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Zwischen Panne und Pasta: Ein Roadtrip mit Hindernissen. Eigentlich sollte es eine stilvolle Studienreise nach Oberitalien werden - mit Luxusbus, Guide und Komfort. Doch als das Fünf-Sterne-Gefährt von "Elite-Studienreisen" ausfällt, beginnt ein ganz anderes Abenteuer: Die bunt zusammengewürfelte Reisegruppe besteigt den gecharterten Bus der Firma Prellmayer und erlebt immer wieder neue Überraschungen. Am Steuer: Ronny, ein findiger Fahrer mit Basteltalent. An Bord: Eigenwillige Mitreisende, deren Herkunft ebenso viel Gesprächsstoff liefert wie die Sehenswürdigkeiten Italiens. Zwischen Gardasee und Bologna entfaltet sich eine Fahrt voller absurder Situationen, herzerwärmender Momente und einer Menge Abwechselung. Ein Roadtrip mit Witz, der zeigt: Nicht der Weg ist das Ziel - sondern die Menschen, mit denen man ihn teilt.
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Seitenzahl: 253
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Für Karin
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
»Was meinst du zu Italien?«
Der Angriff kam so unerwartet, dass mir das Brötchen aus der Hand fiel. Karola, die mir am Frühstückstisch gegenübersaß, schaute arglos auf ihren Teller. Diesen Gesichtsausdruck kannte ich, er verhieß nichts Gutes; ihm folgte gewöhnlich eine Breitseite, die ich meist nur mit äußerster Anstrengung abwehren konnte.
»Italien? Hm, Pizza, Pasta, grande amore, Gianna Nannini.«
Meine Frau zog die Augenbrauen hoch. Damit kündigte sie eine andere Gangart an, so macht sie das wohl auch in der Schule. Karola ist Lehrerin, genauer gesagt, Studienrätin an einem Gymnasium, und unterrichtet ihre Zöglinge in den Fächern Deutsch und Englisch. Manchmal ist sie regelrecht einschüchternd und ich habe nie an ihrer Durchsetzungskraft gegen widerborstige Schüler gezweifelt. Andererseits kann sie eine Unschuldsmiene aufsetzen, als vermöchte sie kein Wässerlein zu trüben. Ihre Wandlungsfähigkeit verblüfft mich immer wieder.
»Gernot«, – bei ernsten Gesprächsthemen nennt Karola mich beim Vornamen – »mach dich nicht lustig! Italien bedeutet Dante Alighieri, Michelangelo, da Vinci, Renaissancebauten. Und das Land, wo die Zitronen blühen. Vom Reiz des Südens hat bereits Goethe in seiner Italienischen Reise geschwärmt. Falls du davon jemals gehört haben solltest.«
Goethe ist für Karola der Wegweiser zur klassischen Bildung schlechthin, seine Werke benutzt sie als Fundgrube von Weisheiten für alle Lebenslagen. Ihr Lieblingswerk ist der »Faust«, mit dem wir früher als Schüler traktiert wurden und aus dem Karola für ihr Leben gern zitiert. Ein Verweis auf den Weimarer Geheimrat hebt letztlich jede Diskussion auf eine höhere Ebene und bringt mich, nach Ansicht meiner Frau einen Menschen mit klarem Bildungsdefizit, regelmäßig zum Verstummen.
Ich beschloss deshalb vorerst zu schweigen und widmete mich wieder meinem Brötchen. Karola sah mich nachdenklich an. Gerne hätte ich gewusst, was sich hinter ihrem undefinierbaren Blick verbarg, hütete mich aber davor, den Disput fortzusetzen. In den Morgenstunden bin ich ohnehin kein anregender Gesprächspartner, schon gar nicht beim Frühstück, das ich möglichst ungestört einnehmen will. Ich möchte mich auch bei anderen Mahlzeiten auf mein Essen konzentrieren und nicht vom Genuss der Speisen ablenken las- sen. Ich habe nie verstanden, welchen Sinn sogenannte Geschäftsessen haben sollen. Mahlzeiten dienen bekanntlich der Nahrungsaufnahme und nicht dem Abschluss von Verträgen. Auch für den Austausch kluger Gedanken, falls man diese einmal haben sollte, benötigt man weder Messer noch Gabel.
Ganz abgesehen davon, dass manche Zeitgenossen es nicht lassen können, mit vollem Mund zu reden. Den Blick auf das Zerkleinerungswerk in der Mundhöhle meines Gegenübers brauche ich nicht. Ich halte es lieber mit Agatha Christies Hercule Poirot, der beim Speisen nur seinen Magen im Sinn hatte und sich Debatten über die Erkenntnisse seiner kleinen grauen Zellen verbat.
Ich schenkte mir eine weitere Tasse Kaffee ein und langte nach der Zeitung. Zu einem gemütlichen Samstagsfrühstück gehört die Lektüre des Lokalblatts, das über die neuen Straßenbaustellen, die Erhöhung der Parkgebühren und die Bürgerinitiative gegen den Bau eines Mehrfamilienhauses in ihrer Nachbarschaft bereitwillig Auskunft erteilt. Hin und wieder findet man auch lustige Kleinanzeigen unter der Rubrik »Tiermarkt« wie etwa »Blonde Stute sucht großzügigen Hengst«.
Beim Durchblättern der Zeitung blieb mein Blick an der bunt bebilderten Werbung eines Reiseunternehmens hängen. »Genießen Sie den Sommer an der Seidenstraße« stand dort, »Wellnessurlaub in Wuppertal« und »Hüttenzauber in Hintertux«. Ich stutzte. Langsam keimte in mir ein Verdacht auf: Karola hatte das Italien-Thema wie aus heiterem Himmel angeschnitten. Mit ihrer Frage, was ich zu Italien meine, wollte sie doch nicht etwa ...?
Die liebliche Stimme meiner Frau entriss mich diesen Gedanken. Mit einem bezaubernden Lächeln brachte sie es auf den Punkt: »Schatz, wir haben jetzt Ende März und in drei Monaten beginnen die Ferien. Meinst du nicht auch, dass wir allmählich unseren Sommerurlaub planen sollten?« Übrigens, fügte sie eher beiläufig hinzu, habe sie am Vortag zufällig Cordula getroffen. Die habe eine interessante Studienreise nach Norditalien gebucht und angefragt, ob wir uns nicht anschließen möchten. Die Reise führe zu italienischen Städten, die man unbedingt gesehen haben müsse. Wo gebe es schon so was Schönes wie die Gondeln von Venedig und kein Turm sei schiefer als der von Pisa. Und überhaupt: Ein Bildungsbürger, der die Uffizien in Florenz nicht besichtigt habe, müsse sich nachgerade schämen. Außerdem finde die Reise im Bus statt und sei daher ausgesprochen umweltfreundlich, der Anbieter arbeite sogar klimaneutral. »Cordula hat da wohl nicht ganz unrecht.«
Aha, dachte ich, Cordula. Sie ist Biologin und Karolas beste Freundin. So manches Mal hat sie meiner Frau, wie man früher bildhaft sagte, einen Floh ins Ohr gesetzt; der zwickte Karola so lange, bis Cordulas Begeisterung für ein anstehendes Projekt auf sie übersprang. Um keinen falschen Eindruck zu erwecken: Ich habe absolut nichts gegen Cordula einzuwenden – abgesehen davon, dass sie als Vegetarierin mir ein schlechtes Gewissen verschafft, wenn ich in ihrer Gegenwart ein Schweineschnitzel verzehre. Sie hat so eine Art Sendungsbewusstsein, will die Welt verbessern und fühlt sich für ihre Freunde mitverantwortlich. Das macht sie einerseits durchaus sympathisch, andererseits zuweilen anstrengend. Vielleicht hat das auch zum Scheitern ihrer Ehe beigetragen. Fairerweise muss man allerdings sagen, dass ihr Ex-Mann Daniel ein ziemlicher Stinkstiefel war. Er ist Investmentbanker und hat immer solche Dollarzeichen in den Augen. Ich habe nichts gegen das Geldverdienen, das muss natürlich sein, aber man sollte es nicht übertreiben.
Zugegeben, als Normalverdiener habe ich gut reden, wäre ich reich, dann würde ich diese Dinge vielleicht anders sehen. Daniel war aber nicht nur auf den Maximalgewinn auf Teufel komm raus erpicht, sondern auch die eine oder andere Gespielin. Das fand Cordula zu Recht uncharmant.
Ich schaute Karola schräg von unten an: »Haben wir nicht davon gesprochen, dieses Jahr nach Langeoog zu fahren, du weißt, die Insel in Ostfriesland. Wir wollten doch einen geruhsamen Urlaub verbringen mit Wind und Wellen, Spaziergängen am Strand, Wandern im Watt mit Würmersuchen, und dann die ostfriesischen Teestuben, und Kultur gibt es ja auch, schließlich steht dort eine nette Dorfkirche, und gelegentlich veranstaltet man ein Kurkonzert ...«
Karolas Gesichtsausdruck wechselte von zuckersüß zu säuerlich. »Du verdrehst die Tatsachen. Einen möglichen Urlaub in Ostfriesland hast nur du einmal erwähnt. Und du kennst ja meine Vorlieben. Eine Insel im Wattenmeer, na ja, da kann man weit gucken, aber man ist abgeschieden von der Zivilisation, keine Museen, nichts Historisches, nach zwei Tagen kennt man jede Düne, das wichtigste Kleidungsstück ist die Regenjacke, zu essen gibt es Fisch und zu trinken Tee ...«
»... und Bier, friesisch herb«, unterbrach ich sie. »Außerdem regnet es dort nicht immer, an manchen Tagen scheint sogar die Sonne. Es soll Urlauber geben, die die Insel gebräunt verlassen haben. Das musst du in den Uffizien mal nachmachen. Der Fisch ist aber auch nicht schlecht, manchmal gibt es ‚Scholle satt‘, da kannst du so viel essen, bis dir die Gräten zum Hals raus hängen. Und was geht schon über einen echten Ostfriesentee mit Sahne und Kandis, für Gourmets gern mit Rum. Vor allem ist die Seeluft heilsam, sie riecht würzig und stärkt die Lungen, das würde uns beiden guttun. Da brauchst du nur deine Freundin Cordula zu fragen, die ist doch immer auf dem Gesundheitstrip. Erinnere dich daran, dass sie letztes Jahr aus dem Gasteiner Stollen gar nicht mehr herauswollte und dass sie auf E-Zigarette umgestiegen ist. Davon abgesehen ist der Sommer in Italien zu heiß.«
Karola gab nicht auf. »Die Ferien beginnen schon Ende Juni, da ist die Luft im Süden angenehm warm und trocken. Du klagst doch oft über Nieselregen, deshalb wolltest du nie nach Hamburg, obwohl der Fischmarkt sensationell sein soll, da duftet es nach frischem Fang. Nicht einmal mit der Reeperbahn konnte man dich locken.« Jetzt fuhr Karola schwere Geschütze auf: »Im sonnigen Italien sind die Mädchen leichter gekleidet als auf einer trüben Nordseeinsel – oder interessiert dich so was nicht mehr? Bisher dachte ich, du seist ein Mann in den besten Jahren.«
Das war ein Volltreffer, meine Festung war bald sturmreif geschossen. Ich begann zu wanken und unternahm einen letzten Versuch. »Italien soll, vor allem in der Ferienzeit, teuer geworden sein. Du hast dir doch einen neuen Wäschetrockner gewünscht, für den könnte man bei einem kleineren Reisebudget mehr anlegen, und Ostfriesland gilt nicht als Kostentreiber. Im Land, wo die Zitronen blühen, bitten die Gastwirte dich dagegen schon für das Tischgedeck zur Kasse, das nennen sie coperto. Auf Langeoog sind Fischbesteck und Serviette inklusive, das macht schon mehrere Euro aus.«
Der durchdringende Blick sollte mich warnen. Ich versuchte, mich hinter der Zeitung zu verstecken, sah jedoch plötzlich eine Hand, die mir das Papier wegzog. Zu meinem Schrecken setzte Karola nun ihre Brille auf, das tut sie immer, wenn sie eine Gardinenpredigt halten will. Ich war gespannt darauf, was jetzt kommen würde. Unsere Ehe ist im Allgemeinen recht harmonisch, wir streiten eigentlich nur über besonders wichtige Themen wie die Manieren ihrer Geschwister und das Stimmvolumen mancher Schlagersängerinnen. Karola lästert über meinen Musikgeschmack und meint, Männer könnten besser sehen als hören, was ja nicht ganz falsch ist. Auch beim Thema Käse können wir uns nicht einigen; meine Frau mag nämlich den würzigen Handkäse, den ich gern mit Zwiebeln esse, nicht riechen. Aber hier ging es ja nicht um Käse, sondern nur um die Urlaubsplanung.
»Das meinst du jetzt nicht ernst«, giftete Karola. »Auch Langeoog ist in der Hauptsaison nicht billig und in Italien gibt es zu Messer und Gabel meistens Brot und Grissini, deshalb das coperto; du musst die aber nicht essen. Im Übrigen geht es nicht um ‚meinen‘ Wäschetrockner, oder willst du deine nassen Unterhosen aus dem Fenster hängen?
Das Patriarchat ist passé, das müsste selbst dir klar sein.«
Ich hatte bei Karola einen wunden Punkt berührt. Auf althergebrachte Geschlechterrollen reagiert sie allergisch, die Gleichberechtigung von Mann und Frau war ihr immer ein Anliegen, die soll sich, so ihr Credo, auch in Äußerlichkeiten zeigen wie bei der Namenswahl. Früher hatte die Frau bei der Heirat den Familiennamen des Mannes angenommen und man konnte Ehepaare wenigstens am gemeinsamen Namen erkennen. Das gilt schon lange nicht mehr. Jetzt müssen sich Eheleute durch andere Zeichen zu erkennen geben wie das Vermeiden von Blickkontakt oder konstantes Schweigen. Meine Frau hatte sich bei unserer Verehelichung einen Doppelnamen zugelegt, dabei hatte der Standesbeamte, ein Mann vom alten Schlag, mit dem Argument »Wir wollen doch auf dem Teppich bleiben« meinen Familiennamen für beide Eheleute ins Stammbuch eintragen wollen. Das brachte Karola auf die Palme. Mir war der Mann sympathisch.
Nachdem Karola Dampf abgelassen hatte, setzte sie eine versöhnliche Miene auf. Mir schwante, dass sie noch etwas im Köcher hatte. »Du magst doch die Natur so gerne, deshalb gehst du im Wald spazieren oder auf der Bahnhofstraße.
Cordula sagt, nirgends stünden so schöne Pinien wie in Italien und auch die Zypressen seien nicht zu verachten.«
»Dünengras ist aber auch ein Gewächs und ...« Weiter kam ich nicht, ich hatte den Bogen wohl überspannt. Karola strafte mich mit Augenblitzen, verließ den Tisch und hüllte sich in eisiges Schweigen. Um den häuslichen Frieden zu wahren, ruderte ich zurück. »Das Dünengras ist in der Höhe natürlich begrenzt und reicht an einen Nadelbaum nicht heran. Und Pinienkerne schmecken nicht übel.«
Meine Frau holte aus und landete den entscheidenden Schlag: »Auf der Rundreise gibt es übrigens eine Weinprobe in der Toskana.« Das saß! Karola hatte eine empfindliche Stelle ins Visier genommen. Das Wort »Weinprobe« löst bei mir einen Reflex aus. Ich bin zwar kein echter Weinkenner, schätze aber den Rebensaft überaus und bin für ein gutes Tröpfchen stets zu haben. Ich gab mich geschlagen. »Wann soll es losgehen?«
Wie der Zauberer das Kaninchen aus dem Hut zog Karola einen Prospekt hervor. »Den hat mir Cordula gegeben.« Sieh da, dachte ich, gestern erst haben die beiden über die Reise gesprochen, Cordula führt den Prospekt wohl immer mit sich. Mit dem Hinweis »Auf den Seiten 22 und 23 steht alles Wissenswerte« händigte meine Frau mir den Katalog aus. Der stammte von der Firma »Elite Studienreisen« und verkündete fett gedruckt: »Für Gebildete und solche, die es werden wollen«. Du lieber Himmel, sagte ich mir, in welche Gruppe würde »Elite« mich wohl einordnen? Ich las weiter und erfuhr, dass die Fahrt in einem »Fünfsterne-Luxusbus mit qualifizierter Reiseleitung« zu den »Perlen Norditaliens« führen und »unvergessliche Erlebnisse« bringen würde. Die Reise sei exklusiv, denn die Zahl der Teilnehmer sei begrenzt und die Hotels seien speziell ausgewählt. Ja, wie denn? Fahren andere Busse mit unbegrenzten Gruppen zu nicht gezielt ausgewählten Unterkünften, begleitet von unqualifizierten Reiseleitern? Wie auch immer, fünf Sterne, Perlen und unvergessliche Erlebnisse sprachen für die Reise. Und natürlich die Weinprobe. Wir buchten.
Der Abreisetermin rückte näher und die Spannung stieg.
Eine Studienfahrt will gut vorbereitet sein, vier Wochen vor der Abreise begab sich Karola auf Einkaufstour und kehrte mit umfänglichen Tüten in beiden Händen zurück. »In Italien muss man eine bella figura machen, sonst ist man der Underdog.« »Aber du hast doch eine schöne Figur, warum dann diese ganzen Klamotten? Obwohl, ein paar Kilo weniger ...« Meine Frau bedachte mich mit einem finsteren Blick und zog ein himmelblaues Leinenhemd hervor. »Das macht dich jünger und verdeckt deinen Bauch.«
Außerdem hatte Karola diverse Reiseführer beschafft.
Meinen Einwand, mit allen wichtigen Informationen werde uns schon der Reiseleiter versorgen, dafür werde der schließlich bezahlt, wischte sie hinweg. »Auf die Erzählungen von Reiseleitern kann man sich nicht verlassen. Die kennen vieles nicht und erfinden manchmal Geschichten.« Karola will aber auch immer alles genau wissen. Ich versuchte sie zu hänseln. »Vielleicht kriegen wir ja eine Reiseleiterin.
Einer Frau können wir sicher vertrauen, jedenfalls was ihren Wissensschatz angeht. Ob allerdings ihr Orientierungssinn ...« Karolas Griff an mein Ohr war schmerzhaft.
Nachdem die Reiseunterlagen eingetroffen waren, begann meine Frau mit dem Kofferpacken. Mein Hinweis, dafür sei doch noch reichlich Zeit, ging ins Leere, Packen auf den letzten Drücker berge die Gefahr, dass man wichtige Sachen vergisst. Das leuchtete mir ein. »Zum Beispiel den Norwegerpullover und den Schnorchel.«
Die Abfahrt sollte zur Mittagszeit am Münchener Hauptbahnhof stattfinden. Da wir mit dem Zug anreisten und uns auf eine rechtzeitige Ankunft in der bayerischen Hauptstadt nicht verlassen wollten, hatten wir uns bereits am Vortag mit der Eisenbahn auf den Weg gemacht. Eine Zugfahrt ist immer wieder ein Erlebnis. Als wir auf dem Bahnsteig standen, tönte es aus dem Lautsprecher, die Abfahrt verspäte sich voraussichtlich um eine Stunde, der Grund dafür sei »eine Verzögerung im Betriebsablauf«. Ja, was denn sonst? Wird der Betriebsablauf etwa nicht verzögert, wenn die Zugmaschine schlappgemacht oder der Lokführer verschlafen hat?
Nach anderthalb Stunden traf der Zug ein. Wir hatten Sitzplätze im Großraumwagen reserviert und mussten diese erst mal von zwei Fahrgästen, die sich in der Wagennummer geirrt und unsere Plätze besetzt hatten, freiräumen. Das ging nicht problemlos vonstatten, die Besetzer beharrten zunächst darauf, sich richtig platziert zu haben. »Die Sitze 51 und 53 stehen auf unserer Reservierung. Gucken Sie mal dort auf die Nummernschildchen«, herrschte der rotgesichtige Dickwanst auf dem Gangplatz uns an und seine Gefährtin mit der blondgefärbten Mähne meckerte: »Sie können wohl nicht lesen.« Wir brauchten viel Geduld, um den Rüpeln klarzumachen, dass sie in den falschen Wagen eingestiegen waren. Endlich räumten sie grummelnd das Feld.
Die Fahrt verlief kurzweilig und unterhaltsam. Rundum wurden Mobiltelefone, auf Deutsch Handys, gezückt. Es ist ein Phänomen, dass Leute, die sonst mit einigermaßen gedämpfter Lautstärke reden, ins Telefon brüllen, als müssten sie die räumliche Distanz zum Gesprächspartner mit ihren Stimmbändern überbrücken. In öffentlichen Verkehrsmitteln ist das nicht ohne Reiz, die Mitreisenden erfahren so, dass die Liebesnacht eine Enttäuschung war und dass der Abteilungsleiter ein Sadist ist. Seit der Erfindung des Mobiltelefons sind Bahnreisen deshalb amüsanter.
Interessant ist auch, was Geschäftsreisende so alles in ihr Laptop hacken. Der Sitznachbar kann mitlesen, wie der Preisnachlass durch versteckte Zuschläge in anderen Posten wettgemacht und wie die Bilanzen geschönt werden. Wer Glück hat, kann sogar das Verfassen einer Abmahnung oder eines Kündigungsschreibens verfolgen.
Zwischen Köln und Frankfurt wurden wir Ohrenzeugen eines aufschlussreichen Telefonats. Eine jüngere Dame jenseits des Mittelgangs führte ein Abschlussgespräch mit ihrem Lebensabschnittsgefährten und geriet zunehmend in Rage. »Du hast mich zum letzten Mal betrogen«, empörte sie sich, »und das mit meiner besten Freundin. Zieh doch gleich zu ihr.« In Karola weckte das weibliche Solidarität: »Der Schuft hat dich nicht verdient, schmeiß ihn raus.« Durch diesen Ratschlag ermuntert, schrie die Betrogene in den Hörer: »Pack deine Sachen und verschwinde. Und vergiss deinen Hamster nicht!« Die Mitreisenden applaudierten.
Eine hervorstechende Eigenschaft des Bahnreisenden ist sein Appetit. Das gilt besonders für Fernzüge. Sobald er seinen Sitzplatz eingenommen hat, wühlt der Reisende im Rucksack und fördert Nahrungsmittel zutage. Beliebt sind Käsestullen und reife Früchte. Gern werden Apfelsinen geschält, der Geruch durchzieht den Waggon und verursacht bei empfindlichen Nasen Niesreiz. Einen typischen Fall erlebten wir nach dem Halt am Frankfurter Bahnhof. Ein Paar mittleren Alters, soeben eingestiegen, war offenbar ausgehungert. Die füllige Dame benötigte anscheinend ihre Kalorien, ihre Statur hätte man früher als »vollschlank« bezeichnet, wobei ich mich frage, was Dicksein mit Schlankheit zu tun hat. Die Matrone kramte in einem Plastikbeutel, dem sie Eier, Tomaten und üppig belegte Butterbrote entnahm. Die Eier waren glücklicherweise hartgekocht, die Tomaten waren saftig und hinterließen Spuren auf den Polstern. »Einen recht guten Appetit«, wünschte Karola, »die Spucktüten liegen unter den Sitzen.«
Ab Mannheim wurde es lustig. Hatten Sie schon mal in der Bahn das Vergnügen mit einer Frauengruppe, die ohne männliche Störenfriede auf dem Weg ins Wellnesshotel war?
Dann ahnen Sie, was auf uns zukam, nachdem die sechs »Mädels« so etwa zwischen vierzig und fünfzig Jahren zugestiegen waren. Wie nicht anders zu erwarten, hob sich der Geräuschpegel, das ist bei Zusammenkünften fröhlicher Menschen jeglichen Geschlechts nicht unüblich. Rasch waren die Mädels ins lebhafte Gespräch vertieft, dem wir leider nur teilweise folgen konnten, weil alle durcheinanderredeten. Das ist wie in den Fernseh-Talkshows, die dadurch an Reiz gewinnen, dass die Teilnehmer sich wechselseitig ins Wort fallen. Ohne Einschränkungen konnten wir dagegen das Kreisen der Sektflaschen beobachten. Schaumwein wirkt, auch im ICE, belebend und löst selbst einem Stockfisch die Zunge. So geschah es hier und die Gruppendynamik verstärkte diesen Effekt. Karola machte es richtig und fischte aus ihrem Koffer ein Paar Ohrstöpsel, die sie vorausschauend eingepackt hatte.
Mit zwei Stunden Verspätung traf der Zug in München ein. Wir hatten ein Hotel in Bahnhofsnähe gewählt, um am Folgetag schnell am Treffpunkt zu sein. Ich mag München. Das Gütesiegel »Weltstadt mit Herz« mag zwar etwas übertrieben sein, aber Charme hat die süddeutsche Metropole ohne Frage. Sie punktet mit zünftigen Wirtshäusern, lauschigen Biergärten und der Bayerischen Staatskanzlei. Hin und wieder begegnet man auf der Kaufingerstraße einem Madl im Dirndl und einem Mannsbild in Lederhosen. Das könnten freilich Chinesen sein.
Das Abendessen nahmen wir in einer dieser typischen Brauereigaststätten ein. Seit der Überquerung des Weißwurstäquators hatte ich mich auf eine deftige Mahlzeit im »Augustiner« gefreut. An einem der langen Holztische hockte eine Gruppe Japaner, der wir uns zugesellten. In den Münchener Brauhäusern darf man sich auf einen freien Platz am langen Tisch setzen, es sei denn, man hat eine Knoblauchfahne oder riecht anderweitig aus dem Mund. Die Asiaten stemmten Maßkrüge und knabberten an Brezn; so heißen die ineinander verschlungenen Teigwaren, die auf den Tischen bereitstehen. Ich bestellte eine Schweinshaxe mit Knödeln und »eine Halbe«, also einen halben Liter, Helles, Karola entschied sich für eine Viertel-Ente und ein Mineralwasser; Bier trinkt sie nur, wenn sie kurz vorm Verdursten ist und es nichts anderes gibt. Die Haxe war schön knusprig, in Abwesenheit von Cordula konnte ich sie guten Gewissens genießen. Karolas Freundin, mit der wir uns anderentags am Bahnhof treffen wollten, war ebenfalls einen Tag vorher gefahren, und zwar nach Ingolstadt, wo sie bei einer Tante übernachten wollte. Ich hatte sie geneckt: »Was willst du denn in Ingolstadt, einen Audi kaufen? Ich empfehle dir einen SUV.« Mit kühlem Blick belehrte sie mich, Ingolstadt bestehe nicht allein aus der Autofabrik und sei durchaus sehenswert. Meine Anspielung auf den Audi hatte den Hintergrund, dass Cordula kein Automobil besitzt und überzeugte Radfahrerin ist. Größere Einkäufe erledigt sie mit dem Lastenrad. Das macht sicher einen Heidenspaß, vor allem bei Regen und Windstärke acht. Die köstliche Haxe habe ich, wie gesagt, ungeniert würdigen können und gründlich abgenagt. »Lass den Knochen übrig«, wisperte Karola.
Am nächsten Tag war es so weit: Die Kulturreise konnte beginnen. Karola und ich strebten gut gelaunt dem Hauptbahnhof zu, es goss in Strömen. Vor dem Hinterausgang standen Menschen mit Rollkoffern vor einem Omnibus. Der konnte aber doch nicht unser Fünfsternegefährt sein, die Fahrertür hatte eine Beule und am Heck war der Lack zerkratzt. Ich las die seitliche Aufschrift »Prellmayer – günstig reisen«. Hinter der Windschutzscheibe steckte allerdings das Schild »Elite-Reisen«, das machte mich stutzig. Vorsorglich erkundigte ich mich bei einem Rollkoffermann. »Der Luxusbus hat einen Achsbruch, Elite musste einen Fremdbus chartern.« Wenigstens war der Fahrer pünktlich.
Am Einstieg lauerte uns eine brünette Dame undefinierbaren Alters mit Wanderschuhen auf. Die gehört nicht zu uns, dachte ich, wir haben eine Studienfahrt gebucht und keine Wanderreise. Die Wandersfrau hielt ein Klemmbrett in der Hand, auf dem eine Namensliste lag. »Buon giorno«, sprach sie uns an, »ich heiße Elettra und bin ihre Reiseleiterin.«
Offenbar eine Italienerin, überlegte ich, das kann auf einem Italientrip eigentlich nicht falsch sein. Karola nannte ihr unsere Namen, woraufhin Elettra Häkchen auf dem Papier kritzelte. Wir suchten zwei benachbarte Plätze und erwischten die Sitze in der zweiten Reihe rechts. Die erste Sitzreihe neben dem Fahrer war ersichtlich für die Reiseleiterin reserviert, die dort einen ganzen Stapel von Unterlagen und einen Rucksack deponiert hatte.
Cordula fand sich ebenfalls ein und nahm hinter uns Platz. Nachdem auch die letzten Gäste ihre Fresspakete verstaut hatten, ließ der Fahrer den Motor an. »Guten Tag, ich bin der Ronny«, ließ er uns über den Lautsprecher wissen. Sieh an, ein Ossi, dachte ich, in der ehemaligen DDR hieß jeder Dritte Ronny, aber dafür können diese Männer nichts. Wie sich später herausstellte, stammte unser Fahrer aus Schmalkalden und lebte jetzt in Erding. »Eine Wohnung in München«, erklärte er mir einmal, »kann ich mir nicht leisten. Die ziehen einem das Fell über die Ohren. Ehe man sichs versieht, ist die Hälfte des Gehalts weg.« Ich frage mich schon lange, wer die horrenden Mieten in der bayerischen Metropole und in vergleichbaren Großstädten überhaupt noch zahlen kann. Nicht alle sind Börsenspekulanten oder Radiologen. Ich habe das leidige Mietthema mal mit einem Großverdiener aus der IT-Branche erörtert. Der Spaßvogel meinte, wer die hohen Mietkosten nicht tragen könne, solle sich doch einfach eine Wohnung kaufen. Selten so gelacht!
Ronny war ein Meister seines Fachs, er beherrschte den Bus und man fühlte sich bei ihm gut aufgehoben, außerdem war er freundlich und hilfsbereit. Apropos Ossi: Ich finde, mehr als dreißig Jahre nach der (Wieder-)Vereinigung sollte man den Gegensatz West – Ost endgültig begraben. Ob jemand in Quadrath-Ichendorf oder in Kötschenbroda wohnt, ist mir doch egal. Ich mache lieber einen Unterschied zwischen einem netten Menschen und einem Ekelpaket.
Wir überquerten gerade die Isar, da klingelte vorn ein Handy. Elettra griff nach ihrem Mobiltelefon. Ich hörte, wie sie sagte: »Frau Bieber ist im Bus, wir sind komplett.«
Fünf Minuten später meldete sich derselbe Klingelton. Elettra lauschte und wurde blass. Mit belegter Stimme wies sie Ronny an, zum Hauptbahnhof zurückzukehren. Als wir dort ankamen, wedelte eine schlanke Endfünfzigerin im dunkelroten Kostüm mit den Armen. Sie hatte versehentlich am Hauptausgang gewartet, während der Bus uns hinter dem Bahnhofsgebäude aufsammelte. Jetzt war die Reisegruppe vollständig.
Die Kostümierte entpuppte sich als Chefsekretärin aus Frankfurt. Ihre Herkunft ließ sich nicht verleugnen, sie sprach das »ch« als weiches »sch«, etwa so: Mischael reischte Meschthild einen Bescher Milsch. Sybille Bieber war notorische Apfelweintrinkerin und gleichwohl eine gepflegte Erscheinung.
Der Grund für die Zusatzfahrt war mir bald klar: Unsere Reiseleiterin hatte vor der Abfahrt nicht genau gezählt und den Familiennamen der Frankfurterin – sie hieß Bieber – mit Lieser, Cordulas Familiennamen, verwechselt. »Das kann ja heiter werden«, murmelte Karola. Weiter hinten brummte eine männliche Stimme: »Errare humanum est.« »Oh, ein Gebildeter, der kann Latein«, raunte ich Karola zu. Bei der Ortung der Stimme entdeckte ich einen kerzengerade sitzenden grauhaarigen Herrn mit Schnurrbart und Hornbrille. »Sieht aus wie ein pensionierter Oberstudienrat«, flüsterte ich Karola ins Ohr. Am nächsten Tag kam ich auf einem Spaziergang am Gardasee mit ihm ins Gespräch. Er hieß Wendelin Wagenhoff, wohnte in Gifhorn, wurde begleitet von seiner Ehefrau Theodora – und war pensionierter Oberstudienrat. Er hatte die Fächer Latein und Geschichte unterrichtet und zeigte sich im Verlauf der Reise humorvoller, als er aussah. Wir hatten mit den Wagenhoffs manchen Spaß.
Die Fahrt in Richtung Süden war unterhaltsam. Wir wurden durch eine Sinfonie von prasselndem Regen und Schrammen der Scheibenwischer wachgehalten. Hinter Innsbruck lichtete sich der Himmel allmählich. Als wir am Brenner erst einmal im Stau standen, kamen bei mir heimatliche Gefühle auf. »Wie auf der A 4«, frohlockte ich, »nur nicht so flach.«
Unsere Reiseleiterin versuchte uns die Wartezeit mit einer Einführung in die italienische Lebensart zu verkürzen. Der typische Italiener, dozierte sie, lege Wert auf ein gepflegtes Äußeres und auf gesunde Ernährung. Fast Food sei ihm eigentlich zuwider, allerdings würden sich auch in ihrem Land die Burgerketten immer weiter ausbreiten. Das scheint gerade in Italien ein großes Problem zu sein. Ich habe gelesen, italienische Kinder und Jugendliche seien im internationalen Vergleich extrem übergewichtig und würden in der Statistik unter den Ländern der Europäischen Union den unrühmlichen ersten Platz belegen, dicht gefolgt von den Griechen. Was ist nur aus den traditionellen mediterranen Essgewohnheiten geworden? Die Zeiten, als die Mamma ihre famiglia am Mittagstisch um sich scharte und mit selbstgemachter pasta fütterte, scheinen vorbei zu sein.
Seit jeher, berichtete Elettra weiter, schätze man eine ausgedehnte Mittagspause, die Siesta, die schon mal drei bis vier Stunden dauern könne, zu ihrem Leidwesen schwinde in vielen Städten auch dieser schöne Brauch. Früher sei eben manches besser gewesen. Immerhin seien die Azzurri vierfache Weltmeister, und die ragazzi – bellissimi, haha. »Da bin ich aber gespannt«, gluckste Cordula hinter uns. Sie war damals Single und auf Männersuche. Ihre Ansprüche an den künftigen Partner stehen einer längerfristigen Verbindung leider oft im Wege. Der Kerl sollte Vegetarier sein und Lastenfahrräder mögen. Wünschenswert wäre handwerkliches Geschick. Dazu muss man wissen, dass Cordula die Absicht hatte, ihre Wohnung zu renovieren.
Hinter der Grenze legte unsere Reiseleiterin eine CD ein, um uns auf Bella Italia einzustimmen. »’O sole mio«, schmetterte Pavarotti. Das ging aufs Gemüt und machte Appetit auf Nudeln. Eine Stimme aus dem Off fragte nach den Capri-Fischern von Schuricke. Elettra guckte verständnislos und fuhr fort, ihre Fingernägel zu lackieren. Und schon leuchteten die ersten Sonnenstrahlen.
Am Nachmittag erreichten wir den Gardasee. Wussten Sie, dass der Lacus benacus, wie ihn die Römer angeblich nach einer alten Gottheit namens Benacus genannt hatten, mit einer Fläche von 370 Quadratkilometern der größte See Italiens ist? »Da ist er ja noch größer als Frankfurt und Offenbach zusammen, das hätte isch nischt gedacht«, staunte die Chefsekretärin. Benannt ist der See nach der Gemeinde Garda. Schon seit der Antike wurde seine Schönheit immer wieder von Schriftstellern gepriesen. Wenn man von Norden kommt und den »Lago di Garda«, wie er auf Italienisch heißt, erstmals erblickt, ist man verzückt. Das – je nach Wetterlage – blaue Wasser zwischen schroffen Felsen, die bunten Häuser und die mediterrane Vegetation wie Zypressen und Mandarinenbäumchen versprühen das Flair des Südens, dann war man wirklich in Italien. Das erlebten wir beim Bummel durch die Gassen von Malcesine, ein pittoresker Ort, in dem unsere Unterkunft lag. An den Lokalen hingen deutschsprachige Speisekarten, sogar »echter deutscher Kaffee« wurde angepriesen, man fühlte sich fast wie zu Hause. Das empfanden offenbar auch unsere Mitreisenden aus Radebeul. Er war pensionierter Oberstaatsanwalt und hieß Hermann Schönfeld, seine Frau Elvira hatte früher als Maschinenbauingenieurin gearbeitet, das war in der ehemaligen DDR keine Seltenheit. Die Bezeichnung »Kaffeesachsen« kommt nicht von ungefähr. Der Stamm der Sachsen hatte immer eine Vorliebe für das braune Heißgetränk und einen hohen Pro-Kopf-Verbrauch. Waren Sie schon mal in dem legendären Café »Zum Arabischen Coffe Baum« in Leipzig? Dort können Sie die sächsische Kaffeetradition erahnen. Und so kommentierte Frau Elvira die Werbung für deutschen Kaffee wie folgt: »Hermann, hier gönnten wir ein Gännchen Gaffe schlürfen.« Was Hermann sich nicht zweimal sagen ließ.
Im Nachgang zu unserer ersten Etappe von München zum Gardasee machte sich bei mir die Qualität von Prellmayers Bus bemerkbar, kurz gesagt: Ich hatte »Rücken«.
Ich muss wohl ein wenig krumm gegangen sein und eine Leidensmiene aufgesetzt haben, weil Wagenhoff, der neben mir stakste, mich mitfühlend anschaute. »Dank Prellmayers Luxussitzen«, erklärte ich ihm. »Sind wohl nur drei Sterne«, bemerkte er trocken, »aber die Scheiben sind geputzt.« Vielleicht hätte ich auch so stocksteif sitzen sollen wie der Oberstudienrat.
Die Reiseleiterin führte uns durch die malerischen Gässchen zur Scaligerburg, dem Castello Scaligero. Die Scaliger, lernten wir, waren die einstigen Herren von Verona und hatten Burgen in Oberitalien erbaut. Die Familie della Scala trug eine aufsteigende Leiter, eine scala, im Wappen und herrschte im 13. und 14. Jahrhundert. »Von 1259 bis 1387«, wusste Franziska Maier, »und die Scaliger waren Tyrannen und Brudermörder.« Frau Maier, eine gertenschlanke, leicht angegraute Mittfünfzigerin aus Pfaffenhofen, war Erzieherin und höchst kulturbeflissen. Sie glänzte durch eine gründliche Vorbereitung der Besichtigungstermine. Während der Fahrt bearbeitete sie Kopien aus Büchern, die sie zu Hause gefertigt hatte, mit dem Textmarker. Dadurch sparte sie sich den Blick durchs Fenster auf die Landschaft. Ihr Wissensdurst war kaum zu stillen, sie hing an den Lippen der Reiseleiterin und saugte deren Worte förmlich in sich auf.
Die Scaligerburg von Malcesine thront auf einem Felsen und war schon von Weitem zu sehen. Wir erklommen die Burganlage, die aus drei ummauerten Höfen besteht und gut erhalten ist. Im Burghof stand eine Bronzebüste von – na wem schon? – Geheimrat Goethe. Elettra klärte uns darüber auf, dass der Dichterfürst auf seiner Italienreise hier vorbeigekommen war und die Burg gezeichnet hatte. Das war eine Steilvorlage für meine Frau: »Und er geriet in den Verdacht, ein österreichischer Spion zu sein. Sein hessischer Akzent rettete ihn vor der Verhaftung.« Da sieht man wieder mal, wie nützlich Sprachfärbungen sind. So erkennt man einen Schwaben daran, dass er kein Hochdeutsch, aber sonst alles kann. Die neutrale Zunge eines Hannoveraners hat da ein Defizit. Bei dem Wort »Verhaftung« wurde der Oberstaatsanwalt hellhörig. Er fragte bei Elettra nach, ob Goethe in Italien keinen festen Wohnsitz hatte.
