Familienkonferenz - Thomas Gordon - E-Book

Familienkonferenz E-Book

Thomas Gordon

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9,99 €

  • Herausgeber: Heyne
  • Kategorie: Ratgeber
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2012
Beschreibung

Thomas Gordons Elternratgeber ist längst zu einem Standardwerk für viele Väter und Mütter geworden, die sich um ein entspanntes offenes Verhältnis zu ihren Kindern bemühen, das sich auf gegenseitige Achtung und liebevolles Verständnis füreinander gründet. Die Vielzahl seiner Fallbeispiele, seine wohlbegründeten taktischen Ratschlägen für den Umgang miteinander machen dieses Buch zu einem Nachschlagwerk, das sehr konkret auf die wesentlichen Erziehungsprobleme eingeht.

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Seitenzahl: 484

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Von Thomas Gordon sind bei Heyne lieferbar:

Familienkonferenz (ISBN 978-3-453-02984-2)

Die neue Familienkonferenz (ISBN 978-3-453-07861-1)

Familienkonferenz in der Praxis (ISBN: 978-3-453-60234-2)

Lehrer-Schüler-Konferenz (ISBN 978-3-453-60326-6)

Managerkonferenz (ISBN 978-3-453-60000-3)

Über den Autor

Thomas Gordon (1918–2002) war praktizierender Psychologe in den USA. Er gehörte zu den Pionieren der humanistischen Psychologie und war der Überzeugung, dass Menschen, die in einem fürsorglichen und freiheitlichen Klima aufwachsen, in hohem Maße fähig werden, Verantwortung zu tragen und ein selbstbestimmtes, erfülltes Leben zu führen. Durch seine Erfahrungen in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen erkannte er die große Bedeutung der Kommunikation und gewaltfreien Konfliktlösung für die zwischenmenschliche Beziehung. Schön früh entwickelte er hierzu ein konkretes, im Alltag anwendbares Modell, das bis heute nichts von seiner Gültigkeit verloren hat. Thomas Gordon ist Bestsellerautor zahlreicher Bücher zum Thema Kommunikation, Erziehung und Beziehungen. Sein bekanntestes Buch Familienkonferenz wurde weltweit millionenfach verkauft. Für seine Arbeiten wurde er zudem mehrfach ausgezeichnet. Ziel seiner Methode, das Verbessern von Beziehungen und das gewaltlose Lösen von Konflikten ohne Verlierer, ist auch als Friedensarbeit im eigentlichen Sinne anzusehen, was seine dreifache Nominierung für den Friedensnobelpreis 1997, 1998 und 1999 unterstreicht. Sein umfangreiches Werk ist bei Heyne lieferbar.

Thomas Gordon

Familienkonferenz

Die Lösung von Konflikten

zwischen Eltern und Kind

Aus dem Amerikanischen

von Maren Organ

Wilhelm Heyne Verlag

München

Titel der Originalausgabe

PARENT EFFECTIVENESS TRAINING

The »No-Lose« Program for Raising Responsible Children

Erschienen bei Peter H. Wyden, Inc., New York

Überarbeitete 2. E-Book-Fassung

Copyright © 1970, 1975, 2000 by Thomas Gordon

Copyright © 1972 der deutschsprachigen Ausgabe by

Hoffmann & Campe Verlag, Hamburg

Copyright © 2011 dieser deutschsprachigen aktualisierten Ausgabe by

Random House GmbH

Der Wilhelm Heyne Verlag, München, ist ein Verlag

der Verlagsgruppe Random House GmbH

www.heyne.de

Umschlaggestaltung: Hauptmann & Kompanie, Zürich

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-07260-5

Vorwort

Peter Wyden bestand darauf, dass ich dieses Buch schreibe. Als ich abwiegelte, versuchte er es mir in Verkäufermanier schmackhaft zu machen, sagte mir, wie ein solches Buch das Leben vieler Eltern verändern könnte, ihnen helfen würde, verantwortungsvollere und selbstdiszipliniertere Kinder aufzuziehen, und um den Anreiz noch zu steigern, bot er mir an, das Manuskript selbst zu lektorieren. Er hatte mehrere Bücher geschrieben und Hunderte herausgegeben, daher nahm ich an, er verstehe etwas davon. Und das tat er. Das Buch wurde ein Bestseller und veränderte das Leben von Millionen von Menschen, bereitete den Boden für Hunderte anderer Bücher über Kindererziehung und fungierte, der Pew Foundation zufolge, als Vorbild für viele der 50000 Trainingsprogramme für Eltern in den Vereinigten Staaten und unzähligen anderen Ländern.

Das Modell, das ich in diesem Buch entwickelt und beschrieben habe, hat im Lauf der Jahre die Art und Weise beeinflusst, wie wir alle über Kommunikation und Konfliktlösungen sprechen. Heutzutage hat nahezu jeder einmal von aktivem Zuhören, Ich-Botschaften und der niederlagelosen Konfliktbewältigung gehört. Wir haben schon früh erkannt, dass dieses Modell – auch bekannt als das Gordon-Modell – sich nicht auf Eltern-Kind-Beziehungen beschränkt: Es lässt sich auf jegliche Beziehungsform anwenden – sei es zu Hause, bei der Arbeit, in der Schule oder global gesehen. Die Begrifflichkeit des Modells begegnet uns in Psychologieaufsätzen, Büchern, in Managerkursen, in der Erwachsenenbildung und praktisch überall dort, wo zwischenmenschliche Kommunikation und Konfliktbewältigung entscheidende Themen sind.

Im Lauf der Jahre wurde mir bewusst, dass die Beziehungen der Menschen, die diese Methoden und Strategien anwenden, immer demokratischer werden. Aus diesen demokratischen Beziehungen gehen Gesundheit und Wohlbefinden hervor. Menschen, die sich angenommen fühlen, sich frei entfalten können und Anteil an Entscheidungen haben, die sie selbst betreffen, bauen größeres Selbstwertgefühl und mehr Selbstvertrauen auf und verspüren weniger von der Machtlosigkeit, die in autokratischen Familien vorherrscht.

Diese Strategien sind auch für den Weltfrieden entscheidend. Demokratische Familien sind friedliche Familien, und wenn es genügend friedliche Familien gibt, werden sie eine Gesellschaft bilden, die Gewalt ablehnt und Krieg als untragbar erachtet.

Was mir beim Schreiben des Buches nicht bewusst war, war der Lauf des Lebens. Ich habe meinen Blick einfach nicht weit genug in die Zukunft schweifen lassen, um zu erkennen, dass Kinder, die nach dem Elterlichen Effektivitätstraining erzogen werden, nicht nur zu gesünderen und glücklicheren Erwachsenen, sondern selbst zu demokratischen Eltern werden, die den Kreislauf der Gewaltlosigkeit fortführen und einer neuen Generation nahebringen. Ich bin sehr dankbar dafür, lange genug gelebt zu haben, um Gespräche mit etlichen jungen Menschen führen zu können, deren Großeltern das elterliche Erfolgsprogramm in die Familie gebracht haben.

Ein Freund von mir sagte einst: »Jeder Mensch wird in seinem Leben wenigstens eine große positive Überraschung erleben.« Ich glaube, die größte positive Überraschung in meinem Leben war, dass Peter Wyden recht behielt. Das elterliche Erfolgsprogramm hat nicht nur in Amerika Verbreitung gefunden, das Buch ist inzwischen in 30 Sprachen erschienen, es sind mehr als vier Millionen Exemplare davon im Umlauf, und das Programm wurde in 43 Ländern eingeführt. Dies ist nicht nur eine große Überraschung für mich – es ist äußerst befriedigend.

Wir konnten feststellen, dass die Hauptkonzepte und -methoden unseres Programms auch heute nicht an Gültigkeit verloren haben, vier Jahrzehnte, nachdem ich den allerersten Kurs mit 17 Elternteilen in einer Cafeteria in Pasadena, Kalifornien, gegeben habe. Das Einzige, was sich verändert hat, ist der Bedarf. Er hat sich erheblich vergrößert, nachdem immer mehr Studien belegen, dass häusliche Gewalt in Form von Schlägen oder Prügel Gewalt in der Gesellschaft verursacht. Das Buch, das Sie in den Händen halten, hält Rezepte gegen häusliche Gewalt bereit und schafft stattdessen Frieden und Demokratie.

In den Jahren nach dem ersten Kurs hat sich die öffentliche Meinung entscheidend gewandelt. Im Jahr 1975 hielten beinahe 95 Prozent der Amerikaner körperliche Bestrafung von Kindern zu Hause und in der Schule für gerechtfertigt. Aktuellen Umfragen zufolge ist inzwischen nur noch die Hälfte der Menschen dieser Ansicht, und die Anzahl derer, die körperliche Strafen befürworten, nimmt weiterhin rapide ab – was mich unheimlich freut.

Es ist mein aufrichtiger Wunsch, dass die Lektüre dieses Buches eine lohnende und bereichernde Erfahrung für Sie sein wird.

Dr. Thomas Gordon

Solana Beach, Kalifornien

1. Die Eltern werden beschuldigt, aber nicht geschult

Alle geben den Eltern Schuld an den Problemen der Jugend und an den Schwierigkeiten, die junge Menschen der Gesellschaft zu verursachen scheinen. Die Eltern haben an allem Schuld, klagen die Psychologen nach Untersuchung der beängstigenden Statistiken über die rapide zunehmende Zahl von Kindern und Jugendlichen, die schwerwiegende oder lähmende emotionale Probleme entwickeln, zu Rauschgiftsüchtigen werden oder Selbstmord begehen. Politiker und Strafvollzugsbeamte beschuldigen die Väter und Mütter, eine Generation von Gangmitgliedern, amoklaufenden Teenagern, gewalttätigen Schülern und Kriminellen heranzuziehen. Und wenn die Kinder in der Schule versagen oder hoffnungslose Drop-outs werden, behaupten Lehrer und Schulverwaltung, dass die Eltern Schuld daran haben.

Wer aber hilft den Eltern? Was wird getan, um sie dabei zu unterstützen, in der Kindererziehung erfolgreicher zu werden? Wo können Väter und Mütter lernen, was sie falsch machen und was sie anders tun könnten?

Eltern werden beschuldigt, aber nicht geschult. Millionen neuer Mütter und Väter übernehmen jedes Jahr eine Aufgabe, die zu den schwierigsten zählt, die jemand haben kann; sie bekommen ein Kind, einen kleinen Menschen, der fast vollkommen hilflos ist, und nehmen die volle Verantwortung für sein physisches und psychisches Wohl auf sich, um ihn zu erziehen, auf dass er ein produktiver, kooperativer und mitwirkender Bürger werde. Gibt es eine schwierigere und anspruchsvollere Aufgabe?

Wie viele Eltern aber sind dafür geschult? Inzwischen sind es wesentlich mehr als im Jahr 1962, als ich beschloss, in Pasadena, Kalifornien, ein Schulungsprogramm für Väter und Mütter ins Leben zu rufen. Mein erster Kurs wurde lediglich von 17 Elternteilen besucht, die größtenteils schwerwiegende Probleme mit ihren Kindern hatten.

Nun, etliche Jahre später, haben wir durch die Schulung von über 1,5 Millionen Müttern und Vätern gezeigt, dass dieser Lehrgang mit der Bezeichnung Elterliches Effektivitätstraining den meisten Eltern genau jene Fähigkeiten vermitteln kann, die sie benötigen, um die Erziehung ihrer Sprösslinge effektiver zu gestalten.

In diesem interessanten Elterntraining haben wir gezeigt, dass viele Menschen ihre Effektivität als Eltern mit einer bestimmten Art von Spezialausbildung erheblich zu steigern vermögen. Sie können ganz spezifische Kenntnisse erwerben, die die Kommunikation zwischen Vätern, Müttern und Kindern – von beiden Seiten – offenhalten. Und sie können eine neue Methode der Konfliktbewältigung zwischen Eltern und Kindern lernen, die eine Stärkung anstatt eine Verschlechterung der Beziehung zuwege bringt.

Dieses Schulungsprogramm hat diejenigen von uns, die damit zu tun haben, überzeugt, dass Eltern und ihr Nachwuchs zu einem herzlichen, vertrauten, auf gegenseitiger Liebe und Respekt beruhenden Verhältnis kommen können. Es hat auch gezeigt, dass es den »Generationsunterschied« in Familien nicht zu geben braucht.

Vor 30 Jahren war ich ebenso überzeugt wie die meisten Eltern und Fachleute, dass die Periode der »Flegeljahre« so gut wie unvermeidbar ist – eine Konsequenz des natürlichen Bedürfnisses der Kinder, ihre Unabhängigkeit zu erringen. Ich war mir sicher, dass die Adoleszenz, wie die meisten Untersuchungen zeigten, unvermeidlich eine Zeit der Stürme und Krisen in den Familien ist. Unsere Erfahrung mit dem Elterlichen Erfolgstraining hat mir meinen Irrtum bewiesen. Immer und immer wieder haben in diesem Programm geschulte Eltern über das überraschende Ausbleiben von Rebellion und Unruhe in ihren Familien berichtet.

Heute bin ich überzeugt davon, dass Jugendliche nicht gegen die Eltern rebellieren. Sie rebellieren nur gegen bestimmte destruktive Erziehungsmethoden, die fast überall von Vätern und Müttern angewendet werden. Aufruhr und Uneinigkeit in Familien können die Ausnahme, nicht die Regel sein, wenn die Eltern lernen, eine neue Methode zur Bewältigung von Konflikten einzuführen.

Das Programm hat auch ein neues Licht auf die Strafe in der Kindererziehung geworfen. Viele unserer ausgebildeten Eltern haben den Beweis erbracht, dass in der Kindererziehung ein für alle Mal auf Bestrafung verzichtet werden kann – und ich meine damit jede Art von Bestrafung, nicht nur die körperliche Züchtigung. Väter und Mütter können verantwortungsbewusste, selbstdisziplinierte, kooperative Kinder erziehen, ohne sich dabei auf die Waffe der Angst zu verlassen; sie können lernen, wie man Kinder dazu bringt, sich aus echter Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse der Eltern zu verhalten anstatt aus Angst vor Bestrafung oder der Zurücknahme von Vergünstigungen.

Klingt das zu schön, um wahr zu sein? Wahrscheinlich. Mir erging es so, bevor ich die Erfahrung machte, persönlich Väter und Mütter im Elterlichen Erfolgstraining zu unterweisen. Wie die meisten Fachleute hatte ich sie unterschätzt. Unsere Eltern haben mich gelehrt, wie sehr sie imstande sind, sich zu ändern – vorausgesetzt, sie haben Gelegenheit zur Schulung. Ich habe neues Zutrauen in die Fähigkeit von Müttern und Vätern, neues Wissen zu erfassen und sich neue Kenntnisse anzueignen. Mit wenigen Ausnahmen sind unsere Eltern in Ausbildung bestrebt gewesen, sich eine neue Einstellung zur Kindererziehung anzueignen, zuerst aber mussten sie überzeugt davon sein, dass die neue Methode funktionieren wird. Die meisten Eltern wissen bereits, dass ihre alten Methoden unwirksam gewesen sind. Daher sind die modernen Väter und Mütter zur Umstellung bereit, und unser Programm hat gezeigt, dass sie sich auch umzustellen vermögen.

Wir sind durch ein weiteres Resultat des Programms belohnt worden. Eines unserer frühesten Ziele war, den Eltern einige der Kenntnisse zu vermitteln, deren sich professionelle Berater und Therapeuten mit akademischer Ausbildung bedienen, um Kindern zu helfen, emotionale Probleme und unangepasstes Verhalten zu überwinden. So absurd es manchen Vätern und Müttern (und nicht wenigen Fachleuten) erscheinen mag – heute wissen wir, dass diese erprobten Kenntnisse selbst Eltern, die niemals an einem Einführungskursus in Psychologie teilgenommen haben, beigebracht werden können und dass sie zu lernen vermögen, wie und wann sie effektiv anzuwenden sind, um ihrem eigenen Nachwuchs zu helfen.

Während der Weiterentwicklung des Programms sind wir dahin gekommen, eine Realität zu akzeptieren, die uns manchmal entmutigt, uns jedoch häufiger das Gefühl einer umso größeren Herausforderung vermittelt: Die Eltern verlassen sich heute in der Kindererziehung und bei der Behandlung von Problemen innerhalb der Familie fast überall auf die gleichen Methoden, die von ihren Eltern, von den Eltern der Eltern und von den Großeltern der Eltern angewendet wurden. Im Gegensatz zu fast allen anderen Einrichtungen der Zivilisation scheint die Eltern-Kind-Beziehung unverändert geblieben zu sein. Väter und Mütter verlassen sich auf Methoden, deren man sich vor 2000 Jahren bediente!

Nicht, dass die menschliche Rasse keine neuen Einsichten im Hinblick auf menschliche Beziehungen gewonnen hätte. Ganz im Gegenteil. Entwicklungspsychologie und andere Verhaltenswissenschaften haben eindrucksvolle neue Erkenntnisse über Kinder, Eltern, zwischenmenschliche Beziehungen und über die Frage zusammengetragen, wie man anderen Menschen beim Heranwachsen hilft und wie man ein für sie psychologisch gesundes Klima schafft. Man weiß eine Menge über zwischenmenschliche Kommunikation, die Auswirkungen der Macht auf menschliche Beziehungen, konstruktive Konfliktbewältigung usw.

Dieses Buch präsentiert eine umfassende Darstellung dessen, was erforderlich ist, um eine unter allen Umständen effektive, totale Beziehung zu einem Kind zu schaffen und zu erhalten.

Eltern können diesem Buch nicht nur Methoden und Kenntnisse entnehmen, sondern auch, wann, warum und zu welchem Zweck sie anzuwenden sind. Wie in unseren Kursen wird ihnen ein vollständiges System gegeben – Grundbegriffe wie auch Techniken. Ich bin überzeugt, dass man Eltern alles sagen muss – alles, was man über das Schaffen einer effektiven Eltern-Kind-Beziehung weiß, angefangen mit einigen grundsätzlichen Dingen über das, was sich in allen Beziehungen zwischen zwei Menschen abspielt. Dann werden sie verstehen, warum sie unsere Methoden anwenden sollten, wann es richtig ist, sie anzuwenden, und was die Ergebnisse sein werden. Die Eltern werden Gelegenheit erhalten, selbst Fachleute in der Behandlung der unvermeidlichen Probleme zu werden, zu denen es in allen Eltern-Kind-Beziehungen kommt.

Den Vätern und Müttern wird in diesem Buch alles, was wir wissen, mitgeteilt, nicht nur Bruchstücke. Das vollständige Modell einer richtig verstandenen Eltern-Kind-Beziehung wird in allen Einzelheiten beschrieben und durch Material aus unserer Arbeit veranschaulicht. Die meisten Eltern halten unser Programm für revolutionär, weil es sich wesentlich von der Tradition unterscheidet. Und doch eignet es sich ebenso gut für Erziehungsberechtigte mit sehr kleinen Kindern wie für solche mit Teenagern, für Eltern mit behinderten Kindern oder solche mit »normalen« Kindern.

Wie in unseren Kursen wird das Erziehungsprogramm in Ausdrücken erläutert, die jedem geläufig sind, möglichst nicht im Fachjargon. Manche Eltern finden vielleicht, dass sie anfänglich der einen oder anderen Idee nicht zustimmen, doch sehr wenige werden feststellen, dass sie sie nicht verstehen. Da die Leser nicht in der Lage sein werden, einem Kursleiter ihre Bedenken persönlich mitzuteilen, sind hier einige Punkte aufgeführt, die für den Anfang vielleicht eine Hilfe sind.

Handelt es sich hierbei um eine weitere nachgiebige Einstellung zur Kindererziehung?

Keineswegs. Allzu nachgiebige Eltern geraten in ebenso viele Schwierigkeiten wie überstrenge Väter und Mütter, denn ihre Kinder erweisen sich oft als selbstsüchtig, widerspenstig, unkooperativ und rücksichtslos gegenüber den Bedürfnissen ihrer Eltern.

Kann ein Elternteil diese neue Methode effektiv anwenden, wenn der andere Elternteil bei der alten Methode bleibt?

Ja und nein. Wenn nur ein Elternteil damit beginnt, die neue Methode anzuwenden, wird sich die Beziehung zwischen dem Elternteil und dem Kind eindeutig bessern. Aber die Beziehung zwischen dem anderen Elternteil und dem Kind verschlechtert sich vielleicht. Es wäre also besser, wenn beide die Methode erlernten. Überdies, wenn beide Eltern versuchen, die neue Methode zusammen zu erlernen, können sie einander sehr helfen.

Werden die Eltern bei dieser neuen Methode etwa ihren Einfluss auf die Kinder verlieren? Werden sie von der Verantwortung zurücktreten, dem Leben ihrer Sprösslinge Orientierung und Richtung zu geben?

Wenn Väter und Mütter die ersten Kapitel lesen, mag dieser Eindruck bei ihnen entstehen. Das System kann in diesem Buch nur Schritt für Schritt dargelegt werden. Die ersten Kapitel befassen sich mit den Möglichkeiten, Kindern zu helfen, ihre eigenen Lösungen für die Probleme zu finden, denen sie begegnen. In diesen Situationen wird die Rolle eines »ausgebildeten« Elternteils andersartig scheinen – sehr viel passiver und »weniger bestimmend«, als Eltern vielleicht gewöhnt sind. Die späteren Kapitel handeln jedoch davon, wie man das unannehmbare Verhalten von Kindern modifiziert und wie man sie dahingehend beeinflusst, Rücksicht auf die Bedürfnisse ihrer Eltern zu nehmen. Für diese Situationen werden Ihnen spezifische Möglichkeiten aufgezeigt, ein sogar noch verantwortungsvollerer Elternteil zu sein – und sogar noch mehr Einfluss zu erlangen, als Sie jetzt haben. Es ist vielleicht nützlich, sich im Inhaltsverzeichnis über die in späteren Kapiteln behandelten Themen zu informieren.

Dieses Buch vermittelt Erziehungsberechtigten eine leicht zu erlernende Methode, Kinder dazu anzuregen, Verantwortung zu akzeptieren, selbst eine Lösung für ihre Probleme zu finden, und veranschaulicht, wie Eltern diese Methode sofort zu Hause in die Praxis umsetzen können. Väter und Mütter, die diese Methode (»aktives Zuhören« genannt) lernen, erleben vielleicht, was so geschulte Eltern beschrieben haben:

»Der Gedanke, nicht sämtliche Antworten auf die Probleme meiner Kinder haben zu müssen, ist eine solche Erleichterung.«

»Dieses Programm hat mich dazu gebracht, die Fähigkeit meiner Kinder, ihre eigenen Probleme zu lösen, viel mehr anzuerkennen.«

»Ich war überrascht davon, wie die Methode des aktiven Zuhörens funktioniert. Meine Kinder kommen mit Lösungen ihrer eigenen Probleme, die oft sehr viel besser sind als alle, die ich ihnen hätte geben können.«

»Ich glaube, mir ist immer sehr unbehaglich dabei zumute gewesen, die Rolle eines Gottes zu spielen – das Gefühl zu haben, wissen zu müssen, was meine Kinder tun sollen, wenn sie Probleme haben.«

Heute haben Tausende von Jugendlichen ihre Eltern »entlassen«; und, was die Kinder angeht, aus gutem Grund.

»Meine Eltern verstehen Kinder meines Alters nicht.«

»Ich hasse es einfach, nach Hause zu kommen und jeden Abend eine Strafpredigt hören zu müssen.«

»Ich erzähle meinen Eltern nie etwas; wenn ich es täte, würden sie es nicht verstehen.«

»Ich wünschte, meine Eltern würden mich in Ruhe lassen.«

»Sobald ich kann, werde ich von zu Hause fortgehen – ich kann es nicht ertragen, dass sie ständig wegen allem an mir herumnörgeln.«

Wie die Aussagen in unseren Kursen beweisen, sind sich die Eltern gewöhnlich völlig darüber klar, dass sie ihre Stellung verloren haben.

»Ich habe absolut keinen Einfluss mehr auf meinen 16-jährigen Sohn.«

»Wir haben es mit Julia aufgegeben.«

»Tim will nicht einmal mit uns essen. Und er richtet kaum jemals das Wort an uns. Jetzt will er ein Zimmer draußen in der Garage.«

»Mark ist nie zu Hause. Nie will er uns sagen, wohin er geht oder was er unternimmt. Wenn ich ihn je danach frage, sagt er, das ginge uns nichts an.«

Für mich ist es eine Tragödie, dass eine der potenziell engsten und befriedigendsten Beziehungen im Leben so häufig böses Blut schafft. Warum kommen so viele Jugendliche dahin, ihre Eltern als »den Feind« anzusehen? Warum ist der Generationsunterschied heute in den Familien so vorherrschend? Warum liegen Eltern und Jugendliche heute in unserer Gesellschaft buchstäblich im Krieg miteinander?

Kapitel 14 wird sich mit diesen Fragen befassen und zeigen, warum Kinder es nicht nötig haben, gegen ihre Eltern zu rebellieren und zu revoltieren. Unser Programm ist revolutionär, ja, aber keine Methode, die zur Revolution aufruft. Vielmehr ist es eine Methode, die Vätern und Müttern helfen kann, ihre Entlassung zu vermeiden, die Eltern und Kinder einander näherbringt, statt dass sie sich als feindliche Widersacher gegenüberstehen.

Eltern, die zuerst geneigt sein mögen, unsere Methoden als zu revolutionär abzulehnen, werden vielleicht angeregt, sich unvoreingenommen mit ihnen zu befassen, wenn sie den folgenden Auszug aus einer Schilderung lesen, die eine Mutter und ein Vater gaben, nachdem sie am Kurs teilgenommen hatten.

»Als Bill 16 Jahre alt war, stellte er unser größtes Problem dar. Er hatte sich von uns abgewandt. Er streunte herum und war vollkommen verantwortungslos. In der Schule erhielt er die ersten Vieren und Fünfen. Nach Verabredungen kehrte er nie zur vereinbarten Zeit heim und gab als Entschuldigung Reifenpannen, stehen gebliebene Uhren und leere Benzintanks an. Wir spionierten ihm nach, er log uns an. Wir verhängten Hausarrest. Wir nahmen ihm den Führerschein weg. Wir sperrten ihm das Taschengeld. Unsere Gespräche waren voller Anklagen. Es war alles nutzlos. Nach einer heftigen Auseinandersetzung lag er in der Küche auf dem Fußboden, strampelte, schrie und brüllte, er würde verrückt werden. Da meldeten wir uns zu Dr. Gordons Kurs für Eltern an. Der Wandel kam nicht über Nacht … Wir hatten uns nie als eine Einheit, als einander herzlich und liebevoll zugetane Familie empfunden. Dazu kam es erst nach tief gehenden Veränderungen in unserer Haltung und unseren Wertvorstellungen … Der neue Gedanke, eine Persönlichkeit zu sein – eine starke, eigenständige Persönlichkeit, die ihre eigene Meinung äußert, sie anderen aber nicht aufdrängt, sondern ein gutes Beispiel ist –, das war der Wendepunkt. Wir hatten viel größeren Einfluss … Von einem rebellischen Jugendlichen mit Wutanfällen, der in der Schule versagte, wandelte sich Bill zu einem offenen, freundlichen, liebevollen Menschen, der seine Eltern als ›zwei der mir liebsten Leute‹ bezeichnet … Endlich gehört er wieder zur Familie … Ich habe ein Verhältnis zu ihm, das ich niemals für möglich hielt, voller Liebe, Vertrauen und Unabhängigkeit. Er ist innerlich stark motiviert, und wenn jeder von uns das auch ist, leben und wachsen wir wirklich als eine Familie.«

Eltern, die lernen, sich unserer neuen Methode zu bedienen, um ihre Empfindungen mitzuteilen, haben wahrscheinlich kein Kind wie den 16-jährigen Jungen, der in meinem Sprechzimmer saß und mit unbewegtem Gesicht erklärte:

»Ich brauche zu Hause nichts zu tun. Warum sollte ich? Meine Eltern haben die Pflicht, sich um mich zu kümmern. Sie sind gesetzlich dazu verpflichtet. Ich habe nicht darum gebeten, geboren zu werden, oder?«

Als ich hörte, was dieser junge Mann sagte und offenbar glaubte, musste ich denken: »Was für eine Art von Menschen ziehen wir heran, wenn es Kindern erlaubt ist, mit der Einstellung aufzuwachsen, die Welt schulde ihnen so viel, obwohl sie so wenig zurückgeben? Was für Bürger entlassen die Eltern in die Welt? Was für eine Gesellschaft werden diese egoistischen Menschen schaffen?«

Grob gesprochen können Eltern fast ohne Ausnahme in drei Gruppen eingeteilt werden – in die »Sieger«, die »Unterliegenden« und die »Schwankenden«. Väter und Mütter in der ersten Gruppe verteidigen nachdrücklich und begründen überzeugend ihr Recht, Autorität oder Macht über das Kind auszuüben. Sie glauben an Verbote, an das Auferlegen von Beschränkungen, fordern ein bestimmtes Verhalten, geben Befehle und erwarten Gehorsam. Sie bedienen sich der Androhung von Strafen, um das Kind zum Gehorsam zu bewegen, und verhängen Strafen, falls es unfolgsam ist. Entstehen Konflikte zwischen den Bedürfnissen der Eltern und denen des Kindes, bewältigen diese Väter und Mütter sie stets so, dass der Elternteil siegt und das Kind unterliegt. Im Allgemeinen begründen diese Eltern ihren »Sieg« durch so klischeehaftes Denken wie: »Vater weiß es am besten«, »Es geschieht zum Guten des Kindes«, »In Wahrheit wollen Kinder die elterliche Autorität« oder einfach durch die vage Überzeugung, dass »es Sache der Eltern ist, ihre Autorität zum Wohle des Kindes auszuüben, denn sie wissen am besten, was gut oder schlecht ist«.

Die zweite Elterngruppe, zahlenmäßig etwas kleiner als die »Sieger«, räumt ihren Sprösslingen meistens viele Freiheiten ein. Diese Eltern vermeiden es bewusst, Beschränkungen aufzuerlegen, und bekennen stolz, keine autoritären Methoden zu dulden. Entsteht zwischen ihren Bedürfnissen und denen des Kindes ein Konflikt, ist es fast durchweg das Kind, das siegt, und der Elternteil, der unterliegt, weil diese Eltern glauben, es sei schädlich, das Kind in seinen Bedürfnissen zu frustrieren.

Die wahrscheinlich größte Gruppe von Eltern setzt sich aus denen zusammen, denen es unmöglich ist, konsequent einer der beiden Auffassungen zu folgen. Dementsprechend schwanken sie in dem Versuch, zu einer »vernünftigen Mischung« aus beiden zu kommen, zwischen Strenge und Nachsicht, Härte und Milde, Beschränkung und Duldsamkeit – Siegen und Unterliegen – hin und her. Wie uns eine Mutter sagte:

»Ich versuche, mit meinen Kindern nachsichtig zu sein, bis es so arg wird, dass ich sie nicht mehr ertragen kann. Dann habe ich das Gefühl, andere Saiten aufziehen zu müssen, und fange an, meine Autorität zu gebrauchen, bis ich so streng werde, dass ich mich selbst nicht mehr ausstehen kann.«

Die Eltern, die in einem unserer Kurse diese Empfindungen teilten, sprachen unbewusst für die vielen in der »Gruppe der Schwankenden«. Sie sind die Väter und Mütter, die wahrscheinlich am verwirrtesten und unsichersten sind, und deren Kinder, wie wir später zeigen werden, oft die gestörtesten sind.

Das Hauptdilemma der heutigen Eltern ist, dass sie nur zwei Auffassungen kennen, um mit Konflikten in der Familie fertigzuwerden – Konflikten, die unvermeidlich zwischen Erziehungsberechtigten und Kindern auftreten. Sie kennen in der Kindererziehung nur zwei Alternativen. Die einen schließen sich der »Ich-siege-du-unterliegst«-Auffassung an, die anderen der »Ich-unterliege-du-siegst«-Auffassung, während andere sich zwischen beiden anscheinend nicht entscheiden können.

Eltern, die sich bei uns über die Probleme klar werden wollen, sind überrascht festzustellen, dass es eine Alternative zu den zwei »Sieg-Niederlage«-Methoden gibt. Wir nennen sie die »niederlagelose« Methode der Konfliktbewältigung, und es ist eines der wichtigsten Ziele unseres Programms, Vätern und Müttern lernen zu helfen, wie man sie erfolgreich anwendet. Obwohl diese Methode seit Jahren zur Bewältigung anders gelagerter Differenzen gebraucht worden ist, haben wenige Eltern sie jemals als eine Methode zur Klärung von Konflikten zwischen Eltern und Kindern angesehen.

Viele Ehemänner und Ehefrauen klären ihre Konflikte durch gemeinsames Lösen der Probleme. Ebenso verfahren Geschäftspartner. Gewerkschaften und Betriebsführungen handeln Verträge aus, die für beide verbindlich sind. Vermögensregelungen im Fall von Scheidungen werden häufig erreicht, indem gemeinsame Beschlüsse gefasst werden. Sogar Kinder bewältigen ihre Konflikte in gegenseitigem Einvernehmen oder durch formlose Verträge, die für beide Seiten annehmbar sind (»Wenn du das tust, gebe ich meine Einwilligung dazu«). Mit zunehmender Häufigkeit schulen industrielle Organisationen leitende Angestellte darin, sich der partizipatorischen Beschlussfassung bei der Bewältigung von Konflikten zu bedienen,

Da die »niederlagelose« Methode kein Kunstgriff, »Trick« oder leichter Weg zu richtig verstandener Elternschaft ist, erfordert sie einen sehr grundlegenden Wandel in der Einstellung der meisten Eltern gegenüber ihren Kindern. Es braucht Zeit, sie zu Hause anzuwenden, und sie verlangt, dass Väter und Mütter zuerst die Fähigkeit vorurteilslosen Zuhörens und des aufrichtigen Mitteilens ihrer Empfindungen lernen. Die niederlagelose Methode ist daher in späteren Kapiteln dieses Buches beschrieben und veranschaulicht.

Ihr Platz in diesem Buch spiegelt jedoch nicht die wahre Bedeutung der niederlagelosen Methode innerhalb unserer Gesamteinstellung zur Kindererziehung wider. Tatsächlich ist diese neue Methode, durch die wirksame Behandlung von Konflikten Disziplin in die Familie zu bringen, der Kern unserer Auffassungen. Sie ist der Hauptschlüssel zu elterlicher »Effektivität«. Eltern, die sich die Zeit nehmen, sie zu verstehen, und sie dann als Alternative zu den beiden Sieg-Niederlage-Methoden gewissenhaft in der Familie anwenden, werden reich belohnt, gewöhnlich weit über ihre Hoffnungen und Erwartungen hinaus.

2. Eltern sind Menschen, keine Gottheiten

Wenn aus Menschen Eltern werden, geschieht etwas Seltsames und Bedauerliches. Sie übernehmen eine Funktion oder spielen eine Rolle und vergessen, dass sie Menschen sind. Jetzt, da sie das heilige Reich der Elternschaft betreten haben, glauben sie, sich den »Elternmantel« umlegen zu müssen. Sie versuchen nun, sich auf eine bestimmte Weise zu verhalten, weil sie glauben, »dass sich Eltern so verhalten sollen«. Frank und Helen Müller, zwei menschliche Wesen, werden unvermittelt in Herrn und Frau Müller, Eltern, verwandelt.

Diese Transformation – das Übernehmen einer Rolle – ist schwerwiegend und bedauerlich, denn sie geschieht so oft bei Vätern und Müttern, die vergessen, dass sie noch Menschen mit menschlichen Fehlern, Personen mit persönlichen Unzulänglichkeiten, wirkliche Menschen mit wirklichen Empfindungen sind. Indem sie die Realität ihres eigenen Menschseins vergessen, hören Menschen, wenn sie Eltern werden, häufig auf, menschlich zu sein – womit ich ausdrücklich keine Abstraktion meine. Sie fühlen sich nicht mehr frei, sie selbst zu sein, gleichgültig, was sie in verschiedenen Augenblicken empfinden mögen. »Als Eltern« haben sie jetzt die Verpflichtung, irgendetwas Besseres zu sein als »bloße« Menschen.

Diese furchtbare Last der Verantwortung bringt für die zu Eltern gewordenen Menschen eine Herausforderung mit sich. Sie glauben, sie müssten in ihren Gefühlen immer konsequent sein, müssten ihre Kinder stets lieben, müssten bedingungslos annehmend und tolerant sein, müssten ihre eigenen, egoistischen Bedürfnisse beiseiteschieben und ihrem Nachwuchs Opfer bringen, müssten allzeit gerecht sein und dürften vor allem nicht die Fehler begehen, die ihre Eltern bei ihnen machten.

Obgleich diese guten Absichten verständlich und bewundernswert sind, verleihen sie Vätern und Müttern meist weniger anstatt mehr Effektivität. Sein Menschsein zu vergessen ist der erste schwerwiegende Fehler, den man am Beginn der Elternschaft machen kann. Eltern, die sich dieses »Rollenverhalten« bewusst gemacht haben, erlauben es sich, Menschen zu sein – wirkliche Menschen. Kinder erkennen diese Qualität der Echtheit und des Menschseins bei ihren Eltern in hohem Maße an. Sie drücken sich oft so aus: »Mein Vater ist ein echter Kumpel« oder »Meine Mutter ist ein netter Mensch«. Wenn sie ins Jugendalter kommen, sagen Kinder manchmal: »Meine Eltern sind für mich mehr Freunde als Eltern. Sie sind prima Leute. Sie haben Fehler wie alle anderen, aber ich mag sie, wie sie sind.«

Was sagen diese Kinder damit aus? Ziemlich offensichtlich gefällt es ihnen, wenn ihre Eltern Menschen und keine Gottheiten sind. Sie reagieren positiv auf sie als Menschen, nicht als Schauspieler, die eine Rolle verkörpern und vorgeben, etwas zu sein, was sie nicht sind.

Wie können Väter und Mütter für ihre Kinder Menschen sein? Wie können sie die Qualität der Echtheit in ihrer Elternschaft bewahren? In diesem Kapitel möchten wir den Eltern zeigen, dass sie ihr Menschsein nicht abzulegen brauchen, um ein »ausgebildeter« Elternteil zu sein. Sie können sich selbst als einen Menschen akzeptieren, der Kindern gegenüber sowohl positive als auch negative Empfindungen hat. Es bedarf nicht einmal überstarker Konsequenz, um ein solcher Elternteil zu sein. Sie müssen nicht vorgeben, einem Kind gegenüber annehmend und liebevoll zu empfinden, wenn Sie es in Wahrheit nicht tun. Sie brauchen auch nicht allen Kindern gegenüber die gleiche Liebe und Annahme zu empfinden. Und schließlich, Sie und Ihr Ehepartner müssen keine gemeinsame Front im Umgang mit Ihren Kindern bilden. Aber es ist wesentlich, dass Sie lernen, sich darüber klar zu sein, was Sie wirklich empfinden. Wir stellten in unseren Kursen fest, dass ein paar Diagramme den Eltern zu erkennen helfen, was sie empfinden und was sie dazu veranlasst, in verschiedenen Situationen unterschiedlich zu empfinden.

Das Konzept der Annahme

Alle Eltern sind Menschen, die von Zeit zu Zeit zwei verschiedene Arten von Empfindungen ihren Sprösslingen gegenüber haben werden – Annahme und Nichtannahme. »Wirkliche-Menschen«-Eltern empfinden dem gegenüber, was ein Kind tut, manchmal annehmend und manchmal nicht annehmend.

Verhalten ist das, was ein Kind tut oder sagt, und nicht, wie Sie dieses Verhalten bewerten. Ein Verhalten ist beispielsweise, wenn es seine Kleidung auf dem Boden liegen lässt. Das Kind als »unordentlich« zu bezeichnen ist eine Wertung dieses Verhaltens.

Das gesamte mögliche Verhalten unseres Kindes – alles, was es möglicherweise tut oder sagt – kann durch eine rechteckige Fläche dargestellt werden.

Es liegt auf der Hand, dass Sie einen Teil seines Verhaltens ohne Weiteres annehmen können, den anderen nicht. Wir können diesen Unterschied darstellen, indem wir das Rechteck in einen Bereich der Annahme und einen Bereich der Nichtannahme teilen.

Das Fernsehen Ihres Kindes am Samstagmittag, das Ihnen Zeit für Ihre Hausarbeit gibt, würde in den Bereich der Annahme fallen. Stellt es den Fernsehapparat so laut, dass Sie die Wände hochgehen, würde dieses Verhalten in den Bereich der Nichtannahme fallen.

Wo die Trennungslinie in dem Rechteck gezogen wird, ist bei verschiedenen Eltern natürlich unterschiedlich. Die eine Mutter wird sehr wenige Verhaltensweisen ihres Kindes für sich als nicht annehmbar empfinden und daher sehr häufig Herzlichkeit und Annahme ihm gegenüber fühlen.

Eine andere Mutter mag vielleicht sehr viele Verhaltensweisen ihres Kindes für sich als nicht annehmbar empfinden und wird daher selten in der Lage sein, ihm gegenüber Herzlichkeit und Annahme zu fühlen.

Wie annehmend ein Elternteil gegenüber seinem Kind ist, hat zum Teil damit zu tun, welche Art von Mensch dieser Elternteil ist. Einfach aufgrund ihrer persönlichen Veranlagung haben manche Väter und Mütter die Fähigkeit, Kindern viel Annahme entgegenzubringen. Interessanterweise bringen solche Eltern gewöhnlich viel Annahme für Menschen im Allgemeinen auf. Annahme ist ein Charakteristikum ihrer Persönlichkeit, ihrer hohen Toleranzschwelle, der Tatsache, dass sie sich selbst mögen, der Tatsache, dass ihre Empfindungen im Hinblick auf sie selbst völlig unabhängig von dem sind, was um sie herum geschieht, und einer Unmenge anderer Persönlichkeitsvarianten. Jeder kennt solche Leute: Obgleich Sie vielleicht nicht wissen, was sie dazu macht, halten Sie sie für »annehmende Menschen«. In der Umgebung solcher Menschen fühlt man sich wohl – Sie können offen mit ihnen reden, sich gehenlassen. Man kann »man selbst« sein. Andere Eltern sind als Menschen anderen gegenüber schlichtweg nicht annehmend. Irgendwie finden sie viele Verhaltensweisen anderer für sich unannehmbar. Wenn Sie sie mit ihren Kindern beobachten, sind Sie vielleicht verwundert, warum so viele Verhaltensweisen, die Ihnen annehmbar erscheinen, für sie unannehmbar sind. Im Stillen sagen Sie sich vielleicht: »Ach, lass die Kinder doch – sie stören niemanden!«

Häufig sind es Menschen mit sehr ausgeprägten und strengen Ansichten darüber, wie andere sich verhalten »sollten«, welches Verhalten »richtig« und welches »falsch« ist – nicht nur in Bezug auf Kinder, sondern in Bezug auf jedermann. Und Sie fühlen vielleicht ein unbestimmtes Missbehagen in der Gegenwart derartiger Menschen, weil Sie sich wahrscheinlich fragen, ob sie für Sie Annahme aufbringen.

Kürzlich beobachtete ich eine Mutter in einem Supermarkt mit ihren beiden kleinen Söhnen. Mir schien, dass sich die Jungen recht gut benahmen. Sie waren weder laut noch stellten sie irgendeinen Unsinn an. Trotzdem sagte diese Mutter den Jungen unaufhörlich, was sie tun und was sie nicht tun sollten. »Bleibt nicht hinter mir zurück.« »Nehmt die Hände vom Wagen.« – »Geht beiseite, ihr steht im Weg.« »Beeilt euch.« – »Fasst die Lebensmittel nicht an.« – »Lass deinen Bruder in Ruhe.« Es schien, als ob die Mutter nichts, was die Jungen taten, anzunehmen vermochte.

Während die Linie, die den Bereich der Annahme und der Nichtannahme trennt, teilweise von Faktoren beeinflusst ist, die ausschließlich im Wesen des Elternteils liegen, wird der Grad der Annahme auch von dem Kind bestimmt. Manchen Kindern gegenüber ist es schwerer, Annahme zu empfinden. Sie sind vielleicht höchst unternehmungslustig und aktiv oder körperlich nicht anziehend, oder sie können gewisse Charakterzüge an den Tag legen, die einem nicht besonders gefallen. Für ein Kind, das das Leben mit Krankheiten beginnt, sehr schwer einschläft, häufig schreit oder Koliken hat, würden die meisten Eltern begreiflicherweise schwerer Annahme aufbringen.

Der in vielen für Väter und Mütter geschriebenen Büchern und Artikeln vertretene Gedanke, dass ein Elternteil jedem Kind gegenüber die gleiche Annahme empfinden sollte, ist nicht nur irrig, sondern hat viele Eltern dazu veranlasst, sich schuldig zu fühlen, wenn sie bei sich ihrem Nachwuchs gegenüber unterschiedliche Grade von Annahme feststellen. Die meisten Menschen würden sofort einräumen, dass sie gegenüber Erwachsenen, die sie kennenlernen, unterschiedliche Grade der Annahme empfinden. Warum sollte sich die Art, wie sie Kindern gegenüber empfinden, in irgendeiner Form davon unterscheiden?

Die Tatsache, dass die elterliche Annahme einem besonderen Kind gegenüber von den Eigentümlichkeiten dieses Kindes beeinflusst wird, kann wie folgt dargestellt werden:

Manche Eltern finden es leichter, Mädchen anzunehmen als Jungen – andere umgekehrt. Sehr lebhafte Kinder sind für manche Väter und Mütter schwerer anzunehmen. Kinder, die aktiv neugierig sind und viele Dinge gern selbstständig erkunden, sind für manche Eltern schwerer anzunehmen als solche, die passiver und unselbstständiger sind. Ich habe Kinder gekannt, die unerklärlicherweise für mich einen derartigen Charme ausstrahlten und auf mich eine solche Anziehungskraft ausübten, dass es schien, als könnte ich fast alles annehmen, was sie taten. Ich bin leider auch einigen begegnet, deren Gegenwart mir unangenehm war, und vieles im Verhalten dieser Kinder schien mir unannehmbar.

Ein weiterer Umstand von großer Bedeutung ist, dass die Trennungslinie zwischen Annahme und Nichtannahme nicht unverändert bleibt, sondern sich nach oben und unten verschiebt. Sie wird von vielen Faktoren berührt, einschließlich des gegenwärtigen Gemütszustandes des Elternteils und der Situation, in der sich Elternteil und Kind befinden. Ein Elternteil, der sich in einem bestimmten Augenblick innerlich tatkräftig, gesund und glücklich fühlt, kann wahrscheinlich für vieles im Verhalten seines Kindes Annahme empfinden. Wenige Dinge, die das Kind tut, werden ihn stören, wenn er sich selbst wohlfühlt.

Wenn ein Elternteil aus Mangel an Schlaf todmüde ist, Kopfschmerzen hat oder mit sich unzufrieden ist, können sehr viele Dinge, die das Kind tut, ihn stören. Diese Inkonsequenz kann folgendermaßen veranschaulicht werden:

Das Gefühl der Annahme wird sich bei einem Elternteil auch von einer Situation zur anderen ändern. Alle Eltern wissen selbst, dass sie dem Verhalten ihrer Sprösslingen gegenüber gewöhnlich sehr viel weniger annehmend sind, wenn die Familie Freunde besucht, als wenn sie alle zu Hause sind. Und wie plötzlich verschiebt sich die Toleranzschwelle gegenüber ihrem Verhalten, wenn die Großeltern zu Besuch kommen!

Es muss den Kindern oft verwunderlich erscheinen, dass ihre Eltern an ihren Tischmanieren Anstoß nehmen, wenn Gäste zu Besuch sind, obgleich die gleichen Manieren akzeptiert werden, wenn die Familie unter sich ist. Diese Inkonsequenz kann folgendermaßen veranschaulicht werden:

Die Existenz von zwei Elternteilen trägt zur Komplexität des Annahmebildes in Familien bei. Zuerst einmal ist ein Elternteil häufig annehmender als der andere.

Dennis, ein kräftiger, lebhafter Junge von fünf Jahren, nimmt einen Fußball und fängt an, ihn im Wohnzimmer seinem Bruder zuzuwerfen. Die Mutter ärgert sich und findet das völlig unannehmbar, weil sie befürchtet, dass Dennis im Zimmer etwas kaputt machen wird. Der Vater hingegen akzeptiert das Verhalten nicht nur, sondern sagt stolz: »Sieh dir Dennis an – aus ihm wird mal ein guter Ballspieler werden. Hast du diese Flanke gesehen?«

Überdies verschiebt sich die Trennungslinie jedes Elternteils abhängig von der Situation und auch von seiner momentanen Stimmung zu verschiedenen Zeiten von oben nach unten. Daher können Vater und Mutter nicht immer die gleichen Empfindungen im Hinblick auf dasselbe Verhalten ihres Kindes in einem bestimmten Augenblick haben.

Eltern können und werden inkonsequent sein

So ist es denn unvermeidlich, dass Eltern inkonsequent sein werden. Wie wäre es anders möglich, wenn sich ihre Empfindungen von Tag zu Tag, von Kind zu Kind, von Situation zu Situation ändern? Die Trennungslinie zwischen Annahme und Nichtannahme verschiebt sich daher stetig:

Selbst wenn Eltern versuchen, sich konsequent zu verhalten, können sie es nicht wirklich sein. Die traditionelle Mahnung an die Eltern, dass sie unter allen Umständen mit ihren Kindern konsequent sein müssen, übersieht die Tatsache, dass Situationen unterschiedlich sind, Kinder unterschiedlich sind und Vater und Mutter Menschen, die sich voneinander unterscheiden. Außerdem hat dieser Rat die schädliche Wirkung gehabt, Eltern zur Heuchelei zu veranlassen und die Rolle eines Menschen zu spielen, dessen Empfindungen stets die gleichen sind.

Eltern brauchen keine »geschlossene Front« zu bilden

Wichtiger noch: Der Rat, konsequent zu sein, hat manche Mutter und manchen Vater zu dem Glauben geführt, dass sie sich in ihren Empfindungen immer einig sein und ihren Kindern eine geschlossene elterliche Front darbieten müssten. Das ist Unsinn. Und doch stellt es eine der am tiefsten verwurzelten Überzeugungen in der Kindererziehung dar. Dieser traditionellen Vorstellung zufolge sollten Eltern einander immer den Rücken stärken, damit das Kind veranlasst wird zu glauben, dass beide Eltern im Hinblick auf ein bestimmtes Verhalten das Gleiche empfinden.

Abgesehen von der unerhörten Unfairness dieser Strategie – sich in einem Zwei-gegen-einen-Bündnis gegen den Nachwuchs zusammenzuschließen – führt sie oft zur »Unaufrichtigkeit« bei einem Elternteil.

So wird zum Beispiel das Zimmer eines 16-jährigen Mädchens nicht so sauber gehalten, dass es den Ansprüchen der Mutter genügt. Die Putzgewohnheiten dieser Tochter sind für die Mutter unannehmbar (in ihrem Bereich der Nichtannahme). Ihr Vater aber findet das Zimmer annehmbar sauber und aufgeräumt. Dasselbe Verhalten liegt bei ihm im Bereich der Annahme. Die Mutter setzt den Vater unter Druck, damit er in Bezug auf das Zimmer ihre Ansicht teilt und sie eine geschlossene Front bilden können (und somit mehr Einfluss auf ihre Tochter ausüben). Wenn der Vater mitmacht, ist er unaufrichtig gegenüber seinen wirklichen Empfindungen.

Ein sechsjähriger Junge spielt mit seinem Lastauto und veranstaltet mehr Lärm, als sein Vater akzeptieren kann. Die Mutter jedoch stört es überhaupt nicht. Sie ist begeistert, dass ihr Kind für sich spielt, anstatt ihr, wie den ganzen Tag, nachzulaufen. Der Vater wendet sich an die Mutter: »Warum tust du nichts, damit er mit diesem Lärm aufhört?« Wenn die Mutter mitmacht, ist sie unaufrichtig gegenüber ihren wirklichen Empfindungen.

Falsche Annahme

Kein Elternteil empfindet für jedes Verhalten eines Kindes Annahme. Manche seiner Verhaltensweisen werden immer in seinem »Bereich der Nichtannahme« liegen. Ich habe Eltern gekannt, deren »Annahmelinie« in unserem Rechteck sehr tief lag, aber ich bin niemals einem »bedingungslos annehmenden« Elternteil begegnet. Manche Väter und Mütter geben vor, vieles im Verhalten ihrer Kinder zu akzeptieren, aber auch sie spielen nur die Rolle musterhafter Eltern. Ein gewisses Maß ihrer Annahme ist daher falsch. Sie mögen äußerlich annehmend handeln, innerlich aber empfinden sie in Wirklichkeit nicht annehmend.

Angenommen, eine Mutter ärgert sich darüber, dass das fünfjährige Kind abends lange aufbleibt. Sie hat persönliche Bedürfnisse – möchte beispielsweise ein neues Buch lesen. Sie würde das sehr viel lieber tun, als dem Kind Zeit zu widmen. Außerdem macht sie sich Sorgen, dass es nicht genügend Schlaf bekommt und dann am nächsten Tag vielleicht reizbar ist und sich erkältet. Dieser Mutter, die der »nachgiebigen« Auffassung zu folgen versucht, widerstrebt es jedoch – aus Angst, dass es unvereinbar mit ihren Prinzipien sein könnte –, Forderungen an das Kind zu stellen. Ihr bleibt nichts anderes übrig, als »falsche Annahme« an den Tag zu legen. Sie mag sich so verhalten, als würde sie akzeptieren, dass das Kind aufbleibt – innerlich aber empfindet sie ganz und gar keine Annahme dafür; sie ist ausgesprochen gereizt, vielleicht ärgerlich und zweifellos frustriert, weil ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigt werden.

Worin besteht die Wirkung auf das Kind, wenn ein Elternteil falsche Annahme an den Tag legt? Wie jedermann weiß, reagieren Kinder auf die Haltung ihrer Eltern erstaunlich sensibel. Sie besitzen eine recht unheimliche Fähigkeit, deren wirkliche Empfindungen zu ahnen oder zu spüren, weil die Eltern ihren Kindern »wortlose Botschaften« senden, Hinweise, die von den Kindern manchmal bewusst, manchmal unbewusst erfasst werden. Ein Elternteil, dessen innere Haltung gereizt oder ärgerlich ist, kann gar nicht anders, als subtile Hinweise zu geben, ein Stirnrunzeln vielleicht, eine hochgezogene Augenbraue, ein besonderer Tonfall, eine bestimmte Geste, eine Gespanntheit der Gesichtsmuskeln. Selbst sehr kleine Kinder erfassen solche Zeichen und lernen aus Erfahrung, dass diese gewöhnlich bedeuten, Mutter oder Vater empfindet keine wirkliche Annahme gegenüber dem, was sie tun. Folglich ist das Kind imstande, Missbilligung zu fühlen – in diesem besonderen Augenblick spürt es, dass der Elternteil es nicht mag.

Was geschieht, wenn zum Beispiel die Mutter in Wirklichkeit nicht annehmend ist, ihr Verhalten dem Kind aber annehmend erscheint? Das Kind empfängt auch diese Verhaltensbotschaft. Nun ist es wirklich verwirrt. Es erhält »gemischte Botschaften« oder widersprüchliche Hinweise – ein Verhalten, das ihm sagt, es ist in Ordnung, aufzubleiben, aber auch wortlose Hinweise, die ihm verraten, dass Mutter es eigentlich nicht mag, weil es aufbleibt. Das Kind ist »in einer Zwickmühle«. Es möchte aufbleiben, möchte aber auch geliebt (angenommen) werden. Sein Aufbleiben scheint für die Mutter annehmbar, und doch liegt dieser Ausdruck der Missbilligung auf ihrem Gesicht. Was soll es also tun?

Das Kind in eine solche Zwickmühle zu bringen kann seine psychische Gesundheit ernstlich beeinträchtigen. Jedermann weiß, wie frustrierend und unangenehm es ist, wenn man nicht weiß, zu welchem Verhalten man sich entschließen soll, weil man gemischte Botschaften von einem anderen Menschen empfängt. Angenommen, Sie fragen Ihre Gastgeberin, ob sie etwas dagegen hat, wenn Sie in ihrem Haus Pfeife rauchen. Sie erwidert: »Es stört mich nicht.« Zünden Sie dann aber Ihre Pfeife an, gehen von ihrem Gesicht und ihren Augen wortlose Botschaften aus, die Ihnen sagen, dass sie durchaus etwas dagegen hat. Was tun Sie? Sie können fragen: »Stört es Sie bestimmt nicht?« Oder Sie stecken Ihre Pfeife wieder ein und sind verärgert. Oder Sie kümmern sich nicht darum und rauchen, während Sie die ganze Zeit das Gefühl haben, dass Ihrer Gastgeberin Ihr Verhalten missfällt.

Kinder erleben die gleiche Art von Dilemma, wenn sie sich einer Annahme gegenübersehen, die ihnen falsch erscheint. Das häufige Erleben derartiger Situationen kann sie dazu veranlassen, sich ungeliebt zu fühlen. Es kann zu häufigem »Testen« seitens der Kinder führen, kann sie veranlassen, eine schwere Sorgenlast herumzutragen, in ihnen das Gefühl der Unsicherheit nähren usw.

Ich bin zu der Ansicht gekommen, dass die Eltern, mit denen Kinder am schwersten zurechtkommen, jene freundlich sprechende, »nachgiebige«, keine Ansprüche stellende Eltern sind, die so tun, als seien sie annehmend, aber auf subtile Art Nichtannahme spüren lassen.

Es gibt ein bedenkliches Nebenprodukt der falschen Annahme, und auf die Dauer gesehen kann es sogar noch schädlicher für die Beziehung zwischen Elternteil und Kind sein. Wenn ein Kind »gemischte Botschaften« erhält, kann es sein, dass es ernste Zweifel an der Aufrichtigkeit oder der Echtheit des Elternteils zu haben beginnt. Aus vielen Erfahrungen lernt es, dass Mutter oft das eine sagt, während sie das andere empfindet. Schließlich kommt das Kind dazu, einem solchen Elternteil zu misstrauen. Hier folgen einige Empfindungen, an denen mich Teenager teilhaben ließen:

»Meine Mutter ist eine Schwindlerin. Sie tut so nett, aber in Wahrheit ist sie es nicht.«

»Ich kann nie Vertrauen zu meinen Eltern haben, denn obwohl sie es nicht sagen, weiß ich, dass sie mit vielem, was ich tue, nicht einverstanden sind.«

»Ich gehe fort und denke, es interessiert meine Eltern nicht, wann ich nach Hause komme. Und wenn ich dann zu spät heimkomme, werde ich am nächsten Tag mit Schweigen bestraft.«

»Meine Eltern sind überhaupt nicht streng. Sie erlauben mir fast alles, was ich will. Aber ich kann merken, womit sie nicht einverstanden sind.«

»Jedes Mal, wenn ich mit meinem Nasenpiercing zu Tisch erscheine, bekommt meine Mutter einen ärgerlichen Gesichtsausdruck. Aber sie sagt nie ein Wort.«

»Meine Mutter ist immer so verdammt nett und verständnisvoll, aber ich weiß, dass ihr ein Mensch wie ich nicht liegt. Sie mag meinen Bruder, denn er ist ihr ähnlicher.«

Wenn Kinder solche Empfindungen haben, ist ersichtlich, dass ihre Eltern ihre wahren Gefühle oder Einstellungen nicht wirklich verheimlicht haben, obgleich sie vielleicht glauben, es zu tun. In einer so engen und dauernden Beziehung wie der Eltern-Kind-Beziehung können die wahren Empfindungen des Elternteils selten vor dem Kind verborgen werden.

Wenn Eltern daher von den Verfechtern der »Nachgiebigkeit« beeinflusst worden sind, den Versuch zu machen, sich weit über ihre eigene, wahre Einstellung hinaus annehmend zu verhalten, haben sie sowohl der Beziehung zu ihren Kindern ernsten Schaden zugefügt als auch deren psychische Schäden selbst hervorgerufen. Väter und Mütter müssen begreifen, dass sie besser daran täten, nicht zu versuchen, ihren Bereich der Annahme über ihre wahre Einstellung hinaus auszudehnen. Viel besser ist es zu erkennen, wann sie nicht annehmend empfinden, und nicht vorzugeben, dass sie so empfinden.

Können Sie das Kind annehmen, nicht aber sein Verhalten?

Ich weiß nicht, woher diese Idee stammt, aber sie hat allgemeinen Beifall und große Anziehungskraft gehabt, besonders bei Eltern, die von den Verfechtern der Nachgiebigkeit beeinflusst wurden, doch ehrlich genug mit sich selbst sind, um zu erkennen, dass sie das Verhalten ihrer Kinder nicht immer akzeptieren. Ich bin zu der Ansicht gekommen, dass es sich um eine weitere irreführende und schädliche Idee handelt – eine, die Väter und Mütter daran hindert, wirklich authentisch zu sein. Obwohl sie sie von einem Teil der Schuldgefühle, die zu empfinden Eltern gezwungen worden sind, befreit haben mag, ist diese Idee für viele Eltern-Kind-Beziehungen schädlich gewesen.

Sie hat Eltern die professionelle Billigung verschafft, ihre Autorität und Macht anzuwenden, um bestimmte Verhaltensweisen, die sie nicht akzeptieren können, zu verbieten (»Grenzen zu setzen«). Die Eltern haben das dahingehend ausgelegt, dass es in Ordnung ist zu kontrollieren, zu beschränken, zu verbieten, zu fordern oder irgendetwas zu versagen, solange sie es auf eine geschickte Art tun, damit das Kind es nicht als persönliche Ablehnung, sondern als Ablehnung seines Verhaltens auffasst. Darin liegt der Irrtum.

Wie können Sie unabhängig von und im Gegensatz zu Ihren nicht annehmenden Empfindungen gegenüber allem, was das Kind tut oder sagt, Ihrem Kind Annahme entgegenbringen? Was ist »das Kind«, wenn es nicht auch das sich verhaltende Kind ist, das zu einem bestimmten Zeitpunkt auf bestimmte Weise handelt? Es ist ein sich verhaltendes Kind, dem gegenüber ein Elternteil Gefühle hat, ob annehmende oder nicht annehmende, und keine »Kind« genannte Abstraktion.

Ich bin sicher, dass es dem Kind aus seiner eigenen Sicht ebenso erscheint. Wenn es spürt, Sie empfinden ihm gegenüber keine Annahme, wenn es seine schmutzigen Füße auf Ihre neue Couch legt, bezweifle ich sehr, dass es dann die anspruchsvolle Schlussfolgerung zieht, Sie empfänden, obgleich Ihnen sein Füße-auf-der-Couch-Verhalten nicht gefällt, ihm »als Mensch« gegenüber nichtsdestoweniger sehr annehmend. Ganz im Gegenteil – es fühlt zweifellos, dass Sie aufgrund dessen, was es als Gesamtpersönlichkeit in diesem Augenblick tut, ihm gegenüber keinerlei Annahme aufbringen. Einem Kind begreiflich zu machen, dass seine Eltern ihm gegenüber annehmend sind, aber nicht annehmen, was es tut, muss, selbst wenn es den Eltern möglich wäre, diese Dinge zu trennen, ebenso schwer sein, wie ein Kind glauben zu machen, dass eine Tracht Prügel, die es erhält, »seinen Eltern mehr wehtut als ihm«.

Ob sich ein Kind als Persönlichkeit nicht angenommen fühlt, wird davon abhängen, wie viel in seinem Verhalten nicht annehmbar ist. Eltern, die vieles, was ihre Sprösslinge tun oder sagen, nicht annehmbar finden, werden in diesen Kindern unvermeidlich die tiefe Überzeugung nähren, dass sie als Persönlichkeiten nicht annehmbar sind. Umgekehrt: Väter und Mütter, die vieles, was ihre Kinder tun oder sagen, annehmen, werden Kinder heranziehen, die sich mit größerer Wahrscheinlichkeit als Persönlichkeiten angenommen fühlen.

Am besten ist es, wenn Sie vor sich selbst (und dem Kind) zugeben, dass Sie es als Persönlichkeit nicht annehmen, falls es in einem bestimmten Moment etwas auf bestimmte Art tut oder sagt. Auf diese Weise wird das Kind lernen, Sie als offen und ehrlich zu empfinden, weil sie authentisch sind.

Wenn Sie einem Kind sagen: »Ich akzeptiere dich, aber hör auf mit dem, was du tust«, werden Sie seine Reaktion auf diese Anwendung Ihrer Macht wahrscheinlich um keine Spur ändern. Kinder hassen es, wenn ihre Eltern ihnen etwas versagen, sie einengen oder ihnen etwas verbieten, gleichgültig, welche Art von Erklärung mit der Ausübung derartiger Autorität oder Macht einhergeht. Das »Auferlegen von Beschränkungen« schlägt mit großer Wahrscheinlichkeit in Form von Widerstand, Rebellion, Lüge und Groll auf die Eltern zurück. Überdies gibt es weitaus wirksamere Methoden, um Kinder zu beeinflussen, ein für ihre Eltern nicht annehmbares Verhalten zu modifizieren, als die Anwendung elterlicher Macht, um »Beschränkungen aufzuerlegen« oder etwas zu verbieten.

Unsere Definition von Eltern, die wirkliche Menschen sind

Unsere schematischen »Annahme-Diagramme« helfen Vätern und Müttern, ihre eigenen unvermeidbaren Empfindungen und die Umstände zu verstehen, die den fortwährenden Wechsel dieser Gefühle beeinflussen. Authentische Eltern werden ihren Kindern gegenüber unvermeidlich sowohl annehmend als auch nicht annehmend empfinden; ihre Einstellung zu dem gleichen Verhalten kann nicht gleichbleibend sein; sie muss sich von Zeit zu Zeit ändern. Sie sollten (und können) ihre wahren Gefühle nicht verbergen; sie sollten sich mit der Tatsache abfinden, dass demselben Verhalten gegenüber ein Elternteil annehmend, der andere nicht annehmend empfinden kann; und sie sollten erkennen, dass jeder jedem ihrer Kinder gegenüber verschiedene Grade der Annahme empfinden wird.

Mit einem Wort, Eltern sind Menschen, keine Gottheiten. Sie müssen sich nicht bedingungslos oder auch nur gleichbleibend annehmend verhalten. Sie sollten auch nicht vorgeben, annehmend zu sein, wenn sie es nicht sind. Obwohl Kinder es unzweifelhaft vorziehen, angenommen zu werden, können sie die nicht annehmenden Empfindungen ihrer Eltern konstruktiv verarbeiten, wenn diese unmissverständliche und ehrliche Botschaften senden, die ihren wahren Gefühlen entsprechen. Das wird es den Kindern nicht nur erleichtern, damit fertigzuwerden, sondern es wird jedem Kind auch helfen, seinen Elternteil als wirkliche Persönlichkeit zu sehen – durchschaubar, menschlich, als jemanden, zu dem es gerne eine Beziehung haben würde.

Wer »besitzt« das Problem?

Ein Kerngedanke unseres Programms ist das Prinzip der Problem-Eigentümerschaft. Seine Wichtigkeit kann nicht eindringlich genug verdeutlicht werden, denn viele Eltern tappen in die Falle, Verantwortung für die Probleme übernehmen zu wollen, die ihre Kinder besitzen, anstatt diese zu ermutigen, ihre Schwierigkeiten eigenständig zu lösen. Eltern erzählten uns:

»Mein größtes Aha-Erlebnis hatte ich im Erfolgstraining, als wir herauszufinden lernten, wer das Problem besitzt. Das war wirklich entscheidend für mich. Ich war völlig erstaunt darüber, dass mein Kind Probleme hat, die ich ihm nicht abnehmen muss – denn ich hatte sie seit Jahren zu meinen eigenen Problemen gemacht.«

»Was für eine Erleichterung, nicht mehr die Probleme von allen anderen lösen zu müssen!«

Wenn Eltern das Prinzip der Problem-Eigentümerschaft verstanden haben, kann sich ihr Verhalten ihren Kindern gegenüber auf erhebliche Weise ändern. Dieser Gedanke soll nun durch unsere Annahme-Diagramme veranschaulicht werden. Dafür muss jedoch ein dritter Bereich hinzugefügt werden, wie es in der Abbildung rechts der Fall ist:

Wir beginnen mit dem unteren Bereich der rechten Seite. Diese Verhaltensweisen sind, wie Sie sich erinnern werden, solche, die der Elternteil nicht annehmen kann, da sie seine eigenen Rechte einschränken oder ihn in der Befriedigung seiner persönlichen Bedürfnisse beeinträchtigen.

Hier einige Beispiele:

Das Kind trödelt, obwohl seine Eltern in Eile sind.Das Kind vergisst, telefonisch Bescheid zu sagen, dass es nicht rechtzeitig zum Essen erscheinen wird.Der Teenager hört so laut Musik, dass seine Eltern ihr eigenes Wort nicht verstehen können.

Diese Verhaltensweisen sind Beispiele für Situationen, in denen der Elternteil das Problem besitzt und es ihm zukommt, das Verhalten, das ihm dieses Problem bereitet, zu ändern.

Im oberen Bereich sehen wir Verhaltensweisen des Kindes, die dazu führen, dass es selbst das Problem besitzt – seine Bedürfnisse werden nicht befriedigt, es ist frustriert oder in Schwierigkeiten.

Erneut einige Beispiele:

Das Kind wird von seinen Freunden zurückgewiesen.Das Kind findet seine Hausaufgaben zu schwer.Das Kind ist wütend auf seinen Lehrer.Der Teenager ist mit seinem Gewicht unzufrieden.

Dies sind Schwierigkeiten, mit denen Kinder in ihrem eigenen Leben konfrontiert werden, völlig unabhängig von den Leben ihrer Eltern. In diesen Situationen besitzt das Kind das Problem.

Der mittlere Bereich des Diagramms steht für das Verhalten eines Kindes, das weder für den Elternteil noch für das Kind selbst ein Problem darstellt. Dies sind die schönen Momente der Eltern-Kind-Beziehung, in denen Mütter und Väter und ihre Sprösslinge von Problemen ungetrübt Zeit miteinander verbringen können, miteinander spielen, sich unterhalten, arbeiten oder gemeinsam etwas erleben können. Es ist der »Kein Problem«-Bereich.

Wenn jedoch das Kind das Problem besitzt, sind Eltern häufig versucht einzugreifen, die Verantwortung für die Problemlösung zu übernehmen und sich schließlich Vorwürfe zu machen, wenn sie versagen. Unser Programm bietet Ihnen eine Alternative dafür, Ihrem Kind zu helfen: Lassen Sie es sein eigenes Problem besitzen und eine eigene Lösung dafür finden. Vereinfacht gesagt besteht diese Herangehensweise aus folgenden Elementen:

Jedes Kind wird in seinem Leben Schwierigkeiten jeglicher Art und Form haben.Kinder haben unglaubliches und häufig noch völlig unerprobtes Potenzial, gute Lösungen für ihre Probleme zu finden.Wenn Eltern ihnen vorgefertigte Lösungen präsentieren, werden Kinder abhängig bleiben und nicht in der Lage sein, eigene Ansätze zur Problemlösung zu entwickeln. Jedes Mal, wenn sie vor einem Problem stehen, werden sie damit zu ihren Eltern kommen.Wenn Väter und Mütter die Schwierigkeiten ihrer Sprösslinge übernehmen (oder »in Besitz nehmen«) und somit auch die alleinige Verantwortung für deren Lösung, stellt dies eine schreckliche Last sowie häufig auch eine unerfüllbare Aufgabe dar. Niemand verfügt über die Weisheit, die nötig wäre, um jederzeit Lösungen für die persönlichen Probleme anderer zu finden.Wenn ein Elternteil akzeptieren kann, dass er das Problem seines Kindes nicht besitzt, ist er dadurch viel eher in der Lage, die Rolle des Vermittlers, Katalysators oder der helfenden Hand zu übernehmen und dem Kind dabei zu helfen, sich selbst eine Lösung zu erarbeiten.Bei bestimmten Schwierigkeiten benötigen Kinder Hilfestellung, doch langfristig ist paradoxerweise unterlassene Hilfe die beste Hilfe. Genauer gesagt ist dies eine Form der Hilfe, die dem Kind die Verantwortung überlässt, eigene Lösungen zu suchen und auch zu finden. In unserem Programm nennen wir dies die »Fähigkeit des Zuhörens«.

Wenn das Verhalten des Kindes dem Elternteil ein Problem bereitet (Verhaltensweisen, die wir zuvor im unteren Bereich des Annahme-Diagramms verortet haben), ist eine andere Fähigkeit vonnöten. Diese kann effektiv dazu genutzt werden, das nicht annehmbare Verhalten zu ändern. Wenn ein Kind die persönlichen Rechte eines Elternteils einschränkt oder etwas tut, das seine Mutter oder seinen Vater an der Befriedigung ihrer oder seiner Bedürfnisse hindert, besitzt der Elternteil das Problem und sollte daher eine Methode anwenden, die hilfreich für ihn selbst ist. In unserem Programm bezeichnen wir dies als »Fähigkeit der Konfrontation«.

Wenn der Elternteil das Problem besitzt, verlangt dies nach einer Haltung, die dem Kind vermittelt: »Hey, ich habe ein Problem und brauche deine Hilfe« – also eine ganz andere Haltung verglichen mit der Situation, in der das Kind ein Problem besitzt und der Elternteil ihm vermitteln möchte: »Du scheinst ein Problem zu haben, brauchst du meine Hilfe?«

Wir möchten nun grafisch darstellen, worum es uns beim Elterlichen Erfolgstraining geht:

Es lehrt Eltern Fähigkeiten, durch die sie die Anzahl der Probleme, die ein Kind besitzt, verringern können (und somit das obere Drittel des Diagramms verkleinern). Es lehrt Eltern ganz unterschiedliche Fähigkeiten, durch die sie die Anzahl der Probleme, die das Kind ihnen bereitet, verringern können (und somit das untere Drittel des Diagramms verkleinern).

Entscheidend ist, dass Eltern jede Situation, die innerhalb der Beziehung auftritt, einstufen, damit sie wissen, ob sie aktiv zuhören oder dem Kind gegenübertreten sollten. Ich schlage ihnen gern vor, sich stets selbst die Frage zu stellen: »Wer besitzt das Problem?«

Die erfolgreiche Anwendung dieser zwei Methoden – aktives Zuhören und Konfrontation – vergrößert den »Kein Problem«-Bereich und verschafft Ihnen mehr Zeit, die Eltern-Kind-Beziehung ohne Probleme zu genießen, sodass beide Seiten ihre Bedürfnisse befriedigen und gemeinsam das Leben genießen können.

In den nächsten drei Kapiteln werde ich mich ausschließlich auf die Fähigkeiten des Zuhörens konzentrieren – jene Fähigkeiten, die der Elternteil an den Tag legen muss, wenn das Kind ein Problem besitzt. Später werde ich dann näher auf die Fähigkeiten der Konfrontation eingehen, die Väter und Mütter anwenden sollten, wenn sie selbst ein Problem besitzen.

3. Wie man zuhört, damit Kinder mit einem sprechen: Die Sprache der Annahme

Am Schluss einer ihrer wöchentlichen Beratungen bei mir steht ein 15-jähriges Mädchen von ihrem Stuhl auf, bleibt, bevor es zur Tür geht, stehen und sagt:

»Es tut gut, mit jemandem darüber sprechen zu können, wie ich wirklich empfinde. Ich habe bisher noch mit keinem über diese Dinge gesprochen. So könnte ich mit meinen Eltern niemals sprechen.«

Mutter und Vater eines 16-jährigen Jungen, der in der Schule versagt, fragen mich:

»Wie können wir Peter dazu bringen, sich uns anzuvertrauen? Wir wissen nie, was er denkt. Wir wissen, dass er nicht glücklich ist, aber wir haben keine Ahnung, was in dem Jungen vorgeht.«

Ein aufgewecktes, sympathisches 13-jähriges Mädchen, das man unmittelbar, nachdem sie mit zwei Freundinnen von zu Hause fortgelaufen war, zu mir brachte, machte die folgende bezeichnende Bemerkung über die Beziehung zu ihrer Mutter: