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In Adams Beziehung läuft es nicht. Eva, seine Freundin, ist mit allem unzufrieden. Überhaupt ist sein Leben langweilig und bieder. Dies ändert sich aber, nach einer durchzechten Nacht in Wien. Er trifft auf einen der größten Filmstars seiner Zeit und dieser schließt ihn in sein Herz. Adam reist mit ihm nach London und wird Filmschauspieler und Fußball Profi. Adam hat auf einmal Erfolg, lebt mitten unter den Stars und verliebt sich in die wunderschöne Hauptdarstellerin seines Filmes. Das Leben ist schön. Doch da ist ja noch Eva. Sie kennen alle Märchen? Den Froschkönig, Schneewittchen und Cinderella? Nun dieses kennen Sie noch nicht. Was für alle Mädchen Cinderella ist, ist dieses Märchen für Jungs. Das Männermärchen unserer Zeit.
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Seitenzahl: 320
Veröffentlichungsjahr: 2020
Sämtliche Handlungen, Charaktere und Dialoge in diesem Buch sind rein fiktiv.
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
An Freitagen zu arbeiten war am schönsten. Ganze viereinhalb Stunden und man war wieder durch für die Woche. Das hört sich jetzt zu negativ an, habe an sich nichts gegen meine Arbeit. Sie füllt mich eben nur nicht aus. Habe Kaufmann gelernt und arbeite seit meinem ersten Arbeitstag bei derselben Firma. Nach Jahren des Stillstands hatte ich auch keine Hoffnung, dass ich jemals was Anderes machen würde. Was soll’s? Wien im Mai ist sehr schön, ich mag diese Stadt. Die Moderne trifft auf die Glorie der Vergangenheit. Ich mag auch die Vergangenheit. Ich schlenderte durch meine Straße, eine leichte Brise strich mir durchs Haar. Der erste warme Maitag in diesem Jahr und doch fühlte ich mich schlecht. Schwarze Wolken vernebelten meine Gedanken und ließen mich trotz der Wärme erschauern. Nur noch ein paar Minuten und ich wäre zu Hause und sie wäre da.
Eva, meine Freundin. Sollte ich gleich weitergehen? In die Sportbar? Mit den Jungs? Und warten bis sie eingeschlafen war? Nein, dachte ich, das waren nur Hirngespinste. Und überhaupt, wie dachte ich über meine Freundin? Heute war bestimmt der Tag. Heute bekomme ich sie wieder zurück. So wie sie früher war.
So voller Liebe und Leidenschaft. Spontan und witzig.
Moment, war sie das überhaupt einmal? Witzig nie.
Spontan? Nur bei ihren Wutanfällen. Nein, korrigierte ich mich selber, auch beim Sex.
Ich konnte den Eingang zu unserer Wohnung bereits sehen und wieder fröstelte es mich. Unsere Wohnung. Eigentlich gehörte sie ihr. Ihre Eltern hatten sie ihr gekauft. Klein aber fein im Norden Wiens. Manchmal fühlte ich mich nur als Gast, auch nach zwei Jahren. Ich war jetzt 25 Jahre alt und hatte nichts erreicht. Ich war ein Loser, wie Eva es oft ausdrückte, brachte nichts auf die Reihe. Ich konnte ihr das gar nicht verdenken, auch meine Mutter nannte mich so. Nicht auf Englisch, das konnte meine Mutter nicht, aber sie sagte eben Verlierer, was auf das Gleiche rauskam. Ja, meine Mutter sagt solche Wörter, beim Schreiben, tut sie sich schwerer.
Ich suchte in meiner warmen Jack Wolfskin-Jacke meine Schlüssel. Vorher machte ich den Reißverschluss auf, mir war warm geworden. Jack Wolfskin, dachte ich, hört sich an wie eine deutsche Firma welche auf Amerikanisch macht. Und überhaupt Wolfshaut? Soll die besonders warm sein? Denn die Jacken sind es. Hätte aber Wölfe nie mit Wärme in Verbindung gebracht. Eher mit Rudel und Freundschaft und Coolness, ja, da sehe ich Wölfe.
Jack Robbenskin, ja, das hatte mit Wärme zu tun, mit Polareis und so weiter. Gut als Firmenlogo eine Robbenflosse wäre nicht cool, aber warm, ja, diese Tiere schienen keine Kälte zu spüren. Apropos Kälte.
Ich fand meine Schlüssel. Sollte ich das Portal durchschreiten? Ich fuhr mir nachdenklich durch meinen Hipster-Bart. Im Turm war die böse Prinzessin, und die galt es nicht zu retten. Gandalf erschien vor meinem geistigen Auge. „Lauft ihr Narren, bevor es zu spät ist!“ Seine flehenden Augen brannten sich in meine Seele. Doch ich hatte mich entschieden, und überhaupt, vielleicht hatte Eva einen guten Tag.
Ich trat ein und grüßte unsere Nachbarin, Frau Siegbert. Wobei, Frau oder Mann war schwer zu sagen. Von vorne sah sie aus wie John Wayne, von hinten wie sein Pferd.
Frage mich, ob es für meine Nachbarin nicht umgekehrt besser gewesen wäre. Frau Siegbert grunzte nur, mehr war ich von ihr auch nicht gewohnt. Ich schlich mich hoch in den ersten Stock und öffnete unsere Wohnungstür. Aus dem Wohnzimmer drang ein mir wohlvertrauter Dialog. Tom Missile und Emily Brunt.
Love, Fight, Repeat oder so ähnlich. Einer der Lieblingsfilme von Eva. Sie stand auf Tom Missile. Und seit der Scheidung von seiner zweiten Frau glaubte ich, dass Evas Augen wieder heller strahlten. Kann aber auch nur Einbildung sein. Ich schlüpfte aus meiner Jacke und zog leise meine Schuhe aus. Dann versuchte ich mich an der Wohnzimmertür vorbei zu schleichen. Wenn ich es in die Küche schaffte, hatte ich eine Chance. Der Ton im Wohnzimmer wurde abgestellt. Die angenehme deutsche Stimme von Tom verebbte. Die Fernbedienung kratzte über den Tisch. Dum - dum, dum - dum, dum - dum! Der weiße Hai war unterwegs auf der Suche nach seiner Beute. Ich setzte mich zu Tisch und wartete ab.
Eva kam um die Ecke. Sie war in Jeans und Pullover und war attraktiv wie immer. Wie die Eiskönigin oder die Hexe aus Hänsel und Gretel. Ich meine Hänsel und Gretel – Hexenjäger, nicht den Kinderfilm. Und ich meine Famke Johansson und nicht Gemma Anton, obwohl natürlich beide scharf aussahen. Was ich meinte, um das abzukürzen, war diese kalte Schönheit. Eine Schönheit, die dir die Luft abschnürte, durchaus um dich zu killen.
„Du bist spät! Ich warte schon eine gute Stunde auf Dich!“
„Musste länger arbeiten.“ Ich zuckte mit den Schultern und starrte demütig auf die Tischplatte.
„Hast Du Deinen Chef gefragt, wie ich es Dir auftrug?“
Evas Augen schienen Kältestrahlen abzufeuern.
„War nicht der richtige Zeitpunkt, Schatz!“
„Hör mir auf mit Deinem Schatz. Du bist ein Loser. Lässt Dich von Deiner Firma ausbeuten. Gehst für einen Hungerlohn arbeiten.“
Sie drehte sich um und ging schwungvoll ins Bad.
Toller Hintern, dachte ich. Kurz darauf hörte ich den Wasserhahn laufen. Dann drehte sie ab und kam mit einem Schwung zurück, dass ich glaubte der Umkehrschub müsste gleich einsetzen. Sie hatte Handcreme aufgetragen und rieb sich die Hände.
„Du bist ein Schlappschwanz“, geiferte Eva. „Bist einen Meter achtundachtzig groß, hast einen Bart wie ein Wikinger und bringst nichts zu Stande.“
„Ach komm. Ich habe schon einiges zu Stande gebracht, das ist jetzt ein wenig unfair.“
„Was denn? Ohne meine Eltern hätten wir nichts. Du kannst nichts. Hast nichts fertiggemacht. Hast Deinen Kopf ständig in den Wolken.“
„Blödsinn, ich gehe ohne Unterbrechung, seit jeher zur Arbeit, ich...“
Sie unterbrach mich brüsk.
„Was für Arbeit? Du verdienst nichts!“
„Okay, aber ich habe zwei Romane geschrieben.“
„Die keiner lesen will. Türken und Habsburger Geschwafel. Niemanden interessiert das. Träumst von Hollywood, und schreibst für ein paar Freunde. Die würden auch ein Kochbuch von Dir lesen, auch wenn es noch so schlecht wäre.“
„Na, ja. Das ist nun doch ein wenig hart, findest Du nicht?“
„Schreib doch einmal was Interessantes, was jeder lesen will.“
„Shades of black, oder was?“
„Nein, nicht so was, was für die Seele, was mit Gefühl.
So wie diese Gigi Mojo. Kein ganzes volles Jahr, oder so ähnlich.“
Ich lächelte gequält.
„Warte einmal, lass mich überlegen. Eine Frau pflegt einen kranken Mann und verliebt sich in ihn. Und dann stirbt er?“
Eva lächelte selig.
„Ja, genau. Balsam für unsere Herzen.“
„Eher Reinigung eurer Tränendrüsen. Aber gut, ich schreibe einen Roman und widme mich diesem Thema. Ich nenne ihn dann „Entscheidung aus Liebe!“ oder wir machen einen Mehrteiler. „Kein vollständiges erstes Quartal, zweites Quartal und so weiter.“
„Du verstehst nichts, schon gar nicht was Frauen wollen“, fauchte Eva, „kein Wunder, dass niemand lesen will, was Du schreibst.“
Ich stand auf, ging zum Geschirrspüler und fing an das Geschirr auszuräumen.
„Adam, dreh Dich gefälligst um, wenn ich mit Dir rede.
Deine Mutter hat recht. Du musst endlich anfangen wenigstens etwas auf die Reihe zu bringen!“
Ich drehte mich zu Eva um und schüttelte den Kopf.
„Super, Du bist genau zweimal in Deinem Leben derselben Meinung wie meine Mutter. Ich habe also in der Schule zu wenig getan und bin ein Verlierer? Dann noch einmal für das Protokoll. Ich war von Montag bis Samstag in einem Jesuitenkolleg von morgens bis abends, außer samstags, da war ich schon um 13 Uhr zu Hause. Rafft ihr es nicht? Ich habe nur gebüffelt und hatte leider keine Unterstützer oder Promotoren. Im Gegenteil. Weil ich zu viel Sport machte, wurde ich von Lehrern gemobbt. Wer zu viel Zeit für Sport hat, hat zu wenig Zeit fürs Pauken, war deren Credo. Aber als die Schule im Finale stand, da waren sie alle da. Ganze Schulklassen strömten den Berg herunter in die Stadthalle um irgendein Spiel von uns zu sehen. Vorne weg, die Lehrer. Und im Finale, was haben diese Scharlatane gejubelt, als ich den entscheidenden Treffer zum 3:2 beisteuerte und dadurch den Titel für sie gewann. Aber alles nichts wert. Ich lebe am falschen Kontinent. In Amerika hätte ich bestimmt ein Fußballstipendium bekommen. Dort hätten sie mich zu schätzen gewusst und ordentlich gefördert.“
„Ja, natürlich, jetzt kommt dieser Schwachsinn wieder. Alle haben sich gegen Dich verschworen. Hättest Du nur einen Förderer gehabt, Dein Leben wäre anders verlaufen, sicher. Du warst der große Fußballstar. Aber niemand weiß es mehr. Armer Junge! Adam, wach endlich auf, das Leben wartet nicht auf Dich! Werde endlich erwachsen! Und dass Du es weißt, nicht einmal Deine Freunde wissen von Deiner ach so großen Fußballbegabung.“
Die Zornesröte stieg mir ins Gesicht.
„Wer erzählt Dir denn irgendetwas. Und überhaupt.
Reden wir von Dir. Du hast ein abgeschlossenes Jurastudium und jobbst halbtags im Antiquitätengeschäft Deiner Eltern.“
„Peter hat gesagt, er wäre ein besserer Fußballer als Du, schon immer gewesen und mein Halbtagsjob bringt mehr ein als Deine Sklaventätigkeit.“
Ihre Brust bebte vor Aufregung und Eva hatte sogar teilweise recht.
Peter, wie lächerlich, dachte ich mir. Peter, damals genannt Snake, war ein netter Kerl, aber ohne jeglichem Talent.
„Dann ist es ja besser ich gehe, ohne mich bist Du offensichtlich besser dran.“
„Hau doch ab, Adam, versau auch noch unsere Beziehung. Alles andere hast Du ja bereits in den Sand gesetzt.“
Ich warf das Geschirrtuch in die Ecke und drückte mich an Eva vorbei. Wortlos ging ich aus der Küche.
„Ja, lauf und erzähl alles Deinen Freunden. Lass Dich volllaufen und drück Dich weiterhin vor jeglicher Verantwortung. Spiel weiter auf Deiner vierten Playmobilstation!“
„Playstation 4“, sagte ich während ich mir die Schuhe schnürte.
„Was auch immer!“ Ihr Handy vibrierte und piepte. Eva sah auf das Display und stopfte es dann wieder in ihre engen Jeans.
„Hau ab und lauf zu Mutti!“
„Du kannst mich mal!“
„Für drei Minuten zahlt sich das Duschen nicht aus. Und wenn Du jetzt gehst, kannst Du gleich Deine Wäsche mitnehmen! Bin nicht Dein Waschweib und nicht Deine Putzfrau! Hau endlich ab, für mich war es das!“
„Bin schon weg, vielleicht gefällt mir das Wäschewaschen auch besser, wenn ich es mir selber mache“, erwiderte ich trocken bevor ich wutschnaubend aus der Wohnung hinausstürmte und die Tür krachend ins Schloss fiel.
Gandalfs flehende Augen fixierten mich und seine eindringliche Stimme hallte durch meinen Kopf.
„Lauf, Du Narr! Solange Du noch kannst!“
Ich stürmte aus dem Haus und ging mit langen Schritten in Richtung U-Bahn. Zum ersten Mal war ich mir sicher, dass meine Beziehung so nicht weitergehen würde. Zu viel prasselte auf mich ein. Oder hatte Eva recht? Lief ich wieder nur davon? Ich war in Gedanken versunken, als mein iPhone vibrierte. Ja, mein 4S verließ mich nie. Mein Freund Georg, ein Technikfreak sondergleichen, verarscht mich regelmäßig wegen diesem Telefon.
Letztes Mal sagte er, es wäre wegen seines Alters solch eine Rarität, dass es mit Sicherheit einen Platz im Apple-Museum bekommen würde. Warum all die angeblichen Sollbruchstellen bei meinem Handy nicht anschlugen, wusste ich nicht, doch ich mochte es und war froh darüber, dass es mir so treue Dienste leistete. Snake stand auf dem Display als ich das Handy zum Ohr führte.
„Snake, was geht?“, sagte ich zur Begrüßung.
„Was geht bei Dir, mein Alter? Bist Du zu Hause?“
„Nein, Snake, bin am Weg in die Sportbar.“
„Burgers and Balls?“
„Ja, treffe mich dort mit den Jungs, die sind am Abend auch dort.“
„Premier League?“
„Egal was, musste einfach raus.“
„Hast Du Zoff mit Eva?“
„Ja, Mann, sie dreht völlig durch. Übrigens, hast Du jemals mit ihr über meine Fußballkarriere gesprochen?“
„Kann mich nicht erinnern. Kann mich an damals kaum erinnern. War meistens breit. Weißt Du noch, damals, als ich nach einem Saufgelage ausgesehen habe wie Rocky nach seinem ersten Kampf mit Apollo Creed?“
Ich musste lachen.
„Ja, sicher, Deine Augen waren so geschwollen, dass wir alle annahmen Du hättest eine Weißbierallergie.“
„So war es auch, Adam. Ich kann es zwar nicht beweisen, aber so muss es wohl sein. Habe seit damals auch kein Weißbier mehr getrunken.“
„Jedenfalls werde ich heute nicht nach Hause gehen. Werde mich gepflegt besaufen und dann in der Gartenhütte übernachten. Eva kann mich mal. Es ist vorbei. Kommst Du nach? Georg wird da sein, Markus, Snatch und Sammy.“
„Ja, werde nachkommen, habe aber noch einiges zu erledigen.“
„Neue Frau? Eine, die ich nicht kenne?“
„Noch ist nichts fix, möchte daher auch noch nichts ausplaudern. Stoße aber am Abend zu Euch dazu. Und Adam, ist nicht so, dass ich es Dir nicht schon des Öfteren gesagt hätte. Eva ist nichts für Dich. Sie ist zwar hübsch, aber sie zieht Dich nur runter. Ihren Ansprüchen kannst Du, kann wahrscheinlich niemand gerecht werden, verstehst Du? Du bist zu nett, zu höflich, Du verdienst was Besseres.“
„Alles klar, Snake.“ Ich wollte mit ihm nicht über Eva reden. „Man sieht sich.“
„Bis später, Adam.“
Ich beendete das Gespräch.
Die ersten zwei Stunden war ich alleine. Ich sah mir Basketball und Football an während ich mir einen Burger einverleibte. Ich mochte das „Burgers and Balls“.
Rustikale Hochtische aus dunklem Holz mit hohen bequemen Sesseln und schwere Ledercouches machten das Lokal heimelig und gemütlich. Überall Sportplakate und Sportutensilien an den Wänden zwischen den riesigen Bildschirmen ließen keinen Zweifel aufkommen, was in dieser Bar geboten wurde. Ich hatte schon meinen dritten Spritzwein als Georg auftauchte. Ich hatte mir einen Hochtisch für sechs Personen ausgesucht mit hervorragender Sicht auf zwei riesige Bildschirme. Georg sah mir in die Augen, klopfte mir auf die Schulter und setzte sich neben mich.
„Ist es aus? Habt ihr euch getrennt?“
Georg nickte wissend. Die letzten Wochen gingen nicht spurlos an mir vorüber. Offenbar sah er es mir an.
„Vergiss die Alte, Du bist sowieso noch zu jung für Kinder!“
„Wieso Kinder?“
„Letztes Mal sagte Eva zu mir, dass sie in ihrem Inneren fühlte, dass es bald so weit sein würde.“
„Was? Das hat sie Dir gesagt?“
„Sicher, wir haben eine starke Verbindung. Wir nehmen sogar das selbe Augenroll-on und gehen zur gleichen Pediküre.“
Georg war nicht schwul, aber eben ein wenig femininer. Er hatte momentan keine Freundin und eben viel Zeit.
„Sie will also Kinder“, sagte ich mehr zu mir selber und zog die Stirn in Falten.
„Ja, Adam, und zwar so schnell wie möglich. Ihre innere Uhr tickt, hat sie mir gesagt, sie könne sie förmlich hören. Mit jedem Tag der vergehe etwas lauter. Ja, das hat sie mir gesagt, erst neulich beim Friseur.“
Georg hatte wundervoll fülliges Haar, passte auch zu seinem etwas fülligen Körper.
„Kauft ihr auch zusammen BHs? Könntet auch annähernd die selbe Körbchengröße haben.“
Ich war verstimmt, weil Eva mit ihm über solche Dinge redete, mit mir aber nicht.
Georg blickte an sich hinunter und nickte.
„Ja, wahrlich ein schönes Paar, meine Dinger, aber Eva hat ein wenig größere, vor allem prallere. Habe sie letztens beim Masseur getroffen und da ist ihr das Handtuch verrutscht. Ja, da könnte einen der Neid fressen.“
„Ich kenne ihre Brüste, danke. Wenn auch in letzter Zeit nicht so gut, wie ich es eigentlich sollte. Dachte immer, zum Kinder bekommen, gehöre Sex dazu. So lang kann es also noch nicht her sein mit ihrem Wunsch. Ich glaube tibetische Mönche bekommen mehr körperliche Zuwendung als ich. Das ganze Jahr schon muss ich um körperliche Liebe betteln. Früher war das anders. Am Anfang kamen wir gar nicht aus der Kiste raus.“
„Zu viel Information, Adam! Erzähl es bitte Deinem Friseur, oder auch nicht, der erzählt es auch wieder mir. Vergiss Eva, sie tut Dir nicht gut. Sie ist wie ein Vampir, sie saugt Dich aus und oftmals bist Du nur noch eine blutleere Hülle. Ich weiß, wie Du früher warst, so voller Energie, voller Leben. Und sieh Dich jetzt an. Ach, by the way, Dein Bart. Notwendig?“
„Hey, der ist geil. Ich stehe auf meinen Bart. Der ist cool!“
„Nimmst Du die richtige Pflege? Ich meine, man kann ihn durchaus auch einmal stutzen und es gibt schon gute Pflegeprodukte. Verleihen ihm dann Glanz und lassen ihn dichter wirken.“
„Wenn ich es nicht besser wüsste. Manchmal redest Du wie eine Tucke.“
„Auch Mann darf sich pflegen, schon einmal was von metrosexuell gehört? Wie David Pacman!“
Ich nickte, sicher kannte ich David Pacman, wer kannte den nicht.
„Das mit deiner fehlenden Energie, Adam, das bekommen wir wieder hin. Kennst du die fünf Tibeter?“
„Zwei davon kenne ich, betreiben einen kleinen Gemüseladen, drüben in der Pragerstrasse. Aber wirklich, Gemüse soll mir helfen?“
„Nein, nicht die. Die fünf Tibeter haben mit Energie zu tun, mit Gesundheit für Körper und Geist!“
„Sorry, Georg, die kenne ich nicht. Kenne aber die drei Tenöre. Die gehen mir auch auf den Geist.“
Ich lachte über meinen eigenen Witz.
Georg blickte mich tadelnd an.
„Sei einmal ernst. Sonst bekommst Du Deine Probleme sicher nicht in den Griff.“
„Ich bin offensichtlich nicht für eine Beziehung geschaffen. Mir ist das alles zu kompliziert. Neulich kam Eva in die Küche und starrte mich mit weit aufgerissenen Augen an. Dann stemmte sie ihre Arme in die Hüften und brüllte mich an wie ein Bundesheer-Ausbildner. Was das soll, schrie sie und riss mir den Putzfetzen aus der Hand. Ob ich echt von nichts eine Ahnung hätte, fragte sie mit hochrotem Gesicht. Dies sei doch der hellgrüne Putzfetzen und nicht der smaragdgrüne. Dann wartete sie ab und fletschte dabei die Zähne. Von mir kam keine Reaktion, außer Unverständnis. Dann sagte sie, dass das hellgrüne Putztuch nur für Gläser sei, das smaragdgrüne aber für die Teller und die Schüsseln, das hätte sie mir nun schon mehrmals erklärt. Das dunkelgrüne sei für glatte Oberflächen und das moosgrüne für das Besteck. Ob ich wirklich so wenig Gehirn hätte, warf sie mir noch an den Kopf.“
Georg hörte mir mit offenen Mund zu, auch er war offensichtlich geschockt.
„Du hast das hellgrüne Putztuch für das normale Geschirr verwendet? Ein Sakrileg, Blasphemie! Du wirst in der Putzhölle landen!“ Georg meinte das ernst.
„Eva zahlt für eine Garnitur Putztücher wahrscheinlich mehr als hundert Euro und Du benutzt das hellgrüne Tuch für normales Geschirr? Wischst Du Dir auch nach dem Sex Deine Nudel an den Seidenvorhängen ab? Du bist ein Ignorant. Kein Wunder, dass sie sauer ist auf Dich.“
„Mit Dir kann man das nicht besprechen, mein Fehler. Mehr als hundert Euro? Eva hat sie nicht mehr alle. Was ist aus dem guten alten Wettex geworden? Oder diese Schwämme, mit der einen rauen Seite?“
„Du Banause, diese Art Menschen habe ich gern. Ewig gestrige. Ich hoffe Du sitzt, wenn Du Dein kleines Geschäft machst. Tust Du doch, oder? Geh mit der Zeit, oder Du gehst mit der Zeit.“
Georg dachte über seine Worte nach.
„Was Du ja jetzt bewiesen hast. Obwohl Eva offenbar weiß, was gut für ihr Geschirr ist, und sie auch durchaus eine Augenweide ist, haftet irgendetwas an ihr, was ich nicht mag. Etwas dunkles, ein Schatten, etwas Verruchtes.“
Georg blickte zur Decke und legte dabei den Kopf in den Nacken. Dann fuhr er sich theatralisch durchs Haar.
„Was für ein Zeug trinkst Du da, Georg. So etwas brauche ich auch.“
„Nein, im Ernst, Adam. Immer wenn ich sie treffe, wirkt sie gehetzt, wie ein wildes Tier. Schaut sich um, als fürchtete sie, beobachtet zu werden. Ich bin ehrlich froh, dass Du dem ein Ende bereitet hast. Sie war nicht gut für Dich. Viel zu kalt, zu berechnend, zu fordernd. Eva hat eine ziemlich dunkle Aura. Ihr Mond steht im falschen Haus, wenn Du verstehst, was ich meine?“
„Bin ich Gerda Rogers? Keine Ahnung was Du da von Dir gibst. Macht aber nichts. Danke fürs Zuhören.“
Georg lachte und klopfte mir auf die Schulter.
„Vergiss sie! Das einzig Warme an ihr war ihre Daunenjacke im Winter.“, ergänzte Georg.
Ich nickte und trank meinen Gespritzten aus. Alles war gut. Ich fühlte mich seit langem wieder frei. Meine Leidenszeit war vorbei. Ich bestellte ein weiteres Glas. Markus kam zur Tür herein. Der Gebieter der Zeit, unser Uhrmachermeister. Dann Snatch mit Sammy im Schlepptau. Alle setzten sich und bestellten für sich Burger und Getränke. Außer Sammy. Er zischte die erste Halbe runter als würde eine innere Hitze ihn ansonsten schmelzen lassen. Die zweite folgte sogleich. Sammy trank nicht Bier, er vernichtete es, wo immer er es finden konnte. Ich musste herausfinden, ob er eine Marke bevorzugte und dann mein weniges Geld in Aktien dieser Biersorte investieren. Diese Firma konnte nicht untergehen. Oder besser noch ihn zu einer anderen Marke überreden, aber vorher noch in die neue Marke Geld investieren. Meinem neuen Reichtum stand nichts mehr im Wege. Vier Spritzweine also waren nötig um mein Gehirn zu vernebeln. Ich sah durch die Runde, alle meine Freunde waren zur Zeit single. Alle lachten und hatten Spaß. Alle wirkten zufrieden. War es das, was ich wollte? Zufrieden aber alleine. Es musste doch auch Paare geben, welche zufrieden waren. Vielleicht passten Eva und ich wirklich nicht zusammen. Ich freundete mich mit jedem Spritzwein mehr mit dem Gedanken an, dass mein neues Leben ein Singleleben sein würde.
Snatch setzte sich neben mich und drückte mitfühlend meine Schulter.
„Hab’s gehört, Adam. Georg die alte Quasseltante kann nichts für sich behalten, weißt Du ja.“
Georg zeigte Snatch den ausgestreckten Mittelfinger.
„Eva hat Dich nicht verdient. Sie ist kalt, berechnend und nur auf ihren Vorteil bedacht. Außerdem sind österreichische Frauen sowieso alle prüde.“
„Wie bitte?“, schaltete sich Georg ein. „Was ist das für ein Quatsch?“
„Ist die Wahrheit. Man kann mit ihnen nichts anfangen. Nur Missionar, das gefällt ihnen.“
Snatch griff sich eine Handvoll Nüsse und warf sie sich einzeln genussvoll in den Mund.
„Missionar ist gemeinhin die Stellung mit den meisten Möglichkeiten eine Frau zu beglücken. Größtmögliche Körperflächen die einander berühren. Für das feminine Geschlecht sehr wichtig: Augenkontakt. Austauschen von Speichelflüssigkeit leicht möglich. Die Hände sind frei verfügbar. Man kann Brust, Bauch, Hals und Po ganz leicht erreichen. Und die Frau gibt in dieser Stellung das Zepter nicht ganz aus der Hand.“
Sammy setzte nach seinem Einwurf sein Bier an die Lippen und nahm einen großen Schluck.
Alle sahen sich an und lachten.
„Wissen aus Büchern“, sagte Snatch, „für das Leben ungeeignet, Sammy!“
„Das mit den österreichischen Frauen ist doch Schwachsinn, Snatch. Oder wie war das damals in Kärnten? Die, die Du im Hotel am Balkon genommen hast. Mitten in der Nacht. Das ganze Hotel ist zusammengelaufen und hat euch angefleht, es gefälligst im Zimmer zu treiben.“
Snatch nickte zustimmend.
„Okay, die, die war anders.“
„Und die, mit der Du es mitten auf der Wienerstrasse im Auto getrieben hast. Alle Fenster waren angelaufen, der Beifahrersitz ließ sich danach nicht mehr hochklappen, weil ihr irgendein Scharnier ruiniert hattet und von der Polizei wurdet ihr auch noch entdeckt, weil das ganze Auto wackelte.“
Snatch lächelte verträumt und nickte.
„Gott sei Dank waren alle Fenster angelaufen. Die Polizisten klopften am Fenster und wir waren wieder angezogen als wir die Türen aufmachten. Das Blöde war, ich war damals mit einer anderen zusammen. Ich fuhr dann nach Hause und stellte den Wagen ab. Ein paar Tage später gingen meine damalige Freundin und ich dann morgens zum Auto. Wieder hatten sich die Scheiben des Autos beschlagen. Wir stiegen ein, ich auf der Fahrerseite, sie auf der Beifahrerseite. Ich drehte den Zündschlüssel um und wusste bereits just in diesem Moment, dass etwas nicht stimmte. Es war eine Kälte im Auto, so wie bei diesen Horrorfilmen, ihr wisst schon, wenn der Geist auftaucht.“
Alle nickten und warteten gespannt auf das Ende der Geschichte.
„Jedenfalls sah ich zu meiner damaligen Freundin und erwartete, dass sie den Kopf um 360 Grad drehen konnte. Doch sie starrte nur auf die jetzt sichtbaren Fußabdrücke auf der Windschutzscheibe. Klein, zierlich, offensichtlich in weit geöffneter Pose.“
Alle lachten.
„Das ist nicht zum Lachen, Leute!“, ereiferte sich Snatch.
„Ja, aber die Kleine im Auto war auch Österreicherin, oder? Der war auch nichts zu blöd, oder?“
Markus lächelte wissend. Dann sprach er heiter weiter.
„Oder die Geschichte mit der Kleinen im Aufzug.“
„Stop!“, rief Snatch.
„Die kennst Du? Shit, muss aufpassen was ich euch im Suff erzähle. Die gilt aber so oder so nicht. Die Kleine hatte afrikanische Wurzeln. Ich bleibe also dabei. Die heimischen Hühner sind alles frigide Zicken. Nur die ausländischen Frauen wissen uns Männer noch richtig zu schätzen.“
Snatch blickte verträumt zur Decke.
Ich schüttelte den Kopf.
„Die war doch blond, mit Zöpfen wie Pippi Langstrumpf!“
Snatch schaute mich missbilligend an.
„Alles Leben kommt aus Afrika, oder etwa nicht? Und Männer, die hatte jedenfalls Feuer, das sage ich euch.“
Snatch lächelte verträumt und führte sein Glas zum Mund.
Wir lachten und klopften ihm tröstend auf die Schultern.
Irgendwann begann das Spiel. Valencia gegen Sevilla und in der Pause erschien Snake. Wir feierten und unterhielten uns in der Gruppe über dieses und jenes.
Jeder gab seinen Senf dazu. Außer Sammy, dieser stand irgendwann vom Hocker auf, stellte sich an die Kopfseite des Tisches und kommunizierte nur mehr nonverbal mit dem Kellner, indem er ihm immer rechtzeitig bevor er seine Halbe Bier ausgetrunken hatte, sein Bierglas zeigte. Alles war wie immer. Fast. Je mehr ich getrunken hatte, desto mehr fasste ich meinen Entschluss. So long Eva, lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende. Für sie war ich ohnedies nur ein Versager und ganz egal was ich täte, es würde für Eva nie reichen. Ich bestellte mir einen weiteren Spritzwein und beteiligte mich am Gespräch.
„Du siehst so glücklich aus, Snake. Hast Du Sex gehabt?“
Snake lächelte und ein wenig Farbe schoss ihm ins Gesicht.
„Oh, ergussrot, so steht es in Deinem Gesicht geschrieben, Alter.“, beteiligte sich Snatch.
„Super, dass Du trotzdem gekommen bist, Snake!“
„Ja, gekommen bin ich“, sagte Snake, „dann habe ich mich angezogen und bin gleich zu Euch.“
Georg winkte der kleinen asiatischen Kellnerin, er wollte bezahlen. Das zierliche, feengleiche Wesen tänzelte zu unserem Hochtisch. Sie sah kaum über die Tischkante.
„Möchtest Du zahle?“
Sie lächelte Georg freundlich an.
Georg nickte und begann seine Getränke aufzuzählen, ans Ende seiner langen Liste setzte er noch seinen konsumierten Burger. Er reichte der Asiatin einen Hunderter. Diese sah den Geldschein, stöberte mit konzentriertem Blick in ihrer riesigen Geldtasche. Dann runzelte sie die Stirn und wieder lächelte sie Georg an.
„Haben Du klein?“
Alle am Tisch kicherten.
„Woher kennt die Dich, Georg?“, fragte Snatch lachend und nickte der Kellnerin zu.
„Hat dich offenbar schon nackt gesehen!“
Georg schüttelte mitleidig lächelnd sein Haupt und kramte seinerseits in seinem Portmonee.
„Lacht nur Freunde, denn es ist wahr. Ich habe den Zipfel eines Kleinkindes. Neunundvierzig Zentimeter lang und drei Kilo dreißig schwer. Eine Bürde Männer, eine wahre Bürde. Könnt ihr euch aber leider nicht annähernd vorstellen. Mit so einer Waffe muss man umgehen können. Alleine ihn zu waschen nimmt viel Zeit in Anspruch. Ist nicht so einfach, wie mit euren harmlosen Schweizerkrachern.“
Wieder kicherten alle.
Die kleine Asiatin blickte Georg verständnislos an und wartete auf kleinere Scheine.
Beim Spiel schoss Valencia das 1:0. Im Lokal kam Jubel auf. Ich betrachtete meine Freunde und war froh, dass ich sie hatte. Auf jeden einzelnen konnte ich mich zu hundert Prozent verlassen.
Man konnte nicht sagen, dass mein Heimweg schnurstracks nach Hause verlief. Ich wollte noch nicht in die Gartenhütte meiner Mutter. Ich hätte sicher auch bei einem der Jungs schlafen können, aber ich wollte ein wenig allein sein. Allein, wie in meiner nächsten Zukunft eben. Die Nacht war noch jung und so schlenderte ich durch die Innenstadt. Es roch nach Frühling, nach Erwachen neuen Lebens, und nach vergorenem Essen.
Irgendwo standen offensichtlich offene Mistsäcke in den Straßen. Wien, über Jahre hinweg die lebenswerteste Stadt der Welt, mit einem Bürgermeister, der wie ich für den Weinumsatz persönlich sorgte. Ihm war aber, was man in den Lokalteilen der Zeitungen so lesen konnte, von den Winzern weit mehr zu danken als mir. In Wien gibt es über 150 Winzer, was natürlich auch auf die vielen Heurigenlokale zurückzuführen war. Viele dieser Lokale machten ihren eigenen Wein. Doch im Stadtgebiet von Wien werden über 600 Hektar Fläche für die Weinproduktion genutzt. Mehr als 2 Millionen Liter Wein werden hier jährlich produziert. Wien ist die einzige Weltstadt mit nennenswerter Weinproduktion.
Und dieser gehört getrunken. Ich tat heute Nacht mein Bestes, hoffte aber weiterhin auf Bürgermeister Michael Humpen.
Aus einer Seitengasse drang laute Musik. Wusste gar nicht, dass hier eine Musikbar war. Da musste ich rein.
Ich folgte der Musik und kam zu einem kleinen unscheinbaren Eingang in einem der alten Gemäuer.
Palais, was weiß ich, eben. Der Türsteher war ein dunkler Hüne und unterhielt sich gerade mit einer langbeinigen blonden Schönheit. Ich ging einfach vorbei und stieg ein paar Stufen hinab. Unten war es anfangs dunkel. Die Nachtbeleuchtung war heruntergedimmt um die lauschigen Plätzchen am Rande der Tanzfläche nicht allzu sehr auszuleuchten. Auf der Tanzfläche pulsierte allerdings das Licht zu den heißen Beats und zahlreiches Volk tummelte sich auf einer auch von unten beleuchteten Glasfläche. Schöne Menschen räkelten ihre halbnackten Körper zum heißen Sound von Ravenna. Geiler Schuppen, dachte ich, als ich mich an die Bar setzte. Der Laden war voll und pulsierte vor Leben. Ich nahm meine Geldbörse aus der Jacke und mein Nostalgiehandy. Dann legte ich meine Jacke über den Barhocker und setzte mich drauf. Ich schrieb Eva eine Nachricht über WhatsApp, dass ich mir mein Zeug irgendwann nächste Woche einmal abholen werde und drückte auf senden. Mann, war ich mutig geworden. Ich bestellte ein Wellnessgetränk beim Barkeeper, ein Colarium, und drehte mich zufrieden zur Tanzfläche um.
Ja, das war meine neue Welt, dachte ich mir, rhythmische Beats, tanzende, gutaussehende Frauen, und offensichtlich reichlich Alkohol. Mein Gehalt würde wirklich nicht reichen, kam mir die Erkenntnis.
Neben mir saß ein Schrank von einem Mann, auch mit dem Rücken zur Bar und beobachtete konzentriert die Tanzfläche. Er trank Mineralwasser und wirkte völlig nüchtern. Ich folgte seinem Blick und sah einen langmähnigen Typen mit witzigem Bartwuchs, der sich gerade hinter eine gutgebaute Asiatin schob und gemeinsam mit ihr, eng umschlungen, zum hippen Sound von Ravenna tanzte. Er umfasste lachend von hinten mit den Händen ihre schmalen Hüften und schwenkte die hübsche Asiatin im Takt. Auch sie schien Spaß zu haben. Der gutaussehende Typ war sicher schon um die vierzig, hatte sich aber gut gehalten. Er trug Designerklamotten und schien überhaupt das „Supersorglos-Paket“ des Lebens abonniert zu haben. Das Glück strahlte aus all seinen Poren. Er lächelte unentwegt. Ein Lächeln, das das gesamte Gesicht bis zu den Augen einnahm. Irgendwo hatte ich das schon einmal gesehen. Rund um den Kerl tanzten nun immer mehr Frauen. Eine mit Pelz behangene aber ansonsten spärlich bekleidete Blondine tanzte den Typen an und reckte ihm ihr Hinterteil entgegen. Er stellte sich hinter sie, fasste sie an der Hüfte und tat als würde er ihr den Hintern mit einer Hand versohlen. Ich folgte dem Blick der Blondine und sah wie sie einem goldbehangenen Gorilla schöne Augen machte. Der war in Begleitung mehrerer dunkler, langmähniger Typen. Tschetschenen oder Russen vermutete ich. Wodkaflaschen standen im Übermaß auf ihrem Tisch. Könnte heikel werden, dachte ich mir, als einer der Schläger sich erhob. Der Designer-Tänzer hatte keine Ahnung was sich um ihn zusammenbraute und tänzelte lässig in meine Richtung.
Von irgendwoher kannte ich diesen Mann, ich wusste nur nicht von wo. Er stellte sich tanzend an die Bar und winkte dem Barkeeper.
„Bourbon, mein Guter, eine Flasche vom Besten und Champagner für die Mädels!“
Dann sah er mich an.
„Und Du, my friend, siehst aus als würdest Du einen Drink vertragen?“
Er redete mit starkem englischen Akzent.
Die Asiatin und die Blondine versuchten ihn auf die Tanzfläche zurück zu ziehen, doch er wehrte sich.
„Komme ja gleich, Ladies, one moment please, what about the drink, my friend?“
„Einer geht noch“, erwiderte ich grinsend, „aber dann gehe ich nach Hause. Du kommst mir so bekannt vor, aber ich weiß nicht, wo ich Dich hintun soll. Bist Du einer von den Goldsuchern vom Fernsehsender DMAX? Hast einen Bart wie dieser Todd Hoffmann.“
Die Mädels zogen immer mehr. Eine weitere rothaarige, langbeinige Schönheit hatte sich dazu gesellt. Ihre Beine steckten in schwarzen Stiefeln, die bis zum Rock reichten. Der Barkeeper öffnete den Schampus und schenkte den Damen die Gläser voll. Dann goss er Designer-Todd den Bourbon in ein Glas und stellte die Flasche daneben hin.
„Hey, Arnold, auch einen für meinen jungen Freund hier.“
Er zeigte auf mich.
„One for my new friend.“
Die Mädels leerten ihre Schampusgläser in einem Zug und zogen Designer-Todd kichernd wieder auf die Tanzfläche. Die Tschetschenen standen bereits am Rand eben dieser und wirkten nicht gerade glücklich. Ich trank mein Wellnessgetränk aus und schenkte mir einen Bourbon ein. Ich nippte daran und verzog das Gesicht.
„Hast Du Cola, Arnold?“, fragte ich den Barkeeper.
„Ich heiße nicht Arnold, mein Name ist Roman.“
„Aber Todd hat Dich doch Arnold genannt.“
„Wenn die Kohle stimmt, darf der Gast alles zu mir sagen, auch Arnold. Jedenfalls kenne ich diesen Typen nicht. Ist vor zwei Stunden hereingekommen mit dem da, er zeigte auf Mineral-Mann. Er säuft und tanzt, seit er hier ist. Guter Gast!“
Ich nickte und Arnold/Roman stellte mir eine Cola auf den Tresen. Cola-Bourbon, wie früher.
Designer-Todd war in seinem Element. Die Mädels umringten ihn und schmiegten sich an ihn. Wie rollige Katzen, dachte ich. Aber er war nicht Todd Hoffmann, dafür war er zu schlank und auch die Haare. Todd Hoffmann hatte soweit mir bekannt war eine Glatze. Ich kannte den Typen, soviel war sicher.
Die vier Tschetschenen betraten nun die Tanzfläche und schoben die tanzende Menge unsanft zur Seite. Alles ging sehr schnell. Zwei packten Designer-Todd und der goldbehangene Typ verpasste Todd eine rechte Gerade. Mineral-Mann war bereits aufgesprungen und stürmte wie eine Haubitze auf die Tanzfläche. Er packte einen der Tschetschenen und hämmerte ihm die Stirn gegen die Nase. Autsch, dachte ich. Ich war ein wenig vom Alkohol benebelt, aber noch könnte ich mitmischen. Designer-Todd und Mineral-Mann bekamen gerade richtig Haue, und ich war doch sein Freund, oder nicht? Ja, so sagte er.
„I tell you what, Todd!“, schrie ich angetrunken.
Ich rutschte vom Hocker und warf mich ins Getümmel. Ich trat dem Goldmann gegen das Knie und dieser brach mit schmerzverzerrter Miene zusammen. Ich blockte den nächsten Schlag auf Designer-Todd mit meinem Arm ab. Das Ganze artete in ein unübersichtliches Handgemenge aus. Jeder trat jeden, ich zerrte Designer-Todd von der Tanzfläche und dachte, er würde schockiert sein. Blut rann von seiner Lippe aber er lachte hysterisch.
„Yippi ya jeh, Schweinebacke!“, rief er aus vollem Hals.
Wieder sprang etwas an in mir. Wieder kam er mir so vertraut vor, ich wusste aber abermals nicht woher. Arnold und die Türsteher warfen sich in die Menge und versuchten den Tumult aufzulösen, doch Designer-Todd und ich waren schon auf halbem Wege aus dem Lokal. Wir packten unser Zeug und waren dahin. Nicht einmal Mineral-Mann konnte mithalten. Designer-Todd lachte den ganzen Weg hinaus aus vollem Hals und versuchte sich sein Hemd herunter zu reißen. Darunter trug er ein Feinrippunterhemd, how old-school!
„Komm!“, sagte ich zu ihm. „Gehen wir nach Hause, bevor die Typen herausgebracht werden.“
„Sicher nicht, Alter! Die Nacht hat doch erst begonnen.
Auf einem Bein steht man nicht gerne. Oder so ähnlich.“
Er sah mich voller Hoffnung an und lächelte sein Hollywood-Lächeln.
„Also gut, Todd, I tell you what, Einen trinken wir noch, aber dann gehen wir nach Hause, okay?“
Designer-Todd umarmte mich und klopfte mir auf die Schulter. Er sah mir lächelnd in die Augen.
„Danke, Alter, I promise, Du wirst es nicht bereuen.
Buddies forever, I swear.“
Er winkte ein Taxi ran und wir stiegen lachend ein. Die nächste Bar kannte ich noch, aber dann folgte der Filmriss. Und mit ihm kam der Nebel und das Nichts.
Als ich erwachte, war es helllichter Tag. Die Sonne blendete mich, als ich die Augen aufschlug und ich schloss sie sofort wieder. Mein Kopf schmerzte, als wäre er in einen Schraubstock gesteckt worden. Ich tastete mit den Händen meine Umgebung ab und bemerkte, dass ich in einem weichen Bett lag. War ich zu Hause?
Ich blinzelte aus einem Auge und sah einen riesigen Fernseher an der Wand. Eva und ich hatten keinen Fernseher im Schlafzimmer. Wo war ich? Was ist passiert? Etwas drückte gegen meine Schläfe. Ein Kasten, ein Bus, eine Boeing? Ich sah nach, es war nur ein kleiner Teil vom Polster. Mann, hatte ich Kopfweh.
Was zum Teufel hatte ich getrunken?
„Was immer auf meinem Kopf sitzt, geh runter, ich zähle bis drei.“, murmelte ich.
Ich stöhnte, als ich mich aufrichtete. Das Zimmer war groß, alles war in feinen Grau- und Grüntönen ausstaffiert. Nichts hier war billig, alles wirkte sehr hochwertig. Graue Teppiche und zartgrüne Tapeten und Vorhänge, eine graue Sitzgruppe mit Vollholztischchen, ein dazu passender Schreibtisch. In den Wänden eingelassene Kästen. Wo war ich bloß? Ich richtete mich auf und zuckte vor Schmerz zusammen. Mein Kopf brachte mich noch um. Ich ging in meinen Shorts zum Schreibtisch und öffnete die Gästemappe. Ritz Carlton stand da in großen Lettern. Dieses Geheimnis also wäre geklärt, aber dies war kein Zimmer, dies war eine Suite.
Ich sah aus dem Fenster, und die Aussicht war beschränkt. Gleich gegenüber war ein weiteres Haus.
Schade, dachte ich, gab sicher irgendwo einen netten Blick auf die Ringstraße. Ich zog mein Shirt über, dann öffnete ich die Tür und trat hinaus. Ein geräumiges Wohnzimmer empfing mich hell und einladend. Auch hier war alles stilvoll, wie es sich für ein Fünf-Sterne-Hotel gehörte. Wahrscheinlich war ich bei Todd, dachte ich mir, ja, so musste es sein, hier musste Todd wohnen.
Er war es doch, hatte abgenommen und gab sein ganzes Gold in Wiener Hotels aus. Ich hörte Atemgeräusche und ging darauf zu. Jemand lag halb zugedeckt auf der Couch und atmete schwer.
Oh, mein Gott! Der Schreck fuhr mir in die Glieder.
Todds Haare lagen auf seinem Gesicht. Ich hatte ihn skalpiert! Shit, ich musste aufhören mit „The Walking Dead“, jetzt habe ich einen umgelegt, ohne dass ich es mitbekommen habe. Verdammt! Aber nein, sein Brustkorb hob und senkte sich.
„Todd“, flüsterte ich vorsichtig, „Todd, wach auf!“
Ich nahm die Haare von seinem Gesicht. Es war bloß eine Perücke. Auch sein Bart war jetzt verschwunden.
