Fantastic Pulp 4 -  - E-Book

Fantastic Pulp 4 E-Book

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Beschreibung

Die besten Pulp-Geschichten aus den USA, Australien und Großbritannien des 20. Jahrhunderts. Enthält: Ernest Favenc - Das Manuskript des George Seamore (1875) Ein unheimlicher Western aus Australien Otis Adelbert Kline - Die Essenz des Bösen (1924) Ist das Böse destillierbar? John Martin Leahy - In Amundsens Zelt (1928) Am Südpol wartet das Grauen Gordon MacCreagh - Dr. Muncing, Exorzist (1931) Der erste Fall des Parapsychologen Arthur Leo Zagat - Die Mitternachtsbestie (1934) Das Grauen aus der Erde Laurence Kirk - Dr. Macbeth (1940) Krankheiten und ihre Geheimnisse David Wright O´Brien - Die sonderbare Wandlung des Mr. Lane (1942) Wenn der Geist auf Reisen geht Winston K. Marks - Die Körperformer kommen! (1955) Außerirdische und ein ganz spezielles Grauen Matthias Käther - Viktorianischer Schrecken Literatur aus dem 19. Jahrhundert

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Seitenzahl: 338

Veröffentlichungsjahr: 2024

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In dieser Reihe bisher erschienen:

2001 Frank G. Gerigk & Petra Hartmann (Hrsg.) Drachen! Drachen!

2002 David Grashoff & Pascal Kamp (Hrsg.) Hunger

2003 Stefan Melneczuk Schattenland

2004 Markus K. Korb Der Struwwelpeter-Code

2005 Andreas Zwengel Bio Punk‘d

2006 Markus K. Korb Xenophobia

2007 Anke Laufer Nachtprotokolle

2008 Matthias Bauer Reiche Ernte

2009 Matthias Bauer Das Tor

2010 Michael Schmidt & Matthias Käther (Hrsg.) Fantastic Pulp 1

2011 F. Woitkowski (Hrsg.) Wenn die Welt klein wird und bedrohlich

2012 Stefan Melneczuk Geisterstunden

2013 Michael Schmidt & Matthias Käther (Hrsg.) Fantastic Pulp 2

2014 Torsten Scheib Schattenschwarz

2015 Michael Tillmann Der König von Mallorca

2016 Peter Biro Auf zum fröhlichen Weltuntergang

2017 Tobias Reckermann (Hrsg.) Die Zeit der Feuerernte

2018 Michael Schmidt & Matthias Käther (Hrsg.) Fantastic Pulp 3

2019 Wayne Allen Sallee Rapid Transit

2020 Tobias Reckermann (Hrsg.) Metempsychosen

2021 Michael Schmidt & Matthias Käther (Hrsg.) Fantastic Pulp 4

Fantastic Pulp 4

Phantastische Geschichten

Phantastische Storys

Buch 21

Michael Schmidt (Hrsg.)

Matthias Käther (Hrsg.)

Dieses Buch gehört zu unseren exklusiven Sammler-Editionen

und ist nur unter www.BLITZ-Verlag.de versandkostenfrei erhältlich.

In unserem Shop ist dieser Roman auch als E-Book lieferbar.

Bei einer automatischen Belieferung gewähren wir Serien-Subskriptionsrabatt. Alle E-Books und Hörbücher sind zudem über alle bekannten Portale zu beziehen.

© 2024 Blitz Verlag

Ein Unternehmen der SilberScore Beteiligungs GmbH

Mühlsteig 10 • A-6633 Biberwier

Redaktion: Danny Winter

Titelbild: Oliver Pflug

Umschlaggestaltung: Mario Heyer

Übersetzungen von Matthias Käther, Achim Hildebrand und Reinhard Klein-Arendt

Satz: Gero Reimer

2020 vom 15.09.2024

ISBN: 978-3-68984-082-2

Inhalt

Vorwort

Das Manuskript des George Seamore (1875)

Ernest Favenc

Die Essenz des Bösen (1924)

Otis Adelbert Kline

In Amundsens Zelt (1928)

John Martin Leahy

Dr. Muncing, Exorzist (1931)

Gordon MacCreagh

Die Mitternachtsbestie / Midnight Fangs (1934)

Arthur Leo Zagat

Dr. Macbeth (1940)

Laurence Kirk

The Case of Jonathan Lane (1942)

David Wright O’Brien

Die Körperformer kommen! (1955)

Winston K. Marks

Viktorianischer Schrecken

Matthias Käther

Mitarbeitende

Vorwort

Liebe Leser phantastischer Literatur,

zum vierten Mal besuchen wir die phantastische Vergangenheit und machen den Pulps unsere Aufwartung. Besser gesagt dem Geist der Pulps, denn die Geschichten erschienen in den unterschiedlichsten Publikationen, vereinen sich aber darin, einerseits den gleichen phantastischen Geist zu atmen, andererseits aber genügend Abwechslung zu bieten, um den Leser zu überraschen und Neues entdecken zu lassen.

Acht Geschichten, so unterschiedlich wie das Genre an sich, dazu ein kenntnisreicher Artikel über den Viktorianischen Schrecken.

Der Zeitraum der ausgewählten Geschichten umfasst die Jahre 1875 bis 1955. Ernest Favenc mit Das Manuskript des George Seamore ist die älteste Story der Sammlung und ein wahrer Schatz, denn es handelt sich um eine australische Geschichte mit wechselnder Publikationsgeschichte, wie der Übersetzer Reinhard Klein-Arendt berichten kann. Da sind wir schon an der Neuerung der vorliegenden Ausgabe. Mit Achim Hildebrand und Reinhard Klein-Arendt unterstützen zwei weitere Übersetzer Matthias Käther, und so hoffen wir, in Zukunft einen schnelleren Erscheinungsrhythmus hinzubekommen.

Wir wünschen Ihnen eine schöne Reise durch die Zeit, durch die Genres und die unterschiedlichen Erzählstimmen der vertretenen Autoren.

Wir hatten definitiv Vergnügen beim Zusammenstellen dieses Bandes und freuen uns über Ihre Rückmeldungen zu den Geschichten, aber auch zur Reihe Fantastic Pulp ganz allgemein.

Mit phantastischen Grüßen,

Matthias Käther und Michael Schmidt

Das Manuskript des George Seamore (1875)

Ernest Favenc

Ernest Favenc (1845-1908) gilt als der bedeutendste Vertreter der frühen australischen Phantastik. Geboren wurde er in England und erhielt seine schulische Ausbildung im englischen Cowley und am Werderschen Gymnasium in Berlin. 1863 kam er nach Australien und blieb dort bis zum Ende seines Lebens. Er arbeitete unter anderem als Farmgehilfe und Schäfer, hauptsächlich in Nord-Queensland, damals die äußerste Grenze der europäischen Expansion. Er begann 1871 zu schreiben, Kurzgeschichten und Gedichte, die er zunächst meist in The Queenslander veröffentlichte, häufig unter dem Pseudonym Dramingo (das soll der Name des Aborigine-Clans gewesen sein, dem sein damals bester Kumpel angehörte). The Queenslander war die wöchentliche Zusammenfassung der Tageszeitung Brisbane Courier und als Nachrichten- und Unterhaltungsmedium für die entlegenen Orte und Farmen von Queensland gedacht – eine tagesaktuelle Ausgabe hätte für diese von Brisbane aus äußerst schwer zu erreichenden Außenposten keinen Sinn gemacht. Er unterbrach seine schriftstellerische Tätigkeit allerdings für mehrere Jahre, als der Redaktionsleiter von The Queenslander, Gresley Lukin, ihm die Leitung einer Expedition übertrug, welche das an der westlichen Grenze von Queensland gelegene Gebiet bis nach Darwin erkunden sollte, um die Machbarkeit einer Eisenbahnverbindung von Brisbane nach Darwin beurteilen zu können. Nach der Expedition, die sechs Monate dauerte, schätzte Favenc das Eisenbahnprojekt zwar als realistisch ein, es wurde aber nicht in Angriff genommen. In den frühen 1880ern folgten weitere erfolgreiche, teils spektakuläre Expeditionen, die Favenc einigen Entdeckerruhm einbrachten. Zu dieser Zeit war er, wegen seiner profunden Kenntnisse der noch nicht durch Europäer besiedelten Gegenden von Queensland, ein gefragter Experte: Gerade Unternehmer, die im Outback neue Großfarmen anlegen wollten, suchten seinen Rat. Seine historischen Kenntnisse der Erforschung Australiens legte er in mehreren sehr erfolgreichen Sachbüchern nieder (die teils heute noch nachgedruckt werden), so in The History of Australian Exploration from 1788 to 1888 (1888). Ab den 1890ern nahm er seine Tätigkeit als Autor von (überwiegend phantastischen) Romanen und Kurzgeschichten wieder auf, in die sein Wissen über Land und Leute einfloss (ein Teil der folgenden Geschichte spielt in einer Gegend Queenslands, die er schon vor seinen Expeditionen intensiv erkundet hatte). Diese späteren Geschichten wurden besonders in der Wochenzeitschrift The Bulletin, Sydney, und im kurzlebigen Phil May’s Illustrated Annual, London, abgedruckt. Viele seiner Kurzgeschichten finden sich in den Sammelbänden The Last of Six (1893), Tales of the Austral Tropics (1894) sowie My Only Murder and Other Tales (1899) wieder.

Die Erzählung Das Manuskript des George Seamore gehört zur frühen Schaffensperiode Favencs und ist in keinem der genannten drei Bände enthalten.

Ich habe versucht, das folgende Abenteuer so schlicht und wahrheitsgemäß wie möglich wiederzugeben. Dass es ziemlich verrückt und nur schwer glaubhaft erscheint, weiß ich sehr wohl. Aber ich berichte hier wirklich nichts als die Tatsachen.

Es war im Jahr 1871, als wir drei die Schürfstellen am Cloncurry River verließen, um uns nach Port Darwin durchzuschlagen und auf dem Weg dorthin nach Gold zu suchen. Wir hatten uns dem Roper River bis auf etwa einhundert Meilen genähert, als ein verstörendes Ereignis alle unsere Pläne über den Haufen warf.

Meine beiden Begleiter hießen Owen Davy und Charles Morton Hawthorne. Mein Name ist James Drummond. Davy und ich waren alte Freunde, Hawthorne uns dagegen ein Fremder, ein gut gebauter, stattlicher Kerl mittleren Alters mit dunklen Augen und einem Blick von besonderer Intensität und Schärfe. Wenn er sprach, pflegte er sein Gegenüber mit einem seltsamen, starren Blick zu fixieren, einem Blick, der zweifellos jeden ängstlichen Menschen eingeschüchtert hätte. Seine untere Gesichtshälfte war von einer Narbe gezeichnet, die sich schräg über die Oberlippe zog. Sein Schnurrbart verdeckte sie teilweise, aber man konnte den Verlauf der Nahtstellen am ungleichmäßigen Wuchs der Haare erkennen.

Davy und ich hatten seine Bekanntschaft zufällig gemacht, etwa vierzehn Tage, bevor wir den Cloncurry hinter uns ließen. Er hatte den dringlichen Wunsch geäußert, sich uns anzuschließen, als er von unserer geplanten Expedition hörte, und es endete damit, dass er uns begleitete.

In den ersten paar Wochen kamen wir gut miteinander aus. Unser neuer Gefährte war ein angenehmer Begleiter und erwies sich als guter Buschmann. Nach einiger Zeit änderte er sein Verhalten jedoch und zeigte deutliche Anzeichen von Faulheit. Außerdem befleißigte er sich eines herrischen, schroffen Befehlstons, wenn es um unsere weitere Reiseplanung ging. Schließlich drückte er sich vor allen notwendigen Arbeiten im Lager, einmal abgesehen vom morgendlichen Satteln seines eigenen Pferdes und vielleicht noch dem trägen Versuch, ein Feuer zu entfachen. Davy, ein jähzorniger kleiner Waliser, hatte sich bereits mehrmals mit ihm gestritten. Eines Abends wäre es ohne mein Eingreifen zu einer Schlägerei gekommen. In diesem Moment wurde mir klar, dass Hawthorne trotz seines arroganten Auftretens und seiner herrischen, schwarzen Augen im Grunde ein Feigling war. Ich konnte die Erleichterung auf seinem Gesicht sehen, als ich dazwischenging und darauf bestand, den Streit zu beenden. Danach sah ich oft ein Aufblitzen von Hass in seinen Augen, der die raubtierhafte Grausamkeit verriet, die er in sich barg. Älter als Davy, hatte ich mein Temperament besser unter Kontrolle, und obwohl ich wusste, dass Hawthorne mich nicht mochte, gelang es uns, unseren Umgang miteinander so zu gestalten, dass die Regeln des Anstands gewahrt wurden. Als noch Kameraderie zwischen uns geherrscht hatte, war es Hawthorne gewesen, der durch seine brillante und in gewisser Weise faszinierende Konversation viel dazu beigetragen hatte, die Monotonie unserer Reise zu unterbrechen. Er wusste offensichtlich eine ganze Menge über die Welt und über flotte, wenn auch nicht gerade gute Gesellschaft. Er hatte oft auf nebulöse Weise davon gesprochen, dass er im Besitz eines grandiosen Geheimnisses sei, aber seine Andeutungen waren stets so vage, dass Davy und ich uns wenig Gedanken darüber machten – bis das seltsame Ereignis eintrat, von dem ich nun berichten werde.

Davy und Hawthorne redeten nicht mehr miteinander. Die Tagesreisen verliefen im Allgemeinen in mürrischer und unzufriedener Stimmung, und ich wollte schon vorschlagen, unsere Schürfpläne aufzugeben und den Weg direkt nach Port Darwin einzuschlagen, als sich plötzlich alles änderte. Wir waren zwischen vier und fünf Wochen unterwegs, unsere Pferde waren immer noch in bester Verfassung und unsere Vorräte reichlich. Seit wir Bourketown verlassen hatten, waren wir auf keinen Weißen mehr gestoßen und hatten nur geringe Schwierigkeiten mit den Schwarzen gehabt. Wir befanden uns jetzt, wie wir glaubten, etwa hundert Meilen vom Roper River entfernt und hatten bisher nicht den geringsten Hinweis auf Gold gefunden. Dies war die Situation am 31. November 1871, als wir die Pferde absattelten und unser Mittagslager am Ufer eines kleinen Baches aufschlugen.

Das Land, das wir in den letzten drei Tagen durchquert hatten, war karg und sandig, einzig Waldteebäume und verkrüppelte Eisenrinden unterbrachen die Monotonie. Auch die Bergrücken waren kümmerlich bewachsen, aber an den Bachufern gab es hier und da kleine Grünflächen, die stets gutes Futter für die Pferde boten. Auf einem solchen grünen Flecken, der an der Biegung eines sandigen Baches lag, machten wir an diesem Tag Halt. Nachdem wir ausgepackt hatten, nahm Davy die Pferde und ging zum Bach hinunter, um Wasser zu holen. Er war einige Zeit weg. Als er zurückkam, stellte er die Wasserkessel ab und verkündete, dass er frische Pferdespuren im Bachbett entdeckt hätte.

Hawthorne, der sich hingekniet hatte, um Feuer zu machen, schaute erwartungsvoll auf, sprach aber nicht.

„Viele?“, fragte ich.

„Anscheinend nur zwei“, antwortete er. „Eins von ihnen hat sich im Sand gewälzt.“

„Wer in aller Welt kann das sein?“, überlegte ich. „Leute, die schürfen wollen oder nach Land suchen, schätze ich. Aber wenn dem so ist, müsste es eigentlich noch mehr Spuren geben, denn sie würden mehr als zwei Pferde mit sich führen.“

„Vielleicht haben sie sie hiergelassen oder weiter oben am Bach verloren. Die Tiere scheinen den Bach heruntergekommen zu sein und werden wohl nicht weit weg sein, denn die Spuren stammen von heute Morgen.“

Hawthorne hatte bis dahin geschwiegen. Nun aber bemerkte er in seltsam versöhnlichem Ton: „Davis hat zweifellos recht – die Pferde müssen den Bach heruntergekommen sein, und wenn wir seinem Verlauf folgen, finden wir das Lager ihrer Besitzer.“

Davy, der sonst jeden Vorschlag von Hawthorne schon aus Prinzip abgelehnt hätte, schien nun von dessen verändertem Tonfall angenehm überrascht und stimmte mit ihm überein, dass es vielleicht gut wäre, den Plan für den Tag wie vorgeschlagen zu gestalten. Ich schloss mich der Meinung der beiden an, und in dieser teuflischen Stunde brachen wir zu unserem verhängnisvollen Ritt auf.

Als unsere Mahlzeit beendet war, zogen Davy und Hawthorne los, um die Pferde zusammenzutreiben. Dabei stellten sie fest, dass sich zwei fremde Pferde zu diesen gesellt hatten – ein Brauner und ein Fuchs – beide in armseliger Verfassung und mit Spuren des Sattels auf dem Rücken. Da wir davon ausgingen, ihre Besitzer einzuholen, trieben wir sie gemeinsam mit unseren Ersatzpferden weiter.

Wir ritten etwa fünf Meilen den Bach hinauf, und das Land wurde immer zerklüfteter und karger. Kleine weiße Sandhügel, mit niedrigen Flechten bewachsen, und hier und da riesige Granitblöcke erhoben sich zu beiden Seiten des Baches. Der Bach selbst war auf den letzten zwei Meilen erheblich tiefer und schmaler geworden, und sein Bett war voller Löcher mit weißem, milchig aussehendem Wasser darin. Die beiden Pferde hatten den Bach mehrmals durchquert. Wir konnten ihren Hufspuren auf der gesamten Strecke leicht folgen.

Hawthorne ritt voraus, Davy und ich trieben die Pferde hinter ihm her. Plötzlich hielt er an, winkte uns zu und zeigte dann nach vorne. Wir schauten in die angegebene Richtung, wo sich in der Ferne eine primitive Rundhütte abzeichnete. Wir trieben die Pferde bis auf ein paar Hundert Yards heran und ließen sie dann stehen, damit sie grasen konnten. Zu dritt ritten wir weiter zum Lager. Es brannte kein Feuer, ein paar Krähen stiegen auf und flogen mit lautem Krächzen davon, als wir uns näherten. Davy lenkte sein Pferd dicht an die Hütte heran und spähte durch die Zweige.

„Da drinnen schläft jemand“, meldete er und stieg ab. Hawthorne und ich taten dasselbe. Davy betrat ohne zu zögern die elende Behausung.

„Schläfst du, Kumpel?“, fragte er.

Keine Antwort. „Hallo?“, rief er, bückte sich und schaute in das Gesicht des Schläfers.

„Himmel noch mal, er ist tot!“

Hawthorne und ich drängten uns vor und sahen einen Mann, der auf einer Decke lag, die über getrocknetem Gras ausgebreitet war, und dessen Kopf auf einigen ordentlich zusammengefalteten Kleidungsstücken ruhte. Er lag auf dem Rücken, die Augen halb geöffnet, Spuren der Verwesung waren keine sichtbar, das Leben schien erst vor Kurzem aus ihm gewichen zu sein. Als ich meinen Blick von dem toten Mann abwandte, sah ich zufällig Hawthorne an und war erschrocken über den Ausdruck von Freude und Wiedererkennung, der sich auf seinem Gesicht zeigte. Wieder blickte ich auf den Leichnam, und die schreckliche Vorstellung überkam mich, dass der tote, schlaffe Körper sich des hämischen Blicks bewusst war, der auf ihn gerichtet war, und dass die glasigen Augäpfel nun ängstlich, gehetzt, erschrocken dreinblickten. Ich wollte nicht länger bleiben, rief nach Davy und eilte nach draußen. Hawthorne, mit einem nur halb unterdrückten Lächeln, folgte mir.

Wir fragten uns, was wir als Nächstes tun sollten. Das Lager untersuchen und nachsehen, ob wir einen Hinweis auf seinen Namen finden konnten, war die einhellige Meinung. Das taten wir. Außerhalb der Hütte lagen ein Reitsattel und ein Packsattel, außerdem Zaumzeug und Halfter. Im Inneren befanden sich einige Rationstüten mit etwas Mehl, Tee und Zucker, ein leeres Fläschchen mit der Aufschrift Laudanum, ein Viertelmaß mit Teeblättern darin und eine stark nach Laudanum riechende Bierkanne. Dass der Mann sich selbst vergiftet hatte, lag auf der Hand. Sein Körper war gut genährt und wies keine Spuren von Gewalt auf. Als Nächstes entfernten wir die Kleidungsstücke unter seinem Kopf und fanden in den Taschen etwa dreizehn Pfund in Scheinen und Silber sowie zwei Quittungen für den Kauf von Pferden, ausgestellt auf den Namen George Seamore. Unter dem Kopfkissen lag, als hätte man es daruntergeschoben, ein mit Bleistift vollgekritzeltes Notizbuch. Sonst stießen wir dort nur noch auf ein paar Kleinigkeiten wie Tabak, Pfeife und Streichhölzer. Wir untersuchten den Mann sorgfältig und waren uns sicher, dass er nicht mehr lebte. Er war groß gewachsen, mit einem feinen, entschlossenen Gesicht, einem kastanienbraunen Bart und grauen Augen. Seine Lider ließen sich nicht schließen, die Augen schienen mir immer noch diesen entsetzten, zurückschaudernden Ausdruck zu haben.

Wir luden nun unsere Pferde ab, richteten unser eigenes Lager ein und begannen, ein Grab auszuheben, was mit unseren Schürfwerkzeugen natürlich ein Leichtes war. Als wir damit fertig waren, wurde es dunkel, und wir trugen den Leichnam zu seinem Grab. Ich hatte ein Gebetbuch in meiner Tasche und las über dem Leichnam einen Teil des Beerdigungsgottesdienstes. Der sandige Boden war leicht aufzugraben, die Grube war schließlich etwa vier Fuß tief. Der Leichnam wurde, eingerollt in die Decke, auf der er gelegen hatte, hineingebettet. Wir füllten das Grab auf, als es gerade dunkel wurde. Während ich das schreibe, sehe ich die ganze Szene vor mir: die trostlos aussehenden Hügel, ein unnatürlich großer, roter Mond, der hinter ihnen aufging und die phantastisch aussehenden Geröllhaufen in seinem Licht schwarz und düster erscheinen ließ, meine beiden Begleiter und ich, wie wir schweigend neben dem Erdhügel standen, bevor wir uns abwandten.

Während wir jedoch noch dabei gewesen waren, das Grab auszuheben, hatte uns Hawthorne verlassen und war hinunter zum Lager gegangen, wo die Leiche lag. Bald darauf rief ich ihm zu, er solle etwas Wasser mitbringen, wenn er zurückkäme. Da ich keine Antwort erhielt, ging ich selbst hinunter, da ich vom Graben durstig war. Als ich das Lager erreichte, sah ich Hawthorne in der Hütte, wie er sich über die Leiche beugte und etwas machte, was wie mesmerische Armbewegungen aussah. Ich rief ihn mit scharfer Stimme an, um zu erfahren, was er da tat. Er schreckte auf und stammelte, er habe sich nur vergewissern wollen, dass es keine Anzeichen von Atmung mehr gebe. Ich erwiderte verärgert, dass für eine derartige Kontrolle wohl kein Anlass mehr sei, und er trollte sich zum Grab zurück.

Nach dem Abendessen versuchte ich, die Schrift in dem Notizbuch zu entziffern, aber sie war zu sehr dahingekritzelt, als dass dies ohne große Mühe möglich gewesen wäre. Nach dem wenigen, was ich entziffern konnte, schien es ein Bericht über das Leben des Mannes zu sein, den wir gerade beerdigt hatten, geschrieben von ihm selbst in seinen letzten Stunden. Wir unterhielten uns noch eine Weile über die rätselhafte Angelegenheit und schliefen dann einer nach dem anderen ein. Wir nächtigten gleich um das Feuer herum, da wir zu beschäftigt gewesen waren, unser Zelt aufzuschlagen.

Ungefähr gegen Mitternacht, der Mond schien gerade sehr hell über mir, wurde ich davon geweckt, dass sich etwas unter meinem Kissen bewegte. Als ich meinen Kopf hob, sah ich Hawthorne, der mit seiner Hand unter dem Kissen herumtastete. Wütend fragte ich ihn, was er da tat. Er antwortete zunächst nicht, sondern starrte mich nur aggressiv an, sah mir direkt in die Augen und schien mich durch die Wildheit seines Blicks einschüchtern zu wollen. Aber meine Nerven waren stark, und ich schaute standhaft und trotzig zurück und bemerkte dann, wie er verwirrt den Blick senkte, aber sein furchtbarer, fast übermenschlicher Blick hatte mich stärker beeindruckt, als mir damals bewusst war.

„Ich habe nach deinen Streichhölzern gesucht, meine sind alle verbraucht. Tut mir leid, dass ich dich geweckt habe“, sagte er.

Ich reichte ihm wortlos meine Streichholzschachtel, und er ging zurück zu seinen Decken und zündete sich seine Pfeife an. Nach kurzer Zeit schlief ich wieder ein, nicht ohne vorher nach dem Notizbuch des Toten getastet zu haben, da ich mir sicher war, dass dies das Objekt von Hawthornes Suche gewesen war. Es lag dort, wo ich es verstaut hatte. Dann wurde ich erneut gestört. Davy rüttelte mich an der Schulter und rief mich beim Namen. Ich richtete mich auf und sah mich um. Der kalte Atem der kommenden Morgendämmerung machte sich bemerkbar. Der Mond, der tief im Westen stand, spendete ein nur schwaches Halblicht und warf die langen Schatten der verkümmerten Bäume auf den weißen Sandboden um uns herum. Vor dem Dunkel hoben sich hohe Eukalyptusbäume am Ufer des Baches fahl und gespenstisch ab.

Davy stand neben meinem Lager und war offensichtlich sehr aufgeregt. „Denk dir nur“, flüsterte er angstvoll. „Hawthorne ist mit dem toten Mann davongeritten!“

Ich starrte ihn verblüfft an.

„Ich sah ihn, sah ihn reiten, und so wahr ich lebe, der Tote ritt mit ihm!“

Mein Mut ist bereits in vielen Ländern auf die Probe gestellt worden, und ich glaube nicht, dass es mir damals an Mut gefehlt hat, aber ich muss gestehen, dass mich, als mir diese unheimliche Mitteilung im grässlich schwindenden Mondlicht der Wüste, weit weg von unseren Mitmenschen, ins Ohr geflüstert wurde, ein Schauer erbärmlicher Angst überkam. Ich legte meine Hand auf die Schulter meines Gefährten, und bei dieser menschlichen Berührung verließ mich das feige abergläubische Gefühl, dem ich derart schwach nachgegeben hatte. „Was soll das heißen? Wie kann er denn einen toten Mann mitnehmen?“, fragte ich.

„Ich sage dir, dass ich sie wegreiten sah. So hör doch! Kannst du es nicht hören?“

Wir lauschten beide und hielten den Atem an, aber kein Laut durchbrach die Totenstille, nicht einmal der Schrei eines Brachvogels oder das Heulen eines Wildhundes.

„Nein“, sagte Davy, „sie sind jetzt wohl außer Hörweite. Vor Kurzem bin ich aufgewacht und dachte, ich hätte die Pferde in ihren Fußfesseln den Bach hinuntertrappeln hören. Ich zog meine Stiefel an, nahm meinen Revolver und ging hinunter, um zu sehen, was los war, denn ich hielt es für möglich, dass sich dort Schwarze herumtrieben. Als ich nicht mehr weit von den Pferden entfernt war, hörte ich ein verdächtiges Geräusch und wollte gerade umkehren, um dich zu rufen. Ich überlegte es mir jedoch anders und schlich etwas näher, wobei ich mich so gut wie möglich versteckt hielt. Ich sah zwei Männer zwischen den Pferden. Diese Männer fingen einige der Pferde ein und sattelten sie. Dann sah ich, wie sie aufstiegen und dann direkt auf mein Versteck zukamen. Ich hatte meinen Revolver schussbereit, als ich sah, dass es Hawthorne war und ...“ Er zeigte auf das Grab.

„Dann kann der Mann nicht tot gewesen sein.“

„Wie spät ist es?“, antwortete Davy. Ich sah mich um, die Morgendämmerung im Osten wurde heller und heller.

„Halb fünf oder so“, sagte ich und bückte mich nach meiner Uhr.

„Und wie spät war es, als wir den Mann begruben?“, fuhr mein Begleiter fort.

„Etwa sechs Uhr.“

„Angenommen, er wäre nur in einer Starre befangen gewesen, als wir ihn begruben, hätte ihn dann nicht das Gewicht der Erde getötet? Wäre er nicht in weniger als einer Stunde erstickt?“

Ich konnte nur mit Ja antworten. „Aber“, wollte ich gerade fragen, „könnte Hawthorne ihn nicht direkt ausgegraben haben, als wir schlafen gingen?“, da fiel mir ein, dass ich Hawthorne mitten in der Nacht im Lager gesehen hatte. Ich suchte das Notizbuch und fand es noch unter meinem Kopfkissen. Ich erzählte Davy von dem Vorfall. Er kniete und war damit beschäftigt, das Feuer zu schüren. Die hellen kirschroten Flammen schienen teilweise die düsteren Schrecken zu verscheuchen, die sich um das gespenstische Lager herum gesammelt hatten.

Alle Sachen von Hawthorne waren weg – er und sein unheimlicher Begleiter hatten sie wohl zu den Pferden getragen. Uns beide schauderte es bei dem Gedanken, dass der lebende Leichnam sich durch das stille Lager bewegt hatte und vielleicht über unsere schlafenden Körper gestiegen war. Unsere Pferde waren alle da, Hawthornes vier und die beiden fremden dagegen waren weg.

„Sollen wir hinter ihnen her?“, fragte ich, als wir zum Aufbruch bereit waren.

„Nein, nein!“, beschwor mich Davy. „Lass uns von hier verschwinden! Ich fühle mich nicht gut. Ich bin mit den Nerven fertig und habe Angst.“

Wir machten uns also auf den Weg und untersuchten zunächst das Grab, das wir tatsächlich leer fanden. Wir setzten unseren Ritt in den folgenden Tagen fort und in meinen freien Stunden gelang es mir, die undeutliche Handschrift in dem Notizbuch zu entziffern. Die Geschichte, die sie enthüllte, stimmte auf so seltsame Weise mit der Szene überein, die wir erlebt hatten, dass wir nicht länger an unseren Sinnen zweifeln konnten. Es war so unerhört und unglaublich, und es brachte alle Schrecken jener Nacht so eindringlich und lebendig zurück, dass unser einziger Wunsch nun darin bestand, eine menschliche Siedlung zu erreichen, in der Hoffnung, dass wir nicht mehr über das grübeln mussten, was wir erlebt hatten.

Nach etwas mehr als zwei Wochen erreichten wir die Überlandtelegrafenlinie und folgten ihr, bis wir auf ein Lager von Arbeitern trafen. Dann wurde Davy sehr krank und konnte nicht mehr reiten. Sein Zustand verschlechterte sich rasch. Alle waren sehr freundlich zu uns, aber wir konnten nur wenig tun. Ich sah sein Ende nahen.

Eines Abends saß ich an seinem Lager, als er sich zu mir umdrehte. Dann sprach er.

„Ich habe dir alles gesagt, was du für mich tun sollst, alter Junge – außer einer Sache. Wenn ich tot bin, wache mindestens eine Woche lang über mein Grab. Versprich mir, dass du mich vor diesem Satan beschützen wirst. Sorge dafür, bevor du mich verlässt.“

Ich drückte seine Hand und versprach es ihm.

„Mach’s gut, alter Freund. Es ist schwer, auf diese Weise zu gehen, aber durch dein Versprechen fühle ich mich leichter.“

In dieser Nacht starb er, und ich blieb allein zurück, der einzige Besitzer des schrecklichen Geheimnisses. Ich wagte es nicht, den anderen davon zu erzählen, denn sie hätten mich nur ausgelacht, aber ich war entschlossen, mein Wort gegenüber dem Toten zu halten.

Wir begruben ihn am nächsten Morgen in der Nähe der Telegrafenlinie. Alle Männer legten die Arbeit nieder und wohnten der Beerdigung bei. Dann begann meine Wache.

Sie hielten mich für verrückt, einer solchen Laune meines toten Kameraden nachzugeben. Wenn sie gewusst hätten, vor wem ich seinen Leichnam schützen wollte, wären sie von meinem Wahnsinn überzeugt gewesen. Aber ich hielt den Mund. Mit kurzen Unterbrechungen während des Tages wachte ich länger als eine Woche, bis der Körper unter der Erde keinerlei Ähnlichkeit mehr mit dem Leben haben konnte. Dann, als die Zeit abgelaufen war und ich meine bewaffnete Wache aufgeben konnte – denn ob Mensch oder Ghul, Lebewesen oder Geist, ich hatte beschlossen, dass er für den Versuch würde bezahlen müssen – ließ ich den armen Davy in seinem einsamen Grab zurück, während Telegramme viele Tausend Meilen zurücklegten und den Weg zu seiner Ruhestätte wiesen, und eilte zum Hafen. Ich reiste nach Melbourne, um dort zu arbeiten, und konnte meine schreckliche Erfahrung zumindest verdrängen, bis ich mich drei Jahren später hier in Brisbane wiederfand. Kaum angekommen wurde mir alles wieder vor Augen geführt! Nun ist mein Entschluss gefasst – ich werde die Geschichte nicht länger geheim halten. In wenigen Tagen werde ich, wenn ich dann noch lebe, Queensland verlassen. Wenn der Leichnam dieses Unglücklichen in der Wildnis auch keine Ruhe gefunden haben mag, werden mir die Tiefen des Meeres vielleicht freundlicher gesinnt sein, wenn meine Zeit gekommen ist.

DAS MANUSKRIPT DES GEORGE SEAMORE, 30. Dezember 1871

Morgen ist mein Geburtstag, und ich habe beschlossen, an diesem Tag zu sterben. Ich weiß nicht, warum ausgerechnet ich auserwählt wurde, derartige Qualen erdulden zu müssen. Ich kann nicht in die Herzen anderer menschlicher Wesen blicken und beurteilen, ob ich sündiger bin als sie. Ich weiß aber, dass es noch einige andere gibt, die der gleichen verderblichen Macht ausgesetzt waren wie ich. In der Hoffnung, ihrem fürchterlichen Schicksal zu entgehen, habe ich diesen abgelegenen Ort zum Sterben gewählt!

Den Tod an sich fürchte ich nicht. Wäre es doch nur wahr, dass die Seele mit dem Tod vollkommen vernichtet wird! Wie gerne würde ich dies glauben, aber ich fühle, dass ich, obwohl ich das Leben in meinem Körper zerstören kann, dennoch leben und fühlen werde. Sollte meine unglückliche Seele dazu verdammt sein, bei meinem Körper zu verweilen, und mein Schicksal mich sogar hier in dieser Wildnis einholen, was für grässliche Schmerzen würde ich erdulden müssen!

Nun zu meiner Geschichte.

Ich werde die ersten fünfundzwanzig Jahre meines Lebens überspringen. Sie waren so ereignislos wie die Jugendjahre der meisten Männer, die ein normales englisches Alltagsleben führen. Meine Eltern gehörten der wohlhabenden Mittelschicht an, und ich war mit der Aussicht erzogen worden, ein Vermögen zu erben, das es für mich unnötig machen würde, einen Beruf zu erlernen. Dass ich, von meinen guten Eltern mit reichlich Geld versehen, bisher nur harmloseren Ausschweifungen erlegen war, lag vielleicht eher an meiner Trägheit als an einer angeborenen Abneigung gegen das Laster. Am 30. November 1866, meinem fünfundzwanzigsten Geburtstag, kreuzte ich den Weg derjenigen beiden Menschen, die mein ganzes zukünftiges Leben beeinflussen und die mich veranlassen sollten, hierherzukommen, um endlich zu sterben! Zu dieser Zeit hielt ich mich in London auf und bewohnte eine Junggesellenwohnung. Meine Eltern erwarteten mich täglich in ihrem Haus in Devonshire. Aber wie das mit faulen jungen Männern nun einmal ist, verschob ich den Tag der Abreise so lange, bis eben jener 30. November anbrach. Und immer noch hatte ich mich nicht dazu entschließen können, aus London abzureisen. Ich fand stattdessen Spaß daran, durch die Straßen zu stromern und mich in uralten, wenig besuchten Vergnügungslokalen herumzutreiben. Im Allgemeinen ging ich allein, denn ich wusste, dass nur wenige meiner Bekannten diese Art Zeitvertreib zu schätzen wussten.

Ich schlenderte an diesem trüben Novemberabend gegen vier Uhr die Farringdon Street entlang, als ein sehr schlicht gekleidetes junges Mädchen vor mir stehen blieb, mir die Hand hinhielt und freudig überrascht ausrief: „George!“

Belustigt und gleichzeitig erstaunt blieb ich stehen – mein eigener Vorname ist tatsächlich George. Die Begrüßung wollte mir zunächst vertraut vorkommen, aber ein Blick in ihr Gesicht zeigte mir, dass sie mir fremd war. Als ich lächelte, erkannte sie ihren Fehler und wich hastig zurück, errötete tief und stammelte einige Worte der Entschuldigung. Um ihre offensichtliche Verwirrung nicht auch noch zu vergrößern, verbeugte ich mich und ging weiter, wobei ich mich, wie ich gestehen muss, umdrehte und ihrer anmutigen Gestalt nachblickte, wie sie auf der schlammigen Straße im Nebel verschwand. Weil ich dabei aber nicht auf den Weg achtete, rempelte ich prompt jemanden an und drehte mich um, da ich mich nun meinerseits zu entschuldigen hatte. Mein Gegenüber war ein Mann, etwas älter als ich, groß, dunkel und gut aussehend. Wir sahen uns ein oder zwei Sekunden lang neugierig an. Warum, weiß ich nicht. Wir fanden uns wohl sympathisch. Dann lächelte er und ging weiter.

Auf dem Heimweg stellte ich vage Vermutungen über die beiden an. Sie schienen nicht zu den gewöhnlichen Passanten zu gehören, denen man in den Londoner Straßen gemeinhin begegnet.

Die hellen braunen Augen und das offene Gesicht des Mädchens blickten mich aus dem einsamen Feuer an, vor dem ich nach dem Abendessen saß und rauchend mein Junggesellendasein verbrachte.

Schließlich lachte ich über meine Dummheit, rappelte mich auf und ließ mich zum Alhambra bringen. Ich ging oft dorthin, um ein oder zwei Stunden zu vertrödeln, und zwar mehr wegen des Vergnügens, das sich aus der Beobachtung des bunt zusammengewürfelten Publikums ergab, als wegen der prächtigen Ballette, die damals dort aufgeführt wurden. Ich saß etwa eine halbe Stunde, als der Mann, mit dem ich auf der Straße zusammengestoßen war, eintrat und in meiner unmittelbaren Nähe Platz nahm. Er erkannte mich und lächelte leicht. Entgegen der üblichen Gewohnheit meiner Landsleute pflegte ich jede Gelegenheit zu ergreifen, Bekanntschaften zu schließen, und hatte damit bisher auch nie Pech gehabt. Der Fremde, ein Mister Hawthorne, und ich begannen ein Gespräch, und er erwies sich als angenehmer und geistreicher Geselle. Er konnte interessant von den vielen Ländern erzählen, die er im Laufe seines Lebens besucht hatte, und wir stellten während des Gesprächs fest, dass wir zwei oder drei gemeinsame Freunde besaßen. Als die Vorstellung zu Ende war, traten wir auf die Straße, auf die ein kalter, nieselnder Schneeregen niederging, und da keiner von uns in der Stimmung war, in dieser Nacht noch weitere Vergnügungen aufzusuchen, nahmen wir gemeinsam eine Kutsche, da meine Wohnung auf dem Heimweg meines neuen Freundes lag. Ich wünschte ihm herzlich eine gute Nacht und legte mich schlafen. Jedoch muss ich gestehen, dass ich mehr als nötig an das braunhaarige Mädchen mit den rosigen Wangen aus der Farringdon Street dachte. Nach dem Ort zu urteilen, an dem ich sie getroffen hatte, und weil sie ein Paket in der Hand trug, vermutete ich, dass sie tagsüber irgendeiner Beschäftigung nachging und dass ich gute Chancen hatte, sie jeden Tag zur gleichen Zeit am gleichen Ort anzutreffen. So fand ich mich am nächsten Tag um 4 Uhr in der Farringdon Street ein. Ich wurde nicht enttäuscht, denn meine hübsche Freundin ging wieder an mir vorbei, und obwohl sie mir kein Zeichen des Wiedererkennens zuteilwerden ließ, konnte ich erkennen, dass sie sich an mich erinnerte. Zwei Tage vergingen, und jeden Tag war ich auf meinem Posten und tröstete mich mit dem Gedanken, dass fast alle Menschen einmal in ihrem Leben den Hanswurst gegeben hatten.

Am Morgen des dritten Tages wurde mir Mister Hawthorne als Besucher angekündigt, und der groß gewachsene Mann aus dem Alhambra wurde in meine Wohnung geführt. Da ich Gefallen an seiner Gesellschaft gefunden hatte, überredete ich ihn, zum Abendessen zu bleiben, und verpasste so meinen üblichen Spaziergang in der Farringdon Street. Hawthorne lud mich dann im Laufe des Abends seinerseits ein. Ich sollte bei ihm einer Art Séance beiwohnen, im Verlauf derer einige seiner Freunde über abseitige Themen sprechen würden. Da ich schon immer eine morbide Neigung zu übernatürlichen Dingen verspürt hatte, willigte ich gerne ein und versprach, mich am übernächsten Abend um neun Uhr bei ihm einzufinden.

Am nächsten Abend machte ich meinen gewohnten Spaziergang und freute mich, ein fast schon deutliches Lächeln des Wiedererkennens auf dem Gesicht meiner schönen Unbekannten zu erkennen. Ich ging nach Hause und ärgerte mich dabei über mich selbst, weil ich mich derart albern über die bedeutungslose Reaktion eines Mädchens freute, das wahrscheinlich nur Lehrling eines Hutmachers war und sicherlich den niederen Gesellschaftsschichten angehörte. Sie würde sich nur zu sehr freuen, wenn ich sie ansprach! Gleichzeitig sagte mir jedoch irgendetwas, dass diese Vermutungen nicht stimmten. Ich war entschlossen, sie anzusprechen, um sie entweder auf ewig zu beleidigen oder meine Träume zum Platzen zu bringen.

Als wir uns am nächsten Tag begegneten, blieb ich stehen, verbeugte mich und richtete einige Worte der Höflichkeit an sie. Ich muss gestehen, dass ich gehemmt war, denn ihr aufrichtiger Blick schüchterte mich ein wenig ein. Zu meinem Erstaunen sah sie mir direkt ins Gesicht und antwortete ruhig und ohne Umschweife: „Ich würde mich gerne mit Ihnen unterhalten, wenn Sie einen Augenblick Zeit für mich haben.“

Ich drehte mich um und ging schweigend neben ihr her.

Dann begann meine Begleiterin: „Wissen Sie, dass ich Sie beim ersten Mal, als wir uns begegneten, für meinen Bruder gehalten habe? Jetzt, aus der Nähe, erkenne ich, dass Sie ihm nur in Körpergröße und äußerem Erscheinungsbild ähnlich sind.“

Ich erlaubte mir, sie nach dem Aufenthaltsort ihres Bruders zu fragen.

„Er verließ England vor zwei Jahren, und seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört. Aber glauben Sie an Träume?“

Ich lachte und verneinte.

„In den letzten beiden Nächten habe ich von ihm geträumt, von Ihnen, und von einem anderen – einem großen Mann mit einem dunklen Bart und grimmigen schwarzen Augen. Kennen Sie einen solchen Mann?“

Ich verneinte zunächst. Dann jedoch kam mir Hawthorne in den Sinn und ich sagte daraufhin, dass ich kürzlich die Bekanntschaft eines Mannes gemacht hätte, auf den die Beschreibung passen könnte.

„Mein Bruder“, fuhr sie fort, „schien in meinem Traum in der Gewalt dieses Fremden zu sein. Aber alles war verworren, und wenn dieser Traum sich nicht wiederholt hätte, hätte ich mir wenig dabei gedacht.“

Ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen. Dieses Gerede über Träume, dunkle Männer und so ein Zeug hätte aus irgendeinem Groschenroman stammen können, und der romantische Heiligenschein schien schnell von meiner jungen Freundin zu weichen, die sich anscheinend in eine ganz gewöhnliche, billige Romane verschlingende Verkäuferin verwandelte.

An einer belebten Kreuzung hielten wir kurz an. Meine Begleiterin blickte mich mit der ihr eigenen unschuldigen und offenen Art an und sagte: „Sie werden mich natürlich für töricht halten. Aber ich glaube, dass Sie und mein Bruder sich bald treffen werden. Wenn das der Fall ist, werden Sie ihn zu mir bringen? Mein Name ist Berrimore, der Name meines Bruders ist George, meine Adresse lautet ...“

„Erlauben Sie mir denn nicht, Sie wenigstens bis zu Ihrer Tür zu begleiten?“, unterbrach ich sie.

Gelassen willigte sie ein, und wir gingen weiter. Miss Berrimore plauderte offen und freundlich, während wir weitergingen, und ich meinte bald herausgehört zu haben, dass sie Musiklehrerin war. Das Papierpaket, das sie anstelle der üblichen Notenrolle bei sich trug, als ich ihr zum ersten Mal begegnete, hatte mich in Richtung Hutmacherin und Verkäuferin spekulieren lassen.

„Ich nehme an, dass jetzt bald Ihre freie Zeit beginnen wird“, sagte ich.

Sie lachte fröhlich. „Nein, ich bin gerade jetzt sehr beschäftigt. Denken Sie an all die Partys und Konzerte, die bald in London stattfinden werden, und an die immense Menge an Übungsstunden, die Amateure absolvieren müssen. Die meisten meiner Schüler sind Männer und Frauen, die darauf erpicht sind, ein oder vielleicht auch zwei Lieder oder Musikstücke zu lernen, mit denen sie ihre Freunde überraschen können, wenn die Weihnachtszeit gekommen ist. Tatsächlich bin ich Musiklehrerin!“ Sie lachte fast schon ausgelassen und sah so freundlich und hübsch aus, dass mein Gemüt immer heftiger ins Schleudern geriet.

Wir erreichten ihr Haus viel zu früh, und ich trug die Adresse sorgfältig in mein Notizbuch ein: No. 10, Grace Street. Ich nannte Miss Berrimore meinen Namen und meine Stadtadresse und verabschiedete mich dann.

Nach dem Abendessen begab ich mich zu Hawthornes Wohnung, um an der Séance teilzunehmen, zu der er mich eingeladen hatte. Ich traf, neben unserem Gastgeber, vier Personen an. Ich wurde ihnen vorgestellt, habe aber ihre Namen vergessen; sie sind für meine Erzählung auch nicht von Bedeutung. Von den Gesprächen war ich ziemlich enttäuscht, denn die meisten schienen der Scharlatanerie des Tischklopfens anzuhängen. In der Tat war das Ganze nur Mystizismus und laues Wasser, wie Hawthorne später kommentierte, und ich war von Herzen froh, als sich das Treffen auflöste. Er bat mich, noch eine Weile zu bleiben, nachdem die anderen gegangen waren, so ich nicht müde sei.

„Ich glaube“, sagte er, „dass die Anmaßung unserer Freunde, über Kenntnisse der okkulten Wissenschaften zu verfügen, Ihr Missfallen erregt hat.“

Ich antwortete, dass man mir im Laufe des Abends nichts Neues vermittelt oder bewiesen habe.

„Das ist wahr“, sagte er, „und nur eine sehr leise Hoffnung, etwas Neues zu erfahren, hatte mich dazu verleitet, mir heute Abend diese Langweiler anzutun.“

„Sie sind also ein Anhänger des Spiritismus.“

„Spiritismus, puh! So etwas gibt es nicht. Das sind nur Gauklertricks. Ich glaube an das, was ich selbst entdeckt habe – an die starke und seltsame Wesensverwandtschaft, die die Seelen einiger Menschen zueinander empfinden. Und an ein großes Geheimnis, das nur ich kenne!“ Er hielt plötzlich inne.

Ich fühlte mich seltsam berührt, schaute aber eher ungläubig.

„Geben Sie mir Ihre Hand“, sagte er und streckte plötzlich seine eigene über den Tisch. Ich tat es, und er nahm sie in seine und legte zwei Finger auf meinen Puls, wie es ein Arzt tun würde.

„Denken Sie jetzt an jemanden, den Sie lieben.“

Ich dachte, wie es die meisten Männer tun würden, an meine Mutter.

„Sehen Sie etwas?“, fragte er. Ich schüttelte den Kopf.

„Versuchen Sie es mit jemand anderem.“

„Meinen Sie, dass ich sie tatsächlich sehen werde?“

„Denken Sie nach“, erwiderte er nur. „Sie müssen doch Einfluss auf jemanden in der Welt haben.“

Ich dachte an andere Freunde, aber mein geistiger Blick schien nicht klarer zu werden. Plötzlich fiel mir die Musiklehrerin ein. In einem Augenblick schien der Raum, in dem ich saß, zu verschwinden, und an seine Stelle trat ein ärmlicheres, schäbigeres Zimmer. Neben mir, so nah, dass ich sie hätte berühren können, saß Miss Berrimore und schrieb Noten ab. Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und schien keinen unangenehmen Gedanken nachzuhängen, wie man an dem halben Lächeln auf ihren Lippen erkennen konnte. Ich schaute mich im Zimmer um und nahm die Möbel und andere Details genauestens wahr. Während dieser ganzen Zeit spürte ich einen Schmerz um mein Handgelenk herum, fast so, als trüge ich ein glühendes Armband. Plötzlich wurde es entfernt, und das Mädchen und das Zimmer verschwanden so plötzlich, wie sie gekommen waren.

„Nun?“, fragte Hawthorne mit seltsamem Lächeln.

„Die Kraft der Phantasie ist sehr stark“, antwortete ich.

„Sie glauben nicht an mich als Geisterbeschwörer?“, fragte er lachend.

„Ich glaube eher an Selbsttäuschung.“ Und ich stand auf, um zu gehen.

Als wir uns die Hände schüttelten, sagte er: „Ich werde morgen einen Häftling besuchen, der in zwei Tagen gehängt werden soll. Wollen Sie mich begleiten?“

Ich muss gestehen, dass ich die bedauerliche Geschmacklosigkeit besaß, zuzusagen.

„Ich erwarte Sie dann um zehn Uhr.“

In dieser Nacht schlief ich fest, tatsächlich hätte ich meine Verabredung mit Hawthorne fast verschlafen. Ich schaffte es jedoch, ein paar Minuten nach zehn Uhr in seiner Wohnung zu sein, und wir machten uns auf den Weg nach Newgate.