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Wie viel Verwandtschaft erträgt ein Mensch - ein humorvoller Realitätstest. Als Onkel Gottlieb, pensionierter Bahnbeamter und Aachener Hobby-Historiker, zum großen Achtzigsten lädt, reisen Gernot und seine Frau Karola in jene Welt, aus der sie sich längst herausgewunden glaubten: die Untiefen familiärer Verpflichtung. Was nach Kaffee, Kuchen und netten Reden klingt, entpuppt sich als Schauplatz scharfzüngiger Tanten, überambitionierter Schwiegertöchter und Kinder mit Wunderkind-Status - und Gernot gerät wider Willen zum Protokollanten des Wahnsinns. Mit trockenem Humor und messerscharfer Beobachtungsgabe erzählt der Roman von jahrzehntealten Kränkungen, subtilen Machtspielen und gut gemeinten Ratschlägen, die jeden Geburtstagstisch in ein Pulverfass verwandeln. Zwischen Buffet und Geburtstagsständchen zeigt sich, wie dünn die Grenze ist zwischen Liebe, Loyalität und der schieren Zumutung namens Verwandtschaft. Wer je eine Familienfeier überlebt hat, findet sich in diesen Dialogen wieder - und wird beim Lesen gleichzeitig lachen, schlucken und heimlich erleichtert aufatmen.
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Seitenzahl: 270
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Für Karin
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
DER AUTOR
»Karola, wir sind eingeladen!«
Freudig halte ich den Umschlag, den ich aus dem Briefkasten gefischt habe, meiner Frau vor die Nase. Ihr kritischer Blick verrät mir, dass eine Einladung für sie nicht zwingend eine positive Nachricht ist. Das sehe ich nicht anders, letztlich kommt es auf den Anlass, auf die Person des oder der Einladenden und, bei größeren Veranstaltungen, auf die Auswahl der Gäste an. Abende, die über ein intimes Beisammensein mit Freunden oder Bekannten hinausgehen, können durchaus zur Qual werden. Wer Pech hat, ist einem Sitznachbarn ausgeliefert, der ihm seinen Lebenslauf oder, noch besser, seine sämtlichen Erkrankungen schildert, die ärztlicher Behandlung bedurften. In solchen Fällen suche ich vor der Zeit nach Fluchtmöglichkeiten. Das gilt selbstverständlich nicht für Familienfeiern.
»Onkel Gottlieb lädt zu seinem achtzigsten Geburtstag ein.«
Kaum habe ich den Satz beendet, gleiten Karolas Mundwinkel nach unten. »Da trifft man am Ende wieder Deine ganze Sippe.«
Das klingt unfreundlich und soll es auch sein. Meine Angehörigen sind bei Karola nicht sonderlich beliebt. Ich räume ein, dass das eine oder andere Exemplar meiner Familie seine Eigenheiten hat, die Außenstehenden befremdlich erscheinen mögen. Auch mir liegen nicht alle meine Angehörigen in gleichem Maße am Herzen. Aber welcher Clan besteht schon aus lauter Engeln? Außer natürlich dem Anhang meiner Frau. Sie glaubt das jedenfalls. Über die Charaktere unserer beiderseitigen Familienmitglieder führen wir manche Diskussion. Wie auch jetzt.
»Erinnere dich an den achtzigsten Geburtstag deines Vaters. Die Feier war eine Ansammlung von Langweilern. Amüsant war nur der Zank. Und das billige Büffet reichte hinten und vorne nicht, wir mussten nachher zur Frittenbude.«
Meine Frau neigt manchmal zur Übertreibung. Die Geburtstagsfeier meines Vaters vor zwei Jahren hätte schlimmer verlaufen können. Die älteren Semester berichteten von ihren Krankheiten, die jüngeren Gäste erzählten Schauergeschichten von ihren Expeditionsreisen nach Patagonien, in die Antarktis oder in den Hunsrück und Tante Gisela und ihr Ehemann Gottlieb kriegten sich mal wieder kräftig in die Haare. Das Büffet war gar nicht so übel, immerhin gab es Meerrettich zum Räucherlachs. Dass Karola Meerrettich nicht ausstehen kann, ist ihr Problem. Und es liegt in der Natur der Sache, dass Lammkoteletts fast nur aus Knochen bestehen. Man sollte ohnehin aus Gesundheitsgründen seinen Fleischverzehr reduzieren. Auf die giftgrüne Götterspeise hätten wir freilich verzichten können. Karolas Klage über Auswahl und Gehalt der Speisen erscheint etwas überzogen, reichten doch die Bratwürste vom Imbisswagen anschließend zum Sattwerden.
Die Schwarzweißmalerei meiner Frau finde ich unfair. Wenn sie sich über die Tischmanieren von Onkel Gottlieb und das Geschwätz meines Cousins Hendrik auslässt, kontere ich mit den Schönheitsoperationen ihrer Schwester und dem Alkoholkonsum ihrer Tante Gerda. Leider ziehe ich dabei, wie so oft, den Kürzeren, was schlicht daran liegt, dass Frauen den Männern verbal überlegen sind. Damit meine ich nicht die Lautstärke, sondern die Wucht der Argumentation. Die entschärft auch meine Seitenhiebe auf Karolas Angehörige. Hält meine Frau mir entgegen, abstehende Ohren seien eine Krankheit und Doppelkorn fördere die Verdauung, dann gebe ich mich geschlagen.
Mit einem weiteren Einwand gegen die Einladung habe ich nicht gerechnet. Mir ist entgangen, dass die Geburtstagsfeier Ende Juli stattfinden soll, das heißt ausgerechnet in den Sommerferien. Karola hat das sofort registriert, denn für eine Lehrerin gehören die Ferienzeiten zum Markenkern des Berufs. Meine Frau unterrichtet Deutsch und Englisch an einem Aachener Gymnasium und benötigt regelmäßige Erholungspausen, weil das Lehrerdasein, so klagt sie, heutzutage kein Zuckerschlecken sei. Man habe es nicht nur mit den lästigen Unterrichtsstunden und Korrekturen zu tun, sondern zunehmend auch mit widerspenstigen Schülern und mit aufmüpfigen Eltern, die bei der geringsten Kleinigkeit wie einer Nichtversetzung mit dem Anwalt drohen würden. Zur Schülerzeit unserer Eltern hatten die Pädagogen in mancher Hinsicht leichteres Spiel, sie wurden weniger durch bürokratische Fesseln eingeengt und durften dem Erziehungsgedanken auch durch gelegentliche Ohrfeigen Raum geben. Mein Vater gibt gerne zum Besten, dass sein Klassenlehrer zuweilen das Gesäß seiner Schüler mit dem Rohrstock bearbeitet habe, was denen aber letztlich nicht geschadet, vielmehr die Achtung vor Respektspersonen gefördert habe. Onkel Gottlieb tut hierzu gewöhnlich seine Ansicht kund, ein wenig Strenge bei der Erziehung könne der heutigen Unsitte entgegenwirken, Lehrpersonen im Internet zu schmähen sowie Notärzte und Feuerwehrleute während ihrer Einsätze zu verprügeln. Diese Meinung mag etwas für sich haben und womöglich von solchen Polizeibeamten geteilt werden, die bei ihrer Berufsausübung verbal und körperlich attackiert werden. Von anderer Seite wird die autoritäre Erziehung früherer Zeiten eher kritisch betrachtet. Wie in allen Bereichen des Lebens sind zumindest Extreme nicht wünschenswert. So auch Karolas Urteil über meine Angehörigen.
»Gernot, Ende Juli sind wir auf Reisen, du musst deinem Onkel absagen.«
Mit meinem Vornamen redet Karola mich nur in Gegenwart fremder Personen an oder ausnahmsweise dann, wenn sie ein ernstes Wort mit mir spricht. Die Reise scheint ihr ein echtes Anliegen zu sein. Damit befindet sie sich in guter Gesellschaft, denn uns Deutsche plagt seit langem derart das Reisefieber, dass wir als Reiseweltmeister gelten. Lieber verzichtet der Teutone auf hochwertige Nahrungsmittel als auf eine Rundfahrt durch Usbekistan. Mit dem Zugriff auf billiges Fabrikfleisch lässt sich der Aufenthalt in Sri Lanka leichter finanzieren. Indessen will ich nicht behaupten, mir sei das Reisen unwichtig, doch meine Ansprüche sind bescheiden, ich gebe mich damit zufrieden, für sechs Wochen im Jahr die Koffer zu packen, und meine Reiseziele reichen selten über die Grenzen Europas hinaus. Wobei manche Regionen sich eher für kürzere Trips eignen wie zum Beispiel die Schweiz, eine Woche Zimmer mit Frühstück in Sankt Moritz entspricht kostenmäßig einem Monat Halbpension in Antalya, einschließlich Hin- und Rückflug. Dabei liegt Sankt Moritz nicht einmal am Meer, dafür gibt es dort Käse-Fondue.
Unabhängig hiervon habe ich für den Reisewunsch meiner Frau großes Verständnis. Ein Teil der Sommerferien dient dem Lehrer zur Erholung. Bei dieser Gelegenheit muss ich einen verbreiteten Irrtum ausräumen. Für den Lehrer sind nicht alle Schulferien als Urlaubstage konzipiert, sondern lediglich als unterrichtsfreie Zeit, nur muss er seinen Urlaub in den Ferien nehmen. Das finde ich ebenso ungerecht wie diskriminierend. Es entspräche dem Gleichheitsgrundsatz, den Lehrern, wie den meisten Beamten und öffentlich Angestellten, die Disposition über ihren Urlaubsanspruch zu überlassen. Ich selbst hätte die Möglichkeit, meinen Urlaub außerhalb der Ferien, etwa im Mai oder September, zu verbringen, also in Zeiten, in denen die Hotels im Allgemeinen weniger überfüllt und überteuert sind. Mit Rücksicht auf meine Frau orientiere ich mich aber an den Schulferien, wir möchten doch gerne gemeinsam verreisen, weil ein Doppelzimmer weniger kostet als zwei Einzelzimmer. Karola hat für mein Dilemma kein Mitgefühl und hält mir kaltherzig vor, ich hätte ihren Berufswunsch schon vor der Eheschließung gekannt und sie ja schließlich nicht heiraten müssen. Das kommentiere ich wohlweislich nicht.
Das Problem der Terminkollision muss ich aber noch aus der Welt schaffen.
»Karola, wir haben noch nicht gebucht und können auch Anfang August verreisen, dann sind immer noch drei Wochen Ferien.«
Der finstere Blick meiner Frau erinnert mich daran, dass wir uns auf einen früheren Reisebeginn verständigt haben. Unser gemeinsamer Urlaubsplan ist das Ergebnis einer längeren Debatte. Karola schlug eine Rundreise durch Südengland vor, während mein Sinn nach einem Ausflug in die Bretagne stand. Ich konnte den Wunsch meiner Frau als einer Lehrerin für die englische Sprache durchaus nachvollziehen, hatte jedoch Bedenken.
»Die fahren auf der falschen Seite, kein Wunder, dass manche Engländer so strange sind. Vor allem soll die Küche auf der Insel verheerend sein. Vor Jahren kam mein Kollege Kleinmeister abgemagert aus Cornwall zurück, er habe dort kaum einen Bissen runtergekriegt, Steak and Kidney Pie, Roastbeef mit Yorkshire Pudding, dazu noch Mintsauce, das halte der Magen eines Festlandeuropäers nicht aus. Und auf die Fritten schütteten sie Essig. Dagegen ist Frankreich ein wahres Schlaraffenland, denk doch an das Coq au Vin letztens in Dieppe und das Boeuf bourguignon in Beaune. Ach, und die himmlischen Käse, da kann sich der englische Cheddar warm anziehen.«
Das war ein taktischer Fehler, Karola mag keinen Käse. Sie schaute mich mitleidig an.
»Linksverkehr ist keine Krankheit, auch die Schweden hatten den früher. Seitdem die ihn abgeschafft haben, misslingt ihnen der Elchtest. Dein Kollege Kleinmeister scheint Cornwall im letzten Jahrtausend bereist zu haben, inzwischen kann man dort lecker essen. Vergiss nicht das englische Frühstück, solche Sausages mit Bacon und Black Pudding haben die Franzosen nicht.«
Die Bemerkung, da könnten die Franzosen aber froh sein, verkniff ich mir, ich wollte nicht noch Öl ins Feuer gießen, denn im Grunde schätze ich ein harmonisches Miteinander, das macht das Leben leichter. Wer möchte schon in ständigem Streit mit seinem Partner leben, außer vielleicht in der Regierungskoalition. Nach einigem Hin und Her fanden wir einen Kompromiss: Wir einigten uns auf eine Reise auf die Kanalinseln, und zwar nach Jersey. Die Inseln haben die Besonderheit, einerseits nahe an Frankreich zu liegen, andererseits zum Vereinigten Königreich zu zählen. Genauer gesagt, gehören sie dem englischen König. Die Vorstellung, meinen Urlaub auf dem Privatgrundstück von Charles dem Dritten zu verbringen, erleichterte mir die Entscheidung.
Eigentlich wollten wir Ende Juli auf Jersey weilen und damit am Tag der Geburtstagsfeier. Karola hält an vereinbarten Terminen grundsätzlich fest und mag sie nicht gern verschieben. Damit einher geht ihr Faible für Pünktlichkeit. So schätzt sie es nicht, wenn ein Schüler die Pause überzieht, weil er sich beim Discounter um die Ecke noch rasch mit Kartoffelchips eingedeckt hat. Dessen Entschuldigung, ihn habe der Hunger gequält, akzeptiert sie nicht. Ich empfehle ihr manchmal, Milde walten zu lassen, schließlich studiere ein leerer Bauch nicht gern. Meiner Frau eine Verlegung des Reisebeginns abzuringen, ist für mich jetzt eine große Herausforderung. Ich versuche es mit einem Trick.
»Im August ist das Wetter auf den Kanalinseln sicher. Im Juli kann es hier Wolkenbrüche geben und es ist zu kalt, weil sich das Meer noch nicht genug aufgewärmt hat, und du magst doch die Kälte nicht.«
Leider durchschaut Karola meine Schwindelei, das zeigt mir ihr amüsierter Blick. Ich ziehe die Trumpfkarte.
»In den Herbstferien würde ich gern nach Sylt fahren, aber du möchtest lieber nach Mallorca, weil im Oktober dort die Luft mild, die Sonne sanft und der Sangria süffig sei. Leckeres deutsches Essen gebe es auch. Dir zu gefallen würde ich auf Sylt verzichten. Und dich am Ballermann zum Jägerschnitzel einladen.«
Der Hinweis auf Sylt ist etwas hinterhältig, denn eigentlich will ich dort gar nicht hin und die Insel dient mir nur als Vorwand. Auf Sylt haben sich zu viele Großverdiener angesiedelt, die ihre reetgedeckten Villen hinter mannshohen Hecken verstecken und die meiste Zeit des Jahres leer stehen lassen. Wie man hört, werden andererseits die Mieten hochgeschraubt und die Einheimischen aufs Festland vertrieben. Allerdings frage ich mich, ob nicht die Einwohner der Insel an der Misere eine Mitschuld tragen. Aber das alles erwähne ich meiner Frau gegenüber nicht.
Die Kraft meiner Argumente bricht Karolas Widerstand. Wir werden erst Anfang August nach Jersey aufbrechen und unserer Teilnahme an Onkel Gottliebs Jubelfeier steht somit nichts entgegen. Ich werde dem Onkel zusagen.
Über den Sinn von Familienfeiern lässt sich streiten. Angehörigen, die man häufig sieht, muss man nicht auch noch auf Festen begegnen, und solche, die man selten zu Gesicht bekommt, will man vielleicht nicht öfter treffen. Freilich gibt es Ausnahmen, wie den Anhang meiner Frau. Das meint sie jedenfalls.
Ich muss Karola zugestehen, dass Zusammenkünfte meiner Familie einen zweifelhaften Charme haben. Das liegt an den Eigenheiten der einzelnen Mitglieder, an die man sich gewöhnen muss. Denken Sie zum Beispiel an meinen Cousin Hendrik, einen Sohn von Onkel Gottlieb und Tante Gisela. Hendrik ist Eventmanager, mit Mareike verheiratet und Vater der neunjährigen Kimberly. Bei jeder Gelegenheit schwadroniert er über die Work-Life-Balance und darüber, was das Leben lebenswert macht. Auf der Geburtstagsfeier meines Vaters lief er wieder einmal zur Höchstform auf.
»Die Arbeit verdirbt uns den Spaß am Leben. Stellt euch vor, manche Leute schuften fast vierzig Stunden die Woche, die haben wenig Gelegenheit zur Entspannung. Am Samstagmorgen erledigen sie den Wochenendeinkauf, am Samstagnachmittag hacken sie Holz oder mähen den Rasen und am Sonntag müssen sie die Kinder bespaßen oder Verwandte besuchen, da bleibt ihnen kaum noch Freizeit.«
»Manche trifft es noch härter, die machen einen Wochenendausflug nach Cochem oder Renesse und kehren am Sonntagabend gestresst heim. Davon müssten sie sich eigentlich erholen, aber sie schleppen sich montags ermattet ins Büro« sekundierte seine Frau. Mareike ist, aus patriarchalischer Sicht, nahezu das Idealbild einer Ehefrau, sie bewundert ihren Mann, teilt seine Ansichten und neigt nicht zum Widerspruch. Karola mutmaßt, Mareike habe gar keine eigene Meinung, aber womöglich konstruiert sie damit nur einen Gegensatz zu sich selbst. Immerhin achtet Mareike streng auf ihr Äußeres, sie besucht regelmäßig das Nagelstudio und verlässt es gerne mit lilafarbenen Fingernägeln. Die fügen sich harmonisch in ihr Gesamtbild ein, welches sich durch rubinroten Lippenstift und graugrünen Lidschatten auszeichnet und im tiefschwarz gefärbten Haupthaar mit hellblonden Strähnen seine Vollendung findet. Auch ihr Kleidungsstil lässt nichts zu wünschen übrig. Am liebsten trägt sie Hosenanzüge, die ihre weibliche Figur zur Geltung bringen. Zu besonderen Anlässen zwängt sie sich gerne in enganliegende Kleider mit weitem Ausschnitt, der die beabsichtigte Wirkung auf die Herren der Schöpfung selten verfehlt. Karola rümpft darüber die Nase. Frauen urteilen über das Aussehen ihrer Geschlechtsgenossinnen anders als Männer. Wer jetzt behauptet, das wurzele in einem Konkurrenzkampf oder sei gar aus Neid geboren, versteht die weibliche Psyche nicht.
Mareike tritt übrigens in häufig wechselnder Garderobe auf, so als verfüge sie über einen weit überdimensionierten Kleiderschrank. Auf meine Frage nach dessen Format offenbarte sie mir ein Geheimnis: Sie teste vorab die Kleidungsstücke, welche sie zum Kauf anbiete. Dazu muss man wissen, dass Mareike Inhaberin einer im Aachener Stadtkern gelegenen Boutique ist. Nun zeichnet sich das Zentrum durch viel Leerstand und wenig Kundschaft aus. Meine Zweifel an der Einträglichkeit ihres Geschäfts begegnet Mareike indes mit dem Hinweis auf die auskömmliche Gewinnspanne im Konfektionshandel.
»Die Betriebskosten für einen Tag werden schon durch den Verkauf einer Bluse gedeckt, mit einem Blazer mache ich sogar Gewinn. Davon abgesehen ist meine Boutique nur an drei Tagen die Woche geöffnet, das spart Strom und Heizung und verträgt sich mit meiner Work-Life-Balance.«
Die Einstellung zur Arbeit ist ein beliebtes Thema nicht nur in den heutigen Medien, sondern auch in meiner Familie. Die Generation unserer Eltern scheint für die Haltung mancher jüngeren Leute wenig Verständnis zu haben. Bei einem gemeinsamen Abendessen im Hause meiner Eltern neulich, zu dem außer Karola und mir Onkel Gottlieb und Tante Gisela sowie Hendrik und Mareike eingeladen waren, kam die Rede auf den Stellenwert der Berufstätigkeit. Hendrik zog vom Leder und schimpfte auf die Knechtung des Menschen durch Arbeit.
»Erwerbsarbeit ist wider die Natur. Kein einziges Tier übt einen Beruf aus, wieso dann ausgerechnet der Mensch?«
Da hatte Hendrik, wie man so sagt, ein Fass aufgemacht. Tante Gisela fuhr ihm in die Parade.
»Was ist mit Polizeihunden und Kutschenpferden, haben die etwa keinen Beruf? Im Übrigen: Auf eine Berufstätigkeit ist der Mensch seit Urzeiten angewiesen, außer vielleicht in der Steinzeit. Aber möchtest du Mammuts und Auerochsen jagen, nachts in kalten Höhlen schlafen und das auch noch ohne Internet? Und was ist mit Mareike? Soll die im Bärenfell herumlaufen, mit ungefärbten Haaren und ohne Schminke?«
Da wurde Hendrik still und Mareike blass. Ich hatte schon immer den Eindruck, dass die Beziehung zwischen Tante Gisela und Mareike nicht besonders herzlich ist. Das soll im Verhältnis von Schwiegermutter zu Schwiegertochter öfter vorkommen. Da hat Karola noch Glück gehabt, meine Mutter äußert sich nie abfällig über ihren Teint. Vielleicht liegt das auch daran, dass Karola sich nicht schminkt. Das stört mich nicht, denn eine Frau sollte ihr wahres Gesicht zeigen und meine Gattin macht davon reichlich Gebrauch. Zwischen Tante Gisela und Mareike stimmt die Chemie schon deshalb nicht, weil beide den jeweiligen Beruf der Anderen geringschätzen. Tante Gisela war vor ihrer Verrentung Angestellte bei der Stadt Aachen und Mareike lässt kein gutes Haar an der Verwaltung, während die Tante Mareikes Tätigkeit als »Klamottenhobby« verunglimpft. Sie ist der festen Überzeugung, ihre Schwiegertochter führe die Boutique, mit der sie auf keinen grünen Zweig komme, nur zum Zeitvertreib.
Das rieb sie ihr in einem Streitgespräch bei einem Spaziergang auf dem Lousberg unter die Nase. An einem sonnigen Sonntag hatten Karola und ich uns mit Onkel Gottlieb, Tante Gisela sowie Mareike und Kimberly dort verabredet, um aus der Vogelperspektive den schönen Blick auf die Kaiserstadt zu genießen. Hendrik war verhindert, weil er Karten für den Tivoli ergattert hatte. Für seine Tätigkeit als Eventmanager, hatte er uns mitgeteilt, sei der Besuch der Alemannia eine Art Weiterbildung, den er von der Steuer absetzen werde. Die Partie hätte er lieber selbst organisiert, aber leider sei dafür der DFB zuständig, der dem Unterhaltungswert des Fußballspiels nicht hinreichend Rechnung trage. Feuerwerk und Schmähgesänge auf der Tribüne sowie Prügeleien nach dem Schlusspfiff seien zu wenig Amüsement, vor allem wenn auf dem Rasen keine Tore fallen. Den Kalauer, die Tore sollten besser stehen bleiben, schluckte ich herunter. Allerdings hatte Hendrik originelle Ideen zur Verbesserung.
»In den Reportagen ist manchmal vom zweiten Ball die Rede, bisher habe ich nur einen Ball im Spiel gesehen, man sollte ihn verdoppeln. Die Tore sind zu klein, das Spielfeld ist zu groß, das Abseits stört, der Arm sollte nicht zum Handspiel gehören und der Torhüter nicht seine Hände benutzen dürfen, dann fallen mehr Tore. Auf dem Bolzplatz galt früher die Regel ›drei Ecken gleich ein Elfmeter‹, darüber sollte man nachdenken. Das Publikum müsste auch mehr bespaßt werden, etwa durch regelmäßige Werbepausen wie bei den Privatsendern.«
Da war er bei mir richtig.
»Den Privatsendern habe ich schon lange die Freundschaft gekündigt, die unterbrechen ständig die Filme mit immer denselben Werbespots, das halte ich nicht aus und ich muss ja auch nicht so oft zur Toilette oder zum Bierholen.«
Karola bedachte mich mit einem unschuldigen Seitenblick.»Meistens hörst du nach der dritten Flasche auf.«
Auf dem Lousberg wies Onkel Gottlieb mit einer weit ausholenden Armbewegung auf das Häusermeer zu unseren Füßen.
»Von hier oben sieht die Stadt am schönsten aus, man schaut auf den Dom und das Rathaus. Wenn man auch die leerstehenden Läden und die ruhenden Baustellen erkennen könnte, wäre die Idylle perfekt.«
Tante Gisela kniff die Augen zusammen. »Ich kann deine Boutique nicht finden, der Prachtbau müsste doch hervorstechen, zumindest das Schaufenster mit den Glitzerkostümen und Paillettenkleidern, oder hat die tatsächlich jemand gekauft?«
Das war wohl eine rhetorische Frage in Richtung Mareike. Die reagierte indigniert.
»Mein Geschäft geht nicht schlecht. Erst gestern hat eine Kundin eine Damenhose aus Lederimitat mit weitem Bein erworben und vorige Woche ging ein Midirock aus Baumwoll-Double-Face über die Theke. Den hellgrünen Regular-Fit-Damenblazer mit Bindegürtel und die malvenfarbenen Flared-Leggings in Ripp-Optik gibt es ab morgen zum halben Preis, die werden weggehen wie warme Semmeln. Die schicken Teile können natürlich nur Frauen unter siebzig tragen« fügte Mareike mit einem hämischen Blick hinzu. Da berührte sie einen wunden Punkt, Tante Gisela hält sich viel auf ihr Äußeres zugute, akzeptiert ihr Alter von fast achtzig Jahren nicht und kleidet sich zuweilen wie ein Teenager. Ihr scheint zu entgehen, dass hautenge Leggings und bauchfreies Outfit schon bei jungen Frauen grenzwertig wirken. Um gerecht zu sein, muss ich andererseits den heutigen Kleidungsstil manch älterer Herren anmerken, die in ausgebeulten Bluejeans und mit Sneakers im Theater sitzen. Viel jünger sehen die damit auch nicht aus …
»Der hellgrüne Blazer würde gut zu deinem knallroten Lippenstift passen« giftete Tante Gisela, »und die Ripp-Optik zu den Falten unter der Schminke.«
Mareike tat so, als habe sie das nicht gehört, und beugte sich zu Kimberly hinunter. »Geht es dir gut, meine Prinzessin?«
Das Kind trat von einem Fuß auf den anderen, es langweilte sich offensichtlich und zog eine Schnute. »Wann gehen wir endlich Eis essen, du hast das versprochen. Danach will ich zum Ponyreiten.«
In einem Punkt ist sich unsere Familie, mit Ausnahme von Hendrik und Mareike, einig, nämlich dass deren Töchterchen ein verwöhntes Kind ist, dem jeder Wunsch von den Augen abgelesen wird. Außerdem ist Kimberly ein Wunderkind. Meinen ihre Eltern.»Sie hatte schon mit drei Jahren ein Gespür für die Belletristik. Nur die langweiligen Seiten hat sie herausgerissen.«
Da wird bei manchen Büchern nicht viel übriggeblieben sein, dachte ich mir.
Mareike strich ihrer Tochter sanft über den Kopf. »Du kriegst gleich ein gaaanz großes Eis und das Pony darfst du dir aussuchen. Aber schau doch mal, da hinten sieht man Omas Schlafstelle.«
Mareike zeigte auf das Hochhaus am Hauptbahnhof. Tante Gisela gefroren die Gesichtszüge. In dem Verwaltungsgebäude am Bahnhofsplatz hatte sie über viele Jahre hin ihren Dienst versehen. Im Verlauf ihres langen Berufslebens hatte sie eine Unzahl von Meldebescheinigungen erteilt, Personalausweise und Reisepässe ausgegeben sowie An-, Ab- und Ummeldungen von Wohnsitzen entgegengenommen. Mareike hält Verwaltungsarbeit für monoton und Büromenschen für betulich. »Die müssen achtgeben, dass sie beim Stempeln nicht einschlafen« lästert sie. Grund ihrer Geringschätzung ist ein Erlebnis bei der Abholung ihres Bewohnerparkausweises. Der Sachbearbeiter hatte Mareike über Gebühr warten lassen, indem er während der Dienststunden genüsslich sein Wurstbrot verzehrte. Auf die provokante Frage, ob das nicht Zeit bis zur nächsten Pause habe, entgegnete er ihr, da müsse er zum Aldi und außerdem sei die Schmierwurst jetzt noch frisch. Das brachte Mareike in Rage.
Onkel Gottlieb, der bislang geschwiegen hatte, meldete sich zu Wort.
»Der Lousberg war besiedelt, lange bevor Karl der Große in den Aachener heißen Quellen badete. Hier ist man auf mittelsteinzeitliche Arbeitsplätze und auf Fundstücke aus der Jungsteinzeit gestoßen.«
»War die Steinzeit vor dem Weltkrieg?« erkundigte sich Kimberly. Mareike betrachtete ihre Tochter mit Mutterstolz, schließlich ist nicht allen Neunjährigen der Krieg ein Begriff.
»Kimberly ist vielseitig interessiert und liest alles, was ihr in die Hände fällt. Noch gestern hat sie Hendriks Playboy studiert. Am liebsten mag sie meine Arztromane. Sie will Krankenschwester werden und den attraktiven Assistenzarzt heiraten, den mit dem Adelstitel und der Familiengruft.«
Tante Gisela verdrehte die Augen und Onkel Gottlieb nahm den Dom ins Visier, vielleicht mit einem stummen Stoßgebet. Der Onkel ist ein wandelndes Lexikon der Aachener Geschichte. Sein Interesse an der Historie unserer Stadt war nicht immer stark ausgeprägt und wurde erst so richtig geweckt, als er einst eine Fernsehdokumentation über die Sachsenkriege verfolgte. Der stämmige Karl mit dem scharfen Schwert imponierte ihm mächtig, was nicht heißt, dass Gottlieb kriegerisch veranlagt wäre, im Gegenteil: Ich würde ihn als eher friedliebend charakterisieren. Nur wenn ihn Tante Gisela zur Weißglut bringt, brodelt es in ihm und er kann sogar laut werden. Und kurz darauf kleinlaut.
Onkel Gottlieb wandte sich seiner Enkelin zu. »Weißt du, wie der Lousberg entstanden ist? Ich erzähle dir die Sage vom Teufel mit dem Sack voll Meersand...« Weiter kam er nicht.
»Ja, der wollte sich an der Stadt rächen, weil die ihn beim Dombau gelinkt hatte, die Geschichte mit der Wolfsseele ist ein alter Hut, die habe ich x-mal gehört.« Kimberly gähnte und Mareike strahlte. »Hat sie nicht ein fabelhaftes Gedächtnis?«
Da fühlte sich Karola angesprochen, die sich vieles merken kann, was ich längst vergessen habe. »Du musst am Donnerstag daran denken, den gelben Sack rauszustellen.«
Onkel Gottlieb schaute verständnislos drein. »Der Sandsack war das Stichwort« klärte ich ihn auf. Er begriff noch immer nicht.»Wieso kippt ihr Sand in den Müll?«
Tante Gisela schüttelte den Kopf und ich gab auf.
»Sie sollten das nicht auf die leichte Schulter nehmen.«
Dr. Warnmeyer tippt mit dem Zeigefinger auf seinen Laptop. Mir rutscht das Herz in die Hose.
»Ist es sehr schlimm?«
Karola hatte mich überredet, unseren Hausarzt aufzusuchen, um mich, wie man heute sagt, durchchecken zu lassen. Dafür hatte an sich kein konkreter Anlass bestanden, denn mir fehlte subjektiv nichts, außer gelegentlichem Sodbrennen nach dem Verzehr von Essiggurken und Sauerkraut hatte ich keine Beschwerden. Bis auf die angeblich temporäre Schwerhörigkeit gegenüber Ratschlägen meiner Frau. Ich gehöre zu der Sorte von Männern, die eher selten und meist nur aus konkretem Anlass zum Arzt gehen. Dass diese Einstellung unvernünftig ist, weiß ich wohl. Andererseits möchte ich nicht zu den Patienten zählen, die für jeden harmlosen Schnupfen die Wartezimmer verstopfen. Dem Vernehmen nach suchen die Deutschen im internationalen Vergleich überdurchschnittlich oft den Arzt auf, sind aber häufiger krank. Das gibt doch zu denken.
Meine Frau hatte mir dringend angeraten, mir ein Beispiel an Jan-Philipp zu nehmen, der sich regelmäßig untersuchen lasse und aussehe wie das blühende Leben. Außerdem sei er sportlich. Ebenso wie Hendrik, wie dessen Besuch auf dem Tivoli neulich zeige. Meinen Einwand, da habe der doch die ganze Zeit nur gesessen, wies sie zurück.
»In der Halbzeitpause hat er sich Fritten geholt, dafür musste er die Treppe nehmen.«
Karola ist von Jan-Philipp beeindruckt. Das ist der Ehemann von Constanze, der Tochter von Onkel Gottlieb und Tante Gisela, und von Beruf Informatiker. In der Softwarefirma im sogenannten Silicon-Valley von Oberforstbach bekleidet er einen gut dotierten Posten. Da kann ich mit meinen Bezügen aus dem Landesetat nicht konkurrieren. Jan-Philipps athletischen Körper muss ich neidlos anerkennen, auch darin ist er mir fraglos überlegen. Dafür verstehe ich mehr vom Fußball, Jan-Philipp verwechselt den Doppelpass mit der zweifachen Staatsangehörigkeit und hält die Mauer für eine Steinwand. Und zum Video-Assistenten im Kölner Keller meint er, man solle die Filme nicht im Untergrund drehen, weil oberirdisch das Licht heller sei.
»Du solltest etwas für deine Fitness tun, nimm dir Jan-Philipp zum Vorbild.« Der Vergleich mit dem Informatiker war unfair, aber Karola war unerbittlich und legte nach.
»Du hockst zu viel über deinen Akten, bewegst dich zu wenig und hast Übergewicht. Gesund ist das nicht. Lass dich mal durchchecken.«
Ich gab mich geschlagen. Also vereinbarte ich einen Termin mit meinem Hausarzt.
»Sie müssen nicht gleich ihr Testament machen« beschwichtigt mich Dr. Warnmeyer, »eine Vollmacht für die Vermögenssorge reicht.« Durch sein Grinsen fühle ich mich erleichtert. Mein Hausarzt hat eine humoristische Ader, die den Patienten die Angst nehmen soll. In ernsten Fällen macht er natürlich keine Scherze. Davon abgesehen kann nicht jeder Spaß verstehen. Da tritt der Doktor zuweilen ins Fettnäpfchen, wie er mir verraten hat.
»Ein Patient jammerte, sein Mittelfinger sei mehrfach gebrochen, obwohl der nur leicht verstaucht war. Ich tröstete ihn damit, dass Finger heutzutage mit örtlicher Betäubung amputiert würden. Ein anderer klagte über Kopfweh, nachdem er die Nacht durchgesoffen hatte. Ich fragte ihn, welche Bestattungsart er wünsche. Die Beiden kamen nie wieder.«
»Aber im Ernst« schlägt Dr. Warnmeyer einen anderen Ton an, »ich rate Patienten Ihres Alters, einmal über eine Vorsorge nachdenken. Da sind viele zu nachlässig. Im Übrigen: Wie sieht es bei Ihnen mit Sport aus, mehr Bewegung täte Ihnen gut. Und Sie sollten abnehmen.«
Meine Fitness könnte besser sein, aber das sage ich nicht laut, sonst erstellt mir mein Hausarzt noch einen Trainingsplan.
»Ich bewege mich genug, im Sommer Rasenmähen, im Winter Schneeschippen und die Brötchen hole ich zu Fuß.« Dass die Bäckerei um die Ecke liegt, der Rasenmäher elektrisch läuft und in Aachen eher selten Schnee fällt, erwähne ich nicht. Größere Sorgen macht mir die Aussicht auf eine Diät.
»Muss ich künftig hungern? Für das Aktenlesen brauche ich Kraftfutter, sonst verschwimmen mir die Buchstaben vor den Augen.«
Dr. Warnmeyer zieht die Brauen hoch. »Sie sollten vor allem das Richtige essen, also weniger Fleisch, stattdessen mehr Obst und Gemüse. Verzichten Sie auf Süßigkeiten und achten Sie auf den Alkohol.«
Das mit dem Alkohol braucht mein Hausarzt mir nicht zu sagen, ich schenke Wein und Bier genügend Beachtung. Aber vielleicht meint er das anders.
»Was hat der Arzt gesagt?« Karola platzt förmlich vor Neugier. Ich taste mich behutsam an das Thema heran.
»Mir fehlt eigentlich nichts. Die Reflexe stimmen, der Gaumen ist feucht und das Blut fließt in den Adern. Dr. Warnmeyer hat lediglich angedeutet, dass etwas mehr Bewegung und eine gesündere Ernährung nicht schaden könnten.«
Der argwöhnische Blick meiner Frau erinnert mich daran, dass ich ihr nichts vormachen kann. »Er hat dir sicher dringend Sport und kalorienarmes Essen angeraten. Und du sollst bestimmt den Alkohol weglassen.«
Ich murmele, der Arzt habe das so nicht formuliert, und erspare mir weitere Ausführungen. Um mehr körperliche Aktivität und weniger Kalorien werde ich sowieso nicht umhinkommen. Allerdings verschweige ich wohlweislich die Warnung vor Süßigkeiten, es gibt schließlich Grenzen. Nicht dass ich ein unverbesserliches Leckermaul wäre, immerhin verzichte ich auf Zuckerwatte und Hartprinten, aber der Schokolade kann ich nicht widerstehen. Das ist nicht meine Schuld, sondern die Folge einer frühkindlichen Prägung. In der Wissenschaft hat sich herumgesprochen, dass die ersten Lebensjahre die Richtung mitbestimmen, in die der Mensch später läuft. Kriegt er als Baby anstatt der Muttermilch Kräuterschnaps, dann wird er als Erwachsener entweder zum Alkoholiker oder er verabscheut Hochprozentiges und bevorzugt Frankenwein. Der sei gesund, behauptet Karola. »Goethe trank regelmäßig Frankenwein und wurde 82 Jahre, für die damalige Zeit ein hohes Alter.« Meine Frau verehrt den Dichterfürsten und hält ihn für das Maß aller Dinge. Nun ja, sie ist Hessin und Goethe war gebürtiger Frankfurter. Dafür konnte er nichts, wie überhaupt niemand sich seinen Geburtsort aussuchen kann. Wenn ich hätte wählen können, wäre ich lieber in Oberbayern als in Aachen zur Welt gekommen, weil dort die Berge höher und die Biergläser größer sind. Über die bayerische Staatsregierung könnte ich vielleicht hinwegsehen …
Die Gnade der richtigen Geburtsstätte war unlängst Gesprächsthema in unserer Kantine. Es gab Linsensuppe westfälischer Art, die mit reichlich Essig zubereitet wird. Auf meine Anmerkung hin, die Westfalen hätten sonderbare Geschmacksnerven, räumte der Kollege Kleinmeister, der aus Bielefeld stammt, unumwunden ein, dass er lieber woanders geboren wäre. Ich muss ihm einen fragenden Blick zugeworfen haben.
»Gernot« wimmerte er, »ich muss mir immer wieder anhören, Bielefeld gebe es gar nicht. Da hat der Satiriker damals etwas losgetreten. Manche Leute glauben das tatsächlich und halten mich für einen Schwindler.«
»Besser ein erfundenes Bielefeld als ein reales Selfkant« tröstete ich ihn.
Die Lust auf Schokolade hat etwas mit dem Beruf meines Vaters zu tun. Der war vor seiner Verrentung Prokurist bei einem Aachener Schokoladenhersteller und dort für den Einkauf zuständig. Sie ahnen sicher, was jetzt kommt: Der Personalverkauf in der Schokoladenfabrik bedeutet eine furchtbare Verführung, weil die Tafeln und Pralinen himmlisch und die Rabatte beachtlich sind. Davon konnte unsere heimische Vorratskammer ein Lied singen. So kam ich frühzeitig in den Genuss der Schokolade und auf den Geschmack derselben. Was man im Kindesalter gelernt hat, vergisst man nicht so leicht.
Ein typisches Beispiel ist meine Cousine Constanze. Die erhielt bereits mit fünf Jahren Klavierunterricht und ist von Beruf Klavierlehrerin. Ihre Eltern hatten frühzeitig Constanzes musikalisches Talent entdeckt, weil das Kind in verschiedenen Tonlagen plärrte. Constanze wurde ans Piano gesetzt, machte rasch Fortschritte und unterrichtet heute künftige Virtuosen. Nach eigenen Angaben ist das für sie nicht das reinste Vergnügen.
»Ihr glaubt nicht, welche Schüler ich ertragen muss. Viele Bildungsbürger meinen, sie müssten ihre Sprösslinge ans Klavier zwingen, weil das zum guten Ton gehört, so wie früher die höheren Töchter Klavier- und Gesangsunterricht nehmen mussten, um ihre Heiratsaussichten zu verbessern. Manche Kinder haben zehn krumme Finger und hauen auf die Tasten, als wollten sie die zertrümmern.«
»Die sollten Geige lernen« fiel Karola ein, »da schaden krumme Finger nicht.«
Die Empfehlung meiner Frau ist fragwürdig. Das Üben des Geigenspiels schneidet, zumindest im Anfangsstadium, ins Gehör der Nachbarn, wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Der Bengel nebenan kratzte so auf seiner Violine herum, dass ich einen Tinnitus bekam. Zum Glück verschwanden eines Tages Geiger und Tinnitus. Wenn der Nachbar schon unbedingt ein Instrument lernen will, dann bitte ein Keyboard, weil man das mit Kopfhörer spielen kann. Eine Ausnahme lasse ich für die Königin der Instrumente, die Kirchenorgel, zu. Die ist aber in Privathäusern eher selten anzutreffen.
Das Talent hat Constanze gewiss nicht von ihrem Vater geerbt. Der spielt kein Instrument und gibt als Gesang merkwürdige Töne von sich. Dabei heißt er Gottlieb wie Mozart. Seine Klassenkameraden hatten ihm, wie er manchmal zum Besten gibt, den Spitznamen Amadeus verliehen, weil er im Musikunterricht so schief gesungen hat. In den Schulchor hat ihn der Lehrer deshalb nicht aufgenommen. Zum Trost durfte er die Notenständer aufstellen.
