We Are Chaos - Lisa Beka - E-Book

We Are Chaos E-Book

Lisa Beka

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Beschreibung

Brie wünscht sich nichts sehnlicher, als endlich mit ihren zerplatzten Träumen abzuschließen und in ihrem Job als Social-Media-Managerin für den Londoner FC Fuß zu fassen. Dafür riskiert sie auch, täglich aufs Neue mit Dylan konfrontiert zu werden, der sie nach einem schweren Unfall, der sie ihre Fußballkarriere gekostet hat, fallen ließ und selbst einer der erfolgreichsten Fußballer wurde. Augenblicklich sprühen die Funken zwischen ihnen und es dauert nicht lange, da merken sie, dass es nichts mit ihrer gegenseitigen Abneigung zu tun hat. Vielmehr fühlen sie sich zueinander hingezogen. Doch wie soll sich Brie auf ihn einlassen, wenn sie dabei jedes Mal an ihre Vergangenheit erinnert wird? Und wird es Dylan schaffen, über seinen Schatten zu springen und sich seinen inneren Dämonen zu stellen, die mit Bries Unfall in Zusammenhang stehen?

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Seitenzahl: 309

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Über die Autorin

Lisa Beka, geboren 1998, lebt in einer Kleinstadt im Sauerland. Wenn man sie nicht gerade lesend oder schreibend auffindet, arbeitet sie mit Herzblut als Buchhändlerin.

Für Bücher und das kreative Schreiben konnte sie sich schon immer begeistern. Seit 2017 bloggt sie auf Instagram unter lisaszeilenliebe. We Are Chaos ist ihr drittes Werk.

WREADERS E-BOOK

Band 225

Dieser Titel ist auch als Taschenbuch erschienen

Vollständige E-Book Ausgabe

Copyright © 2023 by Wreaders Verlag, Sassenberg

Verlagsleitung: Lena Weinert

Umschlaggestaltung: Emily Bähr

Lektorat: Silvia Klara, Sina Kleber

Satz: Ryvie Fux

www.wreaders.de

Für alle, die für ihre Träume kämpfen. Ich glaube an euch!

Playlist:

Crawling - Malik Harris20s - Bow AndersonThere Will Be a Way - DotanDNA - Lia Marie JohnsonScars To Your Beautiful - Alessia CaraSomeone Better - Paula Dalla Corte, Rea GarveySweater Weather - The NeighbourhoodYou’re Somebody Else - flora cashMissing Home - flora cashZorn & Liebe - Provinz, Nina ChubaRiver - Bishop BriggsHere She Comes - RöyksoppSomewhere Only We Know - Keane

Kapitel 1

Brie

Mein Zeigefinger schwebte zitternd über dem Touchpad meines Laptops, der Pfeil der Maus stand auf dem Senden-Button, aber ich schaffte es nicht, die E-Mail zu verschicken. Der vernünftige Teil meines Hirns riet mir, das Ganze abzublasen. Der Unvernünftige wollte das Schicksal unbedingt herausfordern.

Um die Zeit und meine letztendliche Entscheidung hinauszuzögern, griff ich nach dem Erdbeermilchshake, den ich mir vor einer gefühlten Ewigkeit bestellt, bisher jedoch nicht angerührt hatte. Den himmlischen Geschmack ließ ich mir mit geschlossenen Augen auf der Zunge zergehen. Als ich sie wieder öffnete, sah mich der Typ, der in diesem Diner arbeitete, irritiert an.

Val‘s Diner war mein Rückzugsort. Die Mitarbeiter ließen mich hier lernen, obwohl ich mir nur ein Wasser für zwei Pfund bestellte. Mittlerweile wussten sie, dass sie mit mir und meinen Bestellungen nicht reich wurden. An einem guten Tag orderte ich eine Portion Fritten, an schlechteren ein Glas Wasser.

Heute war ein mittelmäßiger Tag. Nicht absolut beschissen, weil ich vor ein paar Tagen meinen Abschluss gemacht hatte und die Freude und die Euphorie noch nachwirkten, aber der Tag war auch nicht der absolute Oberhammer. Was vor allem daran lag, dass ich so gut wie arbeitslos war. Nein, ich war nicht nur so gut wie arbeitslos, ich war es tatsächlich.

Sollte ich diese Bewerbung wirklich abschicken?, fragte ich mich trotz allem.

Ein dumpfer Schmerz schoss durch meine Schläfen. Wie viele Stunden hatte ich bereits damit vergeudet, auf diesen Bildschirm zu starren? Stöhnend ließ ich mich gegen die Lehne der Sitzbank fallen und stieß genervt die Luft aus. Warum war es so schwer, diese beschissene Mail zu verschicken?

Weil einfach alles davon abhängt, schimpfte meine innere Vernunft. . Entweder du wächst an dir oder du bleibst an diesem Punkt in deinem Leben hängen. Willst du das Risiko eingehen?!

Wollte ich das?

»Ist alles okay bei dir?« Jemand riss mich aus meinen Gedanken. Der gutaussehende Kellner, welcher mir bereits bei meinem ersten Besuch vor Jahren aufgefallen war, stand vor meinem Tisch. Sorge zeichnete sich auf seinen Zügen ab, was mich wunderte. Scheinbar machte ich auf andere den Eindruck, als ginge es mir nicht gut. Die unscharfe Spiegelung im Bildschirm meines Computers bestätigte meine Vermutung. Meine Frisur sah genauso zerrupft aus, wie es meine Emotionen waren.

»Ich weiß es nicht«, gab ich zu und wunderte mich über mich selbst. Wollte ich ein Gespräch mit diesem Mann anfangen? Ein »alles in Ordnung« hätte gereicht und ich wäre ihn los gewesen.

Stattdessen setzte er sich mir gegenüber auf die Bank, nachdem er mit einem Schulterblick überprüft hatte, ob jemand an der Theke auf ihn wartete.

In der Zwischenzeit ergriff ich die Chance, ihn mir genauer anzusehen. Seine dunklen Haare waren kurz geschoren, was mir im Normalfall überhaupt nicht gefiel. Seine markanten Gesichtszüge ließen sein komplettes Erscheinungsbild jedoch sehr attraktiv auf mich wirken.

»Du kommst seit Tagen hierher und ziehst ein Gesicht, als würde die Welt jeden Moment untergehen«, analysierte er mich. »Ich kenne dich nicht so gut, aber du siehst aus, als bräuchtest du ein offenes Ohr.«

Mit diesen Worten riss er das Pflaster von einer Wunde, die nie wieder heilen würde. Sofort schrillten alle Alarmglocken in mir. Es war gar nicht gut, dass er die Gefühle in meinem Gesicht hatte lesen können. Ich hatte mir meine eiserne Miene nicht umsonst jahrelang antrainiert. Sie durfte jetzt nicht zusammenbrechen, weil ich eine wichtige Entscheidung treffen musste, die blöderweise mit besagter Wunde zusammenhing.

»Ich brauche nichts außer diesen Milchshake«, gab ich knapp zurück und deutete auf das Glas zwischen uns.

»Das glaube ich dir nicht«, antwortete er mit hochgezogener Braue. »Wie auch immer … ich bin Miles.«

Skeptisch verschränkte ich die Arme vor der Brust und funkelte ihn an.

»Warum hast du mich angesprochen, Miles?«

»Muss ich einen Grund haben eine hübsche Frau anzusprechen, die aussieht, als würde sie ihren Laptop jeden Moment durch das Diner schleudern?« Während er sprach, nahm er die gleiche Körperhaltung an.

Normalerweise war ich immun gegen Männer, die mit solchen Sprüchen um die Ecke kamen. Bei Miles musste ich trotz allem schmunzeln. Vermutlich lag es an seiner lockeren Art und der Ehrlichkeit, die er mir entgegenbrachte.

»Sehe ich wirklich so verzweifelt aus?«

Miles Augen huschten über meinen Körper und mir entging nicht, dass sein Blick für einen Moment an meinem Schlüsselbein hängen blieb. Dort hatte ich mir mit achtzehn Jahren einen blauen Schmetterling tätowieren lassen. Für mich hatte er eine Bedeutung, die tiefer ging als die Nadel, welche das Motiv gestochen hatte.

»Kann man schon sagen … schreibst du eine Hausarbeit und verzweifelst daran?«, wollte er wissen und stützte sich auf dem Tisch ab. Ein herber Duft strömte mir entgegen, der mich für eine Sekunde an meinen Dad erinnerte. Unwillkürlich wurde mir kalt und ich klammerte mich an der Kante des Tisches fest.

»Hab ich etwas Falsches gesagt? Du wirst auf einmal so blass!« Miles‘ besorgter Ausdruck holte mich ins Hier und Jetzt zurück. Warum wanderten meine Gedanken ausgerechnet heute immer wieder in die Vergangenheit? Eigentlich hatte ich geglaubt, endlich mit dem Kapitel abgeschlossen zu haben.

»Nein, nein!«, stieß ich hervor. »Ich bin gerade arbeitslos und traue mich nicht, meine Bewerbung abzuschicken. Ich weiß nicht, was ich tun soll, wenn sie mich ablehnen. Das ist alles.«

Das letzte Mal, als ich einem anderen Menschen von meinen Ängsten erzählt hatte, war lange her und es war nicht gut für mich ausgegangen.

Denk nicht schon wieder an die Vergangenheit!, ermahnte ich mich und schüttelte leicht den Kopf, um die Erinnerungen zu vertreiben.

»Na, dann bewirbst du dich eben woanders, oder ist dieser Job eine Anstellung bei der Queen?«, fragte er spaßeshalber. Noch konnte ich Miles nicht einschätzen und wusste nicht, ob er sich mit dem, was ich tat, auskannte.

»Nicht ganz«, erwiderte ich und knabberte an meiner Unterlippe herum. Diese Angewohnheit hatte ich seit Kindertagen und bis heute noch nicht ablegen können.

»Was meinst du damit?«

»Kennst du dich mit Fußball aus?«, stellte ich die Gegenfrage und spürte, dass mein Herz schlagartig schneller schlug. Das passierte jedes Mal, sobald ich an dieses Thema dachte.

»Natürlich! Wir sind in London und ich bin eben ein Fan … Moment mal, willst du mir damit sagen, dass du dich auf eine ihrer Stellen beworben hast?! Nimm‘s mir bitte nicht übel, aber du siehst nicht aus wie ein Fußballer, oder ist das irgendeine Stelle im Büro?« Miles‘ Aufregung ließ meine Mundwinkel zucken, aber ein Lächeln brachte ich nicht zustande. Das Gesagte schlängelte sich schon wieder durch meine Erinnerungen und griff danach. Nach all den Jahren war ich nach wie vor nicht in der Lage, neutral über Fußball zu sprechen. Was war bloß falsch mit mir?

»Ich spiele nicht, das stimmt.« Meine Stimme zitterte, während ich redete. Nein, ich war keine Fußballerin. Nicht mehr. »Die Stelle, auf die ich mich bewerben will, ist die einer Social-Media-Managerin.«

Miles‘ Mund klappte auf. Würde ich nicht derart mit mir und dieser dämlichen Entscheidung ringen, würde ich auflachen.

»Du könntest also mit Leuten wie Callum Scott chillen, wenn du diesen Job bekommst?!«, wisperte er beinahe ehrfürchtig.

»So würde ich das jetzt nicht sagen …«, meinte ich und wollte gerade das Notebook zuschlagen, als Miles‘ Hände danach griffen, um es in seine Richtung zu drehen.

»Was tust du denn da?«

Miles Finger glitten über das Touchpad und seine Iriden bewegten sich ruckartig, während er sich meine Bewerbung durchlas. Zwischendurch stieß er beeindruckte Pfiffe durch seine Zähne aus und warf mir ungläubige Blicke über den Rand des Displays zu.

»Du hast deine Bachelorarbeit mit einer glatten Eins bestanden?!«, wollte er wissen und riss dabei seine Augen so weit auf, dass ich Angst hatte, sie könnten ihm herausfallen. Wärme breitete sich in meinem Gesicht aus. Wahrscheinlich wurde ich rot wie eine Tomate.

Lob zu bekommen war eines der Dinge, mit denen ich nicht umgehen konnte. Enttäuschung machte sich abermals in mir breit, da mir klar wurde, dass Miles, quasi ein Fremder, der Erste war, der sich für meinen Abschluss interessierte.

»Es ist nicht der Rede wert.«

»Es ist nicht der Rede wert?!«, rief er, woraufhin ich mich beschämt tiefer in meinen Sitz sinken ließ. Miles Blick huschte zurück auf den Bildschirm. »Brie, ich … warum zur Hölle hast du dich nicht längst beworben?«

Na toll, nun wusste er auch meinen Namen.

»Kannst du bitte ein Ticken leiser sprechen? Ich bin nicht unbedingt scharf darauf, dass ganz London Wind davon bekommt, okay?«, zischte ich ihm entgegen.

»In dieses Diner passen nicht einmal …«

»Lass gut sein«, unterbrach ich ihn und wollte meinen Laptop zu mir zurückholen. Er ließ ihn jedoch nicht los.

»Miles!«, warnte ich ihn, da ich eine Vorahnung hatte, was er im Begriff war zu tun. Sein Finger bewegte sich so schnell auf dem Touchpad, dass ich nichts dagegen tun konnte. Aus den Lautsprechern meines Laptops ertönte ein Pling, was den Eingang einer neuen E-Mail ankündigte. Mein Puls schnellte in die Höhe und ich riss ihm mutwillig das Teil aus den Händen.

»Was hast du nur getan?!«, presste ich perplex hervor und las mit wild klopfendem Herzen die eingegangene Nachricht.

Sehr geehrte Ms. Hogan, vielen Dank für Ihr Interesse an unserer ausgeschriebenen Stelle. Wir werden uns in den nächsten Tagen mit Ihnen in Verbindung setzen.

»Ich habe dir einen Job besorgt«, flötete Miles, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken.

»Willst du mich verarschen?«, flüsterte ich wütend und kämpfte mit dem dicken Kloß, der sich urplötzlich in meinem Hals gebildet hatte. In meinem Leben hatte ich schon oft in der Öffentlichkeit geweint, aber es durfte nicht noch einmal vorkommen. Das hatte ich mir geschworen und heute war sicher nicht der Tag, an dem ich diesen Schwur brechen würde.

»Brie, jetzt beruhige dich bitte«, bat Miles und klappte meinen PC vorsichtig zu. »Warum hast du diese Bewerbung geschrieben, wenn du den Job nicht haben willst?«

Natürlich wollte ich diese Stelle, gar keine Frage. Trotzdem war es nicht okay von ihm, dass er mir die Entscheidung abgenommen hatte. Schließlich hatte ich nicht ohne Grund gezögert. Das konnte ich ihm nur leider nicht erklären …

»Hey, es tut mir leid, okay? Aber ich bin ehrlich mit dir. Seit Jahren kommst du in dieses Diner und hast nie einen Freund oder eine Freundin dabei. Du hängst ständig über deinem Laptop oder irgendwelchen Uni-Notizen. Halte mich für verrückt, aber ich glaube, dass du das hier gebraucht hast. Das Gespräch mit mir und den kleinen Schubs in die richtige Richtung. Sei ruhig sauer auf mich, aber wenn du diesen Job bekommst, will ich, dass du mich auf einen Drink einlädst!«

Miles sanfte Stimme und seine Worte machten mich sprachlos. Er hatte mich all die Jahre beobachtet? Warum hatte er mich vorher nie angesprochen, wenn ich ihm aufgefallen war? Moment mal … er wollte ein Date mit mir?

»Miles, ich …«

»Warum bist du immer allein hier?«, unterbrach er mich mit einem einfühlsamen Blick aus seinen grünen Augen.

»Ich bin einfach gerne allein«, log ich. »Das ist so ein Einsiedlerding.«

Miles öffnete seine Lippen, um etwas zu sagen, seine Arbeitskollegin kam allerdings dazwischen.

»Hey, ich brauche dich hinten.« Mit einem knappen Nicken begrüßte sie mich und legte meinem Gegenüber eine Hand auf die Schulter. Die Geste wirkte sehr intim und mir entging nicht der abwertende Blick, den sie mir zuwarf.

Miles sah zu ihr hinauf und schüttelte ihre Hand ab, während er sich aus der Nische quetschte. Seine Kollegin dampfte mit einem unverständlichen Murmeln davor.

Bevor er mich wieder allein ließ, berührte er meine Hand mit seinen Fingerspitzen. Unsere Blicke verhakten sich ineinander. Für gewöhnlich blockte ich solche Situationen gekonnt ab, in diesem Moment konnte ich aber nicht anders, als ihn anzustarren.

»Sie werden dich nehmen, Brie. Ich glaube an dich und das solltest du auch tun.«

Ein Gefühl wie ein angenehmer Stromstoß schoss von meiner Hand bis in meine Wangen, als er das zu mir sagte. Dieses Mal raste mein Herz nicht wegen der Stellenanzeige.

Es raste, weil es das erste Mal seit Ewigkeiten war, dass ich so etwas zu hören bekam.

»Danke«, wisperte ich und schenkte ihm ein ehrliches Lächeln. Er konnte gar nicht ahnen, wie sehr ich das gebraucht hatte.

Kapitel 2

Brie

Bereits eine Woche war vergangen, seit Miles meine Bewerbung abgeschickt hatte. Noch immer aktualisierte ich minütlich meine E-Mails, aber sie meldeten sich einfach nicht. Natürlich war mir schon der Gedanke gekommen, dass sie sich für jemand anderen, jemand qualifizierteren entschieden hatten. Doch wer konnte qualifizierter sein als ich? Mit vier verschiedenen Praktika, die ich in den unterschiedlichsten Firmen erfolgreich absolviert hatte, und mit meiner Abschlussnote konnte kaum jemand geeigneter sein. Das sagte ich nicht, weil ich eingebildet war, sondern weil ich endlich wieder an mich und meine Arbeit glauben wollte.

»Dieses ständige Trübsal blasen hilft dir auch nicht weiter«, holte mich Mums Stimme in die Realität. Durch mein Gedankenkarussell hatte ich nicht einmal bemerkt, dass sie in mein Zimmer gekommen war.

Sofort richtete ich mich auf, da ich nicht den Eindruck erwecken wollte, zu faulenzen. Mum konnte es gar nicht leiden, wenn ihre Kinder sich nicht am Haushalt beteiligten. Vorrangig bei mir wurde sie wütend. Mit meinen vierundzwanzig Jahren war ich die Älteste von uns drei Geschwistern und das war etwas, was sie mir ständig unter die Nase rieben. Ich brachte keinen Pfund mit nach Hause und saß andauernd in meinem Zimmer. Oftmals warfen sie mir vor, ich wäre zu faul und hätte keine Lust zu arbeiten. Dabei vergaßen sie, dass meine Nebenjobs nicht sonderlich viel einbrachten und ich meine Zeit in meinem Zimmer mit dem Schreiben meiner Bachelorarbeit verbracht hatte. Das war ihnen absolut egal. Sie gaben mir schlichtweg das Gefühl, nicht zu dieser Familie zu gehören. Alles hatte sich geändert, nachdem Dad wegen mir die Familie verlassen hatte.

»Sorry«, murmelte ich und nahm meiner Mum den Wäschekorb ab, den sie in ihren Händen hielt.

»Brianna, wann suchst du dir endlich eine Wohnung?«

Mums Worte schmerzten. Mir war bewusst, dass ich alt genug war, um auszuziehen, aber jeder unter diesem Dach wusste, dass ich nicht das Geld hatte, um den finalen Schritt gehen zu können. Das Geld, welches ich während meines Nebenjobs verdient hatte, gab ich zu achtzig Prozent meiner Mum für die Miete, Einkäufe und so weiter. Wenn ich Glück hatte, blieb mir ein geringer Teil zur Verfügung, den ich für neue Kleidung und Schuhe ausgab. Wovon konnte ich mir schon etwas zurücklegen?

»Wenn ich den Job bekomme, bin ich weg, versprochen!«, sagte ich mit bebender Stimme.

Mum hob eine Augenbraue, wodurch ihr skeptischer Blick mehr Ausdruck gewann. »In deinem Alter war ich schon Mutter!« Diesen Satz brachte sie jedes Mal, wenn es darum ging, mich endlich loszuwerden. Zumindest fühlte es sich genau so an. In diesem Zuhause fühlte ich mich seit Ewigkeiten nicht mehr willkommen, nicht zuletzt, da mir immer wieder die Frage nach meinem baldigen Auszug gestellt wurde. Deshalb ärgerte es mich, dass ich nicht einfach meine Sachen packen und gehen konnte.

»Ich weiß«, seufzte ich und stellte den schweren Wäschekorb auf meinem Schreibtisch ab. Mit sorgfältigen Griffen fing ich an, die Klamotten zu falten. Mum stand noch immer in der Tür und beobachtete mich dabei.

»Vielleicht solltest du dich noch bei anderen Firmen bewerben? Ich habe dir sofort gesagt, dass man sich nicht auf eine einzige Bewerbung verlassen kann. Dein Bruder hat sich auch auf mehrere Stellen gemeldet«, schimpfte sie mit ihrer belehrenden Stimme. Ich ignorierte den Fakt, dass mein Bruder vierzehn war und es sich um Schulpraktia handelte. Er hatte keinerlei Erfahrungen und ich hatte die leise Hoffnung, dass man meine Branchenkenntnisse unter anderem berücksichtigte.

»Aktuell gibt es keine anderen Stellen.« Und ich will auch keine andere, fügte ich gedanklich hinzu.

»Du bist jung, Brianna. Was hält dich davon ab, die Stadt zu verlassen?«

Ich hielt in meiner Bewegung inne, drehte mich jedoch nicht um. Mein Blick wanderte auf die Fotos an der Wand. Wegen euch, flüsterte meine inneres Kind, das sich so sehr nach Zuneigung sehnte. Ich will euch nicht zurücklassen, wie Dad es getan hat.

»Du weißt, wie schwer es für mich ist, neue Freunde zu finden«, log ich. Okay, es war nur eine halbe Lüge. In den letzten Jahren war ich eine absolute Niete geworden, was das Knüpfen von sozialen Kontakten anging. Würde ich mich mehr ins Zeug legen, würde ich sicher neue Freunde finden. Damals war ich ein sehr offener Mensch gewesen, dem man alles erzählen wollte und auch konnte. Heute beachtete man mich kaum noch, trotz meiner auffälligen Haarfarbe, die ich mir nach dem Unfall zugelegt hatte. Meine garstige Miene war sicher der Auslöser, warum niemand mit mir reden wollte.

»Dann musst du an dir arbeiten!«, forderte sie und ließ mich ohne ein weiteres Wort allein zurück.

Mit einem enttäuschten Ächzen ließ ich mich auf meinen Schreibtischstuhl fallen und legte den Kopf in den Nacken. Meine Mutter war nicht immer so gewesen, wie sie heute war. Es gab Zeiten, da pflegten wir ein starkes Verhältnis zueinander. Zwar war ich in meiner Kindheit ein Papakind gewesen, dennoch war meine Mum wie eine beste Freundin für mich gewesen. Nach meinem Unfall hatte sich einfach alles geändert. Auch meine Geschwister verhielten sich seither anders, obwohl Collin gerade einmal vier Jahre alt gewesen war.

Frustriert schnappte ich mir ein Oberteil aus dem Korb und faltete es in meinem Schoß. In diesem Augenblick erklang das vertraute Geräusch meines Laptops, das den Eingang einer neuen E-Mail anmeldete. Hastig stand ich auf, ließ das Kleidungsstück fallen und schmiss mich auf mein Bett.

Tatsächlich war eine neue Nachricht eingegangen.

Mir rutschte mein Herz in die Hose, als ich den Verfasser sah. Ungeduldig klickte ich auf die Nachricht und las sie mit flüsternder Stimme vor.

Liebe Ms. Hogan,

wir freuen uns sehr, dass Sie sich mit unserem Verein verbunden fühlen. Ihre Bewerbung hat einen positiven Eindruck hinterlassen, weshalb wir Sie zu einem Gespräch einladen möchten.

Haben Sie noch heute kurzfristig Zeit für uns?

Rufen Sie mich gerne an. Die Nummer finden Sie unten in dem geschäftlichen Anhang der Mail.

Ich freue mich darauf, Sie persönlich kennenzulernen.

Herzliche Grüße

Samantha Lodge

Meine Kinnlade klappte herunter, während ich las. Noch vor wenigen Minuten hatte ich mit meiner Mutter über meine Situation gesprochen und als hätte mich das Schicksal erhört, kam nun diese Mail an. Ungläubig schüttelte ich den Kopf und griff mit zittrigen Fingern nach meinem Smartphone. Um einen guten Eindruck zu hinterlassen, sollte ich schnellstmöglich bei dieser Samantha Lodge anrufen. Oder könnte es ein merkwürdiges Licht auf mich werfen, wenn ich mich sofort bei ihr meldete?

Kurzerhand sprang ich aus meinem Bett, schloss die Tür und verriegelte sie, damit mich niemand stören konnte.

Bevor ich auf den grünen Hörer tippte, checkte ich drei Mal, ob ich die richtige Rufnummer eingegeben hatte.

Während des Piepens schlug mein Herz dermaßen schnell, dass ich es in meinen Ohren rauschen hörte. Nervös setzte ich mich auf mein Bett und biss auf meine Unterlippe.

»Sie sprechen mit Samantha Lodge, HR-Managerin des Londoner FC‘s. Was kann ich für Sie tun?« Samanthas Stimme klang klar und warm. Sie wirkte freundlich.

»Guten Tag, hier ist Brie, ähm, Brianna Hogan. Sie haben mir gerade eine Mail zukommen lassen«, sagte ich und schlug mir meine Hand gegen die Stirn, weil ich mich schon beim ersten Satz verhaspelt hatte.

»Brianna! Schön, dass Sie anrufen! Haben Sie die Möglichkeit heute Nachmittag vorbeizukommen?« Ihre enthusiastische Stimme steckte mich beinah durch das Telefon an. Mich würde interessieren, ob sie in Wirklichkeit auch so war.

»Sehr gerne. Um wie viel Uhr denn?«, hakte ich nach und war gedanklich schon dabei, ein Outfit zusammenzustellen.

»Passt Ihnen dreizehn Uhr?« Mein Blick huschte zur Uhr über meiner Zimmertür.

»Natürlich, gar kein Problem«, stieß ich hervor. »Wo treffen wir uns?« Das Vereinsgebäude war mir logischerweise bekannt, aber es war so riesig, dass ich mich mit Sicherheit darin verlaufen würde.

»Wie wäre es, wenn wir uns in einem Café treffen? Kennen Sie das Maxine’s Inn neben dem Vereinsgebäude? Ich würde am liebsten dort mit Ihnen reden, dann komme ich endlich mal aus meinem Büro heraus. Außerdem haben die keinen Dresscode, alles ist ganz ungezwungen«, erzählte sie, durch den Klang ihrer Stimme erahnte ich ein Lächeln. Mit diesem Vorschlag nahm sie mir nicht nur meine Nervosität, sondern auch die Frage nach einem geeigneten Outfit.

»Alles klar, vielen Dank! Dann sehen wir uns später!«, verabschiedete ich mich überschwänglicher als beabsichtigt.

Nachdem ich aufgelegt hatte, nahm ich einen tiefen Atemzug. Es ging bergauf.

Voller Hoffnung und Adrenalin riss ich meine Tür auf und ging in die Küche, wo ich meine Mutter am Herd vorfand. Weder begrüßte sie mich, noch schenkte sie mir irgendwelche Aufmerksamkeit.

»Hey Mum«, fing ich vorsichtig an. »Der Verein hat sich gemeldet. Ich soll heute um dreizehn Uhr zu einem Vorstellungsgespräch kommen!« Meine Stimme hörte sich so hoch und unbeschwert an, wie es ich gar nicht mehr gewohnt war. Mum rührte sich nicht und schnippelte weiter das Gemüse.

»Schön«, gab sie knapp zurück. »Isst du mit uns Mittag?« Entgeistert starrte ich sie an und war versucht, nach einer versteckten Kamera Ausschau zu halten. Ich hatte meiner Mutter gerade verraten, dass ich noch heute Mittag zum Vorstellungsgespräch eingeladen worden war, und das war ihre Reaktion? Kein »Ich freue mich für dic«h und auch kein »Ich bin stolz auf dich«. Es hätte mir ein gutes Gefühl gegeben, wenn sie sich wenigstens ein bisschen für mich gefreut hätte.

Mit hängenden Schultern setzte ich zum Gehen an.

»Nein Mum, ich denke, ich esse eine Kleinigkeit auf dem Weg.« Einige Sekunden wartete ich, ob sie noch etwas sagen würde, aber sie blieb still. Mit Tränen in den Augen lief ich zurück in mein Zimmer und schlug mir eine Hand auf den Mund, um das Wimmern zu unterdrücken. Meinen Rücken an die geschlossene Tür gepresst, rutschte ich an ihr hinab und blieb auf dem Boden sitzen. Die Tränen rannen über meine Wangen und ich konnte nicht anders, als darüber nachzudenken, was ich tun konnte, um so schnell wie möglich von meiner Mum wegzukommen. Das zerrissene Verhältnis zu ihr tat mir nicht gut.

Nach einer Stunde hatte ich mich wieder gefangen und legte ein dezentes Make-Up auf. Meine Haare hatte ich zu zwei Zöpfen geflochten, damit sie mir nicht im Gesicht hingen. Ich entschied mich für eine dunkle Bluse, die ich mir locker in die Jeans stopfte. An meinen Füßen trug ich schwarze Vans, die auch schon bessere Tage gesehen hatten, aber ein anderes Paar Schuhe hatte ich nicht.

Mit strammen Schritten und einem lauten »Tschüss« eilte ich aus dem Haus. Zwar hatte ich nicht damit gerechnet, dass mich meine Mutter noch einmal ansprach, aber insgeheim hätte ich mir ein »viel Glück« von ihr gewünscht.

Obwohl die Umstände schon länger so waren, hatte ich mich noch nicht daran gewöhnt.

Mit dem Bus fuhr ich vier Stationen bis zum Vereinsgebäude. Von da aus waren es fünf Minuten Fußweg, bis ich an dem kleinen Café ankam, das Samantha vorgeschlagen hatte.

Als ich eintrat, wurde ich vom Duft nach köstlichem Kaffee eingehüllt. Außerdem roch es nach frischen Waffeln und Kuchen. Mein Blick schweifte durch den kleinen Raum und blieb an einer schwarzhaarigen Frau hängen, die an ihrem MacBook Air arbeitete. Sie trug eine dunkelrote Bluse und einen schwarzen, knielangen Rock.

Mit rasendem Herzen und mit schwitzigen Händen lief ich auf sie zu, woraufhin sie mich registrierte. Ihre strahlend weißen Zähne leuchteten mir entgegen, als sich ihre Lippen zu einem freundlichen Lächeln verzogen. Sofort stand sie auf, um mir die Hand zu reichen.

»Es ist so schön, Sie kennenzulernen, Brianna«, begrüßte sie mich und schüttelte meine Hand. »Setzen Sie sich doch. Was möchten Sie trinken? Ich lade Sie ein! Ach, bevor wir weiterreden. Ist es okay, wenn ich du sage?«

Samantha redete wie ein Wasserfall, was sie sympathisch wirken ließ. Sie schien nicht wie eine knallharte Geschäftsfrau, sondern wie jemand, den man gerne um sich hatte, und der sein Gegenüber auf Augenhöhe behandelte.

»Ich freue mich auch Sie … ähm dich kennenzulernen! Ich nehme gerne einen schwarzen Kaffee«, antwortete ich und setzte mich ihr gegenüber.

Nachdem Samantha eine Bedienung zu uns gerufen und die Bestellung aufgegeben hatte, klappte sie ihren Laptop zu und schob ihn beiseite. An ihrem rechten Handgelenk klimperte ein Armband von Tiffany, als sie ihre Hände auf dem Tisch ablegte.

»Ich bin begeistert von deiner Bewerbung und wahnsinnig beeindruckt von dem, was du bisher erreicht hast. Deine Noten waren der Wahnsinn und die Bewertungen der Unternehmen, in denen du gearbeitet hast, haben mich letztendlich überzeugt. Natürlich habe ich das klassische Verfahren wie bei allen Bewerbern gemacht und ein wenig recherchiert …« Ihre Miene veränderte sich und wurde ernster. Auch mein zuversichtliches Grinsen geriet in diesem Augenblick ins Wanken, weil ich ahnte, worauf sie hinauswollte.

»Ich habe einige Artikel von früher gefunden, die von deiner jungen Leidenschaft zum Fußball berichtet haben und auch von dem Unfall. Das tut mir wirklich sehr leid und ich hoffe, dass du dich mittlerweile davon erholt hast.« Samanthas Augen leuchteten mitfühlend, aber ich konnte nicht anders, als auf meinen Schoß zu starren. Damit hätte ich rechnen müssen, wenn ich mich bei einem Fußballverein bewarb. Dass mich dieses Gespräch nun so aus der Bahn warf, hatte ich trotzdem nicht geahnt.

»Fußball war alles für mich«, erklärte ich ihr mit leiser Stimme. »Aber ich habe eine neue Passion gefunden und bin sehr gut in dem, was ich tue.« Samantha nickte aufmerksam.

»Das glaube ich, Brianna. Hast du dich deshalb hier beworben? Um beide Leidenschaften miteinander zu vereinen?«

Keine Ahnung, was diese Frage zu bedeuten hatte und was es sie anging, aber ja, damit hatte sie den Nagel auf den Kopf getroffen. Vorsichtig nickte ich und wusste nicht, ob das die richtige Antwort war. Vielleicht wollten sie keine Menschen auf diesem Posten, die sich auskannten, damit sich keine Fans einschleusten. Der Kellner unterbrach unser Gespräch und stellte uns die Getränke auf den Tisch. Wir bedankten uns, tranken einen Schluck und ich ergriff erneut das Wort.

»Vermutlich habe ich das vor, ja«, gestand ich.

»Das ist ein wirklich schöner Gedanke«, gab sie zu und vernichtete damit das dumpfe Gefühl in meiner Magengegend. »Eigentlich hatte ich meine Entscheidung längst gefällt, als ich mir deine Dokumente angesehen habe. Für die Bürokratie musste dieses Gespräch trotzdem stattfinden und außerdem mag ich es, die Leute kennenzulernen, die bei uns arbeiten. Ich denke, dass du wunderbar ins Team passt und gut mit den Jungs klarkommst.«

»Das hoffe ich doch«, murmelte ich und nippte an meinem Getränk.

Dieser Teil jagte mir eine Gänsehaut über den Rücken, weil ich genau davor die Augen verschlossen hatte. Als Social-Media-Managerin würde ich die Spieler immer und überall begleiten. Es wunderte mich, dass sie für diese Position eine Frau einstellten, aber ich war dennoch glücklich darüber. Die Angst, was passieren würde, wenn ich auf einen alten Bekannten traf, spukte allgegenwärtig in meinen Gedanken herum. Würde er mich erkennen? Was würde er sagen? Dachte er manchmal noch an mich?

Samantha war sichtbar begeistert und kramte einige Dokumente aus ihrer Tasche, die sie mir entgegen schob.

»Ich habe den Vertrag dabei. Dein Gehalt siehst du auf der dritten Seite«, erklärte sie und schlug die Seite auf. Mir blieb die Spucke weg, als ich den Betrag las. Was zum Henker?! »Außerdem zahlen wir dir einen Vorschuss von fünftausend Pfund.«

Mein rechtes Augenlid zuckte und ich war versucht mir auf die Unterlippe zu beißen. Fünftausend Pfund war eine Menge Geld. Davon würde ich mir definitiv eine Mietwohnung leisten können!

»Natürlich kannst du den Vertrag mit nach Hause nehmen und überprüfen«, redete Samantha weiter, jedoch unterbrach ich sie.

»Nein, nein! Ich unterschreibe!« Damit riss ich ihr beinahe den Stift aus den Fingern und blätterte auf die letzte Seite, um meine Kontodaten anzugeben und meine Unterschrift drunter zu setzen.

Samantha strahlte mich an. »Herzlich Willkommen im Team, Brianna!«

Kapitel 3

Brie

ein Monat später

Es fühlte sich merkwürdig an, so viel Geld auszugeben, nachdem man jahrelang keines hatte. Außerdem war es komisch, weil ich noch keine Minute gearbeitet hatte, aber der Vorschuss bereits auf meinem Konto eingegangen war. Noch in derselben Woche des Gesprächs mit Samantha hatte ich mit ihrer Hilfe eine Wohnung gefunden, die sich glücklicherweise in der Nähe des Trainingsplatzes, den ich in Zukunft öfter sehen würde als meine Wohnung, befand.

Heute war ich mit dem letzten Karton in meiner neuen Bleibe eingezogen. Ohne Miles‘ Hilfe hätte ich diesen Umzug nicht geschafft, weshalb ich erneut in seiner Schuld stand. Erst hatte er mir mehr oder weniger diesen Job verschafft und nun war er der Einzige, der mir bei meinem Umzug half.

Mit seinem Wagen hatte er meine Habseligkeiten hierher manövriert und lag nun stöhnend auf meiner neuen Couch. Völlig erschöpft starrte er an die Decke, während ich in meinen Kisten nach einem geeigneten Outfit suchte.

Heute fand das Event für die Saisoneröffnung statt, bei dem ich eingeladen worden war. Samantha war der Meinung, dass es der perfekte Anlass sein würde, um die Jungs kennenzulernen und warm mit ihnen zu werden.

»Ich habe eindeutig zu wenig Klamotten. Oder sie passen nicht zum Dresscode«, schimpfte ich und hielt ein Metallica-Shirt in den Händen. Miles lachte auf.

»Immerhin hast du Geschmack!«, erwiderte er.

»Wie findest du das hier?« Ich hielt einen schwarzen Einteiler mit einem tieferen Ausschnitt, der trotzdem nicht billig wirkte, vor meinem Körper. Miles setzte sich auf und hob eine Braue.

»Müsste ich angezogen sehen.« Dabei grinste er mich spitzbübisch an.

»Na gut, aber nur, wenn du währenddessen meinen Fernseher anschließt!«

»Deal«, sagte er und war schon dabei, den Smart-TV aus dem Karton zu befreien.

In meinem neuen Badezimmer öffnete ich den Spiegelschrank, um meine Kosmetikprodukte zu finden. Meine Haare wollte ich auf dem Event offen tragen, weshalb ich den Knoten löste und sie kämmte. In leichten Wellen fielen die blauen Haare über meine Schultern.

Sollte ich Make-Up auflegen? Einerseits war es ein besonderer Anlass, andererseits sollten meine Arbeitskollegen sich nicht daran gewöhnen, mich jeden Tag top gestylt zu sehen. Eigentlich war ich der natürliche Typ, entschied mich trotzdem für ein leichtes Make-Up. Perlenohrringe und meine Lieblingskette mit einem goldenen Fußball-Anhänger rundeten mein Outfit ab.

Als ich das Wohnzimmer betrat, lag Miles schon wieder und sah sich eine Folge Grey‘s Anatomy an. Erst bemerkte er mich nicht, weshalb ich ihn kurz beobachten konnte. In der letzten Woche hatten wir uns zwar selten gesehen, weil ich mit der Wohnungssuche beschäftigt gewesen war, trotzdem waren wir uns dank täglicher Telefonate nähergekommen. Er hatte sich, ohne zu zögern, als Umzugshelfer angeboten. Dafür war ich ihm dankbar. Nicht nur dafür. Auch für unsere aufblühende Freundschaft. Miles war der einzige Freund, den ich hatte.

»Tada!«, machte ich und drehte mich in meinem Outfit um die eigene Achse. Ruckartig setzte Miles sich auf und starrte mich an. Seine Augen wanderten über meinen Körper, blieben nirgends länger hängen, außer auf meinem Gesicht. Ein paar Mal musste er blinzeln, bis er sich gefangen hatte. Ich erlaubte mir, das als Kompliment zu werten. Schon lange wurde ich nicht mehr so angesehen wie von ihm.

»Wow, Brie! Du siehst wunderschön aus. Ich meine, das tust du immer, aber du bist … einfach wunderschön!«

Hitze stieg in meine Wangen und ich spürte, dass positive Gefühle durch meinen Körper rauschten. In meinem Bauch kribbelte es angenehm.

»Danke«, flüsterte ich. Was erwiderte man auf ein solches Kompliment?

Miles stand auf und kam einen Schritt auf mich zu. Was hatte er vor? Unsicher hielt ich die Hände vor meinem Körper, die er vorsichtig ergriff.

»Ich bin neidisch auf die ganzen Männer, die dich heute Abend bewundern dürfen.« Seine Stimme klang plötzlich rau und fremd.

»Es ist meine Arbeit«, redete ich das Event klein. Niemand würde mich dort bewundern oder ein Auge auf mich werfen. Ich war ein neues Team-Mitglied. Mehr auch nicht.

»Sie sind dumm, wenn sie dich nicht beachten.« Miles hielt meine Hände noch immer in seinen. Er kam einen weiteren Schritt näher und beugte sich leicht zu mir herunter. Was wurde das? Wir waren doch nur Freunde, oder? Trotzdem war ich so gebannt von seinen Lippen, die meinen immer näherkamen, dass ich auf Autopilot stellte. Meine Lider flatterten, als ich Miles‘ Atem in meinem Gesicht spürte.

Unsere Münder trafen aufeinander und in mir passierte … nichts. Kein Kribbeln, kein aus der Kontrolle geratenes Herzklopfen, einfach gar nichts. Es war ein schöner Kuss, aber ich fühlte nichts Romantisches.

Miles schien mein Zögern zu bemerken und zog sich zurück. Anders als ich, strahlte er übers ganze Gesicht. Nein, scheinbar hatte er es nicht bemerkt.

»Du bist der Wahnsinn«, sagte er und strich mir über die Wange. Perplex blinzelte ich, wusste nicht, was ich sagen sollte. Würde ich ihn jetzt vor den Kopf stoßen, wäre es das mit unserer Freundschaft gewesen, oder? Das wollte ich nicht riskieren. Vielleicht war es egoistisch. Vielleicht wollte ich aber auch einfach nur wie jemand sein, der endlich sein Leben in den Griff bekam und Freunde hatte.

»Ich muss gleich los«, erklärte ich und sah mich nach meiner Handtasche um. Irgendwo zwischen meinen Umzugskartons fand ich sie und hängte sie mir um die Schulter. Mir war bewusst, dass ich den Kuss versuchte zu überspielen. »Was hast du heute noch vor?«

»Ach, eigentlich nichts. Vielleicht zocke ich nachher mit meinen Kumpels.«

»Ich wünschte, du könntest mitkommen«, seufzte ich und öffnete die Wohnungstür. Miles tauchte direkt hinter mir auf.

»Du packst das schon!«, ermutigte er mich und schob mich durch die Tür.

Wenn er wüsste, welchen Menschen ich heute wiedersehen würde, hätte er das sicher nicht gesagt.

***

Als ich den Flur des Vereinsgebäudes betrat, war ich sprachlos. Ich hatte definitiv nicht damit gerechnet, lebensgroße Bilder der Fußballspieler zu sehen. Doch der Verein hatte sich ganze Mühe gegeben, um die Spieler der kommenden Saison vorzustellen. Vor einem Bild blieb ich stehen. Ein Stein fiel mir vom Herzen, da mir klar wurde, dass ich heute Abend doch jemanden kannte, mit dem ich sprechen konnte und vor allem wollte! Ich hatte ganz verdrängt, dass ich Spencer und Johnny bereits vor einigen Wochen kennengelernt hatte. Spencer studierte an meiner Uni Kunst und ich hatte ihn für eine Auftragsarbeit engagiert. Johnny war sein Freund und lebte seit einigen Wochen als geouteter Fußballer. Mit der Hilfe von Spencer und seinem Team hatte er diesen mutigen Schritt gewagt. Soweit man den Medien Glauben schenken konnte, war John Sinclair erfolgreicher denn je. Scheinbar konnte er sich vor Modelaufträgen und Werbekampagnen kaum retten. Natürlich freute ich mich für ihn, aber in solchen Situationen wurde mir wieder klar, dass in unserer Gesellschaft einiges schieflief.

Meine Beine trugen mich durch den Gang. Stimmen und leise Musik strömten mir bereits entgegen. Einige Menschen, vorrangig Männer in schicken Anzügen, kamen mir entgegen und versuchten mich einzuordnen. Sie begrüßten mich, aber niemand fragte, wohin ich gehörte.

Unbehagen machte sich in mir breit. Als Kind war ich schon einmal in diesem Gebäude gewesen. Damals waren wir mit der Schule hier, um eine Führung zu bekommen. Es fühlte sich an wie in einem anderen Leben.

Das Veranstaltungsteam hatte Wegweiser an den Türen und Wänden angebracht, damit auch ortsunkundige Besucher sich nicht verlaufen konnten. Je näher ich den Türen zur großen Halle kam, desto unruhiger wurde ich. Die Portraitfotos der Spieler hatte ich weitestgehend ausgeblendet. Bevor ich die Tür öffnete, kribbelte es in meinem Nacken und ich blieb schlagartig stehen. Mein Kopf drehte sich automatisch in die Richtung der Bilder und blieb auf seinem Gesicht hängen.

Er hatte sich kaum verändert. Seine Züge waren maskuliner und markanter geworden. Der Blick in seinen Augen war noch immer derselbe wie früher. In meinem Inneren kribbelte es und ich wünschte mir so sehr, dass es schleunigst wieder verschwand. Hiervor hatte ich Angst gehabt. Mein Herz hatte ihn nicht vergessen. Mein Verstand musste ihm klar machen, was ich für diesen Menschen fühlen musste. Nichts anderes als Wut.

Langsam machte ich einen Schritt auf das Bild zu. Jetzt konnte ich das kleine Muttermal über seinem linken Auge erkennen, die Wölbung auf seiner Nase, die ich ihm als Jugendliche gebrochen hatte. Natürlich aus Versehen!

Meine Hand wanderte nach oben. Kurz bevor ich sein Foto berühren konnte, hörte ich Schritte hinter mir. Mein Körper reagierte sofort und ich zuckte zusammen.

»Haben Sie sich verlaufen?«, ertönte die Stimme des Mannes, in den ich einst verliebt gewesen war.

Kapitel 4