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Faschismus und Ideologie E-Book

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Beschreibung

Dieser Band des Projekts Ideologietheorie, der neben strukturellen und biografischen Aspekten die faschistische Ideologie in den Mittelpunkt stellt, ist eine wichtige Ergänzung aktueller Faschismus- und NS-Studien. In den neuen Biografien zu Nazitätern (Hitler, Eichmann, Heydrich, Goebbels) hat sich der Streit zwischen Strukturalisten und Personalisten dialektisiert: Das Zusammenwirken individueller und biografischer Momente mit gesellschaftlichen Verhältnissen, in denen diese produktiv werden konnten, wird heutzutage weitgehend als Schema akzeptiert. Die Erklärung der Taten, die zum Holocaust führten (Christopher Browning), und die Analyse der Täterstrukturen werden zusammengedacht mit den historischen (sozialen, ökonomischen, kulturellen und religiösen) Strukturen. Weitgehend ausgeblendet werden in diesen »formalen« Analysen die ideologischen Anordnungen, die den deutschen Faschismus wirksam werden ließen. Die Frage, wie die Nazis es schafften, die Menschen für ihre Ideen zu begeistern, und wie die Einzelnen sich freiwillig in ein Herrschaftsverhältnis einordneten und diese Einordnung als Befreiung erleben konnten, wird in den Detailstudien von »Faschismus und Ideologie« beantwortet. Überarbeitete Neuausgabe in einem Band der Argument Sonderbände 60 und 62.

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Seitenzahl: 611

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Projekt Ideologietheorie

 

Faschismus und Ideologie

Neu herausgegeben von Klaus Weber

Argument

Überarbeitete Neuausgabe in einem Band der Argument Sonderbände AS60 und AS62

 

Alle Rechte vorbehalten

© Argument Verlag 2007/2022

www.argument.de

 

Umschlagbild: Kreistage der NSDAP im Traditionsgau München-Oberbayern (o.J.)

 

ISBN 978-3-86754-819-9 (E-Book)

ISBN 978-3-88619-334-9 (Buch)

Inhaltsverzeichnis

 

Vorwort des Herausgebers
Vorwort 1980
Kapitel 1 Die Behandlung des Ideologischen in marxistischen Faschismustheorien
Agententheorie und Verselbständigungstheorie
Integration durch Bewusstseinsfalsifikation und Bündnisproblem: Opitz und Kühnl
Wirkung und Bekämpfung des Faschismus von innen
Verschiebungen im Instanzenverhältnis: Poulantzas
Popular-demokratische Anrufungen: Laclau
Marxistische und bürgerliche Faschismusforschung
Kapitel 2 Annäherung an die faschistische Modalität des Ideologischen
Rückblick auf die Kritische Theorie
Der faschistische Glaube und das Primat der ideologischen Praxen
Die ideologische Krise
Hitlers Standpunkt
National-Sozialismus als Gegen-Bolschewismus
Exkurs: Antikommunismus und Gegenbolschewismus
Antisemitismus und Volksdiskurs
Exkurs: Zur Erklärbarkeit des faschistischen Antisemitismus
Die Performativität der faschistischen Volksgemeinschaft
Die Umorganisierung des ideologischen Dispositivs: Re-Interpretation der Verselbständigungsthese
Die faschistische »Macht über die Herzen«
Kapitel 3 Ideologische Anordnung und Präsentation der Volksgemeinschaft am Ersten Mai 1933
Der Erste Mai als Staatsakt
Ideologische Effekte von Massenveranstaltungen
(Auf-)Marschieren als Ordnungshandeln
Exkurs: Appell als ideologische Anordnung
Appell: Attraktionen und ideologische Rahmung
Präsentationsformen in der Zivilgesellschaft
Orthopraxie der Volksgemeinschaft
Kapitel 4 Ideologische Transformationsarbeit in Hitlers Rede zum Ersten Mai 1933
Entwicklung der Fragestellung
Konstitution des kulturellen Wir
Einbau des Nationalen in das Anti-Klassenkampf-Wir
Desartikulation der Arbeit von der Gewerkschaft
Konstitution von Volk und Gegenvolk
Unterstellung unter den Staat
Unterstellung unter den Führer
Die Stärke der faschistischen Intervention
Anhang: Hitlers Rede zum Ersten Mai 1933
Kapitel 5 Die Erziehung des faschistischen Subjekts
Indoktrination, Irrationalismus und Zerstörung des Bildungswesens
Umartikulation des Bildungskanons
Volksschullehrer als »organische Intellektuelle« des Nazismus auf dem Dorfe
Militärische Formierung und ideologische Subjektion
Der »Apparat Jugend« in der Weimarer Republik
Hitlerjugend und Ideologie
Führungsbildung von unten nach oben nach unten
Gemeinschaft als imaginäres Subjekt
Rasse als Verdichtung von Selektions-Funktion und Natur-Attraktion
Selbsteinordnung im Berufswettkampf
Kapitel 6 Opferritual und Volksgemeinschaftsdiskurs am Beispiel des Winterhilfswerks
Volksgemeinschaft als Volksbetrug?
Der Umbau sozialpolitischer Instanzen
Die ideologischen Praxen des Winterhilfswerks
Volksgemeinschaft durch Opfer
Kapitel 7 Die Organisation des Ideologischen als betriebliche Praxis
Konsensbildung und strukturell-organisatorische Spaltung der Gesellschaft
Spaltung der Gesellschaft
Faschistische Aufhebung des Klassenantagonismus
Organisation faschistischer Betriebspraxis
Primäre, praktisch-tätige Ideologisierung
Sekundäre Ideologisierung
Kapitel 8 Gebauter Nationalsozialismus
Zum Stellenwert der Architektur
Das Monumentale als ideologische Form
Die Staatsarchitektur als Zentrum der NS-Baupolitik
Exkurs: Der nazistische Diskurs über Architektur
Steinerne Anordnungen
Architektonische Produktion neuer Wahrzeichen
Fixierung neuer Dominanzverhältnisse
Architektur des Anti-Diesseits
Dominanz des Imperialen
Kapitel 9 Ideologische Subjektion in den Literaturverhältnissen
Entwicklung der Fragestellung
Bücherverbrennungen: Inszenierung des Bruchs
Konjunkturliteratentum: Kampf um den ideologischen Effekt
Anti-Politik: Wirkungsweise der faschistischen Massenromane
Innere Emigration: Flucht in die ideologische Subjektivität
Kapitel 10 Die Organisation des Ideologischen im Reichsparteitagsfilm
Konstitution der Volksgemeinschaft durch den Film
Protonazistische Elemente und Ornament der Masse: Kritik der Ästhetisierungsthese
Die ideologische Transformationsarbeit
Die ideologische Syntax
Exkurs: Der Bruch von Caligari zu Hitler und der anti-ideologische Diskurs in Kuhle Wampe. Zur Kritik der Kontinuitätsthese

 

Literatur
Verzeichnis des audio-visuellen Materials
Anmerkungen

Vorwort des Herausgebers

Aktualität

Die Frage nach der Erklärungsweise des deutschen Faschismus – wie auch anderer Faschismen – ist deswegen so brisant und hochaktuell, weil sie gleichzeitig die Frage danach beinhaltet, inwieweit momentane gesellschaftliche Entwicklungen eine Faschisierung ermöglichen oder gar vorantreiben1: Der österreichische Schriftsteller Robert Menasse, ein die gesellschaftlichen Verhältnisse sensibel wahrnehmender Zeitgenosse, geht soweit, die aktuelle Situation als faschistisch zu bezeichnen:

»Als wäre der Faschismus bloß ein geistesgeschichtliches und ästhetisches Phänomen gewesen, erweist sich der heutige Antifaschismus bis hin zum staatlichen ›Nie wieder!‹-Pathos lediglich in hysterischer Sensibilität gegenüber nostalgisch autoritärem Geist in Verbindung mit einem bestimmten Outfit. Und während wir auf diese platonischen Schatten starren, wird im grellen Licht wiederum faschistischer Wirtschafts-, Sozial- und Gesellschaftspolitik vollzogen: Steuerbefreiung für große Unternehmen und Konzerne, wodurch sozialpolitische Einsparungen notwendig werden, die wiederum aufgefangen werden durch Wiedereinführung von Formen des Arbeitsdienstes. Verstärkte Investition in Rüstung und staatliche, nicht gesellschaftlich konsumierbare Güter, Beschneidung des individuellen Konsums. Rückkehr von der relativen zur absoluten Mehrwertproduktion, Verlängerung der Arbeitszeit und Lohnkürzungen. Herstellung gesellschaftlicher Solidarität durch äußere Bedrohungsszenarien. Transformation sozialer Probleme in ästhetische Anforderungen – zum Beispiel Kürzungen im Gesundheitsbereich bei gleichzeitiger Fetischisierung des ›schönen Körpers‹, der individuell herstellbar sei. Eine dementsprechend geprägte politische Propagandasprache: Während soziale Errungenschaften preisgegeben werden, diene jede dementsprechende politische Entscheidung lediglich der Fitness: Wir müssen wieder fit werden für den globalen Konkurrenzkamp, fit werden für die Zukunft, fit werden für die neuen Entwicklungen – und wie das so ist im Fitness-Studio: Es muss weh tun!« (Menasse 2006, 27ff.)2.

Man muss Robert Menasse nicht zustimmen, wenn er die von ihm unter die Lupe genommenen deutschen Verhältnisse als faschistisch bezeichnet. Man kann ihm aber darin folgen, dass die Frage danach, ob eine demokratisch verfasste Gesellschaft sich faschisieren kann, und dass es sinnvoller ist, die Gefahren in der Mitte der bürgerlichen Gesellschaft zu suchen als an ihren »rechtsextremen Rändern«:

»Das Changieren zwischen einem Gerade-Noch demokratischer Regelung und dem Noch-Nicht faschistischer Politik macht gerade die Spezifik des Faschisierungsbegriffs: mit ihm können Entwicklungen und Prozesse dort analysiert werden, wo es noch keinen Faschismus gibt« (Weber 1999, 146).

Die in diesem Band neu veröffentlichten Analysen des Projekts Ideologie-Theorie (PIT) zeigen am historischen Material, wie die Nazis in die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse praktisch-ideologisch so eingegriffen haben, dass sie für ihre Politik eine klassenübergreifende Zustimmung erhalten konnten. Sie zeigen damit aber auch, dass die Möglichkeit einer neuen faschistischen Politik mit dem Jahr 1945 nicht automatisch verschwunden ist.

Faschismus – ein Modethema?

Faschismus und Ideologie: Kein Tag des Jahres 2006 verging, ohne dass der deutsche Faschismus in Zeitungen, TV-Nachrichten oder Internet-News Thema war. Im Frühjahr wurde über die Ausstellung im Berliner Haus der Geschichte zu »Flucht, Vertreibung, Integration« gestritten; der Präsident der Stiftung, welche Träger dieses Hauses ist, Hermann Schäfer, war Ende August ein zweites Mail in der Presse: Er hielt eine Rede vor Überlebenden des KZ Buchenwald und klagte dabei über die Leiden der Vertriebenen. Im März des Jahres wollte der bayerische Liedermacher Konstantin Wecker auf einer Veranstaltung in Halberstadt im Käthe-Kollwitz-Gymnasium singen, die unter dem Motto »Nazis raus aus unsrer Stadt« stattfinden sollte. Der Landrat verbot Weckers Auftritt. Einen Monat später wird in Potsdam ein Deutsch-Äthiopier halbtot geschlagen – Bundesinnenminister Schäuble fällt dazu ein: »Es werden auch blauäugige, blonde Menschen Opfer von Gewalt, zum Teil sogar von Tätern, die möglicherweise nicht die deutsche Staatsangehörigkeit haben« (Deutschlandradio 20.4.2006).

Im Juni 2006 besucht der deutsche Papst Josef Ratzinger Auschwitz als »Sohn des deutschen Volkes« und erklärt, dass die Vernichtung der Juden in Auschwitz »im letzten auch die Wurzel [ausreißen wollte], auf der der christliche Glauben beruht« (FAZ 29.5.2006) und verleugnet damit die Tatsache, dass alle Mörder christlicher Herkunft waren (vgl. Reck 1998, 224). Während der Fußballweltmeisterschaft, die im Juli stattfindet, werden Zuschauer von deutschen Fans angepöbelt und geschlagen, weil sie beim Lied »Steh auf, wenn du ein Deutscher bist« sitzen bleiben. Im August bereitet Günter Grass mit Hilfe der FAZ eine Werbekampagne für sein neues Buch mit der Offenlegung seiner Aktivitäten für die Waffen-SS vor; zwei Monate später wird bekannt, dass Grass Ende der 1960er Jahre den SPD-Wirtschaftsminister Karl Schiller aufforderte, seine Nazi-Vergangenheit öffentlich zu machen: »Es wäre für Sie eine Erleichterung und gleichfalls für die Öffentlichkeit so etwas wie die Wohltat eines reinigenden Gewitters«, hat er damals an Schiller geschrieben.

Offensichtlich hat die jammervolle Anklage des Schriftstellers Martin Walser bei seiner Rede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels im Oktober 1998, er könne es nicht mehr ertragen, dass ihm als Deutschen täglich die Schande der deutschen Geschichte vorgehalten werde, nichts bewirkt (vgl. dazu Lorenz 2005). Die deutsche Geschichte und vor allem der deutsche Faschismus als Zeitabschnitt zwischen 1933 und 1945 sind mehr denn je Ausgangs- und Mittelpunkt zahlreicher historischer sowie aktueller Debatten.

 

Doch nicht nur in den Feuilletons bundesrepublikanischer Zeitschriften ist der deutsche Faschismus – den diese als Begriff scheinbar fürchten wie der Teufel das Weihwasser – nach wie vor Hauptthema. Auch in den Buchhandlungen sind Bücher zu Holocaust, Judenvernichtung, Täter- sowie Opferbiografien und Romane mit dem Bezugspunkt NS-Zeit neben esoterischen Ratgebern, Kochbüchern und Bildbänden zu Flora und Fauna bei den Bestsellern zu finden. So viel an »Material« es also zu geben scheint, um zu verstehen, wie »das damals geschehen konnte«, so wenig überzeugend sind die Erklärungsversuche zur Frage der Funktionsweise des faschistischen Systems.

Faschismus – Faschismen: Begriffspolitik

Mit Anatomie des Faschismus (Paxton 2006) und Der Faschismus in Europa 1918–1945 (Bauerkämper 2006) erschienen im Jahr 2006 zwei Bücher, die erneut den Anlauf unternehmen, Faschismus zu erklären. Paxtons Buch wird auf der Umschlagseite damit beworben, dass »die politische Gefahr des Faschismus … keineswegs überwunden [sei und auf einer] ersten Stufe auch heute in allen größeren Demokratien« existiere. Selbst kritische Journalisten wie Rudolf Walther schreiben zu Paxton:

»Die Studie ist ohne Zweifel ein ganz großer Wurf. Sie besticht nicht nur durch die souveräne Durchdringung einer riesigen Stoffmasse, sondern auch durch ihre analytische Schärfe und ihre sprachliche Meisterschaft« (2006, 15).

Was die »riesige Stoffmasse« betrifft, so unterscheidet sich Paxtons Buch keinesfalls von allen anderen Studien zum Thema Faschismus; und bezüglich der gerühmten »analytischen Schärfe« und »sprachlichen Meisterschaft« bleibt fraglich, was an einer Definition von Faschismus als Zusammenhang von »innerer Säuberung und äußerer Expansion« (Paxton 2006, 319) scharf ist. Auch die Behauptung Paxtons, er »glaube (sic!), die Ideen, die faschistischen Taten zugrunde liegen, lassen sich am besten aus den Taten selbst herleiten … [und] viele von ihnen gehören eher in den Bereich der Bauchgefühle als in den der reflektierten Propositionen« (ebd., 320), ist an Dürftigkeit kaum zu überbieten: Da ist zum einen die willkürliche analytische Trennung von Idee und Tat, um dann faschistische Praxen als emotional grundgelegt und bar jeder Reflexion zu behaupten; als hätte jemals jemand behauptet, die SA-Banden oder die Polizeibataillone hätten kritisch reflektiert, bevor sie politische Gegner und jüdische Kinder erschossen.

Problematischer als die sprachlichen und stilistischen Schnitzer (»nach Ansicht der Marxisten führte eine Krise des Kapitalismus zur Geburt des Faschismus« [ 34]; viele der »›mobilisierenden Eigenschaften‹ des Faschismus … sind so alt wie die Geschichte von Kain und Abel« [ 67]; »Es war im postkommunistischen Jugoslawien, wo es zum deutlichsten Äquivalent zu der Vernichtungspolitik der Nazis im Nach-Weltkriegseuropa kam« [ 276]) ist jedoch Paxtons definitorische Grundaussage, Faschismus sei »eine Form des politischen Verhaltens« (ebd., 319), das auf Bedürfnissen, Glaubenssätzen und Gefühlen aufbaue. Deshalb sei faschistisches Verhalten auch heute noch »sichtbar« (ebd., 321) und »einige tief traumatisierte Staaten« seien heute nah dran am »klassischen Faschismus« (ebd.).

Diese Psychologisierung von Faschismus als individuelles Verhalten reduziert die politisch, ökonomisch und historisch komplexen Prozesse, die letztlich zu den verschiedenen Faschismen führten, auf die Frage nach den subjektiven Bedürfnissen und Gefühlslagen, die jedoch selbst wiederum nicht als in gesellschaftliche Zusammenhänge eingebettet gesehen werden. Gesellschaftliche Prozesse zu denken ist Paxton somit kaum in der Lage: Faschismus und eine mögliche Faschisierung hängen für ihn deshalb vor allem von »Personen [ab], die die ökonomische, soziale und politische Macht innehaben« (ebd.); die einzige Form des Widerstands gegen Neofaschismus und ähnliche Bewegungen und Parteien sieht Paxton darin, »weise zu reagieren« (ebd.). Das ginge aber nur, wenn wir den Erfolg der Faschisten in der Vergangenheit verstehen (ebd.).

 

Was Paxton mit dem deutschen Historiker Arnd Bauerkämper, einem Schüler Jürgen Kockas, gemeinsam hat, ist: Beide scheinen – was die geschichtswissenschaftliche Fachliteratur angeht – die in der DDR entwickelten Theoriestränge zu Faschismus und Weltkrieg glauben ignorieren zu können. Die in der Wirklichkeit stattgefunden habende »Liquidierung« »sämtlicher wissenschaftlicher Institute, die sich mit der Geschichte des deutschen Faschismus beschäftigt haben« (Röhr 2001, 42)3, wird von Historikern erneut festgeschrieben und damit zur wissenschaftlichen Wirklichkeit gemacht. Was die Definition von Faschismus betrifft, ist Bauerkämper ein Anhänger der These, dass er »nicht mehr als Regression und Abweichung von der Moderne, sondern als Ausdruck ihrer Ambivalenz und Widersprüchlichkeit gedeutet« (Bauerkämper 2006, 40) werden sollte. Begriffe wie »Erschütterung« und »Krisenhaftigkeit«, »Strukturbruch« und »Erfahrung von Anomie« sollen anzeigen, dass eine »Krise der klassischen Moderne« (ebd., 193) stattgefunden hat, die sich die Faschisten zunutze gemacht haben.

Offen bleibt dabei, was die Moderne denn sein soll: Weil der Autor zwar die Produktivkraftentwicklung in seine Überlegungen mit einbezieht (»Herausbildung der Konsumgesellschaft«, »forcierte Industrialisierung, die von neuen Leitsektoren vorangetrieben wurde«, »Wandel des internationalen Systems und Finanzreglements« [ebd.]), die Produktionsweise und damit die Schnittstelle zwischen Ökonomie und tätigen Subjekten »vergisst«, muss die Moderne als Erklärungs-Scharnier für den Zusammenhang ökonomisch-politischer Prozesse und Strukturen mit den Erfahrungen und Praxen der Subjekte herhalten: Sie sei »konstitutiv für die Genese des Faschismus« (ebd.), konstatiert Bauerkämper, ohne dass eine Analyse dieser Genese und ihres konstituierenden Gegenstands vorgenommen würde. Trotzdem sei das Verdienst Bauerkämpers hervorgehoben: Zum einen weist er darauf hin, dass sich in der Beschäftigung mit dem Faschismus »politische Positionen und wissenschaftliche Erkenntnisinteressen eng miteinander verschränkt« (ebd., 13) hätten; andererseits beharrt er auf dem Faschismus-Begriff, weil nur dieser den »Vergleich« beinhalte (ebd., 39) und deutlich mache, dass das Phänomen grenzüberschreitend gewesen sei (auch wenn sich fast alle faschistischen Gruppen, Parteien und Bewegungen »auf das Modell des italienischen Faschismus« [ebd.] bezogen hätten).

 

Gegen die Verwendung des Terminus Nationalsozialismus zieht Karl-Heinz Roth zu Felde:

»Es handelt sich zunächst … um eine affirmative Selbstdefinition, die aber elementare Prämissen, nämlich den militanten Antisozialismus, verschleiert. Darüber hinaus ist der Begriff nicht vergleichsfähig, weil er seine faschistischen Kontexte und Varianten per definitionem ausschließt. Er schließt aber auch alle anderen Bezüge zur europäischen und zur Weltgeschichte aus und unterwirft den Blick auf Europa und die Welt der affirmativen Selbstkonnotation. Auch die kritisch distanziert gemeinte Analyse des ›Nationalsozialismus‹ vermag nicht über einen germanozentristischen Blick hinaus gelangen. Wer sich mit der Geschichte des deutschen Faschismus aus einer transnationalen Sichtweise auseinandersetzen möchte, wird wohl nicht umhin kommen, sich von dem Begriff ›Nationalsozialismus‹ zu verabschieden« (Roth 2004, 33f.).

Er schlägt mit seiner Definition des Begriffs Faschismus zudem die Möglichkeit vor, die Subjekte der sozialen Alltagspraxis mit den ökonomisch-politischen Entwicklungen zusammen zu denken:

»Der Faschismus war eine gegenrevolutionäre Bewegung der herrschenden Klassen, Mittelschichten und proletarischen Randgruppen, die nach dem ersten Weltkrieg in den meisten europäischen Ländern gegen die sozialen Massenaufstände der Arbeiter, Kleinbauern und einfachen Soldaten gerichtet war und eine radikale wie gewalttätige ›Neugründung‹ ihrer jeweiligen Nation vorantrieb. Sie verbreiterte sich in der Weltwirtschaftskrise, eroberte … teilweise die politische Macht und führte danach zu einem in seiner Qualität neuartigen Raub- und Vernichtungskrieg nach innen und außen. Die ›volksgemeinschaftlich erneuerte‹ Nation sollte zum Kern einer restaurierten oder neu geschaffenen imperialistischen Herrschaftssphäre gemacht und eine spezifische neue Phase der ›endlosen Kapitalakkumulation‹ (Wallerstein) eingeleitet werden. In diesem Sinn haben wir zwischen Bewegungs-, System- und Kriegsphase des Faschismus zu unterscheiden« (ebd., 37f.).

Roths Rede4 macht deutlich, dass in der BRD HistorikerInnen Nachteile zu spüren bekommen, wenn sie in ihren Forschungen und wissenschaftlichen Arbeiten von Faschismus sprechen würden. Doch Roth kann dies historisch erklären: So seien die Faschismusdebatten der Linken in den 1960er und 1970er Jahren für viele konservative Fachvertreter »schockierend« gewesen: Ihre teils »linken« Nachfolger hätten mit ihren Illusionen auch ihre theoretischen Erkenntnisse über Bord geworden und ihre Praxis »sei nicht selten in autoritäres Ausgrenzungshandeln« (ebd., 35) umgeschlagen. Die Faschismusschulungen von K-Gruppen und die »Ausschaltung der ostdeutschen Geschichtswissenschaft« (ebd., 36) hätten der wissenschaftlichen Beschäftigung mit den europäischen Faschismen den Rest gegeben. Als positives Gegenbeispiel zu den unqualifizierten Faschismusdiskursen hebt Roth die »recht qualifiziert wissenschaftliche Faschismusdebatte … im Umfeld der Zeitschrift Das Argument« (ebd.) hervor.

Nationaler Sozialismus

Roth streitet gegen die Totalitarismustheorie ebenso wie gegen die Modernisierungstheorie (vgl. Roth 1999), weil sie Deutungsmuster seien, die »der historischen Faschismusforschung ausgehend von der normativen Politikwissenschaft und der US-amerikanischen Entwicklungssoziologie der 1950er und 1960er Jahre übergestülpt wurden« (Roth 2004, 37). Gleichzeitig verstärke sich in den letzten Jahren jedoch die Tendenz, »die soziale Demagogie und die mit ihr einhergegangenen wohlfeilen Zukunftsverheißungen des ›Nationalsozialismus‹ für bare Münze zu nehmen und diese … zu einem ›nationalen Sozialismus‹ zu stilisieren« (ebd.). Gemeint ist mit dieser Kritik Götz Alys Bestseller Hitlers Volksstaat (2005).

Alys Darstellung des deutschen Faschismus als »Wohlfühldiktatur« für die Volksgenossen, welchen durch systematische Bestechung mittels Wohltaten die Zustimmung zu dieser Diktatur erkauft worden sei, zielt auf das, was er in einem Beitrag für die ZEIT als »linkssozialdemokratisches Grundmuster« (Aly 2005a, 45) bei den Nazis erkannt haben will:

»Auf der Basis eines umfassenden Raub- und Rassenkrieges sorgte der nationale Sozialismus für ein in Deutschland bis dahin nicht gekanntes Maß an Gleichheit und sozialer Aufwärtsmobilisierung. … Das materiell üppige Sein, der indirekte, nicht persönlich verantwortete, doch gern genommene Vorteil aus den Großverbrechen bestimmte das Bewusstsein der meisten Deutschen von der Fürsorglichkeit ihres Regimes« (Aly 2005a, 38).

Um zu belegen, dass seine Thesen stimmen, übernimmt Aly einerseits unkritisch die Selbst- und Lagedeutungen der von ihm so genannten faschistischen »Stimmungspolitiker« (Hitler, Goebbels, Göring u.a.), ohne die behaupteten Sachzusammenhänge empirisch nachzuprüfen. Andererseits unterbleibt in seinen Ausführungen – wie Angelika Ebbinghaus kritisch anmerkt (2005) – jegliche Differenzierung bezüglich derer, deren Verhalten er erklären will: die ›Deutschen‹ und das ›deutsche Volk‹.

»Statt sich die Frage vorzulegen, ob die intendierte ›Volksgemeinschaft‹ überhaupt und wenn ja welche sozialen Gegensätze aufgehoben habe, wird das Konstrukt Volksgemeinschaft einfach übernommen. Der Autor teilt den Lesern allerdings mit, warum er solche ideologische Konstrukte … für bare Münze nimmt: Er habe inzwischen gelernt, die Aussagen Hitlers, Goebbels und Görings ernst zu nehmen. In Hitlers Volksstaat hat er dies ausgiebig getan und sich zunehmend ihre Optik angeeignet (ebd., 39).

Alys Thesen, die er früher bereits in der Berliner Zeitung (15.2.1999) und in der Süddeutschen Zeitung (10.5.2002) verbreiten konnte, sollen vor allem dazu dienen, die Kapitalseite zu entlasten und die aufs Volk setzende sozialistische Bewegung anzugreifen – und sei es in der Form des Angriffs auf die DDR als »Volksrepublik«:

»Für Aly, der von Anfang an die vergangene DDR grimmig angegriffen hat, gehören ›die heutigen Bauern und Nachfolgegenossenschaften der LPGs‹ zu den Hauptschuldigen, die ›höhere Entschädigungen zu leisten (hätten) als Thyssen, Daimler und Siemens zusammen‹ (Eichholtz 2002).

Ein Blick in Michael Schneiders westdeutsches Standardwerk zur Lage der Arbeiter und Arbeiterbewegung im deutschen Faschismus5 (1999) hätte genügt, um zu erkennen, dass die Reallohnentwicklung im NS, die Arbeitszeit- und Urlaubspolitik der Nazis, die Entwicklung der Mietpreise und die »Pflichtabgaben« an die Deutsche Arbeitsfront (DAF) und an das Winterhilfswerk (WHW) bei den Arbeitern weitaus widersprüchlichere Haltungen hervorriefen als die von Aly konstatierte gekaufte Zustimmung zur Diktatur. Dass der politische Standpunkt zentral ist für die Einschätzung und Bewertung des Verhältnisses von »Volk« und faschistischer Partei bzw. Staatsapparat, zeigt sich vor allem in der Frage nach der Positionierung der deutschen Gewerkschaften zu Beginn der faschistischen Systemphase. Karl-Heinz Roth belegt in einem kurzen Aufsatz, wie die freien Gewerkschaften (vor allem die Führungsgruppe und die wissenschaftlichen Sekretäre) durch »eine einheitsgewerkschaftliche Koalition mit der NSBO6 [und einer] Anbiederung an die NSDAP« (Roth 2003, 276) autoritär-nationalistische Lösungsansätze der Weimarer »Krise« bevorzugten und so »aus Angst vor dem Untergang Selbstmord« (ebd., 278) begingen.

Ideologietheorie

Interessanterweise wird Faschismus und Ideologie in der Standardliteratur zum Thema Faschismus selten – meist aber gar nicht – erwähnt. Das ist deshalb umso erstaunlicher, weil viele Widersprüche, Fragestellungen und Problematiken, deren theoretische Durchdringung als Zukunftsaufgabe von HistorikerInnen behauptet wird, in den Arbeiten des Projekts Ideologie-Theorie – wenn auch nicht immer zu Ende gedacht – in einem Ausmaß thematisiert werden, dass die Ignoranz gegenüber diesem Projekt andere Gründe haben muss denn fachliche. Wenn man die Kontroverse zwischen Intentionalisten und Funktionalisten – also die Auseinandersetzung darüber, ob die Ideenwelt Hitlers und der Nazis oder die strukturellen Eigendynamiken des Systems den Holocaust besser erklären kann – nachvollzieht (vgl. Browning 2001, 11ff.); wenn man die Überlegungen zum Primat von Ideologie oder Handeln, zu subjektiven Handlungsvoraussetzungen oder objektiven Bedingungen (vgl. Welzer 2005) oder Ausführungen zum Verhältnis von Ökonomie zu Politik und Ideologie in der aktuellen Literatur zu Faschismus liest, so kann die theoretische Leistung des PIT als bislang uneingeholt bezeichnet werden.

Zwei Punkte dieser Leistung scheinen mir besonders erwähnenswert.

1. Da ist zum einen die Fähigkeit, die oben genannten scheinbar unvereinbaren Widersprüche über die kluge Fassung des Ideologiebegriffs in einen komplexen Rahmen zu integrieren, sodass diese Widersprüche der faschistischen Politik nicht als sich ausschließende, sondern sich geradezu bedingende und damit das faschistische System stabilisierende Pole verstanden werden können. Ideologie wird also nicht als Ideengebäude verstanden (wie beim oben erwähnten Paxton), sondern das Ideologische wird verstanden als die

»Dimension einer Vergesellschaftung von oben, die sich durch unterschiedliche gesellschaftliche Ebenen hindurchzieht [und als utopischen] Gegenbegriff … die Perspektive einer ›Selbstvergesellschaftung der Menschen im Sinne einer gemeinschaftlich-konsensuellen Kontrolle der gesellschaftlichen Lebensbedingungen‹« (Rehmann 2004, 750)

erheischt. Im Mittelpunkt des Ideologiebegriffs steht also der Zusammenhang von subjektiver Aneignung gesellschaftlicher Prozesse in der herrschaftsförmigen Ausprägung dieser Prozesse selbst. In den Untersuchungen des PIT zu diesen Vergesellschaftungsprozessen im Faschismus werden deshalb die »ideologischen Dispositive, Praxen und Rituale« (ebd., 753) des faschistischen Partei- und Staatsapparats in den Mittelpunkt gestellt, weil sie die Bedingungen darstellen, die den »Umbau [der] psychosozialen Verfassung« (Welzer 2005, 58) der Subjekte ermöglichen und nahelegen7.

2. Zum anderen gibt die ideologietheoretische Analyse des (deutschen) Faschismus die sozialistische Zielvorstellung einer gemeinschaftlichen Aneignung unserer Welt nicht preis zugunsten einer Propagierung des autonomen Individuums als Bollwerk gegen faschistische Verführung. Harald Welzer, der m.E. eines der fundiertesten Bücher zur Frage der Psychologie des Massenmords geschrieben hat, tappt exakt in diese Falle, wenn er am Schluss seiner sozialpsychologischen Täteranalyse schreibt:

»Unser etwas naives Vertrauen in die Aufklärung hat uns allzu leicht übersehen lassen, dass Freiheit und Autonomie durchaus nicht als Entlastung empfunden werden können, sondern im Gegenteil als Belastung, Entscheidungsstress, Angst vor Verantwortung. Diese Belastung erzeugt bei nicht wenigen Menschen ein chronisches Bedürfnis nach Aufgehobensein, danach, für das eigene Leben nicht verantwortlich zu sein. … Das Bedürfnis nach kollektivem Aufgehobensein und nach Verantwortungslosigkeit enthält … das größte Potenzial zur Unmenschlichkeit. Ganz offensichtlich habe die zwei-, dreihundert Jahre der aufklärerischen Erziehung des (westlichen) Menschengeschlechts ziemlich wenig an jener psychischen Eigenschaft hervorgebracht, die an die Stelle der fraglosen Einfügung in Gruppen treten sollte: Autonomie« (2005, 267f.).

Welzers Schlussfolgerung, dass Autonomie (die wiederum als Folge einer geglückten und bindungsorientierten Erziehung dargestellt wird) gegen faschistisches und grundsätzlich gegen verbrecherisches Handeln immun mache, entspringt zum einen dessen Kardinalfehler, den deutschen Faschismus ohne ökonomische und gesellschaftstheoretische Zusammenhänge erklären zu wollen und zum anderen seinem daraus resultierenden Glauben, die Nazis hätten die GEMEINSCHAFT anti-individualistisch artikuliert. Weil aber – wie Welzer selbst betont – der Mensch ein gesellschaftliches Wesen ist, muss die Frage doch danach gestellt werden, wie wir Menschen uns vergesellschaften, ohne dass einem von uns ein Haar gekrümmt wird und nicht danach, wie wir vor jeder Gemeinschaft in die Autonomie fliehen können.

Zum Buch

Die Beiträge in diesem Klassikers sind nicht trocken und in akademischem Tonfall geschrieben, sondern in eingreifender – besser gesagt: in einer zum Eingreifen in aktuelle gesellschaftliche Verhältnisse ermutigenden – Sprache (vgl. Ruoff Kramer 1997). Insofern sind sie im besten Sinn antifaschistisch: Sie setzen nicht darauf, dass wir als LeserInnen zufrieden gestellt werden mit und in unseren Arbeits- und Lebensweisen in der bürgerlichen Gesellschaft; sie konfrontieren uns vielmehr mit dem Problem, dass die Verhältnisse, in denen wir uns auch wohl fühlen wollen, die Voraussetzung für eine erneute Faschisierung des Gesamten sind. Gleichzeitig ist diesen vor mehr als 20 Jahren geschriebenen Analysen anzumerken, wie sehr ihre AutorInnen die utopische Perspektive einer »besseren« – also sozialistischen – Gesellschaft nicht aufgegeben haben. Die theoretischen Zuspitzungen in Ideologie und Faschismus kreisen immer auch um die Frage, wie die Subjekte sich so organisieren können, dass sie – sich befreiend aus Knechtschaftsverhältnissen und Fremdbestimmung – in die Lage versetzen, sich ihr Leben so anzueignen, dass Herrschaft verwandelt wird in gemeinschaftliche Verfügung über die Lebensbedingungen. W.F. Haug fasste diese utopische Zielsetzung in die Worte:

»Links ist kein Spaß, der keine Mühe macht, sondern die Mühe um die Entwicklung und Hegemoniegewinnung eines Projekts solidarisch-ökologischer Vergesellschaftung; eine Mühe, die auch Spaß machen kann, aber zunächst wirklich Mühe ist: Links ist alles Handeln, das Welt aus dem Reich des Privateigentums zurückgewinnt, ohne sie dem Reich des Staatsapparats auszuliefern« (Haug 1997, 20).

Schluss und Dank

Ich danke den »alten« MitarbeiterInnen des PIT für ihre freundliche und vehemente Zustimmung zur Neuauflage dieses Buchs. Iris Konopik vom Argument Verlag danke ich für die Geduld und die Unterstützung bei allen Fragen zur Manuskripterstellung und Stefanie Lang für das Tippen der Textvorlage. Meine Frau Kristin Teuber hat erneut akzeptiert, dass ich ein Buchprojekt verfolge, das viele Stunden unseres gemeinsamen Lebens »fraß«. Jakob, unser Sohn, war großzügig genug nicht nachzufragen, wieso ich aus manchen Spielsituationen zum Computer drängte; hätte er es getan, würde ich mich für das Spielen entschieden haben und dieser Band wäre noch später erschienen.

 

 

Literatur

 

Aly, Götz (2005). Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus. Frankfurt/Main: S. Fischer.

Aly, Götz (2005a). Wie die Nazis ihr Volk kauften. ZEIT vom 6.4.2005.

Bauerkämper, Arnd (2006). Der Faschismus in Europa 1918–1945. Stuttgart: Reclam.

Browning, Christopher (2001). Judenmord. NS-Politik, Zwangsarbeit und das Verhalten der Täter. Frankfurt/M.: Fischer.

Ebbinghaus, Angelika (2005). Fakten oder Fiktionen: Wie ist Götz Aly zu seinen weitreichenden Schlussfolgerungen gekommen? Sozial.Geschichte Heft 3, 29–45.

Eichholtz, Dietrich (2002). Über den Klassencharakter des NS-Regimes. Unv. Manuskript.

Fülberth, Georg (2000). Faschistischer Wohlfahrtsstaat. Konkret: Politik & Kultur 11, 42f..

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Vorwort 1980

 

 

Titelbild des Originalbands von Faschismus und Ideologie

 

I.

Der vorliegende Band soll einen Doppelnutzen haben: Er soll unser Verständnis von Faschismus und seiner möglichen Verhinderung verbessern und eine große Lücke in der Faschismustheorie ausfüllen helfen. Zugleich sollen die Materialuntersuchungen der Weiterentwicklung der allgemeinen Theorie des Ideologischen dienen; das Material ist also auch Anlass, allgemeine Begriffe und Methoden zu prüfen und weiterzuentwickeln.

In den vorliegenden Materialstudien werden bestimmte Bereiche ideologischer Praxen im deutschen Faschismus exemplarisch untersucht. In kritischer Auseinandersetzung mit der bisherigen Literatur geht es um einen neuen Zugang zum Begreifen der ideologischen Wirkungsmacht des Faschismus. Methode und Erkenntnisinteresse verleugnen nicht die gegenwärtige prekäre Situation der entwickelten kapitalistischen Staaten. In den westlichen Hegemonialmächten ist die Gefahr neuer gefährlich reaktionärer politisch-ideologischer Formationen unübersehbar. Rechtspopulistische Formationen (vgl. Argument-Sonderband 51: Sozialliberalismus oder rechter Populismus? 1980) sind im Vordringen. Auf dem Boden wechselnder ökonomischer Krisenerscheinungen verschärfen die sozialen Konflikte ihre Dynamik. Das Studium der Bildungsweise der faschistischen Formationen verhilft zu einem besseren Verständnis der Handlungsmöglichkeiten eines fortschrittlichen Blocks.

II.

Wenn man die spezifisch faschistische Modifikation des Ideologischen herausfinden will, stößt man auf eine Reihe »epistemologischer Hemmnisse«, wie Bachelard es genannt hat. Bestimmte Denkmuster sind omnipräsent in der Literatur zum Faschismus, stellen sich aber auch in einem selbst immer wieder ein.

Da ist die Gleichsetzung von Faschismus mit dem Ideologischen überhaupt, meist als »Irrationalismus«-Kritik formuliert. Lukács hat dafür die klassisch gewordene Formel von der »Zerstörung der Vernunft« gefunden. Dieses Denkmuster tritt auf in der affirmativ-bürgerlichen Figur des absoluten Bruchs: Dann erscheint das bürgerlich-demokratische Leben als Inbegriff der Vernunft und des Nicht-Ideologischen – die bürgerlich-demokratische Gesellschaft als Vorläufer der faschistischen und die Be-sonderheit der faschistischen Modifikation des Ideologischen ist somit nicht fassbar. Die Hartnäckigkeit dieser Denkmuster beruht auf ihrem relativen Recht: Tatsächlich stoßen wir im Faschismus auf eine enorme Intensivierung des Ideologischen und tatsächlich gibt es kein Element faschistischer Ideologie, das spezifisch faschistisch wäre. Die Spezifik liegt eben nicht in den Elementen, sondern in ihrer Gliederung.

Ein anderes Denkhemmnis ist das Manipulationsdenken. Auch dieses bezieht seine Stärke aus einem relativen Recht. Man ist jedes Mal von neuem überrascht, mit welcher Klarheit die faschistischen Führer viele ihrer Ziele kalkulierten. Wir kritisieren das Manipulationsdenken, weil es hilflos ist: Es enthält als Strategie gegen den Faschismus die Aufklärung über schlechte Absichten. Das ist wirkungslos, weil nicht die Absichten – gut oder schlecht – wirksam sind. Etwas von der Ohnmacht solcher Aufklärung erscheint in der Unermüdlichkeit der Zurückführung aller Vorgänge auf immer denselben Punkt: die Klassenherrschaft. Statt der Absichten machen wir die Wirkungsweise des Ideologischen zum Gegenstand der Theoriebildung. Die Untersuchungen gelten immer wieder dem Wie der ideologischen Praxen und der Transformationsarbeit des Faschismus.

Um das konkrete Wie der Organisation ideologischer Effekte im Faschismus zu begreifen, ist es unabdingbar, mit den Denkmustern des Ökonomismus und Klassenreduktionismus zu brechen, wie sie in den verschiedenen marxistischen Traditionslinien immer wieder dominant wurden. Die kritisierten Positionen haben den Bruch mit dem Ökonomismus als Preisgabe des Klassenbezugs und der Determination durch das Ökonomische in letzter Instanz missverstehen wollen. Die historischen Materialanalysen sind geeignet vorzuführen, dass nur auf nicht-ökonomische Weise der Klassencharakter des Faschismus begriffen werden kann. Auch kann nur so die Wucht des Ideologischen gefasst werden. Schließlich eröffnet sich so ein Zugang zum Begreifen des unfreiwilligen Beitrags kommunistischer und sozialdemokratischer Politik zum beide Richtungen der Arbeiterbewegung überwältigenden Erfolg der Faschisten.

In diesen Zusammenhang fügt sich die folgende Beobachtung: Ob man bürgerliche oder marxistische Untersuchungen über den Faschismus zu Rate zieht – bei den Materialstudien machten wir die verblüffende Erfahrung, dass die Kommentare der führenden Faschisten die Strukturen und Wirkungsweisen ideologischer Praxen zumeist klarer beschreiben als der größte Teil der faschismuskritischen Autoren.

Für die Autoren des Projekts Ideologie-Theorie bedeutete – nach langer Beschäftigung fast nur mit Theorien – die Konfrontation mit dem Material zunächst einen Schock. Dieser Materialschock wurde erst allmählich überwunden. Für ihn gibt es zwei Hauptgründe. Der erste liegt auf der Hand: Materialuntersuchungen gehorchen einer fast vollkommen anderen Logik als Rezipieren und Kritisieren von Theorien. Eine andere Haltung, eine Wendung der Aufmerksamkeit ist dazu erforderlich. Der zweite Grund lag im Entwicklungsstand unserer Theorie. Daher ist an dieser Stelle ein einleitender Rückblick fällig.

III.

In der theoretischen Vorstudie (PIT 1979) haben wir zunächst die wichtigsten Linien marxistischer Theorie des Ideologischen aufgearbeitet. Parallel betrieben wir historische Studien, um uns eine konkrete Vorstellung dessen zu verschaffen, worum es in den theoretischen Rekonstruktionsversuchen ging. Am Ende standen »Umrisse zu einer Theorie des Ideologischen«. Die »Umrisse« ordnen die Frage nach dem Ideologischen in das marxistische Projekt ein. Sie orientieren darauf, die Begriffsbildung der Rahmentheorie zentral am Reproduktionsproblem von Klassenherrschaft festzumachen. Das Ideologische ist damit gefasst als die eine große Wirkungsweise entfremdeter Gemeinschaftlichkeit, d.h. der Staatsförmigkeit der Aufrechterhaltung des Vergesellschaftungszusammenhangs. Wie die Staatlichkeit selbst ist das Ideologische in der Perspektive der kassenlosen Gesellschaft zum Absterben bestimmt.

Unsere Arbeitsdefinition: Im Ideologischen fassen wir die ideelle Vergesellschaftung-von-oben. »In seiner Wirklichkeit ist das Ideologische daher zu untersuchen als äußere Anordnung in den gesellschaftlichen Verhältnissen« (PIT 1979, 180). Im Kern geht es dabei um gesellschaftliche Handlungsfähigkeit der Individuen. Sie wird betrachtet in der Perspektive der gemeinschaftlichen Kontrolle der gesellschaftlichen Lebensbedingungen. Die entscheidende Handlungsfähigkeit (Kompetenz) betrifft die Gestaltung des gesellschaftlichen Zusammenhangs der individuellen Lebensaktivitäten selbst. »Historischer Ausgangspunkt wie Fluchtpunkt der Analyse ist die Selbstvergesellschaftung der Menschen im Sinne einer gemeinschaftlich-konsensuellen Kontrolle der gesellschaftlichen Lebensbedingungen« (ebd., 178). Unser Grundbegriff ist daher »Vergesellschaftungskompetenz«. Unter »Vergesellschaftung« verstehen wir dabei jede Form der Herstellung des gesellschaftlichen Zusammenhangs der individuellen Praxen, Vergesellschaftung der Arbeit (Arbeitsteilung und sozialer Stoffwechsel der Produkte) ebenso wie die Gestaltung der Lebensweise im weitesten Sinn und die Austragung von Konflikten. Das allgemeine Erkenntnisobjekt der Ideologietheorie sind zunächst die Kompetenz/Inkompetenz-Strukturen, die sich im Zuge der Entstehung staatlich verfasster Klassengesellschaften herausgebildet haben. Die »übergesellschaftlichen« Instanzen, in denen besondere Vergesellschaftungskompetenzen monopolisiert werden, nennen wir mit Engels ideologische Mächte, die in je spezifischen ideologischen Formen konstituiert sind. Der Konzentration spezifischer weltlicher und geistiger »Gewalten« (in Anlehnung an Luther zu reden), Kompetenzen des »Schwerts« und des »Worts« usw., entspricht der Kompetenzentzug in allen übrigen Bereichen der Gesellschaft. So lassen sich alle gesellschaftlichen Instanzen durch spezifische In/Kompetenz-Struktur charakterisieren. Diese ihre Struktur korrespondiert mit der Anordnung des Ensembles der gesellschaftlichen Verhältnisse. Insbesondere ist jede ideologische Instanz durch die historisch-sozial besondere Anordnung der ideologischen Mächte, durch deren Kräfteverhältnisse und Dominanzverhältnisse bedingt. Der allen gemeinsame, wenngleich unterschiedlich, sogar widersprüchlich erzielte Effekt der ideologischen Mächte ist die selbsttätige Einordnung der Individuen in die gesellschaftlichen Verhältnisse. Dieser Effekt wird umrahmt von repressiver Zwangsgewalt. Er kann jedoch so intensiv sein, dass er auch beim vorübergehenden Zerfall des Gewaltrahmens stabil bleicht. Wir nennen die von den ideologischen Mächten organisierte Unterstellung die ideologische Subjektion (in Anlehnung an Althussers »Subjekt-Effekt«). Das entscheidende Bindeglied zwischen den ideologischen Mächten und den Individuen oder ihrem »Bewusstsein« sind die ideologischen Praxen und Rituale, die, in je spezifischer Anordnung, die ideologische Unter-Stellung als Tätigkeit organisieren. Erst in Beziehung auf dieses Geschehen, daraus resultierend wie seinen konzeptionellen Rahmen ausarbeitend, sind die großen Ideologien, die Ideengebäude der ideologischen Mächte, zu begreifen. Sie sind als institutionelle Diskursformationen zu fassen, in denen unzählige Diskurse dieser Institutionen produziert werden. Ihre Grundstruktur ist die »vertikale« des Regulierens von oben nach unten. Sie wirken jedoch nur, weil jede ideologische Macht in ihrer spezifischen ideologischen Form entfremdete Gemeinschaftlichkeit verwaltet. Die ideologischen Mächte sind also nicht nur Apparate zur Reproduktion der Herrschaftsordnung, sondern zugleich entfremdete Gemeinschaftsgewalten; ihre Formen sind nicht nur Festnahmen, Gefängnis von Gemeinschaftlichem, sondern auch Fluchtburgen, Asyle. Sie sind nicht einfach Diktate der herrschenden Klasse, obwohl die ideologische Unterstellung unter die Herrschaftsordnung betreibend, sondern zugleich Kompromisse zwischen den antagonistischen Klassen. Und ihr Kompromisscharakter ist nie ein für alle Mal festgelegt, sondern stets abhängig von den Kräfteverhältnissen, von den »Besetzungen« ideologischer Positionen in den Klassenkämpfen. Die ideologischen Mächte sind daher Orte der Klassenkämpfe, die ideologischen Formen sind Klassenkampfformen. Auch die Unterdrückung arbeitet im Ideologischen mit entfremdeter Gemeinschaft-lichkeit.

Wenn wir das Ideologische im Allgemeinen bestimmen als ideelle Vergesellschaftung von oben, so wäre es ein Missverständnis, daraus zu schließen, damit wäre die ausschließliche Wirkungsrichtung der konkreten ideologischen Prozesse einer Gesellschaft bezeichnet. Die entfremdeten Gemeinschaftsmächte dienen den Unterdrückten ebenso als Berufungsinstanzen, wie über ihre Form die Herrschaft im Allgemeinen reproduziert wird. Die ideologischen Mächte können nur wirken als Traditionsmächte, damit ist in den Reproduktionszusammenhang von Klassengesellschaften die »Ungleichzeitigkeit« funktional eingebaut. Ein ökonomistisch verengter Marxismus hat diese Wirkungsweise als bloßen Lug und Trug abgetan. Es ist aber genau diese notwendige »Ungleichzeitigkeit«, kraft derer die ideologischen Mächte Gemeinschaftskräfte verwalten, die es ermöglicht, dass sozialrevolutionäre Bewegungen sich ideologisch artikulieren.

IV.

Mit den folgenden historischen Studien zum deutschen Faschismus betreten wir eine Ebene, die in den »Umrissen« bisher nicht gefasst ist. War dort die Theorie im allgemeinsten Spannungsverhältnis zwischen Selbstvergesellschaftung (»horizontale Vergesellschaftung«) und Fremdvergesellschaftung (»vertikale«, Vergesellschaftung-von-oben) gebildet, so betreten wir nun eine Ebene »dazwischen«, die Ebene der konkreten ideologischen Prozesse. Die wichtigsten Bezugsebenen sind die »Politik« und der »Alltag«. In den Vordergrund treten jetzt die konkreten wirkenden Elemente des Ideologischen (»Ideologeme«)8, deren Zuordnung umkämpft ist. Zu untersuchen sind jetzt die konkreten Formen, in denen die politischen Blöcke gebildet und zersetzt werden. Dabei werden Begriffe und Methoden notwendig, die in den »Umrissen« noch keine Rolle spielen.

Die folgenden Untersuchungen sind nicht frei von Widersprüchen und Brüchen. Im Zweifelsfall haben wir dem Material, der Wirklichkeitserfassung, den Vorzug gegeben. Die verschiedenen Kapitel wurden im Projekt gemeinsam diskutiert; jeder schrieb seinen Teil in Kenntnis der anderen Teile. Eine Ausnahme macht der Beitrag von Friemert, der, schon durch die räumliche Distanz bedingt, nur gelegentlich oder nur über schriftliches Material an der Arbeit des PIT partizipieren konnte.

Durch die Arbeitskapazität und die fachliche Zusammensetzung des Projekts Ideologie-Theorie sind diesem Band Grenzen gesetzt. Solche ideologisch enorm wirksamen Bereiche wie Recht, Religion, Musik und Sport sind nicht in selbständigen Kapiteln bearbeitet, obwohl sie in der Forschungsphase durch Hinzuziehung spezialisierter Referenten einbezogen wurden. An vorbereitenden Diskussionen zu diesem Band nahmen dankenswerterweise Baber Johansen (Religions- und Rechtsgeschichte des Islam), Johannes Hodek (Musik), Dietrich Stern (Filmmusik), Siegfried Zielinski (Film), Jan Berg (Film) und Heinz Wagner (Polizei und Recht) teil. Für die folgenden Texte tragen selbstverständlich nur die Autoren die Verantwortung.

V.

Im Argument-Zusammenhang steht der vorliegende Band in einer langen Tradition. Vor 20 Jahren – im Februar 1960 – organisierte das Argument in Zusammenarbeit mit dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund und den Deutsch-Israelischen Studiengruppen eine Tagung »Überwindung des Antisemitismus«. Zwei Jahre später war im Argument-Klub eine Arbeitsgruppe Faschismus-Theorien tätig, die, stark beeinflusst von Horkheimers Schriften aus den dreißiger Jahren, umfangreiche Literaturstudien trieb. Aus diesem Zusammenhang gingen drei Hefte »Faschismus-Theorien« hervor. 1965 führte das Argument in Verbindung mit dem Marburger »Institut für sozialwissenschaftliche Forschungen« eine Arbeitstagung durch über Faschismus-Theorie. Eines der Produkte aus diesen und anderen Arbeitszusammenhängen griff besonders in die Studentenbewegung ein: Der hilflose Antifaschismus (Haug 1967).

In dieser Kontinuität stellt der vorliegende Band keinen Bruch dar, wie es manche zu sehen meinen (vgl. Opitz 1980), sondern eine ergänzende Hinwendung zu einem bisher vernachlässigten, dabei zentralen Bereich.

Kapitel 1Die Behandlung des Ideologischen in marxistischen Faschismustheorien

 

 

Kreistage der NSDAP im Traditionsgau München-Oberbayern (o.J.)

Agententheorie und Verselbständigungstheorie

In einer neueren Untersuchung zum Problem der faschistischen Massenbasis und der NS-Programmatik vor 1933 bestimmt der DDR-Historiker Ruge sein Untersuchungsziel folgendermaßen:

»Die vorliegende Studie … will versuchen, den Klassencharakter des Faschismus speziell auch anhand seiner massenpolitischen Orientierung nachzuweisen und an einzelnen Beispielen zeigen, wie weit die Schaffung einer faschistischen Massenbasis direkt von Angehörigen der Monopolbourgeoisie inspiriert und gelenkt wurde« (Ruge zit.n. Drobisch et al. 1980, 30).

Der Nachweis des Klassencharakters des Faschismus ist – angesichts der exkulpatorischen Verschweigungstendenzen in der bürgerlichen Faschismusforschung – zweifellos weiterhin eine wichtige Aufgabe von Marxisten. Auch die vielfältige Manipulationsarbeit durch Spezialisten und Funktionäre der herrschenden Klasse soll keineswegs bestritten werden. Zweifelhaft dagegen ist die in der DDR-Faschismusforschung und über sie hinaus weit verbreitete Reduzierung ideologischer Praxen auf die direkte Lenkung durch das Monopolkapital.

Die Lenkungsintentionen der herrschenden Klasse werden mit der Verwirklichung dieser Intentionen gleichgesetzt. Für die unterschiedlichen Etappen des Faschisierungsprozesses und des Faschismus an der Macht wird das Verhältnis zwischen faschistischer Massenbewegung und Monopolkapital unterschiedslos in Kategorien der bewussten Manipulation beschrieben:

»Den reaktionärsten und aggressivsten Elementen des deutschen Finanzkapitals erscheint es … angeraten, ihre faschistische Herrschaft über das Kapital zu errichten« (Eichholtz & Gossweiler 1968, 218), die faschistische Massenbewegung ist »ein Mittel unter anderen …, dessen sich das Monopolkapital bedient, um zum Ziel seiner offenen, terroristischen Diktatur zu kommen« (Gossweiler in ders. et al. 1972, 32). Die faschistische Massenbewegung wird vom Monopolkapital »aufgezogen« (ebd., 11), »aufgepäppelt und hochgebracht« (Bleyer et al. 1970, 13). Wird die Tätigkeit der Faschisten mit grammatikalisch aktiven Verben bezeichnet, so artikuliert sie sich häufig »organisch«: Das faschistische Regime ist »unmittelbar« aus der kapitalistischen Gesellschaft »hervorgewachsen« (Gottschling in Drobisch et al. 1980, 147) und entsprechend »wuchs« die faschistische Ideologie aus den imperialistischen Bestrebungen der reaktionärsten und aggressivsten Gruppen der herrschenden Klasse »heraus« (Petzold 1980, 11). Die herrschende Klasse wird angesprochen als »Stammvater, Nährmutter und eifrigster Förderer« des Faschismus (Gossweiler in ders. et al. 1972, 31), während Hitler »sowohl das Werkzeug, die Figur und Kreatur der deutschen Monopolbourgeoisie (ist) als auch ihr bevollmächtigter Sachverwalter, Repräsentant und Exponent« (Bleyer et al. 1970, 43f. – Herv. d. Verf.).

Ideologie wird gefasst als Klassenbewusstsein, als »System der gesellschaftlichen … Anschauungen, die bestimmte Klasseninteressen zum Ausdruck bringen und entsprechende Einstellungen und Wertungen einschließen« (Klaus & Buhr 1976, 546).

Der Instrumentalismus dieses Ideologiebegriffs besteht – bezogen auf die Faschismustheorie – darin, dass die Ideologie der faschistischen Massenbewegung nicht aus der sozialen Zusammensetzung derselben abgeleitet wird, sondern aus den Interessen und Intentionen der Klasse, der sie letztlich objektiv »dient«. Von der »objektiven Funktion« der faschistischen Ideologie, den imperialistischen Zielen des Monopolkapitals zu »dienen«, schließt man zurück auf ihr direktes Gelenkt-Sein durch das Großkapital. Das »Bediente« verfügt souverän über die Ideologie der »dienenden« Bewegung. Es steht außer ihr und über ihr. Von der monopolkapitalistischen Ideologie unterscheidet Gossweiler die »Mentalität« der faschistischen Massenbewegung:

»Es ist dies die Mentalität eines Kleinbürgertums, das zwar schon vom Kapitalismus enttäuscht ist und sich von seinen Illusionen über ihn zu befreien beginnt, das aber noch immer befangen ist in seinen Vorurteilen über die Arbeiterbewegung und noch erfüllt von dumpfer Furcht vor dem proletarischen Sozialismus« (Gossweiler 1978, 35).

Die in Kategorien des Mangels beschriebene kleinbürgerliche »Mentalität« und die monopolkapitalistische »Ideologie« werden nach dem Schema der in der bürgerlichen Aufklärung entwickelten Priestertrugstheorie vermittelt. Die vermittelnden Kategorien sind »skrupellose soziale, pseudosozialistische Demagogie«, »sozialrevolutionäre Maskerade« (Gossweiler in ders. et al. 1972, 31) und andere Synonyme für bewusst lügnerische Irreführung9.

Die Behandlung des Ideologischen im Faschismus beschränkt sich auf den Nachweis, dass faschistische Propaganda und Wirklichkeit nicht übereinstimmen und dass die Steuerungszentrale der demagogischen Verführung in der Hand des Monokapitals liegt. Wirkungsweise und Wirksamkeit der ideologischen Praxen des Faschismus bleiben außerhalb dieser Beweisführung, da sie als Praxen gar nicht untersucht werden.

Das letzte Zitat des vorletzten Zitatblocks gibt einen Hinweis darauf, wie der instrumentalistische Ideologiebegriff zusammenhängt mit der Art und Weise, den Zusammenhang der Instanzen Ökonomie, Politik und Ideologie zu denken: Nicht nur »Werkzeug« sondern auch »bevollmächtigter Sachverwalter« heißt es dort. Dieser oder ähnliche Begriffe tauchen regelmäßig dann auf, wenn versucht wird, das »unvergleichlich größere Gewicht dieses (des faschistischen; d. Verf.) politischen Apparats und seiner Funktionäre« (Gossweiler in ders. et al. 1972, 17) zu bestimmen. Dieses größere politische Gewicht und der damit verbundene »weite Spielraum für aktives Handeln aus eigener Initiative« (ebd., 13) wird nach dem Muster des Verhältnisses zwischen Unternehmer und Manager gedacht:

»Der Staat ist zwar das Instrument der herrschenden Klasse, und die Regierungen sind Willensvollstrecker dieser Klasse, aber sie sind nicht nur das, sie sind mehr, nämlich der ›geschäftsführende Ausschuss‹ zur Vertretung der Gesamtinteressen dieser Klasse … der ›Generalbevollmächtigte‹ für Terrorisierung und Verführung des Volkes« (ebd., 13).

Und deutlicher noch bei Ruge:

»Die als Förderer und Züchter faschistischer Bewegungen auftretenden Monopolherren wandten den von ihnen im ökonomischen Bereich entwickelten Stil des Managertums abgewandelt auch auf Politik und Massendemagogie an. So wie sie es dort speziell ausgebildeten und allein nach dem Erfolg ihrer Tätigkeit honorierten Fachkräften übertrugen, die organisatorischen, technischen, finanztechnischen usw. Einzelheiten ihrer Vorhaben auszuarbeiten und zu realisieren, hielten sie es hier für zweckmäßig, Berufspolitikern die Entscheidung über Fragen der Massenbeeinflussung und Massenmobilisierung zu überlassen« (Ruge in Drobisch et al. 1980, 40).

Die Übertragung des Unternehmer-Manager-Verhältnisses auf die gesamtgesellschaftliche Herrschaftsreproduktion löscht die relative Eigengesetzlichkeit von Politik und Ideologie aus. Die verschiedenen Instanzen der kapitalistischen Gesellschaft fallen zusammen. Der faschistische Staat erscheint als besoldeter Syndikus eines Industriellenverbandes.

Die Komintern-Definition des Faschismus als »offen terroristische Diktatur der reaktionärsten, am meisten chauvinistischen, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals« (zit.n. Klaus & Buhr 1976, 403) vernachlässigte die faschistische Spezifik der Herrschaftsorganisation und Ideologie. So lautet die Kritik verschiedener marxistischer Faschismustheorien, die üblicherweise unter dem Begriff Bonapartismus- oder Verselbständigungstheorie zusammengefasst werden. Im Unterschied zur Agententheorie behandeln sie die faschistische Bewegung als eigengesetzlichen Machtfaktor und sehen in ihrer nichtkapitalistischen Zusammensetzung eine wesentliche Bedingung für die Verselbständigung der faschistischen Staatsmacht. Der jeweilige Ideologiebegriff wird weder explizit eingeführt noch systematisch verwandt. Die Ideologie des Faschismus wird nicht von den Klasseninteressen und -intentionen des Monopolkapitals abgelesen, sondern von der sozialen Basis des Faschismus. In Abhängigkeit von der jeweiligen Analyse der sozialen Zusammensetzung der faschistischen Mitglied- und/oder Anhängerschaft bezeichnet faschistische Ideologie entweder kleinbürgerliches Klassenbewusstsein oder das Bewusstsein einer sozial heterogenen Bewegung.

Trotzki behandelt die Ideologie des Faschismus als Klassenbewusstsein des Kleinbürgertums. Er interessiert sich nicht für ihre integrierende und mobilisierende Leistung, sondern für ihr geringes intellektuelles Niveau. Dieses versucht er aus der »anachronistischen« Klassenstellung des Kleinbürgertums abzuleiten:

»Todgeweihte Klassen werden – ähnlich hoffnungslosen Kranken – nicht müde ihre Klagen zu variieren und Tröstungen anzuhören. Alle Reden Hitlers sind auf diesen Ton gestimmt. Sentimentale Formlosigkeiten, Mangel an Disziplin des Denkens, Unwissenheit bei buntscheckiger Belesenheit« (Trotzki 1971, 573).

»Die Führer der Bewegung liquidieren den ›Intellektualismus‹ nicht so sehr deshalb, weil sie selbst mit einem Intellekt zweiter und dritter Sorte versehen sind, sondern vor allem, weil ihre geschichtliche Rolle es ihnen nicht gestattet, irgendeinen Gedanken zu Ende zu führen« (ebd., 575).

Für Thalheimer dagegen setzt sich die faschistische Massenbewegung aus den »Deklassierten aller Klassen« (1967, 23) zusammen. Ihre Führer kennzeichnet er als »Emporkömmlinge«. Handelte es sich beim bonapartistischen Führer Napoleon III. um einen Emporkömmling aus dem Kleinadel, sei für den Faschismus der Emporkömmling aus der Arbeiterklasse geeigneter (ebd., 32):

»Bei Mussolini wie bei Louis Bonaparte lange Jahre der Emigration, des Elends. Sie schärfen in bestimmten Naturen den Hunger nach Macht und nach Reichtum, den Blick für Menschen, härten den Willen und schaffen die nötige Geschmeidigkeit. Das gibt unter bestimmten objektiven und subjektiven Voraussetzungen stahlharte und erfahrene Revolutionäre, unter anderen den ›in allen Wassern gewaschenen‹ zynischen konterrevolutionären Staatsstreichler« (ebd., 33).

War die »Dezemberbande« von Louis Napoleon das Gegenstück zu der kleinen Geheimorganisation der damaligen Arbeiterklasse, so sei die faschistische Partei das konterrevolutionäre Gegenstück zur kommunistischen Partei, also von vornherein eine breite Massenorganisation (ebd., 35). Nicht die ursprüngliche Klassenzugehörigkeit der Deklassierten sei für die Entwicklung der faschistischen Ideologie bestimmend, sondern der Tatbestand der Deklassierung: die »Loslösung« vom jeweiligen »Klassenboden« (ebd., 24), der gesellschaftliche »Abhub«:

»In diesem gesellschaftlichen Abhub sind die Unterscheidungsmerkmale der Klassen verwischt. Er ist frei von den ideologischen Bindungen an die einzelne Klasse, deren Abfall er ist, insofern kann er sich über sie erheben und zwischen ihnen lavieren. Andererseits: Er stellt nicht die revolutionäre, sondern die konterrevolutionäre Aufhebung dieser Klassenmerkmale vor, die Negation des bürgerlichen Klassenprinzips, die innerhalb dieses Prinzips bleibt. … Und so sind die Deklassierten aller Klassen zugleich Fleisch vom Fleische, Bein vom Beine des Privateigentums, der bürgerlichen Gesellschaft, und also fähig, indem sie ihre politische Herrschaft vernichten, zugleich ihre soziale Herrschaft zu verteidigen« (ebd., 22f.).

Diese konterrevolutionäre Klassenenthobenheit mache sie zum »natürlichen Stoff« der verselbständigten Exekutivgewalt (ebd., 22). Als »›Vermittler‹ zwischen Bourgeoisie und Arbeiterklasse« (ebd., 33) bewege sich der faschistische Staat ständig in Widersprüchen, deren Dynamik ihn schließlich zum Krieg treibe: Er habe der bürgerlichen Gesellschaft Ruhe und Sicherheit versprochen, bringe aber beständige Unruhe und Unsicherheit: »Um ihre Unentbehrlichkeit als permanenter ›Retter der Gesellschaft‹ zu erweisen, müssen sie die Gesellschaft ständig als bedroht erscheinen lassen« (ebd.).

Die materiellen Interessen der Bourgeoisie erforderten eine sparsame Staatswirtschaft, das materielle Interesse der faschistischen »Parasitenbande« dagegen die Bereicherung der Staats- und Parteimaschine.

»Daher abwechselnde Verletzung beider Interessen. Jede Zügelung der faschistischen Banden im Interesse der bürgerlichen ›Ruhe und Ordnung‹ wie ihrer Ökonomie muss alsbald kompensiert werden durch eine neue Erlaubnis zu terroristischen Exzessen, Plünderungen usw. Die inneren Widersprüche … treiben den Diktator zu Verstößen nach außen. Schließlich zum Krieg« (ebd.).

Auch Paul Sering (d.i. R. Löwenthal) versucht die Loslösung des Ideologischen von den ökonomischen Interessen ökonomisch zu begründen. Ähnlich wie Thalheimer spricht er von den »Ruinierten aller Klassen« (Sering 1935, 784), eine »wahre Volksgemeinschaft des Bankrotts« (ebd., 781). Entscheidend ist für ihn das Anwachsen der unproduktiven Bereiche gegenüber dem produktiven Bereich. Das unproportionale Wachstum des Verteilungs- und Verwaltungsapparates, der Angestellten, der Beamtenschaft und des Militärs in der Weimarer Republik wertete er als »Symptom der sozialen Zersetzung« (ebd., 768).

Die Krise führe zu einer »Querspaltung der Klassen« (ebd., 777), zu einem wachsenden Gegensatz zwischen Arbeitslosen und ruinierten Kleinbürgern, den subventionsbedürftigen Wirtschaftsteilen und dennoch »gesunden Produktionsstellen« (ebd.). Mit dem Rückgang der Produktion sinke die Bedeutung der Klassenorganisationen und ihrer Aktionen, während die Bedeutung der Aktionen der »Konsumenten und Schuldner« (Mietstreiks, Steuerzahlerstreik, Versteigerungsstreiks) ansteige (ebd., 778):

»Die Organisationen der Produktiven zum ökonomischen Kampf nehmen ab, die Organisationen der Unproduktiven … zum Kampf um die Macht nehmen zu« (ebd.).

Aus dieser ökonomischen Verlagerung auf den nichtproduktiven Bereich leitet Sering – ohne es so zu nennen – die Ablösung des Ideologischen ab:

Es wachse »die Tendenz, alle Hoffnungen auf den Staat und demgemäß auf die ein politische Organisation zu setzen« (ebd., 778). »Das ökonomisch begründete Bedürfnis nach einem starken Staat schlägt um in den Schrei nach Beseitigung des Parlamentarismus« (ebd., 779).

Otto Bauer behandelt den Faschismus als Resultat »dreier eng miteinander verschlungener Prozesse« (Bauer in Abendroth 1967, 143). Zum einen habe der Krieg Massen von Kriegsteilnehmern aus dem bürgerlichen Leben »hinausgeschleudert und deklassiert« (ebd.). In den Freikorps und Wehrverbänden habe sich die »ursprüngliche Ideologie« des Faschismus entwickelt:

»Sie verachtet das ›bürgerliche‹, zivilisierte Streben nach Frieden, Wohlstand und Behagen und stellt ihm ein kriegerisches, ›heroisches‹ Lebensideal entgegen. … Sie ist … gegen das Großkapital und gegen das Proletariat zugleich gerichtet, denn der Offizier hasst den Schieber und Kriegsgewinner und verachtet den Proleten. … Sie verknüpft ihren Nationalismus mit antibourgeoisen Gedankengängen« (ebd., 145).

Als erste soziale Schicht übernehme »die Intelligenz« die faschistische Ideologie. Sie werde zur »Mittlerin zwischen den militärischen faschistisch-völkischen Stoßtrupps und den breiten Massen der Kleinbürger und Bauern« (ebd., 147)10.

Der zweite soziale Prozess sei die Verelendung der Kleinbürger und Bauern, die die von der Arbeiterklasse erzwungenen Lohnerhöhungen für die Ursache der Geldentwertung hielten und »sich dem Glauben zuwandten, dass nur ein eiserner Führerwille das Proletariat zum Gehorsam zwingen … und dem lähmenden Hader der Parteien ein Ende setzten … könne« (ebd., 148f.).

Schließlich die Unterstützung der faschistischen Bewegung durch die Kapitalistenklasse, die die krisenbedingten Profitsenkungen durch Lohnerhöhungen kompensieren wolle. Um den Widerstand der Arbeiterklasse zu brechen, »bedient sie sich der ungesetzlichen privaten Gewaltmittel der faschistischen Banden neben ihrem gesetzlichen Staatsapparat« (ebd., 155).

Dennoch sei die faschistische Bewegung nicht das »bloße Werkzeug« der Kapitalistenklasse (ebd., 151). Analog zu Thalheimers Differenzierung zwischen sozialer Herrschaft der Bourgeoisie und politischer Herrschaft des faschistischen Staates unterscheidet Bauer zwischen der »herrschenden Klasse« und der »regierenden Kaste« (ebd., 160). Auch wenn Großkapital und Großgrundbesitz sich der regierenden Kaste »bedienen« und »mittels« der faschistischen Diktatur »herrschen« (ebd.), können sie sie nicht mehr nach Belieben auswechseln:

»Wenn sie (die Kapitalistenklasse; d. Verf.) die faschistischen Banden auf das Proletariat loslässt, so wird sie selbst zur Gefangenen der faschistischen Banden. Sie kann … (sie) nicht mehr niederwerfen, ohne sich der Revanche des Proletariats auszusetzen. Sie muss daher sich selbst der faschistischen Diktatur der faschistischen Banden unterwerfen« (ebd., 151).

Wir können nun Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Behandlung des Ideologischen in der Agententheorie und der Verselbständigungstheorie präziser fassen. In beiden theoretischen Ansätzen gilt Ideologie als Klassen- oder soziales Bewusstsein, in beiden wird das Ideologische nicht als Effekt der Vergesellschaftungsarbeit »ideologischer Mächte« (MEW 3, 228; MEW 21, 302) und staatlicher ideologischer Apparate untersucht. Während die Agententheorie die Ideologie des Faschismus zum bloßen Instrument monopolkapitalistischer Klassenherrschaft degradiert, erhält sie in den meisten Bonapartismustheorien den Status einer verselbständigten, Charakter und Verlauf faschistischer Herrschaft weitgehend determinierten Komponente.

Die als soziales Bewusstsein konzipierte Ideologie »löst« sich vom sozialen Boden »ab«. »Deklassierung« und sozialer Aufstieg (»Emporkömmlinge«), »Hinausschleudern« aus dem bürgerlichen Leben und Gewichtsverlagerung auf den «unproduktiven« Bereich etc. sind die Kategorien, mit deren Hilfe Thalheimer, Sering, Bauer und andere das soziale Bewusstsein aus einer sozialen Verankerung heraushebeln. Die spezifisch faschistische Dynamik scheint die Ideologie gerade aus dem Abbruch ihrer direkten Verbindung zum ökonomischen Klasseninteresse zuzuwachsen. Die Kategorie der ideologischen »Ablösung« (Thalheimer 1967, 24) oder »Verselbständigung« (z.B. Winkler 1976, 112) ist nur sinnvoll vor dem Hintergrund eines Ideologiebegriffs, der das Ideologische als Unselbständiges, den ökonomischen Interessen Entsprechendes begreift.

Auch in der ideologischen »Verselbständigung« stoßen wir auf die im Marxismus weit verbreitete Tendenz zur klassenreduktionistischen Behandlung des Ideologischen. Als sein Gegenstück vom klassenreduktionistischen Ideologiebegriff hervorgetrieben bleibt die ideologische »Verselbständigung« ihm doch verhaftet: Als »Normalfall« gilt die direkte Ausdrucksbeziehung zwischen der Ideologie und dem ökonomischen Klasseninteresse. Wird das Ideologische als eigengesetzliche dynamische Komponente wahrgenommen – und das kennzeichnet bei allen theoretischen Mängeln die Überlegenheit der Verselbständigungstheorie gegenüber dem instrumentalistischen Ideologiebegriff – gilt es als Ergebnis einer außerordentlichen Durchbrechung dieser direkten Verbindung. Die Durchbrechung selbst muss als Ausnahmefall wiederum ökonomisch abgeleitet werden.

Der Definition des Faschismus als »terroristische Diktatur« des Monopolkapitals setzen die Bonapartismustheoretiker die Konzeption der »Verselbständigung der Exekutivgewalt« (Thalheimer 1967, 31) entgegen. Die faschistischen Führer seien die »unbeschränkten Herren« über das ganze Volk, einschließlich der Bourgeoisie (Bauer 1967, 156), der faschistische Bonapartismus »erhebt sich über die beiden kämpfenden Lager« (Trotzki 1971, 424). Unter Beibehaltung ihrer sozialen Herrschaft sei die Bourgeoisie politisch unterworfen (Thalheimer 1967, 31).

Werden in der instrumentalistischen Ideologie- und Staatskonzeption Politik und Ideologie auf unselbständige Instrumente ökonomischer Klassenherrschaft zurechtgestutzt, so löst die Abtrennung von sozialer und politischer Herrschaft das Instanzenverhältnis auf in ein unverbundenes Nebeneinander, dessen Zusammenhang nicht mehr gedacht werden kann (vgl. Opitz 1974, 572). Wie die ideologische »Verselbständigung« das systemimmanente Gegenstück zum klassenreduktionistischen Ideologiebegriff darstellt, ist die »Verselbständigung« des Politisch-Staatlichen zugleich Gegenkonzept und Konsequenz der instrumentalistischen Staatsauffassung. »Verselbständigung der Exekutivgewalt« präsupponiert für den »Normalzustand« politischer Herrschaft im Kapitalismus die Vorstellung einer direkten politischen Machtausübung durch die Bourgeoisie. Wieder ist eine außerordentliche Konstellation für die »Verselbständigung« verantwortlich: das Kräftegleichgewicht der antagonistischen Klassen Bourgeoisie und Proletariat (Tasca 1967b, 172; Bauer 1967, 155; Thalheimer 1967, 28ff.; Trotzki 1971, 425; Sering 1935, 786).

Die Kontroverse zwischen Agententheorie und Verselbständigungstheorie ist nicht zu »lösen«, indem man sich auf die eine oder andere Seite stellt. Sie berührt einen grundsätzlichen Widerspruch marxistischer Staatstheorie. Besonders deutlich macht er sich in den Marx’schen Staatsanalysen selbst bemerkbar. Sowohl Agententheorie als auch Verselbständigungstheorie können sich auf Aussagen der »Klassiker« stützen: Die instrumentalistische Staatskonzeption beruft sich auf Äußerungen von Marx und Engels, in denen diese den Staat bestimmen als einen »Ausschuss, der die gemeinschaftlichen Geschäfte der ganzen Bourgeoisieklasse verwaltet« (MEW 4, 464). Die »Verselbständigungstheoretiker« stützen sich dagegen auf die Analysen von Marx und Engels zum bonapartistischen Regime Napoleons III., das sie aus dem »Gleichgewicht zwischen den um die Macht kämpfenden Klassen« (MEW 8, 225) ableiten. im Widerspruch zu ihrer oben zitierten Staatsdefinition sprechen sie sogar vom »grundlegenden Antagonismus zwischen der bürgerlichen Gesellschaft und dem coup d’état« (MEW 13, 448f.):

Der Staatsstreich Napoleons III. vom 2. Dezember 1851 sei ein Eingeständnis der Bourgeoisie, dass »um ihre gesellschaftliche Macht unversehrt zu erhalten, ihre politische Macht gebrochen werden müsse« (MEW 8, 154). Die Bourgeoisie könne ihre soziale Herrschaft nur »unter der Bedingung« aufrechterhalten, »dass ihre Klasse neben den anderen Klassen zu gleicher politischer Nichtigkeit verdammt werde; dass, um ihren Beutel zu retten, die Krone ihr abgeschlagen und das Schwert, das sie beschützen solle, zugleich als Damoklesschwert über ihr eigenes Haupt gehängt werden müsse« (ebd.). »Der Kampf scheint so geschlichtet, dass alle Klassen gleich machtlos und gleich lautlos vor dem Kolben niederknien« (MEW 8, 196).

Die Auffassung des kapitalistischen Staats als bloßen »Ausschuss« der gesamten Bourgeoisieklasse und die Konzeption seiner »Verselbständigung« zur Macht über alle Klassen stehen sich abstrakt als gegensätzliche Pole gegenüber. Der bisherige Vermittlungsversuch, die Annahme eines Gleichgewichts der Klassenkräfte ist für den Bonapartismus und erst recht für den italienischen und deutschen Faschismus empirisch fragwürdig (vgl. Winkler 1978, 44ff.). Für die Weiterentwicklung sowohl der marxistischen Staatstheorie als auch der Faschismusforschung ist es erforderlich, »das komplexe Verhältnis von Ökonomie, Politik und Ideologie theoretisch zu fassen« (Haug 1979, 646).

Integration durch Bewusstseinsfalsifikation und Bündnisproblem: Opitz und Kühnl

Reinhard Opitz weist darauf hin, dass der Streit zwischen Verselbständigungstheorie und Agententheorie auf einer Blickverengung beruht und daher nicht geklärt werden kann (1970, 289). Entscheidend sei nicht allein der empirische Nachweis finanzieller und organisatorischer Unterstützung der faschistischen Partei durch Repräsentanten des Großkapitals, sondern eine Analyse des »Integrationsproblems« im Monopolkapitalismus. Dieses Integrationsproblem konnte durch die bloße Stärkung der Exekutive und die Entfunktionalisierung des Parlaments durch die Weimarer Notverordnungen nicht gelöst werden. Deshalb gebe es zwischen diesen staatsmonopolistischen Formierungsversuchen und dem Faschismus keine lineare Verbindung, sondern zwischen beiden »liegt gerade ein Bruch« (Opitz 1974, 588). Auf der anderen Seite basiere die Verselbständigungsthese auf der falschen Voraussetzung, dass in der parlamentarischen Herrschaftsorganisation des kapitalistischen Staates das Monopolkapital direkte politische Herrschaft ausübe (ebd., 578). Der Verselbständigungsbegriff sei ein Ersatzbegriff für das Begreifen des inneren Zusammenhangs zwischen Faschismus als Massenbewegung und Faschismus als Herrschaftsorganisation des imperialistischen Staates.

Opitz formuliert diesen inneren Zusammenhang als theoretisches Problem im Rahmen einer »genetischen Faschismustheorie«:

»Eine genetische Faschismustheorie hat die Aufgabe, die Fragen dieser beiden Problemebenen so zu beantworten, dass der zwischen ihnen real bestehende innere Zusammenhang sichtbar wird« (ebd., 583).

Theoretische Vermittlung zweier »Problemebenen« setzt deren Verschiedenheit voraus. Die Bedeutung, die Opitz dem »Integrationsproblem« des Monopolkapitals bei dessen Machteinsetzung des Faschismus beimisst, erforderte eine Analyse der spezifischen Wirkungsweise und integrativen Leistungsfähigkeit des Ideologischen. Opitz interessiert sich jedoch nicht für die Wirkungsweise und Leistung der Ideologie des Faschismus11. Das einzige Kriterium ihrer Beurteilung ist das Programm der Faschisten und seine gesamtgesellschaftliche Realisierbarkeit: »Das Kernstück aller politischen Organisationskraft ist der Realismus der Konzeption« (ebd., 593). Das Ideologische wird reduziert auf die Fähigkeit, zu einer »realistischen konstruktiven Programmbildung zu gelangen« (ebd.). Diese rationalistische Verkürzung des Ideologischen leitet über zu seiner instrumentalistischen Reduktion auf manipulative »Bewusstseinsfalsifikation« von außen durch das Monopolkapital. Denn diese Fähigkeit zum kohärenten, gesamtgesellschaftlich realisierbaren Programm komme dem Kleinbürgertum als der sozialen Massenbasis des Faschismus nicht zu. Die faschistische Partei wird als »bloßer Stimmungsbund« (ebd., 594) angesprochen. Seine Ideologie hat keinerlei Eigenständigkeit. Alles, was sich in ihr artikuliert, muss von außen, d.h. vom Großkapital in sie hineingetragen worden sein. Mittelschichten und faschistisches Potenzial sind die passive Masse, in die das Monopolkapital seine Ideologie eingraviert.

Wieder stoßen wir auf den Begriff der »Mentalität«. Ähnlich wie bei Gossweiler und bei Trotzki wird sie ausschließlich in Kategorien des Mangels beschrieben:

»Unselbständigkeit und Orientierungslosigkeit«, weshalb die imperialistische Ideologie lediglich »adaptiert«, der Chauvinismus der herrschenden Klasse lediglich »nachgebetet und angeeignet« wird (ebd., 592f.). Die faschistische Bewegung ist »von bloßem falschem Interessenbewusstsein konstituiert« und vom »bloßen gemeinsamen Ressentiment gegen die Gegner« zusammengehalten (ebd., 593). »Das Kennzeichen dieser Mentalität besteht, auf einen Satz gebracht, darin, dass sie aus dem imperialistischen Feindbild die Gewaltkonsequenz zieht und nach deren praktischer Einlösung verlangt« (ebd., 592).

Opitz kapituliert vor seinem eigenen Anspruch der theoretischen Vermittlung. Er »vermittelt« Großkapital mit Großkapital. Das »Wesen« der faschistischen Massenbewegung ist großkapitalistisch und die herrschende soziale Klasse ist sowieso das Großkapital. Er wirft der Mittelstandstheorie und der Verselbständigungstheorie zu Recht vor, sie seien unfähig, gesellschaftliche Widersprüche und Prozesse »im Begriff des Systems zusammenzudenken« (ebd., 572). Sein »Zusammendenken im Begriff des Systems« bedeutet, in den verschiedenen gesellschaftlichen Instanzen und Prozessen nach diesem Zentrum zu suchen. Sobald es gefunden ist, wird es als »Wesen« oder »Inhalt« bezeichnet und alles andere als bloße Erscheinungsform verflüchtigt.

Dieses Verfahren bestimmt auch seinen Versuch, die faschistische Massenbasis als Definitionskriterium des Faschismus auszuschließen. Obwohl er selbst eingesteht, dass »sich in der Tat nur aus der Massenbasisproblematik der Faschismus erklären lässt« (ebd., 582), hält er daran fest, dass ihre Einbeziehung in den Faschismusbegriff das »Wesen« des Faschismus verfehle: Diktatur des Monopolkapitals und terroristische Herrschaftsform.

»Damit verliert Opitz die von ihm selbst als zentral angesprochene Frage nach der inneren Verbindung von Faschismus als Bewegung und Faschismus als Herrschaftsform aus dem Blick und verkennt, dass die soziale Funktion des Faschismus auch wesentlich in einer spezifischen Form von Massenintegration bestand« (Priester 1979, 656).

Kühnl hält es für inkonsequent, den »Terrorismus« als Kennzeichnung der Herrschaftsform in die Faschismusdefinition aufzunehmen und die Frage der Massenbasis als akzidentielles Beiwerk zu behandeln:

»Es ist ja gerade diese Form der Herrschaft, die den Faschismus vom parlamentarisch-demokratischen System unterscheidet. Wenn man aber grundsätzlich akzeptiert, dass auch die Form der Herrschaft wesentlich ist und also in die Definition aufgenommen werden muss, dann lässt sich kaum bestreiten, dass wesentliche Unterschiede bestehen zwischen einem System, das sich lediglich auf den staatlichen Unterdrückungsapparat stützt … und einem System, das sich auf eine breite Massenbasis stützen kann« (Kühnl 1979, 232f.).

Kühnl sucht nach einer Vermittlung in der Kontroverse zwischen der Verselbständigungsthese und der Definition des Faschismus als terroristische monokapitalistische Diktatur. Thalheimers Trennung von politischer und sozialer Herrschaft sei zu grobschlächtig. Die Bourgeoisie gab nicht die gesamte politische Macht an die Faschisten ab, sondern behielt Stützpunkte im Exekutivapparat. Kompliziert werde die Herrschaftsausübung dadurch, dass die Faschisten einen Staatsapparat neben den traditionellen Staatsapparat stellten, ohne die Kompetenzen zwischen beiden klar abzugrenzen (Kühnl 1971, 142f.).

»Aus alledem geht hervor, dass die soziale Herrschaft der Oberklassen und die politische der faschistischen Partei nicht zwei scharf getrennte Bereiche waren, sondern sich sozusagen überlappten« (ebd., 144).

Kühnls zentrale Kategorie ist die des »Bedürfnisses«. Er leitet sie ab von der größeren Autonomie des faschistischen Staates gegenüber der herrschenden Klasse. Zwar habe jeder bürgerliche Staat eine relative Selbstständigkeit gegenüber der sozial herrschenden Klasse. Beim Faschismus gebe es hier aber eine »graduelle Differenz«. Zum einen wegen der sozialen Zusammensetzung der Führung der Partei, zum anderen wegen der Ausweitung des Unterdrückungsapparats.