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Die Publikation ist im Rahmen des Forschungspreises "Fasching - Fastnacht - Karneval" entstanden. Es ist ein Gemeinschaftsprojekt des Fastnacht-Verband Franken e. V., dem Deutschen FastnachtmMuseum und dem Bund Deutscher Karneval e. V. Diese Institutionen haben sich zum Ziel gesetzt junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu fördern. Die Aufgabenstellung ist: Den Brauch der Fastnacht und seine kulturellen Ausdrucksformen in Politik und Gesellschaft, in der Gegenwart und Vergangenheit zu erforschen.
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Seitenzahl: 71
Veröffentlichungsjahr: 2021
Ein Gemeinschaftsprojekt
des Fastnacht-Verband Franken e. V.
mit dem Deutschen FastnachtMuseum
und dem Bund Deutscher Karneval e. V.
Grußwort Marco Anderlik
Präsident Fastnacht-Verband Franken e. V.
Grußwort Bernhard Schlereth
Stiftungsvorsitzender„Stiftung KulturzentrumFasching-Fastnacht-Karneval“
Grußwort Klaus-Ludwig Fess
Präsident Bund Deutscher Karneval e.V.
1. Forschungspreisträger Jonathan Armas:
„Närrinnen und Narrhallesen“ – ZurKonstruktion und Darstellung vonGeschlecht in der Fastnacht
2. Forschungspreisträgerin Julya Berzen:
Aus „matschiger“ Pampe werden kunstvolleGesichter – Heimarbeit bei der Herstellungvon Gazemasken
Abbildungsverzeichnis
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde von Fasching, Fastnacht,
Karneval!
Das Kulturzentrum Deutsche FastnachtAkademie hat sich neben der Beratung und Schulung von ehrenamtlichen Aktiven und Vereinen vor allem auch die Forschung zur Zielsetzung gemacht. Gemeinsam mit dem Bund Deutscher Karneval und dem Deutschen FastnachtMuseum wurde erstmals vom Fastnacht-Verband Franken ein Forschungspreis ausgeschrieben. Die spannende Aufgabenstellung lautete: Den Brauch der Fastnacht und kulturelle Ausdrucksformen in Politik und Gesellschaft, in der Gegenwart und Vergangenheit. Die beiden Preisträger haben in ihren Arbeiten zwei vollkommen unterschiedliche Themenfelder mit großer Inhaltstiefe und persönlicher Bewertung ausgearbeitet. Im Namen des Fastnacht-Verband Franken gratuliere ich Herrn Armas und Frau Berzen sehr herzlich zu den eingereichten Arbeiten und den erhaltenen Forschungspreisen und wünsche beiden Preisträgern für die Zukunft alles Gute.
Marco Anderlik
Präsident
Fastnacht-Verband Franken e. V.
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde von Fasching, Fastnacht,
Karneval!
Mit Eröffnung des neugestalteten und neu gebauten Museums war es uns wichtig, auch wissenschaftlich zu arbeiten. Inspiriert durch die gute Zusammenarbeit mit verschiedenen Universitäten wurde durch unsere Mitarbeiterin Frau Romana Wahner die Idee geboren, einen Forschungspreis auszuloben. Dieser hervorragende Gedanke hat sofort die Unterstützung aller Verantwortlichen gefunden.
Die Aufgabe für die Beteiligten lautete, eine eigene Forschungsfrage zu entwickeln, Forschungsdesiderate zu bearbeiten und Impulse für weitere Forschungen zu geben. Die beiden Preisträger des Jahres 2020, Frau Julya Berzen und Herr Jonathan Armas, haben diese Herausforderung hervorragend gelöst. Ich gratuliere ihnen herzlichst und wünsche ihnen für die Zukunft viel Glück und viel Erfolg.
Inhaltlich sind ihre Exposés grundunterschiedlich, stellen aber beide einen beachtlichen Beitrag zur Erforschung unseres Brauchtums dar.
Sowohl die Ergebnisse als auch die Erfahrungen mit dem Forschungspreis haben uns motiviert, den Preis zu einem Stipendium zu erweitern.
Die Erforschung des Kulturguts Fasching, Fastnacht, Karneval bietet noch viele Möglichkeiten. Unsere Projektmanagerin Frau Wahner ist deshalb aktuell mit der Vorbereitung der neuen Ausschreibung beschäftigt. Wir freuen uns jetzt schon auf die Bewerbungen.
Mein Dank gilt allen, die bei der Umsetzung dieser guten Idee aktiv mitgewirkt haben.
Bernhard Schlereth
Stiftungsvorsitzender
Stiftung Kulturzentrum „Fasching-Fastnacht-Karneval“
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde von Fasching, Fastnacht,
Karneval!
Mit Schmerzen registriert das Präsidium des BDK immer wieder die häufig in der Öffentlichkeit und in den Medien aufkommende Fehleinschätzung des Kulturguts Fasching, Fastnacht, Karneval. Die unzulässige Verkürzung dieses Brauchs auf eine „legitimierte Gelegenheit zum maßlosen Fressen und Saufen“ und zur hemmungslosen Überschreitung von Normen im Bereich Sitte und Anstand, ist ein Ärgernis, wenngleich – zugegebenermaßen - schlechtes Benehmen von Einzelnen während der „tollen“ Tage das Vorurteil durchaus unterstützt. Wie ist diese Entwicklung zu erklären? Zunächst einmal mit einer immer stärker werdenden Sinn-Entleerung dieses schönen Brauchs durch mangelndes Wissen, mit einer generellen „Karnevalisierung“ des Alltags im gesamten Jahr bei Sportveranstaltungen und organisierten Partys, mit der zunehmenden Kommerzialisierung des Karnevals und damit, dass die maßgeblichen Leute, also Eltern, Lehrer und die verantwortlichen „Brauch-Pfleger“ es versäumt haben, neben dem Feiern auch zu erklären, um was es sich bei den fastnachtlichkarnevalistischen Bräuchen tatsächlich handelt.
Die Festschreibung dieser Bräuche als „Kulturgut“ bzw. als „Kulturerbe“ beruht ja nicht zuletzt auf dem historischen Hintergrund, der bis ins Mittelalter zurückreicht, und auf den unterschiedlich ausgeprägten Ritualen und Feierformen in den verschiedenen Regionen nicht nur Deutschlands sondern Europas.
Das Wissen um diese wesentlichen Dinge wird von Wissenschaftlern erweitert und gefestigt und von verantwortungsbewussten Verbänden in die Gesellschaft befördert. Als Tradition wird das Erbe von Generation zu Generation weitergereicht. In diesem Zusammenhang sind wir auf die Idee gekommen, einen Forschungspreis an jüngere Wissenschaftler zu vergeben, die sich mit der Erforschung des Kulturguts Fasching, Fastnacht, Karneval erfolgreich beschäftigen.
Den Teilnehmerinnen und Teilnehmern an diesem Wettbewerb übermittele ich im Namen des BDK Anerkennung und Dank, den Gewinnern unsere herzlichen Glückwünsche.
Fasching, Fastnacht, Karneval haben eine Heimat und einen Namen:
Bund Deutscher Karneval!
Es grüßt Sie alle herzlichst
Ihr
Präsident
Bund Deutscher Karneval e.V.
Jonathan Armas, B.A.2
Oft wird von der Fastnacht als der Zeit des Jahres gesprochen, in der die Verhältnisse auf den Kopf gestellt werden, in der alles anders ist und die Närr*innen das Zepter übernehmen (bspw. Niekrenz 2014). Gleichzeitig jedoch scheint kaum ein anderes Fest so offensichtlich von traditionellen Geschlechterdarstellungen und zum Teil auch politischen Debatten über den Umgang mit sexistischen Praktiken bestimmt zu sein: Kostüme (Referat für Antirassismus und Referat für Gleichstellung und Lebensweisenpolitik April 2016), Redebeiträge (Stuttgarter Zeitung 23.02.2019), die Besetzung von Elferräten und Zunftvorständen und nicht zuletzt Lieder wie „Dicke Titten, Kartoffelsalat“ (Hüftgold 2016) oder „Zeig doch mal die Möpse“ (Krause 2000) werden dabei immer wieder zum Anlass öffentlicher Kritik. Nicht umsonst drückt es der Kasseler Politologe Aram Ziai in einem Gedankenexperiment über ein vermeintlich unterentwickeltes Deutschland wie folgt aus:
„Wahrscheinlich würden unsere traditionellen kulturellen Praktiken, wie z.B. junge Mädchen während der Karnevalssaison im Rahmen der Festivitäten zur Austreibung des Winters als Tanzmariechen in knappen, ihre Unterwäsche preisgebenden Kostümen auftreten zu lassen, als barbarisch und frauenverachtend, mindestens aber als lächerlich und rückständig gelten. In einigen Gegenden wären sie gesetzlich verboten“ (Ziai 18.04.2017: 2f).
Umso mehr stellt sich der Geschlechtersoziologie die Frage, welche Bedeutung Geschlecht in der Fastnacht für die Teilnehmenden hat und wie sie mit dem Thema umgehen.
Der vorliegende Aufsatz liefert beruhend auf qualitativen Einzelinterviews (Kruse 2015; Przyborski und Wohlrab-Sahr 2014) mit dem Ziel eines sinnverstehenden Zugangs (Kardorff 1995: 4) einen ersten Beitrag3 zu dieser Frage4. Ergänzt wird die vorliegende Arbeit außerdem um die Analyse des Schlagers „Die Krankenschwester“ (Klaus & Klaus 2001). Im Folgenden werde ich jedoch zunächst Sedimentierungen von Geschlecht in fastnächtlichen Symbolen und Bräuchen veranschaulichen, um so die Relevanz des Forschungsthemas aufzuzeigen (2). Im Anschluss daran wird zunächst kurz auf das methodische Vorgehen eingegangen werden (3), um anschließend anhand des Interviewmaterials in zwei Schritten die Analyse zu theoretisieren und zunächst auf Inszenierungen als das Sein und Darstellen von Geschlecht (4) und zuletzt auf die Stimmung als Legitimationsstrategie (5) einzugehen, bevor ich abschließend die Ergebnisse resümiere und Schlussfolgerungen für Forschung und Praxis ziehe (6).
Historisch gewachsene kulturelle Symboliken, Bräuche und beispielsweise Narrenfiguren sind soziologisch vor dem Hintergrund ihrer repräsentativen Funktion zu betrachten. Das heißt, dass sie über sich hinaus auf Sinnhorizonte und Bedeutungsdimensionen verweisen, derer wir uns immer wieder bedienen und die wir durch die Anwendung dieser kulturellen Formate auch immer wieder hervorbringen. Kultur als historischkontingente (und daher im Übrigen auch regional spezifische) Sedimentierung von Sinn zu begreifen, ermöglicht es, die Kontinuitäten humandifferenzierten Denkens in den Blick zu nehmen und auf der longue durée zu verfolgen (Hirschauer 2014: 188, 2020). „Traditionen“ bilden dann nicht nur Geschlechterbilder ab, die aus der Zeit ihrer Entstehung entstammen, sondern reproduzieren ihre Sinnwelt in der Gegenwart. Ich wende mich daher an dieser Stelle einigen Beispielen zu und skizziere einen Überblick über die geschlechtliche Beschaffenheit der Symbole und Bräuche.5
Hervorzuheben ist zunächst, dass der Carnival, das Fest des Fleisches, von Anbeginn durch den Kontrast seiner ausschweifenden Efferveszenz6 mit der frommen Zurückhaltung der Fastenzeit
