Brandenburger

Gudrun Schultz-Pohlen

Familie

Verwandte, Sippe, Angehörige, Familienkreis, die Meinen, Mischpoke, Sippschaft, Clan, Bagage, Anhang, Kind und Kegel.

F - Freude, Frieden

F – Furcht

A - Achtsamkeit, Anlehnen

A - Aufregung

M - Mütterlichkeit,

M - Misstrauen

I – Intuition

I - Irrtum

L – Liebe, Licht

L – Lüge

I – Identifikation

I - Intoleranz

E – Empathie, Einigkeit

E - Erschütterung

Assoziationen: Liebe, Lachen, Geborgenheit, Gemeinschaft, Rücksichtnahme, Vertrauen, Mutter, Vater, Kind, Oma, Opa, Tante, Onkel, Cousin, Cousine, Vertrauen, Hilfsbereitschaft, Gerechtigkeit, Humor, Erziehung, Patchworkfamilie, miteinander reden, gemeinsam essen, gemeinsam arbeiten, gemeinsam feiern.

Assoziationen: Scheidung, Unterhalt, Sorgerecht, Besuchskontakt, Streit, Wut, Misstrauen, Rücksichtslosigkeit, Schreien, Lügen, Verlassenheit, Alleinsein, Gericht, Trennung, Missachtung, Vergewaltigung, Gewalt, Macht, keine Zeit, Arbeit, Umgangsrecht, Einsamkeit.

Jürgen Baasch

Hebbt Hunnen en Familie?

Üm Klockenslag veer stünn de Koffiepott op´n Disch. Siet Minschengedenken weer dat so. Nu harr Kathrin dat Seggen in de Köök op den Groth-Hoff. Johr un Dag keemen de Lüüd to`n Koffiedrinken an den grooten Köökendisch. Nich blots de Familie, jedeen ut Dörp, de na een lütten Klöönsnack bi een Tass Koffie jieper, sett sik an den blankschüerten Disch. In de Sommertied keemen – na kloor doch - ook een poor Feriengäst dortau. Mennicheen bröcht Koken mit, vun`n Utflog na den Bäcker oder sülven backt. Avers nu, in`n düsteren Nevelmaand, weern de Dörpslüüd ünner sik.

Kathrin wisch noch mol mit dat Faatdook üm den Koffiepott, dor güng de Döör ok all op. Dor an, wo dat Thema in`n Snack keem, wüss achteran keeneen to seggen. Hannes Mißfeld bröcht dat op`n Punkt:

„Kloor hebbt Hunnen en Familie. Mien Herkules hett een Stammboom, de fief Generatschoonen opwiest. Dat is een Grootfamilie.“

Hannes lehn sik in den Köökenstohl torüch un plier stolt in de Runde. Karen, de ehren Fiete ut dat Tierheim keem, segg:

„Fiete kümmt ut Rumänien. Sien Familie weer dat Rudel op de Straat.“

Dat kratz an de Döör. Ham Groth mook de Klööndöör op, un een Hund keem rin. Een beten höger as een Dackel, swattet un bruunet kortet Fell, sluutohrig un dick. He schüddel sik, dat de Waterdrüppen dörch de Köök stöven.

„As schient hett Lumpi baadt, un nu will he sik an’n Kacheloven drögen,“ grien Hannes Mißfeldt.

„Mag jo wesen, aver dat mit den Kacheloven in de goode Stuuv warrd nix. He mutt all mit een Platz an`n Herd tofreden wesen.“ Ham Groth wies Lumpi na sien Platz, wo de sik ok fix lang maak. „To Lumpi sien Familie is to seggen: All de Hunn in`t Dörp sünd sien Familie. Een beten seht de mehrsten in de letzten Johr ut, as den Wichelbuurn sien Krause. Swattet kruset Fell. Dat is een Patchworkfamilie.“

„Allens dumm Tüüg!“ De Schoolmeester, de mit an`n Disch seet – he weer jümmers dor, wo dat wat to eten un to drinken geev – räusper sik, un all wurrn still. Se wüssen, he harr wat to seggen:

„Allens dumm Tüüg! Hunnen hebbt gor keen Familie!“ ledder he mit sein Hostenbontjebass los; „jichtenfalls nich so een Familie, as wi se verstaht. Mit Vadder, Modder un Kinner. Glieks, wenn de Hunnvadder sien Vergnögen hatt hett, verdrückt he sik. Dat is bi de Zuchthunn nich anners as bi de Straatenköters. Nix is mit Pleeg un Ünnerholt för de Lütten. Un hebbt ji all höört, dat een Richter de Schlawiners bi de Büx kregen hett?“

De annern weern platt un schüddkoppen. Sodennig harrn se de Saak noch gor nich ansehn. „Avers, mien Daams, keen Grund to triumferen. De Frunslüüd bi de Hunn sünd blots een beten beter.“ He kiek de dree Fruns in de Köök, de an sine Lipen hungen, an: „Söss Weeken kümmert sik de Hunnmodder üm ehr Brut. Mit vullen Insatz. Se kriegt to eten un warrd inhoed. Keen de Lütten an`t Ledder will, de kriggt dat mit de Hündin to doon…“ – „Dor kanns op af,“ snack Peter Pingel dortwischen. „So as man sik vertellt, kann de Fietz vun de Möhl dor een Leed vun singen. De sull junge Hunn in`n Möhlendiek versupen. He harr se in`n Sack, un de Hündin weer op`n Hoff insparrt. Avers de Lütten jiepern. Dor is de Modder över den Tuun kladdert un ahn een Luut achter den Fietz ran. As de dat wies wurr, leet he den Sack fallen un huul af. Den Kantüffelsack hett de Hündin fix uteenanner fetzt, un stolt is se mit ehr Kinner torüch na de Möhl marscheert.“

„Jo, dat geiht sachts an;“ segg de Schoolmeester, „aver na söss, laat dat hoch kamen na acht Weeken is nix mehr mit Modderleev. Nu is Sluss. Modder maakt de Göörn klaar, dat se nu wedder ehr oldet Leven leven will. Se lett nich mit sik snacken. De Hündin sleit sik de Welpen jüst so fix ut`n Kopp as den Rüden. Un wenn een vun de Lütten doch noch mol bi ehr anschmusen will, denn knurrt se em an oder bitt em in de Back.“ De Scholmeester weer mit sien Ünnerricht to Enn, lang na een Stück Koken un sien Koffietass: „Nee, Hunnen hebbt keen Familie!“

As in disse Daag Lukas op de Welt keem, hett Lumpi em gliek in sien Hart sloten. He leeg stünnenlang vör dat Kinnerbett un knurr, wenn Frömde sik den Lütten ankieken wullen. Wenn Kathrin ehren Jung in de Stuuv op den Footbodden legg, denn smuus Lumpi sik an em ran un kuschel sien Snut in de lütten Patschhänn. Lukas lehr fix to krabbeln, un mennigmol weern Hund un Jung tohopen mit ehr Snuten in Lumpis Freetnapp togang. De beiden weern een Hart un een Seele, Lumpi nehm sien lütten Fründ nix övel. As he lopen kunn, leet de Jung sik geern vun den Hund trecken. He kreeg Lumpi an`n Steert tofaten un krei: „Hüh, Hüh!“ Gedüllig sleep Lumpi den Lütten över den Hoff. Ook bi Nacht weeren de beiden tosamen: Lumpi sleep in`n Korv blangs Lukas sien Bettstaed. Trennt wurr dat Poor, as Lukas mit een groote Tüüt in de School keem. Dor dörf Lumpi nich mit hin. Hunn weern für den Ünnerricht nich vörsehn. So bröcht Lumpi sien Fründ jedeen Morgen na den Schoolbus. An`n Middag tuut de Busfahrer, wenn he an den Hoff vörbiföhr. Denn flitz de Hund los un haal Lukas vun de Hollsteed af. An`n Namiddag hebbt de beiden denn op`n Hoff speelt un rümjachtert. Jümmers geef dat wat Nieges to beleven. Versteken weer ehr leevstet Speel. Wenn Lukas sik versteken sull, seet Lumpi still op sien Platz, bet de Jung sien Versteek funnen harr. Denn snöker un snüffel he rüm un leet sik bannig Tied, bet he Lukas opstöver.

An dissen Dingsdag Namiddag, dat weer all meist in de Schummertied, versteek sik Lukas in een grooten Karton. Modder harr een niege Waschmaschin kreegen, un den Karton harr Vadder op den Hoff stellt. De sull bi Gelegenheit in`t Füer. Lukas groote Broder Jörn dörf op`n Hoff all Trecker fohrn. Nu sull he Silaasch ut de Miete holen un in`n Kohstall bringen. Dor keem em de Karton in`n Blick. Den wull he platt maken. He schalt een Gang rünner, geev Gas un bruus op den Karton los. Lumpi, de jümmers genau wüss, wo Lukas sik versteeken harr, galoppeer in groote Sprüng op den Trecker to un wull em bremsen. Jüst in den Momang steek Lukas den Kopp ut sien Versteek. As in een langsam loopen Film leep de Szene vör Lukas Oogen af, un he sull noch mennig mol vun ehr drömen. Jörn güng in de Brems, un Lumpi keem bi dat Vörderrad an. De Hund schruuf sik in de Luft, avers he wurr fastholen. Sein Muul weer wiet opreten, un ut de Oogen blitz blanke Pien. Jörn harr em an een Achterbeen tofaten kregen, jüst bevör de Trecker stünn.

In Dr. Rahn sien Tierklinik flicken se Lumpi so good as dat güng wedder tosamen. Avers dat rechte Achterbeen müss af. Dor bleef blots een Stummel stahn. So lang Lumpi in de Tierklinik weer besöök Lukas em jedeen Namiddag un snack mit sien Fründ. Lumpi keem mit sien dree Been snell goot torecht un suus bald wedder mit Lukas över den Hoff. As he dat eerste Mol mit sien dree Been to Koffietied in de Köök keem, weer de Unfall noch eenmal Thema. Jörn seet mit an`n Disch un segg: „Lumpi hett grooten Moot wiesen. He hett allens riskeert för Lukas. He is een Levensredder!“ All nickköppen un weern still. Dor segg Kathrin: „Ja, so as dat jedeen in een gode Familie för den annern deit. Un Lumpi höört doch to uns Familie.“ De Schoolmeester, de sik jüst een Tass Koffi inschenkt harr, segg dütmol gor nix.

Lumpi leev noch een poor Johr op den Hoff. As he insloopen weer hett Lukas em een Kassen timmert un in`n Goorn een Graff schuffelt. Bi´n Koffie na de Beerdigung segg Lukas: „Ik weet nu, worüm Hunn so veel eher doot blievt as Minschen. Een Minsch mutt sien ganzet Leven lang lehren, een goode Minsch to warden. Dat bruukt Tied. De Hunn sünd vun Anfang an good.“

Elisabeth Albert

Aus dem Leben des ‚Johann Niß’

Der große angeknitterte Briefumschlag auf meinem Schreibtisch beherbergt ein Sammelsurium alter Dokumente, von denen ein jedes seine eigene Geschichte hat. Eine von ihnen will ich erzählen.

Vor mir liegt der Impfnachweis eines „Johann Niß”, über 200 Jahre alt. Das Formblatt ist gedruckt, der Text in deutscher Sprache abgefasst, die Personalien sind handschriftlich eingesetzt. Als Geburtsdatum werden der 3. März 1809 und die Taufe am 5. März desselben Jahres genannt. Ich erfahre, dass der Täufling ehelicher Sohn des hiesigen Bürgers und Hufschmiedts Johann Niß und seiner Mutter Catharina Margareta, geborene Damlos, ist. Nach der Unterschrift des Arztes folgen zwei weitere handschriftliche Notizen, eine zur Konfirmation am ‚Sonntag Palmarum 1825’ und eine weitere zur Eheschließung des Johann Niß in Heiligenhafen im Jahre 1837. Seitlich auf dem Schreiben ist ordentlich quittiert, dass Gebühr und Stempel bezahlt wurden.

Übrigens trägt das Dokument im Kopf das Siegel des dänischen Königs Friedrich VI. Dieser hatte 1806 einen günstigen Moment genutzt und Holstein der dänischen Monarchie einverleibt.

Hatte er Geschwister, dieser Johann Niß? Ich weiß es nicht. Dass er schon zwei Tage nach seiner Geburt getauft wurde, fällt heute auf. Damals war die alsbaldige Taufe Gesetz. Mit vier Jahren konnte er dann mit den Kuhblattern geimpft werden. Auf dem Schein wird der Erfolg der Impfung bestätigt, er war für sein weiteres Leben gegen die gefürchtete Erkrankung an Pocken gefeit.

Pocken, Pest und Cholera hatten über Jahrhunderte fürchterliche Seuchenzüge ausgelöst. Die Pockenimpfung war damals noch ganz neu und ein Meilenstein in der Seuchenbekämpfung. Man musste nicht mehr hilflos dem Sterben zusehen, sondern konnte eine Ansteckung verhindern. Johann Niß gehörte zu den allerersten Jahrgängen, die geimpft wurden.

Es spricht alles dafür, dass er der Vater eines Paul Heinrich Niß war. Dieser wurde 1839 in Heiligenhafen geboren und heiratete später die Mutter meiner Großmutter. Er war also mein Urgroßvater.

Doch nun zurück zu unserem kleinen Johann Niß: Sein Vater hatte sicher als Hufschmied viel zu tun, denn Pferde waren für alle Feldarbeiten und jedweden Transport unverzichtbar, ohne Pferde ging gar nichts! Sie mussten auf steinigen und zunehmend befestigten Straßen ihre schwere Arbeit verrichten, was die Hufe extrem abnutzte, sodass sie mit Hufeisen beschlagen werden mussten. Wer vom Lande kommt, wird wissen, dass ein guter Hufschmied zwar Kraft, aber auch ein sehr geschicktes Händchen braucht, sonst ist das Pferd anschließend unbrauchbar.

Man hatte schon vor Jahrhunderten den Beschlag mit Eisen entwickelt, um die Pferdehufe zu schützen. Diese Hufeisen müssen als Rohling vom Schmied rotglühend erhitzt und dann mit Hammerschlägen genau an die Hufform des jeweiligen Pferdes angepasst werden. Vor dem Befestigen wird das glühende Eisen kurz an die Sohle des Pferdehufes gehalten, wodurch es sich unter lautem Zischen und beißendem Qualm in das Horn frisst. So erreicht der Schmied, dass es später überall plan aufliegt. Fast noch diffiziler ist das Befestigen am Huf: Mit Nägeln, die eine ganz bestimmte Form haben müssen und denen der Schmied im Verlauf des Befestigens auch noch eine gewölbte Linie vorgeben muss, wird das Eisen am empfindlichen Huf befestigt. Es gibt nur eine sehr schmale Zone, in der dies schmerzfrei möglich ist und wo dann durch das kunstvolle Umnieten genug Haltbarkeit am Huf erreicht wird.

So wird der kleine Johann mit den Geräuschen und Gerüchen aus der Schmiede seines Vaters aufgewachsen sein: Dem Fauchen des Blasebalgs, der die Glut erhitzte, den schweren Schlägen der Schmiedehammer auf dem Amboss, dem beißenden Qualm beim Anpassen der heißen Eisen, dem Zischen, wenn es nach dem Zurichten in Wasser abgekühlt wurde, dem Geklapper der Pferdehufe und dem sicher eher rauen Ton der Männer untereinander. Das Handwerk der Schmiede war in alten Zeiten immer etwas ganz Besonderes, denn sie stellten ja auch die Waffen her. Es hatte etwas Archaisches an sich und war von einem Geheimnis umweht, denn nur die Schmiede konnten das Metall gefügig machen.

Um eine konkrete Vorstellung von den damaligen Lebensbedingungen zu bekommen, habe ich in vielen Schriftstücken gesucht. Besonders ergiebig war ein Buch aus dem Jahre 1925. Es heißt ‚Aus dem Winkel, Heimatkundliches aus dem Kreis Oldenburg’. Der Autor namens Böttger, war seinerzeit Lehrer in Oldenburg. Er hat die Archive von Oldenburg und Heiligenhafen durchforscht und längst Vergessenes festgehalten.

Unser kleiner Johann Niß wurde in eine unruhige Zeit hineingeboren: Napoleon hatte 1806 die preußischen Truppen geschlagen und befand sich auf dem Höhepunkt seiner Macht. Dänemark und zwangsläufig dadurch auch Holstein waren mit ihm verbündet. Napoleon wollte unter allen Umständen die Macht seines Erzfeindes England brechen und gab Befehl, eine Wirtschaftsblockade zu errichten. Es wurde alles unternommen, um das Anlanden von englischen Waren oder gar Streitkräften an Holsteins Küsten zu verhindern.

Nun ist ein Embargo nur so wirkungsvoll, wie es dann auch durchgesetzt wird. Die Nordseeküste mit ihren Häfen befand sich schon weitgehend unter Kontrolle der Franzosen, aber die englischen Seeleute wussten sich zu helfen: Sie fuhren durch das Kattegat in die Ostsee und umgingen die Blockade.

Man hatte bereits 1801 das Aufstellen einer “Küstenwehr” befohlen. An der ganzen Ostseeküste entlang wurden sogenannte Distrikte gebildet, in Ostholstein an die adeligen Güter angelehnt und von diesen kontrolliert. Mehrere Güter zusammen stellten eine Strandwache, die dann auf der hohen Steilküste bei Hohwacht, Weißenhaus, Putlos, und Kembs postiert wurde. Diese Strandwachen waren rund um die Uhr mit berittenen Doppelposten besetzt, die das Meer und die Küsten beobachteten. Landete der Feind, so sollte als Signal eine auf einer Stange befestigte Teertonne angezündet werden. Weiter im Land sollten dann die Kirchenglocken läuten, die Linientruppen wurden ebenfalls alarmiert und alle würden mit der größten Eile an den Strand rücken, um Landung, Raub und Plünderung zu verhüten.

Im Jahre 1807 beschossen die Engländer Kopenhagen, jetzt gab es offenen Krieg! Als erstes wurde eine Küstenmiliz gebildet. Diese Miliz sollte aus Freiwilligen bestehen, die nicht mehr als zwei Meilen von der Küste entfernt wohnten. Sie sollten sich mit Waffen versorgen, wobei Heugabeln, Sensen, Säbel und Degen genannt werden. Als Unterbefehlshaber wurden vernünftige Männer aus dem Bauern- und Handwerkerstande genommen, als Befehlshaber dann Männer aus dem Kreise der Gutsbesitzer und königlichen Beamten. Zwar meldeten sich Freiwillige, doch es stellten sich bald Probleme ein: Untergebene und Führer kamen nicht so recht miteinander aus, denn die Freiwilligen waren ohne jede Disziplin, eben keine Soldaten, und die Befehlshaber ohne Autorität. Böttger schreibt: So beschwerte sich der Gutsbesitzer August Lassen auf Siggen über die Unbotmäßigkeit der Heringsdorfer Miliz gegen den Unterbefehlshaber und bat, in vorkommenden Fällen solchen Ungehorsam mit fünf Reichsthalern brüchen zu dürfen.

Das Gebiet wurde zusätzlich mit einer dänischen Küstenbewachungstruppe besetzt, dem Regiment ‚Christian Friedrich’. Obwohl die Soldaten auch dem Schutz der Bevölkerung dienen sollten, waren sie den Aufzeichnungen zufolge weniger ein Segen, als vielmehr eine große Belastung, denn mit ihnen begannen die Einquartierungen und Fahrdienste: In die Oldenburger Kirche wurden Kanonen, Pulverkarren und Pulver gebracht, der Dachboden des Pastorats voll Hafer geschüttet und im Erdgeschoß ein Lazarett eingerichtet. Das konnte nicht gut gehen, es gab zu viel Unruhe für die Kranken. Also wurde der Hafer wieder aus dem Pastorat herausgeholt und in der Kirche gelagert. Vorher war man natürlich mit allen Kanonen samt Karren und Pulver ebenfalls umgezogen, in eine Scheune. Wenn man Berichte aus dieser Zeit liest, findet sich oft, dass gerade Kirchen für Einquartierungen und sogar als Stallungen für die Pferde genutzt wurden. Ich vermute, weil sie oft die größten Gebäude in den Städten waren und eine große freie Innenfläche hatten. In den öffentlichen Gebäuden wurden Magazine eingerichtet, so auch in Oldenburg. Das Rathaus der Stadt wurde komplett mit Ausrüstungs- und Bekleidungsstücken belegt.

Die Bevölkerung war verpflichtet, die Truppen mit Nahrungsmitteln und Futterstoffen für die Pferde zu versorgen. Diese Verpflichtung war sehr umfangreich und alles stand unter strengster Kontrolle: Es ging nicht nur um die Gestellung von Pferden und Wagen, nein, es ging auch um die Lieferungen von Mehl und Speck, Grütze und Graupen, Erbsen, Salz, Butter und Branntwein. Brennstoff musste beschafft werden, und Getreide, Heu und Stroh für die Versorgung von Tausenden von Pferden. Einige namentlich genannte Schuster aus Heiligenhafen mussten wieder und wieder Lederstiefel liefern. Es war ein extrem nasser Sommer und die Wege kaum noch begehbar. Doch, wie schon gesagt, hat alles auch eine Kehrseite: zwar wurde der Feind ferngehalten, aber auch dem eigenen Land wurde geschadet. Das war kein friedliches Miteinander!! Der Bevölkerung blieb immer weniger für die eigenen Bedürfnisse, die Bauern kamen nicht mehr zu den Erntearbeiten, und die Stimmung verschlechterte sich zusehends. Hinzu kamen auch die ewigen Belästigungen durch das Suchen nach Schmuggelware (natürlich wurde geschmuggelt!).

Nicht nur die Versorgung, sondern auch das schlechte Betragen der ‚Küstenbewachungs-truppe’ machte den Einheimischen das Leben schwer. Die Soldaten saßen an den Stadttoren, im Klartext: sie lungerten herum, und trieben aus langer Weile groben Schabernack mit den Einheimischen. Sie beschimpften sie, machten die Pferde scheu und stahlen Obst und Gemüse aus den Gärten und von den Feldern. Der Bürgermeister von Oldenburg beschwerte sich schriftlich beim Kommandanten und, trotz der höflichen Form wird die gereizte Stimmung deutlich, wenn er schreibt ...Kein Frauenzimmer kann unangetastet die Straßen und Tore passieren...

Die Eingangspforte der Truppen und ihrer Bagage war Heiligenhafen und alles musste von dort aus mit Pferden und Wagen weiterbefördert werden. Nach dem Angriff auf Kopenhagen wurden die Verteidigungsanstrengungen in Heiligenhafen noch einmal verstärkt. Zum Bau von Schanzen musste das ohnehin knappe Holz aus dem Forst in Cismar über 40 km weit herbeigeschafft werden. Kanonen wurden mit Schiffen auf den Warder und an den Sund transportiert und dort in Stellung gebracht, und all dies musste die Bevölkerung leisten. Napoleon sandte seinem Verbündeten Dänemark zwar Hilfstruppen, aber dadurch hieß es zu Allem auch noch für weitere 32 000 Soldaten Quartier bereit zu stellen. Diese bunt zusammengewürfelte Hilfstruppe bestand aus Spaniern, Italienern, Franzosen und Holländern, was enorme Unruhe mit sich brachte.

Übrigens: Das benachbarte Lübeck erlebte in diesen Jahren seine berüchtigte ‚Franzosenzeit’, die Stadt wurde geplündert und wirtschaftlich ruiniert. Hier in unserer Heimat war ja noch niemand auf die Ideale der französischen Revolution, auf Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit vorbereitet. 1804 war überhaupt erst die Leibeigenschaft aufgehoben.

Doch es sollte noch schlimmer kommen: Eine Zeit lang hatten sich die Kämpfe mehr im Süden abgespielt, doch dann überschlugen sich die Ereignisse: Napoleon verlor nach dem Russlandfeldzug 1813 auch noch die Völkerschlacht bei Leipzig, es war seine endgültige Niederlage. Dänemark war damit ebenfalls auf der Seite der Verlierer.

Die Schweden marschierten unter ihrem Oberbefehlshaber Bernadotte in Holstein ein. Der dänische Widerstand brach zusammen und die Truppen suchten ihr Heil in der Flucht. Die Schweden waren ihnen zusammen mit den Russen, Engländern, Preußen und Kosaken auf den Fersen und tauchten überall in Holstein auf. Um Kiel herum herrschte ein heilloses Durcheinander aus Flüchtenden und Verfolgern.

Die Schweden besetzten die ohnehin schon übervölkerte Stadt, befahlen überall Einquartierungen und Beschlagnahmen und forderten Geld und Naturalien. Bald gab es nichts mehr zu essen und kein Holz zum Heizen. Es wurde der berüchtigte ‚Schwedenwinter’. In Ostholstein hieß er der ‚Kosakenwinter’. Er war extrem kalt und lang. In den Friedensverhandlungen im ‚Buchwaldtschen Hof’ in Kiel wurden die Bedingungen für den ‚Kieler Frieden von 1814’ ausgehandelt. Dänemark musste hohe Zahlungen leisten und verlor einen großen Teil seiner Gebiete, darunter auch Helgoland. Das bekamen die Engländer.

Obwohl also Frieden geschlossen war, blieb im Sommer 1814 noch eine ganze Armee in Holstein einquartiert. In den Dörfern und Städten lagerten, teils unter russischem Kommando, Uralkosaken, kaiserlich-russische Jägerregimenter, Schweden, mecklenburgischen Truppen und reitende Artillerie. Ich vermute, dass insbesondere die Kosaken mit ihrem fremdartigen Erscheinungsbild alte Ängste weckten.

Alle Gebäude waren besetzt, in den Städten wurden Lazarette eingerichtet und die Sieger feierten ausschweifend. Sie requirierten alles, was sie finden konnten, es kam zu Übergriffen auf die Bevölkerung, Krankheiten breiteten sich aus, Diebe und Gauner machten die Straßen unsicher, kurz: Es brachte die Menschen, wie alle Kriege es tun, an den Rand des Ertragbaren.

Ich stelle mir vor, wie Johann Niß damals mit großen Kinderaugen das Geschehen in seiner Heimatstadt Heiligenhafen beobachtet hat: Schwere Geschütze rollten durch die Stadt und fremde Soldaten in fremden Uniformen ritten durch die Straßen. Sie wurden in den Häusern einquartiert, verlangten Essen und eine warme Stube, Futter für ihre Pferde und allerlei Handreichungen. Die Frauen weinten oft und die Männer zogen die Köpfe ein. Alle hatten Angst, wenn es an der Haustür klopfte, und der Tod ging um, denn es gab wenig zu essen. Johann Niß war damals gerade sechs Jahre alt.

Erst im Frühjahr 1815 zogen endlich die Besatzer ab und nahmen alles, was nicht niet- und nagelfest war, mit. Zurück blieben hungrige Menschen, leere Stallungen und unbestellte Felder. Der dänische Staat war bankrott, und es sollte noch viele Jahre dauern, bis diese schwere Zeit überwunden werden konnte.

Aus dem täglichen Leben einer Mäusefamilie

1. Szene: Tochter Kiki (Teenager) und ihre Mutter. Kiki ist Heavy-Metal-Fan.

Kiki, trotzig: „Ich will da aber hin!“

Mutter, genervt: „Was is' das denn überhaupt??“

Kiki, eifrig: „Ganz tolle Musik. Alle dürfen da hin!“

Mutter, skeptisch: „Und wo is' das, dieses „Wacken“?“

Kiki, erklärend: „Unten am Fischteich, wo die flache Stelle is'.“

Mutter, jetzt lauter: „Für uns Mäuse geht das gar nicht. Viel zu gefährlich! Man weiß nie, wann die Menschen den Überlauf hochziehen und dann ertrinken alle!“

Kiki, bettelnd: „Die Frösche machen doch mit. Da sind immer drei zur Wache oben am Siel und passen auf. Die haben 'ne Hotline zur Bühne.“

Mutter: Vor sich hin „Was is' denn das schon wieder? Wieso Hutleine?“

(laut):

„Und die Schnecken?? Die sind doch viel zu langsam!“ Kiki, begeistert: „Die Schnecken machen in der Band mit, als Drumsets. Das geht. Oben auf der Bühne sind sie hoch genug. Bitte-bitte-bitte, Mama! Mamachen...“

Mutter, streng: „Und wer geht mit dir?“

Kiki, eifrig: „Harry von nebenan. Seine Mama hat das erlaubt. Bitte-bitte-bitte Mamachen...“

Mutter, abwägend: „Na ja, der ist ja auch schon zwei Wochen älter... Na gut! Aber passt auf an der Straße. Die Autos fahren immer so schnell heute. Und wenn ihr den Uhu hört, müsst ihr sofort nach Hause kommen! Und fasst euch an in dem Gedrängel!“

Kiki, überschwänglich: „Du bist die aller-allerallerbeste, Mamachen... (laut) Harry, Harry, komm schnell!“

Mutter, zu sich: „Mit ihren vier Wochen muss sie ja auch mal raus mit den andern. Und ich? Ich geh denn mal auf Nachbarschaft. Die Katze von nebenan ham sie ja neulich Gott sei Dank tot gefahren...“

2.Szene: Harry und Kiki im Eingang des Mauselochs. Mutter räumt gerade die Küche auf.

Harry, lallend: „Geile Party war das... Super Cocktail...geht doch nichts über Bilsenkraut...und alles bio...“

Kiki, schwankend: „Mann, bin ich fertig...“. Fällt vornüber.

Mutter, beschäftigt: „Leg sie mal da drüben hin, Harry, die wird schon wieder...“

Das Erbe

Es war später Abend mit einem seltsamen Zwielicht. Sie fuhr den Weg zu dem großen alten Haus, dem Haus ihrer Kindheit. In dem alten VW, wie damals.

Die Gegend war menschenleer, kein Licht, kein Geräusch, keine Bewegung.