Fatale Bilanz - Stefanie Ross - E-Book

Fatale Bilanz E-Book

Stefanie Ross

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Beschreibung

Schüsse peitschen über den Hamburger Rödingsmarkt. Ein Scharfschütze nimmt den Bankmanager Joachim Kranz und die herbeieilende Polizei aufs Korn. Doch er verschwindet spurlos, ohne jemanden zu verletzen.Sven Klein vom Wirtschaftsdezernat des Hamburger LKA übernimmt den Fall auf Geheiß des Polizeipräsidenten und stößt auf mehr Fragen als Antworten. Warum bleibt Kranz so merkwürdig unbeteiligt? Und warum leugnet er strikt, dass er oder die Bank Feinde haben könnten, obwohl jeder Befragte schon beim Namen Kranz mit den Augen rollt?Als die Bank in Verdacht gerät, als Deckmantel für die Finanzierung von Al-Qaida zu dienen, wird Klein richtig neugierig. Da spielen die Dienstvorschriften keine so große Rolle mehr – bis die Ermittler selbst ins Fadenkreuz der Terroristen geraten …Stefanie Ross war viele Jahre in leitender Stellung in der Hamburger Bankenwelt tätig. Im ersten Fall für Kommissar Sven Klein und den Wirtschaftsprüfer Dirk Richter präsentiert sie ein Ermittlerteam, das den Verbrechern mit den weißen Westen und Kragen auf unkonventionelle Weise zu Leibe rückt.

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Stefanie Ross

Über die Autorin

Stefanie Ross war viele Jahre in leitender Stellung in der Hamburger Bankenwelt tätig. Im ersten Fall für Kommissar Sven Klein und den Wirtschaftsprüfer Dirk Richter präsentiert sie ein Ermittlerteam, das den Verbrechern mit den weißen Westen und Kragen auf unkonventionelle Weise zu Leibe rückt.

Sutton Verlag GmbH

Hochheimer Straße 59

99094 Erfurt

www.suttonverlag.de

www.sutton-belletristik.de

Copyright © Sutton Verlag, 2012

Gestaltung und Satz: Sutton Verlag

Lektorat: Dorothée Engel

eISBN: 978-3-95400-031-9

ePub-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

Inhalt

Über die Autorin

Prolog

1

Elf Jahre später

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

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22

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28

29

30

31

32

Epilog

Dank und Hinweis

Prolog

Er würde sie schließlich nicht gleich umbringen.

Shara Rawiz hob fröstelnd die Schultern, als sie an das unberechenbare Wesen des Mannes dachte, der zumindest auf dem Papier der Vater ihrer Tochter war. Wie hatte sie sich nur dermaßen in einem Menschen täuschen können? Sie lehnte den Kopf gegen die Wand und suchte nach einer bequemeren Sitzposition auf dem Plastikstuhl im Umkleideraum des Hamburger Universitätsklinikums.

Woher kam nur dieser Anflug von Unsicherheit? Shara atmete tief durch. Schluss mit der Grübelei. Sie löste die Haarspange, fuhr sich mit den Fingern durch die schulterlangen, schwarzen Haare und tauschte den Arztkittel gegen die Jeansjacke.

Auf dem Weg nach draußen bog sie schwungvoll um die Ecke des verwinkelten Korridors und landete in den Armen von Hendrik Fischer.

»Meine Gebete wurden erhört. Du stürzt dich in meine Arme.«

Shara lachte und löste sich aus dem lockeren Griff.

»Von wegen. Ich möchte nur schnell nach Hause.«

»Ich habe eine bessere Idee: Ein paar Kollegen und ich wollen das schöne Wetter nutzen und zu den Landungsbrücken. Erst ein bisschen Schiffe gucken und dann in den Beach-Club. Kommst du mit?«

»Nein, die Nacht war für mich um vier Uhr zu Ende.«

Als sie merkte, wie schroff ihre Ablehnung geklungen hatte, zwang sie sich zu einem Lächeln.

»Hört sich aber gut an. Das nächste Mal bin ich dabei.«

Hendrik war die Enttäuschung anzumerken.

»Schon in Ordnung, irgendwann erwische ich den richtigen Zeitpunkt, und du kommst mit. Bis dahin muss ich eben einsam über die Korridore wandern und hoffen, dass das Schicksal uns erneut zusammenführt.«

Seine pathetische Klage brachte sie zum Lachen.

»Nächstes Mal«, wiederholte sie.

»Ich erinnere dich dran.«

Als die S4 an der Station Wandsbek stoppte, stand Shara schon an der Tür. Sie konnte es nicht erwarten, den stickigen Waggon endlich zu verlassen. Wenige Schritte hinter dem Bahnhof ließ sie die Hektik des Arbeitstages endgültig hinter sich. Der Weg zur Altbauvilla ihrer Freundin Emilie führte durch die Rantzaustraße, eine ruhige Wohngegend. Die weitläufigen Vorgärten auf der einen Seite und das Wandsbeker Gehölz auf der anderen ließen sie vergessen, dass sie sich in einer Großstadt befand. Sie mochte diese grünen Inseln und würde später den Park als Abkürzung zu ihrer eigenen Wohnung in der Schloßstraße nutzen. Gemächlich schlenderte sie die Straße entlang und genoss die Brise, die ihr durch die Haare strich und Urlaubsgefühle weckte. Einziger Störfaktor war die Robert-Schumann-Brücke, auf der der Feierabendverkehr noch in vollem Gang war und die sie unterqueren musste. Wenige Augenblicke später war der Verkehrslärm nur noch ein fernes Rauschen, und sie erreichte ihr Ziel.

Auf dem Balkon ihrer Freundin drehten sich bunte Windspiele. Die grellen Farben schienen nicht zu einer Frau zu passen, die ihren sechzigsten Geburtstag bereits hinter sich hatte, aber sie waren typisch für Emilie, die darauf bestand, »Em« genannt zu werden. »Emilie« fand sie altmodisch.

Shara war nicht überrascht, dass die Klingel keinen Ton von sich gab, wahrscheinlich schlief Rami. Bevor sie nach ihrem Schlüssel suchen konnte, öffnete sich die Tür, und Em stand vor ihr. Die weißblonden Haare waren zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, der perfekt zur pinkfarbenen Leggins und dem weiten, grauen Sweatshirt passte.

»Shara, endlich. Das wurde auch Zeit. Hast du Hunger? Soll ich Tee kochen? Setz dich doch erstmal. Rami schläft seit etwa einer Stunde.«

Wenn Em in Fahrt war, war es unmöglich, zu Wort zu kommen. Shara schaffte es gerade noch, das angebotene Essen abzulehnen, ehe Em sie zu einem der Sessel im Wohnzimmer bugsierte und in die Küche eilte. Den Geräuschen nach zu urteilen, kochte sie einen ihrer berühmten Tees. Shara gähnte und hatte Mühe, die Augen offen zu halten.

Besorgt runzelte Em die Stirn.

»Du siehst völlig fertig aus und diese Kräutermischung ist genau das, was du jetzt brauchst. Aber trotzdem hörst du mir gefälligst zu, wenn ich dir einen Vortrag darüber halte, dass du dir zu viel zumutest und zu wenig an dich denkst«, forderte sie und schob Shara eine Teetasse hin.

»Brauchst du nicht, aber …«

Mit einer energischen Handbewegung wurde sie unterbrochen.

»Kein ›aber‹. Ich habe nichts dagegen, dass du arbeitest, aber die ständigen Nachtschichten und Bereitschaftsdienste sind keine Dauerlösung. So kann es nicht weitergehen, sonst liegst du bald selbst im Krankenhaus.«

»Jetzt übertreibst du.«

Doch die Sorge in Ems Gesicht machte Shara nachdenklich. Vielleicht sollte sie ihr von dem Telefonat mit dem Anwalt erzählen. Sie stand auf und ging ans Fenster. Gedankenverloren nahm sie eine der Drachenfigur von der Fensterbank und drehte sie in der Hand. Trotz der eindeutigen Rechtslage wusste sie nicht, wie Ramis Vater auf ihre Forderung reagieren würde. Plötzlich stutzte sie. Es waren noch einige Leute auf der Straße unterwegs, doch es sah so aus, als würde sich in der gegenüberliegenden Garageneinfahrt jemand verstecken. Blödsinn, das wäre dem Mann mit dem Dackel garantiert aufgefallen. Sie stellte den Drachen zurück.

»Wenn alles gutgeht, hat dieses Leben bald ein Ende. Ich …«

»Kind, sag doch so was nicht«, unterbrach sie Em.

Lachend winkte Shara ab.

»Nein, so war das nicht gemeint. Ich habe ein Angebot für eine halbe Arztstelle. Ich hätte damit zwar mehr Zeit, aber zu wenig Geld. Deshalb habe ich über einen Anwalt von Ramis Vater Unterhalt für sie gefordert. Für mich will ich keinen Cent, aber es ist nur fair, wenn er endlich für seine Tochter zahlt, schließlich hat er genug Geld. Na, wie klingt das?«

»Eigentlich gut, aber ich habe trotzdem ein schlechtes Gefühl. Ich kann dir nicht sagen, woran es liegt. Vielleicht sollten wir die Karten fragen.«

»Du meinst, die verraten mir, wann er das erste Geld überweist?«

Der empörte Gesichtsausdruck ihrer Freundin stellte ihre gute Laune endgültig wieder her. Em war seit Sharas Ankunft in Deutschland vor rund zwölf Jahren zu einer Ersatzmutter für sie geworden, dennoch würde sie sich nie mit dieser Marotte abfinden.

»Oder sagt mir das Ding da den genauen Zeitpunkt?«

Sie zeigte auf Ems Kristallkugel und erhielt ein entrüstetes Schnauben als Antwort.

Viel zu schnell wurde es Zeit für den Aufbruch, sie trank den Tee aus und ging ins Schlafzimmer. Beim Anblick ihrer zehn Monate alten Tochter, die schlafend auf Ems Doppelbett lag, lächelte sie. Egal, wie es weiterging, ihr Kind war jeden Aufwand und jede Entbehrung wert.

Em war ihr gefolgt und seufzte.

»Wenn ich dich nicht überreden kann, heute Nacht hier zu bleiben, versprich mir wenigstens, dass du nicht durch den Park gehst. Auf die zehn Minuten kommt es nicht an und ich habe immer noch ein merkwürdiges Gefühl. Bitte nimm die Hauptstraße. Meinetwegen nenn es den Spleen einer alten Frau, aber tu es einfach.«

Eine halbe Stunde später saß Rami im Kinderwagen und spielte mit ihrem Teddy. Abgelenkt durch das vergnügte Lachen ihrer Tochter, schlug Shara den kürzeren Weg durch das Wandsbeker Gehölz ein. Erst schnelle Schritte hinter ihr, die plötzlich langsamer wurden, erinnerten sie an Ems Warnung. Sie drehte sich um. Erstaunt erkannte sie den Mann. Ehe sie reagieren konnte, fiel etwas Dunkles, Schweres auf sie. Ein heftiger Ruck, fester Stoff legte sich über ihr Gesicht und wie eine Schlinge um ihren Hals. Sie konnte nicht mehr atmen. Luft! Verzweifelt zerrte sie am Stoff, trat um sich. Die Angst um Rami setzte letzte Kraftreserven frei. Sie warf sich nach vorn, versuchte, dem festen Griff zu entkommen, stieß aber nur gegen den Kinderwagen.

Rami …!

Undurchdringliche Schwärze hüllte sie ein und löschte jeden weiteren Gedanken aus.

1

Elf Jahre später

Kriminalhauptkommissar Matthias Alberts überlegte, ob er am Wochenende ins Stadion gehen oder das Spiel des HSV am Fernseher verfolgen sollte. Im Wohnzimmer hätte er den besseren Überblick und das kühlere Bier, aber dafür fehlte die Stadionatmosphäre. Wenn Lotto King Karl die HSV-Hymne anstimmte, war Gänsehaut garantiert. Aber wog das die Anfahrt mit überfüllten Straßen oder S-Bahnen auf? Unbeeindruckt von seinen tiefschürfenden Problemen steuerte Sandra Meinke den Streifenwagen Richtung Alsterdorf. Ein Funkspruch riss ihn aus seinen Gedanken.

»Leitstelle an Peter 13, wo seid ihr?«

Ehe er darauf hinweisen konnte, dass sie sich den Wagen nur geliehen hatten und bereits auf dem Rückweg ins Präsidium waren, griff Sandra zum Funkgerät. »Hier Peter 13, Eiffestraße, Höhe Berliner Bogen.«

»Das passt. Wir haben einen anonymen Tipp bekommen, dass es exakt um 19:55 Uhr bei der Fischküche in Verbindung mit einem schwarzen Fahrzeug, Marke Mercedes Benz, ›knallen‹ soll. Das ist am Rödingsmarkt, Ecke Kajen. Näheres ist nicht bekannt. Ihr seid der einzige freie Wagen in der Nähe. Übernehmt ihr das?«

»Klar, verstanden. Wir sind unterwegs.«

»Großartig. Hast du solche Sehnsucht nach dem Streifendienst? Da steckt doch nichts hinter. Reine Zeitverschwendung. Aber egal, das Essen dort ist spitze. Gib Gas.«

»Aber kaum deine Preisklasse. Außerdem hast du deiner Frau versprochen, weniger zu essen, und du hast vorhin praktisch alle Kekse alleine gefuttert.«

Vielsagend blickte Sandra auf seinen Bauch, ehe sie sich wieder auf den Verkehr konzentrierte. Mit wochenlanger Übung ignorierte er die Stichelei.

Hinter dem Deichtortunnel verließ Sandra die B4 und bog vor dem ehemaligen Spiegel-Hochhaus in das Dovenfleet ein. Wenigstens war Matthias ein direkter Blick auf die Speicherstadt vergönnt. Tagsüber waren die Parkstreifen rechts und links der Straße überfüllt, aber um die Zeit gab es genug freie Plätze. Das wären ideale Voraussetzungen für ein Bier im Gröninger und einen anschließenden Bummel durch den Freihafen, um sich die neuesten architektonischen Abenteuer in der Hafencity anzusehen. Stattdessen wurde Sandra erst langsamer, als sie sich dem Rödingsmarkt näherten.

»Da vorne ist es.«

Als ob er das nicht selbst wüsste, und wie erwartet war kein Fahrzeug mit Stern auf der Motorhaube zu sehen.

Matthias lehnte sich in seinem Sitz zurück und gab sich keine Mühe, ein Gähnen zu unterdrücken. Für ihn war die Sache erledigt, leider sah Sandra das anders. Sie steuerte eine Parklücke wenige Meter von dem Restaurant entfernt an.

Sein bissiger Kommentar über ihren Übereifer blieb ihm im Hals stecken, als vor ihnen ein schwarzer Mercedes in zweiter Reihe mit Warnblinkanlage hielt. Ohne den Wagen aus den Augen zu lassen, schielte er auf seine Armbanduhr. 19:55 Uhr.

Damit war eine Entschuldigung bei Sandra fällig. Der Fahrer sprang aus dem Wagen und eilte in das Restaurant.

Mit einem Anflug von Unsicherheit blickte Sandra ihn an. »Mist, und jetzt?«

»Halterfeststellung. Dann sehen wir weiter. Für einen Zuhälter ist die Karre zu dezent und wie ein Dealer sieht der nicht aus. Bisher ist nur ein Zettel wegen Falschparkens fällig. Schlechter Geschmack bei Klamotten ist ja noch nicht strafbar.«

»Also mir gefällt der. Nur weil du Anzug und Krawatte nicht magst, muss das nicht für alle gelten.«

Ehe er sich einen orangefarbenen Schlips umbinden würde, würde er im HSV-Trikot das Millerntor-Stadion besuchen. Er kam nicht dazu, das Sandra klarzumachen. Mit einer Tüte in der Hand kehrte der Fahrer zurück, fuhr los und kam mit einem Ruck wieder zum Stehen. Der linke Außenspiegel hatte sich mit einem Knall in seine Bestandteile zerlegt.

»Verdammt, da schießt jemand! Raus hier!«

Sandra blieb wie versteinert sitzen. Er beugte sich vor, löste ihren Sicherheitsgurt und stieß die Fahrertür auf. Endlich reagierte sie. Gemeinsam gingen sie hinter dem Kofferraum des Streifenwagens in Deckung, obwohl das dünne Blech gegen großkalibrige Kugeln keinen wirklichen Schutz bot. Dank der Rotphase herrschte auf der Straße gerade kein Verkehr. Trotzdem … Das war Wahnsinn. Schüsse mitten in der Hamburger City. Mittlerweile fehlte nicht nur der Außenspiegel des Daimlers, die Frontscheibe sah aus, als sei sie von einem Spinnennetz überzogen.

Schussgeräusche waren nicht zu hören, aber die Schäden am Fahrzeug sprachen für sich. Zunächst hatte Matthias an die U-Bahnbrücke als Standort des Schützen gedacht, aber dort war niemand zu sehen.

»Vermutlich hat der Kerl ein Gewehr und sitzt da oben.« Er deutete auf die Silhouetten einiger Bürohochhäuser. »Mit unseren Waffen haben wir gegen den keine Chance. Behalt deinen Kopf unten.« Die Augen bis auf einen Spalt zusammengekniffen, suchte er nach einem verräterischen Aufblitzen.

»Nimm du deinen lieber auch runter.«

Als wollte der unbekannte Schütze Sandras Worte bestätigen, zersplitterte das Blaulicht des Streifenwagens.

»Scheiße!« Matthias verabschiedete sich von der Idee, das Mündungsfeuer ausfindig zu machen.

»Konntest du erkennen, was mit dem Fahrer ist?«

»Nein, wenn er schlau ist, hat er den Kopf unten und behält ihn dort. Keine Blutspuren, soweit ich gesehen habe. Ich kann nur hoffen, dass da drinnen jeder mit seinem Fisch beschäftigt ist und nicht ausgerechnet jetzt den Laden verlassen will.«

Zum Glück waren kaum Passanten unterwegs, nur auf der anderen Straßenseite war ein junges Pärchen stehen geblieben und beobachtete die Szene eher neugierig als verängstigt. Mit lautem Rattern überquerte die U3 die Brücke. Matthias hielt den Atem an, nichts geschah. Das war kein Amokschütze, trotzdem … Er musste etwas unternehmen. Es waren keine weiteren Schüsse gefallen, und seine Geduld war zu Ende. Er richtete sich auf. Als Sandra ihn zurückhalten wollte, winkte er ab.

»Wir können schlecht morgen noch hier sitzen. Von da oben kann er uns auch hier erwischen. Wenn er will.«

Sein bestimmter Ton war nur halbwegs gelungen, überzeugt wirkte Sandra nicht und auch sein Puls raste, als er mit der Dienstwaffe in der Hand in gebückter Haltung auf den Mercedes zulief.

»Polizei! Alles in Ordnung bei Ihnen?«

»Sieht es so aus, als ob irgendwas in Ordnung wäre?« Der Fahrer, der sich hinter dem Lenkrad zusammengekauert hatte, rappelte sich hoch und stieg offensichtlich unverletzt aus. »Was ist hier los?«

Soviel zum Thema geschocktes oder verängstigtes Opfer. Matthias setzte zu einer passenden Antwort an, doch Sandra kam ihm zuvor.

»Das würden wir gerne von Ihnen erfahren. Den Fahrzeugschein und Ihre Papiere.«

Der Blick durch das Zielfernrohr war überflüssig. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal ein Ziel verfehlt hatte, und keiner der abgegebenen Schüsse hatte eine besondere Herausforderung dargestellt. Nur das Verhalten des Polizisten war eine Überraschung gewesen. Statt in Deckung zu bleiben, hätte er beinahe seinen Standort entdeckt. Aber das zerschossene Blaulicht war als Warnung definitiv angekommen. Mit routinierten Handgriffen zerlegte er das Scharfschützengewehr.

Den Rucksack mit den Einzelteilen der Waffe neben sich, genoss er einige Sekunden den Ausblick auf den Hafen, der wie eine Postkartenidylle vor ihm lag. Es war Zeit, die Aussichtsplattform im Glockenturm des Michel zu verlassen. Weder das sieben Kilo schwere Gewehr noch die ausgetretenen Stufen der Wendeltreppe störten ihn beim Abstieg aus ungefähr achtzig Meter Höhe. Auf dem Weg zu der Seitentür, durch die er den Michel betreten hatte und jetzt verlassen wollte, blieb er inmitten des halbdunklen Kirchenschiffs stehen. Die tief stehende Sonne fiel auf die Jesusfigur, die über dem Holzaltar thronte. Das Spiel von Licht und Schatten war faszinierend.

»Vergebung? ›Auge um Auge, Zahn um Zahn‹ gefällt mir besser. Statt auf ausgleichende Gerechtigkeit zu vertrauen, nehme ich die Sache lieber selbst in die Hand.«

Zwiesprache mit einer Holzfigur? Er schüttelte den Kopf. Normalerweise hielt er sich nicht damit auf, sein Vorgehen zu rechtfertigen oder zu diskutieren.

Vorsichtig öffnete er die Seitentür einen Spalt. Der Vorplatz der Kirche war wie erwartet leer, wegen längst fälliger Sanierungsarbeiten war der Michel seit zwei Wochen nur in den Mittagsstunden für die Öffentlichkeit zugänglich, und die Handwerker hatten ihre Arbeit schon vor Stunden beendet. Auf der wenige Meter entfernten Ludwig-Erhard-Straße hastete eine Gruppe Geschäftsleute vorbei, aber niemand schenkte ihm oder der Kirche die geringste Aufmerksamkeit. Unbehelligt überquerte er an der nächsten Ampel die Straße und ging am Glaspalast des Deutschen Rings vorbei zum Großneumarkt.

Während Autofahrer ohne Anwohnerausweis in diesem Stadtviertel an der Parkplatzsuche schier verzweifelten, hatte er für sein Motorrad mühelos eine Lücke am Straßenrand gefunden. Er startete die Yamaha und fuhr über das Kopfsteinpflaster davon.

Mit einem unterdrückten Gähnen ließ Sven Klein, Kriminalhauptkommissar im Wirtschaftsdezernat des Landeskriminalamtes, seinen Blick über den Freihafen und die U-Bahnbrücke schweifen. Der Kaffee in seinem Plastikbecher war kaum genießbar und die Erklärungen des Kollegen, der bisher die Leitung vor Ort übernommen hatte, zu ausschweifend. Seit den Schüssen war eine knappe Stunde vergangen, der Tatort war weiträumig abgesperrt, und der Verkehr wurde über die Ost-West-Straße umgeleitet. Er verzog den Mund, als ihm bewusst wurde, dass er wie fast alle Hamburger weiterhin die alte Bezeichnung benutzte, obwohl der Abschnitt zwischen Deichtor und Rödingsmarkt seit 2005 offiziell Willy-Brandt-Straße hieß. Tagsüber hätte die Sperrung zu einem Verkehrschaos geführt, aber mittlerweile waren Berufsverkehr und Touristen von den Straßen verschwunden. Das enorme Aufgebot an Polizeibeamten wunderte ihn nicht, es kam glücklicherweise nicht jeden Tag vor, dass auf einen Streifenwagen geschossen wurde. Beamte der Abteilung für kriminaltechnische Untersuchungen – kurz KTU – versuchten mit Laserpointern, aus den Einschusswinkeln auf den Standort des Schützen zu schließen. Dünne rote Lichtstrahlen bohrten sich durch die Dunkelheit und formten ein bizarres Muster in den Abendhimmel, das wesentlich interessanter war als die Ausführungen des Kollegen. Svens Blick ruhte sekundenlang auf dem fernen Umriss des Michel. Knapp achthundert Meter, eindeutig zu weit, damit blieb nur eines der näher gelegenen Bürogebäude als Standort des Schützen.

Er verbarg seine Erleichterung, als sein Gegenüber sich endlich verabschiedete. Wenn der Kommissar, dessen Namen er bereits vergessen hatte, ihn nicht sofort nach seiner Ankunft überfallen hätte, wäre er vermutlich schon einen Schritt weiter.

Ein Mann im Anzug saß in einem der Streifenwagen und zog nervös an einer Zigarette, zündete sich mit der halb aufgerauchten die nächste an und rieb sich ununterbrochen mit der Hand über die Stirn. Obwohl es sich um das Opfer zu handeln schien, hätte er auf einen Tatverdächtigen getippt, ohne dies genauer begründen zu können.

Als eine Kollegin mit einer Thermoskanne an ihm vorbeiging, bat er sie um einen weiteren Becher. Das ekelhafte Zeug wäre die ideale Rache für Matthias’ fieses Grinsen, während er sich mit dem nervigen Kollegen herumgeschlagen hatte. Sie kannten sich zu lange, als dass seinem Freund seine Ungeduld entgangen wäre. An einen Streifenwagen gelehnt, musterte Matthias ebenfalls den nervösen Raucher.

»Alles in Ordnung bei dir?«, begrüßte ihn Sven und sah bedeutungsvoll auf das zerschossene Blaulicht.

Matthias nickte. »Nur genervt von der ständigen Frage, ob bei mir alles in Ordnung ist. Was machst du hier? Das hat nichts mit gefälschten Bilanzen oder geplatzten Schecks zu tun. Es geht um Schüsse. Die kamen aus einem Gewehr. Das erkennst du nicht, selbst wenn ein Schild dranhängt.«

»Mach mir doch ’ne Skizze. Vielleicht bin ich hier, um dir einen Kaffee zu besorgen.« Sven reichte ihm den zweiten Plastikbecher. »Schön dich zu sehen. Du musst aber nicht unbedingt auf dich schießen lassen, um mich zu treffen.«

»Anscheinend doch.«

Sven nickte unverbindlich. Dies war der falsche Ort, um auf den kaum versteckten Vorwurf einzugehen. Dann lieber eine Erklärung, warum er den Fall aufgehalst bekommen hatte.

»Das Opfer ist ein hohes Tier bei der Hamburger Bank und spielt mit den richtigen Leuten Golf oder sonst was. Er hat sich per Handy bei einem Referenten des Innensenators gemeldet, um sicherzustellen, dass wir unseren Job machen. Du kannst dir bestimmt vorstellen, wie unser Polizeipräsident auf den Anruf des Referenten reagiert hat.«

Matthias schmunzelte. »Ja, ich weiß, wie er auf solche Klüngeleien steht. Bei dem Telefonat hätte ich gerne zugehört. Aber wieso Wirtschaftsdezernat?«

»Weil ich eine andere Untersuchung laufen habe, bei der es am Rande um die Hamburger Bank geht, die mich aber nicht gerade auslastet. Tannhäuser meinte, dass ich das Ding hier gleich mit übernehmen kann. Was ist das überhaupt? Ein Mordanschlag mit Vorankündigung, und kein einziger Schuss trifft? Ist der Typ da das Opfer? Und wenn wir schon dabei sind: Wieso fährst du Streife? Nichts mehr mit Jugend und Prävention?«

»Doch, klar, wir waren auf dem Rückweg von einer Schulveranstaltung. Der Direktor meinte, es würde mehr Eindruck machen, wenn wir in Uniform auftauchen.« Matthias hielt den Kaffeebecher Richtung Streifenwagen, in dem der Raucher saß. »Zu dem Herrn. Er heißt Joachim Kranz, zweiundvierzig Jahre alt, wohnt in Eppendorf. Er hat keine Feinde und holt sich jeden Montag um diese Zeit bei der Fischküche seine Garnelenspieße ab. Erst hat er sich wie ein arroganter, aggressiver Hund benommen, und jetzt versucht er, meine Kollegin mit einer Charmeoffensive einzuwickeln.«

Mit Todesverachtung trank Sven seinen Kaffee aus, drückte den leeren Becher zusammen und stellte ihn aufs Wagendach. »Macht immer weniger Sinn. Was denkst du?«

Matthias nahm einen Schluck und verzog das Gesicht. »Widerliches Zeug, aber das meintest du wohl nicht. Fangen wir mit der widersprüchlichen Reaktion von Kranz an. Jetzt nervös, anfangs nur sauer, dass er eine Verabredung versäumt. Unglaublich, nachdem man gerade auf ihn geschossen hat, oder? Dann fällt ihm kein einziger möglicher Täter ein. Irgendein Name kommt doch immer hoch und wenn’s der Nachbar ist, der zur falschen Zeit den Rasen mäht. Bei den Stimmungsschwankungen und der Pupillengröße hätte ich zu gerne einen Drogentest angeordnet, aber dafür fehlt mir leider die Handhabe.« Matthias zuckte mit den Schultern und deutete mit dem Kaffeebecher auf den Mercedes. »Und dann sind da noch die Schüsse. Hast du dir den Daimler schon angesehen?«

Sven ahnte, worauf Matthias hinauswollte, war aber gespannt, ob sie beide zum gleichen Ergebnis gekommen waren. »Ja.«

»Der Täter wollte ihn nicht umbringen. Mit einem gezielten Schuss den Außenspiegel weggehauen und elf Mal auf die Front gefeuert. Alle dicht zusammen auf der Beifahrerseite und weit oben. Dazu der Treffer auf unser Blaulicht. Da konnte jemand verdammt gut mit seinem Spielzeug umgehen, wollte aber weder Kranz noch uns ernsthaft verletzen. Die Möglichkeit dazu hätte er gehabt.« Matthias zögerte kurz. »Wenn du mich fragst, ist es auch kein Zufall, dass sämtliche Geschosse im Wagen steckengeblieben sind und niemand durch herumfliegende Kugeln was abbekommen hat. Aber frag nicht, wie ich darauf komme. Einfach nur ein Gefühl. Vielleicht hat Sandra aus Kranz inzwischen was rausbekommen.«

»Ist das die Kollegin mit den kurzen, braunen Haaren bei ihm?«

»Genau, wenn man davon absieht, dass sie eine unverständliche Vorliebe für Grünzeug hat und mir dauernd meine Hamburger und Currywürste vermiesen will, hat sie einen guten Instinkt.«

Matthias gab Sandra ein Zeichen, zu ihnen zu kommen. »Sandra, das ist Sven Klein, LKA. Er hat die Leitung. Hat Kranz noch etwas Sinnvolles von sich gegeben?«

»Er redet zwar gerne über sich, aber nur belangloses Zeug, das kannst du vergessen. Ein absoluter Angeber. Aber er hat Angst, vielleicht einen Schock, seine Hände zittern, und er raucht eine Zigarette nach der anderen. Wenn du mich fragst, weiß er, worum es geht, behauptet aber das Gegenteil.«

»Großartig.« Auch wenn es nicht viel war, würden sie an diesem Abend nicht mehr erreichen. »Wenn ihr eure Zeugenaussagen schon vorläufig zu Protokoll gegeben habt, lasst uns für heute Schluss machen. Vielleicht finden die Techniker noch was. Wir treffen uns übermorgen bei mir im Büro, sehen uns an, was wir haben, und regeln das weitere Vorgehen.«

Ungeduldig schüttelte Sandra den Kopf. »Was ist mit morgen? Ich will wissen, was hier los ist.«

Das wurde immer besser, jetzt erzählte ihm eine junge Kollegin, wie er seinen Job erledigen sollte. Für eine Erklärung, warum Polizisten nach einer Schießerei einen Tag Sonderurlaub bekamen und warum er ihre Hilfe im Moment nicht benötigte, fehlte ihm die Geduld.

»Alles Weitere übermorgen in meinem Büro.« Bisher hatte es niemand gewagt, ihm zu widersprechen, wenn er diesen Ton anschlug. Dies galt auch für die junge Kollegin.

2

Wieder wurde Sven zum Halten gezwungen, nachdem er den Wagen in den letzten fünf Minuten keine zwanzig Meter bewegt hatte. Hätte er gewusst, dass am Winterhuder Marktplatz die Ampeln ausgefallen waren, wäre er zu Fuß gegangen. Hellsehen gehörte allerdings nicht zu seinen Fähigkeiten, und der Verkehrsfunk auf NDR2 hatte kein Wort über das Chaos zwischen Kellinghusen Straße und Jahnstraße verloren. Großartig. Ungeduldig trommelte er auf das Lenkrad seines BMWs. Er hatte es für eine gute Idee gehalten, sich mit Joachim Kranz in dessen Haus in Eppendorf zu verabreden. Das private Umfeld des Mannes interessierte ihn und würde ihm mehr verraten als das Büro in der Bank. Soweit die Theorie. Zu Fuß hätten sie die kaum drei Kilometer schon zurückgelegt. Da seine Ungeduld kein ausreichender Grund war, das Blaulicht aufs Dach zu klemmen, beschloss er, dass ein Gespräch mit Matthias ihn auf andere Gedanken bringen konnte. Sein Freund war unerwartet im Polizeipräsidium aufgetaucht und hatte sich nicht davon abbringen lassen, ihn zu Kranz zu begleiten.

»Wenn Sandra erfährt, dass du heute mit mir zusammenarbeitest, dürftest du Ärger bekommen.«

»Lieber Ärger mit ihr, als einen freien Tag zu Hause.«

»Was ist denn bei euch los?« Sven zögerte, ehe er weitersprach. »Ist zwar schon etwas her, aber ich habe deine Frau nicht als Hausdrachen in Erinnerung, der dir das Leben zur Hölle macht.«

»Schönen Wagen hast du. Mit deinem Fünfer BMW kommt meine alte Gurke nicht mit, also hast du beim Alten immer noch einen Stein im Brett. Aber du hast für den Laden auch genug riskiert. Berichtest du immer noch direkt an den Präsidenten und umgehst elegant den Chef des LKA?«

Sven ging auf die Stichelei nicht ein, sondern sah seinen Freund wortlos an, bis der einlenkte.

»Also gut, Yvonne hat beschlossen, dass ein freier Tag die ideale Gelegenheit ist, um neue Klamotten für mich zu kaufen. Ich habe zwei ordentliche Jeans, das reicht völlig aus. Frauen.«

»Vielleicht hat sie eine andere Definition von ordentlich als du. Wenn diese Jeans bei dir als ordentlich gilt …«

Matthias blickte dermaßen verständnislos auf seine ausgeblichene Jeans, dass Sven sich ein Grinsen verkneifen musste.

»Und wieso bist du jetzt hier?«

»Weil ich ihr gesagt habe, dass du unerwartet Hilfe brauchst und unser Einkaufsbummel deshalb leider warten muss. Ich soll dich übrigens zum Essen einladen.«

»Ich denke darüber nach.«

Erst Matthias resigniertes Nicken machte Sven die Wirkung seiner Worte bewusst.

»Das ist eine Zusage, ich meine nur, dass wir uns noch einen passenden Termin aussuchen müssen.«

Matthias sah ihn zunächst verblüfft, dann erfreut an.

Verlegen wich Sven dem Blick seines Freundes aus. »Nun mach kein Drama draus. Es tut mir auch leid, dass wir uns die letzten Jahre nur selten getroffen haben. Ich brauchte einfach ein bisschen Zeit.« Das war reichlich untertrieben. Matthias’ erhobene Augenbraue sprach Bände. Sven zwang sich zu einem Grinsen. »Meinetwegen auch zu lange.«

Matthias boxte ihn als Antwort freundschaftlich in die Seite.

Endlich setzte sich die Fahrzeugkolonne wieder in Bewegung, und sie kamen ihrem Ziel einige Meter näher.

»Das habe ich überhaupt noch nicht erlebt, da hat man einen Termin, zu dem wir gerade noch pünktlich erscheinen, und dann ist der Herr nicht zu Hause.« Kranz’ Frau hatte ihnen ausgerichtet, dass sie ihn bei Bedarf in der Bank treffen könnten, die sich am anderen Ende der Stadt befand. »Am Liebsten würde ich den Kerl festnehmen.«

»Nenn mir eine gute Begründung, meine Unterstützung hast du. Wenigstens haben wir eine sehr gute Tasse Kaffee bekommen, seine Frau war nett, und die Kekse waren auch nicht zu verachten.«

»Denkst du jemals an etwas anderes als Essen und Trinken? Immerhin war ihr das Ganze peinlich.«

»Eine große Hilfe war sie trotzdem nicht. Über die Schüsse entsetzt, aber nicht sonderlich überrascht, würde ich sagen.«

»Stimmt. Vielleicht war die Fahrerei doch nicht ganz umsonst, denn es passt nichts richtig zusammen: einerseits der arrogante Kerl, andererseits die sympathische Frau; ein nettes Wohnzimmer mit einer chaotischen Spielecke für Kinder, aber eine wahnsinnig teure Küche, die aussieht, als ob sie nie benutzt wird. Und dann das Haus, damit hatte ich auch nicht gerechnet.«

Sven betrachtete das Gebäude, das sie gerade erst verlassen hatten. Bei Eppendorf und dem Auftreten des Bankmanagers hatte er automatisch an einen repräsentativen Wohnsitz gedacht. Die Alster befand sich quasi um die Ecke, dennoch handelte es sich bei Kranz’ Stadthaus um ein sehr schmales, dreigeschossiges, rot geklinkertes Reihenhaus. Ansatzweise erinnerte die Gestaltung der Fassade an die alten, herrschaftlichen Villen in dieser Gegend, aber der Carport, der einen vernünftigen Vorgarten ersetzte, wirkte wie ein Fremdkörper. Außerdem waren die sechs Stadthäuser von mehrgeschossigen Wohnblöcken umgeben, so dass Sven ein Gefühl der Enge nicht abschütteln konnte.

Auch Matthias betrachtete das Haus. »Mein Fall wäre das nicht, aber du musst für so ein Objekt einiges auf den Tisch legen. Eppendorf ist Eppendorf, der Name macht’s. Wenn du mich fragst, passt die Frau eher in eins der Neubaugebiete in den Vororten und er nach Winterhude. Egal, was machen wir jetzt?«

»Wir fahren zur Bank. Ich verspreche mir zwar nichts davon, aber er soll merken, dass er so nicht mit mir umgehen kann. Wenn es sein muss, schleife ich ihn persönlich aus einer Vorstandsbesprechung. Der wird mit mir sprechen, verlass dich drauf. Schnall dich an. Ich will … Scheiße, was macht die denn da?«

Keine fünf Meter vor ihnen streckte eine Frau in einem Toyota ihren Arm durch das Beifahrerfenster und tat, als wolle sie auf das Haus von Kranz schießen.

Die Hand an der Dienstwaffe sprang Sven aus dem BMW und rannte auf den Wagen zu. Das Fahrzeuginnere des Kombis entsprach nicht im Geringsten seinen Erwartungen: ein mit diversen IKEA-Kartons bis ans Dach vollgepackter Kofferraum und auf dem Rücksitz zwei schlafende Babys in Kindersitzen. Keine sichtbaren Waffen, weder bei der Beifahrerin noch bei der Fahrerin, und die Frau auf dem Fahrersitz sah ihn erschrocken an. Durch den harmlosen Anblick beruhigt, hielt er seinen Dienstausweis ans Fenster und gab ihr ein Zeichen, die Scheibe herabzulassen.

»Sven Klein, Landeskriminalamt Hamburg. Was soll das werden?«

»Was meinen Sie? Im Parkverbot stehe ich nicht, und für Verkehrskontrollen ist kaum das LKA zuständig, oder habe ich da was verpasst?«

Das war keine Antwort auf seine Frage, und die deutliche Ironie in ihrer Stimme gefiel ihm nicht. »Machen Sie nur so weiter, und Sie können mir Warndreieck und Verbandskasten zeigen – sofern Sie die Sachen in dem Chaos überhaupt finden. Was sollte diese kleine Pantomime? Wer sind Sie, und in welcher Beziehung stehen Sie zu der Familie, die in dem Haus wohnt?«

»Gegenfrage: Können Sie mir einen Paragraphen in einem der unzähligen deutschen Gesetze nennen, der es mir verbietet, mit einem imaginären Gewehr auf ein Haus zu schießen? Und Ihre Drohung können Sie sich in … ich meine, suchen Sie sich Verbandskasten und Warndreieck gefälligst selbst raus.«

Matthias trat näher an den Toyota heran, wodurch sich die Situation etwas entspannte. Sven atmete tief durch, beinahe wäre sein Temperament mit ihm durchgegangen, doch er beherrschte sich und schluckte seinen Ärger herunter.

Die Frauen im Wagen hatten beide lange blonde Haare, die sie offen trugen, und waren dennoch völlig unterschiedliche Typen. Während die Beifahrerin mit ihren hellen, weizenblonden Haaren und weichen Gesichtszügen sanft und freundlich wirkte, war die Fahrerin ein kantigerer, lebhafterer Typ, zu der die Haarmähne aus den unterschiedlichsten Blondtönen perfekt passte. Als sie die Sonnenbrille abnahm und ihn aus tiefblauen Augen wütend anfunkelte, ahnte Sven, dass ihr Temperament seinem in nichts nachstand.

Die Beifahrerin legte ihrer Freundin eine Hand auf den Arm. »Bevor das auf Beamtenbeleidigung und Polizeiwillkür hinausläuft, könntet ihr beide euch vielleicht wie zwei zivilisierte Menschen benehmen? Darauf, dass ihr die Kinder weckt, kann ich verzichten. Mir ist jedenfalls auch nicht bewusst, dass wir eine Straftat begangen haben.«

Die ruhigen Worte der Frau wirkten wie eine kalte Dusche. Erstmals widmete Sven ihr seine ganze Aufmerksamkeit und vergaß Kranz, den Grund der Auseinandersetzung und die aufgebrachte Fahrerin. Vergeblich versuchte er, ihre von einer Sonnenbrille verdeckten Augen zu erkennen. Im Gegensatz zu ihrer Freundin trug sie keinen Ehering. Irritiert über seine Überlegungen, schüttelte er leicht den Kopf, aber als sie die Sonnenbrille abnahm, vergaß er sämtliche dienstlichen Belange.

Hellblau. Sie hatte hellblaue Augen, die perfekt zu dem gebräunten Teint und den blonden Haaren passten.

Die Fahrerin wechselte einen Blick mit Matthias, den Sven nicht deuten konnte. »Da wir uns einig sind, dass keine Straftat vorliegt, fahren wir jetzt. Sie können sich ja melden, wenn Sie noch was von uns wollen.«

Ohne auf eine Antwort zu warten, startete sie den Motor und fuhr los, wobei sie die geltende Geschwindigkeitsbegrenzung von 30 km/h großzügig auslegte.

Das gab’s doch nicht. Sven starrte dem Wagen hinterher und ging, immer noch fassungslos, zu seinem Dienstwagen zurück.

»Die kann uns doch nicht wie dumme Schuljungen stehen lassen.«

»Kann sie anscheinend doch. Was stört dich denn? Dass sie deine natürliche Autorität ignoriert hat? Oder dass sie deinen Flirt mit ihrer Freundin unterbrochen hat? Vielleicht hatte sie Angst um ihre Autoelektronik. So, wie es zwischen euch gefunkt hat, hatte ich befürchtet, dass uns jeden Moment die Sicherungen des Toyotas um die Ohren fliegen. Ich fand sie in Ordnung.«

Zufrieden lehnte sich Matthias in seinem Sitz zurück und wartete entspannt auf eine Reaktion.

Sven dachte an den verschwörerischen Blickwechsel zwischen ihm und der Fahrerin.

»Spinnst du?«

Matthias blickte ihn unschuldig an. »Nein, aber wenn sie gewartet hätte, wärst du mit dem Dienstkram gekommen und das wär’s gewesen. Sei doch ehrlich, du glaubst doch nicht wirklich, dass die auf Kranz geschossen haben. So, wie sich der Typ aufführt, stehen die Leute wahrscheinlich Schlange, um ihn zumindest imaginär in die ewigen Jagdgründe zu befördern. Ich bin zwar kein Profiler, aber von den Frauen kommt keine als Täterin in Frage. Die haben sich aus einem anderen Grund über den Banker geärgert. So, damit das auch offiziell geklärt wird, wirst du jetzt herausbekommen, wer die Fahrerin ist, und sie anrufen. Das hättest du sonst nie gemacht und schon gar nicht, wo du davon ausgehen musst, dass eines der Kinder auf dem Rücksitz zu ihrer Freundin gehört.« Matthias sah ihn abwartend an.

»Ich hätte …«

Weiter kam er nicht.

»… dich aufs Dienstliche beschränkt. Eben, sag ich doch. Genau wie bei uns in den letzten Jahren. Jetzt kann ich dich in Ruhe davon überzeugen, dass du dir diese Gelegenheit nicht entgehen lassen solltest.«

Darauf konnte Sven verzichten. Wenn Matthias sich in ein Thema verbiss, besaß er die Geduld eines Terriers. Er ignorierte die unverblümten Vorwürfe. »Da gibt es nur ein kleines Problem. Wir haben weder Namen noch Anschrift der beiden.«

»Wir haben das Autokennzeichen und die Fahrerin wird wohl wissen, warum sie sich über Kranz geärgert hat und wie ihre Freundin heißt. Nun sag nicht, du hast nicht darauf geachtet?«

»Nun ja, um ehrlich zu sein …«

»Gut, dass du mich hast.« Matthias legte ihm eine Hand auf die Schulter, aber Sven schnaubte nur. Seinem Freund stand die Zufriedenheit förmlich auf die Stirn geschrieben, während in ihm die Zweifel wuchsen. Er hatte es in den letzten Jahren nicht einmal riskiert, den Kontakt zu Matthias aufrechtzuhalten. Sicher, die Frau hatte etwas an sich gehabt. Aber ein Kind? Nachdem er gerade gelernt hatte, mit seiner Vergangenheit zu leben? Als Matthias zur nächsten Bemerkung ansetzte, hob Sven warnend die Hand. »Es reicht. Ich könnte dich eh schon …«

»Küssen?«, schlug Matthias vor. »Das ist nicht erforderlich, noch nicht. Ich wollte dir nur das Ergebnis der Halterabfrage mitteilen.«

Halterabfrage? Der Gedanke an die Unbekannte hatte ihn derart abgelenkt, dass er das Gespräch mit der Leitstelle nicht mitbekommen hatte. »Ich dachte an erwürgen. Schön langsam, damit ich möglichst viel davon habe.«

Matthias grinste ihn an. »Bei deiner Ausbildung hätte ich keine Chance gegen dich. Das wäre unfair, und das bist du nie gewesen.« Das Grinsen seines Freundes bekam eine boshafte Note. »Genauso wenig wie feige. Oder hast du dich so verändert? Also, die vermutliche Fahrerin heißt Alexandra Groß, und es liegt nichts gegen sie vor.«

Kranz’ Arbeitsstätte befand sich in unmittelbarer Nachbarschaft der Hamburger Hauptverwaltung der Deutschen Bundesbank. Matthias verzog den Mund. »Das reinste Bankenviertel im Miniaturformat. Auf der anderen Seite der Trostbrücke findest du die Commerzbank, da drüben, das dunkle, hässliche Teil gehört zur Deutschen Bank, und in dem Ding an der Ecke zum Rödingsmarkt war ein Teil der Hamburger Sparkasse, bis sie in die City Süd ausgewandert ist.«

Sven ignorierte Matthias’ Auftritt als Stadtführer und parkte direkt vor der Zentrale der Hamburger Bank im Halteverbot, befestigte das magnetische Blaulicht auf dem Dach und warf ein Schild mit der Aufschrift »Polizei Hamburg« auf das Armaturenbrett. Matthias verfolgte seine Aktionen mit hochgezogener Augenbraue.

»Du weißt, dass …«

Sven fehlte die Geduld für einen Vortrag über Vorschriften.

»Wenn du Wert auf einen richtigen Parkplatz legst, kannst du eine Parklücke suchen.«

Das war zu dieser Tageszeit zwischen Willy-Brandt-Straße und der Grenze zur Speicherstadt ein aussichtsloses Unterfangen.

»Schon gut, ich sag nichts mehr.«

»Gut. Ich schlage vor, dass wir uns trennen. Ich knöpfe mir Kranz vor, und du hörst dich bei den Mitarbeitern um, vielleicht schnappst du etwas Brauchbares auf. Ich rufe dich an, wenn ich mit Kranz fertig bin.«

»Einverstanden, ich lege keinen gesteigerten Wert darauf, den Kerl zu treffen. Am besten versuche ich mein Glück in der Cafeteria, sofern es eine gibt.«

»Klar, wo auch sonst. Ich bin sicher, dass du etwas Essbares auftreiben wirst.«

Mit einem Anflug von Neid sah Sven Matthias nach. Seinem Freund fiel es leicht, auf andere Menschen zuzugehen. Er kam schnell mit jedem ins Gespräch und hatte in der Vergangenheit so häufig Dinge erfahren, die ihnen den entscheidenden Durchbruch verschafft hatten. Mittlerweile hatte sich sein Äußeres diesem Charakterzug angepasst. Mit dem deutlichen Bauchansatz, dem dunkelblonden Vollbart und den freundlichen braunen Augen erinnerte er an einen gemütlichen Teddybären. Aber Sven wusste, dass dieser Eindruck täuschte. Erstmals gelang es ihm, ohne Bitterkeit an die Vergangenheit zu denken, und er stellte fest, dass ihm die Zusammenarbeit mit seinem Freund gefiel.

Zwanzig Minuten später wartete Sven gegen den Dienstwagen gelehnt zunehmend ungeduldig auf Matthias. Als der das Bankgebäude verließ, hielt er eine Packung mit Schokoladenkeksen in der Hand und kaute sichtlich zufrieden.

Kaum, dass sie im Wagen saßen, hielt er ihm die Kekse hin. »Hier, Nervennahrung. Nimm einen.«

»Nein danke. Mir reicht es, wenn du etwas Vernünftiges herausgefunden hast.« Sven fuhr los und ignorierte, dass er einen anderen Verkehrsteilnehmer zum Bremsen zwang.

»Wenn ich von deinem Fahrstil auf den Verlauf des Treffens mit Kranz schließe, hättest du dir das wohl schenken können.«

»Genau. Er weiß nichts und will auch nichts wissen. Es sei schließlich mein Job herauszubekommen, wer auf ihn geschossen hat, und so weiter, und so weiter. Feinde hat er natürlich keine. Ich hoffe, du hattest mehr Erfolg.«

»Hatte ich.« Mit einem letzten bedauernden Blick verstaute Matthias die Kekse im Handschuhfach. »Eine vollständige Liste von allen, die gerne selbst auf ihn geschossen hätten, wäre einige Meter lang. Und es ist ein Name gefallen, den wir kennen.«

Die Versuchung wurde übermächtig, seinen Freund anzufauchen, als dessen Kunstpause kein Ende nahm, aber Sven beherrschte sich.

»Alexandra Groß, die vermutliche Fahrerin des Toyotas von vorhin. Kranz hat sie auf fiese Art und Weise aus der Firma gekickt. Also, in der Cafeteria sind ein paar nette Automaten mit Süßigkeiten und die Raucherecke. Ich habe mir dort die Kekse besorgt, die du überhaupt nicht zu würdigen weißt, und bin mit zwei Frauen, die gerade eine Zigarettenpause machten, ins Gespräch gekommen. Die beiden haben meine Kekse gegessen und mir einiges über Kranz’ Methoden und sein Verhalten erzählt. Die wären auch bereit, dem Schützen ein ordentliches Trinkgeld zu geben, und haben bedauert, dass der Typ nicht getroffen hat. Der Kerl scheint echt über Leichen zu gehen. Kranz meine ich jetzt, nicht den Schützen.«

Bei Kranz’ Auftreten überraschte Sven das nicht. Allerdings wurde ihre Aufgabe dadurch nicht einfacher und sie würden sich auf jeden Fall Alexandra Groß genauer ansehen müssen. Der Gedanke gefiel ihm, wobei er jedoch eher an ihre Freundin als an einen möglichen Zusammenhang zu den Schüssen dachte. Aber vorher würde er seine Verbindungen spielen lassen, um eine kleine Überraschung für Matthias vorzubereiten.

3

Es war an diesem Morgen bereits Svens dritter Versuch, ein zähes und letztlich überflüssiges Telefonat zu beenden. Gedanklich beschäftigte er sich mit Kranz, während ein Kollege aus Cuxhaven ihm einen Vortrag zum Thema »Zuständigkeiten« hielt und das bei einem abgeschlossenen Fall.

Sven fuhr sich mit der Hand durch die Haare, obwohl er wusste, dass er damit jeden Ansatz einer ordentlichen Frisur zerstörte. Matthias zwinkerte ihm zu, und er musste schmunzeln. Einige Dinge änderten sich nie. Sein Freund hatte ihn schon früher oft wegen dieser Angewohnheit aufgezogen.

Während sich Matthias ihm gegenüber lässig auf einem der Besucherstühle räkelte, blickte sich Sandra neugierig um. Viel zu sehen gab es nicht. Keine Bilder, keine Fotos, keine persönlichen Gegenstände, genau so wollte er es haben, einfach nur ein nüchterner Arbeitsplatz im Behörden-Einheitslook. Der Raum bot ausreichend Platz für einige Wandschränke und zwei Stühle, die auf der anderen Seite des Schreibtisches standen. Einziger Farbfleck war eine halbvertrocknete Pflanze, die auf der Fensterbank ein jämmerliches Dasein fristete, von seinem Bürovorgänger stammte und bisher überraschenderweise überlebt hatte.

Sandra hatte schon erfahren, dass sie am gestrigen Tag nicht untätig gewesen waren, dies aber nach einem warnenden Blick von Matthias nicht kommentiert.

Endlich verabschiedete sich der Kollege. Mit Nachdruck legte Sven den Hörer auf und gratulierte sich zu seiner Geduld. »Ich dachte schon, der kommt nie zu einem Ende.«

»Manche Dinge ändern sich eben nie.« Matthias faltete die Hände vor seinem Bauch und sah aus wie ein Priester, der bereit war, einem Sünder die Beichte abzunehmen.

»Ich hoffe, dein Kommentar bezieht sich auf den Kollegen in Cuxhaven.«

»Ich dachte eher an deine rührende Rücksichtnahme auf Zuständigkeiten und Kompetenzen.«

»Sicher, Matthias. Ich werde den nächsten Täter höflich bitten, Wohnort und Ort des Verbrechens aufeinander abzustimmen, damit es keine Probleme in der Abstimmung der Länderbehörden gibt. Genug davon, kümmern wir uns um Kranz. Ich möchte, dass wir diesen Fall weiterhin zusammen bearbeiten. Vermutlich wollt ihr auch wissen, wer auf euch geschossen hat, oder? Der Polizeipräsident hat beschlossen, dass die weitere Untersuchung in meine Zuständigkeit fällt. Die Mordkommission ist raus, da die Techniker Matthias’ ersten Verdacht bestätigt haben und wir davon ausgehen, dass den Schüssen keine Tötungsabsicht zu Grunde lag.«

»Der Polizeipräsident? Meinst du nicht den Chef des LKA?«, hakte Sandra nach.

Sven hatte keineswegs vor, ihr seine Sonderstellung beim LKA umfassend zu erklären. Es war Zeit für einen kleinen Dämpfer, nachdem sie mitbekommen hatte, wie locker er und Matthias miteinander umgingen und er ihr das kollegiale »Du« angeboten hatte.

»Ich kenne den Unterschied zwischen dem Chef des LKA und dem Polizeipräsidenten. Ich hatte ja schon erwähnt, dass die ›Hamburger Bank‹ bereits in einem meiner anderen Fälle auftaucht. Obwohl ich da derzeit noch keine Verbindung sehe, macht es Sinn, dass bei mir die Fäden zusammenlaufen.« Er zog ein Schreiben aus dem Papierstapel und reichte es Matthias. »Das ist die Zustimmung eures Vorgesetzten zur befristeten Zusammenarbeit mit mir. Wenn ihr lieber zurück zur Trachtentruppe wollt, sagt das.«

Matthias wirkte zufrieden. »Von wegen Trachtentruppe, das habe ich dir gestern schon erklärt. Das meintest du also, mit ›bei Bedarf forderst du Personal an‹. Meinetwegen. Gerne. Ich freue mich darauf, mit meinem alten Partner zusammenzuarbeiten. Was ist mit dir, Sandra?«

Sandra nickte stumm, aber ihre Augen glänzten, und Sven musste sich ein Grinsen verkneifen. Er konnte sich ungefähr vorstellen, wie es war, mehr oder weniger direkt von der Polizeischule zu einem Sondereinsatz fürs LKA abkommandiert zu werden.

»Gut, dann wäre das geklärt. Die Jungs von der KTU haben einiges herausgefunden. Allerdings wirft das mehr neue Fragen auf, als dass es Antworten liefert.«

»Ich habe auch was.« Sandra zog ein Blatt Papier aus ihrer Tasche und sah Sven unsicher an. Erst als er auffordernd nickte, gewann sie ihre Selbstsicherheit zurück. »Die Staatsanwaltschaft muss Kranz schon im Visier gehabt haben. Es wurde eine Abfrage wegen eventueller Vorstrafen gemacht.«

Sven erkannte den Ausdruck einer Protokolldatei. »Geht daraus auch hervor, wer sich mit Kranz befasst hat?«

»Ja, Natascha Berg, Staatsanwältin. Allerdings macht das eingegebene Aktenzeichen keinen Sinn. Das steht nämlich für einen Fall von Schwarzfahrerei.«

»Langsam. Ich verstehe nicht mehr ganz, wer was warum gemacht hat und wo das Problem ist. Welches Aktenzeichen?« Ratlos starrte Matthias auf den Computerausdruck mit den für ihn kryptischen Daten.

»Ich war heute früh bei der Staatsanwaltschaft, um mich zu erkundigen, ob die schon mit Kranz zu tun hatten.«

»Und das erzählen sie dir einfach so?«

Plötzlich interessierte sich Sandra auffallend für den Ausblick aus dem vierten Stock des Polizeipräsidiums. »Ein Bekannter arbeitet in der Abteilung für Information und Kommunikation. Er hat für mich im Computer nachgesehen. Als Frau Berg die Abfrage über Kranz gemacht hat, musste sie angeben, für welchen Fall sie die Infos braucht, und das wird protokolliert, wegen Datenschutz und Datenmissbrauch und so. Aber das Aktenzeichen, das sie als Begründung durchgegeben hat, betrifft einen Asylbewerber aus Ghana, der beim Schwarzfahren erwischt worden ist. Das macht nun wirklich keinen Sinn.«

Während sich Matthias nachdenklich zurücklehnte, tat Sven die Sache mit einem Schulterzucken ab. »Von wegen Datenschutz: So ganz korrekt war die Anfrage bei deinem Bekannten auch nicht. Wahrscheinlich hatte Natascha keine Lust, das richtige Aktenzeichen zu suchen, und hat das erstbeste genommen, das ihr in die Finger fiel. Das habe ich auch schon gemacht. Aber nun verstehe ich ihre Mail. Sie hat mich nämlich gebeten, heute bei ihr vorbeizusehen.«

»Zu dritt macht der Klönschnack viel mehr Spaß. Um den Papierkram kann sich auch Sandra alleine kümmern.«

Matthias hoffnungsvoller Blick ließ Sven kalt. »Vergiss es.«

»Kennt ihr die Staatsanwältin schon länger?«

»Wir hatten schon miteinander zu tun«, wiegelte Sven ab, da Freundschaften zwischen Polizisten und Staatsanwälten eher ungewöhnlich waren und nicht von allen gerne gesehen wurden. Er stand auf. »So, Leute, ich verschwinde Richtung Staatsanwaltschaft. Den Bericht der Techniker könnt ihr euch selbst durchlesen, vor allem die Sache mit der Entfernung, aus der geschossen wurde, ist interessant. Grabt bitte weiter alles Mögliche und Unmögliche über Kranz aus. Aber vergesst nicht, bei Abfragen im Computer immer brav das richtige Aktenzeichen einzugeben.«

Trotz des klimatisierten Büros klebte das Hemd unangenehm feucht auf seinem Rücken. Joachim Kranz presste das Handy fester ans Ohr und wartete nervös auf eine Antwort.

»Sie sollen diese Nummer nur im Notfall anrufen.«

Er weigerte sich, sich von dem kalten Ton einschüchtern zu lassen. »Man hat auf mich geschossen. Das ist für mich ein Notfall.«

Ein kurzes Zögern am anderen Ende der Leitung. »Ich bezweifle, dass dieser Zwischenfall mit unserer geschäftlichen Vereinbarung zusammenhängt.«

»Und wenn doch?«

»Dann kappen wir alle losen Enden, die zu uns führen.«

Bei der leidenschaftslosen Ankündigung zitterte seine Hand, und Kranz beschloss, seine Vermutungen über das Motiv des Anschlages für sich zu behalten. Entschieden verdrängte er die Angst über die unausgesprochene Drohung und konzentrierte sich auf sein Ziel. Er musste seine Geschäftspartner dazu bringen, ihm zu helfen. Eine andere Möglichkeit gab es nicht.

»Es kann nur um unsere Geschäfte gehen.« Das war eine glatte Lüge, aber das konnte sein Gesprächspartner nicht ahnen. Kranz zögerte den Bruchteil einer Sekunde. »Die letzte Person, die für uns zu einem Problem zu werden drohte, habe ich allein aus dem Weg geräumt. Jetzt könnte ich Ihre Unterstützung gebrauchen.«

Fehler, das hätte er besser nicht erwähnt. Statt Begeisterungsstürme wegen seiner Selbstständigkeit zu ernten, kühlte die Gesprächsatmosphäre weiter ab, sofern das überhaupt noch möglich war. Nervös nestelte Kranz an der Schreibtischunterlage aus Leder, während er auf die Reaktion wartete.

»Erklären Sie mir das. Ganz genau.«

Das Mobiltelefon drohte aus seinen feuchten Händen zu rutschen. Kurz erwog er, sich zu weigern. Er ahnte dumpf, dass seine nächsten Worte für eine ehemalige Mitarbeiterin nicht ohne Folgen bleiben würden. Dann siegten seine Angst und die Hoffnung, seine Partner für eigene Zwecke einspannen zu können.

Die Bürotür stand offen. Natascha Berg las konzentriert in einer Akte, ließ dabei einen Bleistift durch ihre Finger wandern und hatte die Füße auf dem Papierkorb abgelegt. Mit einem leichten Klopfen gegen den Türrahmen kündigte Sven seine Ankunft an.

»Komm rein.« Natascha deutete auf einen Stuhl, der vor ihrem Schreibtisch stand, und setzte sich gerade hin.

»Störe ich? Du hattest keine genaue Zeit angegeben.«

»Schon in Ordnung. Lass es uns schnell erledigen.« Seufzend strich sie sich die rotbraunen Locken aus dem Gesicht. Den kühlen Blick aus ihren grünen Augen kannte Sven bisher nur aus dem Gerichtssaal, wenn sie Angeklagte ins Kreuzverhör nahm.

Vor dem Fenster kam die Sonne hinter einer Wolke hervor und tauchte den Raum in ein grelles Licht. Geblendet kniff Natascha mit einer gemurmelten Beschwerde die Augen zusammen.

Rasch durchquerte Sven das Büro und ließ das Rollo herunter. »Besser?«

»Ja, danke.«

In einem Versuch, die Stimmung zu lockern, wies Sven auf einige Fotos an der Wand, die dem Büro Farbe und Persönlichkeit verliehen. »Die drei kenne ich noch nicht. Von deiner Südafrika-Reise?«

»Ja. Nach fünf Monaten habe ich die Fotos doch noch sortiert. Die sind aus dem Krüger-Nationalpark und von der Küste.« Endlich zog ein Lächeln über ihr Gesicht. »Das Land ist genial.«

»Du kannst so viele Neue aufhängen, wie du willst, aber bitte lass ihn hängen.« Er zeigte auf das Bild eines einsamen Bisons, der mitten auf einer Straße im Yellowstone Nationalpark in der untergehenden Sonne stand. Natascha hatte schon häufiger amüsante Anekdoten von einer USA-Reise erzählt, die sie nach dem Ende ihres Studiums zusammen mit einer Freundin unternommen hatte.

»Damit wären wir beim Thema.«

Sie wollte mit ihm über einen Bison reden?

»Schließ bitte die Tür. Die Kollegen müssen nicht jedes Wort mitbekommen, wenn es um persönliche Dinge geht.«

Persönlich? Er erfüllte ihr den Wunsch und ließ sich wieder auf den Stuhl fallen.

»Du interessierst dich also für Britta.«

Zunehmend besorgt suchte er im Gesicht der Staatsanwältin nach einer Erklärung für das absonderliche Verhalten, fand aber nur ein schelmisches Lächeln. »Ich kenne keine Britta. Ich bin wegen deiner Mail hier und weil ich mich bei der Gelegenheit nach einem Namen erkundigen wollte.«

»Dir geht es um Kranz, oder?« Mit einer für sie ungewohnt nervösen Handbewegung stieß Natascha ihr leeres Glas um, das daraufhin in seine Richtung rollte.

Das wurde immer verrückter. Er fing das Glas auf und beugte sich vor, um es auf den ursprünglichen Platz zu stellen. Mitten in der Bewegung verharrte er, als sein Blick auf das Foto fiel, das in einem schlichten, hellen Holzrahmen direkt neben dem Monitor stand.

»Das glaube ich nicht.«

Eine blonde Frau hielt ein lachendes Baby auf dem Arm. Schlagartig wurde ihm klar, warum sich die Staatsanwältin ungewohnt distanziert verhielt, und ihre Andeutungen bekamen einen Sinn.

»Das ist Alexandra Groß. Sie ist die Freundin, mit der du in Amerika warst.«

»Glückwunsch, Herr Kommissar. Damit hast du wieder einmal deine Kombinationsgabe bewiesen. Ich wäre zu gerne dabei gewesen, als ihr aufeinander losgegangen seid. Alex hat das Foto mit dem Bison gemacht hat, von dem du so schwärmst. Ihr Sohn Tim ist mein Patenkind und sie ist seit über dreißig Jahren meine beste Freundin. Genauer gesagt, seitdem sie meine Sandburg zerstört hat und ich ihr dafür einen Eimer Wasser über den Kopf gekippt habe.«

»Deine Abfrage wegen Kranz?«

»Keine offiziellen Ermittlungen, nur ein Freundschaftsdienst. Sie wollte wissen, ob etwas in Verbindung mit Betäubungsmitteln gegen ihn vorliegt, da sie in der Richtung einen vagen Verdacht hatte. Seine Akte ist sauber, aber nach ihren Schilderungen vermute ich, dass er regelmäßig Drogen konsumiert. Woher weißt du davon? Willst du jetzt wegen Datenmissbrauchs gegen mich ermitteln? «

»Quatsch.« Sven erinnerte sich, dass Matthias eine ähnliche Vermutung über einen möglichen Drogenkonsum geäußert hatte. »Auch wenn sie deine Freundin ist, kann ich nicht ausschließen, dass sie direkt oder indirekt für die Schüsse auf Kranz verantwortlich ist.«

Ein spöttisches Lächeln blitzte bei Natascha auf. Mist, er hatte vergessen, dass sie sich im Polizeijargon bestens auskannte.

»Du meinst, weil sie bisher eure einzige Tatverdächtige ist.«

»Wir stehen noch am Anfang der Ermittlungen.«