Feels Like Snowflakes - Lisa Beka - E-Book
NEUHEIT

Feels Like Snowflakes E-Book

Lisa Beka

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Beschreibung

»An Weihnachten geht es nicht um Geschenke. Es geht um Menschen, die dich lieben und ohne die du nicht leben möchtest.« Wie jedes Jahr freut sich Noah auf eine besinnliche und vor allem harmonische Weihnachtszeit. Doch dieses Mal kommt alles anders: Wider Erwarten trennen sich seine Eltern, und als auch noch sein Freund Schluss macht, ist für Noah klar, dass es nicht schlimmer kommen kann. Wenige Wochen vor Weihnachten kündigt sich Ivar Larsson, der beste Freund von Noahs älterem Bruder und aktuell gefeierter, aber verletzter Skispringer spontan an. Er kommt zurück in seine Heimat, um sich von seinem turbulenten Leben und allem voran seinem Vater zu erholen. Während Noah versucht sein Studium zu meistern und seine Geschwister zusammenzuhalten, lernt Ivar zum ersten Mal das Zusammenleben in einer sich liebenden Familie kennen. Zwischen Noah und Ivar kommt es zu intensiven Gesprächen, langen Nächten auf dem Weihnachtsmarkt und Stunden voller Glücksmomente. Irgendwann können sie das Knistern zwischen sich nicht mehr leugnen und werden vor folgenschwere Entscheidungen gestellt. Kann Noah sich auf eine Beziehung mit Ivar einlassen, wenn sein Bruder nichts davon erfahren darf? Wird Ivar endlich den Mut ergreifen, sich gegen seinen Vater zu stellen, und für das kämpfen, wofür sein Herz schlägt?

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Seitenzahl: 352

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Content Warnung

Emotionale Erpressung, Leistungsdruck, körperliche und emotionale Gewalt, Trennung der Eltern, Homophobie

Foto © Lisa Beka

Über die Autorin

Lisa Beka, geboren 1998 im Sauerland schreibt seit sie denken kann eigene Geschichten und ist seit 2022 veröffentlichte Autorin beim Wreaders Verlag. In ihren Büchern schreibt sie über Themen, die sie beschäftigen und allen voran über das wichtigste im Leben: die Liebe.

WREADERS E-BOOK

Band 289

Dieser Titel ist auch als Taschenbuch erschienen

Vollständige E-Bookausgabe

Copyright © 2025 by Wreaders Verlag, Sassenberg

Verlagsleitung: Lena Weinert

Druck: Custom Printing

Bestellung und Vertrieb: Nova MD GmbH, Vachendorf

Umschlaggestaltung: Jasmin Kreilmann

Zierdenillustration: Elci J. Sagittarius /elmooarts

Lektorat: Silvia Klara, Barbara Dier

Satz: Riva Ellis

www.wreaders.de

Alle Rechte vorbehalten. Die Nutzung des Werkes für Text- undData-Mining ist gemäß § 44b UrhG nur mit ausdrücklicherZustimmung des Rechteinhabers gestattet.

Bei der Erstellung dieses Buches wurdekeine generative KI eingesetzt.

Für alle, die sich besonders in der Weihnachtszeit einsam fühlen. Ich wünsche euch Menschen an eurer Seite, mit denen sich das gesamte Leben wie ein Fest anfühlt.

Playlist

Adele – Water Under the Bridge

Michael Bublé – It’s Beginning to Look a Lot Like Christmas

Taylor Swift feat. Lana Del Rey – Snow On The Beach

Dean Martin – Let It Snow! Let It Snow! Let It Snow!

WILLOW – Meet Me At Our Spot

SZA – Snooze

Niall Horan – Meltdown

Mariah Carey – All I Want For Christmas Is You

Harry Styles – Keep Driving

Taylor Swift – This Love (Taylor’s Version)

Noah Kahan, Gracie Abrams – Everywhere, Everything

Victor Ray – Comfortable

RAYE – Worth It.

Noah Kahan – Stick Season

Kapitel 1

Noah

Das muss ein Scherz sein! Wo ist die versteckte Kamera?

Tränen sammeln sich in meinen Augen, die ich mit meinem Handrücken fortwische. Wieder und wieder lese ich die eingegangene Nachricht auf meinem Handy und schaffe nur mit Mühe, den Bildschirm zu erkennen.

Das mit uns hat einfach keine tiefere Bedeutung mehr, Noah. Wir sollten getrennte Wege gehen.

Dieser Mistkerl glaubt wirklich, dass er unsere Beziehung einfach so beenden kann? Mit einer verdammten Textnachricht?

Wütend pfeffere ich mein iPhone auf mein Bett und bleibe reglos mitten in meinem Zimmer stehen. Gedanklich gehe ich unsere letzten Treffen durch, um nach möglichen Anzeichen zu suchen, die auf eine Trennung hingedeutet haben. Hatte ich etwas übersehen? Zwischen uns war doch alles in Ordnung, oder?

Ja, wir haben uns in den letzten Wochen nicht oft gesehen, weil ich viel Zeit in mein Studium investiere und den Großteil meiner Freizeit mit meiner Familie verbringe.

Paul war immer der Meinung, dass ich zu viel arbeite und meiner Familie so langsam den Rücken kehren sollte. Das ist ein Streitpunkt in unserer Beziehung. Es war ein Streitpunkt in unserer Beziehung.

Ein wütendes Geräusch entweicht meiner Kehle und jemand klopft an der Tür. Noch bevor ich etwas sagen kann, wird sie geöffnet und meine jüngere Schwester Lilly streckt ihren Kopf herein.

»Kann ich reinkommen?«, fragt sie vorsichtig, woraufhin ich nicke.

Meine fünfzehnjährige Schwester und ich haben zwar einen Altersunterschied von fünf Jahren, aber sie weiß trotzdem augenblicklich, was in mir vorgeht, wenn sie mich sieht. Andersherum geht es mir genauso.

Lilly schließt leise die Zimmertür und kommt auf mich zu.

Natürlich hat sie meine Tränen längst bemerkt, weshalb ich gar nicht erst Widerstand leiste, als sie ihre Arme um mich legt und mich an sich zieht.

Behutsam streicht sie über meinen Rücken und versucht mich dadurch zu beruhigen, aber die Emotionen in mir kochen über. In den letzten Tagen ist zu viel passiert, als könnte ich es einfach so hinnehmen. Erst vor drei Tagen haben uns unsere Eltern offenbart, dass sie sich trennen werden. Niemand von uns Kindern hat es kommen sehen. Papa ist noch am selben Tag ausgezogen und hat uns mit unserem Kummer alleingelassen.

Und jetzt auch noch Paul.

Er weiß nichts von der Trennung meiner Eltern, aber vielleicht ist es besser so. Womöglich wäre er bloß aus Mitleid mit mir zusammengeblieben. Eine Beziehung aus Mitleid kann ich wirklich nicht gebrauchen.

»Was ist passiert?«, fragt Lilly und schiebt mich vorsichtig von sich weg. Ein Hauch von Angst liegt in ihren Augen.

»Paul hat Schluss gemacht«, murmele ich und versuche einen Punkt neben ihr zu fixieren, um nicht wieder loszuheulen.

»Dieses Arschloch!«, presst sie hervor und nimmt mich abermals in ihre Arme. Kurz muss ich auflachen, weil Lilly selten flucht. Feste presse ich meine Lippen aufeinander, um die Trauer in mir zu ersticken. Ich habe in den vergangenen Nächten genug geweint, dass es für ein halbes Leben reicht. Diese drei Minuten in der Geborgenheit meiner kleinen Schwester müssen genügen. Schließlich muss ich für sie ein Vorbild sein.

Langsam löse ich mich von ihr und ziehe die Nase hoch. Mit aller Macht versuche ich mich zu fangen.

»Es ist okay«, sage ich bestimmend und nicke, um meinem Gesagten mehr Ausdruck zu verleihen. Vielleicht will ich mich auch einfach selbst belügen.

Argwöhnisch betrachtet Lilly mich.

»Wirklich?«, will sie wissen und hebt eine Braue.

»Ja! Ich meine, Paul und ich haben sowieso nicht zusammengepasst. Er ist jemand, der gerne und oft über die Stränge schlägt. Die Kneipe ist sein zweites Zuhause, dabei will ich einfach nur Zweisamkeit und Ruhe. Ich bin lieber hier bei euch und konzentriere mich auf mein Studium«, zähle ich die Gründe auf, warum er und ich nicht zusammengehören. Das muss ich nur oft genug wiederholen, um es selbst zu glauben …

»Aber du hast damals so für ihn geschwärmt«, wirft Lilly ein und lässt sich auf meinen Schreibtischstuhl plumpsen. Auf dem Tisch steht mein Laptop. Bevor ich die Hiobsbotschaft erhalten habe, war ich dabei, an meiner Hausarbeit über die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auf die Entstehung von Angsterkrankungen bei Kindern und Jugendlichen zu arbeiten.

»Damals«, winke ich einen Hauch zu schnell ab. »Es ist gekommen, wie es kommen musste.« Lilly hebt die Augenbrauen und schaut mich vorwurfsvoll an, weshalb ich selbst an meinen Worten zweifle. Natürlich kauft sie mir nicht ab, dass ich so schnell über ihn hinwegkomme und einfach nur bluffe.

»Sieh mich nicht so an, mir geht es gut. Ich komme drüber weg! Es gibt genug Männer da draußen.«

Lillys Schultern sacken zusammen und sie seufzt.

»Wenn du das sagst«, meint sie und ich lasse mich ihr gegenüber auf mein Bett fallen. Mein Smartphone zeigt eine neue Nachricht an und ich greife sofort danach. Lilly räuspert sich und ich sehe sie über den Rand des Bildschirmes an.

»Bist du dir wirklich sicher, dass es dir gut geht?« Ihre Stimme klingt besorgt, obwohl ich ihr eben noch beteuert habe, es sei alles in Ordnung. Womöglich glaubt sie, dass die Mitteilung von Paul ist.

»Es ist eine Nachricht von Mama«, kläre ich sie auf, als ich den Messenger öffne.

»Sie kommt heute später von der Arbeit nach Hause. Es gibt ein paar Probleme mit dem Glühweinstand für den Weihnachtsmarkt. Wir sollen Luis bei Justus abholen«, informiere ich Lilly, woraufhin diese abermals aufstöhnt.

Unsere Mutter ist Inhaberin der familiengeführten Weinkellerei, die ihr Großvater gegründet hat. Schon vor der Trennung meiner Eltern hat sie viel geschuftet, aber in den letzten Tagen kam sie immer erst nach Mitternacht nach Hause. Sie sagt, es läge an dem anstehenden Weihnachtsmarkt, auf dem wir unseren Stand haben, aber das kaufe ich ihr nicht ab. In den vergangenen Jahren gab es nie so viel zu tun. Langsam mache ich mir Sorgen um sie.

»Ich muss noch Hausaufgaben machen.« Lilly springt fast vom Stuhl. »Kannst du ihn abholen oder soll ich Lenny anrufen?«

»Bloß nicht«, werfe ich ein und antworte Mama, dass ich Luis in einer halben Stunde bei seinem Freund einsammle.

»Lennox kann uns auch mal unter die Arme greifen«, beschwert sich Lilly und verschränkt die Arme vor der Brust. »Wieso musst du dich immer um alles kümmern?«

Auf der einen Seite muss ich Lilly recht geben, auf der anderen ist Lenny schon vor drei Jahren ausgezogen, hat einen eigenen Haushalt und mit seiner Selbstständigkeit genug zu tun. Erst vor Kurzem hat er eine Firma für Garten- und Landwirtschaftsbau gegründet. Und das mit gerade einmal fünfundzwanzig Jahren. Wir sind alle stolz auf ihn, auch wenn Lilly oft der Meinung ist, dass er seither nicht genügend für uns da ist. Insgeheim glaube ich, dass ihr sein damaliger Auszug zu schaffen gemacht hat, weil ihr großer, beschützender Bruder alles für sie gewesen ist. Lenny und Lilly hatten schon immer eine intensive Geschwisterbeziehung zueinander.

Später hat er seine damalige Freundin Mona kennengelernt und die Zeit für uns wurde noch knapper. Für Lilly war das grausam. Sie gab Mona die Schuld daran, dass Lenny weniger Zeit mit uns verbrachte, und konnte sie deswegen nicht leiden.

»Ich mache das gerne«, sage ich und bin schon dabei, meine Sneaker anzuziehen, die ich vorhin bei meiner Ankunft unter mein Bett gekickt habe. Keine besonders kluge Idee, da draußen bereits Schnee liegt, aber ich bin noch nicht dazu gekommen, meine Winterschuhe vom Dachboden zu holen.

»Du bist genau wie sie«, bemerkt Lilly und bleibt im Türrahmen meines Zimmers stehen.

»Wie wer?«

»Wie Mama. Du sehnst dich nach mehr Arbeit, ohne kannst du gar nicht. Bis es dir irgendwann das Genick bricht.« Ihre Worte klingen bitter und sie sieht die Verwirrung in meinem Blick.

»Was willst du mir damit sagen, Lilly?« Sie verengt ihre Augen zu schmalen Schlitzen, ehe sie zur Antwort ansetzt.

»Ich glaube, dass Mama und Papa sich nicht getrennt haben, weil sie sich nicht mehr lieben, sondern weil Mama zu wenig Zeit für ihn hatte. Und jetzt ist dir das gleiche mit Paul passiert. Das soll nicht böse klingen, aber denk mal darüber nach, Noah.« Damit lässt sie mich allein und verschwindet.

Auf dem Weg zu Luis’ bestem Freund gehen mir verschiedene Gedanken durch den Kopf. Hat Lilly recht und Papa hat sich deshalb von Mama getrennt? Sind Mama und ich schuld an den Trennungen oder irrt sich meine Schwester? Unsere Eltern haben gesagt, dass sie sich nicht mehr genug lieben, um zusammenbleiben zu können. Warum sollten sie uns anlügen, wenn es einen anderen Grund gibt?

Ich lenke den Wagen durch die verschneiten Straßen und versuche mich auf den Verkehr zu konzentrieren. Über alles andere kann ich auch später noch nachdenken.

Vor dem Haus der Wolfs parke ich meinen VW Golf und steige aus. Fast wäre ich auf dem glatten Asphalt ausgerutscht, halte mich aber noch rechtzeitig an meinem Auto fest.

»Scheiße«, fluche ich und versuche zum Haus zu schlittern. Auf halbem Wege öffnet sich die Tür und Herr Wolf erscheint mit einem Eimer in der Hand in der Haustür.

»Guten Abend, Noah«, ruft er und winkt mir mit einem Handschuh zu. »Ich wollte gerade Salz streuen. Pass auf, dass du nicht hinfällst.«

»Zu spät«, murmle ich vor mich hin, sodass er mich nicht hört, und setze ein gequältes Lächeln auf. »Ich gebe mein Bestes«, füge ich etwas lauter hinzu und warte, bis er mir mit dem Salz entgegenkommt. Er verteilt es und schafft mir damit etwas mehr Halt unter meinen Füßen.

»Noah!«, ruft mein kleiner Bruder, als ich den Vorgarten erreiche. Er umarmt meine Beine und schaut mich an. Genau wie ich und meine anderen Geschwister hat er dunkelbraunes Haar und grüne Augen. Wir Sommers sehen uns alle ähnlich und sind eine sichtbare Mischung aus unseren Eltern. Jeder, der einen von uns kennt und einen anderen sieht, weiß augenblicklich, dass wir zusammengehören.

»Wo ist Mama?«, will er wissen und ich erkenne die Enttäuschung in seiner Miene. Obwohl er gerade einmal fünf Jahre alt ist, bekommt er natürlich mit, was in seinem Umfeld passiert. Mich wundert es, dass ihn Papas Abwesenheit nicht so sehr belastet, wie ich zuerst angenommen hatte.

Mein Herz schnürt sich zusammen, aber ich beuge mich zu ihm herunter und tätschele seinen Kopf. »Mama ist noch arbeiten, aber sie kommt bestimmt bald nach Hause.«

»Hallo Noah!«, begrüßt mich Justus, der beste Freund von Luis. Er trägt einen Dinosaurier-Kopf aus Gummi an seiner Hand und macht Brüllgeräusche.

»Ist das etwa dein neues Haustier?«, frage ich ihn lachend und begutachte das offene Maul des Dinos. Täusche ich mich oder hängen ihm Spaghettireste zwischen den Reißzähnen?

»Luis, was habe ich dir gesagt? Der Dino isst nicht mit!«, tadelt Herr Wolf, der gerade zu uns kommt, seinen Sohn, als er ihn mit dem Spielzeug sieht. Entschuldigend schaut er mich an und befreit den Kopf von Justus Hand.

»Er hatte Hunger«, mischt sich Luis ein und grinst seinen Freund verschwörerisch an.

»Danke, dass Luis bei Ihnen bleiben durfte. Es ist momentan …«

»Schwierig, ich weiß. Mir ging es nicht anders, als …« Herr Wolf sieht seinen Sohn an und beendet den Satz nicht. Von meinen Eltern weiß ich, dass Frau Wolf vor einem Jahr an Brustkrebs gestorben ist. Von einem auf den anderen Tag musste er sich um vieles auf einmal kümmern. Neben der Organisation der Beerdigung musste er auch die Behandlung seiner Frau sowie ihren Tod verarbeiten. Um ihm den Raum zu geben, war Justus oft bei uns zu Besuch. Obwohl es allgemein den Anschein macht, dass er darüber hinweg ist, sieht es gerade anders aus. Da schwingt so viel Traurigkeit in seinen Worten mit, die mir eine Gänsehaut beschert.

Ich will mir nicht ausmalen, wie es ist, seine Ehefrau auf diese Art und Weise zu verlieren und mit einem vierjährigen Jungen zurückzubleiben. Anders als Luis hat Justus keine Geschwister, die sich um ihn kümmern können. Herr Wolf ist mit seinen Verpflichtungen ganz allein. Soweit ich mich erinnere, leben Herr Wolfs Eltern nicht mehr und Frau Wolfs Eltern wohnen am anderen Ende von Deutschland und schaffen es nur zweimal im Jahr herzukommen.

Wie schlimm muss es vor allem auch für Justus sein, seine Mama nicht mehr in den Arm nehmen zu können?

»Kann ich am Wochenende bei Justus schlafen?«, durchbricht Luis die bedrückende Stille.

»Wenn Herr Wolf damit einverstanden ist und wir Mama gefragt haben, sollte das kein Problem sein«, antworte ich und nehme seine Jacke entgegen, die Herr Wolf mir reicht.

»Mein Papa ist damit einverstanden«, sagt Justus selbstsicher. Herr Wolf lacht auf und gibt mit einem Nicken zu verstehen, dass sein Sohn die Wahrheit sagt.

»Super, dann könnt ihr alles Weitere besprechen, wenn ihr euch morgen im Kindergarten seht, okay?« Mit routinierten Griffen ziehe ich Luis seine Winterjacke an.

»Ja!«, rufen die Jungs unisono.

»Nenn mich doch ruhig Jannik, ansonsten fühle ich mich so alt«, bietet Justus‘ Vater freundlich an. »Am Freitag fängt der Weihnachtsmarkt an, oder? Habt ihr schon alles vorbereitet? Brauchen deine Großeltern und deine Mama noch Unterstützung?«, erkundigt sich Herr Wolf.

Erst jetzt bemerke ich, dass es nur noch vier Tage sind, bis das Willinger Wintermärchen in der alten Kirchstraße startet. Ein Weihnachtsmarkt, der seine Pforten vom ersten bis vierundzwanzigsten Dezember öffnet. Neben Veranstaltungen an den Adventswochenenden lädt der Markt jeden Abend in der Weihnachtszeit ein, Geschenke zu besorgen oder einen Glühwein an unserem Stand zu trinken.

Mit einem Mal wird mir wieder warm ums Herz und eine gewisse Vorfreude erfüllt mich. Am ersten Dezember beginnt die beste Zeit des Jahres. Obwohl es dieses Jahr durch Papas Abwesenheit anders wird, glaube ich, dass die Magie des Weihnachtszaubers nicht mit ihm gegangen ist.

»Soweit ich weiß, gibt es ein paar Schwierigkeiten, aber Mama hat nichts Genaueres gesagt«, erzähle ich und schlendere gedanklich bereits über den Weihnachtsmarkt. Ehrlich gesagt könnte ich schon jetzt einen Glühwein vertragen, da meine Füße dank meinen durchnässten Sneakern Eisklötzen gleichen.

»Wenn ihr Hilfe braucht, sagt mir Bescheid. An den Wochenenden könnte ich aushelfen, sofern Justus bei euch unterkommen kann.«

»Danke, das werde ich meiner Familie ausrichten. Aktuell werden meine Großeltern, meine Freundin Nele, Lennox, Lilly und ich Stellung im Stand halten.«

»Dann habt ihr ja schon ein starkes Team zusammen«, bemerkt er mit einem breiten Lächeln. »Trotzdem steht mein Angebot natürlich.«

Mein Telefon klingelt und ich krame in meiner Jackentasche danach. Entschuldigend blicke ich auf das Display und muss schlucken. Paul ruft mich an. Was will er ausgerechnet jetzt von mir? Ob es damit zu tun hat, dass ich noch nicht auf seine Nachricht reagiert habe? Wahrscheinlich wurmt ihn das.

»Ist alles in Ordnung?« Janniks graue Augen wandern vorsichtig über mein Gesicht und ein sanfter Ausdruck huscht über seine Züge.

»Ja, ja«, winke ich ab und drücke den Anruf weg. »Alles in Ordnung.«

Nicht ganz überzeugt davon fährt er über seinen dunklen Bart und entscheidet sich, nicht weiter nachzubohren.

»Okay, dann wünsche ich euch eine gute Rückfahrt und richte deiner Mama viele Grüße aus«, bittet er mich und Justus winkt uns zu.

»Das wünschen wir euch auch. Bis bald!« Dann nehme ich Luis an die Hand.

Auf dem Weg zum Auto ist Luis plötzlich ruhig und ein merkwürdiges Gefühl setzt sich in meiner Magengegend fest. Soll ich das Wort ergreifen und fragen, wie es ihm geht? Nein, ich warte erst einmal, ob er von selbst mit mir sprechen möchte.

Nachdem ich Luis beim Angurten geholfen habe, setze ich mich hinter das Steuer und starte den Wagen.

»Kannst du das Radio anmachen?«, fragt er und ich stelle den Ortssender ein. Es läuft ein Lied von Adele und ich beobachte meinen Bruder im Rückspiegel. Sein Blick ist starr aus dem Fenster gerichtet und seine Unterlippe zittert. Als ich an einer roten Ampel zum Stehen komme, ergreift er tatsächlich das Wort und ich schalte die Musik aus.

»Kommt Papa bald wieder nach Hause?«, möchte er wissen und ich könnte schwören, dass man mein Herz brechen hören kann. Ein dicker Kloß setzt sich in meinem Hals fest und ich erinnere mich daran, dass ich jetzt keine Schwäche zeigen darf. Für ihn möchte ich stark sein. Nur was genau soll ich ihm sagen?

»Papa kommt uns bestimmt bald besuchen.«

»Er soll aber wieder bei uns wohnen! Ich vermisse ihn!« In Luis’ Augen schimmern dicke Tränen.

»Ich vermisse Papa auch«, gestehe ich und sehe ihn durch den Spiegel direkt an. Als die Ampel zurück auf Grün springt, konzentriere ich mich wieder auf den Verkehr. »Aber Mama und Papa können nicht mehr zusammenwohnen. Wenn Papa bei uns wohnt, würden sie sich streiten und das möchten wir nicht.«

Luis schüttelt den Kopf und wischt sich die Tränen von seinen Wangen.

»Ist Lenny auch ausgezogen, weil er sich immer mit dir gestritten hat?«, fragt er, woraufhin ich lachen muss. Er ist so niedlich!

»Nein, Luis. Lenny ist ausgezogen, weil Kinder das machen, wenn sie älter werden. Das hat nichts damit zu tun, dass er uns nicht mehr lieb hat. Ganz im Gegenteil, Lenny hat uns so lieb, dass er morgen Abend zum Abendessen kommt. Freust du dich?«

Sofort erhellt sich sein Blick und er nickt eifrig. Danach schweigen wir eine Weile, in der ich überlege, was ich tun soll, wenn Lenny morgen gar keine Zeit hat. Vielleicht habe ich gerade geflunkert, um aus der Situation zu entkommen. Eigentlich hat Lenny sich nicht für ein Abendessen angemeldet.

»Noah?« Luis Stimme klingt wieder gefasster, als er meinen Namen wie eine Frage ausspricht.

»Ja?«

»Kann ich auch einen Dinokopf haben?« Wir brechen beide in Gelächter aus, weil wir wohl an das Spaghetti-Desaster denken müssen.

Für den Rest des Weges drehe ich das Radio wieder lauter und sehe in ein zufriedenes Gesicht, wenn ich nach hinten schaue.

Kapitel 2

Noah

Wir fahren auf unser Grundstück. Luis beugt sich weit nach vorne, um sehen zu können, ob Mama schon zu Hause ist. Natürlich ist sie noch nicht wieder da. Ich schalte den Motor ab und mache mich auf den nächsten Konflikt gefasst.

»Mama ist noch nicht zu Hause«, stellt Luis enttäuscht fest.

»Natürlich nicht«, würde ich am liebsten sagen und Ärger macht sich in mir breit. Ich umklammere das Lenkrad so fest, dass meine Fingerknöchel weiß hervortreten. Jetzt bin ich wieder derjenige, der Luis beruhigen und ihm erklären muss, dass Mama immer noch arbeitet.

»Sie kommt mit Sicherheit bald«, versuche ich ihn aufzumuntern und steige aus dem Wagen. Luis wartet, bis ich an seiner Seite bin und seine Tür öffne. Bevor ich sie schließen kann, übernimmt er und schlägt sie wütend zu.

»Hast du noch Hunger?«, frage ich ihn, als ich den Schlüssel ins Loch stecke und die Eingangstür öffne. Luis schüttelt nur den Kopf und stampft voraus in den Flur. Ehe ich ihm folgen kann, hat er seine Jacke auf den Fußboden geschleudert, zieht seine Schuhe von den Füßen und rennt die Treppen hinauf in sein Zimmer. Seine Zimmertür wird mit einem lauten Knall geschlossen.

Seufzend hebe ich seine Winterjacke auf und hänge sie zusammen mit meiner, die ich mir schnell ausziehe, an unsere Garderobe. Schritte ertönen im ersten Stockwerk und Lilly kommt die Stufen hinab.

»Was ist los?«, fragt sie und lehnt sich gegen die Wand.

»Mama ist los«, erwidere ich zerknirscht und lasse mich auf den Hocker neben der Schuhablage fallen. »Luis ist traurig, weil sie nicht da ist.«

»Soll ich dir den Gefallen tun und mit ihm reden?«

»Ich möchte ihm ein bisschen Freiraum geben. Wenn er in fünfzehn Minuten nicht aus seinem Zimmer kommt, spreche ich mit ihm. In der Zwischenzeit versuche ich Mama zu erreichen. Oder hast du etwas von ihr gehört?«

Lilly schüttelt den Kopf.

Aufmunternd hält sie mir ihre Hände entgegen, um mich vom Hocker zu ziehen. Dankend ergreife ich sie und lasse mich auf die Beine holen.

»Was du vorhin gesagt hast«, beginne ich, als ich vor ihr zum Stehen komme.

»Das war nicht böse gemeint, Noah. Ich mache mir nur Sorgen um euch und es ärgert mich, dass Lenny davon nichts mitbekommt. Er hat nach Mamas und Papas Trennung mit keiner Silbe seine Hilfe angeboten.« Wie fast jedes Mal, wenn Lilly von Lenny spricht, legt sich ein dunkler Schatten über ihr Gesicht. Natürlich nur in seiner Abwesenheit.

Apropos Lenny, denke ich und lege meinen Arm um Lillys Schultern.

»Du kannst mir vielleicht doch einen Gefallen tun«, flöte ich und sehe von der Seite meine Schwester an, die mich skeptisch mustert.

»Möglicherweise habe ich Luis versprochen, dass Lenny morgen zum Abendessen kommt.«

Lilly stöhnt auf und schiebt meinen Arm von sich. »Und jetzt möchtest du, dass ich ihn zum Essen einlade?« Genervt stemmt sie ihre Hände in die Hüften. Manchmal ist es erschreckend, wie ähnlich wir beide uns sehen. Sie ist etwas kleiner als ich und ihre kantigen Gesichtszüge unterscheiden sich von meinen. Dennoch haben wir das gleiche Lächeln und die Augenfarbe unserer Mama geerbt. Unsere Oma sagt immer, dass Lilly und ich als Babys identisch aussahen. Wenn man durch unsere Fotoalben blättert, kann man dem nur zustimmen.

Ich ziehe einen Schmollmund, weil Lilly genau ins Schwarze getroffen hat, und ich weiß, dass es sie einiges an Überwindung kostet, Lenny anzurufen.

»Na schön«, murmelt sie. »Das mache ich aber nur, weil du mein Lieblingsbruder bist.«

»Das sage ich Lenny«, drohe ich lachend, woraufhin sie mich spielerisch in die Seite stößt und kurze Zeit später im Flur verschwindet.

»Ich bin in meinem Zimmer und rufe Lenny an!« Danach höre ich eine weitere Tür ins Schloss fallen.

Für einen Moment ist es ruhig in unserem Haus und ich nehme einen tiefen Atemzug. Während ich ins Wohnzimmer gehe, krame ich mein Handy aus meiner Hosentasche und muss feststellen, dass Mama sich nicht noch einmal gemeldet hat. Stattdessen hat Paul mich fünfmal versucht anzurufen. Dieser Idiot, was will er denn noch von mir?

Mehr als trennen kann er sich schließlich nicht.

Müde lasse ich mich auf unser großes Familiensofa fallen und denke daran, wie Papa abends mit einem Buch in seinem Lesesessel gesessen hat. Es schmerzt mich, dieses Szenario vermutlich nicht mehr zu sehen zu bekommen.

Meine Finger tippen automatisch auf den Chatverlauf mit ihm und ein verräterischer Druck hinter meinen Lidern erinnert mich an meine Traurigkeit.

In unserer letzten Konversation ging es noch darum, dass er Luis vom Kindergarten abholen kann, weil er früher Feierabend gemacht hat. Das war vor vier Tagen. Einen Tag bevor sie uns erzählt haben, dass sie nicht mehr zusammen sein wollen. Hat er es zu dem Zeitpunkt schon gewusst und wollte noch einmal einen Tag mit seinem Jüngsten verbringen? Mit Sicherheit haben sie diesen Schritt geplant. So etwas entscheidet man nicht einfach spontan aus dem Bauch heraus.

Papa kommt just in dem Moment online, als ich ihm eine Nachricht schreibe. Mein Puls beschleunigt sich. Wann ist das passiert? Ich bin aufgeregt, weil ich meinem Papa schreibe. Verrückte Welt.

Hallo Papa, wie geht es dir? Können wir uns bald sehen? Luis vermisst dich. Lilly auch. Und ich natürlich auch.

Die Haken neben meinen Worten färben sich schlagartig blau und eine Nachrichtenblase erscheint.

Hallo mein Großer,

ich vermisse euch auch. Sprecht mit eurer Mutter darüber und sagt mir, wann wir uns sehen können.

Ich habe euch lieb und drücke euch fest!

Papa

Ich kann nicht anders und fange an zu weinen. Um mein Schluchzen zu unterdrücken, greife ich nach einem Kissen und vergrabe mein Gesicht darin. Wie ein Häufchen Elend sitze ich hier und weine um meine Familie, die mir immer den Halt gegeben hat, den ich gebraucht habe.

Auf einmal fühle ich mich so allein und habe das Gefühl, dass all unsere Probleme auf meinen Schultern liegen.

In dem Moment klingelt mein Handy und ein Funken Hoffnung flammt auf, dass Mama anruft und sagt, sie wäre gleich zu Hause.

Doch stattdessen steht Pauls Name auf dem Display. Sein glückliches Gesicht starrt mir entgegen und mir wird schlecht. Ohne zu zögern, räuspere ich mich und hebe ab.

»Hallo Paul.« Meine Stimme klingt rau, er wird vermutlich hören, dass ich geweint habe.

Kurz herrscht Stille am anderen Ende der Leitung.

»Noah, warum gehst du nicht ans Telefon?« Okay, scheinbar fällt es ihm nicht auf oder es interessiert ihn schlichtweg nicht. Seine harsche Stimme beschert mir eine unangenehme Gänsehaut. Das tut weh und ich verstehe nicht, warum ich nicht früher gemerkt habe, wie er sich von mir entfernt hat.

Paul weiß genau, wie er einen anderen Menschen einschüchtern kann, und er versucht es gerade. Tja, da ist er vor allem heute an der falschen Adresse.

»Weil ich nicht mit dir reden möchte«, gebe ich zurück und lasse mich tiefer in das Sofapolster sinken.

»Hör zu, ich will das wie ein Mann klären und –« Ich pruste drauf los, bevor er weitersprechen kann. »Der Zug ist abgefahren, Paul. Ein Mann macht nicht per Messenger mit seinem Freund Schluss.«

»Ich weiß, du bist sauer, aber du musst doch gemerkt haben, dass es nicht mehr zwischen uns läuft.« Seine Worte treffen mich mehr, als sie sollten, und ich reibe mir nervös den Nacken. Ich habe Angst vor dem Ende und den Folgen dieses Telefonats. Natürlich war ich vor unserem Gespräch schon Single, aber jetzt fühlt es sich endgültig an. Und dieses Gefühl ist schlimm.

Mir wird schlecht.

»Und wie genau soll ich das gemerkt haben?«, hake ich nach und kann das Zittern in meiner Stimme nicht unterdrücken. Es ist demütigend. Scheinbar hat auch er diesen Schritt geplant. Alle Menschen um mich herum planen etwas, ohne mich einzuweihen. Erst wenn es so weit ist, erfahre ich davon und muss die Scherben von dem, was zurückbleibt, beseitigen.

Ein Geräusch aus dem Flur lässt mich aufschrecken. Paul spricht weiter, aber ich höre ihm nicht zu. Keine drei Sekunden später steht Luis in seinem Dinosaurier-Pyjama vor mir. In seiner rechten Hand hält er seine Plüschfigur von Olaf, dem Schneemann aus Frozen. Seine Augen sind gerötet und verraten mir, dass er ebenfalls geweint haben muss. Es zerbricht mir das Herz, den kleinen Mann so aufgewühlt zu sehen.

»Noah, hörst du mir überhaupt zu?« Pauls Stimme wird lauter und eine Menge Wut schwingt darin.

»Paul, ich muss auflegen, Luis ist gerade ins Wohnzimmer gekommen«, erkläre ich und strecke meine Hand nach meinem Bruder aus, damit er neben mich auf die Couch klettert. Ohne zu zögern, kommt er der Aufforderung nach und kuschelt sich an mich.

»Und genau da ist das Problem!«, ruft Paul empört. »Immer war deine Familie wichtiger als ich! Du hattest nie Zeit für mich, deshalb kannst du mir nichts vorwerfen. Du hast mich in die Arme eines anderen getrieben, weil du nur deine Familie im Kopf hattest.« Und genau da ist der Moment, der mir sagt, dass es vorbei ist. Das zu denken ist befreiend. Luis streichelt über meinen Unterarm und sieht mich mit seinen Knopfaugen an. Natürlich bemerkt er, dass etwas nicht stimmt.

»Vielleicht solltest du dich einfach fragen, warum du nie zur Familie gehört hast, Paul«, antworte ich mit sanfter Stimme und streiche meinem Bruder über sein weiches Haar.

»Fick dich, Noah«, flucht er und legt auf. Eins zu null für mich.

»Wer war das?«, fragt Luis, als ich mein Handy auf den Couchtisch lege.

»Niemand«, antworte ich und habe meinen Ex-Freund damit in einem Wort zusammengefasst.

Luis möchte gerade etwas sagen, da hören wir einen Schlüssel im Türschloss. Sofort springt er vom Sofa und rennt in den Flur.

»Mama!«, höre ich ihn rufen und kurz darauf das warme Lachen unserer Mutter, die erschöpft und mit Luis auf dem Arm das Wohnzimmer betritt. Mama wäre nicht Mama, wenn sie nicht erkennen würde, dass bei mir etwas nicht stimmt. Womöglich sehe ich aus wie der wandelnde Tod. Zumindest fühle ich mich so.

Fragend betrachtet sie mich, aber ich winke ab, indem ich den Kopf schüttele.

»Kleiner Mann, ich bringe dich ins Bett«, sagt sie dann und gibt mir mit einem Zeichen zu verstehen, dass sie gleich wieder bei mir ist.

Eigentlich habe ich keine große Lust auf ein Gespräch mit ihr, aber ich werde nicht drum herumkommen. Wir werden mit Sicherheit über Paul sprechen.

Du solltest dich nach diesem Telefonat glücklich schätzen, ihn aus deinem Leben streichen zu können, ruft eine Stimme in meinem Kopf.

In weniger als zehn Minuten ist Mama wieder bei mir und schafft es erst jetzt, ihren Wintermantel auszuziehen. Mit einem Seufzen hängt sie ihn an die Garderobe und schlurft ins Wohnzimmer. Während sie sich in den Lesesessel von Papa fallen lässt, beobachte ich sie. Fiona Sommer hat genau wie ihre Kinder braunes Haar. Sie trägt es mit einer großen Spange zu einer Hochsteckfrisur. Gerade greift sie nach ihr, um sie zu öffnen. Dunkles Haar mit einigen grauen Strähnchen fällt über ihre Schultern.

»Du siehst müde aus«, spreche ich das Offensichtliche aus.

»Du auch«, gibt sie mit einem schmalen Lächeln zurück.

»Ist in der Weinkellerei alles in Ordnung?« Mama seufzt und legt den Kopf in den Nacken.

»Es gab einen Fehler in der Produktion, weshalb über zweihundert Liter Wein nicht in den Verkauf gehen können. Ich musste einiges regeln, um das wieder hinzukriegen, aber jetzt steht dem Wintermärchen nichts mehr im Wege.« Eigentlich müsste ich mich freuen, aber ich bin einfach nur erschöpft. Auf Mamas Stirn bilden sich nachdenkliche Fältchen. »Ist alles in Ordnung? Freust du dich denn gar nicht?«

»Mama, wir müssen reden.«

Ihr Gesicht verzieht sich zu einer gequälten Grimasse. »Ich weiß«, murmelt sie und beugt sich nach vorn, die Hände auf ihren Knien abgestützt.

»Du kannst nicht mehr so viel arbeiten, Luis braucht dich. Gerade mehr denn je. Ich kann weder seinen Vater noch seine Mutter ersetzen und das will ich auch nicht. Wie stellst du dir die nächsten Wochen vor? Ich werde fast jeden Abend arbeiten müssen. In der Kneipe und auf dem Weihnachtsmarkt«, erkläre ich mein Gefühlschaos. Mama hört mir aufmerksam zu und steht auf. Mit drei Schritten ist sie bei mir und setzt sich neben mich.

»Ich habe in den letzten Wochen so viel gearbeitet, damit ich während des Dezembers früher Feierabend machen kann. Du musst dir keine Gedanken machen, Noah. Ich werde nachmittags zu Hause sein, damit du arbeiten gehen kannst. Niemand erwartet von dir, dass du hier irgendeine Rolle übernimmst«, beruhigt sie mich und legt mir einen Arm um die Schulter, um mich an sich zu ziehen.

»Es fühlt sich gerade aber genau so an«, flüstere ich und bemerke, wie die Last, die auf meinen Schultern liegt, mich zu Boden drückt. Mama sagt so etwas oft, was aber nichts an ihrer Arbeitsweise ändert. Schon immer wurde sich in dieser Familie auf den Ältesten verlassen. Damals war es Lenny. Jetzt bin ich es.

»Mach dir keine Gedanken, mein Schatz. Wir kriegen das hin.« Sie drückt mir einen leichten Kuss auf die Schläfe und für einen Moment bin ich der kleine Noah, der Geborgenheit von seiner Mutter bekommt. Ich bin nicht zwanzig Jahre alt, sondern zehn und niemand kann mich besser trösten als sie. Vielleicht werde ich zu sentimental, aber mir rutschen die Worte heraus, ehe ich mich stoppen kann.

»Paul hat sich von mir getrennt.«

»Wie bitte?!«, quietscht sie und nimmt Abstand von mir.

»Er hat einen anderen«, sage ich und versuche mich an einem Lächeln.

»Dieser Mistkerl!«, flucht sie und nimmt mich abermals in den Arm. Mama war schon immer meine größte Unterstützerin. Damals bei meinem Outing, das laut ihr gar nicht notwendig gewesen war, hat sie mich in die Arme genommen und immer wieder versichert, dass sie mich liebt. »Er hat dich nicht verdient, Noah. Er ist ein Idiot.«

»Ich weiß, es tut trotzdem weh. Zwar bin ich nicht mehr so verliebt in ihn gewesen wie vor einigen Monaten, aber es war schön, ihn zu haben. Jetzt bin ich … ich weiß nicht. Allein?«

»In dieser Familie ist niemand allein. Du bist ein intelligenter, hübscher junger Mann. Mit Sicherheit wirst du jemanden finden, der dich liebt und schätzt.«

»Danke«, sage ich und unterdrücke den Drang, in den Armen meiner Mutter zu weinen.

»Es ist die Wahrheit.«

Wir kuscheln uns aneinander und genießen die Zeit zu zweit. Diese Momente sind in den letzten Monaten rar gesät gewesen, weshalb ich meine Augen schließe, um ihn in meinem Herzen zu speichern.

»Mama?«

»Hm?«

»Ist es für dich in Ordnung, wenn wir Papa besuchen?« Ich spüre das kurze Stocken meiner Mutter, aber sie fängt sich schnell wieder.

»Natürlich. Ihr dürft euren Vater immer sehen, wenn ihr möchtet. Ein Zugticket nach Hamburg kostet nicht die Welt. Ihr könnt auch mit meinem Wagen fahren«, besänftigt sie meine Angst vor Unverständnis ihrerseits und streicht mir über mein Haar, genau wie ich es vorhin bei Luis gemacht habe.

»Danke.«

Papa wohnt seit seinem Auszug bei seinem Bruder Michael in Hamburg. Mit dem Auto wären wir in etwa viereinhalb Stunden bei ihm. Trotzdem fühlt es sich an, als wäre er Tausende Kilometer von uns entfernt.

»Wie geht es dir mit der Trennung?«, hake ich vorsichtig nach. Mama hebt den Blick und verschiedene Emotionen huschen über ihr Gesicht, aber ich kann keine davon benennen.

»Es ist … okay, schätze ich. Ihr habt es vielleicht nicht mitbekommen, aber euer Papa und ich haben lange an dieser Beziehung gearbeitet. Als Luis geboren wurde …« Meine Augen weiten sich und ich habe Angst vor dem, was folgen wird.

»Arne und ich waren uns schon vor Luis’ Geburt nicht mehr über unsere Beziehung im Klaren. Wir haben für ihn und natürlich für euch drei an unserer Ehe gearbeitet, aber es geht nicht mehr weiter. Es ging uns beiden nicht gut und deshalb sind wir diesen Weg gegangen. Kannst du das verstehen?«

Obwohl sich alles in mir zusammenzieht und es wehtut, nicke ich. Natürlich verstehe ich sie.

»Ich vergesse immer, dass ich schon drei erwachsene, kluge Kinder habe. Wo ist nur die Zeit geblieben?« Diese Frage stellt sie eher sich selbst als mir, weshalb ich ihr keine Antwort gebe und meinen Kopf auf ihre Schulter lege. Ich schließe die Lider und konzentriere mich auf die mütterliche Wärme, die mich umgibt.

»Was ist denn hier los?«, höre ich meine Schwester Lilly, die in meinem Sichtfeld steht, als ich meine Augen öffne. Lilly war schon immer eine Meisterin im Anschleichen. In ihrer Hand hält sie eine Tüte Chips und stopft sich gerade eine weitere Portion in den Mund.

»Lilly!«, mahnt unsere Mutter mit sanfter Stimme.

»Was?!«, fragt sie und schmeißt sich auf Papas Sessel, ihre Beine legt sie auf dem Couchtisch ab. Mama seufzt und legt ihren Kopf gegen die Sofalehne.

»Beschwer dich morgen nicht wieder, dass du einen Pickel auf der Stirn hast. Das kommt nämlich genau von diesem ungesunden Zeug«, erklärt unsere Mutter und lockert den Griff um meine Schulter. Ich setze mich mit einem Lächeln auf und beobachte Lilly, wie sie ihre Lippen zu einer schmalen Linie presst und die Tüte auf den Tisch legt.

»Also, was gibt’s?«, forscht Lilly abermals nach und blickt zwischen Mama und mir her.

»Ich habe ihr von Paul erzählt«, berichte ich.

»Und? Verprügeln wir ihn?«

»Lilly!«, rufen Mama und ich im Chor, ehe wir anfangen zu lachen.

»Was denn? Das hat er verdient, oder nicht? Ich dachte, wir beschützen uns gegenseitig in dieser Familie! Lenny will ihm auch die Meinung geigen, wenn er ihn das nächste Mal zu sehen bekommt.«

Mein Puls beschleunigt sich. »Du hast Lenny davon erzählt?«

Rasch versucht Lilly das Thema zu wechseln. »Ich muss Hausaufgaben machen!«, flötet sie und springt auf.

»Lilly! Lenny und Paul sind befreundet!«, stöhne ich entgeistert.

»Na ja … jetzt nicht mehr«, murmelt sie mir über ihre Schulter hinweg entgegen und verschwindet im Flur.

»Siehst du, niemand ist in dieser Familie allein«, sagt meine Mutter und steht ebenfalls auf und schlendert in die angrenzende Küche.

Manchmal wäre in dieser Familie weniger allerdings mehr, denke ich und lege mich mit einem lauten Ächzen in die Kissen.

Kapitel 3

Noah

Was machst du denn schon hier?«, frage ich Mama, als sie am nächsten Tag bereits um fünfzehn Uhr mit Luis an der Hand ins Haus kommt. In ihrer rechten Hand hält sie eine Tüte vom Bioladen, die sie neben der Garderobe abstellt.

Luis strahlt mir entgegen und ich freue mich, dass es ihm heute wieder besser geht. Vielleicht hat Mama gestern die Wahrheit gesagt und sie wird wirklich in den nächsten Wochen auf der Arbeit kürzertreten. Ohnehin wollte ich bei meinen Großeltern Nachforschungen anstellen. Sie werden wissen, ob Mama wirklich geplant hat, weniger zu arbeiten.

»Lenny kommt zum Essen«, ruft Luis begeistert und rennt in die Küche. Das hatte ich völlig vergessen.

»Ich wollte etwas kochen, wenn Lenny kommt. Ich hoffe, ihr habt Lust auf einen Kartoffelauflauf?« Während sie spricht, hängt sie ihre Jacke auf und drückt mir kurz darauf die Tüte in die Hände, damit ich sie in die Küche trage.

»Das habe ich, aber ich bin noch mitten in einer Aufgabe und kann dir nicht bei den Vorbereitungen helfen«, entschuldige ich mich und packe die Lebensmittel aus, als wir in der Küche ankommen. Mama schnappt sich ihre Schürze vom Haken neben dem Herd und bindet sie sich um. Ein seltener Anblick, aber er löst ein vertrautes Gefühl in mir aus. Ich denke an früher, als Mama viel mehr Zeit für uns hatte.

»Das musst du auch nicht«, erwidert sie und deutet auf Luis, der sich seine Kinderschürze umbindet. »Luis unterstützt mich.«

»Genau«, pflichtet er ihr bei und nickt eifrig.

»Na dann«, sage ich und mache auf dem Absatz kehrt. »Ruft mich, wenn ihr so weit seid.«

In meinem Zimmer tigere ich auf und ab, überlege, was ich tun kann, damit Lenny Paul in Ruhe lässt. Hoffentlich hat er sich ihn noch nicht vorgeknöpft. Ich kenne meinen Bruder. Wenn er sauer ist, dann richtig. Nervös kaue ich auf meinen Fingernägeln und stöhne auf. Lenny hat es sich zur Aufgabe gemacht, mich zu beschützen, seit ich in der Schule aufgrund meiner Sexualität gemobbt wurde.

Manchmal ärgert mich sein Beschützerinstinkt. Natürlich verstehe ich es, wenn er seine jüngeren Geschwister beschützen will, das würde ich auch tun, aber ich bin keine zehn Jahre alt mehr und kann selbst auf mich aufpassen. Das ist bei Lenny allerdings noch nicht angekommen.

Der Anblick meines Schreibtisches erinnert, dass ich noch eine Menge zu tun habe. Also lehne ich mich zurück und versinke in meinen Essays, bis es einige Zeit später an der Tür klingelt. Ich tippe auf mein Handy, um den Bildschirm zu aktivieren. Es ist siebzehn Uhr. Das muss Lenny sein.

Schnellen Schrittes stürze ich den Flur entlang und die Treppen herunter. Schon nach wenigen Stufen kann ich Lenny in der Tür ausmachen. Er zieht sich gerade seine Arbeitsschuhe aus und klatscht Luis ab, der ihn mit großen Augen ansieht. Nicht nur für mich ist Lenny ein Vorbild. Auch für Luis ist er so etwas wie ein Star.

»Hi«, begrüße ich ihn und mache damit auf mich aufmerksam. Lennys Blick schnellt in die Höhe und er kräuselt die Lippen, als er mich betrachtet.

»Wie geht’s dir?«, will er augenblicklich wissen, kommt auf mich zu und nimmt mich in die Arme. Sofort lasse ich mich fallen und atme den bekannten Duft meines Bruders ein, er hüllt mich mit einem Gefühl von Geborgenheit ein.

»Es ist alles in Ordnung«, versichere ich ihm, als wir uns voneinander lösen.

»Wirklich? Wenn ich diesen Kerl in die Finger kriege«, grummelt er wütend und verschränkt die Arme vor der Brust.

»Bitte mach es nicht schlimmer, als es ist«, flehe ich. Obwohl mir das ganze Trennungsdrama zusetzt, stimmt alles, was ich sage. Mich kränkt bei dem Thema eher die Tatsache, dass ich wirklich nichts mitbekommen habe. Unsere Beziehung ist zu einer bloßen Gewohnheit geworden und ich habe dabei nicht gemerkt, wie sehr wir uns auseinandergelebt haben. Die Verliebtheit ist vollkommen verloren gegangen. Natürlich kann man sich nach einer längeren Beziehung nicht wie am ersten Tag fühlen, aber man sollte sich wohl nach seinem Partner sehnen, oder? Wenn ich darüber nachdenke, habe ich das nie. Es war schön, wenn Paul und ich Zeit verbracht haben, mehr war da aber nicht. Ich habe mich nie nach ihm verzehrt oder musste ihn dringend um mich haben. War ich überhaupt wirklich in ihn verliebt gewesen?

»Wenn du das nicht möchtest, rede ich auch nicht mit ihm«, besänftigt mich Lenny und legt mir einen Arm über die Schulter, um mich an sich zu ziehen.

Mit einem schmalen Grinsen bedanke ich mich bei ihm. Gemeinsam mit Luis im Schlepptau gehen wir in die Küche, in der Lilly und Mama bereits auf uns warten.

»Hey«, begrüßt sie uns und tippt unterdessen auf ihrem Smartphone herum.

»Na du Smombie?«, begrüßt Lenny sie und wuschelt Lilly durch ihr Haar.

»Hey!«, schmollt sie, aber ich kann den Anflug eines Lächelns auf ihrem Gesicht erkennen. So ist es immer. Wenn Lenny nicht da ist, kann sie kaum aufhören, über seine Abwesenheit zu meckern, und sobald er anwesend ist, strahlt sie über das ganze Gesicht.

»Hallo, mein Schatz«, begrüßt Mama ihren Ältesten und nimmt ihn in eine herzliche Umarmung. »Danke, dass du kommen konntest.«

»Kein Thema«, winkt er ab und sucht mit seinen Augen bereits nach Arbeit. Jeder in unserer Familie ist sich so verdammt ähnlich. »Kann ich helfen?«