Jagdsaison in Brodersby - Stefanie Ross - E-Book

Jagdsaison in Brodersby E-Book

Stefanie Ross

5,0

Beschreibung

Landarzt Jan Storm steht ein explosiver Spätsommer bevor … Jan Storms Leben als Landarzt läuft in ruhigen Bahnen. Doch als der Sommer sich dem Ende neigt, häufen sich merkwürdige Vorkommnisse: Ein Mann wird unter ominösen Umständen auf der Jagd erschossen und Patienten entscheiden sich statt Arztbesuch für Wunderkristalle und Kräutertees - die sich allerdings als giftig entpuppen. Als die junge Witwe seines in Afghanistan ums Leben gekommenen Freundes ihren Besuch ankündigt, stürzt Jans Welt endgültig ins Chaos. Denn Andrea hat offensichtlich ein Geheimnis. Bald stellt Jan fest, dass es in Brodersby um weitaus gefährlichere Dinge als alternative Heilmethoden geht. Wem kann er eigentlich noch trauen?

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Stefanie Ross

Jagdsaison in Brodersby

Ein Landarzt-Krimi

© 2018 by GRAFIT Verlag GmbH Chemnitzer Str. 31, D-44139 Dortmund Internet: http://www.grafit.de E-Mail: [email protected] Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Kossack, Hamburg. Umschlaggestaltung: © Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/Madlen (Gras), schankz (Vogelschwarm), Wilm Ihlenfeld (Landschaft) E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck eISBN 978-3-89425-743-9

Über dieses Buch

Jan Storms Leben als Landarzt läuft in ruhigen Bahnen. Doch als der Sommer sich dem Ende neigt, häufen sich merkwürdige Vorkommnisse: Ein Mann wird unter ominösen Umständen auf der Jagd erschossen und Patienten entscheiden sich statt Arztbesuch für Wunderkristalle und Kräutertees – die sich allerdings als giftig entpuppen.

Als die junge Witwe seines in Afghanistan ums Leben gekommenen Freundes ihren Besuch ankündigt, stürzt Jans Welt endgültig ins Chaos. Denn Andrea hat offensichtlich ein Geheimnis.

Bald stellt Jan fest, dass es in Brodersby um weitaus gefährlichere Dinge als alternative Heilmethoden geht. Wem kann er eigentlich noch trauen?

Die Autorin

Stefanie Ross wurde in Lübeck geboren. Sie verbrachte einen Teil der Schulzeit in Amerika und unternahm später ausgedehnte Reisen unter anderem durch die USA, Kanada und Mexiko. Nach dem Studium der Betriebswirtschaftslehre folgten leitende Positionen bei Banken in Frankfurt und Hamburg. Sie ist verheiratet, Mutter eines Sohnes, fährt gerne Motorrad und schreibt seit 2012 Thriller. Das Schweigen von Brodersby war der erste Roman um den charismatischen Land-arzt Jan Storm.

www.stefanieross.de

Widmung

Für Hector.Unvergessen.

Kapitel 1

Jan Storm wünschte sich, er könnte das Vibrieren seines Handys ignorieren. Aber das funktionierte nicht mehr, nachdem ihn das Geräusch aus dem Schlaf gerissen hatte. Als Arzt war er ebenso wie in seinem ehemaligen Job als Soldat darauf trainiert, sofort wach zu sein.

Innerlich reihte er einen Fluch an den anderen, als er nach seinem Smartphone griff und sich leise aus dem Doppelbett schob, das er sich mit Lena teilte. Er hätte durchaus nichts dagegen gehabt, sie zu wecken und die frühen Morgenstunden mit ihr gemeinsam im Bett zu verbringen, aber der Anrufer hatte garantiert anderes für ihn vorgesehen.

Als er vor dem Schlafzimmer einen Blick auf das Display warf, war er endgültig wach. Seine Tante Liz würde ihn niemals ohne guten Grund am Wochenende so früh anrufen.

»Was ist passiert?«, fragte er sofort, als er das Gespräch angenommen hatte.

»Ich weiß es nicht. Felix ist weg.«

»Was ist passiert?«, wiederholte er besorgt, da ihm diese Information nicht wirklich weiterhalf. Seine Tante führte eine stürmische Wochenendbeziehung mit Jans Freund Felix, der leider auch zugleich sein Patient war, weil er unter einer fortgeschrittenen Krebserkrankung litt.

»Er hat sich vor ein paar Minuten rausgeschlichen.«

Jan seufzte. Felix hatte einen alten Resthof zu einem Paradies für Tiere umgebaut, die dort ihr Gnadenbrot erhielten. »Dann füttert er die Viecher oder konnte nicht schlafen und macht einen Spaziergang.«

»Sag mal, hältst du mich für bescheuert? Da habe ich doch als Erstes nachgesehen. Du weißt doch, dass er nach einer besseren Phase in letzter Zeit wieder unter starken Schmerzen leidet.«

Da Jan ihm Medikamente auf Morphiumbasis besorgt hatte, war ihm das bekannt. »Worauf willst du hinaus?«

»Er hat gestern ein geheimnisvolles Telefonat geführt. Da fiel das Wort ›Gewehr‹. Darf ich mir vielleicht jetzt Sorgen machen?«

Jan atmete tief durch. »Hast du ihn darauf angesprochen?«

»Selbstverständlich. Er hat … na ja, er hat nicht direkt darauf geantwortet und ich habe das Ganze dann vergessen. Aber eben ist es mir wieder eingefallen.«

Ein Kaffee wäre nicht verkehrt gewesen und hätte vielleicht geholfen, dieses Chaos zu sortieren. Jan wollte Liz gerade erklären, dass er leider keine Kristallkugel hatte, mit deren Hilfe er Felix’ Aufenthaltsort ausfindig machen könnte, als es in seinem Gehirn plötzlich klick machte. Wenn er Felix’ Tierliebe, seine Abneigung gegen jede Form von Jagd und die Bemerkung eines seiner Fußballkumpels zusammenaddierte, ergab sich ein Bild. Allerdings keins, das ihm gefiel.

»Verdammte Scheiße!«, entfuhr es ihm.

»Das heißt wohl, dass du eine Idee hast, wo er steckt«, mutmaßte Liz hoffnungsvoll.

»Ja. Ich muss los. Ich melde mich bei dir, wenn ich den Idioten gefunden habe.« Jan unterbrach die Verbindung ohne jede weitere Erklärung, die ihn nur unnötig Zeit gekostet hätte.

Himmel, das Leben in zwei Wohnungen hatte Nachteile. Jan musste zunächst gedanklich sortieren, wo er welches Fahrzeug finden würde. Da sie gestern Abend noch mit seinem Motorrad unterwegs gewesen und danach bei Lena gelandet waren, stand seine Ninja hier vor der Tür. Allerdings wäre ihm sein Audi, der bei ihm zu Hause parkte, ausnahmsweise lieber gewesen.

In Rekordzeit suchte er seine Sachen zusammen und wollte gerade aus dem Haus stürmen, als Lena verschlafen im Flur auftauchte. Ihre langen blonden Haare waren vollkommen zerzaust.

»Ein Notfall?«, fragte sie gähnend.

»So ähnlich. Eher ein akuter Anfall von Irrsinn bei Felix. Ich melde mich.« Er gab ihr einen Kuss, nahm seinen Helm von der Garderobe im Windfang und beeilte sich, zu seinem Motorrad zu kommen.

Die Fahrtzeit von Lenas Haus zum Söbyer See betrug normalerweise zwischen zehn und fünfzehn Minuten. Jan trieb die Kawasaki ZX10R an die Grenzen der Physik und schaffte es in der Hälfte der üblichen Zeit.

Seiner Einschätzung nach würden die Jäger, die heute an dem Gewässer auf Gänsejagd gehen wollten, von Westen über einen Feldweg kommen. Daher bog Jan vorher ab und fuhr über die Brücke zu einem kleinen Anleger.

Wenn ihn nicht alles täuschte, wäre das der ideale Ausgangspunkt für eine Gruppe Naturschützer, die die Jagd bei Morgenanbruch stören wollten. Dass sie damit vielleicht ins Kreuzfeuer der Schrotflinten gerieten, schien sie nicht übermäßig zu stören. Jan konnte mit der Jagd auf Tiere nichts anfangen, war aber auch kein fanatischer Gegner.

Die letzten Meter durch den Wald waren für sein Motorrad eine Belastungsprobe. Die Maschine war für die Straße und nicht für Touren durchs Gelände geeignet. Jan fluchte innerlich. Sollte die schwarzgraue Verkleidung auch nur einen Kratzer abbekommen, hatte sein Freund ein Problem. Und zwar ein sehr ernsthaftes.

In der Nähe des Bootsanlegers waren drei Fahrzeuge kreuz und quer geparkt, unter anderem auch der Wagen von Felix.

So weit hatte Jan also schon mal richtiggelegen. Er suchte sich eine ebene Stelle, an der er die Ninja abstellen konnte, und sah sich um.

Es wäre wohl zu einfach gewesen, wenn er gleich hier auf Felix gestoßen wäre.

Von seinem Standort aus würden sich die Jäger irgendwo links platziert haben und darauf warten, dass die Gänse abhoben. Es wäre absoluter Irrsinn, wenn die Tierschützer sich ausgerechnet in der Schusslinie rechts von den Schützen platziert hätten. Doch genau deswegen ging er davon aus, dass er seinen Freund exakt dort entdecken würde. Platt getretenes Gras zwischen einigen Pappeln bestätigte seine Vermutung.

Jan fluchte. Er hätte seine ehemalige Dienstwaffe mitnehmen sollen, die er immer noch tragen durfte. Ein, zwei Schüsse in die Luft hätten sämtliche Vögel in der Umgebung vertrieben und die ganze Aktion beendet, bevor sie überhaupt richtig begonnen hätte. Aber auch das wäre wohl zu einfach gewesen.

Jan seufzte, ließ seinen Helm auf der Sitzbank seiner Ninja liegen und folgte der Spur entlang des Sees. Nach wenigen Metern hörte er leise Stimmen.

Dank seiner Ausbildung für die Eliteeinheit der Bundeswehr – Kommando Spezialkräfte – war es für ihn kein Problem, sich den Männern lautlos zu nähern.

»Ich bin mir nicht sicher, ob wir uns ausgerechnet hier aufhalten sollten«, sagte jemand, der anscheinend noch einen Rest Vernunft besaß. »Das ist doch sozusagen die Flugschneise für die Kugeln.«

Diese Ausdrucksweise brachte Jan zum Lächeln, aber in der Sache gab er dem Mann recht.

»Ach was. Es geht um den Schutz der Vögel«, brummte jemand, den Jan sofort erkannte. Felix.

Ein Dritter mischte sich ein: »Wir haben ja die Warnwesten. Nun ja, zumindest wir beide. Felix, du hättest deine mitnehmen sollen. Die bieten ausreichend Schutz.«

Na, sicher doch! Vor allem für Schrotkugeln. Jan unterdrückte mit Mühe ein ironisches Lachen und zwängte sich nun offen durch das Gebüsch. »Guten Morgen, die Herren!«

Immerhin hatte Felix genug Anstand, ihn verlegen anzusehen.

»Ich habe als Arzt hier genug zu tun. Auch ohne dass ich noch ein paar Schrotkugeln aus empfindlichen Körperteilen entfernen muss. Da einer von Ihnen genug Grips hat, um zu bemerken, dass von Westen aus genau in diese Richtung geschossen werden könnte, sollten Sie hier verschwinden. Und zwar sofort!«

Jan musterte Felix’ Begleiter genauer. Ein Mann, vielleicht Mitte dreißig, sah mit Arbeitshose und verdrecktem Sweatshirt aus, als ob er direkt vom Feld kam. Daneben ein jüngerer Typ, vielleicht Anfang oder Mitte zwanzig, nach Jans Ansage deutlich verängstigt und mit seiner teuren Jeans und den ebenfalls nicht billigen Sneakers auch nicht unbedingt passend für eine Wanderung am See angezogen.

Felix kniff missmutig die Augen zusammen. »Woher wusstest du, dass ich hier bin?«

»Das war nun wirklich nicht schwierig herauszufinden. Können wir denn jetzt gehen?«, fragte Jan und schob noch ein »Bitte« hinterher.

Felix trat einen Schritt dichter an das Wasser heran. »Siehst du die Vögel dort in der Nähe des Ufers?«

»Logisch, sie sind ja nicht zu übersehen.«

»Das sind aber gar keine. Sondern Lockvögel, die mit dem Ruderboot ausgebracht wurden, um einen Gänseschwarm anzulocken. Im Schilfgürtel warten sechs oder acht oder vielleicht auch noch mehr gut getarnte Jäger darauf, dass hier Vögel landen oder zumindest ausreichend dicht rankommen. Und dann wird es knallen und die Gänse sind tot. Das ist einfach unfair.«

»Mag sein. Aber es bringt doch wohl überhaupt nichts, deswegen sein Leben aufs Spiel zu setzen, indem ihr euch ausgerechnet da herumtreibt, wo Querschläger vorprogrammiert sind. Schrotmunition kann bis zu zweihundert Meter weit fliegen. Also weg hier. Jetzt!« Zumindest ließ sein Offizierston, den er nicht verlernt hatte, den Jüngeren zusammenzucken.

»Wir sollten auf ihn hören«, schlug der Mann vor und fuhr sich nervös übers Kinn.

»Ach was, mein Freund neigt dazu, alles schwarz zu sehen«, widersprach Felix.

Der Typ mit der Arbeitshose sah in den Himmel. »Egal. Sie kommen.«

Jan folgte seinem Blick und fluchte. Ein Schwarm Gänse war im Anflug auf den See. Sekunden später krachte der erste Schuss, dann der zweite.

Etwas strich an ihm vorbei. Jan handelte instinktiv. »Runter«, brüllte er und warf sich auf Felix.

Sein Freund stöhnte, als er hart auf dem Boden aufschlug, aber das interessierte Jan nicht.

Einige Male wurden Schrotflinten abgefeuert. Erst als der Beschuss aufhörte, rappelte sich Jan hoch und hielt Felix eine Hand hin.

Sein Freund starrte an ihm vorbei. »Oh nein«, flüsterte er.

Jan wirbelte herum und erstarrte.

Der Mann mit der Arbeitshose lag am Boden und blutete stark aus einer Wunde am Hals.

Innerhalb eines Sekundenbruchteils wurde Jan an einen anderen Ort, in eine andere Zeit zurückkatapultiert. In Afghanistan war sein bester Freund verblutet und er hatte nichts dagegen tun können. Dieses Erlebnis war der Grund dafür gewesen, die Bundeswehr zu verlassen und in Brodersby einen Neuanfang zu wagen.

»Jan!«, schrie Felix und packte ihn fest am Arm. »Das hier ist nicht Afghanistan. Tu was!«

Er löste sich aus seiner Starre und kniete sich neben dem schwer verwundeten Mann hin. Jans Arztmodus funktionierte wieder einwandfrei, sagte ihm allerdings auch, dass er in diesem Fall nicht mehr helfen konnte. Selbst wenn er den Verletzten in einen perfekt ausgestatteten OP-Raum beamen könnte, wäre es nahezu unmöglich, die Blutung zu stoppen. Ein Teil des Unterkiefers, insbesondere aber die Halsschlagader war durch eine oder wohl eher mehrere Schrotkugeln getroffen worden. Der Blutverlust war jetzt schon extrem hoch und ließ sich vor allem nicht stoppen. Jan presste dennoch eine Hand auf die Schusswunde. Vergeblich. Er hatte mit seiner ersten Diagnose richtiggelegen. Leider.

Noch lebte der Mann, bemühte sich, etwas zu sagen, brachte aber aufgrund seiner Verletzung kein Wort über die Lippen. Jan griff nach seiner Hand und hielt sie fest. Mehr konnte er nicht tun. Er glaubte, in dem Blick des Sterbenden Dankbarkeit zu entdecken, bevor schließlich jedes Lebenszeichen erlosch.

Würgend erbrach sich der Jüngere ins Gebüsch.

Jan betrachtete seine blutverschmierte Hand und kämpfte gegen die Erinnerungen an, die ihn einzuholen drohten. »Ruf die Polizei an«, bat er Felix.

Sein Freund schluckte schwer und trat dann dicht an das Ufer heran. »Hey, hierher! Unfall! Es ist jemand gestorben! Ruft die Polizei!«, brüllte er über die Wasseroberfläche hinweg und verzog den Mund. »Sorry.« Er warf Jan einen entschuldigenden Blick zu. »Mein Handy liegt zu Hause.«

Es dauerte nicht lange, bis sich Schritte näherten. In der Ferne erklang das Geräusch eines Martinshorns. Jan wollte sich erleichtert über die Stirn reiben, stoppte die Bewegung aber in letzter Minute. Mit der blutverschmierten Hand war das eine schlechte Idee.

Durch das Gebüsch brach nun ein Mann in Tarnhose und schwarzem Sweatshirt, der einen Rucksack und eine Schrotflinte trug. Erst auf den zweiten Blick erkannte Jan ihn und musste einen weiteren Fluch unterdrücken. Von allen Jägern in dieser Gegend musste er ausgerechnet auf Heiner Zeiske treffen!

Der ehemalige Polizist war nach einem Herzinfarkt aus dem Dienst ausgeschieden. Vorher hatte er Jan jedoch das Leben schwer gemacht. Als ob das nicht reichen würde, hatte sich Zeiskes Sohn als Verbrecher entpuppt, den Jan mithilfe einiger Freunde vor einigen Monaten ins Gefängnis gebracht hatte.

Im Vergleich zu ihrem letzten Treffen hatte Zeiske ordentlich abgenommen, allerdings waren dadurch auch seine Falten im Gesicht tiefer geworden. Früher hatte er seine Uniform meist schlampig getragen und auf die gleiche Art und Weise seinen Job erledigt, aber nun wirkte er anders. Wacher. Aufmerksamer. Und an seiner Kleidung gab es auch nichts auszusetzen.

Zeiske stutzte ebenfalls und runzelte die Stirn. »Dr. Storm! Was ist passiert?«

Die korrekte Anrede, auf die Jan normalerweise keinen Wert legte, überraschte ihn ebenso wie die ruhige Nachfrage. Sonst hatte Zeiske ihn in der Regel angebrüllt und jede Umgangsform vermissen lassen.

»Der Mann stand dicht am Ufer, als die Ballerei losging. Einige Schrotkugeln haben ihn am Hals und im Kieferbereich getroffen. Ich konnte nichts mehr für ihn tun.« Jan verfluchte sich innerlich dafür, dass seine Stimme auffallend heiser klang.

Zeiske trat näher und runzelte dann die Stirn. »Fürchterlich«, sagte er leise und ging dichter an das Ufer heran, betrachtete dort einige Schilfblätter und brummte etwas. Nachdem er über den See geblickt hatte, holte er eine Packung Feuchttücher aus seinem Rucksack und bot sie Jan an. »Für Ihre Hände …«

Unter anderen Umständen hätte der Anblick des lachenden Babys auf der Vorderseite, das so gar nicht zu einer Jagdausrüstung passte, ihn zum Schmunzeln gebracht. »Danke.« Nachdem Jan sich von dem Blut gereinigt hatte, sah er sich rasch um. Der junge Mann mit den Markenklamotten hatte sich gegen einen dünnen Baumstamm gelehnt und war noch sichtlich geschockt. Felix war zwar blass und wich Jans Blick aus, ging aber ebenfalls dichter ans Ufer.

Zeiske breitete die Hände aus. »Ich verstehe das nicht. Wenn ich mich nicht sehr irre, kam der Schuss aus dieser Richtung.« Er deutete auf den See und sah Jan dabei fragend an. »Sie kennen sich doch auch mit Waffen aus. Was meinen Sie?«

Jan musste keine Sekunde überlegen, sondern begriff die Überlegung des Ex-Polizisten sofort. »Sie haben recht, Herr Zeiske. Der …«

»Mensch, nun warte mal kurz«, unterbrach Zeiske ihn barsch. »Wir hatten einen sehr ungünstigen Start und die Sache mit meinem Sohn macht es nicht leichter, aber – ich heiße Heiner! An dem ›Herr Doktor‹ verknote ich mir sonst noch mal die Zunge.«

Jan bemühte sich, seine Überraschung zu verbergen. Damit hatte er nun wirklich nicht gerechnet. »Gern. Jan«, erwiderte er und lächelte. »Aber noch mal zurück zu dem Schusswinkel, den du angesprochen hast. Den zerfetzten Blättern nach ist das Geschoss genau da durchgegangen. Das passt auch dazu, dass der Mist Felix und mich gefühlt nur um Millimeter verfehlt hat.« Jan kniff die Augen etwas zusammen. »Mit Schrot trifft man aber je nach Kaliber nur auf dreißig, höchstens fünfzig Meter exakt, auch wenn es bis zu zweihundert Meter weit fliegen kann. Wenn ich mir den Standort des Opfers und das Schilf ansehe, müsste da vorn jemand gestanden haben.« Jan deutete zu dem Uferbereich hinter dem Bootsanleger, der als Standort infrage kam.

»Ganz genau. Nur … Da war keiner von uns. Ich war am dichtesten an euch dran und darum bin ich auch hergelaufen. Und ich stand noch mindestens fünfzig Meter weiter entfernt.«

Langsam musterte Jan den Uferbereich, an dem sich die Jäger verteilt hatten, und überlegte dann, aus welcher Richtung der Schwarm Gänse gekommen war. Schließlich schüttelte er den Kopf. »Einen Querschläger kann ich mir nur schwer vorstellen.«

Zeiske nickte knapp. »Ich mir auch. Das wird kompliziert.«

Felix hatte bisher geschwiegen. »Ich kapiere nicht, was ihr meint. Übersetzt das mal für jemanden, der sich nicht mit Waffen auskennt.«

Jan übernahm die Erklärung. »Als ich euch vorhin gewarnt habe, dass es hier, wo wir uns gerade befinden, gefährlich sein könnte, wusste ich noch nicht, dass die Gänse von dort hinten angeflogen kamen. Damit gab es überhaupt keinen Grund, dass jemand zu uns herüberschießt.«

»Außerdem passt die Höhe auch nicht«, ergänzte Zeiske. »Man versucht, die Vögel noch in der Luft zu treffen. Dieser angebliche Querschläger ist aber den Spuren im Schilf nach praktisch waagerecht angesetzt worden.«

Jan sah erneut zu dem Ufer hinüber. »Wo genau standst du?«, fragte er Zeiske nach einem kurzen Zögern.

Einen Augenblick wirkte der ehemalige Polizist verärgert, dann nahm er seine Flinte von der Schulter und reichte sie Jan vorsichtig. »Schnupper mal am Lauf.«

So hatte Jan seine Frage zwar nicht gemeint, nahm das Angebot aber an. »Du hast nicht geschossen.«

»Eben. Ich hatte einen Vogel anvisiert, den dann einer der anderen Jäger abgeschossen hat. Ehe ich ein neues Ziel hatte, waren die Viecher bereits in alle Richtungen verschwunden. So was nennt sich wohl Pech.«

»Ich hatte auch nicht daran gedacht, dass du für den Querschläger verantwortlich bist«, erklärte Jan beschwichtigend, »sondern eher, ob du jemanden bemerkt hast, der nicht zu eurer Gruppe gehörte.«

»Ach so. Von meinem Standort aus hätte ich das Opfer noch treffen können. Also nicht jeder hätte das geschafft, aber ich schon.« Er runzelte die Stirn und rieb sich dann übers Kinn. »Da war tatsächlich was. Ein Geräusch. Aber gesehen habe ich niemanden. Ich dachte, da schleicht eine Katze oder ein Hase herum.«

»Ihr meint, da hat jemand gezielt geschossen? Also absichtlich?«, fragte Felix ungläubig.

»Könnte so sein. Ist zumindest nicht ausgeschlossen. Kennen Sie das Opfer, Herr Mommsen?«, fragte Zeiske.

Felix winkte ab. »Felix reicht. Nee. Ich bin ihm heute zum ersten Mal begegnet. Aber der dort sollte ihn kennen.« Er deutete auf den jüngeren Mann, der nervös an seinem Ärmel zupfte und jeden Blick auf die Leiche vermied.

»Was machst du denn überhaupt hier, wenn du deine Mitstreiter nicht mal kennst?«, erkundigte sich Jan bissig.

Eine Antwort blieb seinem Freund erspart, weil in ihrer Nähe plötzlich Rufe ertönten. »Polizei! Wo genau sind Sie?«

Seufzend überließ Jan es Zeiske, seine ehemaligen Kollegen zu ihnen zu lotsen, um die Situation zu erklären. Vielleicht würde er dann erfahren, wieso Felix mit Männern in Sachen Tierschutz unterwegs war, mit denen er sonst offensichtlich nichts zu tun hatte.

Kapitel 2

»Na, das ist ja wirklich mal eine unschöne Art, das Wochenende zu beginnen«, stellte Lena treffend fest und stand auf. »Ich hole dir noch einen Kaffee.«

Dankbar sah Jan ihr nach. Er war zwar nicht der Typ, der sich gern bedienen ließ, aber im Moment genoss er es, auf ihrer Terrasse in der Sonne zu sitzen und den Blick über das Feld schweifen zu lassen. Die Formalitäten hatten eine halbe Ewigkeit gedauert und es war bereits fast Mittag, als er sein Motorrad endlich wieder vor Lenas Haus parken konnte.

›Haus‹ war eigentlich der falsche Ausdruck, sie hatte ein ehemaliges Stallgebäude in ein Paradies verwandelt, in dem er sich mittlerweile mehr zu Hause fühlte als in der Wohnung, die direkt über seiner Arztpraxis lag. Außerdem ahnte er, dass er bei ihr nach dem Zwischenfall vor den Bildern aus der Vergangenheit sicherer war. Die Art und Weise, wie der Mann am Söbyer See gestorben war, erinnerte Jan einfach zu sehr an den Tod seines Freundes. Mittlerweile hatte der Tote wenigstens einen Namen: Dietmar Gerhardt.

Als Lena zurückkehrte, brachte sie nicht nur zwei Kaffeebecher, sondern auch einen Cognacschwenker mit, in dem eine goldbraune Flüssigkeit schimmerte.

»Ist es nicht noch etwas zu früh dafür?«, fragte er, als er den Duft des edlen, französischen Getränks genoss.

»Und wenn schon. Ich bin nicht blöd, Jan. Nur blond. Mir ist doch klar, was die Schussverletzung dieses Mannes in dir auslöst.«

Und dabei war er über den Punkt so gekonnt hinweggegangen …

»Ich dachte mir, dass du dich nach einem Drink nicht mehr auf die Ninja setzt und wegfährst, um den Bildern davonzurasen, sondern vielleicht den Tag mit mir am Strand verbringst.«

Jan drehte das Glas in der Hand. Lenas Worte beinhalteten so viel mehr, als seine Freundin offen aussprach. Als sie sich kennengelernt hatten, war er einige Male nachts oder auch tagsüber mit dem Motorrad vor den Erinnerungen geflohen. Aber diese Zeit lag hinter ihm. Mittlerweile hatte er Freunde in Brodersby gefunden – und vor allem gab es Lena. »Das hätte ich auch ohne Alkohol gemacht«, erwiderte er schlicht.

Das Funkeln in ihren blauen Augen verriet ihm, dass er die richtigen Worte gefunden hatte.

»Sehr schön«, erwiderte sie mit einem Lächeln. »Dann hole ich jetzt mal mein Notebook und wir beginnen unsere Nachforschungen!«

Prompt verschluckte sich Jan an seinem Cognac und hustete. »Wir machen was?«

Ihr vernichtender Blick hatte es in sich. »Wie ich schon sagte: Halt mich bitte nicht für bescheuert, Jan. Ich weiß doch genau, dass es dich in den Fingern juckt, mehr über den Mord herauszufinden.«

Jan nippte an seinem Glas, um nicht sofort antworten zu müssen. Wieso hatte sie ihn nur dermaßen durchschaut? »Ich wollte mir nur ansehen, mit wem sich Felix dort herumgetrieben hat«, meinte er schließlich gedehnt.

»Na, sicher doch! Was sagte ich gerade?«

Er musste grinsen. »Ich halte dich weder für blöd noch für bescheuert. Aber vergiss nicht, dass ich Arzt bin.«

Ihr Zeigefinger zielte wie eine Waffe auf ihn. »Ich vergesse das bestimmt nicht. Aber wer von uns beiden hat denn einige Polizisten als Freunde? Wer hat eine Topausbildung? Und wer hat einen fiesen Umweltskandal aufgedeckt und sich dabei in Lebensgefahr gebracht?«

Diese Diskussion konnte er nur verlieren. »Du wolltest doch an den Strand, oder?«, lenkte er deshalb ab.

»Natürlich. Internet, Essen, Strand. Passt doch.«

Als Soldat wusste er, wann eine Schlacht entschieden war. »Wir beginnen bei dieser Tierschutzgruppe, der Felix sich angeschlossen hat«, schlug er vor.

Lena kniff die Augen zusammen. »Reicht es, wenn ich die Suchmaschine starte, oder soll ich vorher noch salutieren, Herr Major?«

Lachend legte Jan den Kopf etwas schief. »Sorry, falls der Vorschlag wie ein Befehl klang.«

»Falls?«, wiederholte Lena sarkastisch, hatte aber bereits Google aufgerufen.

Wohlweislich überließ Jan ihr das Notebook, obgleich er es ihr zu gerne weggezogen hätte.

»Hmpf«, meinte Lena schließlich, nachdem sie die Webseite der Tierschützer überflogen hatte. »Fanatisch, aber harmlos. Felix ist also über den Hashtag auf diese Leute aufmerksam geworden?«

»Ja, das hat er mir vorhin so erzählt.«

»Wenn du mich fragst, sind die ziemlich durchgeknallt. Ich bin zwar kein Freund der Jagd, aber so ein bisschen Sinn macht die Bestandsregulierung schon. Vor allem stelle ich mich doch nicht freiwillig in die Schusslinie! Außerdem dachte ich, es wäre noch Schonzeit.«

»Ist es auch. Aber Gänse dürfen gejagt werden. Zeiske – ich meine Heiner – hat mir vorhin einen Crashkurs in Sachen Jagd verpasst.«

Lena lehnte sich zurück. »Ich habe schon gehört, dass er sich verändert haben soll, aber dass ihr euch nun sogar duzt …«

»Ehrlich gesagt, wunderte ich mich auch. Aber aus welchem Grund hätte ich sein Angebot ablehnen sollen?«

»Bist du dir sicher, dass er nicht der Täter ist? So nach dem Motto, wie der Sohn, so auch der Vater?«

Die schräge Anspielung auf Zeiskes kriminellen Sprössling brachte Jan zum Schmunzeln. »Vergiss nicht, dass er sich am Ende gegen ihn gestellt hat. Ich weiß nur, dass aus der Flinte, die Heiner dabeihatte, kein Schuss abgefeuert worden ist.«

»Aber er könnte eine zweite Waffe gehabt und die irgendwo auf dem Weg zu euch ins Gebüsch geworfen haben«, überlegte Lena laut.

Der Gedanke war Jan auch schon gekommen. Doch er kam nicht dazu, darüber nachzugrübeln, weil plötzlich zu seinen Füßen ein tiefes Grollen erklang. Der schwarze Labradormix Tarzan, der von Lena adoptiert worden war, schien ausnahmsweise wach zu sein. Es war Jan ein Rätsel, wie ein Hund dermaßen viele Stunden am Tag schlafen konnte.

Lena beugte sich zu dem Riesenviech hinab und kraulte seinen Rücken. »Du hast doch gesagt, dass die Polizei nicht so richtig engagiert war. Ich finde, wir sollten neben dem Strandausflug noch etwas zusätzliches Gassigehen mit Tarzan einplanen …«

»Lass mich raten: am Söbyer See.«

»Korrekt. Nur um sicherzugehen, dass die Polizei nichts übersehen hat.«

Jan hatte schon die gleiche Idee gehabt, dabei allerdings weder seine Freundin noch den Hund eingeplant – was er lieber nicht laut sagte. Die Polizei hatte zwar ihre Namen und Aussagen aufgenommen, aber ansonsten wenig getan, um Spuren zu sichern. Trotz Zeiskes und Jans Angaben waren sie sehr schnell von einem bedauerlichen Jagdunfall ausgegangen, hatten jedoch weitere Untersuchungen angekündigt. Wie immer die auch aussehen mochten.

Jan trank einen Schluck Kaffee und überlegte, wie hoch die Erfolgsaussichten waren, Lena von ihrem Vorhaben abzubringen. Vermutlich ziemlich exakt bei null. »Also gut. Erst Strand oder erst See?«

»Lass uns heute am späten Nachmittag nach Söby fahren. Wie geht’s denn eigentlich Felix?«

»Ziemlich schlecht, schätze ich, denn Liz hatte keine besonders gute Laune, als ich sie angerufen und ihr gesagt habe, wo ich ihren Freund gefunden habe.«

»Ihren Freund? Er ist doch auch dein Freund!«

»Eigentlich schon. Aber das vergesse ich gelegentlich schon mal für ein paar Stunden, wenn ich seinetwegen am Samstag um vier Uhr morgens wegen so einem Blödsinn geweckt werde.«

»Wer’s glaubt …« Lena konzentrierte sich wieder auf ihr Notebook. »Ich sehe mir diesen Tierschutzverein, den Toten und den Typen in den Markenklamotten noch mal genauer an. Wie hieß der noch? Arne Sanders?«

Jan seufzte. »Ja, aber eigentlich …«

»Ich weiß. Eigentlich wolltest du dir das alles selbst angucken. Doch das kannst du vergessen. Mein Haus, mein Notebook.«

»Wird Zeit, dass wir das ›mein‹ durch ein ›unser‹ ersetzen«, entfuhr es ihm.

Verdutzt vergaß Lena ihr Notebook. »Das kommt jetzt überraschend.«

Nicht nur für sie. Aber für einen Rückzieher war es jetzt zu spät. »Wieso? Wir verstehen uns gut und dieses ewige Hin und Her mit zwei Wohnungen ist unpraktisch. Denk einfach mal darüber nach.«

Sie schüttelte missbilligend den Kopf. »Und wieder dieser Befehlston«, tadelte sie. »Werde ich aber trotzdem tun. Also darüber nachdenken. Verrätst du mir denn auch, wo du dann leben möchtest?«

»Na ja, da die Treppe in meinem Haus bei deinem Riesenbaby den Rücken zu sehr belastet, stellt sich die Frage ja nicht wirklich.«

Lena stand auf und gab ihm einen Kuss auf die Wange. »Dein Timing ist das Letzte und die Art und Weise, wie du solche Punkte ansprichst, auch. Aber dass du dabei sofort an Tarzan denkst, ist total lieb von dir«, erklärte sie und strahlte Jan an. Dann wurde sie wieder ernst. »Lies dir mal durch, wer dieser Sanders ist. Das klingt alles irgendwie merkwürdig. Ich schiebe in der Zwischenzeit die Tortillas in den Ofen.«

Endlich hatte er Zugriff auf das Notebook. Außerdem war er froh, dass das Thema Zusammenziehen erst einmal beendet war.

Er begann mit dem Tierschutzverein. Die Seite war professionell aufgemacht, aber die Artikel für seinen Geschmack zu fanatisch. Als Erster Vorsitzender wurde dort Arne Sanders genannt, der Typ, der für den Ausflug an den See so absolut unpassend gekleidet gewesen war. Der Name des Toten tauchte nicht auf.

Jan klickte auf den Link zu der Facebook-Seite der Gruppe und staunte. Relativ viele Tierschützer und Veganer tauschten sich dort aus. Die Zahl der Likes betrug über fünftausend! Kein Wunder, dass Felix auf diese Leute gestoßen war.

Die Fotos waren interessant, die Postings …

Jan stutzte und überflog die Seite noch einmal. Die kurzen Artikel waren tatsächlich extrem gut gemacht: reißerische Überschrift, dann wenige, prägnante Fakten. Dafür, dass der Verein klein und nur regional tätig war, gab sich da jemand sehr viel Mühe.

Als Nächstes suchte Jan nach Informationen über Sanders und stieß auf eine Webseite, auf der er als Finanzberater seine Dienste anbot. Den Fotos und Referenzen nach brummte das Geschäft. Jan runzelte die Stirn. Und so einer kümmerte sich dermaßen aktiv um Gänse, dass er sich dabei selbst in Gefahr brachte?

Er musste Lena recht geben. Irgendwas passte da nicht zusammen. Vielleicht war er aber auch einfach zu misstrauisch.

Es wurde Zeit, sich das Opfer genauer anzusehen. Nachdem er den Namen des Mannes in die Suchmaschine eingetippt hatte, sah Jan sofort, dass er mit seiner Vermutung richtiggelegen hatte. Dietmar Gerhardt war ein Landwirt, allerdings ein sehr streitbarer. Sein Name fiel in einigen Zeitungsartikeln. Gerhardt hatte gegen etliche politische Entscheidungen protestiert und dabei anscheinend tatsächlich immer den Naturschutz im Sinn gehabt. Sein Hof lag ein paar Kilometer von Brodersby entfernt, in der Nähe des ehemaligen Militärgeländes, das zu einer Ferienhaussiedlung umgebaut wurde.

Wer konnte es auf so jemanden abgesehen haben? Und wie passte der Finanzberater zu ihm? Jan nahm sich vor, Felix danach zu fragen – sofern sein Freund die Gardinenpredigt von Liz überlebt hatte. Seine Tante konnte beim passenden Anlass durchstarten wie eine Rakete und genau das hatte sie getan, als Felix sich mit Jans Smartphone telefonisch bei ihr gemeldet hatte. Er hatte mühelos einige Sätze mithören können, ehe sein Freund zur Seite gegangen war.

Als Lena mit einem voll beladenen Tablett aus der Küche zurückkehrte, sah sie ihn erwartungsvoll an. »Bist du auf was gestoßen?«

»Leider nichts Konkretes. Aber ich habe ein ungutes Gefühl.«

»Du meinst, dass es kein Unfall war?«

»Auf keinen Fall. Da hat jemand gezielt geschossen. Der Winkel stimmte einfach nicht, weil die Gänse aus der anderen Richtung kamen.«

Lena seufzte und setzte sich neben ihn. »Gib zu, du hast so ein wenig Aufregung vermisst und das hier kommt dir ganz recht.«

Jan wollte diese Unterstellung empört von sich weisen, denn in seinem Hinterkopf lauerte immer noch das Bild des sterbenden Mannes, dessen Hand er gehalten hatte. Doch trotzdem musste er zugeben, dass Lena nicht ganz falschlag. In seinen Tagesablauf hatte sich tatsächlich eine gewisse Routine eingeschlichen. Vor einigen Monaten hatte er festgestellt, dass ihm die Landarztpraxis zwar Spaß machte, er aber auch die Spannung genossen hatte, die mit der Jagd auf einige kriminelle Umweltsünder verbunden gewesen war. Seine ehemalige Dienstwaffe wieder zu tragen, hatte ihm gefallen. Er hätte deshalb nichts dagegen, wenn sich dieser Fall ähnlich entwickeln sollte.

»Hast recht«, sagte er daher nur und nahm sich eine der gefüllten Tortillas von dem Teller.

Lena sah ihn so verdutzt an, dass er schmunzeln musste.

»Was ist?«, fragte er grinsend.

»Ich dachte, du leugnest das.«

»Na ja, mir tut es schon leid, dass da jemand gestorben ist, aber der Vorschlag, sich den Tatort noch einmal genau anzusehen, kam ja von dir. Ich habe jedenfalls nichts dagegen, ein paar harmlose Nachforschungen anzustellen.«

Lena schnaubte. »Harmlos?«

»Solange du dabei bist, nur ganz harmlos!«, bekräftigte Jan.

Lenas Tortilla landete wieder auf dem Teller, ohne dass sie abgebissen hatte. »Und die spannenden Sachen sparst du dir dann für deinen Kumpel Jörg auf?«

Gelassen nickte Jan. »Sicher, wenn er Zeit und Lust hat. Denn er ist Polizist und kann auf sich aufpassen. Ich werde nicht zulassen, dass du noch einmal in Gefahr gerätst.«

Wenn er sich nicht sehr täuschte, murmelte Lena etwas wie »Abwarten«, aber er würde schon dafür sorgen, dass sie sich aus sämtlichen gefährlichen Dingen heraushielt – sofern es überhaupt zu welchen kommen sollte.

An einem so sonnigen Septembertag hätte Jan im Normalfall niemals freiwillig seinen Audi genommen, um an den Strand zu fahren. Aber auf seiner Ninja war nun mal kein Platz für überdimensionierte Hunde. Lenas Haus lag nur gut vier Kilometer von der Ostsee entfernt, wenn man querfeldein ging. Doch ihrer Ansicht nach war die Strecke für Tarzan unzumutbar, da der Hund schließlich durch den Sand toben wollte und danach noch den Rückweg bewältigen musste. Nachdem Jan die ersten Diskussionen deswegen verloren hatte, war er einfach dazu übergegangen, eine Hundedecke im Auto aufzubewahren, die er bei Bedarf über seine Ledersitze legen konnte.

»Wenn du deine Krallen an dem Bezug wetzt, bist du Hundegulasch«, drohte er Tarzan an.

Völlig unbeeindruckt gähnte der Hund.

Kopfschüttelnd startete Jan den Motor. Die sechs Zylinder des S6 erwachten zum Leben. »Es ist ein Frevel, die paar Meter bei dem Wetter mit dem Wagen zu fahren.«

»Tarzans Pfoten sind eben empfindlich.«

»Wären sie vermutlich nicht, wenn er sich mehr bewegen würde.«

Lena lächelte nur.

In Schönhagen angekommen, war Jans Ärger bereits wieder verflogen. Da die Sommerferien in allen Bundesländern vorbei waren, gab es keine Parkplatzprobleme mehr an dem Strand, der zur Gemeinde Brodersby gehörte. Besonders schön waren die Gebäude dort zwar nicht – eher typischer Siebzigerjahre-Betonklotzstil. Aber das kleine Café entschädigte mit einem liebevoll dekorierten Inneren, köstlichen Kuchen und einer wunderbaren Sicht auf die Ostsee.

Jan hätte ein schneller Kaffee im Strandcafé gereicht, um dann sofort zum Söbyer See zu fahren, aber Lena hatte andere Vorstellungen.

Auf dem Weg zur Steilküste war Tarzan wie verwandelt, tobte durch die Wellen und jagte jedem Stock hinterher, den Lena warf. Jan war das nur recht. Sonst war er gerne am Meer. Gerade die Steilküste mit ihrem wilden Charme hatte eine ablenkende Wirkung auf ihn, wenn Bilder aus der Vergangenheit ihn einzuholen drohten. Doch heute war er einfach nur ungeduldig.

»Ach, nö. Das muss ja nun nicht sein«, sagte Lena plötzlich und machte eine Miene, als ob sie Zahnschmerzen hätte.

Deutlich später als sie erkannte schließlich auch Jan das Paar, das ihnen entgegenkam. Auf eine weitere Begegnung mit Heiner Zeiske – nun in Begleitung seiner grauhaarigen, etwas pummeligen Frau – hätte er verzichten können.

»Wortlos vorbeigehen ist wohl nicht«, murmelte Lena.

»Leider …«

Lena gelang immerhin ein freundliches Lächeln, was seinen eigenen Gesichtsausdruck anging, war Jan nicht sicher.

Heiner blieb stehen und verzog den Mund. »Zweimal an einem Tag … Aber wenigstens nun unter angenehmeren Umständen.«

Was sollte er dazu sagen? Jan nickte lediglich.

Heiners Frau schien sich extrem unwohl zu fühlen und betrachtete so interessiert einige Steine im Sand, als ob es sich um die englischen Kronjuwelen handeln würde.

»Das ist übrigens meine Frau Irene«, stellte Zeiske sie ihnen offiziell vor.

Lena und Jan lächelten. »Lena kennen Sie … Ich meine, kennt ihr ja«, erwiderte er nicht besonders geschickt. »Hast du noch was von deinen Ex-Kollegen gehört?«

Ärger blitzte in Heiners Miene auf. »Guter Punkt. Da hake ich morgen wieder nach, wenn nicht mehr diese Deppen aus Eckernförde Dienst haben, sondern ein paar von meinen alten Kumpels. Mir gefällt es gar nicht, dass die das vorhin alles einfach so als bedauerlichen Unfall eingeordnet haben. Meiner Meinung nach sollte die Kripo schon die Ermittlungen übernommen haben. Ich mach da noch mal ordentlich Dampf.«

Seine Empörung schien ehrlich zu sein. Ehe Jan die hitzigen Äußerungen kommentieren konnte, grinste Heiner etwas gequält.

»Ich kann mir gut vorstellen, was du denkst«, erklärte er mit fester Stimme. »Aber es ist ein Unterschied, ob ich mal ein Auge zudrücke, weil einer nach einem Ehekrach und einem Glas Köm zu viel noch hundert Meter geradeaus fährt, oder ob es um Kapitalverbrechen geht. Da verstehe ich keinen Spaß!«

Langsam hob Irene Zeiske den Kopf, bis sie ihren Mann direkt ansah. »Du hast es nicht nötig, dich zu verteidigen!« Sie deutete mit dem Zeigefinger auf Jan. »Weißt du eigentlich, wie mein Sohn im Gefängnis leidet? Das ist einfach kein Ort für ihn.«

Heiner atmete scharf ein. »Das ist seine Schuld und nicht die von Jan! Klaus mag da am Anfang reingeschliddert sein, aber er hätte aussteigen müssen. Spätestens als es erste Todesopfer gegeben hat.«

Zeiskes klare Einschätzung nötigte Jan Respekt ab. Er nickte erneut und wollte etwas sagen, aber Lena kam ihm zu vor.

»Hätte sich Jan vielleicht umbringen lassen sollen?«, erkundigte sie sich erstaunlich sachlich, denn ihre Augen funkelten vor Wut.

Irene zog den Kopf ein.

»Ich verstehe, dass es für eine Mutter schwer ist, den eigenen Sohn dort zu sehen«, fügte Lena ruhig hinzu.

»Vor allem, wenn man sich jeden Tag fragt, was man falsch gemacht hat«, erwiderte Irene leise und schluckte. »Aber genug davon. Mein Mann hat jedenfalls nichts Böses gemacht. Das wollte ich klarstellen. Und du, Jan, du solltest dich vielleicht lieber um deine Konkurrenz kümmern. Das geht ja mal gar nicht, was da gerade läuft. So ein Scharlatan!«

Sie ging einfach weiter, ehe Jan nachfragen konnte, über wen sie sich dermaßen aufregte. Seine Praxis war die einzige weit und breit, die nächsten Ärzte gab es erst wieder in Kappeln, der nächstgrößeren Stadt.

»Ich melde mich«, versprach Heiner und Jan wusste nicht, ob er sich deswegen freuen sollte.

Ratlos sah er ihnen nach und streichelte abwesend Tarzan, der seinen Kopf an seinem Bein rieb. Angestrengt überlegte er, ob es nicht tatsächlich ein paar Patienten gab, die er schon länger als üblich nicht mehr gesehen hatte. Er hatte zwar ausreichend zu tun, aber übermäßig ausgelastet oder gar überlaufen war seine Praxis nicht. »Weißt du, was oder wen sie meinte?«, fragte er Lena.

»Nee. Aber das bekommen wir raus. Du fragst Gerda und deine Fußballjungs und ich nehme mir Erna vor. Das wird wieder so ein Ding sein, worüber man mit Zugereisten nicht spricht.«

»Also manchmal nervt dieses Dorfleben. Ich dachte, wir gehören mittlerweile dazu.«

Lena hakte sich grinsend bei ihm ein. »Tust du auch, Doktor Jan. Und das hast du in Rekordzeit geschafft. Aber es gibt da diesen kleinen Rest, den du erst erfährst, wenn du in mindestens zweiter, wenn nicht sogar dritter Generation hier lebst.«

»So was wie die Tatsache, dass mein Vorgänger etwas sehr selbstherrlich entschieden hat, wer leben und sterben sollte?« Jan konnte nicht verhindern, dass er bitter klang.

Lena nickte und kuschelte sich an ihn. »Genau. Das wird wieder was sein, das auch deine engen Freunde, also Jo, Jörg und Felix, nicht wissen, sonst hätten sie es dir gesagt. Und deine Kumpels vom Fußball haben das bestimmt nicht für wichtig gehalten. Wir bekommen schon raus, was sie gemeint hat. Und vergiss nicht, dein neuer Freund Heiner hat ja auch versprochen, sich zu melden.«

Da er sich noch nicht einmal daran gewöhnt hatte, den ehemaligen Polizisten zu duzen, hielt sich seine Begeisterung übers nächste Treffen in Grenzen. »Großartige Aussichten! Lass uns zum See fahren. Der Tag könnte nun langsam besser werden.«

Außer etwas platt gefahrenes Gras, das von den Einsatzfahrzeugen stammte, die rund um den Bootsanleger geparkt hatten, erinnerte nichts mehr an das frühmorgendliche Drama.

»Hm«, brummte Lena und tastete nach Jans Hand. »Es ist hier so idyllisch. An so einem Fleckchen Erde einen Mord zu begehen, kommt mir wie ein Frevel vor.«

Unwillkürlich musste Jan an die Schönheit der afghanischen Berge und Wüsten denken, die dennoch Schauplatz so vieler blutiger Gefechte gewesen waren. »Das ist wie bei so vielen Dingen wieder einmal ein Fall, bei dem der Mensch keine Rücksicht auf die Natur nimmt.« Er spähte durch die Äste einer Weide auf die Wasseroberfläche des Sees. »Früher wäre hier vielleicht ein Ort gewesen, an dem die alten Priesterinnen ihre Kräuter gesammelt hätten.«

Verblüfft trat Lena einen Schritt zur Seite und ließ seine Hand los. »Solche Worte zum ›Alten Wissen‹ aus deinem Mund? Das hätte ich nicht erwartet.«

»Altes Wissen?«, hakte Jan nach.

»Klar. So nennt man alles, was sich mit Kräuterkunde, dem Wissen über den Jahreszeitenzyklus und solchen Dingen beschäftigt.«

»Das wusste ich nicht. Ich wusste auch nicht, dass du dich für so was interessierst.«

»Tu ich aber! Mit Kräutern kann ich nicht viel anfangen, aber den Einfluss des Mondes oder auch der Jahreszeit aufs eigene Befinden finde ich hochinteressant!«

Das klang so energisch, dass Jan darauf lieber nicht direkt einging. »Alles, was den Heilprozess oder die psychische Verfassung fördert, ist in Ordnung. Der Placeboeffekt hat ja auch seine Vorteile. Mir ging’s bei meiner Bemerkung allerdings mehr um die Natur, die man früher noch mehr zu schätzen wusste und in Ehren hielt.«

Lena gab einen undefinierbaren Laut von sich. »Also gut, da sind wir uns einig.« Sie schielte kurz zu der Stelle, an der Reste des Blutflecks, den der Verstorbene hinterlassen hatte, noch gut sichtbar waren, und wandte den Kopf dann ruckartig ab. »Hier gibt es nichts mehr zu sehen. Wo stand der Schütze denn so ungefähr?«

In ihrer Nähe bellte Tarzan, dessen Leine Lena gelöst hatte. Jan sah sich um, entdeckt aber von dem Hund keine Spur und seufzte. »Wir müssen in die Richtung, aus der das Bellen kommt. Aber ich bin nicht sicher, ob wir tatsächlich die richtige Stelle finden.«

»Wir können es ja wenigstens versuchen«, erwiderte Lena und stapfte davon.

Damit hatte sie recht, auch wenn Jan sich mittlerweile fragte, was er eigentlich erwartet hatte: dass der Täter seine Brieftasche und ein Geständnis liegen gelassen hatte?

Der Schusswinkel schloss einen Jagdunfall aus – aber das war ihm auch schon vorher klar gewesen.

Jan wollte seiner Freundin folgen, als ihm etwas auffiel. »Lena! Warte mal kurz.«

Sekunden später stand sie wieder vor ihm. »Was ist denn?«

»Stell dich bitte mal da hin.« Er gab ihr noch ein paar Anweisungen, bis sie sich dort befand, wo am Morgen der geschniegelte Finanzberater gestanden hatte. Anschließend ging Jan zu der Stelle, an der Gerhardt von dem Schrot getroffen worden war.

Als er sich zu Lena umdrehte, sah sie ihn mit offenem Mund an und eilte auf ihn zu. »Ich weiß, worauf du hinauswillst! Der Tote stand vielleicht nur zufällig in der Schusslinie. Es hätte auch jemand auf Sanders gezielt haben können.«

»Ganz genau. Das heißt dann aber auch, dass der Schütze freie Sicht auf uns gehabt hat.« Jan trat dicht ans Ufer heran und fotografierte mit seinem Handy den Standort, an dem sich der Mörder befunden haben musste, wenn seine Theorie stimmte. »Okay, ich hab’s. Lass uns deinen Köter suchen und uns dahinten umsehen.«

Lena sah ihn mit vor der Brust verschränkten Armen an.

»Unser Köter?«, schlug er vor.

»Schon besser, aber er hat auch einen Namen …« Lena drehte sich um und ging in die Richtung, aus der das Gebell kam.

Grinsend folgte er ihr.

Tarzan kläffte nun lauter. In der nächsten Sekunde krachte ein Schuss. Nach einer kurzen, eigentümlichen Stille erklang ein leises Gejaule.

Lena war wie erstarrt stehen geblieben.

»Du bleibst hier!«, befahl Jan und rannte los.

Kapitel 3

Äste schlugen Jan ins Gesicht, als er durch das Dickicht am Ufer sprintete. Er hatte nicht gewusst, dass man so viel Angst um ein Tier haben konnte, aber eins war schon jetzt sicher: Sollte tatsächlich jemand auf Tarzan geschossen haben, würde derjenige ein ernsthaftes Problem bekommen.

Er entdeckte etwas Rotes, das sich deutlich von den Blättern abhob. Jan beschleunigte noch einmal und erreichte eine kleine ebene Fläche zwischen den Bäumen, gerade groß genug für einen durchschnittlichen Personenwagen. Ein Mann in einem grellroten T-Shirt zielte mit einem Gewehr auf einen Busch.

»Hey!«

Als der Mann nicht reagierte, warf Jan sich auf den Typen und riss ihn zu Boden. Die Waffe landete neben ihnen.

Aus dem Gebüsch war ein klägliches Fiepen zu hören. Tarzan!

»Bleiben Sie ja liegen und bewegen Sie sich keinen Millimeter, wenn Sie nicht riskieren wollen, dass ich Sie bewusstlos schlage!«, drohte Jan. Er sprang auf, entlud das Gewehr und warf es ins Dickicht. Dann zwängte er sich durch die Äste und hockte sich neben Tarzan, der ihm sofort winselnd die Hand abschleckte.

»Ganz ruhig, mein Großer. Ich kann hier nichts erkennen. Kommst du her oder muss ich dich tragen?«

Am ganzen Körper zitternd, wollte Tarzan auf ihn zuhumpeln, doch nach einem Schritt blieb er stehen. Sein Halsband hatte sich an einem Ast verfangen.

»Das haben wir gleich. Einen Moment.« Jan löste den Riemen und half Tarzan aus dem Gebüsch.

»Hunde sind hier anzuleinen«, meldete sich der Kerl zu Wort.

»Sind Sie der örtliche Jäger?«, fragte Jan, ohne die Untersuchung von Tarzan zu unterbrechen. Langsam fuhr er mit der Hand an der Flanke des Hundes entlang und hielt sofort inne, als das Tier zusammenzuckte.

»Nein, aber …«

»Dann halten Sie die Klappe, ehe ich Sie wie einen wildernden Hund behandele! Man sieht doch deutlich, dass Tarzan kein Streuner ist! Und wir waren auch in der Nähe! Ein lautes Rufen hätte gereicht.«

Da Jan unter seiner Handfläche Feuchtigkeit spürte, hatte er wohl die Wunde entdeckt. Aufgrund der schlechten Lichtverhältnisse zwischen den Bäumen und wegen Tarzans schwarzem Fell fiel die blutende Stelle kaum auf.

»Was ist passiert?«, fragte Lena außer Atem.

Jan verzichtete darauf, sie an seine klare Anweisung zu erinnern, die eigentlich nicht zu missverstehen gewesen war. »Leuchte mal mit der Taschenlampe deines Handys hierher«, bat er. Endlich konnte Jan das Ausmaß der Verletzung erkennen: eine tiefe Schramme an der Flanke.

Tarzan hatte die Untersuchung leise wimmernd über sich ergehen lassen und drängte sich nun eng an Jans Bein.

»Alles gut«, sprach er beruhigend auf das Tier ein. »Wir fahren gleich in die Praxis und da verarzte ich dich.« Er zog sein T-Shirt aus und presste es auf die verletzte Stelle.

Lena war kreidebleich. »Wie schlimm ist es?«

»Unangenehm, aber ich denke, es ist nur eine Fleischwunde.« Jan sah den Mann, der mittlerweile vor Wut förmlich bebte, ruhig an. »Ihren Personalausweis! Ich will Ihren Namen und Ihre Adresse haben, denn das hier wird noch Konsequenzen haben.«

Als der Kerl aufstand, richtete sich auch Jan rasch auf. Falls der Idiot handgreiflich wurde, wollte er nicht von vornherein in einer ungünstigen Position sein. Außerdem war Tarzan nicht so lebensgefährlich verletzt, dass er ihn sofort behandeln musste.

»Beruhige ihn«, bat er Lena stattdessen, bevor er seine ganze Aufmerksamkeit dem Fremden widmete.

Der Idiot grinste höhnisch. »Ich bin Ihnen überhaupt keine Rechenschaft schuldig! Ihr Köter ist hier ohne Leine herumgelaufen, was er nicht darf. Aus dem Weg jetzt! Ich will mein Gewehr wiederhaben!«

Jan war nicht sicher, ob an dem See ein Leinenzwang für Hunde galt, aber selbst wenn, war der Kerl vor ihm offenbar kein normaler Jäger. »Die Waffe können Sie sich bei der nächsten Polizeistation abholen. Die müsste in Eckernförde sein. Was machen Sie hier eigentlich? Es gilt doch für alle Tiere eine Schonzeit – außer Gänsen. Aber die werden morgens gejagt …«

Die Hände zu Fäusten geballt, trat der Idiot noch einen Schritt auf Jan zu. »Sie halten sich wohl für sehr schlau?«

»Geht so. Aber ich werde jetzt Ihr Gewehr aufsammeln und meinen Hund mitnehmen. Und Sie geben mir Ihren Ausweis.«

»Halten Sie sich für einen Polizisten?«

Jan kam nicht dazu, zu antworten.

»Es wäre mir neu, dass Dr. Storm Polizist ist«, ertönte plötzlich eine Stimme. »Ich bin allerdings einer …«

Ein Mann mit hellblonden Haaren und auffallend blauen Augen trat hinter dem Stamm einer dicken Weide hervor. Jörg Hansen warf Jan einen warnenden Blick zu, der überflüssig war. Denn Jan hatte nicht vor zu verraten, dass Jörg nicht nur Polizist, sondern auch einer seiner engsten Freunde war.

»Einiges habe ich bereits mitbekommen. Beginnen wir damit, dass der Hund hier nicht wie ein Streuner aussieht und Sie ganz sicher nicht der zuständige Jäger sind, denn den kenne ich. Ihre Papiere, aber ein bisschen schnell«, forderte Jörg.

Der Typ sah unsicher zwischen Jan und dem Polizisten hin und her. Dann hatte er sich entschieden – und zwar für die Flucht. Er sprintete los.

Fluchend folgte Jörg ihm und hatte ihn nach wenigen Metern eingeholt. Vorausgesetzt, Jan interpretierte das laute Geschrei des Idioten richtig.

Wenige Augenblicke später stand Jörg wieder vor ihm. »Was für ein Trottel! Du erwähntest ein Gewehr?«

Jan deutete in die Richtung, in die er die Waffe geworfen hatte. »Aber pass auf, da sind üble Brennnesseln.«

»Großartig. Übrigens …«, Jörg gab Lena einen Kuss auf die Wange und blickte erneut zu Jan, »schön, euch zu sehen, und gut, dass das Riesenbaby nichts Ernstes abbekommen hat. Fahrt schon los. Ich melde mich nachher. Es wird eine Ewigkeit dauern, bis ich den Herrn versorgt habe.«

»Was machst du hier eigentlich?«

»Vermutlich das Gleiche wie du: Felix hat mich gebeten, mich vor Ort mal umzusehen. Er glaubt nämlich nicht an einen Jagdunfall. Du ja offenbar auch nicht.«

»He! Binden Sie mich gefälligst los!«, zeterte der Fremde in einiger Entfernung. »Das ist Freiheitsberaubung!«

Jan und Jörg grinsten sich kurz an.

»Viel Spaß mit dem Kerl«, meinte Jan. »Ich bin gespannt, was er hier wollte. Du kannst dich ja noch ein bisschen umsehen, ich muss los, um Lenas Riesenbaby zu versorgen. Brauchst du den Standort des Schützen?«

»Klar. Der Typ mit dem Gewehr läuft mir ja nicht weg«, stellte Jörg grinsend fest.

Jan schickte ihm das Foto per WhatsApp, bevor er sich schließlich wieder Tarzan zuwandte und ihn hochhob. Obwohl der Weg zum Audi nicht weit war, wollte Jan dem Hund die kleine Anstrengung ersparen.

Als er wegen des Gewichts das Gesicht verzog, lächelte Jörg boshaft. »War euer Marschgepäck beim Bund etwa leichter?«

»Es hat mir jedenfalls nicht das Gesicht abgeschleckt«, erwiderte Jan und drehte den Kopf zur Seite.

Lena hatte erstaunlich lange geschwiegen. Erst nachdem er den Hund sanft auf dem Rücksitz gebettet hatte, sah sie Jan übers Dach des Audis hinweg ernst an. »Ich denke, es ist besser, wenn du deine Waffe wieder trägst.«

Der Gedanke war Jan auch schon gekommen. »Stimmt. Du solltest dir wegen des Kerls von gerade eben allerdings keine Sorgen machen. Der erschien mir dämlich, aber harmlos. Es ist schon ein Unterschied, ob man auf ein Tier oder auf einen Menschen schießt.«

Erst als Lena kopfschüttelnd einstieg, wurde ihm klar, dass das vermutlich keine besonders kluge Bemerkung gewesen war.

In der Praxis bestätigte sich Jans Eindruck. Tarzans Verletzung war zwar schmerzhaft, aber letztlich nicht weiter dramatisch. Die Versorgung dieser Wunde traute er sich auch selbst zu, sodass er dem Hund einen Besuch in der Tierklinik ersparen konnte.

Während Lena Tarzan ablenkte und nach Strich und Faden mit allem verwöhnte, was Jans Kühlschrank hergab – inklusive einer Portion Roastbeef, die definitiv nicht für den Hund bestimmt gewesen war –, desinfizierte und nähte er die Schramme, nachdem er die Stelle örtlich betäubt hatte.

Lena verzog den Mund, als sie sah, dass Jan Tarzan ein paar Haare abrasiert hatte. »Der Arme …«

»Wir müssen jetzt nur aufpassen, dass er die Wunde nicht ständig aufkratzt oder womöglich an ihr nagt. Eine Halskrause wäre …«

Lena blitzte ihn an. »Das ist Quälerei! Ich passe schon auf.«

Seufzend gab Jan die Diskussion verloren. »Wir sollten noch etwas abwarten, bis die Wirkung der Betäubung komplett nachgelassen hat. Er sollte das Bein sowieso schonen und nicht gleich durch die Gegend taumeln.«

Erst am Abend, als Jan und Lena es sich auf der Terrasse gemütlich gemacht hatten, kam Jörg vorbei und ließ sich auf den letzten freien Stuhl fallen. Da er einfach ums Haus herumgegangen war, verzichtete er auf eine Begrüßung und warf stattdessen einen prüfenden Blick auf Tarzan, der seit der Behandlung förmlich an Jan klebte.

»Hat der Dicke es gut überstanden?«

Lena kniff die Augen zusammen. »Tarzan geht es bis auf einen bösen Schock gut. Wenn du ihn allerdings noch einmal so nennst, wird es dir sehr schlecht ergehen.«

Abwehrend hob Jörg die Hände. »Huch, bring mich nicht um. Meinetwegen ist er eben nur flauschig. Bekomme ich ein Bier?«

»Wenn du es dir holst«, gab Lena zurück.

Jan wies auf Tarzan. »Ich würde ja gehen, aber wenn ich aufstehe, will er garantiert mit. Dabei soll er sich noch schonen. Hol einfach zwei Flaschen und dann erzähl, was du rausgefunden hast.«

»Und noch ein Glas Weißwein«, bestellte Lena.

Seufzend stand Jörg auf. »Ihr wisst echt, wie man Gäste behandelt. Soll ich vielleicht auch noch salutieren?«

Lena winkte ab. »Meinetwegen nicht. Aber vielleicht für Jan?«

»Lass mal, ich glaube nicht, dass er das vernünftig hinbekommt …«

Jörgs Blick hatte es in sich, aber er ging ins Haus. Als er zurückkam, brachte er nicht nur ein Tablett mit Getränken, sondern auch einen Hundekeks für Tarzan mit.

Nachdem sie alle versorgt waren und der Hund krachend an seinem Keks kaute, kam Jörg sofort auf den Zwischenfall am See zu sprechen. »Da stinkt einiges ganz gewaltig«, begann er. »Ich werde Montag mal die Kripo in Kiel auf die Sache ansetzen, denn die Kollegen aus Eckernförde waren meiner Ansicht nach mit ihrem Bericht ein wenig zu schnell bei der Hand. Von wegen Jagdunfall. So daneben kann man gar nicht schießen!«

»Finde ich auch und habe ich auch gefühlte neunundneunzig Mal zu Protokoll gegeben.«

»Ich will das gar nicht schönreden, was da gelaufen ist, aber die Situation ist schon durch die Zuständigkeiten ziemlich vertrackt.«

Jan trank einen Schluck Bier und überlegte, was Jörg meinte. »Wieso? Dafür ist doch Kiel zuständig, oder? Wir haben bei diesem Umweltskandal ja auch mit den dortigen Kollegen zusammengearbeitet.«

Jörg grinste spöttisch. »Da hatten wir über Markus unsern direkten Draht zum LKA, das bei Wirtschaftsverbrechen aller Art ermittelt. In dem aktuellen Fall ist es komplizierter. Eckernförde gehört zur Polizeidirektion Neumünster. Wenn es sich allerdings um ein Tötungsdelikt handelt, kommt die Kieler Kripo ins Spiel. Wenn nicht, bleibt es bei den Kollegen vor Ort. Es wäre viel einfacher, wenn wir das Ganze gleich als Fall fürs LKA definieren könnten, aber mir fällt nichts ein, womit man das begründen könnte.«

Jan seufzte. »Eure Zuständigkeit ist ähnlich bescheuert geregelt wie die bei der Bundeswehr. Trotzdem würde mir aber vielleicht was einfallen …« Er zögerte und sah Jörg an, bevor er fortfuhr. »Dieser dubiose Finanzberater könnte das eigentliche Ziel gewesen sein. Das wäre dann doch wieder ein Wirtschaftsverbrechen … also indirekt.« Da Jörg ihn ratlos ansah, erklärte Jan ihm, was er im Internet über das Opfer und den Zeugen herausgefunden hatte.

Jörg nickte nachdenklich. »Klingt tatsächlich gar nicht so weit hergeholt. Aber verrate mir bitte, warum wir uns privat dahinterklemmen sollten? Das ist Sache der Polizei – welcher auch immer.«

»Weil ich es persönlich nehme, wenn einer vor meinen Augen verblutet? Weil auch Felix in Gefahr war? Weil …«

Lena hob ihr Glas. »Weil ihr euch langweilt! Weil ihr glaubt, es geht ohne euch nicht! Weil ihr wie die kleinen Kinder seid! Prost!«

Jörg und Jan erwiderten den Gruß mit ihren Bierflaschen und grinsten lediglich. Dabei hätte Jan durchaus noch einen ernsten Punkt gehabt, den er jedoch nicht ausgesprochen hatte: Er machte sich Sorgen um Felix. Sein Freund war schon immer ein Tierschützer gewesen, aber durchweg vernunftgesteuert. Eine solche Aktion passte nicht zu ihm, sondern hatte vermutlich etwas mit diesem ominösen Verein zu tun, auf den er im Internet gestoßen sein musste. Da der angebliche Jagdunfall direkt dorthin führte, würde Jan sich die Gruppe einmal genauer ansehen. Auch wenn Jörg es nicht explizit erwähnt hatte, vermutete Jan, dass auch dessen Überlegungen in diese Richtung gingen. Aber es war besser, wenn Lena sich über sie lustig machte, als wenn sie sich sorgte.

»Dann erzähl mal, was es mit diesem Mistkerl auf sich hat, der auf Tarzan geschossen hat«, bat Jan seinen Freund schließlich.

»Tja, ich habe natürlich die Kollegen gebeten, eine Anzeige aufzunehmen, aber du weißt ja, wie es ist. Ein Tier ist vor dem Gesetz eine Sache und der Kollege wusste auch nicht so recht, ob Tarzan am Seeufer ohne Leine rumlaufen durfte. Aber ich habe betont, dass der Kerl unkontrolliert in eure Richtung geschossen hat. Damit hatte er dann doch ein Problem und seine Flinte wurde erst einmal einbehalten. Aber ich denke, außer einer Ermahnung und einem Ordnungsgeld wird dabei nicht viel rauskommen. Er hat keine Vorstrafen, heißt Reik Pawlik und wohnt in Kappeln. Es war nur noch auffällig, dass er keinen richtigen Grund angeben konnte, was er am See eigentlich wollte. Eine Jagdausrüstung hatte er auch nicht mitgeführt. Wenn du mich fragst, hängt der irgendwie in dieser Schießerei von heute Vormittag mit drin. Ich habe nur leider keine Ahnung, worum es dabei überhaupt geht und wieso man Stunden später noch mal mit einer Flinte losziehen sollte.«

Lena lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. »Vielleicht ist er ja gar nicht mit ihr losgezogen, sondern hat sie erst dort gefunden.«

Jan und Jörg sahen sich verblüfft an.

»Das würde erklären, warum er so ein unpassendes buntes T-Shirt trug«, überlegte Jan laut.

»So ein verdammter Mist, dass man bei Schrotmunition keine Waffe eindeutig zuordnen kann«, sagte Jörg.

Lena stellte ihr Glas weg, ohne getrunken zu haben. »Wie meinst du das? Oder warte … Ich verstehe. Bei einer Schrotflinte kann man die Tatwaffe nicht anhand der Kugeln sicher identifizieren. Richtig?«

»Genau. Man kann nur sagen: kommt infrage oder scheidet aus. Und das ist natürlich nur ein grober Anhaltspunkt.«

Nach kurzem Überlegen schüttelte Jan den Kopf. »Das würde aber doch dafür sprechen, dass der Täter sein Gewehr einfach wieder mitgenommen hat und nicht später wieder hingefahren ist, um es zu holen.«

Lena schien das Jagdfieber gepackt zu haben. »Aber nur, wenn du davon ausgehst, dass es ein Jäger war. Jemand anders hätte vielleicht die Flinte erst einmal versteckt und später geholt.« Sie überlegte einen Moment. »Oder es war dein neuer Freund, der doch ein zweites Gewehr gehabt und dir nur das erste gezeigt hat.«

»Neuer Freund?«, hakte Jörg sofort nach.

Jan erzählte ihm von dem Treffen mit Zeiske. »Ausschließen kann ich nicht, dass Lena recht hat. Wir sollten uns die Namen sämtlicher Teilnehmer besorgen und klären, wer wo gestanden hat. Dann sind wir einen Schritt weiter.«

Lena seufzte demonstrativ. »Und genau das wäre doch der Job der Polizei!«

Jan zog es vor, auf den Punkt nicht weiter einzugehen, denn eigentlich hatte sie recht. Er wechselte vorsichtshalber das Thema. »Sag mal, Jörg. Hast du irgendwas von einem Scharlatan gehört, der mir Konkurrenz macht?«

Prompt verschluckte sich sein Freund an seinem Bier. »Bitte was?«

Jan wertete das als ein Nein. Er überlegte, wo er als Nächstes ansetzen konnte. Aber mehr, als alle verfügbaren Quellen anzuzapfen, fiel ihm nicht ein. »Ich werde morgen früh mal die Brötchen an Ernas Kiosk holen«, verkündete er deshalb und erntete zustimmendes Nicken von Lena und Jörg.

Der kleine Laden verfügte über ein Sortiment, das jedem Spätkauf in Berlin Konkurrenz machen konnte, und war vor allem die inoffizielle Nachrichtenzentrale des Dorfes. Wenn jemand wusste, was hier vor sich ging, war es Erna. Blieb nur die Frage, ob sie es Jan auch erzählen würde.

Als Tarzan am Sonntag an der Schlafzimmertür kratzte, wollte Lena aufstehen und ihn rauslassen.

»Lass mal, das übernehme ich«, bot Jan an.

»Stimmt, du wolltest ja bei Erna Detektiv spielen«, sagte Lena gähnend und zog sich die Bettdecke bis über den Kopf.

So viel zu seinem Versuch, besonders fürsorglich wirken zu wollen …